Fallibilismus vs. Skeptizismus

Pippen
In diesem Thread soll versucht werden, beide Positionen gegeneinander abzugrenzen.

Was vertreten Falliblismus und Skeptizismus?

1. Tut mir leid, aber mE vertreten beide Positionen erkenntnistheoretisch die gleiche Aussage: "Alle Überzeugungen könnten falsch sein." Manchmal hört man von Fallibilisten auch, dass alle unsere Überzeugungen unsicher sind, was auf vorgehende Aussage hinausläuft. Der Skeptiker sagt dasgleiche, wenn es auf die Unerkennbarkeit der Wahrheit referiert.

2. Sie trennen sich im wissenschafts- und lebensphilosophischen Bereich. Für den Skeptiker hat seine Skepsis unmittelbare Folgen. Er verzichtet im Anschluss daran auf weiteren echten Wissenserwerb, tut alles als Schein ab und versucht, damit sein Leben (gemütlich) einzurichten. Mit der Skepsis endet es bereits für den Skeptiker. Der F. geht einen Schritt weiter: Er erkennt nämlich, dass trotz unseres erkenntnistheoretischen Dilemmas ein echter Wissens- und Wahrheitserwerb gerade auch nicht ausgeschlossen (nur nicht sicherzustellen) ist und versucht daher Prinzipien aufzustellen, nach denen wir unseren Erkenntnisfortschritt zumindest halbwegs nachvollzieh- und überprüfbar vermehren können, weil er dessen Wert für unsere Gesellschaft schätzt (wären wir alle Skeptiker, dann würden wir wohl heute alle noch in der Steinzeit leben).

Der F. ist daher eigentlich ein moderner Skeptiker. Modern in der Weise, dass er erkannt hat, dass auch Nichtwissen durchaus praktisch wertvoll sein kann (Viele wissen kaum, wie Laser funktionieren, trotzdem ist es eine dolle Erfindung, die unser Leben bereichert) und es daher trotzdem sinnvoll ist, weiter nach Erkenntnis zu streben, wenn auch mit einer gewissen ruhigeren Art.

Was haltet ihr von der Unterscheidung?
Nylen
Kleiner Einwand. Was Fallibisten wie Popper sagen ist das jede unserer Erkenntnisse falsch sein können, aber nicht alle zusammen!!
Wenn du sagst "Alle Überzeugungen können falsch sein" klingt das aber so als könnten alle Überzeugungen falsch sein. Jede einzelne für sich betrachtet könnte falsch sein, aber nicht alle zusammen.
Pippen
Zitat:
Original von Nylen
Kleiner Einwand. Was Fallibisten wie Popper sagen ist das jede unserer Erkenntnisse falsch sein können, aber nicht alle zusammen!!
Wenn du sagst "Alle Überzeugungen können falsch sein" klingt das aber so als könnten alle Überzeugungen falsch sein. Jede einzelne für sich betrachtet könnte falsch sein, aber nicht alle zusammen.


Danke für diesen scharfsinnigen Einwand, den ich schon mal irgendwo so gelesen habe. Allerdings kann das nach meinem Dafürhalten so nicht stimmen (ich habe mich allerdings nur mit Albert näher beschäftigt, d.h. andere F. wie Popper oder Pierce kenne ich überhaupt nicht):

Denn es wäre höchst inkonsequent, wenn der Fallibilismus auch nur eine Überzeugung, zB diejenige, dass nicht alles zusammen falsch sein kann, von seinem Unsicherheitsgedanken ausnehmen würde. Es würde für diejenige Überzeugung sofort wieder zum M. Trilemma kommen. Das würde nichts anderes bedeuten als dass auch die Aussage "Alles zusammen kann nicht falsch sein" selbst falsch sein könnte. Hans Albert war da recht klar und allumfassend. Ich gebe allerdings zu, dass ich noch NIE einen F. habe in dieser Hinsicht klare Worte finden sehen. Das bleibt alles im Nebulösen, so als ob einige da Angst vor ihrer eigenen Courage hätten.

Bedenke: Der F. sagt nur, dass alles auch falsch sein kann, d.h. diese Aussage kann selbst auch falsch sein, was schlicht der Fall wäre, wenn es bestimmte infallible Aussagen gäbe. Das wäre kein Problem für den F., nur der Beweis dürfte kaum gelingen, jedenfalls sieht es zur Zeit nicht gut aus smile .

Das finde ich sogar erkenntnistheoretisch zum Skeptiker differenzierend: Die Skeptiker haben sich immer auf ihre Weise immunisiert, in dem sie sich entweder ganz der Urteils enthielten haben oder Zirkelaussagen wie "Wir wissen nichts" bildeten. Der F. macht das nicht, sondern sagt ganz offen: "Alles kann falsch sein" und darüber kann ich mich natürlich auch ganz banal irren...und er kann das auch gut begründen, sei es über M. Trilemma oder die div. skept. Szenarien. Den Skeptiker kann man aus sprachlichen und logischen Gründen praktisch nie widerlegen, den F. schon (zumindest theoretisch).
Nylen
Nun du kennst Popper nicht ich bisher Albers nicht.
Nun Popper äussert sich so, jetzt mal frei aus dem Kopf zitiert.

Wir wissen nichts, wir raten!! Alles ist nur Vermutungswissen und reversibel.
Wir können uns einiger unserer Vermtungen so sicher sein wie das nur möglich ist, so dass ich lebe, das ich atme, das ich denke etc. Aber an solchem Wissen sind wir nicht interessiert sondern an Erkenntnis die über die Trivialitäten hinausgeht. Wie enstand das Leben, wie der Kosmus etc.
Bei allen nicht trivialen Erkenntnissen gilt sie sind nicht beweissbar, bestenfalls bestätigbar, und selbst das macht sie nicht irreversibel. Das heisst unsere bestenTheorien wie die Relativitätstheorie oder die Evolutionstheorie sind revidierbar, und möglicherweise sogar völlig falsch.
Fallibilismus ist die Lehre das wir uns in solchen nicht trivialen Fragen immer irren können und das zwingt uns dazu vorsichtig zu sein mit Wissensansprüchen, und zwingt uns selber nach Fehlern in unseren Theorien zu suchen.

Wie gesagt das ist frei zitiert aber kommt Popper sehr nahe.
Pippen
@Nylen: Aha, also Albert ist da radikaler. Denn in seinem Streit mit Otto Apel ging es u.a. um das Descartsche cogito, das Albert z.B. ebenfalls für fallibel hält (auch zur Logik äußerst er sich entsprechend).

Popper scheint da zurückhaltender zu sein. Allerdings - auch wenn ich ihn nie wirklich gelesen habe - fällt mir da eine Textstelle ein (ich glaube es war "Logik der Forschung"). Da zweifelt er nach meiner Erinnerung das cogito an in dem er ein Bsp. der Sherpas im Himalaya bringt, wo bei deren Strapazen Fiktion und Wirklichkeit verschwimmt. Vielleicht kennt jmd. diese Stelle und kann sie einordnen, zumal du selbst schreibst, dass er vertritt, dass "einiger unserer Vermutungen so sicher wie das nur möglich ist" seien, was ja durchaus noch Fallibilität bedeutet.

Wobei ich Popper da etwas softiness vorwerfen würde, Albert finde ich da konsequenter. smile
Nylen
Die Geschichte mit dem Sherpa geht so.

Der Sherpa behauptet steifund fest tot zu sein, obwohl er ja noch spricht und denkt. Man kann also falsche Überzeugungen haben bezüglich des Lebendigseins. Das ist aber nicht ganz eine bezweiflung des Cogito ergo sum.
Den genauen Kontext in dem Popper die Geschichte bringt müsste ich allerdings nachforschen smile

Das Albert radikaler ist, ist bekannt, und man könnte Popper inkonsequenz vorwerfen, aber er kannte ja Albert gut und seine Kritik, und hat sich bewusst für eine softere Variante entschieden.
Letztlich war Popper Rationalist, zwar kritischer, aber dennoch und dass heisst u.a. das es doch Dinge gibt...triviale wohlgemerkt, wo ein Irrtum nahezu ausgeschlossen ist, so dass ich dies grade tippe und nicht nur träume.
flores
Zitat:
Original von Pippen
Für den Skeptiker hat seine Skepsis unmittelbare Folgen. Er verzichtet im
Anschluss daran auf weiteren echten Wissenserwerb, tut alles als Schein ab
und versucht, damit sein Leben (gemütlich) einzurichten. Mit der Skepsis
endet es bereits für den Skeptiker.


Welchen Skeptiker meinst Du?

flores smile
Kai
Zitat:
Original von flores
Zitat:
Original von Pippen
Für den Skeptiker hat seine Skepsis unmittelbare Folgen. Er verzichtet im
Anschluss daran auf weiteren echten Wissenserwerb, tut alles als Schein ab
und versucht, damit sein Leben (gemütlich) einzurichten. Mit der Skepsis
endet es bereits für den Skeptiker.


Welchen Skeptiker meinst Du?

flores smile


Sich selbst! Er hält sich für den Skeptiker schlechthin. Die meisten Menschen, die sich als Skeptiker verstehen, werden ihm aber in vielen seiner Überspitzungen nicht folgen.

Pippen vertritt einen Absolutheitsanspruch und einen Alleinvertretungsanspruch. Der Skeptizismus gilt nach ihm absolut und grenzenlos und innerhalb dieses Forums ist er der Einzige, der den Skeptizismus konsequent vertritt.

Nach meinem Dafürhalten ist Pippen ein Dogmatiker reinsten Wassers. Sein Dogma ist der Skeptizismus.

Tatsächlich hat der Skeptizismus dort seine Grenze, wo es um das unmittelbar Daseiende, um die Erlebnisse des Moments, um die Bewusstseinsinhalte geht. Dies alles kann nicht in Zweifel gezogen werden. Dahinter geht es nicht mehr. Wenn man ein Bewusstsein um das unmittelbar Daseiende hat und darüber eine Aussage macht, dann hat man ein Stückchen Wahrheit.

"Zu sagen, das Seiende ist nicht, oder das Nichtseiende ist, ist falsch; zu sagen, dass das Seiende ist und das Nichtseiende nicht ist, ist wahr.“ Aristoteles

Darüber hinaus halte ich einen "negativen Evidentialismus" für überlegenswert. Beispiel: Dass die Märchen der Gebrüder Grimm wortwörtlich tatsächliche Ereignisse der Vergangenheit wiedergeben (Schneewittchen, Dornröschen etc.) kann mit Sicherheit ausgeschlossen werden.
Pippen
@flores: Damit meine ich die antiken Skeptiker. Heute vertritt sowas kaum noch jmd., auch ich nicht. Warum sollte man auch HEUTE noch sowas vertreten, wenn man 2500 Jahre Zeit hatte zu erkennen, dass es durchaus gut sein kann, wenn man nicht mit der Skepsis in die "Ataraxie" eingeht, sondern - aber eben nicht in dogmatischer Weise - weiterhin etwas "versucht".

@Kai: Erkenntnistheoretisch bin ich in der Tat Skeptiker; da sind Fallibilist und Skeptiker auch praktisch deckungsgleich. Dass ich irgendwelche Absolutheitsansprüche u.ä. vertrete ist natürlich Quatsch. Ich vertrete nur, dass nichts sicher als wahr oder falsch genannt werden kann, d.h. alles kann auch falsch sein. Das ist keineswegs absolut, denn diese Aussage kann selbstverständlich auch wieder falsch sein. Man kann hier natürlich varieren und provozieren, zB mit Aussagen wie "Alles ist falsch", die auf letztendlich dasgleiche rauskommen.

Tatsächlich hat die Skepsis keine Grenze (allerdings: auch GEGEN sich selbst). Deine Überlegung, die ziemlich das wiedergibt, was Otto the Apel mit seiner Transzendentalpragmatik vertritt, ist keinesfalls die Grenze. Es handelt sich dabei um ein "so ist es eben, tiefer können wir nicht mehr denken" bei dem dann einfach Wahrheit angenommen wird. Rational ist das nicht mehr begründbar, eben weil man nicht begründen kann, warum das "Erlebnis des Moments" wahr sein soll. Wenn ich ganz frech das Gegenteil behaupte, steht Aussagen gegen Aussage. Man kann sehr wohl das "Erlebnis des Moments" als nicht mehr SINNVOLL bezweifelbar ansehen - mit guten Gründen. Aber deshalb wird der Moment keineswegs unbezweifelbar und auch die eigentlichen Problem werden ganz banal verdeckt....

Das ist eben das Problem aller Pragmatiker: Ihr Pragmatismus verdeckt das weiterhin bestehende Problem. Solange das so offengelegt wird, ist das kein Problem...Probleme enstehen erst dort, wo so getan wird als gäbe es gar kein Problem mehr wie bei Wittgenstein.
Nylen
Das Problem ist das du mit deinem wahr oder falsch wie du es verwendet im geistigen Bereich umheriirst. Du bist in der Sprache gefangen ohne die Welt zu sehen wie sie primär erstmal ist.
Primär ist erstmal der Schein, der uns umgibt, den wir der Einfachheit halber einfach mal Realität nennen. In wichtiger Hinsicht gehören damit Atome nicht zur Realität nur um klar zu machen auf welcher Ebene wir uns befinden.
Wahrheit ist nun primär erstaml die Übereinstimmung einer Behauptung oder Aussage mit der Realität.
Die aufgestellte Behauptung, die Tatsache in ihrer sprachlichen Form muss mit dem Sachverhalt, der Realität übereinstimmen.

Aber deine Allgemeinsätze, wie "Alles kann falsch sein" berühren die Welt gar nicht, also nicht die Realität. Sie stellen gar keine Behauptungen über die Welt dar, also über Sachverhalte, sondern über reine, ideele Tatsachen.

Ein moderner Skeptiker sollte wohl unterscheiden zwischen der Prüfbarkeit einer Behauptung oder Aussage, in Bezug auf die behauptete Tasache oder der dafür zugrunde liegende Sachverhalt.

Sicherheit ist etwas unwichtiges, aber wir können uns der Realität im engen Sinne des von uns wahrnehmbaren durchaus sicher sein. So bin ich mir sicher, dass die Sonne morgen aufgeht. Ich bin mir sicher zu leben, zu atmen, Mitmenschen zu haben etc.

Unsicher ist alles was über meine subjektive Wahrnehmung hinausgeht. Die unsichere Zone ist was Popper Welt 3 nennt. Und du bewegst dich mit deinen logischen Aussagen rein in Welt 3.

Poppers Fallibilismus ist keine Realitätskepsis. Im gegenteil Popper und ich sind metaphysische Realisten. Dass heisst. Jeder muss für sich entscheiden welcher metaphysischen Ausrichtung er angehören will.
Weder der Idealismus, der überspitzt behauptet alles sei möglicherweise nur eine Art Traum, virtuelle Welt oder ähnliches, noch der Realismus, also der Glaube es gäbe die oben genannte Realität, unabhängig von uns, lässt sich wiederlegn.
Und keine von beiden lassen sich beweisen. Es ist also eine Entscheidung pro und Contra, die wir fällen müssen. Ich halte es für eine ethische Frage. Welche Position ob Idealist oder Realist, hat Konsequenzen. Ich habe mich bewusst für den metaphysischen Realismus entscheiden. Metaphysisch ist er da nicht bewiesen oder wiederlegt werden kann.
Die Idealisten machen mir den Fehler das Subjekt über das Objekt zu stellen. Wir erschaffen die Objekte. Wir konstruieren unsere Wirklichkeit etc etc...Ich kenne den Idealismus ja gut, und vieles ist schon richtig daran. Aber alle Idealisten nehmen den Menschen und die Sprache zu wichtig. Sie bwegen sich in sprachlichen Konstrukten. Gefangen in Rätseln weil sie Wittgensteins, das Rätsel gibt es nicht, nicht verstanden haben.

Also Realitätsskepsis und Erkenntnisskepsis ist niemals eine Radikalskepsis.
Bei jeder Behauptung die sinnvoll erhoben werden kann, muss es eine Prüfmöglichkeit geben, wenigstens im Prinzip. Sie muss an der Realität scheitern können. Das ist die entscheidene Position des Fallibilismus. Nicht nichts zu wissen, oder Wissen zu können. Sondern das wir methodisch nach den Fehlern in unseren Behauptungen suchen, und das wir sie an der Realität prüfen.

Und deshalb gefallen mir zwar deine Posting, lieber Pippen und ich antworte gerne darauf, aber wiederhole den Vorwurf, gefangener der Sprache und der Logik zu sein, und das du dich metaphysisch entscheiden musst. Idealist oder Realist smile
Pippen
Zitat:
Original von Nylen

Wahrheit ist nun primär erstaml die Übereinstimmung einer Behauptung oder Aussage mit der Realität.
Die aufgestellte Behauptung, die Tatsache in ihrer sprachlichen Form muss mit dem Sachverhalt, der Realität übereinstimmen.


So definiere auch ich als Ausgangspunkt die Wahrheit. (Allerdings sei erwähnt, dass diese Defintion von Wahrheit bei mir selbstredend auch nur vorläufig und hypothetisch sein kann, denn auch dafür gilt ja nach meiner Sicht Fallibilität.)

Zitat:

Aber deine Allgemeinsätze, wie "Alles kann falsch sein" berühren die Welt gar nicht, also nicht die Realität. Sie stellen gar keine Behauptungen über die Welt dar, also über Sachverhalte, sondern über reine, ideele Tatsachen.


Hier muss ich dir widersprechen. Mein Allgemeinsatz, dass alles falsch sein kann, berührt sehr wohl die Welt. Denn es gilt: Wenn alles falsch sein kann, dann gilt: Es kann falsch sein, dass morgen die Sonne aufgeht oder es keine lila Schwäne gibt oder Katzen, die sprechen können. Das sind doch klare Aussagesätze über die Welt, die sich da aus meinem Allgemeinsatz ableiten lassen.

Zitat:

Ein moderner Skeptiker sollte wohl unterscheiden zwischen der Prüfbarkeit einer Behauptung oder Aussage, in Bezug auf die behauptete Tasache oder der dafür zugrunde liegende Sachverhalt.


Und da liegt die Krux. Die endgültige Prüfbarkeit jeder Aussage - ob nun in Bezug auf die Tatsache der Behautung der Aussage selbst oder den dafür zugrunde liegenden Sachverhalt - ist nicht möglich bzw. führt zu unendlichen Regressen, Abbrüchen oder Zirkeln. Unser "Kopf" versagt und gibt das auch gleich noch zu, irgendwelche Überzeugungen als 100% sicher zu verifizieren.

Hat man das einmal erkannt, dann geht es schnell: Denn dann "weiß" man, dass man mit Sprache & Logik kaum erfolgreich sein wird. Erst dadurch kann man das tun, was du ja zu Recht anmahnst: Sich davon befreien und die Welt wieder naiver bzw. funktionaler anzusehen wie sie ist und seinen Geist nicht überwichtig zu nehmen und sich dadurch im Kreise zu drehen. Dadurch wird man am Ende kritischer Idealist oder Realist, d.h. man entscheidet sich eigentlich für irgendwas, dass halbwegs funktioniert und begründbar ist, aber eben ohne sich darüber in naiver Sicherheit zu wiegen und dadurch mit der Möglichkeit, Fehler schneller akzeptieren zu können. Damit kommt man nicht nur recht gut durchs Leben, sondern - und das war und ist immer mein Punkt der Erkenntnistheorie - vermeidet ein Leben im Irrglauben (sozusagen in der platonische Höhle) so gut es geht (leider - und das ist das tragische - kann man es eben gerade nicht wirklich vermeiden, weshalb ich auch von meinem Hirn enttäuscht bin, Fragen zu stellen bei denen nix rauskommt *g*).

Ich bin daher wie du: Ich bin mir (psychologisch) sicher, dass morgen die Sonne aufgeht. Aber erkenntnistheoretisch weiß ich, dass ich meinem Urteil nie ganz vertrauen KANN, weil mein Erkenntnisapparat das nicht hergibt, aber wenigstens so freundlich/zynisch ist, mir das mittzuteilen, nämlich dass er es nicht hergibt...das freilich spielt im praktischen Leben keine Rolle.
Nylen
Dann ist alles in Ordnung Freude

Nur ein Einwand.
Zitat:

Es kann falsch sein, dass morgen die Sonne aufgeht oder es keine lila Schwäne gibt oder Katzen, die sprechen können.


Das Problem ist würde Popper das du von Begriffen, Wörtern und Einzelsätzen gefangen bist, nicht wie du solltest von Theorien.

Das die Sonne morgen aufgeht, sagt mir meine Theorie der Sonnenbewegung, aufgrund der Erklärung das sich die Erde konstanten Tempos um die Sonne beweget etc etc.

Das sind sozusgane millionen von Sätzen. Das morgen geht die Sonne nicht auf ein falscher Satz ist ist natürlich leicht prüfbar und somit eine Aussage über die Welt, aber eine von der wir jetzt schon gewiss sein können, aufgrund der Erklärung bzw Theorie die wir haben. Natürlich brauchen wir solche prüfbaren Erklärungen um einezelne Aussagen wie deine zu prüfen.

Unsere Theorien und Erklärungen sind jeder Einzelsatzbehauptung weit überlegen. denn sie schliessen bestimmte Sätze erfolgreich aus.

Epistemologisch hast du Recht. Du kannst nicht sicher wissen, dass morgen die Sonne aufgeht. Aber was heisst denn das für Leben. Du sagst wir würden aus pragmatischen Gründen in etwas zurückfallen was wir nicht bezweifeln. Aber es sind auch Vernunftgründe, theoretische Vernunftgründe die uns zu einem kritischen Rationalismus führen wie Popper und Abert ihn verkündet haben.
Pippen
Zitat:
Original von Nylen

Epistemologisch hast du Recht. Du kannst nicht sicher wissen, dass morgen die Sonne aufgeht. Aber was heisst denn das für Leben. Du sagst wir würden aus pragmatischen Gründen in etwas zurückfallen was wir nicht bezweifeln. Aber es sind auch Vernunftgründe, theoretische Vernunftgründe die uns zu einem kritischen Rationalismus führen wie Popper und Abert ihn verkündet haben.


Ja, nur das ich kaltherzig klarstelle: Das was du und andere Vernunft nennen, das ist nichts anderes als ein pragmatisch arbeitendes Gehirn, dass einsieht, dass es nichts mit Sicherheit einsehen kann und daher in einem anderen "Modus" weiteroperieren muss, will es nicht "verrückt" werden.

Wie man es seit Äonen auch dreht und wendet: Unsere Vernunft kann Fragen stellen, die sie nicht (sicher) beantworten kann und unsere einzigste Lösung bis dato ist es, diese Fragen auf sich beruhen zu lassen und zu dem zurückzukehren, wofur unsere Vernunft geschaffen wurde: Fragen (für ein erfolgreiches Leben) zu beantworten, nicht Fragen (für ein perfektes/gottähnliches Leben) zu beantworten. D.h. unsere Vernunft selbst sagt uns eigentlich unentwegt, dass man das mit dem Philosophieren sein lassen soll, weil es unsinnig ist, aber wir haben eben zuviel Zeit *g*.
kumpel
Ich glaube welchem "Ismus" man anhängt hat oft mehr mit Psychologie zu tun als mit Vernunft. Sonst dürfte es nur einen einzigen geben. Aber Denken, Fühlen und Handeln kann man nie ganz trennen, da gibts immer Wechselwirkung. Der eine denkt lieber Beruhigendes, ein anderer lässt sein Denken beunruhigen und heraus kommen meinetwegen Rationalismus und Skeptizismus.
Warum also darüber streiten? Ich werfe jemanden ja auch nicht vor, dass er weint wenn er traurig ist.
(sorry, ist jetzt alles etwas wischiwaschi ausgedrückt, aber man kann erahnen was gemeint ist)
Pippen
Ich habe einmal versucht, die zentrale erkenntnistheoretische Argumentation des Fallibilismus so prägnat wie möglich zusammenzufassen und würde euch um Meinungen und Verbesserungsvorschläge bitten. Insbesondere würde mich interessieren, ob für euch der Fallibilismus und der antike Skeptizismus in ihrer theoretischen!!!! Hinsicht verschieden sind, was ich verneine, und was sich auch aus folgenden Ausführungen, die doch sehr an Agrippa's Regressargument erinnern, ergeben dürfte:

Wir führen als zunächst die Variable Ü für eine beliebige Überzeugung und w/f für die Wahrheit oder Unwahrheit einer Überzeugung ein. Wir führen folgende (nicht ganz banale) Prämissen ein: Wer Üw behauptet, der muss in der Lage sein, seine Behauptung zu begründen. Denn ansonsten könnte man einfach – ebenso begründungslos – Üf behaupten und es wäre nicht einzusehen, wer Recht hätte. Wenn Üw mit Ü1 begründet wird, dann muss auch Ü1 begründet werden. Denn ansonsten könnte man einfach – ebenso begründungslos – Ü1f behaupten und es wäre nicht einzusehen, wer Recht hätte. Wäre Ü1f, dann wäre Üw nicht mehr begründet, weil aus Falschem nicht zwingend Wahres folgt. Aus o.g. Gründen folgt die Erforderlichkeit einer ununterbrochenen Begründungskette für Uw. Die Simulation dieser Praxis sei das beständige Nachfragen mit „Warum?“ und „Woher?“.

Es wird (als wahr) behauptet, dass für alle Ü gilt: Entweder der ganze Vorgang des Begründens geht unendlich lang oder irgendwelche Üx müssen irgendwann irgendwo irgendwie begründungslos als Üxw unterstellt werden. In beiden Fällen wird Ü nicht (vollständig und damit gar nicht) begründet. Wenn aber Ü unbegründet bleibt, dann können wir nicht irrtumsfrei wissen (erkennen), ob sie wahr oder falsch ist. Wir behaupten daher, dass es wahr sei, dass wir unsere Überzeugungen nicht als wahr oder falsch erkennen können.


Hier sieht man übrigens auch sehr schön, warum Pyrrhon irrte als er die Skepsis auch als Lebenshaltung propagierte und warum der Fallibilist Recht hat, wenn er trotz dieses niederschmetternden Ergebnisses "am Ball bleiben will" (und vielleicht höchstens ein bisschen der Ataraxie mitnimmt Zwinker ). Denn es wird klar, dass auch unsere Unerkennbarkeit der Wahrheit lediglich eine als wahr angenommene Behauptung ist, die eben auch falsch sein kann, so dass es töricht wäre, darauf ein Leben oder Erkenntnisgebäude zu bauen als ob es infallibel wäre (und das tun die antiken Skeptiker, wenn sie quasireligiös aus der Gesellschaft faktisch ausscheiden und einen auf "Pyrrhon" machen).
Pippen
Hier eine noch prägnantere Version, an der man erkennt, wie flexibel Skepsis sein kann, in dem sie sogar das Konzept der Wahrheit noch abstrahieren kann:

Wenn ich behaupte, eine meiner Überzeugungen habe irgendeinen metasprachlichen Wert, sei z.B. wahr, dann muss ich in der Lage sein, diese Behauptung zu begründen. Denn ansonsten könnte ich oder ein anderer mit gleichem Recht – ebenso begründungslos – das Gegenteil des jeweils behaupteten Wertes der Überzeugung behaupten, so dass für mich ein Irrtum nie auszuschließen wäre. Diese Begründung müsste aber den jeweils behaupteten Wert meiner Überzeugung logisch zwingend stützen können, z.B. selbst wahr sein, weil aus Falschem nie zwingend Wahres folgt, damit ein Irrtum meiner Behauptung über den Wert meiner Überzeugung auszuschließen wäre. Will ich beiden Anforderungen genügen, müsste ich entweder den Vorgang des Begründens unendlich lang fortführen oder irgendwann irgendwie irgendwo abbrechen. In beiden Fällen werden die beiden o.g. Anforderungen nicht erfüllt, so dass ich zu dem Schluss kommen muss, dass ich mich hinsichtlich aller meiner Überzeugungen irren kann (was nicht heißt, dass das auch der Fall ist oder ich nicht wahre Überzeugungen, vielleicht sogar gut begründete, habe).
Pippen
Bitte meine beiden Vorgängerbeiträge löschen!

Ich habe einmal versucht, das theoretische Konstrukt des F. auf den Punkt zu bringen. Dabei zeigt sich mE, dass de Falliblismus nichts weiter ist als eine moderne skeptisch-pyrrhonische Schule, die aus der Unmöglichkeit sicheren Wissens dann nur einen anderen pragmatischen Schluss zieht.

Here we go:

Wenn ich behaupte, eine meiner Überzeugungen habe irgendeinen metasprachlichen Wert, sei z.B. wahr, dann muss ich in der Lage sein, diese Behauptung zu begründen. Denn ansonsten könnte ich oder ein anderer mit gleichem Recht – ebenso begründungslos – den jeweils behaupteten Wert der Überzeugung bestreiten und es bestünde kein Grund, an meine Behauptung mehr zu glauben als an einen Irrtum. Weil auch diese Begründung eine meiner Überzeugungen wäre, müsste auch sie begründet werden. Denn ansonsten bestünde kein Grund, an die Begründung meiner Behauptung mehr zu glauben als an einen Irrtum (bei der Begründung), dessen schiere Möglichkeit schon aus logischen Gründen ausschließen würde, dass ich meine Behauptung irrtumsfrei begründen und damit erkennen könnte. Will ich dieser Anforderung genügen, müsste ich entweder den Vorgang des Begründens unendlich lang fortführen oder irgendwann irgendwie irgendwo abbrechen. In beiden Fällen wird die o.g. Anforderung nicht erfüllt, so dass ich zu dem Schluss kommen muss, dass ich mich hinsichtlich aller meiner Überzeugungen irren kann (was nicht heißt, dass das auch der Fall ist oder ich nicht wahre Überzeugungen, vielleicht sogar gut begründete, habe).