Spinoza, Theologisch-politischer Traktat

hans68
Spinoza demontiert (oder zumindest relativiert) in diesem Werk Wunder, Prophetie, Rituale, etc. - also ganz allgemein das, was er als Aberglaube betrachtet und von der wahren Religion getrennt sehen möchte. Diese Art der Religion sei mit einem Gemeinwesen, in dem Freiheit herrscht, vereinbar. Er macht das sehr geschickt, indem er dem rechtgläubigen religiösen Diskurs so weit wie möglich entgegenkommt, um ihn dann zu unterminieren. Freilich konnte er die Orthodoxie, gleich welcher Kirche, so nicht rumkriegen, aber für eine Menge "aufklärerischer" Geister ist er damit zu einem Vorbild geworden. Man könnte seine Methode vielleicht als "subversive Reartkulation" bezeichenen. Denn er behält viele common-sense-religiöse Kategorien, unterlegt ihnen aber neue Bedeutungen auf einem neuen anthropologischen bzw. politischen Terrain.

Die Frage wäre: Lassen sich Spinozas Denkmittel benutzen, um gegenwärtige Problematiken zu diskutieren, zu verstehen und in ihnen Handlungsfähig zu werden?
Rhetorix
Zitat:
Original von hans68
... Lassen sich Spinozas Denkmittel benutzen, um gegenwärtige Problematiken zu diskutieren, zu verstehen und in ihnen handlungsfähig zu werden?

Nein, die 'Denkmittel' (sind Argumente damit gemeint?) prallen an den Gegnern ab.
In Saudi-Arabien kann man mit Spinozas Gedankengängen nichts ausrichten, weil sich niemand auf sie einlassen würde.

Eine andere Überlegung ist allerdings umso richtiger:
Es gibt nur diejenigen Rechte und Freiheiten, die durchzusetzen man die Macht hat.
Der aus dem politischen Traktat zu ziehende Schluss ist daher meines Erachtens, sich die politischen Mittel zu verschaffen oder zu erhalten, mit deren Hilfe die eigene Freiheit verteidigt werden kann.


P.S.
Vorsorglich gestehe ich ein, dass ich das Werk leider (noch) nicht gelesen habe, sondern nur aufgrund der Internet-Sekundär-Informationen beurteile.
hans68
hi Rhetorix
>'Denkmittel' (sind Argumente damit gemeint?)

ich würde "Denkmittel" breiter fassen. Ich verstehe hier nicht nur Argumente/Argumentationen darunter, sondern auch theoretische Ansätze, Konzepte und Begriffe mit denen sich u.U. bestimmte Phänomene besser begreifen lassen. Z.B. zitierst du das politisch-realistische (ich denke von Machiavelli stammenden) Prinzip der Handlungsmacht (das etwa im Gegensatz steht zu Naturrechtsdenken) - das wäre etwa so ein Denkmittel - freilich existieren solche Denkmittel nicht auserhalb von Erfahrung, Geschichte und Argumentation.

>In Saudi-Arabien

Nun, ich dachte auch weniger an Saudi-Arabien, sondern an unsere europäischen Länder, die meiner Meinung nach durch Globalisierung und Migration vor der Herausforderung stehen, ihr eigenes Selbstverständnis zu überdenken und Bevölkerungen, die sich zu spalten drohen (oder werden sie vielmehr gespalten?) zu irgendeiner Art "neuem Gemeinwesen" weiterzuentwickeln. Auf dieser allgemeinen Ebene sehe ich eine Ähnlichkeit zwischen der Situation Spinozas (relativ freie Republik, die vom Streit verschiedener Identitäten, Fraktionen bedroht wird, bzw. von der Vormachtstellung einer einzigen Identität, Fraktion) und der Situation in Europa heute.


Hast du Interesse daran, den 'Theologisch-Politsichen Traktat' oder den 'Politischen Traktat' zu lesen?
Rhetorix
Zitat:
Original von hans68
Hast du Interesse daran, den 'Theologisch-Politsichen Traktat' oder den 'Politischen Traktat' zu lesen?
Sicher ! - vorausgesetzt, dass er online erhältlich ist (was ich annehme).
philo
" ... die Vernunft müsse die Magd der Theologie sein ..." (1)

Spinoza nimmt die von den Theologen favorisierte Vernunft nicht für die "Antwort Gottes". Ausgehend davon, dass diese "Antwort" eine "Ausgeburt" der theologischen Phantasie ist, wird Spinoza diese als die des Vorurteils behandeln. Theologische Vorurteile über die Religion wird Spinoza dem philosophischen Leser zur Prüfung vorlegen.

" ... dann aber auch die Vorurteile über das Recht der höchsten Gewalten ..." (Seite 6)

Die im Traktat aufgezeigten theologischen Vorurteile, diese "Spuren der alten Knechtschaft", wird Spinoza verorten in der Politik. Diese theoretische Verlagerung folgt aus seiner Annahme, dass bereits in der Lebenspraxis "das Recht der höchsten Gewalten" und die alte Knechtschaft, d.h. die theologischen Vorurteile entgegenstehen.

Spinoza fand einen Staat vor, " ... in dem die einen jeden die volle Freiheit zugestanden wird, zu urteilen und Gott nach seinem Sinne zu verehren ... so hielt ich es für kein unwillkommenes noch unnützes Unternehmen, zu zeigen, das diese Freiheit nicht nur ohne Schaden für die Frömmigkeit und den Frieden im Staate zu gestanden werden kann, sondern daß sie nur zugleich mit dem Frieden im Staate und mit der Frömmigkeit selbst aufgehoben werden kann." (Seite 6)

Den von den Theologen vertretenden "Aberglauben", nicht die religiöse Auffassung des Volkes, wird Spinoza als die entlarvte "alte Knechtschaft" behandeln, von der jenes Recht der Politik zersetzt wird, dass für die "volle Freiheit" einsteht. Diese, zwecks der politischen "Freiheit" favorisierte philosophische Behandlung des theologischen "Aberglauben" begründet sich bei Spinoza mit der Religionskritik.


hans68: " ... unsere europäischen Länder, die ... durch Globalisierung und Migration vor der Herausforderung stehen ... zu irgendeiner Art "neuen Gemeinwesen" weiterzuentwickeln."

Spinozas philosophische Theorie der Religion - die nicht Selbstzweck ist: die zielt auf die Verteidigung der politischen "Freiheit"-, ist heute aktuell?

Diese Verteidigung ist heute so zu gewichten, dass die theologischen Vorurteile als jene zu behandeln sind, die mit Globalisierung und Migration zu verabschieden sind? Dass mit Globalisierung und Migration auch der religiöse Aberglauben des Volkes als überwunden sich zeigen wird, so das "ein neues Gemeinwesen" zur Entfaltung kommen wird?
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(1) Baruch de Spinoza, Theologisch-Politischer Traktat. Felix Meiner Verlag 1994, Seite 12.

Gruß philo
hans68
Hi Philo,

Danke, für deine einleitende und grundlegende Darstellung.

" ... die Vernunft müsse die Magd der Theologie sein ..." (1)

Ich habe mich zuerst gewundert und dies gar nicht als Spinoza-Zitat erkannt, da die Aussage natürlich gar nicht im Sinne Spinozas ist. Ich habe die Formulierung dann aber eh gefunden. Der Traktat sollte jenen nützen, die "freier philosophieren würden", wenn ihnen nicht die weit verbreitete Meinung im Weg stünde, dass eben die Vernunft "Magd der Theologie" sein müsse (Meiner, S.12).

philo:
>Spinoza nimmt die von den Theologen favorisierte Vernunft nicht für die "Antwort Gottes". Ausgehend davon, dass diese "Antwort" eine "Ausgeburt" der theologischen Phantasie ist, wird Spinoza diese als die des Vorurteils behandeln. Theologische Vorurteile über die Religion wird Spinoza dem philosophischen Leser zur Prüfung vorlegen.
>
" ... dann aber auch die Vorurteile über das Recht der höchsten Gewalten ..." (Seite 6)
>
Die im Traktat aufgezeigten theologischen Vorurteile, diese "Spuren der alten Knechtschaft", wird Spinoza verorten in der Politik.
>


Würdest du dagegenhalten, wenn ich formulieren würde, dass Spinoza die theologischen Vorurteile und den Aberglauben in einem anthropologischen Ansatz verortet, sie dann aber im Rahmen politischer Problematiken behandelt? Die Vorrede handelt ja von "den Menschen" ("alle Menschen [sind] von Natur aus dem Aberglauben unterworfen", S. 5), denen Fortuna oft übel mitspielt, sodass sie sich "keinen Rat wissen" und "zwischen Hoffnung und Furcht schwanken" (ebd., 3) Aufgrund dieser elementaren ungesicherten Stellung in der gewöhnlichen Ordnung der Natur/Geschichte, erschaffen sich die Menschen zunächst selbst abergläubische Praktiken ("Opfer und Gelübde", S.4) und Vorstellungen und halten diese für die "Antwort Gottes" (S. 4). Es ist also eine natürliche Neigung, die sie einerseits dazu führt sich scheinbar gottgleichen Herrschen zu unterwerfen bzw. sich dazu "verleiten" lassen – "unter dem Schein der Religion" (S. 5). Wie sich die Menschen in politische Knechtschaft begeben und zu ihr verleiten lassen, so auch zu kultischer, wobei ein Klerus die Hoffnungen und Ängste der Menschen in Dienst nimmt. Politische und kultische Knechtschaft gehen hier ein enges Bündnis ein (monarchische Regierung, S.5), wenn sie nicht überhaupt eine Einheit bilden, wie in der Theokratie.

philo:
>
Diese theoretische Verlagerung folgt aus seiner Annahme, dass bereits in der Lebenspraxis "das Recht der höchsten Gewalten" und die alte Knechtschaft, d.h. die theologischen Vorurteile entgegenstehen.
Spinoza fand einen Staat vor, " ... in dem die einen jeden die volle Freiheit zugestanden wird, zu urteilen und Gott nach seinem Sinne zu verehren ... so hielt ich es für kein unwillkommenes noch unnützes Unternehmen, zu zeigen, das diese Freiheit nicht nur ohne Schaden für die Frömmigkeit und den Frieden im Staate zu gestanden werden kann, sondern daß sie nur zugleich mit dem Frieden im Staate und mit der Frömmigkeit selbst aufgehoben werden kann." (Seite 6)
>

Der TPT ist freilich eine engagierte Schrift, die vor dem Hintergrund eines breiten theoretischen Rahmens, zur damals aktuellen politischen Situation Stellung bezieht. Spinoza gibt den damaligen politischen Mächten, soweit sie sich tatsächlich ihre Handlungsmacht verschaffen und erhalten, den Vorrang gegenüber allen Kirchen und deren Personal. Die "Freiheit zu Philosophieren" gehört seiner Meinung nach zu den notwendigen Bedingungen einer freien Republik.

philo:
>
Den von den Theologen vertretenden "Aberglauben", nicht die religiöse Auffassung des Volkes, wird Spinoza als die entlarvte "alte Knechtschaft" behandeln,
>

Ich würde sagen, die Theologen sind eine Art "Theoretiker des Aberglaubens" (wobei das Problem auftaucht, wo die Grenze zwischen Theologie und Philosophie zu ziehen wäre!), wie ich aber oben aufgeführt habe, lese ich schon in der Vorrede, dass der Aberglauben eine starke populare (die Menge des "gewöhnlichen Volkes") Dynamik besitzt, in der "das Volk" durchaus (wenn auch "leidenschaftlich") handelt. Freilich gehören auch "die Herrschenden" (Monarch, Aristokraten, Repräsentanten) "allen Menschen" an und sind ihrerseits dem Aberglauben unterworfen. Vielleicht aber nicht auf die selbe Weise und vielleicht hat er auch noch eine andere Funktion für sie ("Täuschung", S. 6). Ich gebe dir aber Recht: auch ich lese eine analytische Unterscheidung Aberglaube/Religion in Spinoza.

philo:
>
von der jenes Recht der Politik zersetzt wird, dass für die "volle Freiheit" einsteht.
>

Verstehst du Politik hier eher normativ? Also das Politik dort beginnt, wo Recht und Freiheit herrschen oder meinst du es eingeschränkter i.S. "jene Politik, die für Freiheit einsteht" – im Gegensatz zu einer anderen?

Ich würde noch zunächst von der "politischen Handlungsmacht", der "höchsten Gewalt", also der 'potestas' sprechen. Ich kann das jetzt nicht belegen, ich würde aber meinen, dass Spinoza unter Politik eher neutral die Auseinandersetzungen im Gemeinwesen versteht.

philo:
>
Spinozas philosophische Theorie der Religion - die nicht Selbstzweck ist: die zielt auf die Verteidigung der politischen "Freiheit"-, ist heute aktuell?
>

Nun, ich würde die Tragweite des TPT (vor allem im Zusammenhang mit Spinozas anderen Schriften) nicht bloß auf "Religionskritik" beschränken. Sieht man Spinozas Aussagen über Aberglaube, Religion, Hoffnung und Angst, Leidenschaften und Lebensführung, Autorität und Vernunftgebrauch, Rituale, (individuelle und kollektive) Handlungsweisen, konstruktive und destruktive Dynamiken im Gemeinwesen vor seinem anthropologischen Hintergrund, lassen sich wohl gegenwärtige politische Fragen, Diskussionen, Probleme gründlicher Durchdenken – freilich nicht ohne Aktualisierung und nicht unkritisch. Womöglich zeigen uns aber noch die problematischen Stellen bei Spinoza praktische und theoretische Probleme, die auch uns betreffen.

Die Frage des Verhältnisses von Religion, Staat, Zivilgesellschaft wird in manchen Ländern durch die Einwanderung von Muslimen neu aufgeworfen, bzw. dadurch, dass Parteien diese Einwanderung "thematisieren" (um es neutral auszudrücken). Darüber hinaus lassen sich, über das Thema Religion hinaus von Spinoza her, Fragen des Zusammenhangs oder Konflikts verschiedener Themenbereiche stellen:

- individuelle Lebensführung und Gemeinwesen
- verschiedene Identität/en, Kulturen und Demokratie/Staat/Zivilgesellschaft
- Massenstimmungen, Diskurse, Vernunftgebrauch und "Leidenschaften"
- Demokratie und Souveränität

Das ist natürlich nur eine provisorische, unvollständige Liste.

philo:
>
Diese Verteidigung ist heute so zu gewichten, dass die theologischen Vorurteile als jene zu behandeln sind, die mit Globalisierung und Migration zu verabschieden sind?
>

Das verstehe ich nicht ganz. Könntest du noch ein, zwei Sätze zur Erläuterung schreiben?


philo:
>
Dass mit Globalisierung und Migration auch der religiöse Aberglauben des Volkes als überwunden sich zeigen wird, so das "ein neues Gemeinwesen" zur Entfaltung kommen wird?
>

Ich denke dass, das Schicksal der Holländischen Republik im 17.Jh. zeigt, (sie überlebte das Erscheinen des TPT gerade mal zwei Jahre), dass Freiheit und politische, gesellschaftliche Sicherheit nie für immer errungen ist, dass Fortuna uns immer wieder neuerlich vor die Aufgabe stellt, die Grundlagen dafür zu erringen und zu bewahren.

lg
hans
hans68
"Vernunft und Erfahrung lehren so klar wie möglich, dass der Bestand der Regierung in erster Linie abhängig ist von der Treue der Untertanen, von ihrer Tugend und Zuverlässigkeit bei der Ausführung von Aufträgen. Wie sie aber geleitet werden müssen, damit sie ständig Treue und Tugend bewahren, ist nicht so leicht einzusehen." (TPT, Kap17, Meiner S. 250f, leicht geänderte Übersetzung, hans)

Das politische Problem schlechthin besteht in der Organisierung der Bevölkerung, in der Organisierung ihrer Zustimmung, ihres Verhaltens, ihres Engagements wie auch ihrer schweigenden Akzeptanz. Spinoza verwendet für uns veraltete Kategorien, die wir heute eher nur bei Vertretern ziemlich altbackener konservativer Richtungen finden. Das sollte uns aber nicht schrecken: Die Problematik selbst ist immer aktuell.

"Treue" würden wir heute wohl als Zustimmung bezeichnen und "Tugend" als zivilbürgerliches Engagement. Werden wir in deutschsprachigen Ländern unter diesen altbackenen Begriffen also eher eine Art Ruhigstellung der Bürger verstehen, geht es Spinoza gerade ums Gegenteil, um die Aktivität der Bürger, um ihre Unterstützung einer republikanischen Regierung, die auf möglichst intelligente Weise die Bürger einzubinden hat, wenn sie ihre Vorhaben durchbringen will bzw. wenn sie nicht von den Feinden gestürzt werden will. Auch das Verb "leiten", "führen" (ducere), darf uns nicht davon ablenken, dass diese "Führung" letztlich von der Haltung und Aktivität der Bevölkerung abhängig ist.

Wir finden bei Spinoza einen Ansatz, in dem das Verhalten der Bevölkerung zentral ist, selbst nicht-demokratische Regierungs/Staatsformen können nicht gegen eine aktive Bevölkerung regieren – es sei denn, dass es ihr gelungen ist, diese Aktivität gegen sie zu kehren, sodass sie "für die Knechtschaft kämpfen, als sei es für ihr Heil" (Vorrede, S.6.)

Freilich: Was für die eine Fraktion das "Heil" ist,, ist für die andere "Knechtschaft". Ob und inwiefern Spinoza hier einen Leitfaden gibt, werden wir noch sehen müssen.
philo
Hi hans68,

"Würdest du dagegenhalten, wenn ich formulieren würde, dass Spinoza die theologischen Vorurteile und den Aberglauben in einem anthropologischen Ansatz verortet, sie dann aber im Rahmen politischer Problematiken behandelt?" hans68


Einverstanden.


"Die Vorrede handelt ja von "den Menschen" ("alle Menschen [sind] von Natur aus dem Aberglauben unterworfen", S. 5), denen Fortuna oft übel mitspielt, sodass sie sich "keinen Rat wissen" und "zwischen Hoffnung und Furcht schwanken" (ebd., 3) Aufgrund dieser elementaren ungesicherten Stellung in der gewöhnlichen Ordnung der Natur/Geschichte, erschaffen sich die Menschen zunächst selbst abergläubische Praktiken ("Opfer und Gelübde", S.4) und Vorstellungen und halten diese für die "Antwort Gottes" (S. 4)." hans68


Dass Wort "Aberglauben" bei Spinoza lässt sich mit dem Begriff des "Vorurteil" (TTP, S. 6) behandeln, mit dem verknüpft:

1.) dass Täuschende, d.h. die theologischen Vorurteile, dass Abergläubige,

2.) die Täuschenden, d.h. die "Theologen", die Abergläubigen,

3.) der Adressat von 1.) und 2.), die Getäuschten, die Vielen, d.h. die "Menschen", die vorallem bewegt; " ... die Angst ... Die Ursache, die den Aberglauben hervorbringt, erhält und nährt, ist also die Furcht." (TTP, S. 4)


Der "Aberglauben" der "Theologen" vollzieht sich nicht mit abstrakt-theologischer Begrifflichkeit, ist keine Kategorie, die losgelöst von der Affektivität der "Schwankung des Gemüts". (1)


Theologischer Aberglauben ist die i n a d ä q u a t e "Antwort" auf die "Schwankung des Gemüts", welcher "alle Menschen von Natur unterworfen" sind. (TTP S. 5)


"Theologen", wie "alle Menschen" in ihren Urteilen von angeführter Schwankung bewegt, verknüpfen die mit der "Schwankung" sich vollziehenden Vorstellungen jedoch inadäquat. Dass Resultat ist das Täuschende. Theologischer Aberglauben, der, wenn ins Staatliche sich gewendet, mit der Regierungsform der Theokratie sich wird präsentieren.


Den Vielen geht ab, die von "Theologen" vollzogene abergläubige Verknüpfung der Vorstellungen, die mit der "Schwankung" sich vollziehen. Dem "Theologen" geht ab, was die Vielen auszeichnet: dass Affekt besetzte Verbleiben in dem "allen Menschen" gemeinsamen Strebenszustand, eben die "Schwankung des Gemüts". Die Vorstellungskraft der Vielen äussert sich nicht mit der Begrifflichkeit des theologischen Vorurteils.


Daraus, dass " ... die Menschen alle ihre Angelegenheiten nach bestimmten Plan zu führen imstande wären oder wenn das Glück sich ihnen jederzeit günstig erwiese ..." (TTP, S. 3) folgt, dass "die Menschen" 1.) - 3.) nicht kennen. Vernunft und Erfahrung lehren jedoch anderes, dass "... ihr Sinn in der Regel sehr dazu geneigt (ist, philo), alles Beliebige zu glauben." (TTP, S. 3)



"Verstehst du Politik hier eher normativ?" hans68

Recht und Freiheit werden nicht in Macht stehen, wenn z.B. der ausschlaggebende Faktor des menschlichen Strebens das inadäquat-affektive Handeln der Vielen ist, dass, z.B. verwoben mit den ins Politische gewendeten Vorurteilen der Theologen, mit der Regierungsform der Theokratie oder monarchistisch sich manifestiert.


Was bleibt: Erfahrung und Vernunft! Philosophieren ist die a d ä q u a t e Antwort, auf die "Schwankung des Gemüts", welcher "alle Menschen von Natur unterworfen" sind. (TTP S. 5)


"Spinoza verwendet für uns veraltete Kategorien, die wir heute eher nur bei Vertretern ziemlich altbackener konservativer Richtungen finden. Das sollte uns aber nicht schrecken: Die Problematik selbst ist immer aktuell. Freilich: Was für die eine Fraktion das "Heil" ist,, ist für die andere "Knechtschaft". Ob und inwiefern Spinoza hier einen Leitfaden gibt, werden wir noch sehen müssen." hans68


Lehrt Spinoza nicht Erfahrung und Vernunft, wenn er schreibt: "Ein Staatswesen, dessen Heil von der Gewissenshaftigkeit eines Menschen abhängt und dessen Geschäfte nur dann gehörig besorgt werden können, wenn die, denen sie obliegen, gewissenhaft handeln, ein solches Staatswesen kann nicht von Bestand sein. Seine öffentlichen Angelegenheiten müssen vielmehr, damit es bestehen kann, so geordnet sein, daß die mit ihrer Verwaltung Betrauten überhaupt nicht in die Lage kommen können, gewissenlos zu sein oder schlecht zu handeln, ganz einerlei, ob sie der Vernunft oder dem Affekte folgen. Die Sicherheit des Staates wird nicht davon berührt, welche Gesinnung die Menschen zur richtigen Verwaltung anhält, sofern nur die Verwaltung richtig ist. Denn G e i s t e s f r e i h e i t o d e r G e i s t e s k r a f t s i n d P r i v a t t u g e n d e n, S i c h e r h e i t i s t d i e T u g e n d d e s S t a a t e s." (2) (Hervorgehoben von Spinoza)


Die "natürlichen Grundlagen des Staatswesen" dürfen nach Spinoza nicht "aus den Lehrsätzen der Vernunft" abgeleitet werden. Entsprechend der "allgemeinen Natur und Beschaffenheit der Menschen", der "Schwankung des Gemüts" der Vielen und der Theologen, welche auf den "Spuren der alten Knechtschaft" wandeln, nicht entsprechend der " P r i v a t t u g e n d e n " der Wenigen muss das Staatswesen ausgerichtet werden. (PT, Seite 58.)

______

(1) " ... Zustand der Seele (des Denkens, philo), der aus zwei entgegengesetzten Affekten entspringt, heißt Schwankung des Gemüts." Baruch de Spinoza, Die Ethik nach geometrischer Grundlage dargestellt. Felix Meiner, Auflage 1989, Seite 126. (E)


(2) Baruch de Spinoza, Abbhandlung über die Verbesserung des Verstandes / Abhandlung vom Staate. Felix Meiner, Auflage 1977, Seite 58. (PT)



Gruß
philo
hans68
Hi Philo,

ich denke man sollte sich bewusst sein, dass der TPT nicht nur ein theoretisches Werk ist, sondern auch ein polemisches. Er fordert das "Establishment" der Niederländischen Republik auf, sich den Gefahren bewusster zu stellen und gegenüber den "Zersetzern" auf intelligente Weise aktiv zu werden, in die Offensive zu gehen und sowohl die Freiheit als auch den Vorrang gegenüber den Konfessionen zu behaupten.
In der Theorie hat die Vorrede des TPT eine Verwandtschaft mit dem Anhang zum ersten Teil der 'Ethik', was dort analytischer ausgeführt wird, vermengt sich im TPT manchmal mit der Polemik und verengt sich auch etwas. Ich würde meinen, dass die Polemik, so angemessen sie zur Zeit Spinozas war, für uns veraltet ist, dass aber die Theorie, die entwickelt wird in ihren Fragestellungen und Problemen aktuell ist. Ich möchte die Bedeutung von "Täuschung" hier eher relativieren.

Philo:
>
Dass Wort "Aberglauben" bei Spinoza lässt sich mit dem Begriff des "Vorurteil" (TTP, S. 6) behandeln, mit dem verknüpft:

1.) dass Täuschende, d.h. die theologischen Vorurteile, dass Abergläubige,

2.) die Täuschenden, d.h. die "Theologen", die Abergläubigen,

3.) der Adressat von 1.) und 2.), die Getäuschten, die Vielen, d.h. die "Menschen", die vorallem bewegt; " ... die Angst ... Die Ursache, die den Aberglauben hervorbringt, erhält und nährt, ist also die Furcht." (TTP, S. 4)
>
.
.

"Theologen", wie "alle Menschen" in ihren Urteilen von angeführter Schwankung bewegt, verknüpfen die mit der "Schwankung" sich vollziehenden Vorstellungen jedoch inadäquat. Dass Resultat ist das Täuschende.
>

Es gibt tatsächlich eine Wortwahl im TPT die nahelegt darin, eine Theorie der Täuschung und des Priestertrugs, also eine Manipulationstheorie, zu sehen. Ich lese hier aber anders.


Spinoza schreibt von "Täuschung" vom "einflößen des Aberglaubens" (Vorrede, S.6 bzw. S.5) Was wollen wir aber darunter verstehen?
Es sehe zwei Möglichkeiten eine engere a) und eine breitere b).

a) Täuschung als ein bewusster Akt – also so ähnlich wie die Lüge.
b) Täuschung eher metaphorisch für einen größeren, "systemischen" Zusammenhang, bei dem die Sachverhalte sich anders darstellen bzw. anders vorgestellt werden als in Wirklichkeit.


Was lesen wir aus dem Vorwort zum TPT heraus a) oder b)?

Ich würde eher b) meinen, vor allem wenn man das Vorwort vor dem Hintergrund des Anhangs zum ersten Teil der 'Ethik' liest [a) halte ich eher dem polemischen Stil geschuldet]. Die theologische Illusion baut auf der allgemein-menschlichen systematischen Selbst-"Täuschung" im Rahmen der "(Erkenntnis)Weise des Vorstellens" (Imagination) auf. Vergleiche Ethik 1, Anhang: "So ist es gekommen, daß jeder sich nach der eigenen Sinnenart unterschiedliche Weisen ausgedacht hat, in denen sich ein Gott verehren lässt, ..." (Meiner, S.83) An diese spontane Theologie, die Menschen schlechthin entwickeln, werden dann die "Theologen und Metaphysiker" (ebd., S. 87) mit ihren spitzfindigen Systemen anknüpfen (mit ihren "inadäquaten Verknüpfungen", wie du, Philo, schreibst) und sie weiterführen. Das umfassende Problem besteht also in der zunächst imaginären Wahrnehmungsweise von uns Menschen, wo zunächst eher elementare Vorurteile (v.a. "daß die Natur nichts vergebens tue", S.83, also Finalismus) zu mehr oder weniger systematischen Theorien und Praktiken des Aberglaubens führen und von dort zur Theologie – also zu einem Gebiet, das von den "Studierten" beackert wird – im eigentlichen Sinn. Die "Theologen", für Spinoza sicherlich eine pejorative Bezeichnung, geben diesem imaginären Täuschungszusammenhang eine scheinbare Kohärenz, was freilich nicht wirklich und nur schlecht gelingt. Dennoch sind sie in diesem Sinne keine "Täuscher" oder "Betrüger" (obwohl sie das auch sein können) – ihre Rolle ist eher die von Ideologen, die vor allem zwischen ihrem imaginären Spezialgebiet und der imaginären popularen Vorstellungswelt vermitteln bzw. ihre Vorherrschaft darüber beanspruchen.

Man kann zwar manipulativ "dem Volk jede Art des Aberglaubens einflößen" TPT, S.5), doch es wird aus seinem eigenen Antrieb nicht dauerhaft dabei verweilen, weil es sich bei der nächsten Schwankung des Gemüts, wieder einen anderen Aberglauben zuwendet. Die Knechtschaft stabil zu halten, ist keine einfache Sache.

"Täuschung" und Betrug kann wohl Teil der Tätigkeit der Theologen und Priester sein, doch, wie gesagt, ermöglicht wird dies konstitutiv durch das imaginäre Weltverhältnis in dem wir Menschen uns zunächst befinden.

Philo:
>
Theologischer Aberglauben, der, wenn ins Staatliche sich gewendet, mit der Regierungsform der Theokratie sich wird präsentieren.
>

Ja, das ist wichtig. Auch wenn die Imagination zur conditio humana gehört, so passiert mit der "Wendung ins Staatliche" (ich würde ergänzen "und ins Kirchliche") etwas Entscheidendes, nämlich die Möglichkeit aus einer allgemeinen menschlichen Schwäche oder Ungenügen "Knechtschaft" zu erzeugen – ob in der Form der Theokratie oder anderer Formen, wo die Regierung Bündnisse mit dem "organisierten Aberglauben" eingeht, statt über den Konfessionen zu stehen.

Philosophieren ist die a d ä q u a t e Antwort, auf die "Schwankung des Gemüts", welcher "alle Menschen von Natur unterworfen" sind. (TTP S. 5)

Ja, solange man nicht in die "Spekulationen der Aristoteliker und Platoniker" (S. 8 abgleitet. Zwinker

Philo:
>
Lehrt Spinoza nicht Erfahrung und Vernunft, wenn er schreibt: "Ein Staatswesen, dessen Heil von der Gewissenshaftigkeit eines Menschen abhängt und dessen Geschäfte nur dann gehörig besorgt werden können, wenn die, denen sie obliegen, gewissenhaft handeln, ein solches Staatswesen kann nicht von Bestand sein. Seine öffentlichen Angelegenheiten müssen vielmehr, damit es bestehen kann, so geordnet sein, daß die mit ihrer Verwaltung Betrauten überhaupt nicht in die Lage kommen können, gewissenlos zu sein oder schlecht zu handeln, ganz einerlei, ob sie der Vernunft oder dem Affekte folgen. Die Sicherheit des Staates wird nicht davon berührt, welche Gesinnung die Menschen zur richtigen Verwaltung anhält, sofern nur die Verwaltung richtig ist. Denn G e i s t e s f r e i h e i t o d e r G e i s t e s k r a f t s i n d P r i v a t t u g e n d e n, S i c h e r h e i t i s t d i e T u g e n d d e s S t a a t e s." (2) (Hervorgehoben von Spinoza)
>

Ja, ein sehr scharfsinniger Gedanke, den Spinoza hier äußert. Er spricht hier von denen, die die Staatsgeschäfte führen, vom Personal, den Verwaltern, den Politikern. Die Idee ist, dass ein wohlgeordneter Staat keine Tugendhelden nötig haben darf, um gut zu funktionieren. Wie kann ein solcher Staat das schaffen? – Durch Regeln, Kontrolle, Öffentlichkeit und Transparenz. Das ist wohl sicher richtig. Was aber eine private und was eine staatliche Tugend ist, scheint mir nicht so offensichtlich zu sein. Wer baut einen solchen Staat auf? Wer führt Öffentlichkeit und Transparenz, wer führt die Sicherheit, Regeln und Kontrolle ein? – Wie erhält sich ein Staat diese transparente Kultur? Wer, wenn nicht Menschen, die gemeinsam Verantwortung übernehmen – egal ob Politiker, Beamter, einfache BürgerInnen – und die auf die Durchsetzung und Einhaltung achten? Die Formulierung scheint mir in diese Aporie zu führen. Vielleicht lässt sie sich so verstehen und auflösen, dass Spinoza darauf hinweisen möchte, dass die Qualität ("Tugend") eines Staates, weniger in der Summe der Vernunft und der Tugend der einzelnen besteht, als in einer systemischen, strukturellen Vernünftigkeit (die mehr wäre als die Summe) des Zusammenwirkens von Menschen, wobei der Einzelne gar nicht so tugendhaft und vernünftig sein muss. In diesem Sinn kann man auch folgendes Zitat aus dem TPT, Kap 16 verstehen:

"Dazu kommt, daß bei einer demokratischen Regierung Widersinnigkeiten nicht so sehr zu befürchten sind; denn es ist fast ausgeschlossen, daß in einer Versammlung, vorausgesetzt daß sie groß ist, sich die Mehrheit in einer Widersinnigkeit zusammenfindet ..." (S. 238 )


Lehrt Spinoza Vernunft? Ja, in dem Sinne als Menschen, Bürger vernünftige Verhältnisse einrichten müssen, um ihre Vernunftfähigkeit zu erhöhen bzw. um die "Tugend" (Qualität) des Staates zu erhöhen.

Nicht das Beschwören der Bürgertugend oder der Vernunft erzeugt Tugend und Vernunft (aufgrund der individuellen menschlichen, zunächst leidenschaftlichen Naturen) – und insofern kann man nicht darauf bauen - , aber Menschen können über Kommunikation und bestimmte zu schaffende Strukturen, sich in ihrer und den Staat in seiner Vernünftigkeit stärken. Betrachtet man die einzelnen, dann findet man bei ihnen ein breites Spektrum von Haltungen - vom Gehorsam bis zur Vernunft.

Vernunft also eher ein Prozess als eine Eigenschaft – die Grenzen zwischen der Vernunft bzw. Tugend der einzelnen und des Staates sehe ich eher fließend bzw. in einem reziproken Verhältnis.

Grüße
Hans
hans68
"Die Menschen [haben] es nur solange ihre Furcht währt mit dem Aberglauben zu tun [...] und [...] alles, was sie je in falscher Religiösität verehrt, [waren] nur Phantasiegebilde, Ausgeburten eines traurigen und furchtsamen Sinnes ..." (TPT, Vorrede, S.4)

Das solche Vorstellungen nur "Phantasiegebilde" sind, sollte uns nicht dazu verleiten, ihre Hartnäckigkeit und Selbstbehauptungskraft zu unterschätzen – und wenn schon nicht eines bestimmten Aberglaubens (die Menschen flüchten in ihrer Angst von einem zum nächsten), dann zumindest der ideologischen Form "Aberglaube".

Der Aberglaube stellt sowohl ein theoretisches als auch ein praktisches System dar: theoretisch als Glaubensbekenntnis, Mythen; praktisch als Kult, Riten. Beides stützt sich gegenseitig. Auf Basis des finalistischen Vorurteils der Menschen (Gott handelt, um bestimmter Zwecke zu erreichen; in der Natur geschieht alles zu einem bestimmten Zweck) erhebt sich der Aberglaube und sorgt dafür, dass die finalistische Weltsicht nicht nur "ein System imaginärer Ideen im Kopf der Menschen" (Bove 1996, 179) bleibt, das je individuell ihre körperliche Konstitution ausdrückt, sondern zugleich ein System von Praktiken, eine kollektive Handlungsweise ist, die diese Ideen ausdrückt. Dieses System von Vorstellungen, Ideen und Handlungsweisen wird innerhalb der gesellschaftlich/staatlichen Verhältnisse verändert und umgearbeitet, es konstituiert diese mit und wird umgekehrt von diesen Verhältnissen überdeterminiert.

In diesem Sinne finden wir Aberglauben nicht nur dort, wo es um Religiösität, um Gott, Geister, esoterische Kräfte, etc. geht, sondern in allen quasi-systematischen Vorstellungen, die eine zweckgerichtete Ordnung in "der Welt" erkennen wollen. Ich denke hier an verschiedenste "Ideologien" wie die des sich selbst stabilisierenden Marktes oder jene der Quasi-Natürwüchsigkeit von Nationen und ihrem Vorrang gegenüber anderen. Und besitzen diese abergläubischen Ideologien nicht auch ihre mehr oder weniger alltäglichen und skandierenden eigenen Rituale und Praktiken?
--
Bove, Laurent, 1996: La stratégie du conatus. Affirmation et résistance chez Spinoza. Paris
Rhetorix
Das Vorwort zum tpT liest sich streckenweise so, als sei es von Feuerbach.
Wenn ich nun Boves Kommentar dazu lese, habe ich streckenweise den Eindruck, dass er von Lukrez stammt.

Ich frage mich, wieviel Spinoza von Lukrez wusste. Und von Bruno.
Dass er sich alles selbst ausdachte, kann ich mir nicht vorstellen. Aber er zitiert nicht. Aus Eitelkeit? Oder aus Vorsicht?


P.S.
Der Thread befriedigt mich insofern nicht, als er ein ziemliches Hin und Her ist. Der tpT hätte es vielleicht verdient, organisierter entlang einem klaren Faden besprochen zu werden. Da er hier online gelesen werden kann, müsste man ihn sich auch nicht erst kaufen.
Hiermit selbst zu beginnen, ist mir aber vorerst leider nicht möglich, da ich in Kürze urlaubsabwesend sein werde.
hans68
Hi Rhetorix,

Rhetorix:
>
Ich frage mich, wieviel Spinoza von Lukrez wusste. Und von Bruno. Dass er sich alles selbst ausdachte, kann ich mir nicht vorstellen. Aber er zitiert nicht. Aus Eitelkeit? Oder aus Vorsicht?
>
Interessante Beobachtung!
An welche Passagen, Formulierungen, Begriffe denkst du dabei? Kannst du was von Spinoza oder den anderen Genannten zitieren?

Rhetorix:
>
Der tpT hätte es vielleicht verdient, organisierter entlang einem klaren Faden besprochen zu werden.
>

Hast du einen Vorschlag für so einen roten Faden?
Ich denke, es gibt verschiedene Möglichkeiten "Quellenstudium" zu betreiben.

Ich bin für Verschiedenes zu haben, ob für einen "roten Faden", ob für kaptitelweise Lektüre, aber auch für Lektüre je nach Interesse. Mein eigenes Hauptinteresse ist, wie bereits erwähnt, aktuelle Problematiken aus dem TPT herauszulesen. Mich würde aber auch interessieren, was andere dazu bewegt, zu diesem Werk zu greifen.


Rhetorix:
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Der Thread befriedigt mich insofern nicht, als er ein ziemliches Hin und Her ist.
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Vielleicht kannst du schreiben, wie du verstanden hast, was du gelesen hast; was dir interessant erscheint, was dich zum weiterdenken anregt oder was dir fraglich und diskussionswürdig erscheint - dann könnten wir vielleicht gemeinsam auf deine Interessen und Bedürfnisse genauer eingehen.

Jedenfalls schönen Urlaub und lass wieder von dir hören!
lg
hans
hans68
Rhetorix:
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Der Thread befriedigt mich insofern nicht, als er ein ziemliches Hin und Her ist.
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.... Ja, mir ist aufgefallen, dass ich mich etwas wiederholt habe. Ich nehme mir vor, mich zu bessern! Zwinker
Rhetorix
@hans: War nicht als Kritik an dir gemeint!
hans68
alles ok!, und Kritik ist auch ok!
lg
philo
Zur "Vorrede"

Nicht "im Banne eines Aberglaubens" stehen, setzt voraus: "Mensch" praktiziert seine "Angelegenheiten" nicht nur mit "bestimmten Plan". Auch das "Glück" ist mit ihm.

Die Praktizierung der "Angelegenheiten" stösst nicht selten an ihre Grenze, mit welcher das Wissen als unzureichend sich erweisst. Ratlosigkeit tritt auf. Die Praktizierung der "Angelegenheiten" k a n n jene Wendung nehmen, mit der das Streben masslos sich vollzieht. Kennzeichen des masslosen Strebens ist, dass die Praktizierung der "Angelegenheiten" verbunden mit dem Verlangen nach "ungewissen Glückgütern" wird auftreten. Dieser Auftritt vollzieht sich, dieses ist das äussere Kennzeichen des "Aberglauben", mit der geäusserten "Meinung", die mit dem masslos gewordenen Streben nach "ungewissen Glücksgüter" sich gebildet. Inneres Kennzeichen des "Aberglauben" ist das "Schwanken des Gemüts." Dieses Schwanken folgt also nicht notwendigerweise aus der lebenspraktischen Ratlosigkeit. Dieses innere Kennzeichen des "Aberglauben" vollzieht sich ausschliesslich im Zusammenspiel mit der im Praktischen erworbenem Ratlosigkeit, die jedoch mit den "Meinungen" verknüpft wird, die sich mit dem masslos gewordenen Streben nach "ungewissen Glücksgütern" gebildet. Dass praktische Streben ist mit dieser Verknüpfung nun dass Verlangen geworden, mit dem "Mensch" zwischen Furcht und Hoffnung hin und hergerissen. Die Praktizierung der "Angelegenheiten" tritt nun verwoben mit jenem "Zweifel" auf, mit dem "Mensch ... sehr dazu neigt, alles Beliebige zu glauben." Die Erfahrung mit Menschen lehrt: Bei Abwesenheit des lebenspraktischen Wissenszweifel zeigt sich "Mensch" als der von den "Meinungen" Getriebene, als der Unbeständige, der "nur allzu zuversichtlich, prahlerisch und aufgeblasen" seine "Angelegenheiten" praktiziert. (TTP, Meiner 1994, Seite 3 / TTP, in der Übersetzung von Kirchmann, 1870, Absatz 1)

Der skizzierte Geistes- bezw. Affektzustand der Unbeständigkeit ist, "die Ursache vielen Aufruhrs und schrecklicher Kriege gewesen." (1994, Seite 5 / 1870, Absatz 6) Spinoza führt nun an, dass "die Religion, gleichviel ob wahr oder falsch, mit so vielen Formen und Gebräuchen" äusserlich aufgearbeitet wurde, dass sie nun "über alles bedeutungsvoll erscheine und jedermann ihr stets die höchste Ehrerbietung entgegenbrächte. Am besten ist dies den Türken gelungen, die selbst eine Erörterung über sie für Sünde halten ..." (1994, Seite 5 / 1870, Absatz 7) Wer lässt die so ausgestattete "Religion" ausserdem auftreten? Der Leser wird auf eine monarchistische Regierung verwiesen, die Politik somit Gesetzgebung favorisiert, mit der "die Religion, gleichviel ob wahr oder falsch" als Mittel zu behandeln ist, mit dem "die Menschen in der Täuschung" gehalten. (1994, Seite 6 / 1870, Absatz cool

Die "Religion, gleichviel ob wahr oder falsch", als Faktor monarchistischer Gesetzgebung, ist kein "Glück" des Menschen; ist sein Unglück. Warum? Eine Regierung, die "über spekulative Dinge Gesetze erläßt" (ebenda), d.h. über die geäusserten "Meinungen", ist die äussere Ursache, die gesetzlich festgeschrieben: die innere Ursache des "Aberglauben", d.h. die Unbeständigkeit des Geistes- und Affektzustandes, mit dem z.B. "schreckliche Kriege" begonnen. "Türken" sowie monarchistische Gesetzgebung schreiben, bei jeglichem Unterschiede, fest: "Meinungen gleich Verbrechen", welche "Meinungen" als Strafbestände zu behandeln sind.

Gegen diese, die Unbeständigkeit somit den "Aberglauben" zementierende monarchistische Politik argumentiert Spinoza: "Würden nach Staatsgesetze nur T a t e n g e r i c h t e t , W o r t e a b e r s t r a f f r e i g e l a s s e n , so könnten derartige Unruhen durch keinen Schein der Politik beschönigt werden und Meinungsverschiedenheiten würden nicht in Empörungen ausarten." (ebenda) Die Praktizierung der "Angelegenheiten" ist vor dem politischen "Vorurteil" gesichert, wird die Regierung eine Gesetzgebung favorisieren, die ausdrücklich zu lässt: dass Recht der freien Meinung.

Staatsgesetze zielen nach Spinoza nicht darauf, den Geistes- und Affektzustand der Unbeständigkeit als jenen zu behandeln, den es zu erhalten gilt - welche Annahme impliziert, dass Wenige als Staatslenker sich inzenieren, welche die schwankende Menge favorisieren, die es zu regieren gilt. Im TTP zielen Staatsgesetze gar nicht auf das äussere Kennzeichen des "Aberglauben", d.h. auf das Spekulative, auf die "Meinungen", welche bezogen auf die "ungewissen Glücksgüter" sich gebildet.

Spinoza favorisiert also eine Politik, die Staatsgesetze erlässt, die den Rahmen bilden, in denen die Herrschaft der Meinungsfreiheit wird antreten. Dass "diese Freiheit nicht nur ohne Schaden für die Frömmigkeit und den Frieden im Staate zugestanden werden kann, sondern das sie zugleich mit dem Frieden im Staate und mit der Frömmigkeit selbst aufgehoben werden kann. Dies ist es vor allem, was ich mir in diesen Traktat beweisen vorgenommen habe." (1994, Seite 6 / 1870, Absatz 9)


Spinozas Staatsverständnis schliesst ein, die im ersten Absatz des TTP angedeutete Theorie des Menschen. Diese Theorie wird in der "Vorrede" weiter erläutert. Und zwar in einer Richtung, die im ersten Absatz nur angedeutet ist. Wo massloses "Streben" angenommen und behandelt wird, muss auch massvolles "Streben" angenommen und behandelt werden. So z.B.: "Ich habe mich oft darüber gewundert, daß Leute, die sich rühmen, die christliche Religion zu bekennen, also Liebe, Freude, Mäßigung und Treue gegen jedermann, dennoch in der feindseligsten Weise miteinander streiten und täglich den bittersten Haß gegeneinander auslassen, so daß man ihren Glauben leichter hieran als an jenen Tugenden erkennt." (1994, Seite 7 / 1870, Absatz 10)

Spinoza favorisiert die angeführten "Tugenden" nicht als die Werttafeln, welche das politische Handeln aufstellt, sondern das Individuum. Im Vermögen des Einzelnen liegt, dass den "Meinungen" des maßlos gewordenen Strebens Grenzen gesetzt werden. Und zwar argumentativ. Dass Recht der Meinungsfreiheit sowie "die Frömmigkeit" sind Rechte des Einzelnen, die jedoch nur im Rahmen von politischer Gesetzgebung zur Entfaltung kommen. Monarchistische Politik kann den politischen Rahmen, da im "Vorurteil" befangen, die "Religion, gleichviel ob wahr oder falsch" zwecks Beherrschung zu erhalten, nicht aufstellen. Eine Regierung, die Gesetze erlässt über "spekulative Dinge", d.h. über die "Meinungen" die aus dem maßlosen Verlangen nach "ungewissen Glücksgütern" gebildet werden, wird Spinoza abweisen. Nicht die Politik, nicht das politische Handeln der Gesetzgebung; "die Frömmigkeit" zielt auf die argumentative Zerstörung der religiösen "Meinungen", des religiösen "Vorurteils".

Ich gehe davon aus, dass im TTP "die Frömmigkeit" für "die Vernunft" steht. "Frömmigkeit" = "Vernunft" = "Verstand", dafür stehend, dass die Praktizierung der "Angelegenheiten" adäquat sich vollzieht, d.h. entknüpft von den "Meinungen", etwa den "Vorurteilen" der Politik bezüglich "Religion" somit auch entwoben vom inneren Kennzeichen des "Aberglaubens", eben vom "Schwanken des Gemütes". Spinozas Thema ist das Philosophieren, ist nicht die Politik. Auch im TTP.

Gruß

philo
hans68
Hi Philo,

Du liest sehr genau. Es ist eine Freude mit dir gemeinsam zu lesen.
Ich möchte zunächst an das Thema der "Maßlosigkeit" anknüpfen.

Ich zitiere nochmals den zweiten Satz der Vorrede: "Weil [die Menschen] aber oft in solche Verlegenheiten geraten, daß sie sich gar keinen Rat wissen, und weil sie meistens bei ihrem maßlosen Verlangen [sine modo cupiunt] nach ungewissen Glücksgütern kläglich zwischen Furcht und Hoffnung schwanken, ist ihr Sinn in der Regel sehr dazu geneigt, alles Beliebige zu glauben." (S.3)

Ich würde hier anders als "Meiner" übersetzen, nämlich statt "maßlosem Streben" "maßloses Verlangen" (cupere - wünschen, begehren, verlangen), um es von "streben" (conari) zu unterscheiden, denn der Unterschied von Verlangen, Begierde einerseits und dem Streben andererseits ist bei Spinoza bedeutsam. (Dies nur als Hinweis, hier ist ja noch nicht der Ort, um dies weiter auszuführen.)

Kann das Verlangen nach "Glücksgütern" – also "Reichtum, Ehre, Genußsucht" (vergleiche 'Abhandlung über die Verbesserung des Verstandes' (AVV), Meiner S.7)– maßvoll sein, kann es hier einen Maßstab (modus) geben? Im strikten Sinn, nein, da deren Größen relativ, komparativ und kontextabhängig sind (Wann bin ich reich genug? Wenn meine Mitkonkurrenten genauso ehrvoll sind wie ich, muss ich noch ehrvoller werden, etc.). Wenn es zwar kein "Maß" gibt, so kann es dennoch Mäßigkeit geben. Ich denke auf zweierlei Weise: 1. Indem mich äußere Umstände einschränken (z.B. beim Reichtum Steuern, bei der "Ehrsucht" eine kluge, "tugendhafte" Umgebung, die meinen Übereifer missbilligen würde, etc; So wird etwa der große Alexander in seiner Maßlosigkeit, solange von den freien Bürgern Mazedoniens in Schranken gehalten als ihr Volksheer größer war, als seines, TPT, Kap17. S. 265) 2. indem mich statt dem Verlangen nach Glücksgütern, das Streben nach einem anderen Gut "motiviert" – um es in den Worten der oben zitierten 'Abhandlung' zu formulieren: "ein wahres Gut dessen man teilhaftig werden könne/ ein Gut das sich mit anderen wahrhaft teilen ließe" (AVV, S.7) Spinoza verwirft das Verlangen nach Glücksgütern nicht gänzlich, da sie ja auch einen gewissen Nutzen haben. Er scheint hier einen pragmatischen Standpunkt einzunehmen:

"Gelderwerb oder Genußsucht und Ehrsucht [sind] so lange schädlich, wie sie um ihrer selbst willen und nicht als Mittel zu etwas anderem erstrebt werden [quaerentur]. Wenn sie indes als Mittel erstrebt werden, werden sie ein Maß haben und kaum schaden ..." (ebd., S. 13) Werden die Glücksgüter im Rahmen einer Lebensweise nachgesucht, die der Suche nach dem "wahren Gut", d.h. der "Erkenntnis Gottes" und deren gemeinsamen Teilhaftigkeit gewidmet ist, so wird man ein "Maß" finden, nicht weil es um eine moralisch verstandene Mäßigung ginge, sondern weil man innerhalb dieser vernünftigen Lebensführung ganz einfach Bedeutsameres zu tun hat, als viel Geld zu verdienen, etc. – nämlich ein wahres Streben zu verwirklichen.

Philo:
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Dieses Schwanken folgt also nicht notwendigerweise aus der lebenspraktischen Ratlosigkeit. Dieses innere Kennzeichen des "Aberglauben" vollzieht sich ausschliesslich im Zusammenspiel mit der im Praktischen erworbenem Ratlosigkeit, die jedoch mit den "Meinungen" verknüpft wird, die sich mit dem masslos gewordenen Streben nach "ungewissen Glücksgütern" gebildet.
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Ich hätte eher angenommen, dass das Leben der Menschen zunächst notwendigerweise von Ratlosigkeit und Schwanken geprägt ist, da sie unwissend, "in Unkenntnis der Ursachen von Dingen zur Welt kommen" ('Ethik, Anhang, Meiner S. 81). Auch ihr Verlangen nach "Glückgütern" und ihrem Eigennutz kommt ihnen naturwüchsig (notwendig) zu, denn Spinoza fährt fort, dass die Menschen von Geburt an, "darauf aus sind, ihren eigenen Vorteil zu suchen" (ebd.) Ich denke, dass Spinoza nicht wie Kant formulieren würde, dass Menschen sich in einer "selbstverschuldeten (praktisch erworbenen) Unmündigkeit" befinden, sondern dass sich ihr Handeln und Denken angesichts der Übermacht der Natur (und der Geschichte) immer wieder als (fast) heillos unterlegen erweist. Der Aberglaube bildet hier eine Art Kompensation, eine Art scheinhafte Handlungsfähigkeit, die aber durchaus reale Wirkungen zeigen kann und immer auch eine politische Funktion hat.

Dennoch bedeutet dies aber nicht, dass die (relative) Schwäche der Menschen als konstitutiver Mangel von Spinoza angelegt wird. Menschen sind in ihren Stärken nur halt oft schwächer als die Ordnung der Natur/Geschichte – nur zufällig, wenn die glücklichen Zeiten und Umstände länger anhalten, wird ihnen ihre Unwissenheit nicht zum Problem und sie versinken dann auch nicht in der chaotischen, ratlosen Suche nach Auswegen noch tiefer im Aberglauben.

Freilich, sich aus dem Aberglauben (wenn es geht, gemeinsam mit anderen) herauszuarbeiten, wird ebenso einer Notwendigkeit folgen müssen.


Zu anderen Themen in deinem Posting werde ich gern später noch zurückkommen. Ich bin aber auch darauf gespannt, wie du weiter liest.

Grüße
Hans
hans68
Philo:
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"Würden nach Staatsgesetze nur T a t e n g e r i c h t e t , W o r t e a b e r s t r a f f r e i g e l a s s e n , so könnten derartige Unruhen durch keinen Schein der Politik beschönigt werden und Meinungsverschiedenheiten würden nicht in Empörungen ausarten." (ebenda) Die Praktizierung der "Angelegenheiten" ist vor dem politischen "Vorurteil" gesichert, wird die Regierung eine Gesetzgebung favorisieren, die ausdrücklich zu lässt: dass Recht der freien Meinung.
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und
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Spinoza favorisiert also eine Politik, die Staatsgesetze erlässt, die den Rahmen bilden, in denen die Herrschaft der Meinungsfreiheit wird antreten. Dass "diese Freiheit nicht nur ohne Schaden für die Frömmigkeit und den Frieden im Staate zugestanden werden kann, sondern das sie zugleich mit dem Frieden im Staate und mit der Frömmigkeit selbst aufgehoben werden kann. Dies ist es vor allem, was ich mir in diesen Traktat beweisen vorgenommen habe." (1994, Seite 6 / 1870, Absatz 9)
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Was du schreibst trifft sicherlich zu. Es passt auch zu einer gängigen liberalen Auffassung, wie sich öffentliches Relevantes (Handlungen) von Privatem (Meinungen) unterscheiden und trennen lässt. Die Frage, inwiefern ist eine solche Unterscheidung/Trennung vor dem Hintergrund von Spinozas politischer Theorie/Anthroplogie möglich?

Ich beziehe mich im Folgenden hier auf die Argumentation von Etienne Balibar in seinem Buch 'Spinoza and Politics' (London, 1998, S.25-31), werde aber nicht im Einzelnen die Seiten angeben.

Spinoza – kein Liberaler

Zunächst muss man festhalten, dass für Spinoza die Souveränität des Staates absolut ist: "Daraus folgt, dass die höchste Gewalt an kein Gesetz gebunden ist, daß ihr vielmehr alle in jeder Beziehung zu gehorchen haben." (TPT, S. 238 ) Weil der Staat aber nichts Unnatürliches bei den Bürgern durchsetzen kann – etwa die völlige Unterdrückung ihrer eigenen Meinung – muss er ihnen im Interesse der eigenen Stabilität, also Macht, größtmögliche Meinungsfreiheit zugestehen. Andererseits besitzt auch das Individuum "das höchste Recht zu allem, was es vermag" (ebd., S. 232 ) Man könnte also annehmen, dass sich hier zwei Souveräne gegenüberstehen. Wie kann man diese beiden Positionen theoretisch versöhnen? Ist dies nicht eine Aporie? Spinoza wird theoretisch auf den Gesellschaftsvertrag (Hobbes u.a.) zurückgreifen, um diese Versöhnung zu versuchen. Aber gelingt ihm das tatsächlich? Dass Spinoza die Idee des Gesellschaftsvertrages im 'Politischen Traktat' fallen lässt, sollte uns schon mal misstrauisch machen, auch wenn Spinoza zunächst keinen "Widerspruch" (S. 237 ) sieht. Am klarsten wird die Aporie aber dann formuliert, wenn er feststellt, dass die höchste Gewalt nur solange das Recht hat alles zu befehlen, solange sie "wirklich die höchste Gewalt ist" (S. 238 ) Oder: damit die einzelnen dem Staat ihre Macht wirklich übertragen, muss dieser schon wirklich stärker sein, als die einzelnen. Hinter der aporetischen Konstruktion des Gesellschaftsvertrages zeigt sich hingegen eine grundlegendere und genuin spinozistische Idee: die souveräne Macht und die Individuen werden von Spinoza theoretisch gar nicht als gegensätzliche Pole gedacht! Spinoza geht also gar nicht von der uns geläufigen, liberalen Unterscheidung von Bürger/Staat aus, sondern denkt diese beiden Begriffe in einem dynamischen und immanenten Zusammenspiel. Jeder Staat mit seinen Gesetzen baut letztlich auf dem organisierten Gehorsam seiner Bürger auf – egal wie er diese erreicht: entweder durch einen durch Rituale etc. stabilisierten Aberglauben (Kirchen) oder durch die Macht möglichst vernünftiger Kommunikation und Entscheidungsfindung.

Prekäre Unterscheidung Worte/Taten

Allerdings bedeutet dies, dass die Unterscheidung privat/öffentlich ebenso dynamisch und überlappend wird. Selbiges gilt dann für die Unterscheidung Worte/Taten: Manche Worte sind eben Taten! – v.a. wenn sie die Politik des Staates betreffen und dieser entgegenstehen. Nur in einem optimalen Fall – dem einer echten, dynamischen Demokratie – ist es denkbar, dass die Dynamik der Kritik einerseits vom Staat akzeptiert wird, weil sie letztlich nützlich ist, und die Bürger diese Kritik auch zur Stärkung des Staates praktizieren und nicht zu dessen Zerstörung (sodass sich der Staat nicht genötigt sieht, gegen ihre Meinungsfreiheit vorzugehen).

Mir scheint, das ist genau das, was Spinoza seinen damals regierenden Freunden ins Stammbuch schreiben wollte. "Wenn ihr nicht mehr Demokratie wagt, wenn ihr nicht die Dynamik freier Meinungsäußerung (und die von ihr profitierenden Fraktionen und Gemeinschaften) zu euren Gunsten entfesselt, werdet ihr von der calvinistischen-orangistischen Reaktion gestürzt werden!"

Fazit: Aus Spinozas politischer Anthropologie folgt, dass es letztlich keinen fixen "Rahmen des Gesetzes" gibt, der eine sichere Trennung in Worte/Taten, Privates/Öffentliches erlauben würde. Damit diese Unterscheidung relativ sicher ist, braucht es einen realen, konstitutiven, dynamischen Prozess einer hegemonialen Übereinstimmung von Bürgern/Bevölkerung und Staat noch vor seiner gesetzlichen Festschreibung. Ohne diese hegemoniale Übereinstummung ist der gesetzliche Rahmen nur Makulatur.

Gruß
hans
hans68
Das 17.Jh. debattierte lebhaft die Frage der religiösen Leidenschaften. Dabei ging es darum, wie sie zu vermeiden wären und wie man sie auf andere positive und nützliche Ziele umlenken könnte – da man sie schließlich nicht auslöschen kann. Der "Eifer" (studium) und der "theologische Hass" (odium theologicum), aber auch das jus circa sacra (das Recht, das die religiösen Angelegenheiten regelt) standen dabei im Mittelpunkt. [21] Im Vorwort richtet Spinoza ja auch sogleich seine genetische Kritik gegen die religiösen Leidenschaften indem er die Mechanismen ihrer Entstehung beschreibt: die Furcht, Die Hoffnung, die Schwäche des Menschen angesichts der äußeren Umstände, die Unkenntnis der Zukunft. Indem Spinoza die religiösen und politischen Wirkungen der im gewöhnlichen religiösen Leben vorherrschenden Leidenschaften unterstreicht, eröffnet er einen Ansatz zu einer Therapie, die die passiven Affekte in aktive Affekte transformieren könnte. Die daraus gewonnene soziale Energie kann dann in den Dienst des Staates und für den Wissensfortschritt genutzt werden. [22] Der Kampf gegen die religiösen Leidenschaften bedeutet nicht, diese zu verteufeln, sondern sie zu verstehen. Für Spinoza heißt das auch, dass man damit die eigentliche Sache der Religion und des Glaubens (d.h. der Sittlichkeit) verteidigt.
Welche sind nun die religiösen Leidenschaften, die die Entwicklung eines wahren (Zusammen)Lebens behindern?
Die erste ist der "Eifer" (studium), mit dem man sich bemüht hat, "die Religion gleichviel ob wahr oder falsch, mit so vielen Formen und Gebräuchen auszustatten, dass sie über alles bedeutungsvoll erschiene und jedermann ihr stets die höchste Ehrerbietung entgegenbrächte" (Meiner, TPT, S.5 ). Hier handelt es sich mehr um eine Leidenschaft des Volkes als der Gelehrten. Der Eifer ist eine starke und gefährliche Leidenschaft, aber auch leichter in produktive Bahnen zu lenken, wenn man ihn auf ein der Gemeinschaft nützliches Ziel leitet – wie man etwa im Fall des religiösen Patriotismus der alten Hebräer sehen kann.

Die zweite Leidenschaft ist das Erstaunen, das Bewundern (admiratio, TPT, S.4/Z. 32; S.7/Z. 27; S.8/Z. 15 ), das die Unwissenheit fördert. Nicht zufrieden damit, "unsinnig zu sein mit den Griechen, auch die Propheten sollten mit diesen den Wahnsinn teilen. Das zeigt klar, dass sie die Göttlichkeit der Schrift auch im Traum nicht ahnen und je eifriger sie ihre Geheimnisse bewundern, um so mehr zeigen sie, dass sie nicht eigentlich an die Schrift glauben, sondern ihr nur nachsprechen." (ebd., S. 8 ) Der (wahre) Glaube wird durch die in Kapitel 14 dargestellten frommen Dogmen abgedeckt, während die Schöntuerei des kultischen Personals eine ideologische Manipulation darstellt, die von den Mächtigen praktiziert wird. "Dazu kam noch, dass die Priester im Anfang der Wiederaufrichtung des Reiches, als sie sich den Weg zur Herrschaft bahnten, dem Volk in allem zu Willen waren, um es an sich zu ziehen." (ebd., 277f).

Doch die charakteristischste religiöse Leidenschaft ist auch die gefährlichste – der theologische Hass, der die Debatierwut und zivile und politische Konflikte nach sich zieht. Jedenfalls ist er dem Eigentlichen der Religion entgegengesetzt, ihrem festen Kern – der Gerechtigkeit und der Liebe und Wohltätigkeit gegenüber den Nächsten (TPT, S. 217 ). [23]

Man könnte auch noch den Hochmut nennen, der mit dem Wahn verbunden ist, "mit Vernunft die Vernunft zunichte zu machen", wie es Spinoza etwa Maimonides nachsagt (TPT, S. 233) und der zu den theologischen Spitzfindigkeiten und zur Unterordnung der Vernunft unter den Wortlaut der Heiligen Schrift führt – ähnlich wie der Starrsinn des Kirchenpersonals alles zu bestimmen und nach ihren Regeln zu lösen. Man kann hier freilich auch noch den Ehrgeiz, Machtstreben und die leidenschaftliche Ruhmessucht nennen.

Diese schlechten Leidenschaften, die typischerweise Leidenschaften der zwischenmenschlichen Konflikte und der inneren Zerrissenheit sind, sind somit auch die gerade Umkehrung der womöglich anfänglich guten Tendenzen, die nützlich hätten sein können. Jene Leidenschaften verhalten sich aber antagonistisch zur Gottesliebe. [24]

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Eckige Klammern beziehen sich auf Inhalte und Seiten aus:
Lagrée, Jacqueline, 2004: Spinoza et le débat religieux. Rennes
hans68
Spinoza erarbeitet eine Behandlung der Leidenschaften, die man tatsächlich als Therapie bezeichnen kann. Diese Therapie der religiösen Leidenschaften, wie auch aller übrigen, erfordert, dass man sich von ihnen eine klare und deutliche Idee bildet (a), zugleich aber auch, dass man sie ablenkt und eine "Ersatzbefriedigung" liefert (b). [24] Spinoza kämpft auf zwei Fronten:

- auf der theoretischen Front: Er entwickelt die Prinzipien der Interpretation der Bibel.
- auf der praktischen Front: Er zeigt wie eine geschickte Politik, leidenschaftliche Menschen "heilen" kann und deren Energie auf nützlichere Tätigkeiten und auf Affekte leiten kann. [25]


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(a) E5P3 "Ein Affekt, der eine Leidenschaft ist, hört auf, eine Leidenschaft zu sein, sobald wir von ihm eine klare und deutliche Idee bilden."

(b) Z.B. wird man v.a. im 'Politischen Traktat' sehen, wie den Bürgern in den verschiedenen politischen Systemen Betätigungsfelder im Staat für ihre verschiedenen Leidenschaften geboten werden, damit diese in nützliche Bahnen geleitet werden.
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Eckige Klammern beziehen sich auf Inhalte und Seiten aus:
Lagrée, Jacqueline, 2004: Spinoza et le débat religieux. Rennes