War Shakespeare Shakespeare ?

carsten aus bochum
Zitat:
„Wie kommt William, der zunehmend erfolgreiche, berühmte und wohlhabende Theatermann, dieser aufgehende Stern, vielleicht erst um die 30 Jahre alt, allenfalls schon um die 40, dazu, ein solches Bild von sich zu entwerfen? Und welcher furchtbare Schicksalsschlag ("fortune's dearest spite") könnte ihn getroffen haben?
Man weiß es nicht.“


Nun weiß ich nichts über Shakespeare und seine Geschichte, aber wäre ein (leichter) Schlaganfall, etwas Profanes wie eingeklemmte Wirbel oder das damals vermutlich verbreitete Phänomen der hysterischen Lähmung denkbar?
Oder eine innere "Lähmung". Konnte er seine Homosexualität eigentlich ausleben?
Rhetorix
@ Carsten:

Natürlich ist ein Schlaganfall denkbar, auch bei einem relativ jungen Mann, gleichfalls eine 'hysterische' Lähmung. Irgendeinen Anhaltspunkt außerhalb der Sonette gibt es dafür allerdings nicht.

Homosexuell war er zweifellos nicht, woran vor allem die Sonette an die 'Dark Lady' keinen Zweifel lassen. Eher scheint er selbst davon überrumpelt worden zu sein, dass er sich zu 'Mister-Mistress of my passion', also dem jungen Freund, so sehr hingezogen fühlte. Aber auch das war zweifellos ein großes Problem - auch wenn da nichts gelaufen wäre (wofür ich keinesfalls die Hand ins Feuer legen würde) und nur ein zweideutiger Eindruck entstanden wäre.
Für homosexuelle Handlungen bekam man die Nase aufgeschlitzt, falls die Rübe nicht ganz ab kam, wurde eingesperrt und war weg vom Fenster.
Rhetorix
Der Graf wurde mit einem goldenen Löffel im Mund geboren; und mit der drückenden Pflicht, seinen Ahnen gerecht zu werden.
Das war kein im verflossenen Jahrhundert emporgekommender Landadel, erst recht keine Sippschaft bürgerlicher Emporkömmlinge à la Cecil oder Polonius, sondern eine lange Reihe von Peers des englischen Königreichs bis zurück in die Zeit, als anglo-sächsischen Königen - oder eher Häuptlingen - das Heft aus der Hand genommen wurde. Bis zurück zu Alberic de Ver, der unter den normannisch-fränkischen Eroberern der Schlacht von Hastings verzeichnet ist, hat Edward es schriftlich. Alles Frühere wird dazu geschlussfolgert, fabuliert und halbwegs geglaubt: die fränkische Ahnenreihe, für die immerhin der Name Alberich spricht, sowie die Abstammung von Karl dem Großen und den alten Römer, für die nichts spricht.
(Aber haben die Römer nicht überall, wo sie hinkamen, ihre Kinder gestreut, und stammen wir daher nicht alle irgendwie von ihnen ab?)

Nicht lange nach Alberich I. wird ein de Vere der Earl of Oxford (oder Oxenford). Und seither ist diese Grafenwürde erblich, wenngleich sie auch mal von der einen Linie der Familie zur anderen übergeht.
Gleichfalls erblich ist das Staatsamt des Lord Great Chamberlain, eins der 6 höchsten im Königreich. Der Lord Great Chamberlain hat die vornehmste Aufgabe, dem englischen König bei der Krönungszeremonie das Silberbecken zu Händewaschen und anschließend die Krönungsinsignien zu reichen. Dass der Souverain sie aus der Hand des Peers in Empfang nimmt, bedeutet, dass er seine Macht der Zustimmung der Peers verdankt und sich daran erinnern soll.
Als die junge Elizabeth am 15. Januar 1559 in der Westminster Abbey gekrönt wurde, nahm sie die Insignien daher aus der Hand von Edwards Vater John de Vere entgegen, den wir schon vom falsch zugeordneten Porträt kennen.
Was das Amt einbringt? Die Ehre natürlich! Selbstverständlich bekommt der Lord Great Chamberlain kein Beamtengehalt! Ein Peer lebt von seinen Latifundien, wirtschaftlich unabhängig vom Souverän, denn wie wäre er als Abhängiger ein Peer?

Das ist die Ahnenreihe, die wie die Stammburg, dieser normannische Turm, hinter Edward de Vere steht, erfurchtgebietend und furchteinflößend.
Rhetorix
Zeitgenossen bescheinigen dem jungen Edward Oxford eine sehr ansehnliche Erscheinung, wenngleich "nos'd like [Ovidius] Naso", was aufgrund der poetschen Anspielung eher ein Kompliment als eine Einschränkung ist.
Sie lagen damit wohl nicht allzu falsch.

Edward ist ein ein unterhaltsamer Erzähler. Er parliert mühelos Französisch und ist daher als Begleiter des französischen Bewerbers um die Hand der königlichen Jungfrau die erste Wahl. Auch auf Italienisch kann er sich verständigen. Dass er Latein lesen und auch auf Latein korrespondieren kann, folgte damals notwendig schon daraus, dass er Jurist war. Er hat den M.A. von Oxford (einen weiteren von Cambrigde?). Er schart Intellektuelle und Literaten um sich, wird zu den führenden Poeten und englischen Stückeschreibern seiner Zeit gerechnet und tritt in seinen Stücken auch selbst als Schauspieler auf, wenngleich natürlich nicht in der Bretterbude vor zahlendem Volk, sondern nur vor Standesgenossen. Ja tatsächlich, das war möglich! Auch seine jüngste Tochter Susan stand auf der Bühne; es gibt einen Kupferstich davon. Er hält sich 2 Schauspieltruppen und betätigt sich als Mäzen. 37 philosophische, theologische, naturwissenschaftliche, vor allem aber literarische Werke werden ihm gewidmet.

Dass er Tennis spielt, weiß man von der Überlieferung einer Auseinandersetzung mit einem der führenden damaligen Intellektuellen, dem berühmten Sir Philipp Sidney. Es ging dabei aber nicht um irgendwas Hochgestochenes, sondern es fand nur ein Kampf um den Tennisplatz statt. Ja richtig, um den Platz, und nicht auf dem Platz. Die beiden jungen Männer stritten sich bis hin zu Beleidigungen darum, wer dort spielen durfte. Sidney forderte Oxford schließlich zum Duell, der Eclat war nur mit Mühe zu verhindern, und die Queen war indigniert.

Nicht viel später sieht man die beiden geistreichen Edelmänner aber Seite an Seite im Turnier.
Im Tennisturnier?
Nein, keineswegs! Gemeint ist das klassische, mittelalterliche Ritter-Turnier, bei dem Männer in Blechdosen mit der Lanze aufeinander zu galoppieren und Damen über teppichverhangene Fensterbrüstungen gelehnt zuschauen.

Das ist ein harter Brocken... Philipp Sidney, dem Giordano Bruno seine Eroici furori widmete, der mit ihm sympatisiert und ihm bei der Verlegung geholfen haben muss, bei einem mittelalterlichen Spektakel?!
Es war aber so.

Da inzwischen aber die Zeit Don Quixotes angebrochen ist, nimmt man die Sache quasi augenzwinkernd. Man führt sozusagen ein altes Schauspiel auf, und dazu braucht man eine Camouflage, zu der gehört, dass Sidney das Turnier selbstverständlich nicht als Sidney und Oxford es nicht als Oxford bestreitet. Sie geben sich Ritter-Namen, unter denen sie kämpfen - Sidney kurz, knapp und dennoch poetisch als The Blue Knight (blue night), Oxford als The Knight of the Tree of the Sun.
The Knight of the Tree of the Sun ?
Moment mal - an irgendwas erinnert mich dieser galoppierende Rhythmus doch!
Ach ja, richtig - das ist ja eine perfekte Limerick-Zeile!

The Knight of the Tree of the Sun,
in the tournament he had much fun,
and also liked he
joy and poetry,
but never the noise of the gun.

Edward O. bringt ein vergoldetes Lorbeerbäumchen zum Turnier mit, das er vor sein ocker-gelbes Zelt stellt. Am Ende des Turniers fallen die Leute natürlich wie Heuschrecken darüber her und plündern die Blätter.

Jeunesse dorée.

Seine Vorfahren, die Alberiche über den Wolken, recken die Daumen in die Höhe, als sie sehen, dass der Nachfahre alle 12 schweren Gänge des Turniers durchgestanden hat.
Sind sie mit ihm zufrieden?
Nicht so recht, denn politisch spielt er so gut wie keine Rolle, und was die echten Schlachten betrifft - nun ja, er war zwar im Krieg, aber wenn es die großen Lorbeeren zu ernten gab, war er immer am falschen Ort oder zur falschen Zeit, wenngleich man ihn auch nicht einen Drückeberger nennen könnte.
Rhetorix
Edward Oxford hätte nicht den Romeo spielen sollen, als verheirateter Mann.
Die Geschichte mit dem geschwängerten Hof-Fräulein erzählte ich ja schon. Vielleicht war es ja Liebe, wer weiß das schon.
Sie wandern erst einmal beide in den Tower.
Sie bringt dann einen Jungen zur Welt, den sie Edward nennt. Der Bastard überlebt aber nicht. Wie das Leben so spielt.
Als Edward dann seinen Hausarrest und seine Verbannung vom Hofe hinter sich hat, sich wieder in London tummelt und meint, dass schon Gras über die Geschichte gewachsen ist, da schlägt das Unheil zu.

Eine Ehrensache.
Es geht nicht sehr viel anders zu als bei Romeo und Julia, wenn man mal davon absieht, dass die Straßenschlacht nicht in Verona, sondern in London stattfindet.

Ein Onkel des geschändeten Hoffräuleins will Rache.
Natürlich überfällt er, gleichfalls von Adel, den Grafen nicht hinterrücks in einer dunklen Gasse. Er muss ihn wohl zum Showdown aufgefordert haben, denn beide Seiten treten einander in etwa gleicher Stärke entgegen, jeweils der Herr mit 12 bis 15 Mann Begleitung.
Und dann geht das Hauen und Stechen los, mitten in London.
Volk läuft zusammen, es gibt einen Menschenauflauf, und Edward samt einem Diener werden zerhauen und zerschlagen.
Der Diener bleibt auf dem Feld der Dienerehre liegen, aber Edward überlebt, schwer verwundet.
Das hat Folgen.
Seinem Schwiegervater Cecil klagt er in einem Brief über seine lameness . Es wird vermutet, dass sie die Folge dieses Racheakts ist.
Die Queen ist sehr konsterniert.

Und wenn das doch nur alles wäre.
Seine Finanzen sind ins völlige Durcheinander geraten, und er ist hoch verschuldet.
Dass er seine Ländereien nicht einmal ohne Cecils Hilfe loszuwerden wusste, schrieb ich schon.

Die Königin gibt ihm eine Chance. Sie fordert ihn auf, sie bei ihrer nächsten Reise über Land zu begleiten. Eine hohe Ehre!
In jedem Jahr unternimmt die Königin eine solche Fahrt über Land, mit großem Gefolge und Tross. Auch ihre Badewanne nimmt sie mit auf Reise, denn so etwas gibt es sonst nirgendwo, und auf ihr Bad will sie nicht verzichten, obwohl man diese Unsitte für gesundheitsschädlich hält.
Auch Edward darf diesmal mitkommen.
Er kann sich den damit verbundenen Aufwand aber nicht leisten.
Also bettelt er den Lord Kanzler, seinen Schwiegervater, wieder einmal an.
"Mein guter Lord,so sehr ich aus verschiedenen Gründen schon in Ihrer Schuld stehe (und ebenso meinem Schwager Robert Cecil, der mir geholfen hat, mein Anliegen vorzutragen...),möchte ich Ihre Lordschaft doch gegenwärtig nochmals um Hilfe bitten... Da ich mich aller Mittel entblößt sehe, Ihrer Majestät zu folgen, wie sie es offenbar erwartet, bitte ich Ihre Lordschaft dringend, mir 200 Pfund zu leihen... Ich bitte Ihre Lordschaft: steht mir bei in einem Augenblick, der mich in Nöte bringt, während ich im Begriff bin, wieder ins Gleichgewicht zu kommen..."

Cecil gibt das Geld.
Seinem Sekretär schreibt er: "Kein Feind kann mich um diese Heirat meiner Tochter beneiden, durch die weder Ehre noch Land noch Geld auf die Kinder kommen (es sind ihrer drei, eins wird folgen) - wobei es allein mir obliegt, für sie aufzukommen. Wäre ihr Vater nur so gut, dafür dankbar zu sein, würde ich die Last ohne Murren auf mich nehmen. Doch damit will ich das unerfreuliche Thema beenden..."

200 Pfund?
William Shaksper, zu Wohlstand gekommen, erwirbt das zweitbeste Haus in Stratford für rund 80 Pfund (es können auch 84 gewesen sein, genauer weiß ich es nicht mehr).


Kurz nach dieser Reise hat die Königin ein Einsehen mit dem Grafen von Oxford und bewilligt ihm eine jährliche Zahlung von 2.000 Pfund, denn sonst hat er nichts mehr, wovon er leben könnte.
2.000 Pfund? Wieviele gute Häuser sind das?
Und es ist nicht so, als würde er jetzt dieses Geld verdienen. Gar nicht verdient er. Vielmehr steht er mit 11.000 Pfund bei der Königin in der Kreide. Er lebt also auf Pump. Aber wovon soll er den leben, geschweige denn, etwas zurückzahlen?

Dann stirbt Oxfords Frau und hinterlässt ihm 3 Töchter.
Man könnte auch sagen: sie überlässt sie der Sorge ihres Vater William Cecil.

3 Jahre später geht Edward Oxford, 41 Jahre alt, eine neue Ehe ein.
Die Frau ist sehr weit unter seinem Stand, was Stirnrunzeln verursacht.
Vielleicht macht ihm das nichts aus, weil er sie liebt? Das kann keiner wissen. Aber umso sicherer kann man wissen, dass Edwards Standesgenossen eine Augenbraue hochziehen und sagen: "Sie hat viel Geld. O dear, er hat sich verkauft."
Nach 3 Jahren kommt auch ein Stammhalter, der Henry genannt wird, Edwards letztes Kind.

Seine Frau kauft von ihrem Geld einen kleinen Palast außerhalb Londons. Sie kauft ihn auf ihren Namen und den ihres Vaters. Die gräfliche Familie zieht dorthin. Edward braucht nicht in der Nähe des Hofs zu bleiben, da er dort ohnehin so gut wie keine Rolle mehr spielt.

Oxford versucht allerlei, vielfach durch Bitten und Flehen, um sich eine Geldquelle zu erschließen. Alles vergeblich. Zwar bekommt er mit der Zeit einen kleineren Besitz, der einem Baron eingezogen worden war, aber der wird mit einem Veräußerungsverbot versehen, um dem Sohn erhalten zu bleiben.
Dann gibt es ein Zinn-Monopol zu vergeben, eine finanziell sehr aussichtsreiche Sache, mit der er sich aus seiner elenden Schuldenklemme befreien will. Man macht ihm Hoffnung - nur soll er zunächst einmal das erforderliche Geld beibringen. Vielleicht hat niemand erwartet, dass er das schafft, aber er hat, vermutlich mit Engelszungen redend, dann doch Finanziers gefunden und das Geld aufgetrieben. Und als er damit kommt, wird er kalt abserviert: inzwischen habe man ein besseres Angebot bekommen. Er äußert sich darüber tief verletzt und beleidigt, vielleicht nicht einmal so sehr über das bessere Angebot als darüber, dass auch dieser Misserfolg wiederum bei den bösen Zungen die Runde macht.

In 1588 stirb Edwards Schwiegervater, der langjährige treue erste Diener der Königin.
14.000 Pfund vermacht er Edwards Töchtern, die nun endlich alle sehr gut versorgt sind und auch alle einen Mann bekommen.
Der Schwiegersohn dürfte auch diese Güte und Hilfe wiederum als Ohrfeige empfunden haben, denn das Vermächtnis an seine Töchter entspricht ungefähr dem Betrag, den er der Krone nun schuldet, und sagt nichts anders als: "Nun versuche doch einmal, die Mitgift deiner Töchter abzuzahlen!"

Edward hat nichts mehr. All seine Ländereien sind weg. Doch seine 3 Töchter sind wohlhabend und verheiratet.
Man denkt an den alten König Lear. Doch der hatte seine Länder den Töchtern geschenkt.

Eine sehr große, bedrückende Sorge muss für ihn gewesen sein: was wird aus mir, wenn die alte Königin stirbt?
Er hat doch keinerlei Anspruch darauf, dass ihm weiterhin der Lebensunterhalt gezahlt wird und man sich wegen der horrenden Schulden in Geduld fasst!
Und er könnte auch, als Erster seit etlichen hundert Jahren, den Titel des Lord Great Chamberlain verlieren.
Das ist eine große Sorge nicht zuletzt auch deshalb, weil die Nachfolge der jungfräulichen Königin ungewiss ist und man daher gar nicht weiß, wem man vorsorglich in den Hintern kriechen muss.

Als die Königin 1603 stirbt, hat Oxford, nun 53 Jahre alt, zum Glück aber aufs richtige Pferd gesetzt und darf zu den Unterzeichnern der Proklamation des neuen Königs James Stuart gehören.
Als der Thronanwärter gen London zieht, um die Herrschaft zu übernehmen, gerät Oxford in große Sorge, rechtzeitig zur Stelle und bei denen zu sein, die den König bei Hof empfangen. Vorsorglich schon zum Hof anzureisen, kommt nicht in Betracht, da er sich zu alt und schwach fühlt, um dort auszuharren und zu warten. Vielleicht fehlt ihm dazu auch das Geld.
Er bestürmt seinen Schwager Robert Cecil, den Sohn und Nachfolger William Cecils, ihn nur ja vom richtigen Zeitpunkt mitzuteilen, und schreibt:
"Inmitten dieses allgemeinen Schiffbruchs übersteigt der meine jedes Maß, da sie [die Königin] mich, den so oft vertrösteten und am wenigsten begünstigten unter all ihren Peers, in einer Lage zurückgelassen hat, in der ich, den Launen des Schicksals ausgesetzt, mein Glück selbst versuchen muss - versehen weder mit einem Segel, um eine vorteilhafte Brise zu nutzen, noch mit einem Anker, der mit Halt gäbe, bis der Sturm sich gelegt hat..."

Doch James belässt dem Grafen von Oxford seine Apanage und den Ehrentitel.
Als der neue König gekrönt wird, tritt Edward in die Fußstapfen seiner Ahnen und reicht King James I. das silbere Becken und die Krönungsinsignien.
Im Jahr darauf stirbt er.
Rhetorix

Sonnet LXVI

Tir'd with all these, for restful death I cry,
As to behold Desert a beggar born
And needy Nothing trimm'd in jollity,
And purest Faith unhappily forsworn,

And gilded Honour shamefully misplac'd,
And maiden Virtue rudely strumpeted,
And right Perfection wrongfully disgrac'd,
And Strength by limping Sway disabled,

And Art made tongue-tied by Authority,
And Folly, Doctor-like, controlling Skill,
And simple Truth miscall'd Simplicity,
And captive Good attending captain ill.

Tir'd with all these, from these would I be gone,
Save that, to die, I leave my love alone.



Müde all dessen rufe ich nach Todesruhe: hinsichtlich des Verdienstes ein geborener Bettler
und bedürftiges Nichts, lustig aufgeputzt, und reinstem Glauben unselig abgeschworen,

und goldene Ehre schändlich vergeudet, und Jungfern-Ehre roh geschändet,
und wahre Vollkommenheit fälschlich verkannt, und Kraft durch hinkendes Schwanken geschwächt,

und Kunst von der Macht zum Schweigen gebracht, und Narretei als Lehr- und Zuchtmeister des Scharfsinns,
und schlichte Wahrheit als Einfalt verschrien, und Hauptmann Übel bedient von Gut, dem Gefangenen -

all dessen müde, würde ich diese Welt verlassen, ließe ich nicht, sterbend, den Liebsten allein.
Rhetorix
"Kein Geld, kein Land und keine Ehre" - das waren sehr harte Worte von William Cecil.

Nur eins ist Edward noch verblieben, etwas das William Cecil bei allem, was er erreicht hat, für sich selbst nie erreichen, immerhin aber seinen Kindeskindern verschaffen kann.
Doch auch das droht verschleudert zu werden.

Ich stelle mir die folgenden Worte des schwer geprüften Schwiegervater an seinen Schwiegersohn und ehemaligen Ziehsohn vor:

"Hör zu, Edward! Du hast deinen Karren an die Wand gefahren, bist restlos blamiert und arm wie eine Kirchenmaus. Würde ich nicht dich und deine Familie versorgen - mit Mitteln der Krone sowie mit den eigenen -, so hättest du nichts zu beißen und zu brechen und wärest am Bettelstab, was du aber im Grunde sowieso schon bist.
Was hast du jetzt noch außer deinem Namen, den du - Gott sei's geklagt! - meiner Tochter und deinen Töchtern, meinen unglücklichen Enkelinnen, gegeben hast und womöglich auch meinem Enkelsohn noch geben wirst? Nichts! Wenn du auch den noch besudelst und vernichtest, indem du ihn an Volksbelustigungen hängst, ihn an Bretterbuden anschlagen oder für Sixpence über die Ladentheke gehen lässt - dann gnade dir Gott! Dann sieh du selbst zu!"


Dass Edward de Vere, 17th Earl of Oxford, es sich nicht erlauben konnte, seine Stücke zu veröffentlichen, ist keine Erfindung von mir, sondern wird bereits von einem Zeitgenossen Ende der 1580er Jahre erwähnt.
Rhetorix
In dieser

Declaration of Reasonable Doubt
About the Identity of William Shakespeare


könnt ihr ein paar der Kernargumente für Zweifel an der Identität von Shakespeare nachlesen (es gibt aber noch etliche weitere).

Ich halte dieses Plädoyer für den Zweifel für lesens- und prüfenswert und habe die Declaration daher unterzeichnet.

_____________________________


Möglicherweise fragt sich der eine oder andere von euch, wie irgendein Mensch den in 1604 verstorbenen Edward of Oxford für den 'wahren Shakespeare' halten kann angesichts dessen, dass etliche Theaterstücke Shakespears doch erst nach 1604 verfasst wurden.
Es ist aber alles viel ungewisser als man denkt.

Hier die traditionelle Chronologie der Stücke (die Zahlen in Klammern bezeichnen das Veröffentlichungsjahr): -->

Oxfordians (die E.O. für den Autor halten) vertreten eine ganz andere Chronologie: -->

Wenn man bisher dachte, man hätte was gewusst, wird man ganz schnell eine Anderen belehrt.
Rhetorix
Ferner lesenswert, mit Leidenschaft geschrieben und online zu lesen: Is Shakespeare Dead? von Mark Twain.

Mir scheint: was bei Mark Twain die Bombe hochgehen ließ (ähnlich wie das "I am that I am" bei mir), war der seiner Meinung nach einzige Vers, den wir eindeutig Mr. Shaksper aus Stratford zuordnen können, nämlich der Spruch auf seinem Grabstein:

Good friend, for Jesus´ sake forbeare
To digg the dust enclosed here!
Blest be ye man that spares thes stones
And curst be he that moves my bones.

[Guter Freund, um Jesu willen unterlasse es,
den hier eingeschlossenen Staub umzugraben!
Gesegnet sei, wer diese Steine verschont,
Und verflucht, wer meine Knochen bewegt.]


Na, so einen schönen Knittelvers für meinen Grabstein brächte ich wohl auch noch zustande, etwa so:
Ich habe sehr an euch gehangen, / doch nun bin ich dahin gegangen.
Ein Wiedersehn auf alle Fälle / kommt dermaleinstens in der Hölle.

Dem berühmtesten englischen Literaten, der sich mit seinem Testament so sorgfältig auf sein Dahinscheiden vorbereitete, soll für seinen Grabstein nichts Besseres eingefallen sein?
Ganz so sicher wie Mark Twain meint, ist es allerdings nicht, dass das Verslein von dem dort Begrabenen stammt. Wenn er kein Dichter war, dann kann natürlich auch ein anderer es verzapft haben. In Beerdigungsanzeigen liest man ja öfters Dichtwerke von vergleichbarer Qualität, und meist stammen sie aus dem Fundus des Bestattungsunternehmens. Aber wenn er ein Dichter war?
Rhetorix
Mark Twain tippte auf Francis Bacon als den Verfasser von Shakespeares Werken, und viele waren zu seiner Zeit derselben Meinung.
Francis Bacon war aber nicht derjenige welcher und hat daher als 'echter Shakespeare' kaum noch Parteigänger.
Warum nicht?

Ich kenne die literarischen Gründe nicht, die gegen ihn als Verfasser sprechen, weil ich noch nichts von ihm gelesen habe.
Meines Erachtens ist er schon aufgrund der Sonette aus dem Rennen.
Das schöne abgebrochene Sonett 126 - "O thou my lovely boy..." - wäre ihm zwar gleichfalls zuzutrauen, nicht aber die Sonette an die Dark Lady, vor allem nicht Nr. 135 und 136, denn er schwärmte nicht fürs Weibliche und hatte obendrein puritanische Anwandlungen (eine giftige Mischung!).

Und mit dieser eleganten Überleitung bin ich nun bei den beiden Will-Sonetten, auf die ich hinaus wollte.
Diese beiden Sonette kreisen um das Wort 'will', das insgesamt 17mal vorkommt, und Nr. 136 endet mit den Worten: "...for my name is Will".

Wie kann angesichts dieser klaren Worte noch irgendwer auf die Idee verfallen, der Verfasser hieße nicht William?!

Tja, da stellt sich zunächst einmal schon die Frage, ob William Shaksper -Shacksper - Shakesper - Shakspere etc. aus Stratford wirklich "Will" gerufen wurde.
Das war eher nicht der Fall. Die meisten Williams werden nämlich nicht Will, sondern Bill gerufen, wie z.B. Bill Clinton oder Bill Gates. Merkwürdig.
Hat euch eure Englischlehrerin erzählt, warum das so ist?
Nein? Dann könnt ihr eure Bildung jetzt vervollständigen.
"Will" ist ein schlimmes Wort. Es bedeutet natürlich zunächst einmal "Willen", in der Vulgärsprache zweideutigerweise aber auch das Geschlechtsteil. Es gilt für beide Geschlechter und ist daher je nach Zusammenhang mit Schwanz oder Möse zu übersetzen.
Da man nicht gut jemanden mit "Hallo Sch...., wie geht's?" ansprechen kann, wurde daraus dann "Hallo Bill etc."

Aber vielleicht war das zu Shakespeares Zeiten noch anders, und man dachte sich nichts dabei?
Ooooooh nein!
Shakespeare spielt ganz bewusst mit dieser Zweideutigkeit. Eigentlich muss man bei den Sonetten immer auf der Hut sein, wenn das Wort "will" fällt, und überlegen, ob eine sexuelle Anspielung versteckt ist.

Bei Sonett 134 fängt das schon an, obwohl es anscheinend ganz harmlos daher kommt. Der Dichter hat soeben seinen Super-Gau erlebt: seine 'two loves', nämlich der schöne junge Freund und die Mätresse, haben sich unter einer Bettdecke zusammengefunden, und er zerspringt vor Eifersucht und zieht den Kürzeren, ohne einen von beiden ernstlich etwas vorwerfen zu können.

Er schreibt (gerichtet an die Frau):

"So, now I have confess'd that he is thine,
And I myself am mortgag'd to thy will..."
(und auch ich selbst bin an deine M... verpfändet).

Und schließt mit den Worten:

"Him have I lost; thou hast both him and me:
He pays the whole; and yet am I not free."

Harmlos? Dann stellt euch mal vor, euch würde die letzte Zeile vorgelesen! Dann hört ihr nämlich "He pays the hole " (er bezahlt das Loch).



Das folgende Sonett 135 ist gar nicht übersetzbar mit seinen Will-Zweideutigkeiten. Hinzu kommt eine Drei- und Vierdeutigkeit, da "Will" nämlich als Name sowohl des einen wie auch des anderen Liebhabers in Betracht kommt (z.B. als William Herbert). Wenn er schreibt "thou hast thy Will" dann heißt das (bei häufiger Großschreibung von Substantiven) wahlweise:"Du hast deine M...", "Du hast deinen Sch.... gekriegt (nämlich den neuen)", "Du hast deinen Will gekriegt (nämlich den neuen)" oder "Du hast doch schon deinen Will (nämlich mich)".

Ich belasse es daher bei dem englischen Text, bei dem Rat, an die Mehrdeutigkeit des Worts "Will" zu denken, und der kurzen Zusammenfassung, dass der Dichter sich angesichts der Katastrophe wiederum auf's Betteln verlegt: "Dein Will ist doch so groß und geräumig - Nimmt das Meer etwa keinen Regen mehr auf, weil es voll ist? Ist mein Sch.... soviel schlechter als die anderen? Siehst du! also ist doch auch noch Platz für ihn.... Sei doch nicht so abweisend!

Whoever hath her wish, thou hast thy Will,
And Will to boot, and Will in over-plus;
More than enough am I that vexed thee still,
To thy sweet Will making addition thus.

Wilt thou, whose Will is large and spacious,
Not once vouchsafe to hide my Will in thine?
Shall Will in others seem right gracious,
And in my Will no fair acceptance shine?

The sea, all water, yet receives rain still,
And in abundance addeth to his store;
So thou, being rich in Will, add to thy Will
One Will of mine, to make thy large Will more.

Let no unkind, no fair beseechers kill;
Think all but one, and me in that one Will.



Auch in Sonett 136 ist für ihn offenbar 'Dabeisein alles'.
Achtet auch die letzten beiden Zeilen!


If thy soul check thee that I come so near,
Swear to thy blind soul that I was thy Will,
And Will, thy soul knows, is admitted there;
Thus far for love, my love-suit, sweet, fulfil.

Will will fulfil the treasure of thy love,
Ay, fill it full with Wills, and my Will one.
In things of great receipt with ease we prove
Among a number one is reckoned none:

Then in the number let me pass untold,
Though in thy store's account I one must be;
For nothing hold me, so it please thee hold
That nothing me, a something sweet to thee:

Make but my name thy love, and love that still,
And then thou lovest me for my name is Will.
ete
Menno...jetzt lese ich die Sonnette ganz anders...die sind ja nicht nur poetisch genial sondern auch noch wunderbar versaut. Genau die richtige Mischung. Freude
Rhetorix
Richtig, ete, Shakespeare hat nicht nur 'romantische' Sonette geschrieben, sondern auch richtig schön versaute - wobei das richtig Schöne vor allem im kunstvollen Wortspiel und dem kleinen Tüchlein über den Ferkeleien besteht, und natürlich in der originellen Idee, das Hochtrabend-Amouröse der Sonettform (Petrarca!) mit diesen Inhalten ad absurdum zu führen. Das muss ihm erst mal einer nachmachen.

Ferkeleien kommen aber ausschließlich in den Sonetten an/über die Geliebte/Mätresse vor.
In den Gedichten an/über den jungen Freund findet man keine Frivolität. Das war offensichtlich nicht (nur) eine Vorsichtsmaßnahme, sondern lag an der Tiefe des Gefühls und der Hingabe, die als weitab der Frivolität empfunden wurden und derbe Späße nicht zuließ.

Die dem jungen Freund entgegen gebrachten Gefühle werden zweifelsfrei als die tieferen empfunden, obwohl es auch bei der Mätresse nicht nur um Sex, sondern auch um Liebe geht (And yet it may be said I loved her dearly, S. 42). Doch während er es in derselben Situation fertigbringt, an/über die Geliebte das Sonett 135 zu schreiben, bei dem er 13mal das böse Wort "will" verwendet, schreibt er an/über den Freund das Sonett 40, in dem er 8mal das Wort "love" unterbringt.

Welcher Aspekt für ihn der schlimmere an dem 'Treuebruch' der beiden 'loves' ist, wird im Sonett 42 ganz deutlich gesagt: es ist nicht der Umstand, dass der Freund ihm die Geliebte wegnimmt, sondern dass die Geliebte ihm den Freund wegnimmt:

That she hath tee, is of my wailing chief,
A loss in love that touches me more nearly.

Beides als qualitativ vergleichbar und nur quantitativ verschieden zu empfinden, scheint mir übrigens eine etwas eigenartige Sicht der Dinge.


Aber auch die Sonette an/über den jungen Lord sind keineswegs nur 'romantisch'. Sie sind es vielleicht nicht einmal in der Mehrzahl. Die Beziehung wird nicht verklärt, sie ist real, und manchmal geht es sehr strubbelig zu.
Unter anderem ist die Rede vom unerwarteten Ausbruch von Gehässigkeiten, dem Weinen darüber und der anschließenden tränenreichen halben Versöhnung (Nr.34); von Fehlern auf beiden Seiten, die zu einer schmerzhaften Beziehungskrise führen (for if you were by my unkindness shaken / as I by yours, you've passed a hell of time, S. 120); auch von eigenen Fehlern und der Wut des Freundes (but shoot not at me in your waken'd hate, S. 117), endlos empfundener Warterei 'auf einen Anruf' (nor dare I chide the world-without-end hour / whilest I,my soveraign, watch the clock for you, S.57) und sogar von einer ziemlich weitgehenden emotionalen Abhängigkeit (Being your slave... S. 57; That God forbid, that made me first your slave.../oh let me suffer, being at your beck, 58 ).
Sehr turbulent und weit eher an eine Beziehungskiste erinnernd als an eine 'echt Männerfreundschaft', für die eine generationen-übergreifende Freundeswahl unter dem wichtigen Kriterium der Schönheit ja wohl auch nicht gerade das Übliche ist.


Vertritt hier zufällig irgend jemand die Ansicht, dass diese Gedichte für die breite Öffentlichkeit bestimmt waren - in dem Sinn, dass die damaligen Leser sich sagten:
"Aha, das sind also Gedichte von Karl Napp; sein junger Liebster - es ging wohl eher griechisch zu -, das war offenbar der junge Lord Schießmichtod, mit dem er immerzu aufkreuzte; und die Mätresse, die der eine dem anderen trotz allem ausgespannt hat, das kann nur Lieschen Müller gewesen sein"?
Rhetorix
Nun könntet ihr vielleicht sagen, dass der Dichter mit seinem Outing als Urheber der Sonette nicht viel zu verlieren gehabt hätte.
Schreibt er nicht selbst, dass er sich (warum auch immer) sowieso gebrandmarkt fühlt? Na also - ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich's gänzlich ungeniert.
Ganz so einfach ist es aber wohl doch nicht, denn bei fast jedem kann die öffentliche Meinung noch schlimmer zuschlagen; und um einen Gossenjungen handelt es sich hier zweifellos nicht.
Außerdem:will man solche privaten Dinge wirklich ausbreiten, auf die Gefahr hin, dass sie in falsche Hände geraten, plötzlich Piraten-Drucke umlaufen (wie leider so oft!) und alle Welt weiß, wer da seine privatesten Gefühle zu Papier gebracht hat?

Nun, Dichter denken darüber oft anders und wollen sich gern mit einem guten Werk auch einen entsprechend guten Namen machen, egal ob sie sich dabei ausziehen oder nicht.
Und war er nicht ganz unmäßig stolz auf diese Gedichte? Schrieb er nicht in völlig wahnsinniger Selbstüberschätzung Folgendes?

...Your monument shall be my gentle verse,
Which eyes not yet created shall o'er-read,
And tongues to be your being shall rehearse
When all the brathers of this world are dead...?

[Ihr Denkmal sei mein zärtliches Gedicht /das noch unerschaffene Augen einst lesen,
und künftige Zungen sollen Sie rekonstruieren/ wenn alle, die jetzt atmen, tot sind..]

oder auch:

'Gainst death and all oblivious enmity
Shall you pace forth; your praise shall still find room
Even in the eyes of all posterity
That wears this world out to the ending doom...

[Sie schreiten dem Tod und allem feindlichen Vergessen / entgegen; doch Ihr Lobpreis wird auch
in den Augen aller Nachgeborenen Platz finden/ die diese Welt bis zum Jüngsten Tag trägt...]

Wenn einer sich mit irgendwas einen unsterblichen Namen machen will, dann doch wohl er!

Aber nein, er schreibt:

My name be buried where my body is
And live no more to shame nor me nor you.
Rhetorix
Sein Denkmal eines schönen, vornehmen jungen Mannes soll gesehen werden - im Freundeskreis, irgendwann wohl auch öffentlich, vielleicht im Fall eines Raubdrucks sogar früher als beabsichtigt.

Dass er es aber anonym halten will, ist kein besonders geistreicher Einfall, sondern einfach eine Selbstverständlichkeit. Will er den Freund mit diesen zweideutigen Gedichten etwa für alle Zeit bloßstellen? Der Junge wird in einigen Jahren eine Respektsperson sein. Soll man ihn etwa noch in 20 Jahren mit dem Veilchenduft seines Atems aufziehen -"Darf ich auch mal schnuppern, Milord?" (S.99, Woher weiß der Dichter überhaupt von diesem Veilchenduft?)

Aber auch die Dark Lady, obwohl vielleicht nicht wirklich eine Dame, hat Anspruch auf ein Mindestmaß von Höflichkeit. Sollen die Leute wirklich wissen, welcher Frau er nachgesagt hat, dass sie keinen angenehmen Körpergeruch hat (S. 130, 141) und nicht gut schmeckt (S. 141)? Und welche er "the bay where all men ride" und "wide worlds common place" genannt hat (S. 137)? Doch wohl nicht! Denn selbst wenn sie vielleicht auch keine Lady war, so ging sie ja sicher nicht auf den Strich.

Wie kann er dann aber ausgerechnet das schlüpfrigste Sonett mit den Worten "my name is Will" beenden?
Genauso gut hätte er mit "William Shakespeare" unterschreiben können! Wer sich fragte, welcher Dichter namens William das wohl sein könnte, der stieß sofort auf die beiden einzigen offiziellen Veröffentlichungen Shakespeares, nämlich 'Venus and Adonis' aus 1593 und 'The Rape of Lucrece' aus 1594, die beide einen großen Erfolg hatten.
Um wen es sich bei dem jungen Adonis des epischen Gedichts wie auch der Sonette handelte (Describe Adonis, and the conterfeit / Is poorly imitated after you, S. 53), war dann gleichfalls kein Geheimnis mehr, denn die beiden Veröffentlichungen waren ja dem hübschen jungen Grafen von Southampton gewidmet. Das wäre jedenfalls dann klar gewesen, wenn man die beiden Freunde miteinander gesehen hätte - nicht hingegen, wenn der Dichter und der junge Adonis offenbar nichts miteinander zu tun hatten.


Warum also eine so unanständige Indiskretion, mit der der Dichter sich überdies selbst Lügen straft?
Rhetorix
William der Schauspieler geht durch London wie ein Gespenst.

Die Leute reißen seine Plays an sich, kopieren sie kaum dass sie über die Bühne gegangen sind, drucken sie, schreiben nicht einmal "von William Shakespeare" darüber, spielen sie nach und verkaufen sie auf eigene Rechnung. Um ihn selbst scheren sich sich so wenig wie um den Mann im Mond. Sie berichten nichts über ihn, schreiben ihm keine Briefe und bekommen auch keine von ihm. Über Williams Tun und Lassen in Stratford weiß man mehr. Und seid gewiss: nach den Spuren seines Londoner Lebens wurde in den letzten Jahrhunderten gefahndet und gewühlt wie nach der Stecknadel im Heuhaufen!

Dennoch:
Wenn wir ihn für den Verfasser der Sonette halten, dann müssen wir auch ihn für den älteren Freund des jungen Grafen und den Liebhaber der zweifelhaften Dame halten. Geht ja nicht anders, auch wenn niemand ihn je mit einem Lord in Verbindung bringt.
In diesem Fall müssen wir auch davon ausgehen, dass der junge Lord immer mal wieder mit dem Schauspieler im Schlepptau gesehen wurde. Denn dass sie sich immer nur heimlich getroffen hätten, um miteinander ins Bett zu gehen, kann nicht ernstlich angenommen werden.

Wenn diese pikanten Sonette versehentlich an die Öffentlichkeit geraten - und es wird ja geklaut und gedruckt nach Möglichkeit noch ehe die Tinte trocken ist -, dann ist die Kacke am Dampfen.
"My name is Will"?!
Welcher Poet mit dem Namen William kommt dann als Verfasser in Betracht, wenn nicht William Shakespeare, der bereits 'Venus and Adonis' veröffentlicht hat? Und es dem jungen Grafen gewidmet hat, in dessen Kielwasser man ihn gelegentlich sieht oder gesehen hat? Aha, daher weht der Wind. Dass es sich bei dem von Venus heftigst um Liebe oder vielmehr Sex angebettelten Adonis um den schönen Freund aus den Sonetten handelt, ist klar: "Describe Adonis,and the counterfeit / Is poorly imitated after you..."(Sonett 53). O dear, wie konnte der Earl nur so tief sinken, sich derart auf einen Schauspieler einzulassen!

Anschließend zerquetscht der Earl den indiskreten Poeten wie eine Laus.

Man sieht: es war gar nicht ratsam, mit diesen 4 Worten "my name is Will" die Gefahr von derartigen Peinlichkeiten heraufzubeschwören.
Rhetorix
Ein alternatives Szenarium:

Stellt euch vor, das Freundespaar wäre nicht ein junger Graf und ein etwas älterer, geistreicher Schauspieler gewesen, sondern ein junger Graf und ein deutlich älterer, heruntergekommener, aber geistreicher Graf, nämlich Edward de Vere.

Dann können wir ruhig davon ausgehen, dass Edward den Namen William Shaksper/Shacksper/Shakesper/Shakspere irgendwann einmal aufgeschnappt hat. Vielleicht hat er eine Aufführung von Robert Burbages Theatertruppe besucht, und der junge, noch unbekannte Schauspieler wurde ihm anschließend vorgestellt? Gut möglich.

Natürlich wusste Edward noch weniger als William, wie dessen Nachname geschrieben wurde. Er hatte ihn ja nur gehört (wie könnte er ihn gelesen haben!), fand ihn aber interessant und prägte ihn sich so ein, wie er tatsächlich nie geschrieben wurde, aber spontan einen Sinn ergab: Shake-speare.

Welchen Sinn ergab dieser Name für ihn?

Der Autor meines Schund-Buchs über Edward de Vere vertritt die Meinung, Edward habe dabei an die speerschwingende Göttin Athene gedacht.
Vergesst das!
Das geläufige Bild der Athene ist nicht das einer Speerschwingerin oder -schüttlerin. Zwar wird sie oft mit dem Speer dargestellt, doch hält sie ihn so ruhig und unaggressiv in der Hand wie einen Hirtenstab oder eine Krönungsinsignie. -->

Edward de Vere ist von uraltem Adel und (das ist belegt) seit seiner Kindheit an Geschichte interessiert.
Daher assoziiert er mit diesem Namen sofort: 1066!

Woran dachte er bei dem Vornamen William denn wohl, wenn nicht an den zu seiner Zeit für alle Engländer weitaus berühmtesten Träger dieses Namens, nämlich an William the Conquerer und an den Wendepunkt der englischen Geschichte durch die Machtübernahme des normannischen Eroberers in 1066?
Und wie könnte er vergessen, dass dieses Jahr auch ein Wendepunkt in der Chronik seiner eigenen Familie war, der de Veres, die als Gefolgsleute Williams die Macht über England übernahmen, beginnend mit Alberic de Ver?

Da stellt sich dann auch ein Bild der Schlacht von Hastings ein, des Fürsten und seiner Ritter, die sich den Speer unter den rechten Arm klemmen und dann - kantapperkantapper! - auf den Feind losgaloppieren (die Lanze kam erst im nächsten Jahrhundert!).

1066: Edward stirbt und William kommt!

Der Name "William Shakespeare" ist eine perfekte Metapher für dieses Bild.

Daneben oder vielmehr darunter ist er allerdings auch wunderbar anzüglich. Wenn man William auf Will verkürzt, wird der Hintersinn des Nachnamens noch deutlicher.

Ein perfekter Name!
Gäbe es ihn nicht, so müsste er glatt erfunden werden!


Nach kurzem Überlegen ruft Edward Oxenford den Spiritus rector der Theatertruppe 'Lord Chamberlain's Men' zu sich, den Schauspieler Richard Burbage.
Er bietet ihm die quasi kostenlose Überlassung seiner Erfindungen an.
Das ist für beide ein gutes Geschäft, denn Burbage kommt dadurch an (im Zweifel) gute neue Stücke, und Edward ist bei Burbage am sichersten, dass sie nicht verhunzt werden.

"Übrigens", sagt er fast zum Schluss, "du hast in deiner Truppe doch seit einiger Zeit einen Schauspieler namens Shakespeare... Wie dir geläufig sein wird, bin ich nicht gewillt, meinen Namen dem Applaus des Pöbels auszusetzen. Fragt dich jemand, von wem das Stück ist, so verweise doch einfach auf ihn!"

"Das soll so geschehen, my good Lord", sagt Richard Burbage. "Aber was wird er darüber denken, wenn es heißt, die Stücke wären von ihm?"

"Er soll nicht denken, sondern den Mund halten", sagt der Earl.

Vielleicht hat er dem Schauspieler für den Diebstahl - oder Beinahe-Diebstahl - seines Namens irgendwann auch Geld gegeben. Er hatte ja ein offenes Portemonnaie.


Das ist, wie gesagt, ein Gedankenspiel, das eurer Prüfung anheim gestellt wird.

Als Edward de Vere sein Gedicht von Venus und Adonis veröffentlicht, ist er jedenfalls froh, dass er den Namen 'William Shakespeare' schon gefunden hat.
Nämlich aus folgendem Grund ...(folgt)
Rhetorix



Telltale
@ Rhetorix

Nur eine kleine Störung von mir, auf die Du nicht eingehen mußt. Du bist gerade so schön im Fluß.

2 Kommentare:

1. Ich bin begeistert von der Auslegung des William Shakespeare als Speerschwingenden William the Conquerer.

2. kommt man hierbei...
Zitat:
Original von Rhetorix
Mark Twain tippte auf Francis Bacon als den Verfasser von Shakespeares Werken, und viele waren zu seiner Zeit derselben Meinung.

...nicht an Woody Allen vorbei, der die Frage aufwarf: "Wenn Bacon Shakespeares Werke schrieb, wer schrieb dann Bacons?"

OK. Das war's schon. Nur weiter.

Gruß
Telltale
Rhetorix
Edward de Veres Biografen haben herausgefunden, dass er schon seit den 1570er Jahren Versteckspiel mit seinem Namen getrieben hat, wie es ja auch nicht anders ging, da Publikationen unter seinem Clearname äußerst unstandesgemäß gewesen wären.
Wenn er der Verfasser von Venus and Adonis ist, dann ist er diesmal umso dringender auf einen falschen Namen angewiesen; denn es wäre ganz und gar ungut, als der Urheber dieses Werks identifiziert zu werden.

Venus and Adonis, damals sehr erfolgreich, dürfte heute als ungenießbar empfunden werden.
Auch mir gefällt es überhaupt nicht, was hauptsächlich am Inhalt liegt.
Ich finde es ziemlich degoutant, wie die erotische Gier der Venus nach dem jungen Adonis oder vielmehr ihr sexueller Notstand über Seiten und Seiten ausgebreitet wird, unangenehm nicht nur ihre endlosen Überredungskünste, sondern vor allem auch die aggressive Art, mit der sie den Jungen zur 'Liebe' zu zwingen versucht. Der Junge schämt sich, sträubt sich mit ruhigen, sicheren und vernünftigen Worten und sagt ihr ganz klar, dass er sie nicht will, sich zu jung fühlt und sie ihn bitte in Ruhe lassen soll. Aber es hilft nichts.
Offenbar ist es für ihn nicht so einfach, sich ihr zu entziehen, denn sie ist ja nicht einfach eine Frau, sondern eine Göttin. Aber Göttin hin oder her - obwohl mir auf diesem Gebiet die Fachkunde fehlt, ging mir bei der Lektüre durch den Kopf, ob sie für diese üble Geschichte noch Bewährung kriegen kann (1 1/2 Jahre Freiheitsstrafe mit strikten Bewährungsauflagen?) oder ihre Strafe absitzen muss.

Für eine Frau ist ihr Verhalten äußerst ungewöhnlich, und an einer Stelle wird auch gesagt, dass sie sich eher wie ein Mann verhält.
Da hat sich der Dichter wohl in die Rolle der Venus versetzt.

Schließlich macht der Junge sich von ihr los und sagt, dass er zur Jagd geht. "Sehen wir uns morgen wieder?" fragt die Venus; und er sagt."Nö".

Dazu kommt es dann auch tatsächlich nicht, denn ein Eber nimmt den Jungen auf die Hauer und reißt ihm die Lende auf.
Adonis stirbt, und die Venus verflucht die Liebe.

Wie der Erfolg des Werks zeigt, war man als Dichter damit jedenfalls so lange nicht unten durch, so lange das Szenarium einfach nur der Mythologie entnommen und vom persönlichen Erleben abgerückt schien.
Edward hingegen durfte sicher sein, dass man mit dem Finger auf ihn zeigen würde - aha!! -, wenn herauskäme, dass er das Gedicht verbrochen hatte.

Die Venus fragt sich angesichts des übel zugerichteten, blutüberströmten Adonis nämlich, warum der Eber den Jungen getötet hat, und kommt auf die bizarre Idee: er hat sich in den Jungen verliebt, als er ihn sah! - er wollte ihn nicht töten, sondern nur küssen! - und wenn ich Eberzähne hätte, dann wäre es dem Jungen schon mit mir so ergangen!
(Scheußlich, nicht?)

'Der Eber' aber war Edward de Vere. Wir wissen ja schon, dass der Eber (the Boar) sein Wappentier war.
Oder ob das vielleicht inzwischen in Vergessenheit geraten war? Nein, selbstverständlich nicht. Der Adel vergisst doch nicht, wie sein Wappen aussieht! Auch andere vergaßen es nicht, und darum tritt die Theatertruppe 'Oxford's Men' in 'The Boar's Head' auf.

Edward dankt dem Himmel und dem Zufall. Er dankt seinem Namenspatron, dem heiligen König Edward, dafür, dass er den normannischen Ritter William zu seinem Nachfolger bestimmte (so jedenfalls die normannische Version der Eroberung Englands), lässt Edward 'sterben' und übernimmt ein wunderbar ritterliches, geschichtsträchtiges und sogar normannisches Avatar: William Shakespeare.

Dass Venus and Adonis trotzdem auf den jungen Grafen als 'Adonis' verweist und die Sonette den Faden umso fester knüpfen, ist jetzt völlig egal.
Denn was hat der Junge mit einem William Shakespeare zu schaffen, bei dem es sich wohl um einen Schauspieler aus der zweiten Garde handelt? Doch offenbar gar nichts!
Wenn William, der Schauspieler, nicht der Verfasser der Sonette und des Gedichts von Venus und Adonis war, dann gibt es für uns auch keinerlei Grund, eine persönliche Beziehung zwischen ihm und dem jungen Grafen anzunehmen. Dann fand auch die Öffentlichkeit keinerlei Beziehung zwischen den beiden, und alles war harmlos.
Edward hingegen hatte definitiv Umgang mit beiden als jugendlichem Freund in Betracht kommenden Gräfchen.

War es so?
Es könnte so gewesen sein.


P.S. Grüße an Telltale!
Rhetorix
Sonnet XXXVI

Let me confess that we two must be twain,
Although our undivided loves are one:
So shall those blots that do with me remain,
Without thy help, by me be borne alone.

In our two loves there is but one respect,
Though in our lives a separable spite,
Which though it alter not love's sole effect,
Yet doth it steal sweet hours from love's delight.

I may not evermore acknowledge thee,
Lest my bewailed guilt should do thee shame,
Nor thou with public kindness honour me,
Unless thou take that honour from thy name:

But do not so, I love thee in such sort,
As thou being mine, mine is thy good report.




Sonett 36

Es sei: wir müssen zwei sein, du und ich,
hält uns auch ungetrennt die Liebe fest.
So will ich also künftig ohne dich
den Makel tragen, der mich nicht verlässt.

In unserem Lieben ist nur ein Bedacht,
wenngleich ein Riss durch unser Leben fährt,
der nicht die Liebeskraft geringer macht,
doch an den süßen Liebesstunden zehrt.

Ich muss so tun, als ob wir uns nicht kennen,
du trügest sonst an meiner Schande mit.
Du sollst dich offen nicht zu mir bekennen,
du wollest denn, dass deine Ehre litt.

Doch tu das nicht. Dein guter Name ist
kraft meiner Liebe mein, wie du es bist.