hans68
E5P23S
"Nichtsdestoweniger wissen und erfahren wir aber, dass wir ewig sind."
Der fünfte Teil der 'Ethik' ist schwierig zu verstehen. Manche lehnen ihn als Ganzes ab, andere konstruieren daraus irgendeine Esoterik. Ich denke, man kommt "den Dingen" am nächsten, wenn man das Gegensätzliche (oder vielleicht bloß die Ambivalenz) zusammenhält. Etwa: keine Untersterblichkeit der Seele, aber dennoch Ewigkeit eines gewissen Anteils in uns. Mit dem Begriff einer coincidentia oppositorum kann man sich rational nähern. Aber benötigt man nicht die allegorische, die sich selbst dekonstruierende Imagination, um an den Punkt zu gelangen, wie in guter Poesie?
.
.
Ist das vielleicht nicht mein Beruf?
Zeit verlieren ist mein Beruf,
und es ist schön zu verlieren, was man nicht hat.
Zeit habe ich verloren,
die ich sicher nicht hatte,
doch im Verlieren gewinne, ja erlange ich
den höchsten Überfluss, meine Unsterblichkeit.
Und nur unsterblich will ich sein
unsterblich auf dieser Erde, mitten
in der Zeit schwebend, die mir nicht gehört,
ausgeliefert
und schon vergangen, ein verschlossenes das sicher nicht
wiederaufersteht, im Spielen mit Worten bin ich der Anfang
Patrizia Cavalli
Das wäre also unsere Ewigkeit: vergänglich und unsterblich, verloren und in der Zeit schwebend, nicht wiederauferstanden am Anfang ...
"Das Empfinden der Ewigkeit erweist sich. Sie selbst erweist nichts. (...) Die Erfahrung beweist nichts, vielmehr regt sie an. Indem wir erfahren, dass wir ewig sind, das heißt, dass wir erfahren, dass die Notwendigkeit, die wir entdecken für uns auf dem Spiel steht, ermöglicht uns die Notwendigkeit den Ausblick, sie von innen zu leben. Sie legt uns nahe, uns auf die Suche nach dieser Ewigkeit zu machen, die zugleich versprochen und gegeben ist; das heißt sie legt uns nahe, den Weg zu wählen, der uns zu Erkenntnis und Glückseligkeit führen wird."
( P.-F. Moreau, L'expérience et éternité, 549)
hans68
E5P38Dem
"Je mehr Dinge der Geist also in der zweiten und dritten Erkenntnisgattung erkennt, umso größer ist der Teil von ihm, der bestehen bleibt (...), der unangefochten bleibt (...)"
Die Konsequenzen dieser These:
1) Es folgt aus ihr, dass wir an einer Ewigkeit teilhaben, die unmittelbar proportional zur Aktivität unseres Geistes ist. Siehe:
E5P40
"Je mehr Vollkommenheit ein jedes Ding hat, umso aktiver ist es (...) und umgekehrt, je aktiver es ist, umso vollkommener ist es."
und
E5P40C
"Hieraus folgt, daß der Teil des Geistes, der bestehen bleibt, wie groß er auch sein mag, vollkommener ist, als der andere."
Jede Person findest also "Strafe" und "Belohnung" in eben dem Leben, das er/sie führt und in dem Streben das er/sie entwickelt: eine Existenze der Imagination oder des Verstandes, der Passivität oder der Aktivität, der Zurückhaltung oder der Verwirklichung - diese Existenz ist selbst Tod oder Ewigkeit, auch wenn die Sanktion auf strikteste Weise immanent ist. [39]
2) Doch der Vergleich zwischen verschiedenen Personen ist letztlich bloß hypothetisch, denn aus einem realen Vergleich lässt sich – aufgrund der Immanenz – keine weiterführende Erkenntnis gewinnen. Umso wichtiger ist der Vergleich, der sich auf uns selbst bezieht, obwohl auch dieser nur relativ bleibt, denn aus Negativem lässt sich letztlich nichts Gewisses schließen. Also: die zweite und dritte Erkenntnisgattung in ein und derselben Person ist des Fortschritts fähig, insofern die ewige Idee explizit bewusst wird, sich vertieft und erweitert, um zu einem Bewusstsein Gottes und der Dinge zu werden. Die immanente Sanktion, die in unserer Anteil an der Ewigkeit besteht, erscheint also als Wirkung – und zwar nicht dessen, was die äußere und uns vorausgehende Natur an uns bewirkt, sondern dessen, wie wir an uns selbst handeln. Dieser Anteil an der Ewigkeit lässt sich nicht " ohne große Anstrenung" (sine magno labore, E5P42S) erwirken.
3) Schließlich liegt es in unserem Möglichkeitsbereich, dass unser Anteil an Ewigkeit unseres Geistes eine Entwicklung nimmt, sodass er letztlich fasst sein Ganzes ausmacht. Denn der menschliche Geist kann von einer solchen Natur sein, "daß das von ihm, was (...) mit dem Körper vergeht, im Verhältnis zu dem, was von ihm bestehen bleibt, von keiner Bedeutung ist" (E5P38S).
Außerdem:
E5P39
"Wer einen Körper hat, der zu sehr vielem befähigt ist, hat einen Geist, dessen größter Teil ewig ist."
und:
zwar "zu sehr vielem befähigt" auf eine Weise, dass das, "was zu seiner Erinnerung oder Imagination gehört, verglichen mit dem Verstand, kaum von Belang ist." (E5P39S)
Also: Wiewohl die Ewigkeit auch partiell bleibt, kann sie sich dennoch vorherrschend machen und dies einzig kraft des Anwachsens unserer Fähigkeit/Kraft/Machte dass irgendeine körperliche oder geistige Kasteiung nötig wäre oder eine Zerstörung dessen, was nicht ewig ist. [40]
--
Eckige Klammern beziehen sich auf Inhalte und Seiten aus: Rousset, Bernard, 2005 (1968 ): La perspective finale de 'L'Ethique' et le problème de la cohérence du spinozisme. L'autonomie comme salut. Paris, Vrin
Reinhard
| Zitat: |
1) Es folgt aus ihr, dass wir an einer Ewigkeit teilhaben, die unmittelbar proportional zur Aktivität unseres Geistes ist.
"Je mehr Vollkommenheit ein jedes Ding hat, umso aktiver ist es (...) und umgekehrt, je aktiver es ist, umso vollkommener ist es." |
Was ist das bloß für ein Humbug ? Eine Ewigkeit soll proportional zu etwas außer ihr sein ? und noch gerade in einem Verhältnis stehen zu etwas Beweglichem, was mit Aktivität ja wohl bezeichnet wird. Selbst in der Mathematik steht die Unendlichkeit und in zeitlichem Sinne die Ewigkeit in keinem Verhältnis zu irgendeiner Berechnung, kann nicht stehen, weil ihre Annahmen eben die Axiome bilden, die Mathematik erst ermöglichen. Ich wiederhole mich hier nun zum 40igtausendsten Mal, Erkenntnisse, die auf der Grundlage und Annahme eines Erkenntnisgrundes gewonnen werden, sind keine Erkenntnisse, die eine Aussage über den Erkenntnisgrund selber ermöglichen. Keine Berechnung kann die Unendlichkeit beweisen und vice versa. Wir fangen jedes Mal wieder bei null an.
Welch Husarenstück hier abgeliefert ist, wird auch deutlich, wenn der Herr Spinoza von " vollkommener " schreibt. Entweder ist etwas vollkommen, was immer das heissen mag, oder eben nicht, dann ist und bleibt es unvollkommen. Diese Begriffe kann man aber ohnhin nur benutzen, wenn man vorher festlegt, was denn im Einzelfall als vollkommen angesehen werden soll. Es muss also messbar sein, und insofern fällt dieser Begriff für nicht messbare Verhältnisse schon mal aus. Ist die Ewigkeit nun messbar ? Für den Baruch vielleicht, weil er sich ja an Gottes Stelle wähnt und seinen Geist für fähig hält, am göttlichen Geist teilzuhaben. Ich nenne das Hybris.
Sein ganzer Traktat, der beim Lesen von mir nur als Zumutung empfunden werden konnte, gaukelt durch seinen Aufbau eine Art logisch aufgebauter Wissenschaftlichkeit vor, hinter dem die Inhalte so weit zurückbleiben, dass außer der Annahme eines unpersönlichen Gottes, was schon allein eine Absurdität ist, nichts verbleibt.
Viel Spass in der partiellen Ewigkeit, ich lebe derweil.
Mit freundlichen Grüßen
Reinhard Schauer
hans68
Hallo,
ich denke es gibt zwei Möglichkeiten dir zu antworten. Die eine besteht darin, direkt auf deine Formulierungen einzugehen und zu versuchen, so weit ich dazu im Stande bin, aus meiner spinozistischen Sicht und mit Hinweisen auf Spinozas Texte darauf zu antworten. Das wäre sehr arbeitsaufwendig und ich bin nicht sicher, ob ich damit bei dir ein gnädigeres Urteil über Spinoza bzw. meinen Beitrag bewirken würde.
Die andere besteht darin, erst einmal ein gemeinsames Verständnis abzuklären, was in der Philosophie (oder in bestimmten Philosophien, hier also Spinoza) verhandelt wird, welche Problematiken behandelt werden und wie man sich selbst zu diesen Themen verhält, was einen daran interessiert etc. Vor allem wenn man von unterschiedlichen Richtungen der Philosophie stammt, ist die zweite Herangehensweise m.E. empfehlenswert, weil man keineswegs davon ausgehen kann, dass sich Begrifflichkeiten problemlos in einander übersetzen lassen. Außerdem wird erst vor dem Hintergrund einer bestimmten Problematik auch die Sprache oder Begrifflichkeit verständlich.
Das Thema "Ewigkeit" und was bei Spinoza damit verbunden ist, welchen Stellenwert es einnimmt, was es bedeutet und welche Probleme damit verbunden sind, ist aus meiner Sicht lohnenswert – und für einen Austausch zwischen aufrichtig Interessierten bin ich jederzeit zu haben – auch für die eng verwandten Themen wie "Vollkommenheit", "unpersönlicher Gott" etc.
Ich habe hier diesen 'thread' direkt von meinem Interesse ausgehend begonnen, ohne Rücksicht, wie sich das für andere liest. Ich bin aber gerne bereit, Brücken zu bauen. Ohne ein solches gemeinsames "Brücken bauen" wird man aber im Dialog oder in der Diskussion kaum weiterkommen.
Reinhard Schauer:
>
Sein ganzer Traktat, der beim Lesen von mir nur als Zumutung empfunden werden konnte, gaukelt durch seinen Aufbau eine Art logisch aufgebauter Wissenschaftlichkeit vor, hinter dem die Inhalte so weit zurückbleiben, dass außer der Annahme eines unpersönlichen Gottes, was schon allein eine Absurdität ist, nichts verbleibt.
>
Man darf hier freilich nicht vergessen, dass wir es hier mit einem Autor zu tun haben, der vor mehr als 300 Jahren geschrieben hat, sodass der historische Hintergrund von "Wissenschaftlichkeit" (und Philosophie) zu berücksichtigen wäre und wie sich dieser zu gegenwärtigen Verständnisweisen von Wissenschaftlichkeit und ihrem Verhältnis zum Philosophieren verhält. Ohne eine solche Perspektivierung bleiben die Maßstäbe im Dunkeln bzw. läuft man Gefahr anachronistisch zu verfahren.
Reinhard Schauer:
>
Viel Spass in der partiellen Ewigkeit, ich lebe derweil.
>
Sicher gibt es auch andere lohnenswerte Philosophien und Philosophen. Niemand muss sich mit Spinoza beschäftigen aber jeder muss nach seiner Facon sein Leben führen.
Gruß
hans
Reinhard
| Zitat: |
ich denke es gibt zwei Möglichkeiten dir zu antworten. Die eine besteht darin, direkt auf deine Formulierungen einzugehen und zu versuchen, so weit ich dazu im Stande bin, aus meiner spinozistischen Sicht und mit Hinweisen auf Spinozas Texte darauf zu antworten.
|
Hallo hans68, neben der Frage nach dem persönlichen Philosophieverständnis, als zweiter Möglichkeit, gäbe es ja auch noch die, mir Fehler im logischen Kontext meiner Aussage nachzuweisen und dabei käme es eben auf Dein Spinozaverständnis und nicht auf das Weltverständnis von Baruch an.
Ich versuche mal, uns eine Brücke zu bauen, indem ich zunächst einräume, bewußt auch polemisch gewesen zu sein, weil es eben nach meinem Philosophieverständnis nicht angehen kann, in einer philosophischen Betrachtung einen Gott vorauszusetzen und den dann über den Substanzbegriff zur Seele zu führen, die so ihren Platz erhält, nur weil man sich nicht klar für eine Betrachtungsebene entscheiden möchte. Man muss sich schon entscheiden, ob man wissenschaftliche Betrachtungen anstellen möchte, dann setzt man die Materie voraus oder theologische, dann setzt man Gott voraus. Beides in einem zu denken ist uns nunmal nicht verstattet. Ob man da nun von Substanz redet, von Existenz, Weltgeist oder was weiss ich noch, ist dabei unerheblich. Aus solchen Verbindungen von Voraussetzungen zweier Betrachtungsebenen kann nur Murks entstehen, aber kein logisch nachvollziehbarer Zusammenhang, es sei denn, man siehtTautologien als aussagefähig an. Hier gibt es eben leider keine Brücke oder besser gottseidank nicht. Entweder man sieht unseren Intellekt als unser Überlebenswerkzeug an oder als ausschließliche Grundlage unserer Existenz, also als Teil eines uns nicht erkennbaren Geistes. Im zweiten Fall ist man sowas wie ein Geisterseher, aber nach meinem Verständnis kein Philosoph.
Unsere Brücke läge dann darin, dass Du mir auch Deine Vorstellungen dieser Zusammenhänge mitteilst, so wie ich es getan habe.
Mit freundlichen Grüßen
Reinhard
hans68
Hi Reinhard,
du schreibst:
>
, als zweiter Möglichkeit, gäbe es ja auch noch die, mir Fehler im logischen Kontext meiner Aussage nachzuweisen und dabei käme es eben auf Dein Spinozaverständnis und nicht auf das Weltverständnis von Baruch an.
>
Wenn es ums Logische geht also etwa deinen Einwand aus deinem vorigen Posting ...:
Reinhard:
>
wenn der Herr Spinoza von " vollkommener " schreibt. Entweder ist etwas vollkommen, was immer das heissen mag, oder eben nicht, dann ist und bleibt es unvollkommen.
>
... so finde ich, dass man beachten muss, das "Vollkommenheit" und "vollkommen" bei Spinoza vor dem Hintergrund einer dynamischen Auffassung von Wirklichkeit und Wirkmächtigkeit (potentia) zu verstehen ist, in der die Steigerungsform "vollkommener" eben nicht "unlogisch" ist. Man müsste, wenn man diese Begriffe verwendet, ihren begrifflichen Kontext, wenn nicht gar ihre "Ontologie" mitdenken. Ohne dies momentan auszuführen, würde ich mal die Wette eingehen, dass ich diese begriffliche Verwendung im Rahmen Spinozas plausibel machen kann. Ich finde dein Einwand beruht auf einer alltagssprachlichen/-philosophischen Verwendung und ist nur deshalb "richtig". Er trifft nur nicht Spinozas Begriff der "Vollkommenheit". Vielleicht reicht dir mein Hinweis auf eine "dynamische Auffassung". Wenn nicht, braucht es dazu etwas aufwendigere Rekonstruktionsversuche und diese Arbeit, die Sorgfalt verlangt, möchte ich mir nur antun, wenn gewisse Voraussetzungen geklärt sind, weil ich die Gefahr verringern möchte, an dir vorbeizureden.
Ich gebe dir aber völlig recht, dass es um das eigene Spinozaverständnis geht – für mich aber zunächst aber auch um das "Philosophier"-Verständnis - dazu dann noch etwas später.
Du schreibst, was nach deinem "Philosophieverständnis" nicht angehen kann, nämlich:
Reinhard:
>
einen Gott vorauszusetzen und den dann über den Substanzbegriff zur Seele zu führen, die so ihren Platz erhält,
(snip)
>
Zunächst möchte ich darauf hinweisen, dass bereits diese Kürzest-Rekonsstruktion (aus der 'Ethik', nehme ich an) ungenau ist. Ich denke, man kann nicht davon sprechen, dass Spinoza Gott "voraussetzt". Die Substanz wird vor Gott definiert, dieser folgt in der sechsten Definition und dann ist mal hauptsächlich von Substanz die Rede, bis zum 11. Lehrsatz. Ich würde also eher formulieren, dass Gott hier konstruiert wird. Freilich nicht im Sinne, wie man eine "story" konstruiert. Hier wird eher eine Denknotwendigkeit nachvollziehbar gemacht. Welche? Die Denknotwendigkeit, die ganze Realität zu denken, wobei Spinoza gleich von Beginn auch das Problem mitformuliert, das mit diesem Ganzen einhergeht – nämlich zugleich seine Differenziertheit zu denken: man bekommt das Ganze, das Eine nicht ohne das unendlich Viele (Modi, wozu dann auch später die Seele in ihrer "Parallelität" zum Körper gehören wird) und das auch noch auf unendliche Weisen (Attribute). Diese "Gleichursprünglichkeit" von "Einem" und "Vielem" ist doch schon mal was sehr Interessantes, vor allem wenn man den erwähnten "Dynamismus" mitdenkt, oder? Und darüber hinaus, wenn man sieht wie dieser nichtreduktive Ansatz in der 'Ethik' durchgehalten wird, bzw. weiter verschoben wird in andere Themen, wie etwa die Nichtreduzierbarkeit von Körper und Geist aufeinander, etc.
du formulierst gleich anschließend:
>
nur weil man sich nicht klar für eine Betrachtungsebene entscheiden möchte. Man muss sich schon entscheiden, ob man wissenschaftliche Betrachtungen anstellen möchte, dann setzt man die Materie voraus
snip
>
Ich lass' mal die Frage beiseite, inwiefern Philosophie wissenschaftlich ist, - was sie nach meiner Auffassung nicht ist – eine Differenz (Wissenschaft/Philosophie) die für Spinoza so sicher nicht galt ... das ist aber vielleicht ein anderes Thema ... bleibt die Frage nach der "Materie". Hier ist natürlich weiter zu fragen, "Materie" bzw. Materialismus in welchem Sinn? Es ist ja durchaus möglich, dass etwas in der Sache bzw. konzeptuell vorhanden ist, obwohl ein anderes Wort, andere Worte dafür verwendet werden. Historisch ist zu sagen, dass das Wort "Materialismus" etwa zu Spinozas Zeiten aufgekommen ist. Damals werden als "Materialisten" jene Gelehrten bezeichnet, "die den Naturprozess einzig aufgrund der Eigenschaften der materiellen Ursache erklären möchten, ohne auf die Bewegung zurückzugreifen – in scholastischer Sprache gesprochen, ohne die formelle, Zweck- und Wirkursache" (a). Seit damals hat sich da sicherlich einiges verändert. Ich persönlich gehöre zu jenen, die Spinoza tatsächlich als Materialisten verstehen, wobei ich unter "Materie" den Zusammenhang, den Komplex "Natur/Geschichte" verstehe, der durch unsere menschliche wissenschaftliche und philosophische (und künstlerische ?) Tätigkeit verstehbar gemacht werden kann. Wenn man sich die Geschichte der Philosophie ganz grob vor Augen führt, so kann man sicherlich davon sprechen, dass sie in ihren dominierenden Strömungen die Körper, die Ausdehnung, die "irdische Welt" dem Denken und der Seele untergeordnet hat. Spinoza kann man vor diesem Hintergrund schon insofern als Materialisten betrachten, als er hier einfach eine Balance zwischen den Attributen des Denkens und der Ausdehnung herstellt, indem er Gott auch als "ein ausgedehntes Ding" (E2P2) denkt, was auf eine Umwertung und Bedeutungssteigerung von Körper/Ausdehnung im Sinne ihrer Autonomie, ihrer Dynamik und ihrer Mächtigkeit hinausläuft. Aber man kann Spinoza gerade auch deshalb als Materialisten verstehen, aufgrund der Art und Weise wie er das Attribut Denken und die Seele behandelt, indem er ihnen nämlich wie der physischen Ausdehnung Gesetzmäßigkeit zuschreibt und sie als Gegenstände einer strengen Wissenschaft betrachtet, die keinen Raum für okkulte Qualitäten lässt. Spinoza steht inhaltlich wie auch nach eigenen Aussagen in der materialistischen Tradition Demokrits, Epikurs und Lukrez' – auch wenn er kein Atomist ist. Man könnte auch meinen, da Spinoza auch erkenntnistheoretisch nicht naiv war, dass er gewisse mechanische und Vulgärmaterialismen späterer Epochen schon im vorhinein überwindet und Positionen bezieht, die in anderer Sprache zwar, aber immer (oder wieder) aktuell sind. Freilich war für Spinoza die Alternative "Materie oder Denken/Geist" keine Entscheidungsfrage. Nicht zuletzt hat Spinoza sicherlich durch seine Formel "Gott oder die Natur" mitgeholfen, spätere wissenschaftliche und materialistische Entwicklungen zu befördern. Auch wenn es heute nicht wenige "spiritualistische" und "erleuchtete" Leser Spinozas gibt. Kurz, die Entscheidung zwischen den zwei Betrachtungsebenen Gott/Materie, die du einforderst, halte ich zwar nicht für unlogisch, aber in diesem konkreten Fall für anachronistisch – sie geht m.E. an Spinoza und an der Geschichtlichkeit der philosophischen Tätigkeit vorbei.
Reinhard
>
Aus solchen Verbindungen von Voraussetzungen zweier Betrachtungsebenen kann nur Murks entstehen, aber kein logisch nachvollziehbarer Zusammenhang,
snip
>
Ich hoffe ich habe deutlich gemacht, dass man nach meinem Philosophieverständnis Texte nicht nur "logisch" aufarbeiten kann, ohne eine historische Kontextualisierung der Problematiken und Begrifflichkeiten versteht man m.E. nicht, was man an einem Text überhaupt logisch beurteilen kann.
Reinhard:
>
Entweder man sieht unseren Intellekt als unser Überlebenswerkzeug an oder als ausschließliche Grundlage unserer Existenz, also als Teil eines uns nicht erkennbaren Geistes. Im zweiten Fall ist man sowas wie ein Geisterseher, aber nach meinem Verständnis kein Philosoph.
>
Ich denke, dass Spinozas Werk als ganzes zeigt, dass er einer der Vorkämpfer für den "Intellekt als Überlebenswerkzeug" war, zu einer Zeit als Bücher noch einen Eindruck auf die Öffentlichkeit machten und manche deshalb auch als gefährlich galten – nicht zuletzt die Spinozas. Übrigens ist er auch ein vehementer Kritiker von "Geistersehern". Mit ein bisschen mehr historischer Perspektive könntest du vielleicht in Spinoza einen Vorfahren und Verbündeten finden, der vielleicht sogar ein paar Anregungen für dich parat hätte.
Ebenfalls freundliche Grüße
hans
(a) Tosel, André, 1994: Du matérialisme de Spinoza. Paris , S. 128
Reinhard
Hallo hans68, danke für die detailierte und für mich durchaus lehrreiche Antwort.
Was die Dynamik angeht, leiden wir nunmal unter der Unmöglichkeit, dynamische Prozesse als quasi Wiederholung der von uns erlebten Wirklichkeit zu beschreiben und genau gesagt auch darzustellen. Dynamik ist ein Wort, wie Veränderung und Bewegung auch. Nichts Gedachtes kann an die Stelle der Wirklichkeit treten. Wir sind eben auf statische Beschreibungen einer sich bewegenden Wirklichkeit angewiesen, auch wenn die Computeranimation uns vielleicht vormachen, es könnte anders sein, beruhen auch diese in letzter und feinster Konsequenz, auf statischen Größen, wie beispielsweise Filme ja auch. Die Lücke zwischen Wirklichkeit und Denken ist nicht zu schließen. Die Welt stellt sich für uns also durch und durch kausal dar und so wie wir eine Trennung nach Ursache und Wirkung nur gedanklich vollziehen, ist die Einheit eben deshalb nicht zu denken, weil wir ja gerade die Teilung vollzogen haben, um uns Zusammenhänge nach den Prinzipien von Verstand und Vernunft klar zu machen. Ein wieder nur gedankliches Zusammenfügen beider Elemente kann der Wirklichkeit nicht näher kommen, sondern muss sich eben weiter entfernen. Die Wirklichkeit bleibt das Rätsel aller Rätsel und sie ist weder durch Begriffe wie Sein, Existenz, dynamische Potentia oder was weiss ich noch, zu beschreiben, wir müssen und wollen hoffentlich auch, sie erleben.
Es ist natürlich klar und das verlangt jeder Ontologe, dass man sich auf die Bedingungen seines Denkens vollständig einzulassen habe, sonst könne man ihn nicht verstehen. Ich halte das aber für esoterisch und mein Philosophieverständnis ist eben exoterisch. Wo bleibt der Maßstab für eine allgemeingültige Beurteilungsgrundlage ? Man muss sich doch auch von einem außenstehenden Punkt über die dargelegten Deutungen verständigen können und da gibt es doch nur Logik und common sense. Unter Deiner Prämisse glaube ich Dir sogar, dass Du überzeugt bist, Deine Wette zu gewinnen, nur so kann ich eben nicht dagegenhalten.
Auf den Unterschied von Sein und Seiendem bin ich schon eingegangen und habe mich über Erkenntnis und Erkenntnisgrund mal wieder ausgelassen. Differenziertes Denken bedeutet für mich gerade, diese Dinge getrennt zu lassen und nur innerhalb gleicher Voraussetzungen zu argumentieren. Alles zusammen zu kloppen ist der übliche Alltag, man gönne sich nur mal Gesprächsrunden im Fernsehen. Dass Spinoza in einer Art Gleichursprünglichkeit das Eine und das Viele zusammenfasst, zeigt mir ja nur, dass er sich über die Denknotwendigkeiten nie ausreichend Gedanken gemacht hat, weil er ja eben einen einenden Urgrund in Form eines philosophischen Gottes vorausgestzt hat. Ist das Emanationslehre ? Wenn ja, wozu dann ein Gott ? Ob er nun neben der Materie, als Ausdruck der Kausalität, nun zuerst eine Substanz gesetzt hat und aus diesen seinen Gott abgeleitet hat oder umgekehrt, spielt für mich keine Rolle, die Zielsetzung ist doch zu offensichtlich.
Meine Logik ist anachronistisch ? Natürlich schiessen immer wieder Leute übers Ziel hinaus und andere folgen ihnen. Sonst würden wir ja nicht in solcher Vielzahl solche Parteien wählen. Die Geschichtlichkeit der Philosophie ist, wie Du ganz richtig anführst, ein beredtes Beispiel dafür. Da geht es dann ohne jede Differenzierung von Aristoteles über Thomas hin zu Spinoza, Hegel, Heidegger und womöglich sogar noch Sartre. Auf jeden muss man sich einlassen und wenn man genauer hinschaut, dann ist es heutzutage so, dass Philosophieprofessoren schamlos ihre Stellung benutzen um ihren Murks unter die Leute zu bringen und noch von uns dafür bezahlt werden. Das gilt natürlich nicht für Spinoza, nur, sind es nicht immer die Proselythen, die ihren Meister am wenigsten verstehen, weil sie keine Distanz aufbauen können ?
Mit freundlichen Grüßen
Reinhard
hans68
Hallo Reinhard,
Du schreibst:
>
Nichts Gedachtes kann an die Stelle der Wirklichkeit treten. Wir sind eben auf statische Beschreibungen einer sich bewegenden Wirklichkeit angewiesen, auch wenn die Computeranimation uns vielleicht vormachen, es könnte anders sein, beruhen auch diese in letzter und feinster Konsequenz, auf statischen Größen, wie beispielsweise Filme ja auch. Die Lücke zwischen Wirklichkeit und Denken ist nicht zu schließen.
>
Wenn dem so ist, wie kann dann der Intellekt ein "Überlebenswerkzeug" sein?
Denken ist auch eine Wirklichkeit, es kommt eben darauf an, wie wir denken, auf unsere Denkfähigkeit (Spinoza: potentia cogitandi) und damit im parallelen Zusammenhang unsere Handlungsfähigkeit (potentia agendi).
Reinhard:
>
Die Wirklichkeit bleibt das Rätsel aller Rätsel und sie ist weder durch Begriffe wie Sein, Existenz, dynamische Potentia oder was weiss ich noch, zu beschreiben, wir müssen und wollen hoffentlich auch, sie erleben.
>
Dabei ist zu beachten, dass die Rede von der Wirklichkeit als Rätsel letztlich ein "Asyl der Unwissenheit" darstellt, so sehr wir natürlich ankerkennen müssen, dass wir uns als endliche Wesen den Wirkungen der Ordnungen der Natur/Geschichte nicht entziehen können, die unsere Kräfte immer überragen. Aber die Mühe zahlt sich aus (bzw. ist sie selbst schon der Lohn, die Betätigung unserer Kräfte)), es ist wert, sich auf die Wirklichkeit aktiv einzulassen, sie zu denken und in ihr zu handeln, also zu leben. Übrigens da du ja selbst eine emphatische Auffassung von "Leben" zu haben scheinst,, da du immer wieder betonst, dass du "leben" willst, bzw. dass man die Begriffe auch "erleben" müsse – Spinoza teilt diese Emphase mit dir:
==E4P21
Nieman kann begehren, glücklich zu sein, gut zu handeln und gut zu leben, ohne daß er zugleich begehrt, zu sein, zu handeln und zu leben, d.h. wirklich zu existieren.
==
Schön, nicht wahr? Aber weiter:
Dass alle unsere Kategorien zunächst einfach Redeweisen sind, bloße Worte, bzw. verworrende Ideen ist auch Spinozas Ansicht, wenn er kritisch auf die sogenannten "transzendentalen Ausdrücke" eingeht, die im Grunde auf unscharfen Einbildungen beruhen:
E2P40S1
" 'das Seiende', 'das Ding', 'Etwas'. Diese Ausdrücke entstehen daraus, daß der menschliche Körper, weil beschränkt, nicht fähig ist, mehr als eine bestimme Anzahl von Bildern (...) zur gleichen Zeit deutlich zu formen. (...) Sobald sich aber die Bilder im Körper gänzlich verwirren, wird auch der Geist sich alle Körper verworren, ohne irgendeine Unterscheidung, vorstellen und gleichsam unter einem Attribut [Kategorie, hans] zusammenfassen, nämlich unter dem Attribut des 'Seienden', des 'Dinges', usw."
und
E2P49S
"Es ist hier deshalb besonders darauf aufmerksam zu machen, wie leicht man sich täuscht, wenn man das Universale mit dem Einzelnen und die Seienden der Vernunft und die abstrakt Seienden mit den wirklich Seienden vermengt."
(Anzumerken ist hier, dass auch das Allgemeine und Abstrakte wirkliche Ideen und somit Wirklichkeit sind, eben nur viel schwächer oder u. U. verworren, selbst wenn manche Philosophen sich mit ihnen scheinbar "emporheben".)
Freilich spricht auch Spinoza schon im ersten Teil der 'Ethik' von "Dingen" und "Sein" etc., ganz einfach weil er eine natürliche (und keine logische) Sprache spricht, aus der sein theoretischer Diskurs erst herausgebildet werden muss – in Auseinandersetzung mit anderen konkurrierenden und vorhergehenden Diskursen. Kurz, es gibt keine begriffliche Bedeutung ohne die theoretische Produktion der Ideen, die immer auch Verarbeitung von Sprachmaterial, von verworrenem Denkmaterial ist.
Wenn ich sage, das Spinoza Gott nicht voraussetzt, sondern mittels Begriffen und unter Verwendung von unvermeidlichen Redeweisen als Denknotwendigkeit konstruiert, so geht es genau um dieses Produzieren von Denkmitteln (anknüpfen und umbilden) aus dem Sprachmaterial vorhergehender bzw. konkurrierender Diskurse. Er liefert also die abstrakte Problematik "Ganzes/Teil", das Eine/das Viele – die ja für sich nichts bedeutet und an sich unklärbar ist – im konkreten philosophischen Material seiner Zeit und hier wird seine Produktion sehr bedeutungsvoll, weil er tatsächlich einen transzendenten Gott und ein Kausalitätsmodell abmontiert, das für die Wissenschaft und die demokratische Politik der damaligen Zeit zu einem massiven Hindernis geworden ist.
Reinhard:
>
Die Welt stellt sich für uns also durch und durch kausal dar und so wie wir eine Trennung nach Ursache und Wirkung nur gedanklich vollziehen, ist die Einheit eben deshalb nicht zu denken, weil wir ja gerade die Teilung vollzogen haben, um uns Zusammenhänge nach den Prinzipien von Verstand und Vernunft klar zu machen.
>
In dieser Abstraktheit hast du recht, es ginge aber darum diese Vernunftbegriffe auf konkrete Problematiken anzuwenden, bzw. zu sehen, wie dies in Spinoza eine Rolle spielt.
Z.B. bin ich gerne bereit, soweit ich es kann und überblicke, den historischen Kontext zu Problematiken in Spinozas Werk, zu liefern, so dass manches verständlicher werden kann, was man sonst nur als abgehobenen Kategorien betrachtet. So ein Thema wäre z.B. "Dynamismus und Bewegung" vor dem Hintergrund der Galileischen/Descartschen wissenschaftlichen Revolution. Hier könnte man vertiefen. Wenn dich das interessiert, mache ich mir die Mühe und trage da etwas aus der Sekundärliteratur zusammen.
Ansonsten möchte ich dir gern meine Ansichten zu einer sinnvollen philosophischen Arbeit vorstellen:
1. Diskussion auf der Basis immanenter Lektüre/Kritik einer bestimmten Philosophie. D.h. man liest mal eine/n Philosophen/in so als hätte er/sie auf alle Fälle recht. Man geht also mal hypothetisch davon aus, dass alle Probleme, die man mit dieser Philosophie hat, eigene Verständnisprobleme sind, die sich, wenn man nur genau liest, klären könnten. Oder kurz: zunächst muss man sich auf dieses Denken, diesen Text. einlassen. Ähnlich schreibst ja auch du:
Reinhard:
>
Es ist natürlich klar und das verlangt jeder Ontologe, dass man sich auf die Bedingungen seines Denkens vollständig einzulassen habe, sonst könne man ihn nicht verstehen. Ich halte das aber für esoterisch
>
Eine solche anfängliche, hypothetische Haltung ist zunächst absolut notwendig, weil man ja die Gefahr vermeiden muss, nur die eigenen Vorurteile hineinzulesen. Als hypothetische Haltung ist das nicht esoterisch, sondern eben immanente Lektüre, von innen ...
2. Freilich kann man nicht bei dieser immanenten Haltung verbleiben, denn jede Philosophie oder Text besitzt einen Kontext, der im philosophischen Erbe und in der jeweiligen Aktualität besteht, auf die er reagiert, in die er intervieniert etc. Der nächste Klärungsschritt besteht darin, v.a. wenn man gewichtige Einwände gegen eine Philosophie hat, zu sehen, ob sich diese Unklarheiten, vor diesem Hintergrund klären. Entweder tun sie es, sodass was zuvor Unsinn war, sinnvoll wird, oder eben nicht, dann kann man den Unsinn entweder als logischen Widerspruch oder als Unterkomplexität oder als was auch immer argumentativ darstellen. Dieser letzte Schritt ist dann vielleicht ein extra 3. Punkt. Jedenfalls geht's zusammengefasst darum, den Text zu lesen, Kontexte zu rekonstruieren und dieses auf einander zu beziehen. Also logische Argumentation, die historisch (und nicht nur philosophiehistorisch) informiert ist.
Ein letzter wichtiger Schritt, also ...
4. Damit man nicht Philosophie-esoterisch wird, muss man sich Fragen, ob der Text/die behandelte Philosophie auf die eigene, zeitgenössische Wirklichkeit irgendeine Anwendung findet – also im wissenschafltichen und/oder politischen und/oder künstlerischen Feld – d.h. man muss immer eine Philosophie in etwas anderes übersetzen oder zumindest Andockstellen zu anderen Wissenformen und Praxisfeldern finden. Gelingt eine solche Übersetzung/Andocken nicht, dann ist eine solche Philosophie/ ein solcher Text entweder veraltet und nur noch von historischem Interesse, oder sie ist schlicht abgehobener Unsinn. Wenn das nur mir nicht gelingt, kann der Fehler immer noch bei mir liegen. Wenn das einer ganzen Theoretiker-community nicht gelingt, dann muss man vorläufig davon ausgehen, dass diese Philosophie nichts zu be/sagen hat – höchstens vielleicht für zukünftige Generationen, die alles wieder ganz anders sehen mögen.
Ohne eine solche logische, historische und aktualisierende Herangehensweise hat Philosophieren für mich keinen Sinn.
Liebe Grüße
hans
Reinhard
| Zitat: |
Wenn dem so ist, wie kann dann der Intellekt ein "Überlebenswerkzeug" sein?
Denken ist auch eine Wirklichkeit, es kommt eben darauf an, wie wir denken, auf unsere Denkfähigkeit (Spinoza: potentia cogitandi) und damit im parallelen Zusammenhang unsere Handlungsfähigkeit (potentia agendi). |
Hallo hans, ich glaube, an diesem Punkt scheiden sich unsere Geister. Was heisst : Auch eine Wirklichkeit ? Wozu soll ich eine Wirklichkeit denken, wenn sie ja ohnehin nur eine gedachte ist ? Und wie sollte ich bestimmen können wie und was ich denke, dazu muss doch immer ein Grund vorliegen. Genauso abstrus wäre es doch anzunehmen, die Wirklichkeit stelle sich in meinem Gehirn noch einmal so dar, wie sie ohnhin besteht. Ich stehe nunmal dazwischen, wozwischen auch immer. Und was ist ein paralleler Zusammenhang zur Handlung, wenn diese immer erst einer Entscheidung, wie immer auch diese getroffen wird, folgen kann. Ich handle eindeutig nach Motiven und dann mit Notwendigkeit und ein Gedanke folgt dem vorangegangenen, da ist nichts mit aus sich selbst heraus verstandener Rationalität. Es sei denn, ich setze einen Gott, dessen Willen ich folge und nicht meinem, dann ist alles möglich, nur eben keine philosophische Betrachtung, die vom Menschen ausgeht. Das klingt mir doch alles zu sehr nach Descartes und seinem unausweichlichen Dualismus von Körper und Seele und ich sage das hier ganz offen und mit Überzeugung, das behagt mir gar nicht. Schon deshalb nicht, weil hier dem menschlichen Intellekt eine Bedeutung gegeben wird, die ihm nicht zukommt. Nimmt man dann noch diese Hybris und überträgt sie auf einen Unterschied zu anderen Kreaturen, dann ist man aber sehr schnell bei der Krone der Schöpfung, die sich die Erde untertan machen soll. Welche Ausgrenzungen folgen dann noch ? Wenn Du so willst, dann frage ich mal, was ist die Allmacht des Gottes des Alten Testaments ohne den Erlösungsgedanken des Neuen ? Der Wille zur Macht.
Mit lieben Grüßen
Reinhard
hans68
hi,
Ich denke vor allem scheiden sich unsere Geister daran, wie wir bei solchen Diskussionen glauben weiterzukommen. Es tut mir leid, aber ich halte freischwebende Diskussionen über die Wirklichkeit bzw. über die Wirklichkeit des Gedachten o.ä. für nicht zielführend.
Auch wenn dieser 'thread' hier kein Quellenstudium ist, würde ich gern die Diskussion nahe an Spinoza führen wollen - also doch irgendwie mit Bezugnahme auf seine Texte oder zumindest Sekundärliteratur.
Vielleicht magst du ja in einem eigenen 'thread' mal grundsätzlich etwas schreiben, was dich philosophisch bewegt und dann die Reaktionen darauf abwarten. Wenn du mich dazu einlädtst, schau ich gerne vorbei und schreib auch mal 'was. Vielleicht magst du auch einen Text oder eine spezielle Philosophie zur Diskussion vorschlagen, auf deren Basis du mit anderen Leuten weiterphilosophieren könntest.
Ich gebe nicht vor die beste Art des Philosophierens zu betreiben, aber für mich ist diese Art (wie ich sie im letzten 'posting' beschrieben habe) die einzig sinnvolle.
Alles Gute jedenfalls
hans
Reinhard
| Zitat: |
| Ich denke vor allem scheiden sich unsere Geister daran, wie wir bei solchen Diskussionen glauben weiterzukommen. Es tut mir leid, aber ich halte freischwebende Diskussionen über die Wirklichkeit bzw. über die Wirklichkeit des Gedachten o.ä. für nicht zielführend. |
Hallo hans68, nichtsdestoweniger erfahren wir, dass wir ewig sind. So war Dein Eingangszitat von Spinoza. Dann hast Du davon gesprochen, dass Denken eine Wirklichkeit ist, wie ich es in meinem letzten Beitrag von Dir zitiert habe. Und jetzt sagst Du, Du hältst eine freischwebende Diskussion für nicht ergiebig ? Was ist denn freischwebender als eine gedachte Wirklichkeit selber, die einen auch noch erfahren lässt, dass wir ewig sind ?
Vielleicht hättest Du lieber sagen sollen, in Deinem Sinne zielführend. Wenn Du aber in Deinem Sinne weiterkommen willst, brauchst Du überhaupt nicht weiterzukommen, weil Du ja schon immer da bist, wo Du vorgibst hinzuwollen. Hier scheiden sich eben nicht nur die Geister, sondern auch der Wille.
Entweder Du glaubst daran, dass wir ewig sind oder nicht, damit musst Du wahrlich alleine zurechtkommen und ich glaube eben nicht, dass Dir Spinoza oder sonst jemand dabei wirklich helfen kann, woher sonst die Zweifel ?
Ansonsten könnte ich allenfalls erkennen, dass Du mit Deinem Spinozawissen glänzen möchtest.
Nichts für ungut
Dein Reinhard
Jay Ray
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Original von Reinhard Schauer
Und jetzt sagst Du, Du hältst eine freischwebende Diskussion für nicht ergiebig ? Was ist denn freischwebender als eine gedachte Wirklichkeit selber...
Ansonsten könnte ich allenfalls erkennen, dass Du mit Deinem Spinozawissen glänzen möchtest. |
Meine Vermutungen dazu:
"Freischwebend" ist nur auf die Herangehensweise an das Thema bezogen. Hans68 möchte - wie der Threadtitel nahelegt - Spinoza und dessen Theorie als archimedischen Punkt dieses Threads - also einen Thread, bei dem sich alle Beiträge und Argumente letztlich um Spinoza drehen und einer erkennbaren Bezug zu Spinoza-Texten haben und behalten. Meinetwegen auch "Fachsimpeln über die spinozistischen Reflexionen", wobei Hans vermutlich nicht mit seinem Fachwissen protzen will, sondern Gesprächspartner sucht, die seine Leidenschaft für Spinoza teilen, sich gerne auch mit dem Thema schon auskennen, aber zumindest an Spinoza interessiert sind - ggf auch kritisch.
Aus meiner Sicht hast Du durchaus das Zeug dazu.
Vorschlag: wir lassen uns auf Spinoza ein, versuchen ihn erst einmal zu verstehen und prüfen dann, wieweit seine Gedanken nachvollziehbar oder inkonsistent sind, welche Probleme er hatte, lösen wollte und ob er es auch konnte - ggf auch mit Exkurs wie man sie mit heutigen Mitteln und Erkenntnissen "besser" lösen kann - oder inwieweit sich seine damaligen Freagen heute gar nicht mehr stellen. Letzteres aber wie gesagt als Exkurs.
Eine Erkenntnis, die ich nicht nur
während sondern
durch mein Studium erlangt habe: Wenn man etwas verstehen und nutzen will, muß man das Gute darin suchen.
Reinhard
Lieber Jay Ray, besten Dank für Deine Vermittlungsbemühungen. Erstmal zur Klarstellung. Von protzen habe ich nicht geschrieben und ich sehe keinen Kritikpunkt darin, wenn ich Hans schreibe, dass er glänzen will, denn ein ausgezeichnetes Fachwissen über Spinoza hat er ohne jeden Zweifel. Wie kritisch er dabei sein kann, steht auf einem anderen Blatt. Außerdem habe ich diese Aussage ja an die Bedingung geknüpft, er würde meine Argumente völlig ausschließen.
Mir ist schon klar, dass mit " freischwebend " von ihm aus gemeint ist, wir sollten uns an Textstellen Spinozas halten und diese in den Mittelpunkt unserer Erörterung stellen. Nur habe ich ja gerade deswegen sein Eingangszitat gewählt und wollte mit meinem Einwand darauf hinweisen, dass eine Ewigkeit weder teilbar noch erfahrbar ist. Ich kann doch wohl davon ausgehen, dass damit ein zentraler Punkt spinozistischer Aussage gemeint ist. Es ist in der Tat " freischwebend " wenn man Spinoza nur aus sich selbst heraus erläutern will und das wurde mir hier schon zweimal angeboten. Vergleichbar wäre ja, die Bibel nur mit Bibelstellen zu belegen, also innerhalb des Bibelkontextes zu verbleiben. Damit würde man sich immer trefflich im Kreise ( circulus vitiosus ) drehen und irgendwann wird einem dann schwindelig. Da spielt es dann auch keine Rolle mehr, wo das " freischwebend " dann angesiedelt wird, es ist jedes mal ein Kreisen. Ich sehe es so, dass gerade das Aussichselbsterklären eben " freischwebend " ist, ähnlich dem Münchhauseneffekt. Es bleibt nunmal mein Einwand bestehen, wir können nur von außen an die Sache rantreten, auch wenn dann vielleicht Meinung gegen Meinung stehenbleibt, d.h. wir müssen den Spinozismus in einen übergeordneten geschichtlich philosophischen Kontext stellen. Da ist dann nichts mit Anhängern und Gefolgsleuten, Proselythen oder sonstwas. Sonst geht es ja gerade bei Spinoza nur um die Frage des Glaubens und die entzieht sich m.E. rein philosophischer Diskurse.
Hans hat das schon richtig erkannt und auf die unterschiedlichen Verständnisse von Philosophie verwiesen, nur nach eigener Aussage ist sein Vorgehen, die für ihn einzig sinnvolle Weise, obzwar er auch andere gelten lassen will. Weil dies ein zentraler Punkt ist, der eben, wie Du auch festgestellt hast, Threadimmanent ist, habe ich ihm, auch weil dies über den Rahmen dieses Threads hinausführen würde, meine Herangehensweise über die PN-Box dargestellt. Eigentlich müßte man das immer erst tun, wenn man sich in eine philosophische Diskussion begibt. Man lässt es nur meistens, weil dadurch die Weichen schon immer voreingestellt wären.
Danke noch für die Einschätzung meiner Fähigkeiten. Wo kommt das denn her ? Ich bin mir da wirklich nicht sicher, weil ich mir doch immer vorstelle, lieber zu wissen, dass ich als Urteilender nur Vorurteilender sein kann, gegenüber der haltlosen Annahme eines objektiven Standpunktes, der allenfalls als sog. regulative Idee bestehen könnte. Für mich ist das Credo philosophischer Betrachtungen mit Offenheit und Beharrlichkeit zu bezeichnen.
Um noch mal auf Spinoza zu kommen. An diesem Punkt kann man sich das Dilemma zeitgemäßer Philosophie klarmachen. Was bedeutet Metaphysik heute ? Der Begriff Pantheismus umfasst zwei Begriffe, die nur unter gewissen Bedingungen miteinander vereinbar sind, nämlich der des Alles und des Göttlichen. Ohne an Gott zu glauben, schafft man den Schulterschluss nicht, aber was ist die Verklammerung für den, der das nicht akzeptiert ? Sollen wir nun alle Metaphysik aufgeben ? Geben wir damit auch die Philosophie preis und landen in den Fängen einer scheinbar objektiven Welt ? Wenn ich darauf eine Antwort hätte, würde ich sie doch nicht geben, denn ich weiss, dass die Philosophie nie ein Ende finden darf. Nur widerstrebt das leider dem immer stärker werdenden Lösungsverlangen unserer modernen Zeit und dann hört man plötzlich so einen Blödsinn wie : Die Philosophie hätte versagt. Nur, Begriffe können nicht versagen, nur Menschen.
Bei dieser Gelegenheit noch herzlichen Dank für die Möglichkeit, mich an diesem Form beteiligen zu können. Es hilft mir doch, wenn ich aus Büchern herauskommend die Philosophie nicht gänzlich an der Garderobe abgeben muss, wie man das ja häufig erfährt, wenn man sich nicht in solchen Zirkeln aufhält und wer will das schon. Für weiteren Austausch jederzeit aufgeschlossen und in der Hoffnung auch mal was Gutes finden zu können und mit
herzlichen Grüßen
Reinhard
hans68
Hi,
@JayRay
Ja, in deinen Worten kann ich mich gut wiederfinden.
@Reinhard
Leider könnte ich mich nur wiederholen, - was doch lieber sein lasse.
hans68
"Man lese einige Seiten Emily Dickinson und danach schaue man sich Lars von Triers Dogville an. In der Poesie Emily Dickinsons wird jede Zäsur von der Präsenz des Ewigen begleitet. Der Film, im Gegensatz dazu, zeigt gnadenlos, was passiert, wenn jede Spur von Ewigkeit aus unserem Alltagsleben getilgt wurde. Alle Worte und selbst die Sprache, der sie angehören, werden ihres Sinnes entleert.
In einer isolierten Gegenwart, in der numerischen Zeit, kann man sich nicht verorten.
Wir müssen unsere Anhaltspunkte in einem anderen Zeitmaß [another time-set] festmachen. Das Ewige, nach Spinoza, ist jetzt. Es ist nicht etwas, das uns erwartet, sondern etwas, dem wir begegnen, in jenen kurzen und dennoch zeitlosen Momenten, in denen sich alles findet und kein Austausch inadäquat ist [when everything accomodates everything and no exchange is inadequate]."
John Berger, Hold everything dear. Dispatches on Survival and Resistance, S. 125
"Sich jeden Tag in die Höhe emporschwingen! Zumindest einen Augenblick lang; er kann kurz sein, vorausgesetzt, er ist intensiv. Jeden Tag eine 'geistige Übung' – allein oder zusammen mit einem anderen Menschen, der sich selbst bessern will. Geistige Übungen. Aus der Dauer heraustreten. Bemüht sein, die eigenen Leidenschaften und Eitelkeiten abzustreifen wie auch den Kitzel des Lärms um den eigenen Namen (der dich von Zeit zu Zeit wie eine chronische Krankheit juckt). Die Verleumdungen fliehen. Das Mitleid und den Haß abstreifen. Alle freien Menschen lieben. Sich verewigen, indem man über sich selbst hinauswächst. Diese Selbstdisziplinierung ist notwendig, dieser Ehrgeiz – gerechtfertigt."
George Friedmann (den man wohl zurecht als Spinozisten betrachten kann) zit. n. Hadot, Pierre, 2002 (1991): Philosophie als Lebensform. Antike und moderne Exerzitien der Weisheit. Frankfurt/M., S. 13
hans68
Welche Bedeutung hat das Wort "Ewigkeit" in Spinozas Werk? Halten wir uns an die Definition der 'Ethik':
==E1Def. 8
"Unter Ewigkeit verstehe ich die Existenz selbst, insofern sie als etwas begriffen wird, das aus der bloßen Definition eines ewigen Dinges notwendigerweise folgt."
==
Wichtig sind hier zunächst die Begriffe "Existenz" und "aus der Definition eines ewigen Dinges folgend".
Spinoza erläutert gleich im Anschluss:
==
"Eine solche Existenz wird nämlich ebenso wie die Essenz eines Dinges als eine ewige Wahrheit begriffen und kann deshalb nicht durch Dauer oder Zeit erklärt werden, selbst wenn man die Dauer so begriffe, dass sie ohne Anfang und Ende ist."
==
Bei der Ewigkeit eines Dinges wird also von der Zeit und Dauer der Existenz völlig abstrahiert. Allerdings geht es um seine Notwendigkeit der Existenz. Spinoza könnte auch schreiben: "Ewigkeit oder Notwendigkeit". Man kann sagen, dass die Ewigkeit nichts anderes ist, als die Existenz, die in sich selbst als notwendig gedacht wird, sich also notwendig aus der Essenz des Dinges folgern lässt, was implizit auf den Ausdruck "Ursache seiner selbst" verweist, der zuvor definiert wurde (a). Wichtig ist also, dass es sich um eine innere Notwendigkeit handelt, denn nur diese Existenz ist ewig, die eine notwendige Folge der Definition des Dinges selbst ist. Diese Spezifizierung ist wichtig, da sonst – wenn man die Notwendigkeitskonzeption Spinozas berücksichtigt, der gemäß die Ordnung der Dinge "notwendig" ist, – alle Dinge unmittelbar ewig wären. Aber eine solche innere Notwendigkeit findet sich nur bei (einem) Wesen, dessen Essenz die Existenz einschließt. Die Ewigkeit ist also die Identität von Essenz und Existenz – was bei Spinoza die Eigenschaft Gottes ist(b).
Ein Problem ist noch zu erwähnen. Der scheinbare Zirkelschluss, dass der Term "Ewigkeit" ausgehend von einem "ewigen Ding" definiert wird, lässt sich so auflösen, dass man das Adjektiv ewig nicht als Teil der Definition auffasst. Man sollte Def. 8 also so lesen:
"Unter Ewigkeit verstehe ich die Existenz selbst, insofern sie als etwas begriffen wird, das aus der bloßen Definition eines Dinges notwendigerweise folgt, welches man somit als ewig bezeichnen kann." (b)
Der Begriff der Ewigkeit spielt also eine gewichte Rolle in Spinozas Lehre und er wird in der Folge in den folgenden berühmten aber auch kontroversiellen Formulierungen auftauchen:
==E2P44C2
"unter einem bestimmten Gesichtspunkt von Ewigkeit"
==
==E5P22
"unter einem Gesichtspunkt der Ewigkeit"
==
Doch ebenso wie sich die 'Ethik' mit der Möglichkeit beschäftigt, wie die endlichen Dinge, wie etwa wir selbst, den Status eines "freien Dinges" (E1Def7) erlangen können, so stellt sie auch die Frage nach unserer Teilhabe an der Ewigkeit und auf die eben E5P23S mit erstaunlicher Radikalität antworten wird (a):
"Nichtsdestoweniger wissen und erfahren wir aber, dass wir ewig sind."
(a) Macherey, Pierre, 1998: L'Introduction à l'Éthique de Spinoza. La première partie, la nature des choses. Paris. S., 54
(b) Rousset, Bernard, 2005 (1968 ) : La perspective finale de 'L'Ethique' et le problème de la cohérence du spinozisme. L'autonomie comme salut. Paris. S., 23f
(c) Kaplan, Francis, 1998: L'Ethique de Spinoza et la méthode géométrique. Paris. S.125
Reinhard
Hallo Hans, bin leider erkältet und nicht so gut drauf. Schädel brummt. Vielen Dank für Deine ausgesprochene Mühe. Ich kann dem trotzdem etwas folgen und erkenne hier den Vorreiter derer, die man als Existenzialisten bezeichnet und das erinnert mich schon an Kierkegaard, der die einzige freie Entscheidung in der Hinwendung zu Christus sieht. Nur entfällt bei Spinoza offenbar der Erlösungsgedanke. Im Kern geht es doch darum, dass wir etwas aus uns machen können, wenn wir dem Willen der göttlichen Vorsehung folgen und dadurch praktisch eins werden, ich sage hier mit der Wirklichkeit, er sagt Existenz. Den Ewigkeitsgedanken verstehe ich als Emanation, denn er sagt, er wäre ohne Anfang und Ende. Das entspricht Bruno und so manch anderen, wie auch dem Spätantiken Plotin. Ich sprach schon von der Verklammerung nach Heidegger, die in ihrer Vorfindlichkeit vom sog. Geviert bestimmt ist, dessen vierter Teil die Heiligkeit ist. Man soll das Leben nicht vertun, sondern was aus sich machen. Irgendwie lebe ich ja wohl ein wenig danach, obwohl mir das scharfe Entweder/Oder kierkegaardscher Prägung unheimlich vorkommt. Würde ich mich sonst seit vielen Jahren mit philosophischen Fragen beschäftigen ? und Du hast schon recht, gelebt zu haben, ohne einmal wirklich gedacht zu haben, erscheint mir auch vertan. Leider sehen wir die rein materialistischen Erscheinungen allzu deutlich in ihrer ganzen Schäbigkeit. Selbst der gute Schopenhauer, ist nach meinem dafürhalten gegenüber seiner sonst strikten Haltung irgendwie weich geworden, in dem er dem Genie die Kontemplation, d.h. die Beseitigung des Schleiers der Maya, zubilligt. Hat er sich selber im Auge gehabt ? Ich sehe da auch gewisse Paralellen im Hinblick auf die Notwendigkeit, die er für uns im stringenten Handeln nach Motiven setzt und die Freiheit ins Esse.
Wie versteht Spinoza den Freien Willen ?
Bis hier erstmal
und mit freundlichen Grüßen
Reinhard
hans68
Hi Reinhard,
ich habe hier einiges Zusammengefasst, von dem ich hoffe, dass es die üblichen Komplikationen bei diesem Thema vermeiden hilft. Ich hoffe es ist einigermaßen lesbar. Im übrigen hoffe ich, dass es dir wieder besser geht.
Reinhard:
>
Wie versteht Spinoza den Freien Willen ?
>
Ja, das ist eine berühmte Fragestellung. Man weiß ja, dass Spinoza eine rigorose Auffassung von Notwendigkeit hat, die keinen Platz für den Zufall und fast keinen für das Mögliche lässt.
==E2P44
Es liegt in der Natur der Vernunft, Dinge nicht als zufällig, sondern als notwendig zu betrachten.
==
Seine Philosophie ist eine Philosophie der Notwendigkeit. Bisweilen wird sie in die Nähe des Fatalismus gerückt, was nicht verwundert wenn man etwa diesen Lehrsatz liest:
==E1P33
Die Dinge haben auf keine andere Weise und in keiner anderen Ordnung hervorgebracht werden können, als sie von Gott hervorgebracht worden sind.
==
Hinzukommt, dass Spinoza explizit den "freien Willen" verwirft, v.a. wenn er sich gegen die Konzeption Descartes' wendet (E5Vorwort, Reclam, S. 625; Brief 21; Brief 58 ) oder auch in der hübschen Formulierung:
==E3P2S (Reclam, S. 269)
Wer also glaubt, er rede oder schweige oder tue sonst etwas aus einer freien Entscheidung des Geistes, der träumt mit offenen Augen.
==
Gleichzeitig aber geht Spinoza im fünften Teil der 'Ethik' auf die 'Macht des Verstandes und die menschliche Freiheit' ein. Insofern nämlich der menschliche Verstand die Dinge "unter dem Aspekt der Ewigkeit" erkennt und somit auch sich selbst und Gott ist auch der Mensch frei – zugleich im Handeln und Denken.
Haben wir es hier mit einem Paradox zu tun? Muss man nicht etwas Unbestimmtes, Nichtdeterminiertes in diese philosophische System einführen um es zu lösen, denn besteht die menschliche Freiheit denn nicht darin, ein Wahl zu treffen zwischen einer Sache und einer anderen, frei abzuwägen, ob einem eher dieses oder eher jenes zusagt und schließt dies dann nicht eben einen gewissen Grad an (innerer) Unbestimmtheit ein? Freiheit wäre also etwas, dass ich initiieren kann und nicht etwas, dass mir passiert (a).
Nun, aus spinozistischer Sicht liegt nicht hier das Problem.
1. Es gilt, Freiheit nicht mit der völligen Abwesenheit von Determiniertheit zu verwechseln. Wäre dem tatsächlich so, so könnte man ja nicht angeben, warum diese Abwesenheit (und somit "Freiheit") etwas Besseres sein sollte. Freiheit hat also (meist uneingestanden) eher mit einem guten Gebrauch des Determinismus zu tun, als mit seiner Abwesenheit
2. Die Frage der Ordnung der Natur (oder der Dinge) und jene der menschlichen Entscheidung sind zwei verschiedene Fragen. Dass die erstere bei Spinoza im Rahmen einer absoluten Notwendigkeit gedacht wird, ist eindeutig. Hingegen gibt es im Rahmen der menschlichen Unwissenheit und unserer Verkennung der Umstände, in denen wir leben, dennoch einen gewissen Raum für das Mögliche und eine Relevanz für unser praktisches Leben. Für Menschen, die Entscheidung zu treffen haben und sich in je-bestimmten Situation befinden, stellen sich Fragen der Wahl. Die Wahl ist nicht undeterminiert. Die Ergebnisse ihrer Handlungen hängen auch von den Umständen (auch den "inneren") ab, die sie nicht gewählt haben und die sie weder völlig kennen noch gänzlich beherrschen (b). Auch wenn Spinoza in E1 das Mögliche mit dem Zufälligen verwirft, führt er es – dort nämlich wo es direkter um die Bedingungen des ethischen Projekts geht – wieder ein:
==E4Def4
Ich nenne die Einzeldinge möglich, wenn wir, insofern wir die Ursachen, durch die sie hervorgebracht werden müssen, ins Auge fassen, nicht wissen, ob diese bestimmt sind, sie hervorzubringen.
==
Es gibt also bei Spinoza keine freie Entscheidung (weshalb er vielleicht doch nicht als Existenzialist betrachtet werden kann, oder?), sondern eher so etwas wie eine "strategische" Entscheidung. Das Mögliche, das sich aus unserer beschränkten Sicht ergibt, ist nicht völlig determiniert und es zeichnen sich nur vage Fluchtlinien in die Zukunft ab (c). Auf der Ebene der menschlichen Praxis steht das Mögliche zwar im Zeichen unserer Unwissenheit, diese ist aber dennoch keine vollkommene Unwissenheit mit lediglich negativen Konsequenzen. Die Dimension des Möglichen kann uns "intensiv affiizieren" (E4P12) und somit unser Denken und Handeln beeinflussen, freilich um uns aber auch zugleich der Ambivalenz zwischen Hoffnung und Furcht auszuliefern. Um diese Ambivalenz zu verringern und unser ethisch(-politisches) Projekt betreiben zu können benötigen wir Lebensregeln, eine Lebensführung, die manche Leidenschaft mässigt, damit wir umso intensiver in unserem 'conatus' nicht nachgeben.
Derart kommen wir dem "Modell Gottes" nahe:
"So begreift Gott in freier Weise sich selbst und alle Dinge überhaupt, weil es allein aus der Notwendigkeit seiner Natur folgt, daß er alles begreift. Sie sehen also, daß ich die Freiheit nicht in den freien Willen, sondern in die freie Notwendigkeit setze." (Brief 58, Meiner S., 236; meine Hervorhebung)
Freilich hat dies alles nichts mit der illusorischen Freiheit zu tun.
(a) Smith, Steven B., 2003: Spinoza's Book of Life. Yale. S. 73
(b) Moreau, Pierre-François, 2004 (2003): Spinoza et le Spinozisme. Paris. S. 106f
(c) Macherey, Pierre, 1997: Introduction à l'Ethique de Spinoza. La quatrième partie. La condition humaine. Paris. S. 40
hans68
Wie viele andere Philosophen opponiert Spinoza gegen die menschliche Knechtschaft und strebt die Freiheit an. Freiheit stellt in der 'Ethik' und im TPT eine zentrale Orientierung dar. "Frei" ist das, was "allein aus der Notwendigkeit seiner Natur heraus existiert und allein von sich her zum Handeln bestimmt wird". Im Gegensatz dazu ist dasjenige "gezwungen", "das von einem anderen bestimmt wird, auf bestimmte und gewisse Weise zu existieren und zu bewirken." (E1Def7) Doch sich "von sich (selbst) her zum Handeln bestimmen" bedeutet nicht zu tun, was man will, sondern eher der "Notwendigkeit der eigenen Natur" zu gehorchen und zu folgen. Die Freiheit ist also innere Notwendigkeit und der Zwang äußere Notwendigkeit. Es geht also nicht darum, der Notwendigkeit zu entkommen (wie man so oft annimmt), sondern sich vielmehr mit ihr übereinzustimmen.
Vielleicht könnte man auch sagen – wenn man die eigene Natur mit dem eigenen 'ingenium' oder gar 'temperamentum' gleichsetzt – , dass frei zu handeln durch aus auch heißt von den eigenen Begehren und Ansichten determiniert zu sein, soweit "wahre Ideen" dominieren. Unsere Begehren und Ansichten stammen nicht aus dem Nichts, sie sind Teil unserer Lebensgeschichte. Anzuerkennen, dass Begehren und Ansichten einen kausalen Kontext haben, bedeutet nicht, dass wir sie nicht wählen, dass aber unsere Wahl zu dem Hintergrund der Umstände gehört, die sie verstehbar machen.
Oder etwa so:
Was du denkst, sprichst du aus,
was du aussprichst, wirst du tun,
was du tust, wird zur Gewohnheit,
Gewohnheiten bilden deinen Charakter
und dein Charakter bestimmt dein Schicksal!
Deshalb die spinozistische Warnung, die keine Forderung nach Selbstinquisition ist: "Caute!"
Pass auf, was du denkst, was du sagst, was du tust, worin deine Gewohnheiten bestehen, wie sich dein Charakter ausbildet und wie sich dein Schicksal bestimmt. Pass auf, dass du möglichst früh – was nicht unbedingt zeitlich, sondern eher kausal zu verstehen ist – die adäquaten strategischen Entscheidungen findest.
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