Georg Heym: Die Sektion

Marki85
Der Tote lag allein und nackt auf einem Weißen Tisch in dem großen Saal, in dem bedrückenden Weiß, der grausamen Nüchternheit des Operationssaales, in dem noch die Schreie unendlicher Qualen zu zittern schienen. Die Mittagssonne bedeckte ihn und ließ auf seiner Stirn die Totenflecken aufwachen; sie zauberte aus seinem nackten Bauch ein helles Grün und blähte ihn auf wie einen großen Wassersack. Sein Leib glich einem riesigen schillernden Blumenkelch, einer geheimnisvollen Pflanze aus indischen Urwäldern, die jemand schüchtern vor den Altar des Todes gelegt hatte. Prächtige rote und blaue Farben wuchsen an seinen Lenden entlang, und in der Hitze barst langsam wie eine rote Ackerfurche die große Wunde unter seinem Nabel, die einen furchtbaren Duft ausströmte. Die Ärzte traten ein. Ein paar freundliche Männer in weißen Kitteln mit Schmissen und goldenen Zwickern.

Sie traten an den Toten heran und sahen ihn sich an, mit Interesse, unter wissenschaftlichen Gesprächen. Sie nahmen aus den weißen Schränken ihr Sezierzeug heraus, weiße Kästen voll von Hämmern, Knochensägen mit starken Zähnen, Feilen, gräßliche Batterien voll von Pinzetten, kleine Bestecke voll riesiger Nadeln, die wie krumme Geierschnäbel ewig nach Fleisch zu schreien schienen. Sie begannen ihr gräßliches Handwerk. Sie glichen furchtbaren Folterknechten, über ihre Hände strömte das Blut, und sie tauchten sie immer tiefer in den kalten Leichnam ein und holten seinen Inhalt heraus, weißen Köchen gleich, die eine Gans ausnehmen. Um ihre Arme wanden sich die Därme, grüngelbe Schlangen, und der Kot troff über ihre Kittel, eine warme, faulige Flüssigkeit. Sie stachen die Blase auf, der kalte Harn schimmerte darin wie ein gelber Wein. Sie schütteten ihn in große Schalen; er stank scharf und beizend wie Salmiak. Aber der Tote schlief. Er ließ sich geduldig hin- und herzerren, an seinen Haaren hin- und herraufen, er schlief. Und während die Schläge der Hämmer auf seinem Kopfe dröhnten, wachte ein Traum, ein Rest von Liebe in ihm auf, wie eine Fackel, die hinein in seine Nacht leuchtete. Vor dem großen Fenster tat sich ein großer weiter Himmel auf, gefüllt von kleinen weißen Wölkchen, die in dem Lichte schwammen, in der Nachmittagsstille, wie kleine, weiße Götter. Und die Schwalben reisten hoch oben im Blauen, zitternd in der warmen Julisonne. Das schwarze Blut des Todes rann über die blaue Fäulnis seiner Stirn. Es verdunstete in der Hitze zu einer schrecklichen Wolke, und die Verwesung des Todes kroch mit ihren bunten Krallen über ihn hin. Seine Haut begann auseinander zu fließen, sein Bauch wurde weiß wie der eines Aales unter den gierigen Fingern der Ärzte, die in dem feuchten Fleisch ihre Arme bis an die Ellenbogen badeten. Die Verwesung zog den Mund des Toten auseinander, er schien zu lächeln, er träumte von einem seligen Gestirn, von einem duftenden Sommerabend. Seine verfließenden Lippen zitterten wie unter einem flüchtigen Kusse. »Wie ich dich liebe. Ich habe dich so geliebt. Soll ich dir sagen, wie ich dich liebe? Wie du durch die Mohnfelder gingest, selber eine duftende Mohnflamme, hattest du den ganzen Abend in dich getrunken. Und dein Kleid, das um deine Knöchel bauschte, war wie eine Welle von Feuer in der untergehenden Sonne.

Aber dein Kopf neigte sich in dem Lichte, und dein Haar brannte noch und flammte von allen meinen Küssen. So gingest du dahin und sahst dich immer nach mir um. Und die Laterne in deiner Hand schwankte wie eine glühende Rose lange noch fort in der Dämmerung. Ich werde dich morgen wiedersehen. Hier unter dem Fenster der Kapelle, hier, wo das Licht der Kerzen herausfällt und dein Haar in einen goldenen Wald verwandelt, hier, wo sich die Narzissen an deine Knöchel schmiegen, zärtlich, wie zarte Küsse. Ich werde dich wiedersehen alle Abende um die Stunde der Dämmerung. Wir werden uns nie verlassen. Wie ich dich liebe! Soll ich dir sagen, wie ich dich liebe?« Und der Tote zitterte leise vor Seligkeit auf seinem weißen Totentische, während die eisernen Meißel in den Händen der Ärzte die Knochen seiner Schläfe aufbrachen.


Aus dem Novellenbuch "Der Dieb" von Georg Heym. In meinen Augen eine meisterliche Novelle des frühen Expressionismus.

(Die Novelle ist gemeinfrei, wie alle Werke von Georg Heym, darf also gepostet werden.)
Rebecca
Das ist fantastisch. Ich kannte Georg Heym nicht.

Freundliche Grüße
Rebecca winken
Marki85
Hier mal wieder ein Gedicht von Georg Heym, welches ich gerade für eine Seminarabreit im Hinblick auf die Farbverwendung analysiere. Man bedenke: Dieses Gedicht ist aus dem Jahr 1910, Heym hat nie einen Krieg miterlebt und er ist erst Anfang 20. Natürlich kann man ihm keine prophetische Gabe unterstellen, aber man bedenke den ersten Weltkrieg.

Zitat:

Nach der Schlacht

In Maiensaaten liegen eng die Leichen,
Im grünen Rain, auf Blumen, ihren Betten.
Verlorne Waffen, Räder ohne Speichen,
Und umgestürzt die eisernen Lafetten.

Aus vielen Pfützen dampft des Blutes Rauch,
Die schwarz und rot den braunen Feldweg decken.
Und weißlich quillt der toten Pferde Bauch,
Die ihre Beine in die Frühe strecken.

Im kühlen Winde friert noch das Gewimmer
Von Sterbenden, da in des Osten Tore
Ein blasser Glanz erscheint, ein grüner Schimmer,
Das dünne Band der flüchtigen Aurore.


Einiges Interessante der Analyse werde ich später posten.
ewig
Zitat:
Original von Marki85
Natürlich kann man ihm keine prophetische Gabe unterstellen, aber man bedenke den ersten Weltkrieg.

Wenn ich an den ersten Weltkrieg denke, würde ich eine prophetische Gabe angesichts von Heyms Szenerie gerade nicht unterstellen.
Marki85
@Ewig: Es geht hier nicht um eine streng naturalistische Darstellung von Szenen nach einer Schlacht. Allerdings hätte man das meiste Dargestellte auf den Schlachtfeldern des ersten Weltkriegs so oder ähnlich finden können.

Die Szenerie bezieht sich vermutlich auf den Deutsch-Französischen Krieg (1870/71) und wäre somit ein vaticine ex eventu.
glorin
Dachte immer Heym's Gedichte wären aus der Epoche Expressionismus und nicht Weimarer Reupublik. (?)
ewig
Zitat:
Original von Marki85
@Ewig: Es geht hier nicht um eine streng naturalistische Darstellung von Szenen nach einer Schlacht.

Wechsele mal nicht die Themenebene, natürlich geht es darum bei einer expressionistischen Darstellung nicht. Aber wenn mal die Prophetie schon in den Mund nimmt, könnte wenigstens trotzdem statt Pferden ein Schützengraben und statt der Lafette ein MG erwähnt sein. Überhaupt gäbe das ganze Getöse und die vollkommen beliebige Leiberzerfetzung durch die moderne Kriegsführung diesen fast idyllisch anmutenden Ansatz gar nicht mehr her, den Heym eben noch auszudrücken weiß. (Erinnert mich so sehr stark an There Will Come Soft Rains, worin allerdings die Szenerie gerade anläßlich der Overkill-Problematik noch einen sehr deutlichen Schritt weiter gedacht ist und erst deshalb wieder zur "Idylle" wird.)

Zitat:
Allerdings hätte man das meiste Dargestellte auf den Schlachtfeldern des ersten Weltkriegs so oder ähnlich finden können.

Irgendwo am Rande vielleicht schon, aber nicht dort, wo die festen Frontlinien vier volle Jahre hielten.

Zitat:
Die Szenerie bezieht sich vermutlich auf den Deutsch-Französischen Krieg (1870/71) und wäre somit ein vaticine ex eventu.

Ja, möglich. Ich nehme stark an, das ist einem Gemälde nachempfunden. Ich hatte sogar napoleonische Impressionen; diese 60 Jahre hat die Waffentechnologie wohl verschlafen.

Wie Glorin auf Weimarer Republik kommt, ist mir übrigens unerklärlich. Davon hat doch gar niemand etwas gesagt.
Marki85
@Ewig:
Pferde waren auch im ersten Weltkrieg noch weit verbreitet, ebenso wie Geschütze auf Lafetten montiert waren/sind. Außerdem gab es nicht NUR den Stellungskrieg den du beschreibst.

Der Ansatz ist weniger idyllisch als es zunächst den Anschein hat, eine pervertierte Idylle mag dargestellt sein, denn es überwiegt die Ruhe. Ich würde nicht behaupten, dass Heym ein Anhänger der Idylle ist, eher das Gegenteil ist der Fall, bedenkt man seine Stadtgedichte oder seine Gedichte über Kranke und Irre Zwinker .

Natürlich würde ich in keiner wissenschaftlichen Arbeit den Terminus Prophetie verwenden, da es Prophetie nicht gibt, aber im Hinblick auf den ersten Weltkrieg scheint mir vieles, was Heym schrieb zwar nicht prophetisch, im Rückblick aber sehr passend für das was kommt. Nicht zuletzt wünscht sich Heym auch sehnlich einen Krieg, wie aus seinen Tagebucheinträgen hervorgeht. ("Es passiert nichts nichts nichts etc. Gäbe es doch wieder einen Krieg etc." -nicht originaler Wortlaut)

"Leider" ist er ja zu früh im Eis eingebrochen, sonst wäre er wohl mit Begeisterung an die Ostfront gefahren, dort vermutlich umgekommen, oder mit anderer Sicht auf die Dinge zurückgekehrt, wie viele junge Menschen in seinen Kreisen.

Mit Prophetisch meinte ich also im Speziellen:
Heym Wünscht sich einen großen Krieg, er beschreibt in vielen Gedichten derartige Szenarien, und wenige Jahre nach seinem Tod (1912) kommt der erste Weltkrieg. Sein gesamtes Werk beschäftigt sich überwiegend mit dieser Thematik.
ewig
Zitat:
Original von Marki85
Mit Prophetisch meinte ich also im Speziellen:
Heym Wünscht sich einen großen Krieg, er beschreibt in vielen Gedichten derartige Szenarien, und wenige Jahre nach seinem Tod (1912) kommt der erste Weltkrieg. Sein gesamtes Werk beschäftigt sich überwiegend mit dieser Thematik.

In Ordnung.