Spinoza 'Ethik' - E4

hans68
===E4Def8
Unter Tugend und Macht verstehe ich dasselbe; d.h. (nach Lehrsatz 7 des 3.
Teils): Tugend, bezogen auf den Menschen, ist genau des Menschen Essenz oder
Natur, insofern es in seiner Gewalt steht, etwas zuwege zu bringen, das durch
die Gesetze seiner Natur allein eingesehen werden kann.
===


Diese Definition geht von einer den Menschen innewohnenden Potentialität aus,
die mittels Tugend zur Entfaltung gebracht werden kann. Tugend bezieht sich
somit auf Zukünftiges und Mögliches. Die Tugend benötigt somit eine Projektion
des individuellen Wesens auf die Existenz hin, auf eine zukünftige Existenz.
Diese Erwartung eines zukünftig Möglichen ist für Spinoza immer mit den Affekten
von Furcht und Hoffnung begleitet, die der Imagination angehören und auf
"unvollständiger Erkenntnis" basieren. Furcht und Hoffnung und die ihnen
entsprechenden Ideen sind somit instabil und bedürfen einer fortgesetzten
Korrektur und Anpassung, um mit dem essentiellen Verlangen (conatus), dem Gesetz
der eigenen Natur, dem folgend man selbst in höherem Ausmaß die adäquate Ursache
der eigenen Handlungen ist, immer wieder in Übereinstimmung gebracht zu werden.
Was wiederum nur geht, wenn wir auch in unserer Rationalität, unserer adäquaten
Erkenntnis bereits Fortschritte gemacht haben und diese einen gewissen Teil
unseres Geistes ausmacht.

Dennoch muss man im Rahmen einer Pragmatik dem imaginären,
hoffnungsvoll-zukünftigen Möglichen einen Platz in unserem ethischen
Befreiungsprojekt einräumen. Man könnte hier auch von einer Pragmatik des Ideals
sprechen und einige Passagen Spinozas lassen sich in diesem Sinn verstehen:

Wichtig ist aber an dieser Pragmatik, nicht in die Spontaneität des Musterbildes
zurückzufallen, wie es im Vorwort zu E4 kritisiert wird.

Das "hinter" dem menschlichen Trieb liegende Verlangen ist die Ursache und nicht
die Zweckmäßigkeit einer als ideal vorgestellten Ordnung, innerhalb der ein
Ideal seine Rechtfertigung finden würde. Beherzigen wir diese Ableitung (immer
wieder), so meint auch Spinoza, dass wir auf ein Musterbild hinschauen sollten:
auf eine "Idee des Menschen, gleichsam als Musterbild der menschlichen Natur".
(E4Vorwort) In anderen Passagen seines Werkes macht uns Spinoza auf Regeln und
auf eine rationale und freudvolle Lebensführung aufmerksam, ebenso wie auf eine
kollektive Orientierung.

Zwischen dem/einem Musterbild der menschlichen Natur und Gott als dem "Vorbild
des wahren Lebens" (TTP, Kap. 14) wird ein Kontinuum guter, nützlicher
Imagination aufgespannt, das in der Spannung dieser zweier Bilder die Gefahr
verringert, das Bild idealistisch zu verfestigen, zu fetischisieren. Es kommt
darauf an, Hoffnungen, Ziele, Zwecke, Ideale, Muster- und Vorbilder immer wieder
ausgehend von unserem natürlichen Antrieb, von unserem grundlegenden
Seinsverlangen aus zu denken und nicht umgehrt. Unter diesem Vorzeichen und in
dieser komplexen und flexiblen Anlage, können wir erwarten, dass unser ethisches
Projekt kohärenter und stabiler wird.
hans68
In E3 lernten wir die Unterscheidung von zwei Arten Affekt kennen – Aktionen und
Leidenschaften (E3Def3)

Spinoza schreibt:

"Wenn wir also die adäquate Ursache irgendeiner dieser Affektionen sein können,
verstehe ich unter dem Affekt eine Aktivität, im anderen Fall eine
Leidenschaft."

Trotz dieser Unterscheidung behandelt Spinoza meistens jene Affekte, deren
inadäquate Ursache wir sind und er spricht erst spät von den Aktionen, die er
dann auf die 'fortitudo', die Seelen- oder persönliche Stärke bezieht (E3P59S).

E4 ist dann betitelt: "Von menschlicher Knechtschaft oder von den Kräften der
Affekte". Es ist ein wenig seltsam, dass Spinoza in E4 wieder die Leidenschaften
behandeln will, nachdem er schon in E3 gezeigt hat, in welchem Ausmaß wir von
den äußeren Ursachen getrieben werden, wie die von den "Winden bewegten Wellen
auf dem Meer, unkundig unseres Ausgangs und Schicksals". (ibd,)

Spinoza scheint sich aber auch für einen solchen Pessimismus zu entschuldigen.
Nachdem er in E4P17S, das biblische Sprichwort "Wer Wissen mehrt, mehrt
Schmerz." zitiert hat, fährt er gemäßigter fort:

"Es bleibt mir noch zu zeigen, was es denn ist, das die Vernunft uns vorschreibt
und welche Affekte mit den Regeln menschlicher Vernunft übereinstimmen und
welche andererseits ihnen entgegengesetzt sind." (E4P18S)

Der Titel von E4 scheint "Knechtschaft" und die "Kräfte der Affekte"
gleichzusetzen, indem er die beiden Terme mit seinem berühmten "sive" verbindet,
dass ja bei ihm einen quasi-theoretischen Status hat. Doch meint "Kräfte" der
Affekte mehr als Knechtschaft, denn nicht jeder Affekt ist eine Leidenschaft und
nicht jede Leidenschaft ist schlecht – manche können auch nützlich sein. Und vor
allem gibt es die aktiven Affekte, die auf 'fortitudo' beruhen. In diesem Sinne
scheint der Titel auf eine gewisse versteckte Weise den verwickelten Charakter
von Knechtschaft und persönlicher Stärke in unserem Leben anzudeuten.

Diese Ambivalenz finden wir auch in E4Vorwort wieder, wenn Spinoza erklärt, dass
er sich zum Ziel gesetzt habe, darzulegen, "was es an Gutem und Schlechtem in
den Affekten" gibt. Außerdem finden wir auch den doppelten Status der
Musterbilder oder Ideale, von denen wir ebenfalls einen doppelten Gebrauch
machen können. Zunächst einen passiven, der gänzlich innerhalb der Beschränkung
des Zweckdenkens verbleibt und zweitens einen aktiven Gebrauch, der auf eine
"deutliche und lebendige" Imagination verweist (siehe E5P6S), die ja selbst auch
eine Erkenntnisweise ist – trotz ihres problematischen Charakters.

In eben diesem deutlichen und lebendigen (intensiven und "heftigen") Sinn von
Imagination möchte ich E4P12 verstehen.

Was, wenn wir das zukünftige, mögliche Ding in E4P12 im Sinne des "Musterbildes
der menschlichen Natur, auf das wir hinschauen sollten" (E4Vorwort) verstehen –
als Musterbild oder Ideal eines Menschen, der mit persönlicher Stärke
ausgestattet ist, mit 'fortitudo'? Was, wenn ich mich selbst als eine solche
Person vorstelle? Was, wenn ich meine Beziehungen zu anderen auf eine Vision
beziehe, die sich auf geteilte, gemeinsame und kommunizierte Stärke bezieht?
Dies scheint doch ein aktiver, guter Gebrauch der Imagination zu sein, oder?

Wenn wir E4P12 in diesem Lichte verstehen, dann kann dieses Musterbild als ein
Bestandteil einer (begrenzten) Strategie oder Pragmatik der Imagination,
fungieren, welche zugleich eine Pragmatik der Hoffnung und des guten Gebrauchs
von Idealen und Zwecken ist, auf die wir auf unserem ethischen Weg nicht
verzichten können.