Eugen
Von Otto Neurath stammt ja das Bild von der Wissenschaft als einem Schiff, das wir, wenn nötig, nur Planke um Planke umbauen können, während wir stets auf hoher See bleiben. Es gibt nirgendwo ein Trockendock, auf das wir das Ding als Ganzes schieben und überprüfen können.
Vielleicht ist es hilfreich, dieses Bild – die radikale Absage an jegliches Letztfundierungsprojekt - präsent zu halten, wenn wir im Folgenden versuchen wollen, Quines klassischen Aufsatz (1951) näher unter die Lupe zu nehmen. Quine (1908-2000) selbst wird gegen Ende seiner Untersuchungen zu einer noch provokanteren Formulierung dieser Absage gelangen, wenn er physikalische Objekte letztlich als nichts weiter als kulturelle Setzungen (cultural posits) auffasst, die von der Art her epistemisch durchaus mit den Göttern Homers vergleichbar sind.
Meine Absicht bei dieser Besprechung ist diesmal, mich mit Vorgaben bzgl. der Herangehensweise möglichst zurückzuhalten und es weitestgehend den Teilnehmern, resp. dem freien Austausch zwischen ihnen, zu überlassen, welche Aspekte der Thematik angesprochen und vertieft werden sollen.
Es ist also ausdrücklich nicht verlangt, möglichst dicht am Text zu bleiben (sehr wohl aber an der Thematik!). Auch ist keine Besprechung Abschnitt für Abschnitt geplant, (es sei denn, es wird von den Teilnehmern überwiegend so gewünscht). Jeder sollte aber den Aufsatz zumindest einmal ganz lesen. Es handelt sich ja um einen recht kurzen Text. Dann kann jeder erstmal frei seine jeweiligen Gedanken, Überlegungen, Fragen, zu denen er angeregt wurde, hier präsentieren.
Zwei Umstände gibt es natürlich, die für einige Interessierte evtl. höhere Hürden für den Zugang zu dem Text aufrichten.
Einmal ist es einfach die Tatsache, dass es sich um einen englischen Texthandelt bzw. dass nur der englische Originaltext online frei zugänglich ist. Allerdings schreibt Quine in einer knappen, prägnanten Diktion, so dass derjenige, der mit seinem Schulenglisch noch einigermaßen vertraut ist, keine größeren Schwierigkeiten haben dürfte. Leider ist es mir bisher noch nicht gelungen, an eine deutsche Version heranzukommen, so dass ich vorerst nur selbst versuchen könnte, einzelne Passagen, die Probleme bereiten, zu übersetzen.
Ferner mag den einen oder anderen der Text tlw. recht „technisch“ anmuten. Quine stand bei Abfassung des Aufsatzes bereits unter dem starken Einfluss des logischen Empirismus - besonders Rudolf Carnaps, mit dem er auch persönlichen Austausch hatte - einer philosophischen Strömung, in der die formale Logik eine wichtige Rolle spielt. Dies gilt ebenfalls für die sich damals entwickelnde sog. Analytische Philosophie, der Quine ebenfalls als wichtiger Vertreter zugerechnet wird.
Dennoch sollten sich die, die sich, was die formale Logik anbetrifft, nicht so firm fühlen, nicht zu schnell abschrecken lassen. Der Text erfordert nach meiner Einschätzung in der Richtung höchstens ein paar Grundkenntnisse, um die Argumentation Quines nachvollziehen und sein Anliegen verstehen zu können.
Ich will die Besprechung einleiten, indem ich einfach einige meiner Überlegungen zu dem Text präsentiere. (Wie gesagt, braucht nicht unbedingt gleich an das, was ich sage, angeknüpft zu werden; wir „sammeln“ sozusagen erstmal). Ich beginne mit dem ersten Absatz, in dem Quine sein Vorhaben präsentiert, nämlich nichts Geringeres als die Infragestellung der Grundlagen des modernen Empirizismus überhaupt:
Nicht übersehen darf man natürlich, dass „modern“ hier 1951 heisst, als Quine diesen Aufsatz geschrieben hat. Inwieweit die angeführten „Dogmen“ noch wirklich Geltung haben für das, was wir heute grundlegend für eine empiristische, also eine erfahrungsgeleitete Erkenntniseinstellung, halten, mag noch diskutiert werden.
Allerdings spricht Quine ein m.E. entscheidendes Merkmal des neuzeitlichen, modernen Empirismus nicht an, nämlich seinen aktiven, experimentellen, - oftmals mittels technischer Apparaturen - intervenierenden Charakter im Gegensatz zum Ideal einer passiven, kontemplativen Naturbetrachtung. Michael Hampe verdeutlicht diesen Unterschied, indem er einer aristotelischen eine archimedische Empirie gegenüberstellt, die für die Neuzeit seit Galilei zunehmend maßgeblich geworden ist:
„Das große Vorbild seiner empirischen Arbeit war für Galilei nicht der gewissenhafte Naturbeobachter Aristoteles, sondern der Techniker Archimedes. Die Archimedische und die Aristotelische Empirie unterscheiden sich jedoch ganz wesentlich voneinander. Die Aristotelische Empirie ist eine kontemplative, in der die Natur scheinbar von außen betrachtet wird, ohne zur Sammlung von Erkenntnissen in ihren Lauf einzugreifen. Die Archimedische Empirie ist eine intervenierende, die technische Apparate konstruiert, um zu erkennen. Sofern Galilei als der Stammvater der sogenannten experimentellen Philosophie anzusehen ist, ist es nicht die Aristotelische Naturkontemplation, die er als empirisches Evidenzverfahren gegen die bloße Buchgelehrsamkeit ins Felde führt, sondern die Archimedische Intervention." (Hampe, Michael: Eine kleine Geschichte des Naturgesetzbegriffs. 2007, S. 155 f.)
Evtl. lässt sich aber gerade mit diesem von Quine nicht herausgestellten, experimentellen Zug neuzeitlicher Empirie nochmals ein veränderter Blick auf die vermeintlichen Dogmen gewinnen und zwar durchaus ganz in Quines Sinn eines „Verwischens der unterstellten Grenze zwischen spekulativer Metaphysik und Naturwissenschaft“ sowie einer „Wendung zum Pragmatismus“?
Vielleicht ist es hilfreich, dieses Bild – die radikale Absage an jegliches Letztfundierungsprojekt - präsent zu halten, wenn wir im Folgenden versuchen wollen, Quines klassischen Aufsatz (1951) näher unter die Lupe zu nehmen. Quine (1908-2000) selbst wird gegen Ende seiner Untersuchungen zu einer noch provokanteren Formulierung dieser Absage gelangen, wenn er physikalische Objekte letztlich als nichts weiter als kulturelle Setzungen (cultural posits) auffasst, die von der Art her epistemisch durchaus mit den Göttern Homers vergleichbar sind.
Meine Absicht bei dieser Besprechung ist diesmal, mich mit Vorgaben bzgl. der Herangehensweise möglichst zurückzuhalten und es weitestgehend den Teilnehmern, resp. dem freien Austausch zwischen ihnen, zu überlassen, welche Aspekte der Thematik angesprochen und vertieft werden sollen.
Es ist also ausdrücklich nicht verlangt, möglichst dicht am Text zu bleiben (sehr wohl aber an der Thematik!). Auch ist keine Besprechung Abschnitt für Abschnitt geplant, (es sei denn, es wird von den Teilnehmern überwiegend so gewünscht). Jeder sollte aber den Aufsatz zumindest einmal ganz lesen. Es handelt sich ja um einen recht kurzen Text. Dann kann jeder erstmal frei seine jeweiligen Gedanken, Überlegungen, Fragen, zu denen er angeregt wurde, hier präsentieren.
Zwei Umstände gibt es natürlich, die für einige Interessierte evtl. höhere Hürden für den Zugang zu dem Text aufrichten.
Einmal ist es einfach die Tatsache, dass es sich um einen englischen Texthandelt bzw. dass nur der englische Originaltext online frei zugänglich ist. Allerdings schreibt Quine in einer knappen, prägnanten Diktion, so dass derjenige, der mit seinem Schulenglisch noch einigermaßen vertraut ist, keine größeren Schwierigkeiten haben dürfte. Leider ist es mir bisher noch nicht gelungen, an eine deutsche Version heranzukommen, so dass ich vorerst nur selbst versuchen könnte, einzelne Passagen, die Probleme bereiten, zu übersetzen.
Ferner mag den einen oder anderen der Text tlw. recht „technisch“ anmuten. Quine stand bei Abfassung des Aufsatzes bereits unter dem starken Einfluss des logischen Empirismus - besonders Rudolf Carnaps, mit dem er auch persönlichen Austausch hatte - einer philosophischen Strömung, in der die formale Logik eine wichtige Rolle spielt. Dies gilt ebenfalls für die sich damals entwickelnde sog. Analytische Philosophie, der Quine ebenfalls als wichtiger Vertreter zugerechnet wird.
Dennoch sollten sich die, die sich, was die formale Logik anbetrifft, nicht so firm fühlen, nicht zu schnell abschrecken lassen. Der Text erfordert nach meiner Einschätzung in der Richtung höchstens ein paar Grundkenntnisse, um die Argumentation Quines nachvollziehen und sein Anliegen verstehen zu können.
Ich will die Besprechung einleiten, indem ich einfach einige meiner Überlegungen zu dem Text präsentiere. (Wie gesagt, braucht nicht unbedingt gleich an das, was ich sage, angeknüpft zu werden; wir „sammeln“ sozusagen erstmal). Ich beginne mit dem ersten Absatz, in dem Quine sein Vorhaben präsentiert, nämlich nichts Geringeres als die Infragestellung der Grundlagen des modernen Empirizismus überhaupt:
| Zitat: |
| Modern empiricism has been conditioned in large part by two dogmas. One is a belief in some fundamental cleavage between truths which are analytic, or grounded in meanings independently of matters of fact and truths which are synthetic, or grounded in fact. The other dogma is reductionism: the belief that each meaningful statement is equivalent to some logical construct upon terms which refer to immediate experience. Both dogmas, I shall argue, are ill founded. One effect of abandoning them is, as we shall see, a blurring of the supposed boundary between speculative metaphysics and natural science. Another effect is a shift toward pragmatism. |
Nicht übersehen darf man natürlich, dass „modern“ hier 1951 heisst, als Quine diesen Aufsatz geschrieben hat. Inwieweit die angeführten „Dogmen“ noch wirklich Geltung haben für das, was wir heute grundlegend für eine empiristische, also eine erfahrungsgeleitete Erkenntniseinstellung, halten, mag noch diskutiert werden.
Allerdings spricht Quine ein m.E. entscheidendes Merkmal des neuzeitlichen, modernen Empirismus nicht an, nämlich seinen aktiven, experimentellen, - oftmals mittels technischer Apparaturen - intervenierenden Charakter im Gegensatz zum Ideal einer passiven, kontemplativen Naturbetrachtung. Michael Hampe verdeutlicht diesen Unterschied, indem er einer aristotelischen eine archimedische Empirie gegenüberstellt, die für die Neuzeit seit Galilei zunehmend maßgeblich geworden ist:
„Das große Vorbild seiner empirischen Arbeit war für Galilei nicht der gewissenhafte Naturbeobachter Aristoteles, sondern der Techniker Archimedes. Die Archimedische und die Aristotelische Empirie unterscheiden sich jedoch ganz wesentlich voneinander. Die Aristotelische Empirie ist eine kontemplative, in der die Natur scheinbar von außen betrachtet wird, ohne zur Sammlung von Erkenntnissen in ihren Lauf einzugreifen. Die Archimedische Empirie ist eine intervenierende, die technische Apparate konstruiert, um zu erkennen. Sofern Galilei als der Stammvater der sogenannten experimentellen Philosophie anzusehen ist, ist es nicht die Aristotelische Naturkontemplation, die er als empirisches Evidenzverfahren gegen die bloße Buchgelehrsamkeit ins Felde führt, sondern die Archimedische Intervention." (Hampe, Michael: Eine kleine Geschichte des Naturgesetzbegriffs. 2007, S. 155 f.)
Evtl. lässt sich aber gerade mit diesem von Quine nicht herausgestellten, experimentellen Zug neuzeitlicher Empirie nochmals ein veränderter Blick auf die vermeintlichen Dogmen gewinnen und zwar durchaus ganz in Quines Sinn eines „Verwischens der unterstellten Grenze zwischen spekulativer Metaphysik und Naturwissenschaft“ sowie einer „Wendung zum Pragmatismus“?