Christologisch betrachtet ist die Hölle einerseits ein Ort, wo nichts Gutes herrscht und daher auch Gottes Gnade nicht hinreichen kann, um die Seelen der Menschen zu trösten, und andererseits ein Ort, wo sich Gottes Gerechtigkeit manifestiert, indem diejenigen Seelen, welche Zeit ihres Lebens nur Böses getan haben, ihre gerechte Strafe erhalten. Sie ist darum die geistliche Perfektion der menschlichen Vorstellung, dass jede böse Tat auch bestraft werden muss, während der Himmel die geistliche Perfektion unseres immanenten Wollens ist, dass jede gute Tat auch belohnt wird.
Für mich kann die Hölle aber auch schon Ausdruck eines irdischen Zustandes sein, nämlich jenes geistigen Zustandes, in welchem der Mensch versucht, ganz
ohne Glauben zu leben, und dagegen alles seinem
eigenen Verstand unterordnet. Da nämlich der Verstand nur urteilen kann, seine Urteile aber keineswegs nur objektiv sind, sondern fast immer einen Wertgehalt aufweisen, führt dies fast immer auch zur
Ver-urteilung, und da der Verstand sich nicht nur auf äußere Objekte richtet, sondern regelmäßig das eigene Subjekt zum Gegenstand hat, in letzter Instanz auch zur
Verurteilung des eigenen Subjekts. -
Dies aber ist die Hölle, dass man sein eigener Richter und sein eigener Angeklagter ist, und sich dem Gericht darum nicht entziehen kann. Gleichzeitig gibt es nicht die geringste Hoffnung auf einen Freispruch, weil man sich im Zuge seiner Verteidigung in immer größere Widersprüche verstricken muss, dem der eigene Richter (der Verstand) mit absoluter Sicherheit nachspüren kann, da er ja sozusagen ein Hausgenosse des Angeklagten ist. Doch auch zu einer abschließenden Verurteilung kommt es nicht, denn der Angeklagte hat ja das Recht, sich selber zu verteidigen, und davon macht er auch ausreichend Gebrauch, fürchtet er doch, dass er sein Leben verlieren könnte, wenn er es nicht tut. So wird der Prozess bis in die Ewigkeit verlängert, da die Gegner absolut ebenbürtig sind, und es muss dem Angeklagten schließlich bewusst werden, dass dies bereits die gefürchtete Bestrafung ist, und der Gerichtssaal bereits das eigentliche Gefägnis, aus dem es kein Entrinnen gibt. Es gibt daher nur 2 Möglichkeiten dieser "Hölle" zu entkommen:
1.) der Verstandesmensch
begeht Selbstmord und entflieht somit den ganzen Selbstvorwürfen, die ihn ohnehin nur mehr quälen. Er hat dabei allerdings auch sein Leben aufgegeben, und damit gerade das verloren, was er durch seine Verteidigung zu retten gesucht hat. Sein Leben ist damit verwirkt und er wurde Opfer seiner eigenen Selbstgerechtigkeit.
2.) er
glaubt und suspendiert damit seinen eigenen Verstand. Wieder metaphorisch gesprochen bedeutet dies: das Gericht wird aufgehoben, der Richter wird wegen Befangenheit seines Amtes enthoben, die Verhandlung ist zu Ende; ODER: das Gericht bleibt zunächst bestehen, aber ein weiterer Fürsprecher tritt auf, ein Anwalt, der sich auf einen Rechtsgrund beruft, den das Gericht ohne weiteres Zögern akzeptieren muss: "Begnadigung von ganz oben" - die Verhandlung ist zu Ende. Der Angeklagte ist frei.
Was dieses letzte Verständnis von Hölle angeht, glaube ich, muss man nicht daran glauben, sondern sie existiert mE bereits hier und jetzt, egal ob in den Gerichtssälen menschlicher Selbstgerechtigkeit oder in den rauchenden Köpfen skeptischer Philosophen. Dagegen würde sowohl hier als auch dort ein bisschen Glauben an das Gute im Menschen nicht schaden.
LS
PS: sorry für die vielen Bilder. Manchmal wirkt meine Sprache etwas blumig.