Ethisch gesprochen

Integralagent
Wo beginnt Ethik? Ich meine, jeder kann anhand eines konkreten Beispiels mit einiger Sicherheit begründen, ob es sich um einen ethisch relevanten Sachverhalt handelt oder nicht. Wie dem jetzt begegnet wird, kann einen deontologischen oder teleologischen Verlauf nehmen, das ist hier erst einmal nebensächlich.
Meine Frage: Ist es möglich, dass Ethik kaum mehr ist als eine Art zu sprechen, um bestimmte Situationen, die in einem Spektrum von Möglichkeiten auftauchen können, angemessen zu beschreiben?
Dabei möchte ich gar nicht so sehr darauf eingehen, wie im konkreten Fall die vorgeschlagene Handlungsdevise lautet, was eine moralische Frage wäre und sich aus der zugrundeliegenden Ethik ergibt.
Die zweite Frage: Wo fängt es an Sinn zu machen sich einer ethischen Sprache zu bedienen, und wo hört es auf? Z. B. kann es kaum ethisch verhandelbar sein, ein Bild von der Wand zu nehmen. Aber ist es noch eine Sache der Ethik zu bestimmen, ob öffentlicher Drogenkonsum, ohne negative Nebenwirkungen (vgl. Aldous Huxleys Soma in 'Brave New World') ethisch vertretbar ist oder nicht? Also die Frage ist vielmehr, wie viel Welt eine ethische Grammatik abdeckt oder zu beschreiben in der Lage ist (das mag sehr wohl evolutionsbiologische Gründe haben) als wie sehr ethische Konventionen durch Geschichte, Diskurs à la Foucault oder Herrschaftsverhältnisse (wie noch Nietzsche dachte) Reaktionsschablonen vor-prägen.
Wie denkt ihr dazu?
carsten aus bochum
Hi Integralagent.

Im allgemeinsten Sinn beginnt Ethik dort, wo ich andere wahrnehme, in der Art, dass sie Praktiken und Vorstellungen (Weltbilder) haben, die von meinen abweichen und mit den meinen in Konflikt geraten.
Wenn man sich dann bemüht die Sache zur allgemeinen Zufriedenheit zu regeln, beginnt Ethik.
Streng genommen natürlich auch dort, wo man sich einfach auf das Recht des Stärkeren beruft, nur wären das eher niedere Vorstellungen einer Ethik.

Gruß,

Carsten
glorin
Ethik beginnt da, wo du etwas Wertest. Wann begonnen wird etwas zu werten ist bei jedem Individuen unterschiedlich.
Somit kann diese bei deinem Beispiel mit dem Bild schon beginnen:
Warum wurde ausgerechnet dieses Bild abgehängt und kein anderes?
Warum wurde überhaupt ein Bild abgehängt.
[...]

Somit ist Ethik immer nur eine Wertung eines Sachverhaltes. Dieser wird meistens unterschiedlich Wahrgenommen und bewertet. Trotzdem kann man diesem ein Schema abgewinnen. Dieses ist geprägt durch Region, Religion, Erziehung, ect.


Zitat:
Ist es möglich, dass Ethik kaum mehr ist als eine Art zu sprechen, um bestimmte Situationen, die in einem Spektrum von Möglichkeiten auftauchen können, angemessen zu beschreiben?


Um deine Frage zu beantworten: Ethik ist nicht nur dafür da um etwas zu beschreiben. Sonder viel mehr (um es in deinen Worten auszudürcken):
Ethik ist kaum mehr als eine Art zu sprechen, um bestimmte Situationen, die in einem bestimmten Spektrum von Möglichkeiten auftauchen können, angemessen zu Werten.

Was meint denn nun angemessen zu Werten? Dies ist eigentlich recht einfach zu verstehen: Es werden verschiedene Situationen mit einander verglichen. Aus den Parralelen und Unterschieden von möglichst vielen solchen Situationen wird ein normal Wert errechnet. Nur wird jede weitere Situation mit dem normal Wert verglichen. Aus dem Ergebnis diesen Wertes (negativ, positiv, oder gleich) wird nun abgeleitet wie diese Tat ethisch zu werten ist. Somit ist das angemessen immer nur im Auge des einen Betrachters zu werten.


Zitat:
Wo fängt es an Sinn zu machen sich einer ethischen Sprache zu bedienen, und wo hört es auf?


Und auch deine zweite Frage möchte ich gerne beantworten:
Es fängt nirgendwo an. Man sollte alles ethisch bewerten, oder gar nichts. Ein zwischen Ding ist nur als Ethisch verwerflich anzusehen. Da es für niemanden möglich sein dürfte alles ethisch zu betrachen, sollte man überhaupt keine Ethik haben. Denn wenn man keine hat, kann es auch für eine Person nicht unethisch sein, mal irgendetwas nicht ethisch zu beschauen.

Aber auch diese Richtline ist nicht wirklich zuerreichen und so manch ein Ethiker würde mir schwer auf die Füße drehten, würde er lesen was ich hier verzapfe. Um diesen Standpunkt besser zuverstehen kann ich euch nur einladen in das Thema: Glorin'sch Lehren
mr.monks
Ethik beginnt dort, wo wir fragen, was wir tun sollen. damit unterscheidet sie sich von der Philosophie, die nach dem Wesen der Dinge fragt.
Ethik ist die Reflexion über Moral, Moral bewertet Handlungen.
--> meine Definition ist korrekt Zwinker
Teferi
Hi,

Zitat:
Wo beginnt Ethik?

Eine Aussage in Bezug auf eine ethische Fragestellung, eine normative Aussagen, beginnt mit der Formulierung "Man soll...". Es wird immer eine Anweisung, eine Norm ausgedrückt.

Zitat:
Meine Frage: Ist es möglich, dass Ethik kaum mehr ist als eine Art zu sprechen, um bestimmte Situationen, die in einem Spektrum von Möglichkeiten auftauchen können, angemessen zu beschreiben?

Ja, die Position existiert in Form des Nonkognitivismus, einem Teil der Metaethik. Er besagt, dass normative Aussagen lediglich Ausdruck von eigenen Gefühlen oder von Aufforderungen an Andere seien.

Zum letzten Teil: Das wirst du in aller Regel intuitiv feststellen. Sobald du anfängst über Sollens-Aussagen zu reden, bewegst du dich im Bereich der Ethik. Zu deinem Beispiel: "Ich nehme ein Bild von der Wand." ist natürlich keine ethische Aussage. Die Aussage "Du sollst ein Bild von der Wand nehmen, wenn sich Menschen durch das Bild gestört werden." allerdings sehr wohl.
Generell nimmst du allerdings mit der Frage "wie viel Welt eine ethische Grammatik abdeckt oder zu beschreiben in der Lage ist" bereits die Position vorweg, dass ethische Aussagen keinerlei eigenen inhaltlichen Wert haben bzw. die normativen Aussagen rein sprachphilosophische Phänomene sind, denen selbst keine Existenz zukommt, oder seh ich das falsch?
Agathon
Hallo,

ich vergleiche Ethik gerne mit einer Verkehrsampel oder mit Straßenverkehrsregeln.
Sie legt fest, was "gutes" und was "schlechtes" Handeln ist ( wann die Ampel also rot oder grün ist ).
Solange ich ethisch handel, also bei grün über die Straße gehe, mache ich garantiert alles richtig und mir kann nichts passieren.

Missachte ich die Regeln und versuche bei rot die Straße zu überqueren, muß ich selbst aufpassen, welcher Gefahr ich mich aussetze.

Wichtig ist jedenfalls, dass Ethik den Verkehr des menschlichen Zusammenlebens regelt und somit ein Chaos verhindert.


Vielleicht kann man Ethik auch mit einer Grenzlinie vergleichen. Alles was diesseits der Linie liegt ist bekannt und ungefährlich.
Auf der anderen Seite liegt entweder unbekanntes Terrain oder Stellen, von denen man weiß, das sie zum Schaden führen.
Leider streben wir allerdings danach sehr nah an dieser Grenzlinie leben zu wollen, denn das bringt für uns irgendwie eine Art Gewinn ( in welcher Form auch immer, meist nur kurzfristig ).
Wir zweifeln diese Grenzlinie deshalb auch immer wieder an und versuchen sie zu erweitern und auszutesten, um unsern 'Gewinn' zu steigern. (Gentechnik, Atomkraft, Klimaerwärmung )
Das kann sehr fatal sein, vor allem wenn nicht derjenige der die Grenze überschreitet, sondern nachfolgende Generationen die negativen Folgen ausbaden müssen.

Manche Religionen wie z.B. der Islam haben sich eine sehr strikte und enge Linie gezogen ( vielleicht weil sie die Gefahren sehr hoch einschätzen und kein Risiko eingehen wollen )


Viele Grüße
Agathon
mr.monks
Zitat:
Wichtig ist jedenfalls, dass Ethik den Verkehr des menschlichen Zusammenlebens regelt und somit ein Chaos verhindert.

Ersetze Ethik durch Gesetze, dann stimmts!
Zitat:
Solange ich ethisch handel, also bei grün über die Straße gehe, mache ich garantiert alles richtig und mir kann nichts passieren.

ersetze ethisch durch moralisch, dann stimmts!

Ethik umfasst beides und ist doch gleichzeitig mehr. Ist Ethik wirklich die Reflexion auf Moral, dann befasst sie sich auf der einen Seite mit der Existenz und dem Inhalt von Normen, also Gesetzen, wenn man so will und auf der anderen Seite mit richtig und falsch, also Moral. Gleichzeitig reflektiert eine Ethik aber auch, warum gerade diese Normen und moralischen Vorstellungen zutreffend sind und keine anderen.

Zitat:
Manche Religionen wie z.B. der Islam haben sich eine sehr strikte und enge Linie gezogen

Das Verhältnis von Religion und Ethik ist wieder ein anderes. Das kann man nicht einfach so gleichsetzen.
Integralagent
Hi Teferi,
mit meiner Frage wollte ich tatsächlich eine Diskussion in eine sprachphilosophische Richtung anstoßen, da ich immer wieder, wenn ich verschiedene ethische Theorien untersucht habe, zu dem Ergebnis gekommen bin, dass entweder (das ist vielleicht die Regel) ein naturalistischer Fehlschluss sozusagen das Gute in die Sache bringt oder, wenn der Urheber der Theorie klug ist, der Grund, weshalb eine bestimmte Sache gewissermaßen universell mit "gut" verknüpft wird, gar nicht genannt bzw. begründet wird. Genau an dem Punkt nämlich sucht eine typische Ethik den Bezug zu sich selbst, indem vorausgetzt wird, dass weil die ganze Ethik auf einen bestimmten Punkt ausgerichtet ist, dies logisch folgt. Und so immer im Kreis. Ganz deutlich ist es mir einmal bei Benthams Ethik geworden, worüber ich dann auch einen Fachartikel geschrieben habe. Das klingt natürlich alles sehr abstrakt, hat aber den Vorteil, dass wenn man es verstanden hat und sich verschiedene Ethiken einmal vornimmt, man eigentlich immer fündig wird. Und da wir in vielen unserer inneren Akte nach einer sprachlichen Schablone zeichnen, kann man auch hieran klar das sprachtypische Element erkennen, das eben darin besteht, dass eine Bedeutung/ein moralischer Wert, ob in Sprache oder Ethik, erst behauptet wird, auf dessen Grundlage man dann praktische Schlüsse zieht (ohne die das Gute ja keinen Wert hätte) und gerade da mit dem (Schein-)Argument innerer Logik explizit oder implizit daherkommt. Wir können uns ja auch nur auf Grundlage eines blinden Buchstabenglaubens verständigen. Sogar Wahrheit scheint etwas der Sprache Abgekauftes zu sein.
carsten aus bochum
Hi Integralagent.

Zitat:
„Sogar Wahrheit scheint etwas der Sprache Abgekauftes zu sein.“


Ja, aber das muss kein Nachteil sein, wenn man die Verknüpfung von Sprache und Handlung berücksichtigt, die „reine“ Sprachspiele dann erdet.
Integralagent
Hi Charsten a.B.
Aber es geht ja nicht nicht um Handlungen, sondern die ethische Position, mit der man sie ausführt oder auch nicht. Es kann ja ganz verschiedene Ansichten über ein und dieselbe Handlung geben. Ich glaube nicht, dass sie nur aus der Sprache erwachsen, aber wohl, dass diese einen ganz entscheidenden Beitrag liefert. Damit steht übrigens nicht im Widerspruch, dass ethische Überlegungen stark kulturell geprägt und auch von Kultur zu Kultur verschieden sind. Sondern das hieße nur, dass innerhalb des Diskurses, der vorausgegangen sein muss, die Besonderheiten der Sprache und der Art, wie von ihr Gebrauch gemacht wird, diesen stark beeinflussen. Außerdem gehe ich nicht unbedingt vom gesprochenen Wort aus, sondern der vorausgegangenen inneren Proposition, sozusagen. Da kommt natürlich auch die Frage auf, inwiefern das mit dem Intentionalitätsproblem zu tun hat. Wenn wir sprechen, bauen wir die "Wirklichkeit" ja nur mit Bausteinen nach, die von der Kultur vorgeprägt sind. Die ganzen ethischen Gefühle usw. würden dann da mit einfließen, ohne dass man es bemerken würde oder etwas dagegen tun könnte. Das könnte dann dazu beitragen, dass das Gesprochene eine Art Eigenleben annimmt, vielleicht sogar sein eigenes ethisches Urteil fällt und eine eigene Position vertritt.
carsten aus bochum
Hi Integralagent.

Zitat:
„Wenn wir sprechen, bauen wir die "Wirklichkeit" ja nur mit Bausteinen nach, die von der Kultur vorgeprägt sind. Die ganzen ethischen Gefühle usw. würden dann da mit einfließen, ohne dass man es bemerken würde oder etwas dagegen tun könnte. Das könnte dann dazu beitragen, dass das Gesprochene eine Art Eigenleben annimmt, vielleicht sogar sein eigenes ethisches Urteil fällt und eine eigene Position vertritt.“


Das ist ja auch der Fall, Heidegger, Wittgenstein und Freud stehen ja als Kronzeugen dafür.
Fremdgedrillt und dann rechtschaffen empört, in der Art, wie „man“ sich eben empört.
Gleichwohl scheint es ethische Universalien zu geben, die meistens in den Großreligionen sichtbar werden.

Gruß,

Carsten
Nadia
Ethik beginnt mit einem komischen Gefühl, welches einem innehalten und stutzen lässt, mittem im Alltag.
Integralagent
Hallo Nadia,
ich glaube nicht, dass wir es dabei mit Ethik zu tun haben. Ich glaube auch nicht, dass Ethik damit beginnt, da sonst nicht so unterschiedliche und von Kultur zu Kultur, Religion zu Religion abweichende Meinungen darüber herrschen könnten, was "gut" ist und was nicht.