David Hume - Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand

Drunken-Wisdom
[Ankündigung]

In den folgenden Wochen soll es an dieser Stelle um eine Erörterung des Hauptwerkes von David Hume -Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand- gehen.
Ich möchte die Besprechung vorerst nur ankündigen, um Interessierten die Möglichkeit zu geben, sich vorab in das Buch einzulesen oder darüber zu informieren.

Eine deutsche Interntausgabe findet sich hier:
http://www.zeno.org/Philosophie/M/Hume,+...chen+Verstandes

Eine englische Ausgabe ist hier zu finden:
http://18th.eserver.org/hume-enquiry.html

Die Erörterung soll wie folgt ablaufen: Thanasius Lakon und ich werden jeweils im Wechsel eine Zusammenfassung des zu besprechenden Abschnitts geben. Das ist quasi als Einführung und als Anregung für das Textverständnis und die Diskussion zu verstehen. Zum nächsten Abschnitt wird dann übergegangen, wenn der Diskussionsbedarf gedeckt ist.
Ob wir das ganze Buch besprechen oder nur die für die Erkenntnistheorie wichtigen Teile, wird sich im Laufe der Diskussion ergeben.

Begonnen wird gegen Mitte der nächsten Woche. Anmerkungen und Ergänzungen sind natürlich jederzeit willkommen.

In diesem Sinne winken
Verena
Würde mich gerne beteiligen - und deshalb auch vorbereiten.
Welcher Abschnitt ist denn das Thema der ersten Besprechung?
Drunken-Wisdom
Wir fangen mit dem ersten Abschnitt -Über die verschiedenen Arten der Philosophie- an und arbeiten uns dann chronologisch vor. Zwinker

[Edit: Eventuell muss ich noch dazu sagen, dass die von mir verlinkte Internetausgabe nicht von Abschnitten spricht. Meine zu Grunde liegende Quelle -eine Reclamausgabe von Herbert Herring- spricht aber vom "I.Abschnitt" usw. und bezeichnet das, was in der Internetausgabe als "Abschnitt" bezeichnet wird, als "Teil".]
Devinus
Ich habe auch die Reclam-Ausgabe.
kumpel
Hallo an alle,
"Er kürzte den 'Traktat' (Anm.: "Treatise of Human Nature"), indem er die besten Teile und die meisten Begründungen seiner Schlüsse fortließ; das Ergebnis war die 'Inquiry into Human Understanding'.[...] Eben dieses Buch riss Kant aus seinem 'dogmatischen Schlummer'; den 'Traktat' hat er offenbar nicht gekannt."
(B. Russell, Philosophie des Abendlandes, S.668 )
Mal sehen ob sich das für uns bewahrheitet.
Devinus
@kumpel
Ja, man könnte es so nennen "aus einem dogmatischen Schlummer gerissen". Ich befürchte jedoch eher ein "auf die ewige Suche geschickt". Vielleicht werden aber auch nun widerrum welche aus ihrer sicheren Position-Kant herausgerissen. Selten begegnete mir jemand, der aus der eigenen Position noch die Wahl dazu gesehen hat. Vielleicht aber werde ich auch eine sichere Stellung erhalten, mit Gewissheit zumindest meiner selbst zum Thema. Die Philosophie, man bedenke dies auch wenn es selbstverständlich anmutet, ist nicht fertig.

Ich freue mich sehr auf Eure Texte zum ersten Abschnitt (meiner ist fast auch fertig, brauch aber noch ein wenig Zeit).
Drunken-Wisdom
Zitat:
Original von Devinus
Ich freue mich sehr auf Eure Texte zum ersten Abschnitt (meiner ist fast auch fertig, brauch aber noch ein wenig Zeit).


Bitte noch ein klein wenig Geduld. Morgen Abend geht's los. Zwinker
Drunken-Wisdom
[Einleitung]


"Ich gestehe frei, die Erinnerung des David Hume war eben dasjenige, was mir vor vielen Jahren den dogmatischen Schlummer unterbrach und meinen Untersuchungen im Felde der spekulativen Philosophie eine ganz andere Richtung gab."
Diese Worte von Immanuel Kant in der Einleitung seiner “Prolegomena” werden wohl am häufigsten zitiert, wenn die Aufgabe gestellt ist, die Wirkung David Hume’s auf die (philosophische) Nachwelt zu untersuchen. Dass Hume mit seinen Schriften prägenden Einfluss hatte, ist unbestritten. Aber in der folgenden Buchbesprechung soll es vorrangig nicht darum gehen festzustellen, inwiefern Hume gewirkt hat. Vielmehr soll ein Werk, das Werk von David Hume -“An Enquiry Concerning Human Understanding”-, in seiner Darstellung analytisch und chronologisch beleuchtet werden, um so in aller Deutlichkeit das Verdienst, aber auch die Irrtümer des David Hume bemessen zu können, um so erst wirklich verstehen zu können, wie tief und nachhaltig dieses Buch gewirkt hat.

Ich werde in dieser Einleitung nichts Genaues zu dem Inhalt des Buches sagen, möchte aber noch kurz ein paar Worte über die (historischen) Voraussetzungen, die Entstehungsgeschichte und die Art und Weise, wie das Buch bestmöglich zu lesen sei, verlieren.

Die Voraussetzungen, unter denen Hume schrieb und veröffentlichte, waren durchaus nicht die Schlechtesten: Mit dem Erstarken der Naturwissenschaften wurde die mitteralterliche, streng dogmatische Philosophie mehr und mehr zu einem nicht länger hinnehmbaren Übel. In Folge der Renaissance und humanistischer Ideen erstarkte die Philosophie und spaltete sich in 2 Richtungen, die ihre Erkenntnistheorie zum einen auf die Vernunft, zum anderen auf die Erfahrung gründeten. Ab dem 17.Jhd. (man möchte es -mit einiger Großzügigkeit- auf die Geburt Descartes’ datieren) beherrschte diese Auseinandersetzung zwischen Rationalismus und Empirismus 2 Jahrhunderte lang den philosophischen Diskurs und eine Synthese dieser Richtungen gelang erst durch Immanuel Kant. Wo aber steht in all dieser historischen Betrachtung die Philosophie von David Hume? Sie kann als die Endstufe, die Vollendung der empirischen Philosophie betrachtet werden. Hume bildet die notwendige letzte Etappe des Empirismus, der die Tradtion von Berkeley und Locke mit Bravour, wenn auch mit einigen Irrtümern, vollendet hat. Oder wie Kant schreibt: “Er brachte kein Licht in diese Art von Erkenntniß, aber er schlug doch einen Funken, bei welchem man wohl ein Licht hätte anzünden können, wenn er einen empfänglichen Zunder getroffen hätte, dessen Glimmen sorgfältig wäre unterhalten und vergrößert worden.”
Die rationalistische Philosophie konnte mit den Erkenntnissen der Naturwissenschaften -insbesondere der Physik- nicht mehr Schritt halten. Optimale Bedingungen also für eine Philosophie, die durch die Methode der Induktion unbestritten mit den Naturwissenschaften konform ging.
So veröffentlichte Hume, durchaus mit Optimismus und hoffnugsfroher Erwartung der positiven Aufnahme seines Werkes gesegnet, 1739/1740 seine 3-bändige Schrift “Treatise Of Human Nature”. Doch die Aufnahme war alles andere als durchschlagend. Wie Hume es selbst beschrieb: "Never literary attempt was more unfortunate: it fell dead-born from the press, without reaching such distinction as even to excite a murmur among the zealots.”
Die Zeitgenossen waren für die Gedanken des David Hume noch nicht bereit. Ich vermute, es lag noch immer ein Hauch rein spekulativer und mystischer Metaphysik im akademischen und konventionellen Leben der damaligen Zeit. Der Rationalismus ward von seinem Thron nicht gestürzt und passte besser in das christliche geprägte Bild. Doch was heisst das schon. Wer seine Zeitgenossen gegen sich hat, der darf umso mehr auf die Gunst der folgenden Epochen und Perioden hoffen. So knickte auch Hume nicht ein, sondern versuchte, das überstürzte Frühwerk zu überarbeiten und anzupassen. Heraus kam 1748 das Werk, was für unsere Erörterung vorgesehen ist und als das Hauptwerk des David Hume angesehen werden kann: “Philosophical Essays Concerning Human Understanding”; ab 1758 unter dem Titel “An Enquiry Concerning Human Understanding” veröffentlicht.*

Abschließend möchte ich noch einen Vorschlag machen, wie sich dem Inhalt des Buches am Besten genähert werden kann. Hume selbst sah sich als (gemäßigten) Skeptiker. Wir machen es uns nur unnötig schwer, wenn wir unter dem Blick der empiristischen Brille stehen und eindimensional an das Werk herangehen. Wenn wir uns von diesem sprachlichen Vorurteil lösen, dann glaube ich, dass wir den Inhalt viel deutlicher zu Tage treten lassen können. Der Empirismus ist kein System, sondern eine Methode. Eine Methode für die Gewinnung von Erkenntnis. Mit rein empirischer Erwartung an das Buch heranzugehen hieße aber, den Empirismus zum System zu degradieren, das kein Überschreiten seiner Grenzen duldet und somit nicht zur vollen Erkenntnis im Hume'schen Sinne dienen kann.

Damit ist meine Einleitung zu Ende und ich freue mich auf eine rege Teilnahme und eine erkenntnisreiche Diskussion. Zwinker


*Der Treatise enthielt die Ausführungen in komplexerer Form. Es waren einige Kapitel mehr vorhanden -so zum Beispiel das Problem der Realität der Außenwelt oder die persönliche Identität-, deren Inhalt sicherlich auch sehr interessant gewesen wäre. Hume ließ diese Teile weg, weil er mit ihnen unzufrieden war und sie nicht mehr zu verbessern wusste.
Drunken-Wisdom
[Abschnitt I - Über die verschiedenen Arten der Philosophie]


Hume verzichtet darauf, seinem Werk eine Einleitung voranstellen. Diese Formalie soll uns dennoch nicht daran hindern, den ersten Abschnitt -Über die verschiedenen Arten der Philosophie- als diejenige Einleitung zu verstehen, die Hume’s Absichten und Vorbetrachtungen zur Genüge erläutert und daher nicht eigentlich sofort in tiefergehende philosophische Erörterungen verfällt.
So ist dann auch der gesamte erste Abschnitt in sich klar und schlüssig nachzuvollziehen.
Hume beginnt damit, die Wissenschaft von der menschlichen Natur in 2 Bereiche einzuteilen, wobei die Erste den Menschen als handelndes Wesen betrachtet und ihn in seiner Tugend voll entfaltet sehen möchte. Man könnte dies als die “Sittenlehre” des Menschen bezeichnen. Die Zweite dagegen sieht im Menschen ein vernünftiges Wesen, dass darauf bedacht ist, seinen Verstand zu schärfen. Nun untersucht Hume folgerichtig, welche der beiden Wissenschaften zu größerem Ansehen gelangt ist und es wird uns nicht schwer fallen nachzuvollziehen, dass der hauptsächliche Ruhm im Alltagsleben, wenn überhaupt Philosophie betrieben wird, die praktische Dimension des Menschen ist, auch wenn die Theorie der Praxis zuvor geht und quasi als deren Grundlage betrachtet werden kann. Dieser Ruhm der “leichten” Philosophie ist dennoch nicht zu tadeln, beruft sie sich doch auf nichts anderes als den “gesunden Menschenverstand”, während die “tiefgründige” Philosophie sich in gedankliche Irrtümer verstricken kann, wo ein Fehler viele weitere bedingt.
Nach einer kleinen Anleitung, wie sich der Mensch zwischen diesen beiden Extremen verhalten soll -“Sei ein Philosoph, doch bleibe, bei all deiner Philosophie, stets Mensch.”- kommt es nun zu einem Vergleich der beiden genannten Sphären. Und da besteht nach Hume die Gefahr, dass alle tiefgründige Erörterung im Lichte der leichten Philosophie verworfen wird, was in einer Apologie der Metaphysik mündet: In ihrer Abstraktheit haftet der Metaphysik ein Grad von so hoher Exaktheit an, dass diese generelle Strukturierung für jeden Lebensbereich von Nutzen ist und höhere Erfolge verspricht. Aber selbst wenn die Metaphysik diesen Nutzen nicht bereitstellen kann, so sollte die Beschäftigung mit ihr dennoch nicht verworfen werden, da aus ihr doch kein Nachteil entsteht und jeder “als ein Wohltäter der Menschheit geachtet werden [kann]”, der die Wissenschaft von unnötigem Ballast befreit.

Bisher sind die Ausführungen noch recht allgemein und man ist froh, dass Hume sich endlich die rein spekulative Metaphysik vornimmt. Diese Art der Metaphysik -auch als Aberglauben und religiöse Furcht bezeichnet- ist die eigentliche Problemstelle, da sie mit ihrer Verderbtheit und Falschheit jene Irrtümer hervorbringt und aufrecht erhält, die ihrerseits alle echte tiefgründige Philosophie in ihrem Vorankommen verhindert. Wie soll man damit umgehen? Hume antwortet rhetorisch: “Sollte man nicht die entgegengesetzte Folgerung ziehen und die Notwendigkeit erkennen, den Krieg in die geheimsten Schlupfwinkel des Feindes hineinzutragen?” und bekennt, dass nur eine Analyse des menschlichen Verstandes die Gewissheit zu Tage bringen kann, dass eben dieser Verstand für die verworrenen Fragen der Metaphysik nicht die ausreichende Beantwortung zur Verfügung stellen kann: “Wir müssen die wahre Metaphysik sorgfältig pflegen, um die falsche und verderbliche zu zerstören”.
Die Zerstörung der falschen Metaphysik bringt aber einen weiteren Vorteil mit sich, in dem sie es ermöglicht, die Operationen des Geistes -in seiner Tätigkeit sehr vertraut, in seiner Reflexion dagegen mehr als fremd- in ihre Regeln zu zergliedern und ihre Grenzen zu finden. Hier kommt zum ersten Mal der Skeptizismus Hume’s zum Ausdruck, der in seiner gemäßigten Form gewisse Voraussetzungen annimmt, die nicht bezweifelt werden können:”Es kann nicht bezweifelt werden, dass der Geist mit verschiedenen Kräften und Tätigkeiten ausgestattet ist, dass diese Kräfte voneinander verschieden sind und das, was wirklich in der unmittelbaren Perzeption* verschieden ist, auch in der Reflexion unterschieden werden kann.” Und weiter: “...daß es folglich eine Wahrheit und Falschheit in allen Sätzen hierüber gibt, die nicht außerhalb des menschlichen Verstandesbereiches liegen.”

Die Operationen des menschlichen Geistes sollen untersucht werden. Aber wird es nicht, bei größter Sorgfalt, auch möglich sein, die Prinzipien zu entdecken, durch die jene Operationen ausgelöst werden? Diese Frage ist als Aufforderung von Hume zu verstehen und wir wissen, dass es kein geringerer als Kant gewesen ist, sich daran zu machen, “...diese Untersuchung mit großer Sorgfalt und Aufmerksamkeit anzustellen, damit man sie, sofern das im Vermögen des menschlichen Verstandes liegt, letztlich glücklich vollbringe...”.
Diese Sätze können als die Aufgabe betrachtet werden, die Hume uns vorgibt und die wir untersuchen müssen, um feststellen zu können, inwiefern Hume ihr selbst gerecht geworden ist.
Ich schließe mit den letzten 2 Sätzen, die den ersten Abschnitt beenden und den Leser geradezu euphorisch dazu ermuntern, sofort das Projekt des menschlichen Verstandes anzugehen:
“Seien wir glücklich, wenn wir das Trennende der verschiedenen Arten der Philosophie dadurch aufheben können, daß wir Tiefe der Forschung mit Klarheit und Wahrheit mit Neuheit in Einklang bringen! Seien wir noch glücklicher, wenn wir mit dieser gefälligen Art der Gedankenführung die Grundlagen einer abstrusen Philosophie, die bisher offenbar nur dem Aberglauben als Schutz und Widersinn und Irrtum als Deckmantel gedient hat, untergraben lönnen!”.


*Der Begriff der Perzeption ist weit gesteckt und ich schließe mich der Reclamausgabe an, die da vorgibt, diesen Terminus [perception] nicht ins Deutsche zu übertragen. Perzeption meint den Inhalt aller Bewusstseinsinhalte, also sowohl Vorstellungen als auch sinnliche Wahrnehmungen/Eindrücke.

Edit: Änderung der Abschnittsangabe in römische Zahlen
Drunken-Wisdom
Meiner Meinung nach liefert Hume in diesem ersten Abschnitt eine Einleitung, die mich, das muss ich offen bekennen, in den terminologischen Verwendungen an manchen Stellen irritiert. So verwirrt mich der Begriff der “Metaphysik”. Hume versucht zwar, die echte von der falschen Metaphysik abzugrenzen, aber er hätte besser daran getan, die echte Metaphysik als Metaphysik zu belassen und alle spekulative Metaphysik als “Dogmatismus” oder “unwissenschaftlichen Eifer” zu bezeichnen.
Des Weiteren ist mir sein Projekt im Bereich der echten Philosophie noch nicht so richtig klar. Es geht also um die Operationen des Geistes. Diese sollen in ihre Einzelheiten gegliedert werden und analytisch so weit getrieben werden, bis die obersten Prinzipien herausgearbeitet worden sind. Diese Aufgabe übernimmt der Verstand, sofern er dazu in der Lage ist. Dass es Operationen im menschlichen Geist gibt, das bezweifelt Hume nicht. Aber warum eigentlich nicht? “...und das, was wirklich in der unmittelbaren Perzeption verschieden ist, auch in der Reflexion unterschieden werden kann”. Irrtum. Was in der unmittelbaren Perzeption verschieden ist, das kann nur durch Reflexion erkannt werden. Über die unmittelbare Perzeption zu sprechen, heisst, über sie zu reflektieren. Damit wird das Wort “kann” zu einem “muss”. Ein kleiner aber feiner Unterschied. Der Zweifel ist also durchaus berechtigt und erstreckt sich auch auf die anderen “sicheren” Fundamente, deren Infragestellung aber an dieser Stelle nur in Spekulation münden würde (außer jemand kann einen glaubhaften Zweifel daran gültig machen).
Hume schreibt: "Nichts ist nötiger, als diese Untersuchung mit großer Sorgfalt und Aufmerksamkeit anzustellen, damit man sie, sofern das im Vermögen des menschlichen Verstandes liegt, letztlich glücklich vollbringe...”
“Sofern das im Vermögen des menschlichen Verstandes liegt.” Ein Regress bahnt sich an. Die Untersuchung des menschlichen Geistes erfolgt durch den Verstand. Der Verstand schaut sich selbst, mit seinem Vermögen, dabei zu, wie er sich selbst erkennt. Bitte?
Ich tue mich schwer daran, den Verstand* als einziges Erkenntnisvermögen anzuerkennen. Aber es wirkt einleuchtend: Die Prinzipien sind dem menschlichen Geist gegeben. Erkannt werden sie durch den Verstand. Aber was berechtigt dazu, den Verstand in solch eine Verantwortung zu setzen. Damit bleiben Fragen übrig, die nicht beantwortet werden können (was Hume wohl auch sah und als sichere Erkenntnisquelle einzig die Erfahrung und Mathematik gelten ließ).

Bei der Alltagsbetrachtung vergisst Hume zu erwähnen, wie sehr sich das Spekulative in den Bereich des Praktischen bereits etabliert hatte. Das Spekulative war den gemeinen Menschen nicht fremd, sondern bestimmte im Gegenteil ihr ganzes Geschick. Es ist mir ein Rätsel, wie Hume das verschweigen konnte (dass er es sah, scheint mir mehr als glaubhaft). Es wird wohl daran liegen, dass es ihm zu allererst um die wissenschaftliche Erörterung geht.

Bei aller Kritik gefiel mir von Anfang an die Beurteilung der Philosophie und der Scharfsinn, den Hume dabei an den Tag legt, wenn er schreibt, wie es um die Philosophie im Alltag steht. Der spekulative Philosoph wird auf’s Abstellgleis geschoben. Zu recht, wie ich meine. Was nützt alle Philosophie, wenn sie für’s Praktische nichts taugt? Erste Einsicht in die menschliche Natur: Sie will zwischen den Extremen leben und man tut Unrecht an ihr, sich nur auf eine Seite des Denkens oder des Handelns zu konzentrieren. Sei Philosoph, aber bleibe Mensch.


* Bei Gelegenheit werde ich mal schauen, was es mit diesem Begriff genau auf sich hat. Wenn ich mich recht entsinne, ist bei Kant die Quelle aller Erkenntnis die Vernunft.


Edit: Zitatkorrektur
aqvileia
Hi,
Zitat:
Die Zeitgenossen waren für die Gedanken des David Hume noch nicht bereit. Ich vermute, es lag noch immer ein Hauch rein spekulativer und mystischer Metaphysik im akademischen und konventionellen Leben der damaligen Zeit. Der Rationalismus ward von seinem Thron nicht gestürzt und passte besser in das christliche geprägte Bild. Doch was heisst das schon. Wer seine Zeitgenossen gegen sich hat, der darf umso mehr auf die Gunst der folgenden Epochen und Perioden hoffen.


Ein bisschen viel Vermutung auf einmal. Tatsache ist, dass Humes Werk nicht den erwünschten Erfolg brachte, weshalb er es umschrieb in Essays. Warum ihm bei seinen philosophischen Ausführungen kein Erfolg beschieden war, wusste er selber nicht und lässt sich wahrscheinlich auch nicht nachvollziehen. Hume war vor allem bekannt wegen seiner historischen Darstellung die er schrieb. Auf Humes Grab in Edinburgh steht geschrieben:'David Hume, Historiker und Philosoph' (Craig,E 'David Hume')
Die Einleitung ist sehr gut beschrieben und ein Punkt sticht mir dabei ins Auge - der indem du anführst:'Hume betrachtete sich selber als gemäßigter Skeptiker'.
War Hume aus heutiger Sicht Skeptiker und worin äußerte sich seine Skepsis?

Unbestreitbar wollte Hume mit der Mystik der damaligen Zeit aufräumen, aber ist es ihm gelungen 'Klarheit und Tiefe' und 'Wahrheit und Neuheit' weder zu leicht noch zu abstrakt zu verdeutlichen? Waren es die einzigen Unterscheidungen die er vollzog?

Ich würde einen generellen Empirismus nicht grundsätzlich als Humes Methode bezeichnen wollen, aber das kristallisiert sich erst später heraus. Humes Gegenstandsbereich ist das Denken und Fühlen des Menschen mit ihren abhängigen Bereichen.

LG
Drunken-Wisdom
Zitat:
Original von aqvileia
War Hume aus heutiger Sicht Skeptiker und worin äußerte sich seine Skepsis?

Aus heutiger Sicht ist er reiner Empirist und zählt sicherlich als der Hauptvertreter des Empirismus. Das schuldet sich aber mehr einer Begriffsvereinfachung als einer wirklichen Überzeugung, mit dem Begriff "Empirist" das ganze Schaffen des David Hume beschreiben zu können. Worin sich seine Skepsis äußerte? Er wollte mit den vorherrschenden Meinungen über die spekulative Metaphysik aufräumen, weil die beherrschenden Fragen und Annahmen seiner Zeit seiner Meinung nach nicht dem entsprachen, was die menschliche Natur erkennen könne. Zweifel also an der Art des Erkenntnisvermögens, aber nicht an der Tatsache, dass etwas erkannt werden kann.


Zitat:
Original von aqvileia
Unbestreitbar wollte Hume mit der Mystik der damaligen Zeit aufräumen, aber ist es ihm gelungen 'Klarheit und Tiefe' und 'Wahrheit und Neuheit' weder zu leicht noch zu abstrakt zu verdeutlichen? Waren es die einzigen Unterscheidungen die er vollzog?

Ich würde dich bitten, diese Frage am Ende der Besprechung noch einmal zu stellen, weil uns jetzt das nötige Wissen für die Beantwortung noch nicht gegeben ist. Zwinker
aqvileia
Zitat:
Er wollte mit den vorherrschenden Meinungen über die spekulative Metaphysik aufräumen, weil die beherrschenden Fragen und Annahmen seiner Zeit seiner Meinung nach nicht dem entsprachen, was die menschliche Natur erkennen könne. Zweifel also an der Art des Erkenntnisvermögens, aber nicht an der Tatsache, dass etwas erkannt werden kann.


Das ist, so glaube ich, ein wenig zu kurz gegriffen. 'Hume behandelte in der Enquiry Probleme der theoretischen und der praktischen Philosophie' (Streminger, G 'David Hume')
Also erkenntnistheoret.Analysen in der Grundlegung des Empirismus und metaphys.Analysen.
Streminger formuliert sechs Gründe die Humes Enquiry als spektakuläres Werk entstehen lassen.
Drunken-Wisdom
Zitat:
Original von aqvileia
Das ist, so glaube ich, ein wenig zu kurz gegriffen. 'Hume behandelte in der Enquiry Probleme der theoretischen und der praktischen Philosophie' (Streminger, G 'David Hume')
Also erkenntnistheoret.Analysen in der Grundlegung des Empirismus und metaphys.Analysen.

Du hast Recht. Ich bezog mich mit meinen Ausführungen aber ausgehend vom "Enquiry" auf sein skeptisches Programm. Die praktische Dimension hatte er unbestreitbar auch im Sinn, zählt uns aber nichts für unser jetziges Anliegen. Da hatten wir wohl aneinander vorbei geredet.

Zitat:
Original von aqvileia
Streminger formuliert sechs Gründe die Humes Enquiry als spektakuläres Werk entstehen lassen.

Das weckt mein Interesse. Eventuell kannst du uns am Ende über diese Gründe noch einmal genauer informieren -außer es geht um die Spektakularität der Entstehungsgeschichte-, wenn du Lust dazu hast. Zwinker
kumpel
Die Zusammenfassung finde ich sehr gut gelungen. Die zitierte Stelle verstehe ich nicht und kann sie auch in Humes Text nicht wieder finden. (Nebenbei: ich lese auf zeno.org, der Wortlaut ist minimal anders, was aber kein Problem sein sollte)
Zitat:
Original von Drunken-Wisdom
...was in einer Apologie der Metaphysik mündet: In ihrer Abstraktheit haftet der Metaphysik ein Grad von so hoher Exaktheit an, dass diese generelle Strukturierung für jeden Lebensbereich von Nutzen ist und höhere Erfolge verspricht. Aber selbst wenn die Metaphysik diesen Nutzen nicht bereitstellen kann, so sollte die Beschäftigung mit ihr dennoch nicht verworfen werden, da aus ihr doch kein Nachteil entsteht und jeder “als ein Wohltäter der Menschheit geachtet werden [kann]”, der die Wissenschaft von unnötigem Ballast befreit.

Oder spielt hier die angesprochene Begriffsverwirrung durch "Metaphysik" eine Rolle? Wenn ja, sollten wir darauf eingehen.

P.S.:
Zitat:
Original von Drunken-Wisdom
Dass es Operationen im menschlichen Geist gibt, das bezweifelt Hume nicht. Aber warum eigentlich nicht?

Diesem Zweifel nicht zu verfallen gesteht Hume ein, begründet es aber nicht. Er sagt nur kurz zuvor: "...man müsste denn an einer Zweifelsucht festhalten, welche alles Nachdenken und selbst alles Handeln zerstört." Das verstehe ich so, dass er sonst die Untersuchung gleich lassen könnte. Es ist sozusagen seine Arbeitshypothese, "dass die Seele mit gewissen Kräften und Fähigkeiten ausgestattet ist; dass diese Kräfte sich von einander unterscheiden;..." (laut zeno.org). Vielleicht stellt sie sich als falsch heraus und er kommt zu deinem Schluss...
Devinus
Zitat:
Original von Drunken-Wisdom
Zitat:
Original von Devinus
Ich freue mich sehr auf Eure Texte zum ersten Abschnitt (meiner ist fast auch fertig, brauch aber noch ein wenig Zeit).


Bitte noch ein klein wenig Geduld. Morgen Abend geht's los. Zwinker


Da hast du ja nicht zuviel versprochen. winken
Ich veröffentliche meinen Text hier übrigens nicht habe ich grade entschieden - nicht dass jemand irrtümlicherweise darauf wartet. Für mich persönlich habe ich mich entschieden lieber alleine weiter mit dem Text weiter zu gehen. Die Gründe wären zu vielfältig um sie hier im einzelnen zu erörtern. Dennoch lieben Dank für die Einladung dazu. Vielleicht später an anderer Stelle mal Zwinker
Thanasius Lakon
Auch von mir erstmal ein Hallo an alle. Ich hoffe wir werden hier einen (zumindest für alle Beteiligten) lehrreichen Thread produzieren und freue mich schon auf fruchtbare Diskussionen.

Vorab will ich noch kurz erwähnen, dass ich eigentlich immer nach der Suhrkamp Ausgabe zitieren werde. Wenn dadurch Unstimmigkeiten bei einigen Begriffen entstehen, bitte ich das anzusprechen.

Also dann, eine Einführung haben wir bereits: Es geht Hume darum, die Metaphysik vom Aberglauben und Irrtum zu befreien und zwar, indem er die mangelnde Eignung des Geistes für derartige Spekulationen nachweist. Man muss hier allerdings betonen, dass Hume dazu kein komplett neues empirisches System liefern will (wie Locke das getan hat, von dem Hume daher ausgeht). Er will lediglich „einiges Licht über Gebiete [verbreiten], deren Ungewissheit den Weisen und deren Dunkelheit den Unwissenden bisher abgeschreckt haben“ (s.25) Also dort weiterdenken, wo seine Vorgänger aufgehört haben.

Zitat:
Original von Drunken-Wisdom
“ Dass es Operationen im menschlichen Geist gibt, das bezweifelt Hume nicht. Aber warum eigentlich nicht?“


und

Zitat:
Original von Drunken-Wisdom
„Aber was berechtigt dazu, den Verstand in solch eine Verantwortung zu setzen.“


Dass wir die Operationen unseres eigenen Geistes letztlich auch nur durch unseren eigenen Geist beobachten können, könnte in der Tat ein Problem sein, denn wer gibt uns Gewähr für ihre Sicherheit und Richtigkeit?

Ich denke für Hume stellte sich diese Frage nicht, da er eben in der Tradition des Empirismus stand. Er ging deshalb davon aus, dass das was uns Sensation und Reflexion (äußerer und innerer Sinn) an Data liefern, zumindest bedingt den Dingen entspreche wie sie wirklich seien (und für uns eben die Wirklichkeit ausmachen), „Auch dürfen wir nicht Argwöhnen, dass diese Wissenschaft ungewiss und chimärisch sei, man müsste dann einem solchen Skeptizismus huldigen, der jede Forschung und selbst alles Handeln zerstört.“ (s.22)

Und ich gebe Hume recht, derartige Skepsis kann lediglich zu völliger Urteilsenthaltung führen. (das überschneidet sich mit kumpels Aussage)

Zitat:
Original von aqvileia
„worin äußerte sich seine Skepsis?“


Der vierte Abschnitt wird es spätestens zeigen!

@kumpel:

Zitat:
Original von kumpel
Die zitierte Stelle verstehe ich nicht und kann sie auch in Humes Text nicht wieder finden.


Das spielt auf die Stelle an, da Hume, nachdem er die spekulative Philosophie die ganze Zeit madig macht, einige ihrer Vorteile (besonders für den menschlichen Geist) aufzählt, und damit endet, dass man sie trotz aller unpraktikabilität doch nicht verwerfen solle. (Bei mir ist das Seite 17)
Thanasius Lakon
@Drunken-Wisdom:

Zitat:
"Ich tue mich schwer daran, den Verstand* als einziges Erkenntnisvermögen anzuerkennen. Aber es wirkt einleuchtend: Die Prinzipien sind dem menschlichen Geist gegeben. Erkannt werden sie durch den Verstand. Aber was berechtigt dazu, den Verstand in solch eine Verantwortung zu setzen.


Jetzt verstehe ich deinen Einwand erst! Du beziehst dich hier auf Unterscheidungen verschiedener Erkenntnisvermögen wie z.B. Kants Differenzierung zwischen Verstand und Vernunft oder? In diesem Fall wäre es natürlich wichtig zu definieren was man denn unter Vernunft nun versteht.

Ich glaube Hume hat da nicht so differenziert gedacht. Ich denke er fasst sämtliche Vermögen unseres Geistes (also alle Operationen die der Geist an unseren Ideen und Vorstellungen vornimmt - einschließlich Denken, Vergleichen, Abstrahieren etc.) unter dem Begriff Vernunft zusammen. Aber das ist zu diskutieren...
Devinus
Zitat:
Original von Thanasius Lakon
In diesem Fall wäre es natürlich wichtig zu definieren was man denn unter Vernunft nun versteht.


Ach ja? Diese Priorität sehe ich hier nicht also solche. Bist Du Deutschlehrerin (gewesen)?
karlchen
Es wäre sicher interessant, hier Kants Unterscheidung kurz darzustellen. Dann könnte man besser über die Bezüge diskutieren.

Interessant finde ich im Text auch die starke Stellung der Seele (s.aber auch letzten Absatz meines Beitrags ...) als Ort (Instanz) der Wahrnehmung, deren Empfindungstiefe der bloßen Sinnlichkeit oder gar Vorstellung weit überlegen sei. Wahrnehmung (perception) unterscheidet sich damit von den Tätigkeiten des Verstandes, der damit dem logos ähnelte oder entspräche.

Die Textstelle: ”Es kann nicht bezweifelt werden, dass der Geist mit verschiedenen Kräften und Tätigkeiten ausgestattet ist, dass diese Kräfte voneinander verschieden sind und das, was wirklich in der unmittelbaren Perzeption* verschieden ist, auch in der Reflexion unterschieden werden kann.” Und weiter: “...daß es folglich eine Wahrheit und Falschheit in allen Sätzen hierüber gibt, die nicht außerhalb des menschlichen Verstandesbereiches liegen.”... liest sich in der online-Version:

"Man kann nicht bestreiten, dass die Seele mit gewissen Kräften und Fähigkeiten ausgestattet ist; dass diese Kräfte sich von einander unterscheiden; dass das für die unmittelbare Wahrnehmung wirklich Verschiedene durch Nachdenken gesondert werden kann, und dass daher Wahrheit und Irrthum an allen Fragen dieses Gebietes haftet, und zwar eine solche Wahrheit und ein solcher Irrthum, die nicht jenseit des Bereichs des menschlichen Verstandes liegen...."

Geist und Seele synoym zu setzen, erscheint mir schon etwas gewagt ... und Falschheit und Irrtum in geringerem Maße auch nicht deckungsgleich.