Spinoza, Theologisch-politischer Traktat

hans68
Spinoza wird streng zwischen Sinn und Wahrheit unterscheiden und damit das konstitutive Band zwischen Religion und Wahrheit zerschneiden. Den Kern der Wahrheit der Religion wird er auf die ethischen Gebote reduzieren. Er wird aber dennoch nicht die Offenbarung ablehnen: sie ist der Gegenstand der Theologie und des Glaubens und er identifiziert sie mit der prophetischen Erkenntnis, die auf Zeichen und somit auf der ersten Erkenntnisweise, der Imagination, beruht. Die Offenbarung ist unerlässlich, um die Menschen zum Erkennen und zum Glauben zu veranlassen. Hier überlässt die Philosophie der Theologie ein Diskursfeld, auf dem sie selbst wenig beizutragen hat – etwa wenn es um das "Heil durch Gehorsam" geht (a), das sie nur feststellen kann, ohne es erschöpfend zu erklären. Es existiert aber ein sicheres Kriterium, um eine authentische von einer falschen Offenbarung zu unterscheiden: die Übereinstimmung mit den moralisch-sittlichen Lehren der Schrift. Wenn die Offenbarung mit der Heiligen Schrift identifiziert werden kann, so deshalb, weil das Heilige das ist, was zu Frömmigkeit und Tugend "motiviert" (wenn nicht, dann ist es bloß Papier und Tinte (b) ) und auch zu einer Vielfalt an Interpretationen. [25] Allerdings geht es auch darum, schlechte Interpretationen zurückzuweisen: all jene, die auf Verleumdung beruhen, die zu theologischem Hass und Aufruhr führen.

Gott, so erweist die Analyse der Prophetie, nimmt bei seiner Offenbarung "Rücksicht" auf sein Publikum. Die Offenbarung des (heiligen) Gesetzes hat sich seit der mosaischen Offenbarung, die für ein ungebildetes Volk bestimmt war, das sich gerade dem Naturzustand entwunden hatte, bis zu Christus hin, dem "Mund Gottes" (Meiner, S. 73), verbreitet, der sich an die ganze Menschheit wandte und eine einfache aber universelle Lehre gepredigt hat, die sich auf wahre Gemeinbegriffe stützt. Während Gott sich durch die Propheten manifestiert hat, indem er eine an die Lage seiner Adressaten angepasste, historisch spezifische Lehre übermittelte, manifestiert er sich in Christus durch eine universelle Lehre, die sich an ein universelles Publikum zu allen Zeiten richtet.

Diese Konzeption, die in der Schrift sowohl Inspiration als auch Adaption feststellt, hat direkte Konsequenzen für die Kohärenz des Textes und die Freiheit seiner Lesarten. Wenn der Text (oder seine Interpretation) direkt inspiriert ist und auf ein bestimmtes Publikum (das erwählte Volk) angepasst ist, so ist seine authentische Lesart auf einen beschränkten Zirkel von religiösem Personal beschränkt und deren Interpretation ist die alleinig autorisierte. Umgekehrt, wenn der heilige Text auf eine viel größere, universelle Öffentlichkeit angepasst ist, so kann er auf verschiedenen Ebenen (historisch, ethisch, theologisch) und auf verschiedene Arten gelesen werden, vorausgesetzt, dass er zu einer gerechte und rechtschaffenen Praxis anleitet. Dieser Ansatz geht also von einer strengen, informierten aber nicht elitistischen Lesart aus, die versucht eine populare Auffassungsgabe, eine populare Sprache mit neuen Gedanken anzureichern, die in einer alten (und manchmal höchst missverständlichen) Sprache verfasst sind.

(a) Vernunft und Theologie bewohnen unterschiedliche Reiche: Vernunft erstreckt sich auf "das Reich der Wahrheit und Weisheit", das der Theologie auf "Frömmigkeit und Gehorsam" (Kap., 15, Meiner, S.226). Die Grundlage der Theologie ist, dass "die Menschen bloß durch Gehorsam selig werden." (ebd., S. 227) Durch das Heil durch Gehorsam, "das Heil der Unwissenden" (Matheron) wird freilich das theoretische Problem aufgeworfen, wie das in Spinozas Rationalismus übheruapt kohärent gedacht werden kann. ´[26]

(b) Kap 12, Meiner S., 196


Eckige Klammern beziehen sich auf Inhalte und Seiten aus:
Lagrée, Jacqueline, 2004: Spinoza et le débat religieux. Rennes