Telltale
...Parmenides und Ananke...
...Douglas Adams und Deep Thought
@ teophanu
(Alles was im Folgenden über Not, Ananke, Dike und dergleichen mehr geschrieben wird, nimmt Bezug auf die Schrift des Parmenides, die ich Dir als PN geschickt habe.)
Vor etwa 2.500 Jahren muß der vernünftigste aller Philosophen, Parmenides aus Elea, eines derart intensiven Moments teilhaftig geworden sein, dass ein Abglanz dieser Intensität tausende Jahre später den sensibelsten aller Philosophen, Friedrich Nietzsche, noch einmal durchfuhr.
In seiner Schrift "Die Philosophie im tragischen Zeitalter der Griechen" verneigt sich Nietzsche vor jener "Genialen-Republik" von Thales bis Sokrates, zu der selbstverständlich auch Parmenides gehörte.
Vom Werk des Parmenides, dem einige Spaßvögel später den Titel "Über die Natur" verliehen haben, wähnt nun der eine oder andere Philosoph, es läge lediglich in Fragmenten vor.
Die Gründe, warum dies angenommen werden müßte, bleiben mir verborgen, aber ich ahne, dass es mit dem zusammenhängen könnte, was wir Menschen unter Abstraktion verstehen. Denn das "Sein", wie es Parmenides in seinem Werk beschreibt, ist jeglicher Abstraktion entkleidet und steht in jener vollkommenen Schönheit da, wie sie nur die Not (die Göttin ANANKE) verleihen kann. Da wir nun aber ohne Abstraktionen nicht auszukommen scheinen, ist es eine läßliche Sünde, anzunehmen, sie würde wahrscheinlich in den verschollenen Teilen der Parmenidischen Schrift auftauchen, was dann im weiteren die Ansicht befördert, es gäbe verschollene Teile, welche Ansicht es unumgänglich erscheinen läßt, dem Werk des Eleaten ein fragmentarisches Dasein zu bescheinigen.
Nun ist es die Welt der Abstraktionen, die einen so fest umschlungen in ihren Krakenarmen hält, dass manchmal sogar dem Sensibelsten der Wahn ankommen kann, sie sei die Natur selbst.
Deshalb wundert sich zum Beispiel auch kaum jemand darüber, wie selbstverständlich wir manchmal von 2 Äpfeln sprechen, obwohl ein Objekt namens "Zweiäpfel" nirgendwo in der Natur zu finden ist.
Und da auch der sensibelste Mensch diesen Umstand nicht in jedem Moment im Blick hat, unterliefen selbst dem großen Nietzsche einige kleine Fehler, als er auf das Werk des Parmenides sah.
Einer dieser Fehler besteht darin, dass er den Parmenides völlig verkennt, indem er annimmt, dass dieser, während er in seiner Schrift von den "Wahnvorstellungen der Sterblichen" spricht, damit die "Phantasmata unserer Sinne" meint.
Diesen Fehler zu begehen ist allerdings einfach und hat nur insofern eine negative Auswirkung, als es sich dabei um eine Interpretation - also eine Abstraktion - handelt.
Der andere Fehler ist wesentlich schwerwiegender, weil er darstellt, dass nur ein einziges Wort genügt, um das Tor, welches den Blick auf die unwandelbare Wahrheit freigeben kann, mit irreparablem Aberwitz zu verbarrikadieren.
Friedrich Nietzsche begeht diesen Fehler mit folgendem Satz: "Parmenides hat, wahrscheinlich erst in seinem höheren Alter, einmal einen Moment der allerreinsten, durch jede Wirklichkeit ungetrübten und völlig blutlosen Abstraktion gehabt;..."
Wenn ich das Leben und Schaffen Nietzsches betrachte, so will ich schon glauben, dass nichts anderes als die Notwendigkeit ihn zu dem ständigen Kampf verdammt hat, der sein Leben nun einmal war.
Dennoch kommt gerade durch jene Betrachtung über Parmenides ein Gefühl für Tragik über mich, das mich ein Mitleid empfinden läßt, wie es gerade Nietzsche äußerst unerwünscht gewesen wäre.
Denn dieser Satz Nietzsches bringt ihn geradewegs bis vor das Tor zur Wahrheit, dessen jeweils wechselnde Schlüssel Dike (die Göttin der Gerechtigkeit) verwahrt und die nun Nietzsche unerbittlich den Eintritt verwehrt, da das winzige Wörtchen "Abstraktion" im Reich ihrer Herrin, der Göttin Ananke nicht zugelassen ist.
Die Tragik dieser ganzen Situation wird so recht deutlich, wenn man auf die ganzen zutreffenden, wunderbaren Bemerkungen Nietzsches schaut und sich dabei vergegenwärtigt, dass sie ihn selbst in dem Maß von der Wahrheit entfernen, in welchem er glaubt, er beschriebe durch sie den Parmenides.
Intermezzo I
Niemals hätte ich geglaubt, dass mich ein größerer Schrecken heimsuchen könnte, als jener, der mich einst beim Anblick eines Posters mit Desiree Nick im Bikini erfaßte. Die damals augenblicklich einsetzende Abstraktion, mein ganzes Leben wäre dieser Augenblick und solange ich lebte, lebte ich nur diesen Augen- und Anblick, bescherte mir ein bis dahin unbekanntes, unerlebtes Gefühl der Niedergeschlagenheit und vollkommenen Mutlosigkeit. Ich bin ein eher fröhlicher Mensch, der gern Witze reißt und sich auch welche gefallen läßt. Der Tod flößte mir lange Zeit große Angst ein und jederzeit hätte ich geschworen, dass mir alles lieber ist, als zu sterben. Doch dieser schreckliche Augenblick machte mich mit dem Umstand bekannt, dass mein eigenes Leben durch Kurt Gödel besser beschrieben wurde als durch mich selbst. Sein "Unvollständigkeits-Theorem" traf auch auf das hinreichend mächtige formale System Telltale zu, indem es mir vor Augen führte, dass mir eben doch nicht "ALLES" lieber ist, als zu sterben. Doch glücklicherweise ziehen die Planeten auch in den Augenblicken unserer tiefsten Depressionen unbeirrt ihre Bahn und so wurde ich, der ich durch die Faszination des Schreckens paralysiert war, schließlich durch die hereinbrechende Nacht gnädig vom Anblick der Gorgone erlöst.
Es bedarf wohl keiner ausufernden Erklärungen dafür, dass ein Mensch, der sich durch seine Imagination in Lebensgefahr gebracht hat, nunmehr auf die Suche nach einer Philosophie geht, die der Abstraktion den Kampf ansagt.
Diese Philosophie ist die des Parmenides, der sie in einer einfachen kurzen Schrift darstellt, aus der sonnenklar hervorgeht, was eine Abstraktion ist - nämlich eine Verzerrung der Natur.
Und eben aus diesem Grund war es ein noch größerer, als der Nicksche Schrecken, als ich sah, wie ein Mensch, der verzweifelt um die Wahrheit bemüht ist, der selbst eine größere Wahrhaftigkeit besitzt, als jeder, den ich bis dahin kannte, den ich zutiefst verehre für seine Wärme und das Wunder seiner mächtigen Sprache, sich eben durch alle jene Eigenschaften selbst das Tor zum Sein versperrt.
Niemals war es Friedrich Nietzsche möglich, "allerreinst" oder durch "jegliche" Wirklichkeit ungetrübt und schon garnicht "blutlos" und noch weniger "vollkommen blutlos" zu sein. Deshalb mußte der Moment des Parmenides für Nietzsche ein Moment der "Abstraktion" gewesen sein. Und hierin und in überhaupt nichts anderem, besteht die Tragik, denn aus dem gesamten Werk Nietzsches geht hervor, dass er die Hand bereits um das Seiende geschlossen hatte und nur noch nach dem suchte, wovon er nicht ahnte, dass es nicht berührbar sondern nur denkbar ist.
Der größte Schrecken meines Lebens ergab sich aus der Person Nietzsches - dem Wesen Nietzsches - im Zusammenhang mit der mächtigsten und unwissentlich selbstbezüglichsten Aussage, die er jemals getroffen hat: "Aber Niemand vergreift sich ungestraft an so furchtbaren Abstraktionen, wie das Seiende und das Nichtseiende sind;...".
Die Entscheidung in diesem Satz bestimmt, ob ein Mensch die Wahrheit entdecken kann oder nicht.
Nietzsche selbst entschied, im Seienden eine Abstraktion zu sehen, obwohl seiner tiefen Menschlichkeit - seiner Natur - bewußt sein mußte, dass die Göttin den Parmenides genau davor ausdrücklich und unmißverständlich warnt:
"Dies ist nötig zu sagen und zu denken, dass nur das Seiende existiert. Denn seine Existenz ist möglich, die des Nichtseienden dagegen nicht; das heiße ich Dich wohl zu beherzigen. Es ist dies nämlich der erste Weg der Forschung, vor dem ich Dich warne...".
Diese Warnung sprach Ananke nicht ohne Grund aus, denn das Nichtsein kann unter keinen Umständen irgendwie in Betracht gezogen werden, wenn man es nicht abstrahiert. Doch tut man das, ist das Verhängnis bereits perfekt, denn nunmehr kann auch im Seienden nichts anderes mehr als eine Abstraktion gesehen werden.
Die Natur hat man im selben Augenblick hinter sich gelassen und glaubt dennoch, sie auf der sicheren Grundlage der Abstraktion Logik zu beschreiben. Was man aber gebiert, sind nichts als Absurditäten und "Phantasmata unserer Sinne".
Denn zum Vergleich - also zu einer Abstraktion - braucht man mindestens Zwei.
Die Natur aber ist EINE NATUR.
Das logische Prinzip "Tertium Non Datur" z.B. ist daher innerhalb eines abstrahierten Systems sehr gut zu gebrauchen, denn es gestattet in wahr und unwahr zu unterscheiden. Wendet man es jedoch auf die Natur an, wird es auf der Stelle völlig lächerlich und bringt absurde Gebilde zum Vorschein, wie es die Paradoxa sind.
Denn "Tertium Non Datur" bedeutet ja nicht nur, dass ein Drittes ausgeschlossen ist, es bedeutet vor allem, dass es ein Zweites gibt.
Die Natur aber ist Eine Natur. Wer das bezweifelt, dem schenkt sie "Ungeheuer, die aus seinen Abstraktionen furchtbare Abstraktionen" machen.
Ausschließlich so wird Nietzsches Prophezeihung wahr. Die Abstraktionen von Sein und Nichtsein sind es, an denen sich Niemand ungestraft vergreift. An Sein und Nichtsein kann man sich nicht vergreifen, da es Nichtsein nicht gibt, wodurch "und" sinnlos wird, denn es kann nichts mehr verbinden.
Sein aber - das ist die Natur. Nur sie gibt es und sonst gar nichts.
Das ist alles, was der Eleat uns mitzuteilen hatte: dass Ananke ihm einen Einblick in das gewährte, was sie ist - nämlich die unabänderliche NOT, dass ETWAS vorhanden sein muß.
Intermezzo II
Es ist undenkbar - es ist vollkommen ausgeschlossen -, dass Parmenides aus Elea persönlich an jener Unterhaltung teilgenommen hat, wie sie Platon in seinem Dialog "Parmenides" beschreibt. Der Grund für diese Überzeugung ist ganz simpel: Nie und nimmer hätte es der Eleat zugelassen, dass dieser Dialog in der Aporie endet. Um es deutlich zu sagen - die Tatsache, DASS der Dialog in der Aporie endet, schließt die Teilnahme des Parmenides aus. Aller anderen Teilnehmer kann ich zugeben, auch den Zenon, dessen Paradoxa mich ohnehin davon überzeugen, dass er nie so recht begriffen hat, was sein Lehrer da eigentlich herausgefunden, oder besser gesagt, aufgefunden hat. Denn um dem, was Parmenides in seiner Schrift darstellt, widersprechen zu können, darf man es nicht beim Namen nennen - denn Nichts hat keinen Namen -, sondern ist zur Abstraktion gezwungen. Gestattet man sich diese Abstraktion, kann man allerlei Abwegiges gegen dessen Schrift ins Feld führen, was ja auch zuhauf geschehen ist. Und erst hier kommt Zenon ins Spiel und bedient sich bereits der Abstraktionen seiner Gegner um seine eigenen Abstraktionen dagegen zu setzen. Dabei ignoriert er die Warnung seines eigenen Lehrers und gibt dessen Gegnern durch den Kampf auf deren Terrain die Gelegenheit, aporetisch zu werden, indem sie nun zumindest sagen können: "Ja sicher, unsere Schlußfolgerungen führen zu keiner Lösung, die des Zenon aber auch nicht."
Die entscheidende Frage, die sich aus der Schrift des Parmenides ergibt und die es eigentlich ist, die schreckliche Angst verbreitet und die Minderbemittelten nach der Abstraktion grapschen läßt, lautet nämlich: Wenn es Nichtsein nicht gibt und Sein somit EINS, UNVERÄNDERLICH, UNZEITLICH und UNÖRTLICH ist, wo bleiben wir dann?
Es ist der Gedanke, dass für uns scheinbar kein Platz bleibt, wenn Sein Eins ist und es Nichtsein nicht gibt, der den ganzen Hühnerhof aufscheucht und ein ohrenbetäubendes Gegacker in die Welt bläst.
Und genau dieser Gedanke ist es, der die größten Denker der Geschichte, Ein und Dasselbe in einen erkennbaren und einen unerkennbaren Teil unterscheiden ließ - der sie zu "Phantasmata unserer Sinne" greifen ließ, wie "a priori" und "a posteriori".
Dabei steht es doch da - aufgeschrieben durch Parmenides aus Elea - WAS, WO und WIE wir zu finden sind, ohne dass wir dem nötigen Eins in die Quere kommen.
Im Gegenteil, dort steht, WAS, WO und WIE wir sind, UM dem nötigen Eins die Existenz zu gestatten, so wie dieses uns die Existenz nicht nur gestattet, sondern sie ebenso nötig macht. Es gibt nämlich nur EINE Not (Der Begriff "Notwendigkeit" ist aus dieser Not bereits abstrahiert und gehört daher in die Welt des VIELEN, auf die ich noch zu sprechen komme).
Und so kann ich mich gar nicht genug darüber wundern, dass manche Leute lieber zu Abstraktionen greifen, anstatt einmal die Augen aufzumachen.
Denn wie sagt der große Heraklit: "Sie sehen es nicht, während sie es ansehen".
Das kann doch nur für jemanden dunkel klingen, der auch das Folgende des Parmenides ansieht, ohne es zu sehen:
"Aber unbeweglich liegt es (Eins) in den Schranken gewaltiger Bande ohne Anfang und ohne Ende; denn Entstehen und Vergehen (Vieles) sind in die äußerste Ferne verschlagen (aber nicht Nichts), wohin sie die wahre Vernunft verstieß; und als Selbiges im Selbigen verharrend, ruht es in sich selbst und niemals wird es sich dort fortbewegen, denn die starke Not hält es in den Banden der Grenze, die es ringsum einschließt. Darum darf das Sein nicht ohne Abschluß sein. Denn es ist mangellos. Fehlte ihm der, so fehlte ihm Alles."
Um herauszufinden, WAS wir sind, WO wir sind und WIE wir sind, sollte man die Warnung der Ananke lieber ernst nehmen und sich der "Phantasmata unserer Sinne" begeben, denn Ananke ist nicht die Göttin der Logik, sondern jene Not, von der hier die Rede ist.
Sie ist die einzige, unteilbare Wahrheit und in Allem, was wir imaginieren, imaginieren wir auch sie.
Sagen wir einfach nur "Eins", ist unsere Abstraktion mit dem wahren "Eins" am engsten verbunden und nur dadurch von diesem getrennt, dass unser Sagen notwendig Abstraktion ist. Die Grenze von "Eins" kann nur dadurch existieren, dass sie ständig - dass sie unaufhörlich "Eins" simuliert.
Sein ist das unabdingbare, wahre Subjekt.
Die Grenze von Sein ist sein unabdingbares, wahres Prädikat.
Und so, wie Sein in absoluter, unerschütterlicher Ruhe verharrt, muß sein Prädikat ihm diese Ruhe verschaffen, indem es unaufhörlich wird. Und damit die unaufhörlich werdende Grenze des Seins die Wahrheit des unerschütterlichen Seins, bei dem "WERDEN" ausgeschlossen ist, nicht konterkarieren kann, muß sie nicht nur unaufhörlich werden - sie muß unaufhörlich NULL werden.
Für diesen notwendigen Grenzdienst revanchiert sich Sein, indem es seiner Grenze die Existenz gestattet.
Es ist nur als vollkommene Perfektion zu bezeichnen, wie die NOT das unbewegte Sein und den sich ewig bewegenden "Schein" (der ja nur deshalb so heißt, weil ein Prädikat nicht aus eigener Macht seiend ist) so vereint, dass sie keinen Gegensatz ergeben, sondern harmonieren.
Nun kann man das, worüber ich mich hier verbreitet habe, jetzt gleich für irgendein Gelaber halten oder erst später. Für den Fall, dass Du Dich für die "erst später" - Variante entscheidest, habe ich noch ein Beispiel mitgebracht, das, ganz meiner Persönlichkeit entsprechend, uferlos und langatmig ausfällt:
Einem der sympathischsten Menschen, die jemals über unseren Planeten strömten, scheint in dieser Welt so einiges merkwürdig vorgekommen zu sein, weshalb er versuchte, herauszubekommen, ob die Welt eigentlich immer absurde Antworten bereithält - ob die Fragen nun gleich absurd sind oder sich erst durch die Antworten als absurd herausstellen.
Douglas Adams lautete der Name dieses Menschen und sein Beruf war, Mensch zu sein.
Woher ich das wissen will? Ganz einfach - das ist der einzige Beruf, der eine Maschine konstruiert, die den Beruf nicht erleichtert, sondern seinen Sinn überprüft.
Der Name dieser Maschine lautet Deep Thought.
Also sehen wir einmal nach, was Deep Thought tun mußte, um auf "42" zu kommen, als die Antwort auf die Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Zeugs.
Der Glaube, dass es EINE Wahrheit gibt, die immer wahr und immer diesselbe ist, ganz gleich, was wir darüber imaginieren oder welche Grenzen wir in diese Wahrheit projizieren, stürzt uns doch des öfteren in die eine oder andere Konfusion, aus denen wir uns dann am eigenen Schopf herausziehen, indem wir uns einer weiteren Imagination bedienen - nämlich der, es gäbe einfach mehrere Wahrheiten, die nur deshalb nicht immer, oder besser nie klar zu erkennen sind, weil alles Veränderung ist.
Ist aber "Alles" Veränderung, so kommen manche Leute, die ihr Ringen um die Wahrheit schließlich in ein Prinzip gekleidet haben, in mächtige Schwierigkeiten, da Prinzipien in den meisten Fällen deshalb in die Welt entlassen werden, weil die "Dinge für uns" einfach nicht auf das "Ding an sich" schließen lassen.
Douglas Adams, mit seinem ausgeprägten Sinn für Humor, muß wohl gespürt haben, dass ihm, ganz gleich was er seinen Computer sagen läßt, niemand ernstlich gegen den Wagen fahren kann, denn da nunmal die "Dinge für uns" durch "uns" betrachtet werden, kann es darüber so viele WAHRE Aussagen geben, wie es Leute gibt, da ja das vermeintliche eigentliche Wahrheitskriterium (Ding an sich) niemand kennt.
Allerdings scheint er dabei die Rechnung ohne Parmenides und Ananke gemacht zu haben, was aber nicht bedeutet, dass er gar keine Rechnung gemacht hat. Er hat sich einfach auf seine Intuition verlassen und wie sich gleich herausstellen wird, zu recht, denn wende ich die Parmenidische Vernunft auf dieses Beispiel an, bin ich tatsächlich in der Lage, zu sagen, dass 42 die Sache punktgenau trifft. Und zwar so:
Deep Thought gibt "42" als Antwort auf die Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Zeugs an.
Nun ist wohl Leben, Universum und der restliche Krempel etwas, nach dem man deshalb fragen kann, weil es die Wirklichkeit zu sein scheint, die man sich nur nicht so recht zu erklären weiß, weshalb man ja auch einen Computer baut, der diese Frage nun endlich mal beantworten soll. Doch was tut der vermaledeite Deep Thought? Er sagt: "42".
Um nun zu überprüfen, ob die Antwort "42" richtig ist, spielt die konkrete Frage keine Rolle, sondern nur die Notwendigkeit, dass etwas in ihr wahr gewesen sein muß, so wie notwendig ist, dass auch etwas an der Antwort wahr sein muß.
Die wahre Notwendigkeit in Frage und Antwort ist die, dass beide notwendig Wirklichkeit sein müssen, weil sie notwendig nicht Nichts sein können. Denn das Nichts irgendwo oder irgendwie stattfindet und somit den Charakter von Nichts verliert, ist NOTWENDIG ausgeschlossen, weil es sonst nicht Nichts wäre, sondern Etwas.
Nun gerät aber dieses Etwas in eine ungeheure, existenzbedrohende Schwierigkeit, wenn es oberflächlich oder logisch betrachtet wird.
Denn dadurch, dass Nichts mit Notwendigkeit augeschlossen ist, drängt sich mit Macht der Gedanke auf, dass Sein nunmehr mit Notwendigkeit Eins, Unveränderlich, Unörtlich und Unzeitlich sein muß, um überhaupt zu sein.
Die Erfahrung, dass Etwas scheinbar da ist, das sämtliche Eigenschaften aufweist, die dem notwendigen Sein notwendig abgesprochen werden müssen, könnte zunächst in der Tat als eine nur scheinbare Wahrheit abgewiesen werden.
Doch sofort darauf beweist sie mit Macht ihre Unabweisbarkeit, indem sie auf die Notwendigkeit verweist, dass Nichts nicht ist und sie selbst (sei sie wahr oder nicht) somit ebenfalls nicht Nichts sein kann.
Kann sie aber notwendig nicht Nichts sein, so muß sie ebenso notwendig vorhanden sein und bringt Sein in ein ungeheures Dilemma, indem sie darauf hindeutet, dass die notwendigen Eigenschaften von Sein, die dieses haben muß, um überhaupt sein zu können, ebenso notwendig nicht dessen Eigenschaften sein dürfen, wennanders man annehmen müßte, dass doch Etwas aus Nichts entsteht, was impliziert, dass man einer Unmöglichkeit nicht nur Möglichkeit, sondern Notwendigkeit bescheinigen müßte.
Natürlich ist das ausgeschlossen, was ja nichts anderes bedeutet als: Die Natur schließt es aus.
Denn hat sich nun mit Notwendigkeit eine scheinbare Unmöglichkeit herausgestellt - nämlich die, dass wahres Sein ebenso wahr sein muß, wie unwahrer Schein, so kann ich vor der genauen Untersuchung dieser paradoxen Situation erst einmal annehmen, dass beides zumindest vorhanden ist, weil es nicht Nichts ist und zusammengenommen das darstellt, was man "ALLES" nennen kann.
Das darf ich deshalb tun, weil es lediglich darauf basiert, dass nicht Nichts ist und damit alles, was von Nichts verschieden ist, mit Notwendigkeit "Alles" ist.
Folge ich nun dem Parmenides, so unterteilt sich dieses "Alles" in "wahres 1" und "unwahres >1 (Vieles)".
"0" (Null) muß ich zunächst aus dieser Rechnung ausklammern, da "0" aus der Natur zwar nicht zu erfahren ist, jedoch auch nicht "Nichts" sein kann.
Denn als Gebilde der Natur ist es "0", zu dem alle Gegensätze unaufhörlich werden. Und da alle Gegensätze - also alles, das veränderlich ist - immerfort NULL, also: NEUTRAL - werden, kann EINS (SEIN) es als WAHR erkennen und als seiend akzeptieren.
Doch was bedeutet dies nun für Deep Thought?
Definition:
"ALLES"
ist die Summe, die sich aus "wahrem Sein" und "unwahrem Schein" ergibt.
"SEIN"
ist "Eins", also "1", "wahr" und "unveränderlich".
"SCHEIN"
ist "Vieles", also ">1", "unwahr" sowie "veränderlich".
Da nur "SCHEIN" in dieser Rechnung veränderlich sein darf, da er sonst ja "Sein" wäre, stellt >1 die Variable dieser Formel dar, in die alles eingesetzt werden darf, was >1, also unwahr ist.
Formel:
Alles - 1 = >1
Setze ich nun Adams' "42" in diese Rechnung ein, geschieht folgendes:
Alles - 1 = 42
Probe:
42 + 1 = 43
("43" ist ungleich "Alles", da 43 einen Nachfolger hat, der ebenfalls mit 1 addiert werden könnte.
Also erfüllt "42" seine Definition als "unwahr".)
Ergebnis:
Da laut Definition >1 immer unwahr sein muß, erfüllt "42" diese Bedingung, da die Probe ergeben hat, dass die Addition von "42" und "1" nicht "Alles" ergibt, sondern etwas, das weniger als Alles ist und somit ein Ergebnis darstellt, das den Sinn der Formel erfüllt, indem bewiesen wird, dass "42" tatsächlich ein unwahrer Wert ist, der laut Definition also "scheinbar", also auch nur "scheinbar wahr" ist.
Dass Deep Thought, als er "42" angab, somit die scheinbare Wahrheit angab, ergibt sich aus der Überlegung, dass "42" in gleicher Weise wahr ist, wie es jede andere Zahl gewesen wäre, die >1 ist, da nur >1 variabel ist.
Die Antwort, die Deep Thought gab, charakterisiert somit die Frage, die ihm gestellt wurde, als eine Frage, die auf eine konkrete Erklärung der Wirklichkeit (Schein) abzielte, also nach der konkreten Wahrheit dieser Wirklichkeit fragte. Ganz gleich, wie die genaue Frage lautete - sie war eine Frage nach etwas konkret Wirklichem. Und so mußte jede Antwort richtig sein, die >1 ist, konnte jedoch nicht "Größer Eins" lauten.
Deshalb sah sich Deep Thought folgender Misere ausgesetzt:
Er konnte nicht sagen: Größer Eins,
da dies eine Variable ist, die als abstrakte Nennung den Wunsch nach konkreter Erklärung nicht erfüllt.
Er konnte nicht sagen: 1,
da 1 nicht die Wirklichkeit (Schein) erklärt,
sondern lt. Definition konterkariert.
Er konnte nicht sagen: 0,
da 0, in der Probe addiert mit 1, wiederum 1 ergeben hätte, was zum gleichen Grund geführt hätte, aus dem es verboten war, dass er 1 sagt.
Er konnte nicht sagen: Unendlich,
da hier das Gleiche zutrifft, wie auf "Größer Eins".
Somit hätte Deep Thought also allein die Möglichkeit gehabt, eine andere konkrete Zahl zu nennen, als "42", weil es unmöglich ist, sämtliche konkreten Zahlen zugleich zu nennen. Aber auch nacheinander konnte er sie nicht nennen, da dies dem Charakter einer Antwort widersprochen hätte, da die Nennung nicht zu einem Ende gelangen kann.
Auch "Unendlich" konnte er nicht sagen, weil dies, wie gesagt, keine konkrete sondern eine abstrakte Aussage ist.
Und somit ist die Antwort "42" also genauso gut und richtig, wie es die Nennung jeder anderen konkreten Zahl gewesen wäre, die >1 ist.
Intermezzo III
Es ist an dieser Stelle zwar eigentlich unwichtig, darauf hinzuweisen, doch wird genau dieser Absatz durch Douglas Adams selbst bestätigt, der in einem Usenet-Beitrag 1993 auf die Frage warum die Antwort "42" sei, schrieb: "Die Antwort darauf ist ganz einfach. Es war ein Scherz. Es musste eine Zahl sein, eine normale, kleine Zahl, und ich wählte diese. Binäre Darstellungen, Basis 13, Tibetanische Mönche, das ist alles kompletter Unsinn. Ich saß an meinem Schreibtisch, sah in den Garten und dachte "42 geht". Ich schrieb es. Ende der Geschichte."
Da nun von Deep Thought DIE ANTWORT auf die Wirklichkeit gefordert wurde, war er gezwungen, aus unendlichen Möglichkeiten eine einzige Wirklichkeit werden zu lassen.
Dass dieser Computer, wie ihn Adams imaginiert, tatsächlich der beste Computer ist, den es jemals gab, wird aus dem Umstand ersichtlich, dass er überhaupt eine Antwort gab.
Denn diese Antwort erfüllt nicht nur das Ziel seiner Programmierung, sondern dass er sie geben konnte, war nur möglich, weil er selbstständig den Grund für diese Programmierung herausgefunden haben muß.
Dass er zunächst das Naheliegende tat und seiner Programmierung entsprechend, eine konkrete Aufzählung begann, erklärt, warum er Millionen Jahre für die Antwort brauchte, was aber lediglich nach unseren Maßstäben eine lange Zeit ist.
Es ist aber für Deep Thought derselbe Maßstab, der ihn sich für eine konkrete Antwort entscheiden ließ, wie er der Entscheidung zugrunde liegt, dass Millionen Jahre im Vergleich zu Unendlich wie 0 Jahre erscheinen.
Denn ein Computer, der herausfindet, dass im Vergleich zu Unendlich 2 Minuten ebenso gegen 0 gehen, wie 800 Trilliarden Jahre - dass also 2 Minuten und 800 Trilliarden Jahre im Vergleich zu Unendlich dasselbe sind (nämlich "endlich"), kann in aller Ruhe und Gelassenheit "42" sagen, weil er weiß, dass "42" zu sagen, auch das Sagen jeder anderen Zahl ist, die >1 ist.
Der Moment aber, in welchem die Wirklichkeit "42" eintritt, macht alles, was wir als Möglichkeiten bezeichnen, zur Unwirklichkeit.
Und nun bedenke bitte noch, dass "42" (also unwahr) die Antwort auf die Frage nach dem Leben, dem Universum und allerlei Zeugs ist.
Deshalb darf ich Deep Thoughts Antwort abschließend noch einmal für Minderbegabte übersetzen. Sie lautet: "Dass ihr in der Tinte sitzt, ist nicht so schlimm, denn sie ist unwahr. Dass ihr den Eindruck habt, sie könne nicht unwahr sein, weil ihr euch ja schließlich darin wähnt, liegt daran, dass sie nicht Nichts ist.
Wollt ihr nun aus dieser Misere herauskommen, dann denkt endlich, was euch Parmenides da aufgeschrieben hat und denkt es nicht immer nur nach. Denn das Nachdenken kommt nach dem Denken und die Metaphysik meta Physik."
Dass ich ausgerechnet dieses Adams-Beispiel zur Untermauerung meiner Ansicht benutze, liegt darin begründet, dass die Parmenidische Weltsicht einfach jede Aussage erklären kann - ganz gleich, ob und in welchem Ausmaß deren Parameter definiert sind.
Tja theophanu, ich hoffe, Du bereust es jetzt nicht, der Darstellung dieser Dinge auf meine Weise zugestimmt zu haben.
Gruß
Telltale
...Douglas Adams und Deep Thought
@ teophanu
(Alles was im Folgenden über Not, Ananke, Dike und dergleichen mehr geschrieben wird, nimmt Bezug auf die Schrift des Parmenides, die ich Dir als PN geschickt habe.)
Vor etwa 2.500 Jahren muß der vernünftigste aller Philosophen, Parmenides aus Elea, eines derart intensiven Moments teilhaftig geworden sein, dass ein Abglanz dieser Intensität tausende Jahre später den sensibelsten aller Philosophen, Friedrich Nietzsche, noch einmal durchfuhr.
In seiner Schrift "Die Philosophie im tragischen Zeitalter der Griechen" verneigt sich Nietzsche vor jener "Genialen-Republik" von Thales bis Sokrates, zu der selbstverständlich auch Parmenides gehörte.
Vom Werk des Parmenides, dem einige Spaßvögel später den Titel "Über die Natur" verliehen haben, wähnt nun der eine oder andere Philosoph, es läge lediglich in Fragmenten vor.
Die Gründe, warum dies angenommen werden müßte, bleiben mir verborgen, aber ich ahne, dass es mit dem zusammenhängen könnte, was wir Menschen unter Abstraktion verstehen. Denn das "Sein", wie es Parmenides in seinem Werk beschreibt, ist jeglicher Abstraktion entkleidet und steht in jener vollkommenen Schönheit da, wie sie nur die Not (die Göttin ANANKE) verleihen kann. Da wir nun aber ohne Abstraktionen nicht auszukommen scheinen, ist es eine läßliche Sünde, anzunehmen, sie würde wahrscheinlich in den verschollenen Teilen der Parmenidischen Schrift auftauchen, was dann im weiteren die Ansicht befördert, es gäbe verschollene Teile, welche Ansicht es unumgänglich erscheinen läßt, dem Werk des Eleaten ein fragmentarisches Dasein zu bescheinigen.
Nun ist es die Welt der Abstraktionen, die einen so fest umschlungen in ihren Krakenarmen hält, dass manchmal sogar dem Sensibelsten der Wahn ankommen kann, sie sei die Natur selbst.
Deshalb wundert sich zum Beispiel auch kaum jemand darüber, wie selbstverständlich wir manchmal von 2 Äpfeln sprechen, obwohl ein Objekt namens "Zweiäpfel" nirgendwo in der Natur zu finden ist.
Und da auch der sensibelste Mensch diesen Umstand nicht in jedem Moment im Blick hat, unterliefen selbst dem großen Nietzsche einige kleine Fehler, als er auf das Werk des Parmenides sah.
Einer dieser Fehler besteht darin, dass er den Parmenides völlig verkennt, indem er annimmt, dass dieser, während er in seiner Schrift von den "Wahnvorstellungen der Sterblichen" spricht, damit die "Phantasmata unserer Sinne" meint.
Diesen Fehler zu begehen ist allerdings einfach und hat nur insofern eine negative Auswirkung, als es sich dabei um eine Interpretation - also eine Abstraktion - handelt.
Der andere Fehler ist wesentlich schwerwiegender, weil er darstellt, dass nur ein einziges Wort genügt, um das Tor, welches den Blick auf die unwandelbare Wahrheit freigeben kann, mit irreparablem Aberwitz zu verbarrikadieren.
Friedrich Nietzsche begeht diesen Fehler mit folgendem Satz: "Parmenides hat, wahrscheinlich erst in seinem höheren Alter, einmal einen Moment der allerreinsten, durch jede Wirklichkeit ungetrübten und völlig blutlosen Abstraktion gehabt;..."
Wenn ich das Leben und Schaffen Nietzsches betrachte, so will ich schon glauben, dass nichts anderes als die Notwendigkeit ihn zu dem ständigen Kampf verdammt hat, der sein Leben nun einmal war.
Dennoch kommt gerade durch jene Betrachtung über Parmenides ein Gefühl für Tragik über mich, das mich ein Mitleid empfinden läßt, wie es gerade Nietzsche äußerst unerwünscht gewesen wäre.
Denn dieser Satz Nietzsches bringt ihn geradewegs bis vor das Tor zur Wahrheit, dessen jeweils wechselnde Schlüssel Dike (die Göttin der Gerechtigkeit) verwahrt und die nun Nietzsche unerbittlich den Eintritt verwehrt, da das winzige Wörtchen "Abstraktion" im Reich ihrer Herrin, der Göttin Ananke nicht zugelassen ist.
Die Tragik dieser ganzen Situation wird so recht deutlich, wenn man auf die ganzen zutreffenden, wunderbaren Bemerkungen Nietzsches schaut und sich dabei vergegenwärtigt, dass sie ihn selbst in dem Maß von der Wahrheit entfernen, in welchem er glaubt, er beschriebe durch sie den Parmenides.
Intermezzo I
Niemals hätte ich geglaubt, dass mich ein größerer Schrecken heimsuchen könnte, als jener, der mich einst beim Anblick eines Posters mit Desiree Nick im Bikini erfaßte. Die damals augenblicklich einsetzende Abstraktion, mein ganzes Leben wäre dieser Augenblick und solange ich lebte, lebte ich nur diesen Augen- und Anblick, bescherte mir ein bis dahin unbekanntes, unerlebtes Gefühl der Niedergeschlagenheit und vollkommenen Mutlosigkeit. Ich bin ein eher fröhlicher Mensch, der gern Witze reißt und sich auch welche gefallen läßt. Der Tod flößte mir lange Zeit große Angst ein und jederzeit hätte ich geschworen, dass mir alles lieber ist, als zu sterben. Doch dieser schreckliche Augenblick machte mich mit dem Umstand bekannt, dass mein eigenes Leben durch Kurt Gödel besser beschrieben wurde als durch mich selbst. Sein "Unvollständigkeits-Theorem" traf auch auf das hinreichend mächtige formale System Telltale zu, indem es mir vor Augen führte, dass mir eben doch nicht "ALLES" lieber ist, als zu sterben. Doch glücklicherweise ziehen die Planeten auch in den Augenblicken unserer tiefsten Depressionen unbeirrt ihre Bahn und so wurde ich, der ich durch die Faszination des Schreckens paralysiert war, schließlich durch die hereinbrechende Nacht gnädig vom Anblick der Gorgone erlöst.
Es bedarf wohl keiner ausufernden Erklärungen dafür, dass ein Mensch, der sich durch seine Imagination in Lebensgefahr gebracht hat, nunmehr auf die Suche nach einer Philosophie geht, die der Abstraktion den Kampf ansagt.
Diese Philosophie ist die des Parmenides, der sie in einer einfachen kurzen Schrift darstellt, aus der sonnenklar hervorgeht, was eine Abstraktion ist - nämlich eine Verzerrung der Natur.
Und eben aus diesem Grund war es ein noch größerer, als der Nicksche Schrecken, als ich sah, wie ein Mensch, der verzweifelt um die Wahrheit bemüht ist, der selbst eine größere Wahrhaftigkeit besitzt, als jeder, den ich bis dahin kannte, den ich zutiefst verehre für seine Wärme und das Wunder seiner mächtigen Sprache, sich eben durch alle jene Eigenschaften selbst das Tor zum Sein versperrt.
Niemals war es Friedrich Nietzsche möglich, "allerreinst" oder durch "jegliche" Wirklichkeit ungetrübt und schon garnicht "blutlos" und noch weniger "vollkommen blutlos" zu sein. Deshalb mußte der Moment des Parmenides für Nietzsche ein Moment der "Abstraktion" gewesen sein. Und hierin und in überhaupt nichts anderem, besteht die Tragik, denn aus dem gesamten Werk Nietzsches geht hervor, dass er die Hand bereits um das Seiende geschlossen hatte und nur noch nach dem suchte, wovon er nicht ahnte, dass es nicht berührbar sondern nur denkbar ist.
Der größte Schrecken meines Lebens ergab sich aus der Person Nietzsches - dem Wesen Nietzsches - im Zusammenhang mit der mächtigsten und unwissentlich selbstbezüglichsten Aussage, die er jemals getroffen hat: "Aber Niemand vergreift sich ungestraft an so furchtbaren Abstraktionen, wie das Seiende und das Nichtseiende sind;...".
Die Entscheidung in diesem Satz bestimmt, ob ein Mensch die Wahrheit entdecken kann oder nicht.
Nietzsche selbst entschied, im Seienden eine Abstraktion zu sehen, obwohl seiner tiefen Menschlichkeit - seiner Natur - bewußt sein mußte, dass die Göttin den Parmenides genau davor ausdrücklich und unmißverständlich warnt:
"Dies ist nötig zu sagen und zu denken, dass nur das Seiende existiert. Denn seine Existenz ist möglich, die des Nichtseienden dagegen nicht; das heiße ich Dich wohl zu beherzigen. Es ist dies nämlich der erste Weg der Forschung, vor dem ich Dich warne...".
Diese Warnung sprach Ananke nicht ohne Grund aus, denn das Nichtsein kann unter keinen Umständen irgendwie in Betracht gezogen werden, wenn man es nicht abstrahiert. Doch tut man das, ist das Verhängnis bereits perfekt, denn nunmehr kann auch im Seienden nichts anderes mehr als eine Abstraktion gesehen werden.
Die Natur hat man im selben Augenblick hinter sich gelassen und glaubt dennoch, sie auf der sicheren Grundlage der Abstraktion Logik zu beschreiben. Was man aber gebiert, sind nichts als Absurditäten und "Phantasmata unserer Sinne".
Denn zum Vergleich - also zu einer Abstraktion - braucht man mindestens Zwei.
Die Natur aber ist EINE NATUR.
Das logische Prinzip "Tertium Non Datur" z.B. ist daher innerhalb eines abstrahierten Systems sehr gut zu gebrauchen, denn es gestattet in wahr und unwahr zu unterscheiden. Wendet man es jedoch auf die Natur an, wird es auf der Stelle völlig lächerlich und bringt absurde Gebilde zum Vorschein, wie es die Paradoxa sind.
Denn "Tertium Non Datur" bedeutet ja nicht nur, dass ein Drittes ausgeschlossen ist, es bedeutet vor allem, dass es ein Zweites gibt.
Die Natur aber ist Eine Natur. Wer das bezweifelt, dem schenkt sie "Ungeheuer, die aus seinen Abstraktionen furchtbare Abstraktionen" machen.
Ausschließlich so wird Nietzsches Prophezeihung wahr. Die Abstraktionen von Sein und Nichtsein sind es, an denen sich Niemand ungestraft vergreift. An Sein und Nichtsein kann man sich nicht vergreifen, da es Nichtsein nicht gibt, wodurch "und" sinnlos wird, denn es kann nichts mehr verbinden.
Sein aber - das ist die Natur. Nur sie gibt es und sonst gar nichts.
Das ist alles, was der Eleat uns mitzuteilen hatte: dass Ananke ihm einen Einblick in das gewährte, was sie ist - nämlich die unabänderliche NOT, dass ETWAS vorhanden sein muß.
Intermezzo II
Es ist undenkbar - es ist vollkommen ausgeschlossen -, dass Parmenides aus Elea persönlich an jener Unterhaltung teilgenommen hat, wie sie Platon in seinem Dialog "Parmenides" beschreibt. Der Grund für diese Überzeugung ist ganz simpel: Nie und nimmer hätte es der Eleat zugelassen, dass dieser Dialog in der Aporie endet. Um es deutlich zu sagen - die Tatsache, DASS der Dialog in der Aporie endet, schließt die Teilnahme des Parmenides aus. Aller anderen Teilnehmer kann ich zugeben, auch den Zenon, dessen Paradoxa mich ohnehin davon überzeugen, dass er nie so recht begriffen hat, was sein Lehrer da eigentlich herausgefunden, oder besser gesagt, aufgefunden hat. Denn um dem, was Parmenides in seiner Schrift darstellt, widersprechen zu können, darf man es nicht beim Namen nennen - denn Nichts hat keinen Namen -, sondern ist zur Abstraktion gezwungen. Gestattet man sich diese Abstraktion, kann man allerlei Abwegiges gegen dessen Schrift ins Feld führen, was ja auch zuhauf geschehen ist. Und erst hier kommt Zenon ins Spiel und bedient sich bereits der Abstraktionen seiner Gegner um seine eigenen Abstraktionen dagegen zu setzen. Dabei ignoriert er die Warnung seines eigenen Lehrers und gibt dessen Gegnern durch den Kampf auf deren Terrain die Gelegenheit, aporetisch zu werden, indem sie nun zumindest sagen können: "Ja sicher, unsere Schlußfolgerungen führen zu keiner Lösung, die des Zenon aber auch nicht."
Die entscheidende Frage, die sich aus der Schrift des Parmenides ergibt und die es eigentlich ist, die schreckliche Angst verbreitet und die Minderbemittelten nach der Abstraktion grapschen läßt, lautet nämlich: Wenn es Nichtsein nicht gibt und Sein somit EINS, UNVERÄNDERLICH, UNZEITLICH und UNÖRTLICH ist, wo bleiben wir dann?
Es ist der Gedanke, dass für uns scheinbar kein Platz bleibt, wenn Sein Eins ist und es Nichtsein nicht gibt, der den ganzen Hühnerhof aufscheucht und ein ohrenbetäubendes Gegacker in die Welt bläst.
Und genau dieser Gedanke ist es, der die größten Denker der Geschichte, Ein und Dasselbe in einen erkennbaren und einen unerkennbaren Teil unterscheiden ließ - der sie zu "Phantasmata unserer Sinne" greifen ließ, wie "a priori" und "a posteriori".
Dabei steht es doch da - aufgeschrieben durch Parmenides aus Elea - WAS, WO und WIE wir zu finden sind, ohne dass wir dem nötigen Eins in die Quere kommen.
Im Gegenteil, dort steht, WAS, WO und WIE wir sind, UM dem nötigen Eins die Existenz zu gestatten, so wie dieses uns die Existenz nicht nur gestattet, sondern sie ebenso nötig macht. Es gibt nämlich nur EINE Not (Der Begriff "Notwendigkeit" ist aus dieser Not bereits abstrahiert und gehört daher in die Welt des VIELEN, auf die ich noch zu sprechen komme).
Und so kann ich mich gar nicht genug darüber wundern, dass manche Leute lieber zu Abstraktionen greifen, anstatt einmal die Augen aufzumachen.
Denn wie sagt der große Heraklit: "Sie sehen es nicht, während sie es ansehen".
Das kann doch nur für jemanden dunkel klingen, der auch das Folgende des Parmenides ansieht, ohne es zu sehen:
"Aber unbeweglich liegt es (Eins) in den Schranken gewaltiger Bande ohne Anfang und ohne Ende; denn Entstehen und Vergehen (Vieles) sind in die äußerste Ferne verschlagen (aber nicht Nichts), wohin sie die wahre Vernunft verstieß; und als Selbiges im Selbigen verharrend, ruht es in sich selbst und niemals wird es sich dort fortbewegen, denn die starke Not hält es in den Banden der Grenze, die es ringsum einschließt. Darum darf das Sein nicht ohne Abschluß sein. Denn es ist mangellos. Fehlte ihm der, so fehlte ihm Alles."
Um herauszufinden, WAS wir sind, WO wir sind und WIE wir sind, sollte man die Warnung der Ananke lieber ernst nehmen und sich der "Phantasmata unserer Sinne" begeben, denn Ananke ist nicht die Göttin der Logik, sondern jene Not, von der hier die Rede ist.
Sie ist die einzige, unteilbare Wahrheit und in Allem, was wir imaginieren, imaginieren wir auch sie.
Sagen wir einfach nur "Eins", ist unsere Abstraktion mit dem wahren "Eins" am engsten verbunden und nur dadurch von diesem getrennt, dass unser Sagen notwendig Abstraktion ist. Die Grenze von "Eins" kann nur dadurch existieren, dass sie ständig - dass sie unaufhörlich "Eins" simuliert.
Sein ist das unabdingbare, wahre Subjekt.
Die Grenze von Sein ist sein unabdingbares, wahres Prädikat.
Und so, wie Sein in absoluter, unerschütterlicher Ruhe verharrt, muß sein Prädikat ihm diese Ruhe verschaffen, indem es unaufhörlich wird. Und damit die unaufhörlich werdende Grenze des Seins die Wahrheit des unerschütterlichen Seins, bei dem "WERDEN" ausgeschlossen ist, nicht konterkarieren kann, muß sie nicht nur unaufhörlich werden - sie muß unaufhörlich NULL werden.
Für diesen notwendigen Grenzdienst revanchiert sich Sein, indem es seiner Grenze die Existenz gestattet.
Es ist nur als vollkommene Perfektion zu bezeichnen, wie die NOT das unbewegte Sein und den sich ewig bewegenden "Schein" (der ja nur deshalb so heißt, weil ein Prädikat nicht aus eigener Macht seiend ist) so vereint, dass sie keinen Gegensatz ergeben, sondern harmonieren.
Nun kann man das, worüber ich mich hier verbreitet habe, jetzt gleich für irgendein Gelaber halten oder erst später. Für den Fall, dass Du Dich für die "erst später" - Variante entscheidest, habe ich noch ein Beispiel mitgebracht, das, ganz meiner Persönlichkeit entsprechend, uferlos und langatmig ausfällt:
Einem der sympathischsten Menschen, die jemals über unseren Planeten strömten, scheint in dieser Welt so einiges merkwürdig vorgekommen zu sein, weshalb er versuchte, herauszubekommen, ob die Welt eigentlich immer absurde Antworten bereithält - ob die Fragen nun gleich absurd sind oder sich erst durch die Antworten als absurd herausstellen.
Douglas Adams lautete der Name dieses Menschen und sein Beruf war, Mensch zu sein.
Woher ich das wissen will? Ganz einfach - das ist der einzige Beruf, der eine Maschine konstruiert, die den Beruf nicht erleichtert, sondern seinen Sinn überprüft.
Der Name dieser Maschine lautet Deep Thought.
Also sehen wir einmal nach, was Deep Thought tun mußte, um auf "42" zu kommen, als die Antwort auf die Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Zeugs.
Der Glaube, dass es EINE Wahrheit gibt, die immer wahr und immer diesselbe ist, ganz gleich, was wir darüber imaginieren oder welche Grenzen wir in diese Wahrheit projizieren, stürzt uns doch des öfteren in die eine oder andere Konfusion, aus denen wir uns dann am eigenen Schopf herausziehen, indem wir uns einer weiteren Imagination bedienen - nämlich der, es gäbe einfach mehrere Wahrheiten, die nur deshalb nicht immer, oder besser nie klar zu erkennen sind, weil alles Veränderung ist.
Ist aber "Alles" Veränderung, so kommen manche Leute, die ihr Ringen um die Wahrheit schließlich in ein Prinzip gekleidet haben, in mächtige Schwierigkeiten, da Prinzipien in den meisten Fällen deshalb in die Welt entlassen werden, weil die "Dinge für uns" einfach nicht auf das "Ding an sich" schließen lassen.
Douglas Adams, mit seinem ausgeprägten Sinn für Humor, muß wohl gespürt haben, dass ihm, ganz gleich was er seinen Computer sagen läßt, niemand ernstlich gegen den Wagen fahren kann, denn da nunmal die "Dinge für uns" durch "uns" betrachtet werden, kann es darüber so viele WAHRE Aussagen geben, wie es Leute gibt, da ja das vermeintliche eigentliche Wahrheitskriterium (Ding an sich) niemand kennt.
Allerdings scheint er dabei die Rechnung ohne Parmenides und Ananke gemacht zu haben, was aber nicht bedeutet, dass er gar keine Rechnung gemacht hat. Er hat sich einfach auf seine Intuition verlassen und wie sich gleich herausstellen wird, zu recht, denn wende ich die Parmenidische Vernunft auf dieses Beispiel an, bin ich tatsächlich in der Lage, zu sagen, dass 42 die Sache punktgenau trifft. Und zwar so:
Deep Thought gibt "42" als Antwort auf die Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Zeugs an.
Nun ist wohl Leben, Universum und der restliche Krempel etwas, nach dem man deshalb fragen kann, weil es die Wirklichkeit zu sein scheint, die man sich nur nicht so recht zu erklären weiß, weshalb man ja auch einen Computer baut, der diese Frage nun endlich mal beantworten soll. Doch was tut der vermaledeite Deep Thought? Er sagt: "42".
Um nun zu überprüfen, ob die Antwort "42" richtig ist, spielt die konkrete Frage keine Rolle, sondern nur die Notwendigkeit, dass etwas in ihr wahr gewesen sein muß, so wie notwendig ist, dass auch etwas an der Antwort wahr sein muß.
Die wahre Notwendigkeit in Frage und Antwort ist die, dass beide notwendig Wirklichkeit sein müssen, weil sie notwendig nicht Nichts sein können. Denn das Nichts irgendwo oder irgendwie stattfindet und somit den Charakter von Nichts verliert, ist NOTWENDIG ausgeschlossen, weil es sonst nicht Nichts wäre, sondern Etwas.
Nun gerät aber dieses Etwas in eine ungeheure, existenzbedrohende Schwierigkeit, wenn es oberflächlich oder logisch betrachtet wird.
Denn dadurch, dass Nichts mit Notwendigkeit augeschlossen ist, drängt sich mit Macht der Gedanke auf, dass Sein nunmehr mit Notwendigkeit Eins, Unveränderlich, Unörtlich und Unzeitlich sein muß, um überhaupt zu sein.
Die Erfahrung, dass Etwas scheinbar da ist, das sämtliche Eigenschaften aufweist, die dem notwendigen Sein notwendig abgesprochen werden müssen, könnte zunächst in der Tat als eine nur scheinbare Wahrheit abgewiesen werden.
Doch sofort darauf beweist sie mit Macht ihre Unabweisbarkeit, indem sie auf die Notwendigkeit verweist, dass Nichts nicht ist und sie selbst (sei sie wahr oder nicht) somit ebenfalls nicht Nichts sein kann.
Kann sie aber notwendig nicht Nichts sein, so muß sie ebenso notwendig vorhanden sein und bringt Sein in ein ungeheures Dilemma, indem sie darauf hindeutet, dass die notwendigen Eigenschaften von Sein, die dieses haben muß, um überhaupt sein zu können, ebenso notwendig nicht dessen Eigenschaften sein dürfen, wennanders man annehmen müßte, dass doch Etwas aus Nichts entsteht, was impliziert, dass man einer Unmöglichkeit nicht nur Möglichkeit, sondern Notwendigkeit bescheinigen müßte.
Natürlich ist das ausgeschlossen, was ja nichts anderes bedeutet als: Die Natur schließt es aus.
Denn hat sich nun mit Notwendigkeit eine scheinbare Unmöglichkeit herausgestellt - nämlich die, dass wahres Sein ebenso wahr sein muß, wie unwahrer Schein, so kann ich vor der genauen Untersuchung dieser paradoxen Situation erst einmal annehmen, dass beides zumindest vorhanden ist, weil es nicht Nichts ist und zusammengenommen das darstellt, was man "ALLES" nennen kann.
Das darf ich deshalb tun, weil es lediglich darauf basiert, dass nicht Nichts ist und damit alles, was von Nichts verschieden ist, mit Notwendigkeit "Alles" ist.
Folge ich nun dem Parmenides, so unterteilt sich dieses "Alles" in "wahres 1" und "unwahres >1 (Vieles)".
"0" (Null) muß ich zunächst aus dieser Rechnung ausklammern, da "0" aus der Natur zwar nicht zu erfahren ist, jedoch auch nicht "Nichts" sein kann.
Denn als Gebilde der Natur ist es "0", zu dem alle Gegensätze unaufhörlich werden. Und da alle Gegensätze - also alles, das veränderlich ist - immerfort NULL, also: NEUTRAL - werden, kann EINS (SEIN) es als WAHR erkennen und als seiend akzeptieren.
Doch was bedeutet dies nun für Deep Thought?
Definition:
"ALLES"
ist die Summe, die sich aus "wahrem Sein" und "unwahrem Schein" ergibt.
"SEIN"
ist "Eins", also "1", "wahr" und "unveränderlich".
"SCHEIN"
ist "Vieles", also ">1", "unwahr" sowie "veränderlich".
Da nur "SCHEIN" in dieser Rechnung veränderlich sein darf, da er sonst ja "Sein" wäre, stellt >1 die Variable dieser Formel dar, in die alles eingesetzt werden darf, was >1, also unwahr ist.
Formel:
Alles - 1 = >1
Setze ich nun Adams' "42" in diese Rechnung ein, geschieht folgendes:
Alles - 1 = 42
Probe:
42 + 1 = 43
("43" ist ungleich "Alles", da 43 einen Nachfolger hat, der ebenfalls mit 1 addiert werden könnte.
Also erfüllt "42" seine Definition als "unwahr".)
Ergebnis:
Da laut Definition >1 immer unwahr sein muß, erfüllt "42" diese Bedingung, da die Probe ergeben hat, dass die Addition von "42" und "1" nicht "Alles" ergibt, sondern etwas, das weniger als Alles ist und somit ein Ergebnis darstellt, das den Sinn der Formel erfüllt, indem bewiesen wird, dass "42" tatsächlich ein unwahrer Wert ist, der laut Definition also "scheinbar", also auch nur "scheinbar wahr" ist.
Dass Deep Thought, als er "42" angab, somit die scheinbare Wahrheit angab, ergibt sich aus der Überlegung, dass "42" in gleicher Weise wahr ist, wie es jede andere Zahl gewesen wäre, die >1 ist, da nur >1 variabel ist.
Die Antwort, die Deep Thought gab, charakterisiert somit die Frage, die ihm gestellt wurde, als eine Frage, die auf eine konkrete Erklärung der Wirklichkeit (Schein) abzielte, also nach der konkreten Wahrheit dieser Wirklichkeit fragte. Ganz gleich, wie die genaue Frage lautete - sie war eine Frage nach etwas konkret Wirklichem. Und so mußte jede Antwort richtig sein, die >1 ist, konnte jedoch nicht "Größer Eins" lauten.
Deshalb sah sich Deep Thought folgender Misere ausgesetzt:
Er konnte nicht sagen: Größer Eins,
da dies eine Variable ist, die als abstrakte Nennung den Wunsch nach konkreter Erklärung nicht erfüllt.
Er konnte nicht sagen: 1,
da 1 nicht die Wirklichkeit (Schein) erklärt,
sondern lt. Definition konterkariert.
Er konnte nicht sagen: 0,
da 0, in der Probe addiert mit 1, wiederum 1 ergeben hätte, was zum gleichen Grund geführt hätte, aus dem es verboten war, dass er 1 sagt.
Er konnte nicht sagen: Unendlich,
da hier das Gleiche zutrifft, wie auf "Größer Eins".
Somit hätte Deep Thought also allein die Möglichkeit gehabt, eine andere konkrete Zahl zu nennen, als "42", weil es unmöglich ist, sämtliche konkreten Zahlen zugleich zu nennen. Aber auch nacheinander konnte er sie nicht nennen, da dies dem Charakter einer Antwort widersprochen hätte, da die Nennung nicht zu einem Ende gelangen kann.
Auch "Unendlich" konnte er nicht sagen, weil dies, wie gesagt, keine konkrete sondern eine abstrakte Aussage ist.
Und somit ist die Antwort "42" also genauso gut und richtig, wie es die Nennung jeder anderen konkreten Zahl gewesen wäre, die >1 ist.
Intermezzo III
Es ist an dieser Stelle zwar eigentlich unwichtig, darauf hinzuweisen, doch wird genau dieser Absatz durch Douglas Adams selbst bestätigt, der in einem Usenet-Beitrag 1993 auf die Frage warum die Antwort "42" sei, schrieb: "Die Antwort darauf ist ganz einfach. Es war ein Scherz. Es musste eine Zahl sein, eine normale, kleine Zahl, und ich wählte diese. Binäre Darstellungen, Basis 13, Tibetanische Mönche, das ist alles kompletter Unsinn. Ich saß an meinem Schreibtisch, sah in den Garten und dachte "42 geht". Ich schrieb es. Ende der Geschichte."
Da nun von Deep Thought DIE ANTWORT auf die Wirklichkeit gefordert wurde, war er gezwungen, aus unendlichen Möglichkeiten eine einzige Wirklichkeit werden zu lassen.
Dass dieser Computer, wie ihn Adams imaginiert, tatsächlich der beste Computer ist, den es jemals gab, wird aus dem Umstand ersichtlich, dass er überhaupt eine Antwort gab.
Denn diese Antwort erfüllt nicht nur das Ziel seiner Programmierung, sondern dass er sie geben konnte, war nur möglich, weil er selbstständig den Grund für diese Programmierung herausgefunden haben muß.
Dass er zunächst das Naheliegende tat und seiner Programmierung entsprechend, eine konkrete Aufzählung begann, erklärt, warum er Millionen Jahre für die Antwort brauchte, was aber lediglich nach unseren Maßstäben eine lange Zeit ist.
Es ist aber für Deep Thought derselbe Maßstab, der ihn sich für eine konkrete Antwort entscheiden ließ, wie er der Entscheidung zugrunde liegt, dass Millionen Jahre im Vergleich zu Unendlich wie 0 Jahre erscheinen.
Denn ein Computer, der herausfindet, dass im Vergleich zu Unendlich 2 Minuten ebenso gegen 0 gehen, wie 800 Trilliarden Jahre - dass also 2 Minuten und 800 Trilliarden Jahre im Vergleich zu Unendlich dasselbe sind (nämlich "endlich"), kann in aller Ruhe und Gelassenheit "42" sagen, weil er weiß, dass "42" zu sagen, auch das Sagen jeder anderen Zahl ist, die >1 ist.
Der Moment aber, in welchem die Wirklichkeit "42" eintritt, macht alles, was wir als Möglichkeiten bezeichnen, zur Unwirklichkeit.
Und nun bedenke bitte noch, dass "42" (also unwahr) die Antwort auf die Frage nach dem Leben, dem Universum und allerlei Zeugs ist.
Deshalb darf ich Deep Thoughts Antwort abschließend noch einmal für Minderbegabte übersetzen. Sie lautet: "Dass ihr in der Tinte sitzt, ist nicht so schlimm, denn sie ist unwahr. Dass ihr den Eindruck habt, sie könne nicht unwahr sein, weil ihr euch ja schließlich darin wähnt, liegt daran, dass sie nicht Nichts ist.
Wollt ihr nun aus dieser Misere herauskommen, dann denkt endlich, was euch Parmenides da aufgeschrieben hat und denkt es nicht immer nur nach. Denn das Nachdenken kommt nach dem Denken und die Metaphysik meta Physik."
Dass ich ausgerechnet dieses Adams-Beispiel zur Untermauerung meiner Ansicht benutze, liegt darin begründet, dass die Parmenidische Weltsicht einfach jede Aussage erklären kann - ganz gleich, ob und in welchem Ausmaß deren Parameter definiert sind.
Tja theophanu, ich hoffe, Du bereust es jetzt nicht, der Darstellung dieser Dinge auf meine Weise zugestimmt zu haben.
Gruß
Telltale