carsten aus bochum
Nirgends wird die Katastrophe, die monologische Wissenschaft zu nehmen und zu versuchen, sie zu einem vollständigen „Neuen Paradigma“ zu machen, offensichtlicher, als bei den Schriftstellern und Theroretikern, die sich mit „Neuer Physik und Mystik“ befassen. Es sind ihrer zu viele, um sie hier aufzählen zu können. Wenn Reduktionisten eine spirituelle Erfahrung machen (etwas, was in Physikbüchern meist nicht vorkommt) wirkt dies gewöhnlich als Ansporn, Philosophie zu verbrechen, und das Ergebnis ist nichts für Leute mit schwachen Nerven. Ganz gleich wie löblich die Absichten auch sein mögen, die meisten dieser Theorien – die das Thema ausspinnen, die „Neue Physik“ (Quanten- und Relativitäts-) unterstütze/suggeriere/beweise eine mystisch-einheitliche Weltsicht – sind verunstaltet durch den Versuch, einfach das monologische Flachland-Paradigma in dialogische und translogische Bereiche auszuweiten (eine Ausdehnung des Flachland-Ansatzes nach dem Motto „Das Essen bleibt schlecht, nur die Portionen werden größer“). Meist nehmen sie bestimmte mathematische Formalismen (besonders die Wellenfunktion Schrödingers und ihr Kollabieren bei der Messung) und interpretieren sie sehr großzügig (trotz der Tatsache, dass die Physiker selbst sehr gespaltener Ansicht darüber sind, wie diese Formalismen zu interpretieren sind), und dann verheiraten sie diese sehr ungenaue und großzügige Interpretation mit ihrer oft ebenso freien Interpretation der mystischen Spiritualität. Dabei kommt dann etwas heraus wie: Die neue Physik unterstützt oder beweist sogar eine mystische Weltsicht. (Physik und Mystik werden zu Geschwisterkindern erklärt, obwohl wir alle wissen, was geschieht, wenn Cousin und Cousine heiraten.) Die Inzucht-Ehe wird natürlich sofort „das Neue Paradigma“ genannt, und absolut alles andere wird beiseite gewischt und das Neue Zeitalter verkündet. Danah Zohar: „Die Idee der ‚Quanten-Gesellschaft‘ entspringt der Überzeugung, dass sich aus unserer Beschreibung der Quantenrealität ein völlig neues Paradigma ergibt und dass man dieses Paradigma ausweiten kann um unsere Wahrnehmung von uns selbst und der sozialen Welt in der wir leben möchten, radikal zu verändern. Ein weitreichenderes Verständnis der Quantenrealität kann uns jene gedanklich Grundlage geben, die wie brauchen um eine Revolution in der Gesellschaft hervorzubringen“ (The Quantum Society). Formalismen, die die niedrigsten, seichtesten, unbewusstesten, am wenigsten in die Tiefe gehenden Holons beschreiben, die es nur gibt, „auszuweiten zu einem Paradigma“, das dialogischen, intersubjektiven, kulturellen Austausch umfassen soll, der auf gegenseitigem Verständnis und auf gegenseitiger Erkenntnis beruht: das ist mehr als ein Quantensprung, es ist ein Glaubenssprung, der ins Guiness Buch der Rekorde gehört. Quanten-Formalismen können nicht einmal die Grundlagen der Biologie und der Autopoiese erklären und schon gar nicht Ökonomie, Psychologie, Literatur, Poesie, Moral und Ethik, um nur einige wesentliche Bereiche zu nennen. Aber Physiker sind so daran gewöhnt zu denken, dass „das Grundlegendste“ gleichzeitig „das Bedeutendste“ bedeutet, dass die glauben, alle höheren Ebenen von Wissen seien in den oberflächlichsten Holons begründet. Sonst halten sie sie für gar nicht begründet. Daher die fortwährende Neigung, die Physik (wie phantasievoll interpretiert auch immer) auf alle beliebigen Bereiche direkt „auszuweiten“. So verkündet Fred Allen Wolf: „Ich glaube, dass die Quantenphysik, die mächtigste und exakteste Wissenschaft [ist], die bis heute erdacht wurde“ – beachten Sie den Begriff „mächtigste“: das bedeutet immer vorhersagekräftigste, und es bedeutet, dass die fortgeschritteneren rekonstruktiven Wissenschaften eingeebnet wurden, zu den allerseichtesten Wissenschaften, die man sich vorstellen kann: Aber das macht nichts, denn diese „mächtigsten Wissenschaften“ sagt Wolf, „werden die Grundlagen für die Bildung einer neuen Psychologie darstellen – einer wahren humanistischen Psychologie“. Das tut einfach weh, und es ist eine Ansicht, die in keiner Weise auf Dr. Wolf beschränkt ist. Eine wahre humanistische Psychologie kann nur auf Prozessen des intersubjektiven Verstehens und gegenseitiger Anerkennung aufgebaut werden, worüber die Quantenphysik aber auch gar nichts zu sagen weiß. Diese Ausweitung der Hegemonie des Monologischen und des aggressiven, sogar gewalttätigen Reduktionismus leidet an beiden Enden der Reduktion (und überall dazwischen). Nicht nur wird automatisch angenommen, dass die Realität in ihren wesentlichsten Aspekten um jene Holons kreist, die in Wirklichkeit am wenigsten bedeutend sind. Auch die Mystik selbst – es gibt mindestens vier äußerst verschiedene Arten von Mystik, wie wir gesehen haben – wird homogenisiert zu einer Art Einheitsbrei oder dynamischem Geflecht oder Quanten-Vakuum (oder ähnlich kreativen Deutungen des mathematischen Formalismus), und die beiden homogenisierten Konglomerate („Quanten“ und Pseudo-„Mystik“) werden zusammengemanscht und als etwas präsentiert, was alle möglichen Aspekte abdeckt. Abgesehen davon, dass dabei die beiden heißen Enden des Spektrums der Existenz (Physis und Theos) verzerrt werden, wird alles dazwischen ausgeweidet. Fred Alan Wolfs von Drogen ausgelöste mystische Erfahrung führte ihn zu der verblüffenden Erkenntnis: „ Ich habe mich auf diese Suche begeben [mit Hilfe der psychedelischen Ayahuasca-Liane], um den Schamanismus vom Standpunkt der Physik zu verstehen. Dabei habe ich entdeckt, dass er von Standpunkt der Physik allein nicht verstanden werden kann.“ Ein solches Statement kann nur ein hingebungsvoller Reduktionist abgeben. Schamanismus beiseite: Nicht einmal die Biologie kann „vom Standpunkt der Physik allein verstanden werden“, ebensowenig Kunst oder Ökonomie oder Psychologie oder Soziologie ... Dass die Physik sich nicht auf den Standpunkt des Schamanismus anwenden lässt, sollte seine kleinste Sorge sein, aber es verblüfft Dr. Wolf grenzenlos, dass die Physik hier nicht greift. Mit seiner Verblüffung stellt sich Dr. Wolf in eine lange Reihe bekümmerter Physiker.
(Ken Wilber, Eros Kosmos Logos, 1995, dt. Krüger 1997, S. 779ff)
(Ken Wilber, Eros Kosmos Logos, 1995, dt. Krüger 1997, S. 779ff)
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