War Shakespeare Shakespeare ?

Rhetorix
Shakespeares Geburtshaus ?






Das Gefecht um die wahre Identität von Shakespeare oder Shake-speare ist mit einem neu erschienenen Buch in die nächste Runde gegangen.

Leute, bevor ihr euch für euren Schreibtisch eine Shakespeare-Büste kauft (für literarisch ambitionierte Internet-Beiträge braucht man sowas ja) - prüft gründlich, für wen ihr euch entscheidet!

Shakespeare ?



oder nur der Geschäftsmann Shakspere? / oder nur Edward der Hallodri?


Das sind seit einiger Zeit die beiden Haupt-Matadore im Kampf um den echten William Shakespeare.

Bei Wikipedia las ich, die Frage, ob W.S. aus Stratford der echte Shakespeare sei, werde in Fachkreisen nicht für legitim gehalten.
Nanu - braucht man für Zweifel eine Lizenz?
Und was zeichnet den Fachmann in dieser Frage aus? Wo kann man Shakespeare-Identifizierung studieren? Ich male mir aus, dass es ein hochinteressantes Studium ist, eine Verbindung von Geschichte, Anglistik, Psychologie, Kriminalistik und was weiß ich sonst noch. Wo haben besagte Fachleute denn diesen Studiengang absolviert?

Als Shakespeare-Fan (des echten, wer er auch gewesen sei) habe ich mir das neue Buch zum Thema gleich gekauft, empfehle es aber nicht weiter, da ziemlich grobe Dummheiten drin stehen (unter anderem auch sehr hässliche Sottisen über Giordano Bruno, derentwegen das Buch in die Ecke flog).
Aber es war immerhin inspirierend genug, um mich ins Internet zu treiben und zu schauen, welche Argumente es denn in dieser Debatte so gibt, und um das eine oder andere alte Dokument aufzurufen.
Ursprünglich fand ich die Debatte über "War Shakespeare Shakespeare?" ja ziemlich an den Haaren herbei gezogen. Aber inzwischen finde ich, dass es gar nicht so einfach ist und die Argumente auf beiden Seiten ziemlich ausgewogen sind, vielleicht sogar eher gegen den Mann aus Stratford upon Avon sprechen.

Die beiden Konkurrenten könnten nicht unterschiedlicher sein.


Da haben wir auf der einen Seite den erfolgreichen Aufsteiger, einen Mann aus dem gutbürgerlichen Mittelstand einer Kleinstadt, der wahrscheinlich die Lateinschule besuchen konnte, mit 13 Jahren aber abbrechen musste, da sein Vater in Vermögensverfall geriet. Sicher hat er zunächst im Geschäftsbetrieb seines Vaters mitgearbeitet. Mit 18 Jahren 'musste' er heiraten, o Schreck. Als 3 kleine Kinder da waren, setzte er sich nach London ab, in die große Stadt. Nach einiger Zeit war er Anteilseigner eines Theaters, wohl auch Mitglied der Theatertruppe, also Schauspieler (wenngleich wohl nur in Nebenrollen). Er muss sehr geschäftstüchtig gewesen sein, denn er wurde innerhalb kaum mehr als einem Jahrzehnt wohlhabend und konnte den finanziellen Karren seiner Familie aus dem Dreck ziehen und auf komfortable Wege umleiten. Spätestens mit Ende 40 ging er wieder nach Stratford zurück, kaufte das zweitgrößte Haus von Stratford und lebte dort als Pensionär.
Als es ans Sterben ging, schon mit 52 Jahren, da hatte er eine Menge Vermögen zu verteilen, und er tat es akribisch genau, wenn auch gedanklich eher ungeordnet, mit Penny-genauen Vermächtnissen, bei denen man sich fragt, ob er nicht auch hätte aufrunden können.
Unter anderem verteilt er erhebliche Barschaft, mehrere Grundstücke, mehr als ein Haus, Ställe, Obstgärten, sein Geschirr (silberes und vergoldetes getrennt vom gewöhnlichen), vermacht dem einen sein Schwert, dem anderen 5 Pfund, dem dritten 13 Pfund 6 Shilling und 8 Pence, den Armen von Stratford 10 Pfund seiner Frau das Ehebett.
Nichts anderes haben wir von seiner Handschrift.
Er unterzeichnet mit dem Namen, auf den er getauft wurde: William Shakspere.
Die Namensformen Shakespeare oder Shake-speare, unter denen die Werke schon zu seinen Lebzeiten erschienen und erfolgreich waren, hat er nie benutzt.


Der Konkurrent, Edward de Vere, kam von fast ganz oben, konnte seine Vorfahren bis zur Schlacht von Hastings zurückverfolgen und war in seiner Familie der 17. (!) Graf von Oxford.
Nach dem Tod seines Vaters kam der junge Graf schon als Kind nach London, wurde vornehmst erzogen mit aller Bildung, die dazu gehört, machte die übliche Bildungsreise, zeichnete sich als Turnierkämpfer, Duellant, Poet, Komödienschreiber und Luftikus aus und brachte in dieser Eigenschaft sein umfangreiches ererbtes Vermögen schnell durch. Schließlich blieb ihm nichts anders übrig, als alles zu verkaufen. Königin Elisabeth, die ihn schätzte (ein 'Verhältnis' bestand zweifellos nicht) wollte ihn aber wohl nicht am Bettelstab sehen. Er bekam also ein saftiges Managergehalt. Was er dafür tun musste, ist schleierhaft. Vermutlich genügte es, dass er die Königin amüsierte.

Warum ausgerechnet dieser Mann als der 'eigentliche' Shakespeare in Betracht gezogen wird, ist nicht mit 2 Worten zu erklären.
Natürlich unterschrieb er nichts mit 'Shakespeare'.
Er unterschrieb mit 'Edward Oxenford', immer gleich, was einigermaßen dagegen spricht, dass Namen (seien es adlige Namen wie Oxford oder berühmte wie Shakespeare) beliebig so, so oder auch ganz anders geschrieben wurden.
Rhetorix
Den Namen kennen wir, wie gesagt, nur in einer Form, die im bürgerlichen Leben von dem Mann aus Stratford oder für ihn nicht verwendet wurde.

Die Form "Shake-speare", die man bei Veröffentlichungen findet, ist auch zweifellos keine bürgerliche Namensform.
Einen einheitlichen Namen mit einem Bindestrich aufzuteilen - sowas gab es überhaupt nicht.
Der Mann aus Stratford, geboren und gestorben unter dem Namen Shakspere, könnte diese etwas attraktivere, sprechendere Abänderung seines Namens - und natürlich auch die Form "Shakespeare" - seinen Veröffentlichungen vorbehalten haben und ansonsten ziemlich gleichgültig gegenüber der jeweiligen Schreibweise gewesen sein.


Parteigänger des Grafen von Oxford behaupten hingegen, Edward der Hallodri habe verschweigen müssen, dass er dahinter steckt; denn für den Adel habe sich das Verzapfen von Schauspielen und Gedichten nicht gehört.

So ist das nicht ganz richtig.
Künstlerische Betätigung , sei es als Schriftsteller oder Musiker, war für höhere und höchste Stände durchaus comme il faut (Malerei und Bildhauerei wohl eher nicht)!
Man 'erging' sich damit und zeigte seine Kultiviertheit. Man hatte ja auch viel gelernt, gelesen, gesehen und gehört, was man anwenden konnte.
Auf dem Gebiet der Musik fallen mir sofort Heinrich XIII., der Alte Fritz und der holländische Graf Willem van Wassenaer ein, die nicht nur musizierten, sondern auch komponierten.
Jeder wusste das, und jeder durfte es auch wissen. Es war gar kein Geheimnis und ebenso wenig eine Schande.
Aber kann man sich vorstellen, dass diese Herren ihre Kompositionen verlegen ließen, Henry Tudor, Friedrich von Hohenzollern oder Willem van Wassenaer draufdrucken ließen, damit man es im Laden kaufte, jedermann dachte, dass sie damit ihr Geld verdienten, und Hinz und Kunz sagen konnten, dass das aber eine rechte Scheiße und eines Königs/Grafen unwürdig sei?
Der vornehme Name durfte weder über die Ladentheke gehen, noch eindeutig identifizierbar der Kritik des gemeinen Volks ausgesetzt werden. (So kam es dann zum Beispiel, dass Kompositionen des völlig unbekannten holländischen Grafen dem Italiener Pergolesi zugeschrieben wurden.)

Wie hielten es die Schriftsteller?
Wer waren George Sand, Carmen Sylva, Anastasius Grün, Novalis, B. Oulet, A.L.T. Frank, Semilasso und Max Waldau?
Sie waren alle adelig, von der Königin bis hinab zum Freiherrn.

War "Shake-speare" und "Shakespeare" der Künstlername des Grafen, der zu einer erst versehentlichen und schließlich sogar beabsichtigten Verwirrung führte?
Rhetorix
Sonnet CXXI

'Tis better to be vile than vile esteem'd,
When not to be receives reproach of being,
And the just pleasure lost which is so deem'd
Not by our feeling but by others' seeing:

For why should others false adulterate eyes
Give salutation to my sportive blood?
Or on my frailties why are frailer spies,
Which in their wills count bad what I think good?

No, I am that I am, and they that level
At my abuses reckon up their own:
I may be straight, though they themselves be bevel;
By their rank thoughts my deeds must not be shown;

Unless this general evil they maintain,
All men are bad, and in their badness reign.


Und das bedeutet:
Hier stehe ich, kein Untertan, sondern Herr meiner selbst!
Ich verzichte auf eure Urteil, das getrübt ist von euren eigenen Schwächen und von eurem Dogma, der Mensch sei von Grund auf schlecht und verstehe sich daher nur Schlechtigkeiten!
Ich urteile selbst, was gut und was schlecht ist, setze meine Maßstäbe selbst, und nichts davon geht euch an!
Wie Gott selbst, so sage auch ich, der Mensch, über mich: Ich bin der ich bin.
Und so will ich sein und bleiben.

Wer eine kurzgefasste Beschreibung des Renaissancemenschen sucht, der findet sie in diesem Sonett von Shakespeare.


Die in den Worten "I am that I am" liegende Provokation war ungeheuerlich, denn genau so lauten sie in der englischen Bibel.
Sie war viel größer, als man es sich heute gleich bewusst ist, denn wirklich ist es ja wörtlich die Definition Jahwes, die er sich selbst gibt - und die der Dichter nun aber auf sich bezieht.
Wer hätte Shakespeare das je vor- oder nachgemacht?

Vielleicht denkt ihr, wie ich es tat, an den Schlachtruf der Homosexuellen-Bewegung und an den 'Käfig voller Narren', aus dem er stammt.
Ja, schon gut. Ich glaube sogar, dass diese Parole letztlich auf das Sonett 121 zurückgeht.
Dieselbe Dreistigkeit wie in diesem Sonett wird jedoch nicht gewagt. Jahwes Worte "I am that I am" werden nicht 1 : 1 übernommen, sondern das Zitat wird abgeschwächt in: "I am what I am".

Ebenso schrecken die Übersetzer der Sonette vor der getreuen Übersetzung der Worte in "Ich bin der ich bin" zurück und weichen auf "Ich bin wie ich bin" aus.
Dazwischen liegen Welten.

Wer war derjenige, der sich auf diese provokante, skandalöse Weise selbst formulierte?
Nylen
Danke für die interssanten Infos zu dieser Geschichte.

Ich finde die Frage aber nicht so wichtig wer die Person Shakespeare war, solange das was ich geniesse zu lesen auch aus der Feder desselben Mannes stammt. Oft ja bei so Geschichten das Problem wessen Hand was geschrieben hat.
Daedron
Mir scheint die Frage nicht epistemisch Wertlos. Unter dieser psychologischen Perspektive, wie eine Persönlichkeit/Kraft sich entwickelt, ist die der wahren Biographie durchaus ersten Ranges, sofern man von ihr ablernen will. Der Genuss des Werkes kann dagegen unter solchen Forschungen leiden oder sie können hier u.u. keinen Gewinn liefern.
Rhetorix
Danke für euer Interesse an diesem eher orchideenhaften Thema.

Zitat:
Original von Nylen
...Ich finde die Frage aber nicht so wichtig wer die Person Shakespeare war, solange das was ich geniesse zu lesen auch aus der Feder desselben Mannes stammt...

Ich habe in der kurzen Zeit, in der ich mich mit diesem Thema beschäftige, bereits die Erfahrung gemacht, dass sich manches deutlich anders liest, wenn man sich einen anderen Verfasser dabei vorstellt.
Der Text bekommt plötzlich weitere, vorher nicht bemerkte Möglichkeiten!
Rhetorix
Erinnert ihr euch an Polonius, den servilen, teils klugen, teils albernen, 'versehentlich' erstochenen Oberkämmerer aus dem 'Hamlet'?
Den gab's wirklich, wenn man der herrschenden Meinung der Shakespeare-Experten glauben darf. Königin Elizabeths oberster Staatsdiener William Cecil soll für diese Figur Pate gestanden haben.



Polonius-Cecil


Was der Theatermann William Shakspere mit Cecil zu tun hatte, ist unklar.
Aber für Edward Oxford war er umso wichtiger.

Zunächst einmal wurde Cecil sein Vormund und nahm den zwölfjährigen Eddie in seinen Haushalt auf, nachdem dessen Vater gestorben war (die Mutter tröstete sich bald mit einem neuen Mann), verwaltete sein Vermögen und ließ ihm eine Erziehung vom Feinsten angedeihen.
Eddie soll auch ein guter und fleißiger Schüler und Student gewesen sein. Aber als er 17 war, hatte Cecil-Polonius ernste Sorgen, denn Edward hatte einen Hilfskoch erstochen, der erweislich nicht einmal mit einem Schälmesser bewaffnet war. Die Untersuchung des Falls ergab dann aber, dass der Koch versehentlich in Eddies Schwert gelaufen war. Weil ich nun einmal ein Herz für Köche habe und insofern parteilich bin, mag ich das nicht recht glauben. Aber egal, der junge Graf kam ungeschoren davon.
Nachdem er erwachsen geworden war, machte er Cecils 15jähriger Tochter den Hof. Dass dabei eigentlich nichts Gutes herauskommen konnte, wusste Cecil genauso gut wie Polonius, denn der hohe Adel will sich nicht mit der Tochter eines Bürgerlichen verbinden. Er durfte es damals nicht einmal.
Doch die Queen hat ein Einsehen und macht ihren Oberkämmerer schnell, aber verdient zum Baron. Nun ist die junge Anna notdürftig standesgemäß, heiratet den 21jährigen Edward und wird Countess of Oxford. Für Polonius ein schöner Erfolg.
Edward Oxford leidet aber offenbar an derselben Krankheit wie William Shakspere. Kaum sind 3 Kinder da (2 sterben früh), ergreifen die jungen Familienväter die Flucht.
Edward zieht es in den Süden, und er macht eine ausführliche Bildungs- (und sicher auch Vergnügungs-)Reise bis hinunter nach Neapel.
Als er nach längerer Zeit wieder auf der Heimreise ist, wird sein Schiff von Piraten angegriffen, und er wird deren Gefangener. Aus irgendwelchen Gründen - angeblich aus Respekt vor seiner hohen Geburt, ein merkwürdig dünnes Motiv - verzichten sie aber darauf, ihm den Schädel einzuschlagen. Sie sind so gnädig, ihn nur zu berauben und auszuziehen und dann nackt an der Küste Dänemarks abzusetzen.
Als der nackte Graf (hoffentlich hat man ihm wenigstens die Unterwäsche gelassen!) sich schließlich nach England durchgeschlagen hatte, hätte er eigentlich viel zu erzählen gehabt; aber es verschlägt ihm erst einmal die Sprache, denn seine junge Frau empfängt ihn mit einem neuen Kind, und das ist so jung, dass es unmöglich von ihm stammen kann.
Er verstößt sie, und Cecil-Polonius hat noch ein paar Sorgen mehr.
Edward Oxfort tröstet sich derweil anderweitig, mit einem Hof-Fräulein.
Leider unterläuft ihm dabei ein Missgeschick, da er das Fräulein schwängert.
Selbstverständlich läuft es nicht, wie bei William S., auf eine Muss-Ehe hinaus, denn Edward ist ja schon verheiratet. Dafür darf er sich aber eine Weile lang den Tower von innen besehen. Und danach bekommt er für 2 Jahre Hausarrest und Verbannung vom Hof.
Nachdem die Partie nun sozusagen ausgeglichen ist, versöhnt sich das junge Ehepaar wieder und setzt auch noch 2 Töchter in die Welt.
Es könnte so schön sein, zumal Edwards Verbannung irgendwann auch wieder aufgehoben wird, er zu einem Turnier bei Hofe zugelassen wird und sogar an der Siegerehrung teilnehmen kann.
Aber leider...
Er hat es ganz wunderbar geschafft, sein ererbtes Vermögen durchzubringen.
Das Wasser steht ihm bis zur Halskrause. Es bleibt nichts anderes übrig, als die Ländereien zu verkaufen. Käufer gibt es zwar genug, aber sie schrecken vom Kauf zurück, weil alles bis über den Schornstein belastet ist und sie mit diesen Schulden nichts zu tun haben wollen.

In dieser Situation wendet sich Edward Oxford mit einem verzweifelten Brief vom 30.10.1584 an seinen Schwiegervater Cecil und barmt um Hilfe, um wenigstens verkaufen zu können, um seine Schulden los zu werden.
Er hat den höflichen Bittbrief schon unterschrieben, da bricht der Zorn über eine Demütigung aus ihm heraus, die sich Cecil noch am Morgen dieses Tags ihm gegenüber geleistet hat (Cecil hatte über Oxfords Diener verfügt, als seien es die eigenen und der Schwiegersohn habe nicht einmal mehr das Sagen über seine Dienerschaft).
Und er schreibt:

...but I pray, my lord, leaue yat course, for I mean not to be yowre ward nor yowre chyld, I serve her magestie, and I am that I am...
(aber bitte, Mylord, verlassen Sie diesen Pfad, denn ich glaube nicht Ihr Mündel oder Ihr Kind zu sein. Ich diene Ihrer Majestät, und ich bin der ich bin...)

Angesichts dieser Arroganz, dieses Frevels, hat Cecil-Polonius den Scheck, den er im Geiste vielleicht schon ausgefüllt hatte, zweifellos wieder zerrissen.

Es ist also nicht nur Sonett 121, in dem die gewagt gott-gleichen Worte auftauchen, sondern auch Oxfords Brief an den Lord-Kanzler vom 30.10.1584.

Noch einmal die Frage: Wer sonst hat das gewagt?


Das Verhältnis Cecils zu seinem skandalösen Schwiegersohn kann nicht das beste gewesen sein; und als Cecil-Polonius schließlich eine Liste von Verhaltensmaßregeln für seinen Sohn Robert schrieb, da las sich das streckenweise wie eine Beschreibung von Edward als warnendem Menetekel (besonders schön: Lass deine Söhne nicht nach Italien reisen, denn dort lernt man nichts Gescheites, sondern nur den Atheismus und ein bisschen nutzloses Italienisch!)
Zweifellos erfuhr Edward über seinen Schwager davon und war not amused. Oder doch?
Rhetorix
Hamlet


Were I a king I might command content;
Were I obscure unknown should be my cares,
And were I dead no thoughts should me torment,
Nor words, nor wrongs, nor love, nor hate, nor fears -
A doubtful choice for me of three things one to crave,
A kingdom or a cottage or a grave.



Nun sind wir einmal ganz konservativ!
Wir gehen also davon aus, dass der Hamlet selbstverständlich von Shakspere/Shaksper/Shakespeare geschrieben wurde, und versuchen uns vorzustellen, wie das Publikum bei der Uraufführung (spätestens 1602) reagierte.
Wir gehen also in diese Premiere.
(Wenn ihr mitkommen wollt, solltet ihr aber unbedingt den vorhergehenden Beitrag gelesen haben!)

Irgendwann entstand Getuschel.
"Dieser Polonius - soll das etwa William Cecil sein?!"
"Ich glaube ja. Unerhört! Der Ärmste kann sich ja nicht mehr wehren!"
"Friede seiner Seele. Aber ich find's amüsant."

Kurz darauf tuschelt es auch in einer anderen Ecke.
"Sag mal, der Cecil hatte doch eine Tochter, oder? Wie war das noch mit der?"
"Ja, aber die ist längst tot. Hatte weit über ihrem Stand geheiratet, und das ging auch nicht gut."
"War das nicht der Earl of Oxford?"
"Ja richtig, warum fragst du?"
"Leute, seid endlich ruhig und hört weiter zu!"
"Ich meine ja nur, dessen Mutter hatte nach dem Tod seines Vaters doch auch..."
"Das tun viele. Also sei jetzt endlich still!"

Das Gemurmel lässt erst allmählich wieder nach, und das Publikum wartet gespannt darauf, ob weitere Anspielungen kommen.
Und sie kommen tatsächlich!

Hamlet ist im 4. Akt wieder nach Dänemark zurückgekehrt. Bevor er sich am Hof einfindet, schickt er Briefe voraus, einen an seinen Freund Horatio, den anderen an den König, seinen Stiefvater.

Horatio liest (IV, 6):

"...Ere we were two days old at sea, a pirate of very warlike appointment gave us chase. Finding ourselves too slow of sail, we put on a compelled valour, and in the grapple I boarded them: on the instant they got clear of our ship; so I alone became their prisoner. They have dealt with me like thieves of mercy..."

(...Wir waren auf See kaum zwei Tage älter geworden, als uns ein sehr kriegerischen Piraten jagte. Weil wir merkten, dass wir nicht schnell genug segelten, nahmen wir notgedrungen Mut an, und im Handgemenge des Enterns gelangte ich auf ihr Schiff. In diesem Augenblick kamen sie von unserem Schiff los, und ich wurde ihr einziger Gefangener. Sie haben mich wie gnädige Diebe behandelt...)

Nun summt das Publikum wie ein Bienenschwarm, denn die Geschichte von Edwards Piratenangriff - und dass er mit dem Leben davon kam - ist bekannt (anderenfalls wüsste ja auch Shakespeare nichts davon!).

"Siehste, hab ich doch gleich gesagt, dass er den Earl of Oxford damit meint!"
"Wirklich? Aber Piraten gibt's doch viele..."
"Ja aber überleg doch mal: sie haben ihn laufen lassen! Das passiert nicht so leicht."
"Ich weiß nicht. Das kann doch auch anderen mal passieren."
"Ach, wenn du mich fragst: das alles ist kein Zufall."

Das Gesummse hält bis zur nächsten Szene an und verstummt erst, als der dänische König Hamlets Brief 'erbricht'.

Er liest (IV, 7):
...You shall know I am set naked on your kingdom...
(Wisst, dass ich nackt in eurem Königreich an Land gesetzt wurde.)

* PENG *


Für das, was jetzt folgt, gibt es 3 Möglichkeiten:
entweder drehen sich jetzt alle Köpfe zu Edward Oxford um,
oder er hat die Vorführung schon vor dieser Szene im Zorn verlassen,
oder er war gar nicht da.

Im zweiten und dritten Fall bekommt er noch am selben Abend den Besuch mehrerer Zuschauer.
Und die erzählen dann, dass die Theaterleute ihn auf die Bühne gestellt und ganz schön verarscht hätten - als einen Spinner, der William Cecil ersticht, dessen Tochter in den Wahnsinn treibt, überall Tod und Verderben verbreitet und nichts besseres kann, als Schauspieltruppen für Theateraufführungen bei Hofe zu engagieren. Zum Schluss sei er dann auch selbst zu Grabe getragen worden.

Im ersteren Fall braucht Edward Oxford diese Informationen gar nicht erst.

Betrafen die Anspielungen wirklich ihn?
Ja natürlich! So viel Zufall gibts gar nicht.
Bestand offenbar auch die Absicht, das Publikum erst einmal raten und spekulieren zu lassen, erst nur vage Parallelen anzubieten, dann einen dickeren Brocken hinwerfen, und zum Schluss, kaum dass man sich wieder beruhigt hat, der Knaller von wegen "nackt an der dänischen Küste abgesetzt". Den Satz zumindest hätte man ja auch weglassen können, oder?

Ach, das hätte ich ja fast vergessen: Oxford stand auf freundschaftlichem Fuß mit seinem Cousin Horace.
Ein weiterer Zufall, weil damals etwa jeder Dritte Horatio oder Horace hieß?


So eine Impertinenz lässt der englische Hochadel, sofern er noch lebt und sich wehren kann, nicht mit sich machen!
Schon am folgenden Tag hat Shakespeares Theatertruppe Berufsverbot. Shakespeare verbrennt seine Gänsekiele und kehrt nach Stratford zurück.


Übrigens: sollet ihr das Eingangsgedicht fahrlässigerweise für einen Text aus dem Hamlet gehalten haben, so wärt ihr natürlich hereingefallen, denn das ist eins der wenigen noch aufzufindenden Gedichte, die man E.O. einwandfrei zuordnen kann.
Rhetorix
Irgendwann in der 1590er Jahren schreibt Shakespeare (welcher auch immer) eine Flut von 126 Sonetten an die Adresse eines hübschen jungen Mannes (Fair Youth), ferner 26 teilweise sehr 'eindeutige' Sonette an eine dunkelhaarige Frau (Dark Lady).

Die Sonette an den jungen Mann beginnen mit einer Serie von 17 'Zeugungs-Gedichten', in denen er den Jungen beschwört, nur ja möglichst sofort zu heiraten und auf der Stelle Kinder zu zeugen.
Ab Sonett 18 ist das Thema vom Tisch, die Beziehung zwischen Dichter und Bedichtetem hat sich verändert, zwischen beiden entsteht ein enges Band (dein Herz schlägt in meiner Brust und meins in deiner), und der Ältere stellt zu seiner Überraschung fest, dass er ganz versessen ist auf diese junge Schönheit, obwohl es sich hierbei irritierenderweise gar nicht um eine Frau handelt.
Das Thema quält die moralisch konservativen Shakespeare-Fans ganz beträchtlich und gibt Anlass zu den wunderlichsten Verrenkungen. Das wäre lange, amüsante Ausführungen wert, doch will ich an dieser Stelle darauf verzichten. Es würde nämlich vom Thema wegführen.

Bleiben wir bei den 'Zeugungs-Sonetten'.
Da haben wir zunächst einmal den Dichter, der sich als einen Mann beschreibt, der schon auf dem absteigenden Ast ist, also fortgeschrittenen Alters.
Der Adressat der Gedichte ist hingegen sehr jung, fast noch eine Knospe, und von keinerlei Spuren des Alters gezeichnet.

Dieser Junge wird nun also bestürmt und bedrängt, nun endlich Kinder in die Welt zu setzen. Er wird geradezu unter Torschlusspanik versetzt, als drohte mit spätestens 21 die Impotenz. Das alles, obwohl (oder weil) der Junge sich völlig desinteressiert daran zeigt, zu heiraten und eine Familie zu gründen. Da er zweifellos noch sehr jung ist - viel jünger als der zunächst väterlich belehrende Dichter - kann man sein Desinteresse an solchen Aktionen auch gut verstehen.
Was ist nur in den Dichter gefahren, den Jungen so zu bestürmen?

Zwischen den Zeilen ist deutlich herauszulesen, dass er selbst auf ein solches Kind den größten Wert legt. Er selbst will dieses Spiegelbild des schönen jungen Mannes haben, und er bettelt und drängt auf eine Zweitausfertigung dieser schönen Gestalt.
"Make thee another self for love of me / That beauty still may live in thine or thee."
Mach mir zuliebe ein Kind!
Ich will dieses Kind von dir haben!

Über die Identität des jungen Mannes und des dunkelhaarigen Luders besteht keine Gewissheit.
Bei der Frau tappt man noch völlig im Dunkeln, und der eine Vorschlag ist so gut oder schlecht wie der andere.
Die Diskussion um die Identität des jungen Mannes hat sich hingegen ganz klar auf 2 Kandidaten verdichtet: auf Henry Wriothesley, den jungen Grafen von Southampton, und auf William Herbert, den jungen Grafen von Pembroke.

Nun fragt man sich natürlich, wie es dem Theater-Anteilseigner und Schauspieler W.S. aus Stratford gelungen ist, zu einem der beiden so enge persönliche Beziehung einzugehen. Die Kluft zwischen Hochadel und Schauspielern war bekanntlich abgrundtief. Aus den Sonetten ist sie aber nicht herauszulesen. Zwar verwendet der Dichter dort Worte wie "Lord of my love" oder "...being your slave", aber das steht offensichtlich im Liebes-Kontext von Sonetten, den man seit Petrarca gewohnt ist, und hat mit sozialen Abstufungen nichts zu tun.
Vor allem aber: wie käme ein Angehöriger des zweideutigen (eher 'unehrlichen') Theatervolks dazu, einem Grafen zu sagen, ob er heiraten und Kinder zeugen soll oder nicht? Das ist doch wohl eine dynastische Frage, bei der man nur sagen konnte: "Hör mal zu, lieber Freund, das geht dich einen Scheißdreck an!"
Und dann der Gipfel der Lächerlichkeit: "Tu es mir zuliebe"!


Zwar richtig:
Shakespeares erste offizielle Veröffentlichungen (danach kam lange nichts mehr), nämlich die seiner beiden epischen Gedichte in 1593 und 1794, waren mit teils sehr gefühlvollen Widmungen an Henry Wriothesley versehen (my love to you is without end).
Richtig ist auch, dass die erste offizielle Gesamtausgabe von Shakespeares Werken (Folio), die posthum 1623 erschien, unter anderem William Herbert gewidmet war.
Aber was zum Teufel hatte W.S. mit den beiden Grafen zu tun? Das ist weit und breit nicht ersichtlich.
Rhetorix
Geht man aber statt dessen davon aus, dass unser Freund Edward Oxenford der Verfasser der Sonette war, so ist die Sache plötzlich gar nicht mehr rätselhaft.
Und das Drängen "Zeuge Kinder, mir zuliebe - gib mir ein Kind, das so schön ist wie du!" bekommt eine überraschende, plausible Bedeutung.

Es ging ihm dann nämlich auch um die eigene Nachkommenschaft, womöglich um die Geburt eines männlichen Stammhalters, den er bis 1594 nicht hatte!
Die Bitte lautete daher im Klartext: "Heirate meine Tochter und verschaffe damit auch mir Nachkommen, die so schön sind wie du!"

Und nachdem daraus nichts wurde, wäre dann eine sehr emotionale, deutlich erotisch geprägte Freundschaft zwischen E.O. und seinem abgesprungenen Schwiegersohn entstanden.

Nun sagt ihr vielleicht, dass das eine ziemlich verrückte Spekulation ist, zumal man ja gar nicht weiß, um welchen der beiden jungen Grafen es ging.

Überraschenderweise kommt es darauf aber gar nicht an.


Cecil-Polonius hatte nämlich zwei seiner Enkelinnen verlobt.
Sowas geschah damals beim Adel von Amts wegen, ohne dass man groß danach fragte, ob Braut und Bräutigam sich liebten.
Gefragt wurden selbstverständlich die Väter von Braut und Bräutigam. Von den Kindern wurde Gehorsam erwartet.
Die ältere Enkelin Elizabeth verlobte er mit Fair Youth-Kandidat Nr. 1, dem Grafen von Southampton.
Die jüngere, Bridget, verlobte er mit Fair Youth-Kanditaten Nr. 2, dem Grafen von Pembroke.
Beide Kandidaten sträubten sich und lehnten die Eingehung der Ehe schließlich ab.

Ihr habt es euch sicher schon gedacht: bei den Bräuten handelt es sich um 2 der 3 Töchter unseres Freundes Edward,und beide Kandidaten für den Posten des schönen jungen Freundes waren also seine zögerlichen (und schließlich weigerlichen) Schwiegersöhne in spe.
Die dritte Tochter heiratete schließlich den jüngeren Bruder und Nachfolger des Grafen von Pembroke.


Shakespeares epische Gedichte waren dem damaligen Zwangs-Bräutigam von Edwards ältester Tochter gewidmet, dem Grafen von Southampton (das steht fest).
Einer der Widmungsträger der offiziellen Folio-Ausgabe von 1623 war der ehemalige Bräutigam der 2. Tochter Bridget und nunmehrige Schwager der 3. Tochter Susan (auch das steht fest).
Und der zweite der beiden Widmungsträger der Folio-Ausgabe war der Mann, den Bridget schließlich geheiratet hat (gleichfalls feststehend).


Nach Edwards Beziehungen zu den Widmungsträgern zu Lebzeiten und posthum braucht man also nicht lange zu warten. Wer ihn für den wahren Verfasser der Werke hält, kann sich erst einmal bequem zurücklehnen und die 'Stratforder' Gegner auffordern, eine ähnlich enge Beziehung von W.S. aus Stratford zu dieser Clique zu belegen.

Und der Sinn der Zeugungs-Sonette erweist sich mit diesem Verfasser als völlig nachvollziehbar und nicht einmal erotisch-zweideutig (was man von den darauf folgenden Sonetten allerdings nicht behaupten kann).
Rhetorix
Lest dieses Sonett an einen jungen Grafen zweimal und denkt euch dabei jeweils einen anderen Dichter.
Stellt euch als Dichter einmal einen Schriftsteller und Schauspieler vor, der aus eher bescheidenen Verhältnissen kommt und angefangen hat, sich einen Namen zu machen.
Stellt euch beim zweiten Mal als Dichter einen Mann aus altem Hochadel vor, also einen Standesgenossen des Angesprochenen.

Ist es dann beide Male genau dasselbe Gedicht?


Some glory in their birth, some in their skill,
Some in their wealth, some in their bodies' force,
Some in their garments, though new-fangled ill,
Some in their hawks and hounds, some in their horse;
And every humour hath his adjunct pleasure,
Wherein it finds a joy above the rest:
But these particulars are not my measure;
All these I better in one general best:
Thy love is better than high birth to me,
Richer than wealth, prouder than garments' cost,
Of more delight than hawks or horses be;
And having thee, of all men's pride I boast:
Wretched in this alone, that thou mayst take
All this away and me most wretched make.



[Lesehilfe:
Einige frohlocken über ihre (hohe) Geburt, einige über ihre Talente,
einige über ihren Wohlstand, einige über ihre Körperkräfte,
einige über ihre Kleidung, nach neuester Mode und trotzdem schlecht,
einige über ihre Falken und Jagdhunde, einige über ihr Pferd;
und jeder Geschmack findet sein passendes Vergnügen,
an dem er sich mehr als an all dem anderen freut.
Doch diese Einzelheiten sind nicht mein Maßstab;
all das fasse ich lieber zu einer Gesamtheit zusammen:
Deine Liebe ist besser für mich als hohe Geburt,
reicher als Reichtum, stolzer als teure Kleidung,
entzückender als Falken und Jagdhunde es sind;
und dich zu haben brüste ich mich wie aller Menschen Stolz -
und bin unglücklich nur darüber, dass du mir
all das nehmen und mich tief unglücklich machen könntest.]
Rhetorix
Jetzt erst einmal ein bisschen verschnaufen und einfach nur Bilder gucken, Porträts von William und Edward (wenigstens diese Namen sind unbedenklich brauchbar).

Mit Bildern von Bill und Eddie hat man's schwer.

Das hier ist natürlich ein Möchtegern-Porträt, sozusagen eine Devotionalie, typisch Ende 19. Jahrhundert. *schauder*

Das hier gilt hingegen als einigermaßen seriös:

Es handelt sich um den Kupferstich, der die erste Gesamtausgabe von Shakespeares Werken von 1623 schmückte.
Der Nachteil ist nur: das Porträt ist posthum entstanden, geraume Zeit nach Bills Tod.
Ben Johnson, der ihn kannte, soll das Porträt ähnlich gefunden haben. Na, dann wird es immerhin stimmen, dass er ziemlich kahlköpfig war, ein Bärtchen und 2 kleine Warzen auf der Stirn hatte. Für seinen dümmlichen Gesichtsausdruck kann er nichts, da er, wie gesagt, keine Gelegenheit mehr hatte, sein Licht vor dem Porträtisten leuchten zu lassen.

Ferner wird dieses Porträt, das sogenannte Chandos-Porträt, von einigen als echt zu Bills Lebzeiten entstandenes Porträt gehandelt. Andere wiederum meinen, es sei erst recht ein Fantasie-Porträt nach Bills Tod.
Meines Erachtens haben die Skeptiker Recht.
Ich weiß zwar nicht, wie Bill aussah. Andererseits weiß ich aber recht gut, wie sich die Leute in der Renaissance- und Barockzeit dem Porträtisten präsentierten und gesehen werden wollten. Das ging nie derartig 'netto' ab, nur mit einem Ohrring im Ohrläppchen! Entweder schmückte man sich bewusst (wie es beim Kupferstich mit der sehr guten Kleidung ja auch Bill zuliebe geschehen ist), oder man präsentierte sich betont unkonventionell, was in diesem Fall eine viel größere Lockerheit von Kleidung, Gestus und Mimik erfordert hätte, dann aber mit irgendeinem beziehungsreichen Symbol geschmückt. Eine solche Art von Passbild abzuliefern, entspricht keineswegs dem Zeitgeist um 1600!
Also können wir uns auch auf dieses Porträt nicht verlassen. Und das hat den Vorteil, wiederum nicht davon ausgehen zu müssen, dass Bill dämlich wie ein Schaf aus der Wäsche guckte.


Wenige Jahre nach Bills Tod wurde in der Trinity-Church, wo er begraben liegt, eine Shakespeare-Gedenkbüste an der Wand angebracht.
Vielleicht liefert sie weitere Aufschlüsse?
So sieht die Grabbüste aus. Sie ähnelt ein bisschen dem Kupferstich, nur mit ein paar Kilo mehr.
Aber Vorsicht! Die Gedenkbüste wurde nämlich mit der Zeit verändert!
Die älteste Version ist nicht mehr rekonstruierbar, aber es gibt eine Abbildung aus der Zeit um 1650, wiederum einen Kupferstich; und darauf wird das Denkmal so abgebildet:

Merkwürdig - ganz ohne poetischen Bezug.


Ach ja, und dann sind in den letzten Jahren auch noch 2 neue, ganz echte Shakespeare-Porträts aufgetaucht...

Auf eins bin auch ich hereingefallen, nämlich auf das hier. Ich hätte es doh gleich besser wissen sollen!
Der Mann, geschätzt Ende 30, ist nämlich sehr kostspielig gekleidet (gesmokte, mit Gold verzierte Jacke, äußerst aufwändiger Spitzenkragen). Sowas wäre für Bill bei allem unterstellten Erfolg unmöglich gewesen, zumal in diesem Alter. Es wäre für ihn auch anmaßend gewesen, sich so zu präsentieren. Der Porträtierte ist also ein englischer Edelmann, und identifiziert ist er inzwischen auch schon.


Und dann gabs noch kurzfristig eine Schaumschlägerei um eine Shakespeare-Büste, die eine Anglistik-Professorin mit größtem technischen Aufwand als ein nach der Natur (also vom modellsitzenden Menschen) gefertigtes Porträt 'identifiziert' hatte. Nämlich das hier.
Wie kann man nur so dusselig sein!
Diese Büste entspricht mit dem seitlich geneigten Kopf des Opfers und den locker drapierten Tüchern nie und nimmer dem Stil um 1600, sondern ist bestenfalls barock (vergleicht diese schöne Büste von Ludwig XIV), wenn nicht eher sogar erst dem Stil des 19.Jahrhunderts, siehe hier.
Inzwischen ist dieses aufsehenerregende professorale Forschungsergebnis daher wieder so tief in der Versenkung verschunden, dass man beim Guugeln Schwierigkeiten hat, es überhaupt zu finden.

Bill bleibt daher ziemlich obskur.
Man darf allerdings die Frage stellen, warum er, obwohl auch zu seiner Zeit schon berühmt und wohlhabend genug für eine Porträt, kein Bildnis seiner selbst hinterließ.
Rhetorix
Und nun zu Eddie.

Falls ihr selbst mal geguugelt habt, dann habt ihr sicher irritiert festgestellt, dass 2 völlig unterschiedliche Porträts im Umlauf sind.
Auf beide ist draufgepinselt, dass es sich tatsächlich um Eddie, also den 17. Grafen von Oxford, handelt.



Das ist zweifellos nicht derselbe Mann!

Wer ist der echte Eddie?

Das Problem ist leicht zu lösen, wenn man sich ein bisschen auf die antike Mode versteht. Gelobt sei die Mode, vor allem die permanent wechselnde Kragenmode! Ich mache mir bei alten Schinken gern einen Spaß daraus, Gemälde aufgrund der Kleidung zu datieren und liege selten mehr als 15 Jahre daneben (ehrlich!). Man muss dabei allerdings immer berücksichtigen, dass die Leute die Mode ihrer Jugendzeit in aller Regel beizubehalten pflegten, als würden sie sich damit selbst datieren.
Welches Porträt hier das ältere ist, erkennt man sofort. Man erkennt es übrigens nicht nur am klein-gerüschten, aufrecht stehenden Spitzenkragen des Oberen, sondern auch an der Jacke, die fast an eine Ritter-Rüstung erinnert.
Beim Unteren geht der Kragen schon andeutungsweise in Richtung des Mühlsteinkragens, den man von den Rembrandt-Bildern kennt.
Der Untere ist also der Jüngere. Er ist - falls sehr modebewusst veranlagt - auf die passende Zeit zu datieren, während der andere sehr viel konservativer und älter wirkt.
Aber auch der Ältere ist eindeutig ein Graf von Oxford. Insofern lügt die Inschrift nicht. Seine linke Hand hält nämlich ein am Bändel baumelndes kleines Schwein. Das ist der Eber, das Wappentier der Grafen von Oxford.

Wer auf das ältere Bild nachträglich schrieb, dass es sich um den 17. Grafen von Oxford handele, hat sich vertan. Das ist der 16., Eddies Vater.
Der 18. Graf Oxford, Eddies Stammhalter, sah übrigens so aus, wiederum nicht zu verwechseln.

Eddies echtes Porträt haben wir damit in Sicherheit gebracht.

Als er sich malen ließ, war er 25 Jahre alt.
Er wirkt modebewusst, standesbewusst (ganz in Gold!), fesch mit seiner Kappe, die das Haar leider ganz bedeckt, und mustert den Betrachter ganz so, als hätte er schon eine ironische Bemerkung über ihn auf der Zunge.

Ein anderes, klar zuzuordnendes Porträt gibt es von ihm nicht.

Daneben schwirren allerdings noch 2 andere Porträts, Medaillons, als Eddies Porträts durchs Internt, nämlich dieses und dieses, beide auf 1588 datiert, was schon nicht stimmen kann. Außerdem trägt das keckere von beiden Porträts den Vermerk, dass der Dargestellte 30 Jahre alt sei (so sieht er auch aus), aber Eddie war in 1588 schon 38.
Diese beiden Bilder machen mich sehr misstrauisch,obwohl sie so oft verlinkt werden. Lassen wir also lieber die Finger davon, es sei denn, ihr hättet bessere Erkenntnisse.
Rhetorix


Sonnet XVIII

Soll ich dich einem Sommertag vergleichen?
Er ist wie du so lieblich nicht und lind.
Nach kurzer Dauer muß sein Glanz verbleichen,
und selbst in Maienknospen tobt der Wind.

Oft blickt zu heiß des Himmels Auge nieder,
oft ist verdunkelt seine goldne Bahn,
denn alle Schönheit blüht und schwindet wieder,
ist wechselnden Geschicken untertan.

Dein ew'ger Sommer doch soll nie verrinnen,
nie fliehn die Schönheit, die dir eigen ist,
nie kann der Tod Macht über dich gewinnen,
wenn du in meinem Lied unsterblich bist.

Solang als Menschen atmen, Augen sehn,
wird dies und du, der darin lebt, bestehn.
Rhetorix
Das ist das wohl berühmteste Liebesgedicht in englischer Sprache (ihr findet den O-Text, wenn ihr "Sonnet XVIII" anklickt).
Wer im Englischunterricht bis zu Shakespeare vordringt, bleibt davon garantiert nicht verschont. So auch ich zu meiner Schulzeit. Aber denkt ihr, man hätte uns auf die Nase gebunden, dass das Gedicht an einen jungen Mann adressiert war? Natürlich weit gefehlt!

Der 21-jährige junge Mann, den ihr auf dem Medaillon seht, wird wohl von der überwiegenden Zahl der Experten für den männlichen Adressaten der Sonette gehalten.
Enttäuscht? Tja, das Auge des Liebenden sieht oft größere Schönheiten als die kalten Fischaugen der Um- oder Nachwelt.

Es handelt sich bei ihm um den jungen Grafen von Southampton.
Kanzler William Cecil hatte ihn, wie bereits gesagt, mit 15 oder 16 Jahren zwangsverlobt (mit Elizabeth de Vere). Als er volljährig wurde, ließ er die Verlobung platzen, und wie ich las (ob es stimmt, weiß ich nicht) musste er als Strafe für seinen Ungehorsam oder als Schmerzensgeld für die zurückgewiesene Braut 5.000 € zahlen - eine damals ungeheuer hohe Summe.

Mit 17 Jahren hatte er eine Einführung bei Hofe und muss wohl wie eine Bombe eingeschlagen haben, denn gleich mehrere Dichter beeilten sich, ihm zu huldigen und etwas zu widmen.
Auch Shakespeare (wen immer man darunter verstehen mag) reihte sich in diesen Jubel-Chor ein. Als der Junge 20 Jahre alt war, ließ er ein betont erotisches, vielleicht sogar aggressiv-sexuelles episches Gedicht mit dem Titel "Venus and Adonis" veröffentlichen. Gewidmet ist es dem jungen Grafen, zweifellos mit dessen Einverständnis. Wer das Gedicht mit seiner aufgeladenen Erotik und Beinahe-Notzüchtigung des jungen Adonis liest, braucht nicht viel Fantasie, um bei diesem Adonis an den jungen Lord Henry of Southampton zu denken.
Veröffentlicht wurde es unter dem Namen "Shakespeare", der dadurch eine große Bekanntheit erlangte; denn das Gedicht wurde in den nächsten Jahren in 7 Auflagen vertrieben und sehr gelobt.
Hm...

Im folgenden Jahr erschien, wiederum mit der Namensangabe "William Shakespeare", das epische Gedicht "The Rape of Lucrece" (die Vergewaltigung der Lukrezia), das gleichfalls großen Erfolg hatte, wiederum versehen mit einer Widmung an den Grafen, diesmal sogar sehr gefühlvoll:

"The love I dedicate to your lordship is without end... What I have done is yours; what I have to do is yours; being part in all I have, devoted yours..."

Wow! Das geht über die übliche Widmungs-Schmeichelei ziemlich deutlich hinaus.

Es war nicht denkbar, ein Werk ohne vorherige Rücksprache mit dem Widmungsempfänger zu veröffentlichen und zu widmen.
War der Verfasser ein armer Schlucker und der Geehrte wohlhabend, so musste Letzterer in der Regel auch die Druckkosten übernehmen oder sich zumindest daran beteiligen.
Graf Southampton muss also damit einverstanden gewesen sein, von Shakespeare mit seinen ersten beiden Veröffentlichungen in 1513 und 1514 auf diese Weise geehrt und umschmeichelt zu werden.

Man geht davon aus, dass die Sonette an ihn im selben Zeitraum entstanden, sogar früher beginnend.


Dann wollen wir uns doch als nächstes mal Shakespeares Lebens-Situation zur betreffenden Zeit etwas näher ansehen.
Rhetorix
Sonnet XXI

Mich soll mein Spiegel nicht für alt erklären,
solang die Jugend sich von dir nicht wendet;
doch seh ich einst an dir die Jahre zehren,
preis ich den Tod, der meine Tage endet,

denn alle Schönheit, die sich zeigt an dir,
deckt scheinbar nur mein Herz als Hülle zu,
das lebt in deiner Brust, wie meins in dir -
wie kann ich dann wohl älter sein als du?

Oh, deshalb sei, mein Lieber, so bedacht
auf dich, wie ich's auf mich bin deinetwegen.
Ich will dein Herz in mir mit solcher Acht
wie eine Amme ihren Säugling hegen.

Verlange nicht dein Herz, wenn meines bricht.
Du hast es mir geschenkt, ich lass es nicht.



P.S. So eine Art von Liebe kann wohl nur Männern einfallen: "Wenn du alt und hässlich wirst - wozu ich selbst auf dem besten Wege bin -, dann bring ich mich um!"
Ist das Liebe zum Gegenüber, oder Liebe zur eigenen vergangenen Jugend?
Womit ich, vorsorglich beteuert, nicht die Liebe aller Männer madig machen will!
Rhetorix
Morgens früh beim Rasieren sieht Shakespeare in den Spiegel und seufzt: "O boy, das geht nicht mehr lange gut..."

Wie alt war er denn, als er diese Zeilen an den schönen jungen Freund schrieb?

Wenn es sich bei diesem Freund um Henry, den Grafen von Southampton, handelte (den Jungen vom Medaillon), dann müsste er spätestens 1593/94 mit der Serie von Sonetten an ihn begonnen haben. Das folgt dann nämlich an den beiden Veröffentlichungen aus dieser Zeit, die dem jungen Grafen gewidmet sind.
Henry war zu dieser Zeit 21.
William war 29.

Man sieht sogleich: das klappt nie! Der Altersunterschied von 9 Jahren ist permanent zu klein, als dass das Altersgefälle, das sich aus den Sonetten ablesen lässt, ja plausibel wäre.

Da besteht natürlich ein Erklärungsnotstand.

Eine Möglichkeit ist das Ausweichen darauf, dass die Sonette nicht autobiografisch seien. Es handele sich um reine Fiktion. Dieser Standpunkt wird tatsächlich auch vertreten. Ich halte davon gar nichts, will das jetzt aber nicht begründen, um nicht vom Thema abzukommen. Beurteilt die Sonette, und seht selbst.


Eine andere Möglichkeit ist, dass man sich mit dem jungen Grafen von Southampton den Falschen ausgesucht hat und der schöne Freund ein Jüngerer ist.
Gute Überlegung!
Da man zweifellos unter den jungen Lords suchen muss und nicht unter irgendwelchen jungen Schauspielern, die mal die Julia gespielt haben (die Sonette sind insofern eindeutig), ist in letzter Zeit William Herbert, der junge Graf von Pembroke, stark im Gespräch.

Mit einem Jugendbildnis von ihm kann ich leider nicht aufwarten. Das Internet weiß offenbar nichts davon - eigentlich ein Indiz dagegen, dass er ein von mehreren Dichtern umschwärmter schöner junger Mann war.

Er wurde 1580 geboren und im Alter von 15 Jahren mit einer Tochter von Edward Oxford zwangsverlobt, wie schon erwähnt.
Da die Zeugungs-Sonette nach gängiger Meinung die frühesten sind, muss man sich also fragen, wann Shakespeare begonnen haben könnte, diesen armen Jungen zur Familiengründung zu bedrängen. Sagen wir einmal kühn: als der Junge erst 18 Jahre alt war.
Das wäre 1598 gewesen.
Da war Shakespeare 34 Jahre alt.
Ist/war das für einen Mann alt genug, um die Zeichen des Alters zu fürchten?

Zum Vergleich:

Edward of Oxford und Henry of Southampton waren 1593 im Alter von 43 und 21.
Edward of Oxford und William of Pembroke waren 1598 im Alter von 48 und 18.

- - -


Bevor ich aber schreibe, aus welchem anderen Grund die Sonette für den 34 Jahre alten William aus Stratford nicht recht plausibel sind, möchte ich noch einmal auf das Sonett 22 zurückkommen (im letzten Beitrag leider mit XXI statt XXII beziffert!).

My glass shall not persuade me I am old...

Die Eingangszeile enthält eine interessante Information.
Meine Assoziation, dass Shakespeare morgens beim Rasieren Bedenken kriegt, wie lange das noch gut geht, ist ja durchaus falsch!

Um 1600 hatte man ja gar kein Waschbecken mit Spiegel darüber, und so gut wie niemand wagte es, sich selbst zu rasieren (Vorsicht Blutbad!).
Das Rasieren, Kämmen, notfalls auch Haarewaschen und Schneiden erledigte der Barbier, ein ausgestorbener Beruf. Man(n) ging alle paar Tage in dessen Bude, oder man ließ ihn ins Haus kommen.

Gewöhnliche Leute hatten um 1600 keinen Spiegel.
Spiegel - Flachglas mit Amalgam-Beschichtung! - waren damals eine sehr aufwändige Sache, in der Venedig führend war.
Frauen hatten vielleicht mal einen Scherben gerettet, den sie hin und wieder benutzten um festzustellen, wie sie aussahen. Otto Normalverbraucher aber benutzte keinen Spiegel.

Seltsame Vorstellung.
Wir sind von Spiegeln umgeben. Fast jeder sieht sich morgens beim Zähneputzen selbst. Und wenn man keinen mannshohen Spiegel in der Wohnung hat, sieht man spätestens im Kaufhaus oder Aufzug, wie die Klamotten passen.
Die meisten Leute der damaligen Zeit aber hatten kein Bild von sich. Sie sahen sich nie selbst.

Der Dichter der Sonette hingegen sieht sich selbst im Spiegel.
Der Blick in den eigenen Spiegel ist nicht nur ein Symbol der Eitelkeit und Selbstkontrolle, sondern auch ein Zeichen für eine besondere soziale Stellung.
Er ist ein Mann, der - anders als die überwältigende Mehrheit - auf sein Erscheinungsbild achten muss.
Er 'erscheint' und 'tritt auf', und dieser Auftritt muss zuvor im Spiegel kontrolliert werden, nicht einem kleinen Handspiegel, sondern möglichst einem Wandspiegel, in dem die ganze Person sichtbar wird.

Der Mann, der in dem Spiegel blickte und seine Erscheinung kontrollierte - kritisch, eitel, mit Sorge vor dem Alter - war ein Mann von Stand, oder ein Schauspieler. Oder beides.
ete
When most I wink, then do mine eyes best see,
For all the day they view things unrespected;
But when I sleep, in dreams they look on thee,
And darkly bright are bright in dark directed.
Then thou, whose shadow shadows doth make bright,
How would thy shadow's form form happy show
To the clear day with thy much clearer light,
When to unseeing eyes thy shade shines so!
How would, I say, mine eyes be blessed made
By looking on thee in the living day,
When in dead night thy fair imperfect shade
Through heavy sleep on sightless eyes doth stay!
All days are nights to see till I see thee,
And nights bright days when dreams do show thee me.



Halt ich die Augen offen, seh ich kaum,
und vieles bleibt am Tage ungesichtet,
doch wenn ich schlafe, sehn sie dich im Traum,
und sind im Dunkeln hell auf dich gerichtet.
Dein Schatten macht die andern Schatten heller:
Wie wäre seine Form erst formvollendet
am hellen Tage, wo dein Licht noch greller,
wenn er geschlossne Augen schon so blendet?
Welch Segen würde ihnen da gebracht,
wenn sie dich selbst erst sehn im Tageslicht?
Da schon dein bloßer Schatten in der Nacht
durch tiefen Schlaf ins blinde Auge sticht?
Der Tag ist Nacht, seh ich dich nicht vor mir,
doch taghell wird die Nacht, träum ich von dir.
Rhetorix
Ete, wenn das dein Lieblings-Sonett ist, dann sind wir uns einig! Freude
Rhetorix
Lest das wunderbare, gefühlvolle 43. Sonett mit seinem kaum übersetzbaren Wortspiel.

Danach gibt es eine ziemlich harte Landung im 37. Sonett:

In Sonett 37 malt der Dichter ein abschreckendes Bild seiner selbst.
Das Sonett ist aus nachvollziehbaren Gründen ziemlich unbeliebt. Daran - und an dem Versuch, es abzuschwächen - lag es wohl auch, dass ich keine wirklich gute Übersetzung fand und euch das Original nebst meiner unpoetischen Übersetzung zumuten muss.
Es wird euch nicht gefallen - aber es muss sein.


Sonnet XXXVII

As a decrepit father takes delight
To see his active child do deeds of youth,
So I, made lame by fortune's dearest spite,
Take all my comfort of thy worth and truth.

For whether beauty, birth, or wealth, or wit,
Or any of these all, or all, or more,
Entitled in thy parts do crowned sit,
I make my love engrafted to this store:

So then I am not lame, poor, nor despised,
Whilst that this shadow doth such substance give
That I in thy abundance am sufficed
And by a part of all thy glory live.

Look, what is best, that best I wish in thee:
This wish I have; then ten times happy me!



[ Wie ein hinfälliger Vater Vergnügen daran findet, seinem aktiven Kind beim Spielen zuzusehen,
so bekomme ich, durch Fortunas schlimmsten Schlag gelähmt,Liebesgaben von deinem Wert und deiner Aufrichtigkeit.

Wo immer Schönheit, Adel, Wohlstand, Geist, jedes für sich, alle zusammen, oder noch mehr,
mit vollem Recht auf ihrem Thron sitzen, dort pfropfe ich meine Liebe in diese Fülle ein.

Dann bin ich nicht mehr lahm, arm, noch verachtet, denn dieser Schutz gibt mir so viel Substanz,
dass mir dein Überfluss genügt und ich vom einem Teil deines Glanzes lebe.

Sieh, was das Beste ist, das Beste wünsche ich dir. Diesen Wunsch habe ich - dann bin ich umso glücklicher!]



Decrepit, lame, poor, despised - das sind harte Brocken.
Man muss wohl in Rechnung stellen, dass er mit extra-schwarzen Farben gemalt hat, um auf die Tränendrüse zu drücken.

Ganz so bitterarm ist er offenbar nicht.
Das sagt und ja schon sein Spiegel, in den er eitel-kritisch übrigens auch im Sonett 62 blickt und stark gealtert findet ("But when my glass shows me my self indeed/ Beated and chopp'd with tann'd antiquity...").
Dass er nicht zu Fuß unterwegs ist, sondern seinem Pferd die Sporen gibt (oder auch nicht gibt), erzählt er in gleich mehreren Sonetten.
In Sonett 28 schreibt er sogar von seinen Juwelen, und dass sie im Vergleich zu seinem Liebsten nur ein rechter Talmi sind ("But thou, to whom my jewels trifles are/ Most worthy comfort, now my greatest grief -").
Es handelt sich offenbar um Armut auf hohem Niveau.

Mit dem Alter wird es sich wohl ähnlich verhalten, auch wenn er mit "vom Alter zerschlagen und zerhauen" in Sonett 62 noch eins draufsetzt.

Das Wort "lahm" wird von den Übersetzern gern überspielt.
Nun, im Rollstuhl saß er sicher genauso wenig wie er in Fetzen gekleidet war und trocken Brot mümmelte.
Man kann es sicher auch bildlich verstehen, im Sinne von "wie gelähmt".
Die Verwendung einer Metapher ist, vor allem bei Shakespeare, aber nie die Gewähr dafür, dass nicht auch das wörtliche Verständnis richtig ist.
Und insofern muss auffallen, dass die Lähmung auch an anderer Stelle auftaucht: "Speak of my lameness, and I straight will halt" (Sprich von meiner Lähmung, und auf der Stelle werde ich humpeln", Sonett 89) sowie "And Strength by limping Sway disablèd" (Und Kraft von hinkendem Schwanken geschwächt", Sonett 66).
Also Vorsicht - da kann was dran sein!

Wie kommt William, der zunehmend erfolgreiche, berühmte und wohlhabende Theatermann, dieser aufgehende Stern, vielleicht erst um die 30 Jahre alt, allenfalls schon um die 40, dazu, ein solches Bild von sich zu entwerfen? Und welcher furchtbare Schicksalsschlag ("fortune's dearest spite") könnte ihn getroffen haben?
Man weiß es nicht.


Für sein Verhältnis zu dem jungen Grafen verwendet er in diesem Sonett 2 Bilder, von denen das zweite, ausführlichere, leider immer wieder übergangen wird (die Übersetzungen sind wirklich ein Problem, nicht nur weil die Übersetzer sich die Inhalte nach eigenem Geschmack zurechtlegen, sondern auch weil sie unter dem furchtbaren Druck des Metrums und Reimschemas stehen und manche Wörter einfach nicht brauchen können).

Das erste Bild betrifft den altersschwachen Vater, der dem Kind beim Spielen zusieht.
Es macht den Dichter in den Augen des jungen Freundes, dem er an sich zweifellos gefallen will, nicht eben attraktiver. Und aus dem Mund eines Schauspielers und Stückeschreibers liegt gegenüber dem Grafen auch gar nicht wenig Impertinenz darin, sich eine solche Rolle anzumaßen.

Das zweite Bild kommt aus dem Gartenbau: der Dichter pfropft seine Liebe (d.h. sich selbst) auf das junge Gewächs auf, will mit ihm verwachsen und von ihm mit den überreichlichen Substanzen versorgt werden. Und je besser es dem Wurzelstock geht, umso besser gedeiht auch das Pfropf-Reis.
Armer Junge! Was für eine Zumutung!

Natürlich denkt man spontan daran, dass hier um den Schutz des adligen Mäzens gebettelt wird.
Aber das stimmt nicht. Es wird weder dem Wunsch nach Teilhabe an Jugend und Schönheit gerecht, noch dem Bild des Pfropfens.
Bei näherer Betrachtung dieser Metapher erweist sie sich als außerordentlich gewagt. Denn es stimmt zwar, dass man den Zweig einer schwächeren Pflanze auf eine starke, gesunde und widerstandsfähige Wirtspflanze pfropft, so wie es hier auch gemeint ist. Das nennt man 'Veredelung'. Aber warum? Weil auf die robuste, unempfindliche, gewöhnliche Trägerpflanze ein Edel-Reis gesetzt wird.
Die edlere, aber schwächere Pflanze ist in diesem Bild also der Dichter, der sich dem jungen Grafen als dem robustem, aber weniger edlen Wurzelstock aufpfropft.

Der 3. Graf von Southampton oder der 6. Graf von Pembroke dürften bei der Lektüre solcher Impertinenzen eines Schauspielers knallrot angelaufen sein.


Hätte allerdings der 17.Graf von Oxford das Gedicht verfasst, so wäre das Verhältnis gewahrt, und man hätte nur im Stillen finden können, dass er das eigentlich nicht so deutlich hätte sagen sollen.