Eugen
Quine schreibt:
Mir sind nun im Zusammenhang mit einem (u.a. Quine-kritischen) Aufsatz von Michael Hampe und einer Auseinandersetzung mit mark folgende Überlegungen gekommen.
Hampe kritisiert als Kennzeichen eines u.a. auch von Quine vertretenen Szientismus, dass die nicht-wissenschaftliche Sprache als semantisch holistisch aufgebaut gedeutet werde:
"Der semantische Holismus ist eine Gemeinsamkeit von Sellars, Quine, Davidson und Brandom gleichermaßen und inzwischen fast zu einem Dogma der gegenwärtigen Sprachphilosophie geworden. Die Offenheit natürlicher Sprachen, ..., macht diesem Holismus jedoch immer wieder Schwierigkeiten bzw. ihn selbst unplausibel. Mögen Theorien als abgeschlossene semantische Gebilde behandelbar sein, so sind es natürliche Sprachen, die überhaupt schon schwer individuierbar sind, nicht. Für Sellars, Quine und Davidson gilt meines Erachtens gleichermaßen, dass sie im Rahmen ihrer Holismen nicht klar zwischen Theorien als Fragmenten der natürlichen Sprache, die zu Erklärungszwecken auf gewisse Weise organisiert wurden, und natürlichen Sprachen unterscheiden. Quine kennzeichnet im Anschluss an Carnap in Two Dogmas of Enipiricism künstliche in Abgrenzung von natürlichen Sprachen lediglich dadurch, dass in ihnen die semantischen Regeln explizit sind. Dass natürliche Sprachen eine Geschichte haben, die weitgehend von den Intentionen einzelner Sprecher unabhängig ist, und dass deshalb wenn überhaupt, dann nur sehr schwer zu sagen ist, was ein Terminus in einer natürlichen Sprache tatsächlich für alle Sprecher gleichermaßen bedeutet, bleibt in Quines Engführung von Theorie und Sprache ausgeblendet."
(Hampe, Michael: Die Theorieunabhängigkeit von Tatsachen und Wahrheiten. Zur Relevanz einer Philosophie des Gewöhnlichen. AZP 2009 (1), S. 55 ff., 58 f.)
Vor allem diese von mir hervorgehobene Stelle mit der Unterscheidung von Theorien als "Fragmenten" der natürlichen Sprache und den natürlichen Sprachen ließ mich eine spontane Analogie bilden zur eingangs zitierten Metapher von Quine selbst:
Ließe sich m.a.W. die natürliche Sprache u.a. als unterdeterminierte Ressource deuten, die gewisse Rahmenbedingungen für spezielle in ihr ablaufende Erklärungsprojekte bereithält?
Von daher gesehen, würde die Berufung auf einen sog. "normalen" oder "natürlichen" Sprachgebrauch als Möglichkeit der Begründung innerhalb eines theoretischen Erklärungszusammenhangs eigentlich ausscheiden.
Die Theorie muss durch schärfere Konturierung und Verknüpfung ihrer Begriffe selbst für ihre nötige Evidenz sorgen, sie kann diese nicht mit Verweis auf den unspezifischeren Gebrauch in der natürlichen Sprache untermauern.
Was meint Ihr?
Kann damit jemand was anfangen?
| Zitat: |
| Or, to change the figure, total science is like a field of force whose boundary conditions are experience. A conflict with experience at the periphery occasions readjustments in the interior of the field. Truth values have to be redistributed over some of our statements. Re-evaluation of some statements entails re-evaluation of others, because of their logical interconnections -- the logical laws being in turn simply certain further statements of the system, certain further elements of the field. Having re-evaluated one statement we must re-evaluate some others, whether they be statements logically connected with the first or whether they be the statements of logical connections themselves. But the total field is so undetermined by its boundary conditions, experience, that there is much latitude of choice as to what statements to re-evaluate in the light of any single contrary experience. No particular experiences are linked with any particular statements in the interior of the field, except indirectly through considerations of equilibrium affecting the field as a whole. |
Mir sind nun im Zusammenhang mit einem (u.a. Quine-kritischen) Aufsatz von Michael Hampe und einer Auseinandersetzung mit mark folgende Überlegungen gekommen.
Hampe kritisiert als Kennzeichen eines u.a. auch von Quine vertretenen Szientismus, dass die nicht-wissenschaftliche Sprache als semantisch holistisch aufgebaut gedeutet werde:
"Der semantische Holismus ist eine Gemeinsamkeit von Sellars, Quine, Davidson und Brandom gleichermaßen und inzwischen fast zu einem Dogma der gegenwärtigen Sprachphilosophie geworden. Die Offenheit natürlicher Sprachen, ..., macht diesem Holismus jedoch immer wieder Schwierigkeiten bzw. ihn selbst unplausibel. Mögen Theorien als abgeschlossene semantische Gebilde behandelbar sein, so sind es natürliche Sprachen, die überhaupt schon schwer individuierbar sind, nicht. Für Sellars, Quine und Davidson gilt meines Erachtens gleichermaßen, dass sie im Rahmen ihrer Holismen nicht klar zwischen Theorien als Fragmenten der natürlichen Sprache, die zu Erklärungszwecken auf gewisse Weise organisiert wurden, und natürlichen Sprachen unterscheiden. Quine kennzeichnet im Anschluss an Carnap in Two Dogmas of Enipiricism künstliche in Abgrenzung von natürlichen Sprachen lediglich dadurch, dass in ihnen die semantischen Regeln explizit sind. Dass natürliche Sprachen eine Geschichte haben, die weitgehend von den Intentionen einzelner Sprecher unabhängig ist, und dass deshalb wenn überhaupt, dann nur sehr schwer zu sagen ist, was ein Terminus in einer natürlichen Sprache tatsächlich für alle Sprecher gleichermaßen bedeutet, bleibt in Quines Engführung von Theorie und Sprache ausgeblendet."
(Hampe, Michael: Die Theorieunabhängigkeit von Tatsachen und Wahrheiten. Zur Relevanz einer Philosophie des Gewöhnlichen. AZP 2009 (1), S. 55 ff., 58 f.)
Vor allem diese von mir hervorgehobene Stelle mit der Unterscheidung von Theorien als "Fragmenten" der natürlichen Sprache und den natürlichen Sprachen ließ mich eine spontane Analogie bilden zur eingangs zitierten Metapher von Quine selbst:
Ließe sich m.a.W. die natürliche Sprache u.a. als unterdeterminierte Ressource deuten, die gewisse Rahmenbedingungen für spezielle in ihr ablaufende Erklärungsprojekte bereithält?
Von daher gesehen, würde die Berufung auf einen sog. "normalen" oder "natürlichen" Sprachgebrauch als Möglichkeit der Begründung innerhalb eines theoretischen Erklärungszusammenhangs eigentlich ausscheiden.
Die Theorie muss durch schärfere Konturierung und Verknüpfung ihrer Begriffe selbst für ihre nötige Evidenz sorgen, sie kann diese nicht mit Verweis auf den unspezifischeren Gebrauch in der natürlichen Sprache untermauern.
Was meint Ihr?
Kann damit jemand was anfangen?