| Zitat: |
Original von glorin
Als Diogenes über den Markt ging, rief er aus: "Menschen kommt zu mir!" Die dahineilenden Menschen, die sich nun ihm zuwendeten und näherten schrie er nun entgegen: "Menschen habe ich zu mir gerufen, nicht Abschaum!" |
Die Wikiquote schreibt da etwas anderes:
"Ich suche einen Menschen" (
http://de.wikiquote.org/wiki/Diogenes_von_Sinope)
Das macht auch mehr Sinn. Im ersten Fall fordert Diogenes auf, dass bestimmte Menschen zu ihm kommen sollen. Da macht er quasi die Festlegung, wer ein Mensch ist, indem er sie anspricht. Im zweiten Fall aber müssen diejenigen, die auf Diogenes antworten wollen, selber entscheiden, ob sie Menschen sind oder nicht. Und dann erst "entscheidet" Diogenes, ob sie seiner würdig sind.
Wichtiger ist aber die Essenz dieser Anektode. Wer kennt das nicht? Man schlendert gemütlich durch die Stadtmitte, und überall sieht man Individuen, Existenzen und Leute. Aber nirgendwo ist ein Mensch zu sehen! Ich halte diesen bissigen Aufruf des Diogenes keineswegs für eine Beleidigung, sondern vielmehr für eine Aufforderung zu überprüfen, ob man dem Menschsein gerecht wird.
Und wenn ich die Lehre des Kynismus wenigstens im Kern verstanden habe, dann geht es darum, sich von dieser Welt bezüglich seines eigenen Gemütszustandes zu befreien, also die Ereignisse nicht an sich heranzulassen. Im Gegensatz zum Zyniker aber wirkt der Kyniker auf diese Welt ein und möchte sie verbessern, bloß eben ohne selbst dabei in seinem Streben nach Tugend gehindert zu werden. Ich verstehen das so: Wenn man an einem Obdachlosen vorbeikommt, dann darf einen das Leid desselben in keinster Weise berühren. Im Gegenzug aber läuft man nicht einfach vorbei, sondern überlegt, wie man die Situation verbessern kann (entweder man läd den Obdachlosen zum Essen ein, oder gründet ein Obdachlosenheim o.ä.). Dagegen sieht die Sache beim Zyniker so aus: "Ein Mensch ist gerade am ertrinken. Er schreit: " Hilfe ich kann nicht schwimmen.' Da kommt ein Zyniker vorbei und sagt: 'In solch einem Moment auch noch damit zu prahlen.' "
Die Spannweite von Kynismus zu Zynismus ist m.E. nach nicht groß. Nämlich dann, wenn man feststellt, dass man gegen die Missstände dieser Welt nichts tun kann. Der Kyniker würde versuchen, die Massentierhaltung abzuschaffen, weil er um deren Abartigkeit weiss. Er lässt sich davon in seiner Tugend aber nicht beeinflussen. Der Zyniker dagegen weiss, dass er gegen die Massentierhaltung so gut wie nichts tun kann, und das macht ihn fertig. Aus dieser Hilflosigkeit entspringt der Spott gegen diese Welt,
um diese Welt ertragen zu können.
Ich glaube, die meisten Menschen sind in der Hinsicht Kyniker, als dass sie sich durch die Übel der Welt nicht in ihrem Sein stören lassen. Das sehe ich aber eher als angeborenes Schutzverhalten. Man könnte ja keinen Schritt mehr gehen, wenn man sich beständig vor Augen halten würde, wie es um diese Welt steht.