Macbeth

Rhetorix
But cruel are the times, when we are traitors
And do not know ourselves; when we hold rumor
From what we fear, yet know not what we fear
But float upon a wild and violent sea
Each way and move.



Shakespeares Macbeth war für mich Schullektüre.
Anders als es bei Schullektüren zugeht, wurde mir der Stoff nicht durch den Unterricht verleidet - zweifellos das Verdienst Shakespeares und nicht meiner abscheulichen Englischlehrerin. Dieses Drama hat mich seither fest im Griff. Ich schätze es von allen Shakespeare-Dramen am meisten und befinde mich damit in ziemlich guter und zahlreicher Gesellschaft.
Wie - nicht Romeo & Julia, Lear, der Sommernachtstraum oder der bei den Deutschen so ungemein beliebte, weil abgründig 'tiefe' Hamlet?

Macbeth ist 'tiefer' als alles andere, einschließlich des Hamlet.
Bei Hamlet hat man vielleicht irgendwann einmal den Eindruck, ins Nichts zu fallen (m.E. eine Einbildung).
Bei Macbeth (und mit ihm) kommt man zunehmend zu der Einsicht, dass man eigentlich schon die ganze Zeit vor dem Nichts gestanden hat, als Schiffbrüchiger, der sich auf rauher See an eine Planke klammert, die den Händen im nächsten Augenblick entgleiten kann.

Was weiß man sicher, und woran kann man sich halten?
Man glaubt zu wissen, dass Macbeth ein Erzbösewicht ist, ein Unmensch, der von den Gutmeinenden am Ende mit vereinten Kräften beiseite geräumt wird, damit das Gute siegt.

Theaterleute haben eine abergläubische Furcht vor Macbeth: Macbeth bringt Unglück. Deshalb nennen sie das Stück vorsichtshalber nicht einmal beim Namen, sondern sprechen nur von 'the scottish play'.
Diese Furcht hat aber auch reale Gründe. Macbeth missrät nämlich besonders leicht, so leicht, dass es beinahe eine Garantie für den Durchfall ist.
Wer bei der Auffassung stehen bleibt, dass Macbeth ein Erzbösewicht ist, ein Unmensch, der von den Gutmeinenden am Ende mit vereinten Kräften beiseite geräumt wird, damit das Gute siegt, hat den Misserfolg schon in der Tasche. Das Publikum liebt Macbeth nämlich trotz der Verbrechen, die er unbestreitbar begeht, und verzeiht nicht, wenn er samt seiner Frau auf simpelste Weise als 'Achse des Bösen' abgetan wird.

Das Leitmotiv dieses Dramas ist die Zweideutigkeit. Fair is foul and foul is fair.
Zweideutig ist insbesondere Macbeth selbst, und zweideutig ist vieles, was er sagt.
Das macht seine Darstellung so ungemein schwierig. Jeder polternde Finsterling und Messerstecher hat von vornherein versiebt.

Der Zuschauer sitzt unweigerlich über ihn zu Gericht.
Wer zu einem eindeutigen Urteil über ihn und über die Nebenfiguren kommt, hat vieles nicht verstanden.

Das erweist sich an den möglichen Antworten auf die Frage:

Wer ist schuld am Tod der Lady Macduff?

Ich möchte im Folgenden versuchen, diese Frage zu beantworten.
Falls jemand von euch sich gleichfalls für Macbeth interessiert und sich mit Antworten oder Fragen beteiligen will, würde ich mich darüber freuen.



Hier findet ihr den Text.
Zanderdan
Ist das ein Quiz, das ich hier vor mir sehe? Mal überlegen. Wenn die Hexen Macbeth nicht vor Macduff gewarnt hätten, wäre Macbeth nie auf Mordgedanken verfallen. Wenn Macduff nicht geflohen wäre, wäre kein Sippenmord nötig gewesen. Wenn Macduff seine Frau und Kinder mitgenommen oder wenn die Lady die Weisheit, die in Flucht liegt erkannt hätte...in all den Fällen wäre ihr nichts geschehen. Trotzdem ist es doch Macbeth, der die Meuchler bestellt, sogar ohne dass dieser Mord zur Machterhaltung unbedingt Not tat, wie vielleicht der Mord an Banquo. Natürlich ist alles irgendwie eine Folge des Königsmords, aber gerade Lady Macduff+Kinder mussten nicht unbedingt beseitigt werden, als Geiseln wäre ihr Nutzwert für Macbeth vielleicht sogar größer gewesen. Mir scheint an Mangel an milk of human kindness die Triebfeder zu sein, deshalb plädiere ich bei Macbeth auf schuldig mit dolus directus ersten Grades!
Gruss
Rhetorix
Zitat:
Original von Zanderdan
... Trotzdem ist es doch Macbeth, der die Meuchler bestellt, sogar ohne dass dieser Mord zur Machterhaltung unbedingt Not tat, wie vielleicht der Mord an Banquo. Natürlich ist alles irgendwie eine Folge des Königsmords, aber gerade Lady Macduff+Kinder mussten nicht unbedingt beseitigt werden, als Geiseln wäre ihr Nutzwert für Macbeth vielleicht sogar größer gewesen...

Selbstverständlich ist Macbeth am Tod von Lady Macduff und ihren Kindern schuldig, denn er erteilt den Befehl:

The castle of Macduff I will surprise,
Seize upon Fife; give to the edge o’ the sword
His wife, his babes, and all unfortunate souls
That trace him in his line.

Grässlich!
Dennoch stellt sich die Frage, wie sehr man ihn deshalb verurteilen muss.

Hätte er sich anders verhalten können?
Nein, im Gegensatz zu dir, Zanderdan, bin ich der Meinung, dass er auf einem fahrenden Zug saß, von dem er mit dem Verzicht auf maximale Rache nur mit der Konsequenz seines eigenen Untergangs hätte herunter springen können.

Folgendes war nämlich die Situation:

Macbeth war König, und Macduff war sein Gefolgsmann.
Macduff war in diese Gefolgschaft nicht etwa gezwungen worden (und selbst wenn!), sondern gehörte zu den Thanes, die Macbeth nach alter Tradition zum König erhoben und quasi sakral in Scorne inthronisiert hatten.
Also war Macduff ihm zur Gefolgschaftstreue verpflichtet.

Es gibt aber noch einen weiteren Grund, dessentwegen er ihm ganz besondere Treue und Dankbarkeit schuldete.
Hierfür müssen wir weit zurückblättern, nämlich zu A. I, Sz. 2.
Dort erfahren wir aus dem Mund des Thanes von Ross, dass die Wikinger in die Grafschaft (oder besser 'Thaneschaft') Fife eingedrungen waren, also in Macduffs Ländchen, den er ist der Thane of Fife. Norwegens Fahnen wehen über Fife - und was tut der damalige König Duncan, um Macduff beizustehen? Nichts. Vielmehr ist es Macbeth, der die Wikinger unter persönlichem Einsatz und Lebensrisiko zurückschlägt. Macduff verdankt ihm also, dass ihm nicht der Schädel mit der Wikinger-Axt gespalten wurde, dass seine Frau nicht vergewaltigt und aufgeschlitzt wurde und seine Kinder nicht an die Wand geworfen oder als Sklaven verschleppt wurden.
Eine gewaltige Dankesschuld!

Und nun schmiedet Duncans Sohn Malcolm in London Pläne, mit Englands militärischer Hilfe in Schottland einzumarschieren und Macbeth abzusetzen.

Macbeth erfährt davon und schickt selbstverständlich einen Herold zu Macduff, der ihn auffordert, sich zur Verteidigung seines Königs zu rüsten.
Dieser Aufforderung müsste Macduff unter allen Umständen Folge leisten (zumal niemand Macbeth des Königsmordes an Duncan überführt hat!). Er muss es aus allgemeiner Gefolgsschaftstreue, aus persönlicher Dankbarkeit und im Übrigen auch, um Schottland vor einem Einmarsch der Engländer zu bewahren.

Wie reagiert Macduff?
Er lässt dem König ausrichten “Sir, not I” !

Und wie reagiert Macbeth hierauf?
Man staunt: er reagiert gar nicht.
Er kann sich zur sofortigen Vergeltung nicht aufraffen, und das wird ihm - schicksalhaft - das Genick brechen.

Erst als er erfährt, dass Macduff sich sogar nach London abgesetzt hat, um den Feind aktiv zu unterstützen, handelt er.
Es bleibt ihm auch nichts anderes übrig, da Lenox neben ihm steht und auf die Reaktion auf diese Nachricht wartet.

Hätte er auf diese äußerste Verletzung von Gefolgschaftstreue und persönlicher Dankbarkeit anders reagieren können, etwa mit der Geiselnahme der Familie von Macduff?

Wahrscheinlich nicht.
Es ging ja nicht nur um Macduff, sondern um politische Generalprävention. Wenn er weiterhin als König ernstgenommen werden wollte, musste er allen anderen Thanes klarmachen, dass er sich nicht zum Narren machen und auf der Nase herumtanzen ließ, sondern auf äußersten Treuebruch auch mit äußersten Mitteln reagierte.

Der Zug der politischen Zwänge fuhr mit ihm ab.

Du vermutest einen Mangel an milk of human kindness.
Diesen Mangel bezweifle ich.
Zunächst einmal deshalb, weil schon die Weigerung, dem Ruf des Herolds zu folgen, ein ausreichender Grund für die Hinrichtung Macduffs gewesen wäre, aber nichts dergleichen ins Werk gesetzt wurde.
Vor allem aber erfährt man aus Macbeths Worten auch, wie schwer ihm dieser Befehl fällt. Er muss ihn in der ersten Aufwallung des Zorns aussprechen, denn wenn er damit zögert und erst einmal darüber nachdenkt, kann er es nicht mehr:

The flighty purpose never is o'ertook
Unless the deed go with it. From this moment
The very firstlings of my heart shall be
The firstlings of my hand.

Die Ermordung von Macduffs Familie zu befehlen, war also eine bewusste Befolgung der ersten impulsiven Wut-Reaktion unter ebenso bewusster Unterdrückung von Skrupeln.

Nun gut, Macbeth hat also seine Skrupel überlistet und überholt und die Ermordung von Macduffs Frau und Kindern befohlen.
Hat er aber auch geglaubt, dass dieser Befehl ausgeführt werden könnte?

Ich habe daran erhebliche Zweifel.

Macbeth ist kein Mensch, der sich in andere hineinversetzt. Er sieht alles aus seiner eigenen Perspektive.
Seine eigene Perspektive wäre allerdings ohne jeden Zweifel, dass er nie und nimmer so handeln würde wie Macduff, ohne seine Frau (und seine Kinder, wenn er welche hätte) mitzunehmen oder möglichst schon vorher in Sicherheit zu bringen.
Aus seiner Sicht kann es unmöglich sein, dass man zum Feind überläuft und die eigene Frau - das Liebste, was man hat - in der Höhle des Löwen zurücklässt!

Das Nest wird also ausgeflogen sein und der Befehl zur Ermordung der Macduff-Familie ins Leere gehen.

Oder doch nicht?
Ich habe den Eindruck, dass ihm Bedenken und Skrupel kurz nach seinem Befehl doch noch kamen und auch eine Reaktion auslösten.
Aber dazu später.

Zunächst einmal die Frage:
Wie steht es um die Mitschuld von Lenox, der Macbeth die Nachricht, dass Macduff sich nach England abgesetzt hatte, brühwarm auftischte?
Zanderdan
Hm, warte mal. Dass Macduff in den Augen von Macbeth ein Verräter ist - d'accord. Daraus folgt aber für mich keine Notwendigkeit zum Sippenmord. Ist nicht aber vor allem auch -habe es nicht mehr genau im Kopf- die Prophezeiung der Hekate eher der Anlass für den Mord? Nimm dich vorm Macduff in Acht, oder so, sagt die ihm doch - ist das nicht die Ursache für Macbeths Mordgelüste und nicht die Flucht, Befehlsverweigerung? Mir scheint es in der Erinnerung so, als ob Macbeth in seiner Gier nach Sicherheit alles tun will, um den Worten der Hexen Taten folgen zu lassen und die einzige offen geweisagte Gefahr für ihn ist Macduff - sofort will er ihn ausschalten, wird seiner wegen der Flucht aber nicht habhaft, im Gegensatz zur Sippe. Ich plädiere für eine doppelsinnige Auslegung der Hexenworte "Security is mortals chiefest enemy" - einmal natürlich als "in Sicherheit wiegen" wegen des Waldes von Dunsinan und "Kein Mann, der von einem Weib...", andererseits aber auch als Streben nach (absoluter) Sicherheit, das Macbeth zum Handlungsexzess treibt und doch für Sterbliche immer vergeblich, ja verhängnisvoll bleiben muss. "Blut zieht Blut nach sich" oder so ähnlich sagt man ja immer über Macbeth, was eher für deinen fahrenden Zug spricht; ich bleibe zunächst aber bei der Erinnerungsdeutung: fair is foul -> security is enemy -> nach-Sicherheit-streben führt zu Morden -> in-Sicherheit-wiegen führt zum Verhängnis.
Entsprechend deute ich die Funktion der Sippenmorde als Illustration der grausigen Folgen des Sicherheitsstrebens, das in diesem Fall auf die Hexenprophezeizung zurückzuführen ist, so dass dem Lenox in meiner Lesart wenig Gewicht zukommt.

Mal in den Text geschaut:

MACBETH:
[Aside.] Time, thou anticipatest my dread exploits.
The flighty purpose never is o'ertook
Unless the deed go with it. From this moment
The very firstlings of my heart shall be
The firstlings of my hand. And even now,
To crown my thoughts with acts, be it thought and done:
The castle of Macduff I will surprise,
Seize upon Fife; give to the edge o’ the sword
His wife, his babes, and all unfortunate souls
That trace him in his line. No boasting like a fool
This deed I'll do before this purpose cool.
But no more sights!–Where are these gentlemen?
Come, bring me where they are.


MACBETH
O Zeit, vor eilst du meinem grausen Tun!
Nie wird der flüchtge Vorsatz eingeholt,
Geht nicht die Tat gleich mit. Von Stund an nun
Sei immer meines Herzens Erstling auch
Erstling der Hand. Und den Gedanken gleich
Zu krönen, sei's getan, so wie gedacht.
Die Burg Macdufis will ich jetzt überfallen;
Fife wird erobert, und dem Schwert geopfert
Sein Weib und Kind und alle armen Seelen
Aus seinem Stamm. Das ist nicht Torenwut;
Es ist getan, eh sich erkühlt mein Blut.
Nur keine Geister mehr! - Wo sind die Herrn?
Komm, führ mich hin zu ihnen.

Das ist wohl die entscheidende Textstelle. Hier fasst er den Entschluss, aber so ganz klar ist sie mir nicht, die Stelle. Gerade hat er von Lenox die Nachricht erhalten, dass Macduff geflohen ist. Jetzt scheint eine (überraschende) Hamletanwallung an sich zu beklagen: er hat nicht gleich gehandelt, jetzt ist es zu spät, um Macduff zu ermorden. Er scheint daraus zu schließen, dass zögern schlecht ist und will deshalb jetzt seinen Mordgedanken umsetzen, anscheinend einfach um denken und tun wieder in Einklang zu bringen und das bewußt aus dem Affekt, wohl weil er sich sowas sagt wie: die milk hat mich zögern lassen, also jetzt bewußt -wie du sagst- die zeitweise Abwesenheit von Skrupeln ausnutzten. Das ganze übrigens ja noch unter dem Eindruck der gerade entschwundenen Hexen und Banquos Geist.
Also Fazit: fällt mir schwer, hier einen Sachzwang für die Morde herauszulesen. Scheint mir eine Annäherung an den Irrsinn zu sein; eine nicht rational begründete, über das Notwendige hinausgehende und damit exzessive Handlung, wie oben schon gesagt.

Ist wohl nicht mit security zu entscheiden, Macbeth ist eben ein echter Charakter, nicht nur ein Exempel, veilleicht ist das Stück deshalb so schwierig zu inszenieren, weil man Macbeths Taten nachvollziehen, aber nicht verstehen kann, d.h. der Schauspieler muss für die Figur Interesse wecken, ohne auf Sympathieverständnis und Identifikation zurückgreifen zu können.

Gruss
Rhetorix
Zitat:
Original von Zanderdan
Hm, warte mal. Dass Macduff in den Augen von Macbeth ein Verräter ist - d'accord. Daraus folgt aber für mich keine Notwendigkeit zum Sippenmord.

Doch - aus politischem Kalkül!
Alle Thanes müssen wissen: Wer den König verrät und zum Feind überläuft, mag zwar sich selbst dabei in Sicherheit bringen, aber er tut es auf Kosten der Ausrottung seiner Familie!
Dass Macduff seine Familie in große Gefahr gebracht hat, liegt auf der Hand. Vor allem ist auch seine Frau sich darüber im klaren, wie wir kurz darauf erfahren.

Zitat:
Ist nicht aber vor allem auch -habe es nicht mehr genau im Kopf- die Prophezeiung der Hekate eher der Anlass für den Mord?
Wenn Macbeth Macduff umgebracht hätte: ja.
Macbeth kann aber nicht so verrückt sein zu glauben, dass er Macduff unschädlich macht, indem er ihm die Familie umbringt.

Dennoch stimme ich dir darin zu, dass der Befehl zur Ermordung von Macduffs Familie Macbeths Sicherheitsbedürfnis entspringt. Er muss dieses Zeichen setzen, damit jeder weiß, dass er sich nicht zum Narren machen lässt.

Aber nicht vergessen: es ist völlig unklar, ob Macbeth überhaupt mit der Anwesenheit von Macduffs Familie rechnet, denn er selbst hätte seine Frau sicher nicht allein zurückgelassen!
Wird Macduffs Familie aber nicht angetroffen und daher nur das Gesinde abgemurkst und das Haus angezündet, wird die generalpräventive Warnung von Trittbrettfahrern dennoch nicht verfehlt.

Zitat:
"Blut zieht Blut nach sich" oder so ähnlich sagt man ja immer über Macbeth

MACBETH:
It will have blood: they say blood will have blood.
(A. 3, Sz. 4)

Er sieht also selbst schon recht früh, dass man aus dem Morden nicht mehr herauskommt, wenn man einmal damit angefangen hat.

Zitat:
Das ist wohl die entscheidende Textstelle. Hier fasst er den Entschluss, aber so ganz klar ist sie mir nicht, die Stelle. .. er hat nicht gleich gehandelt, jetzt ist es zu spät, um Macduff zu ermorden.
Ja.

Zitat:
Er scheint daraus zu schließen, dass zögern schlecht ist und will deshalb jetzt seinen Mordgedanken umsetzen, anscheinend einfach um denken und tun wieder in Einklang zu bringen und das bewußt aus dem Affekt, wohl weil er sich sowas sagt wie: die milk hat mich zögern lassen, also jetzt bewußt -wie du sagst- die zeitweise Abwesenheit von Skrupeln ausnutzten.

Ja, so sehe ich das auch: er überlistet sich gleichsam selbst, indem er bewusst aus dem Affekt heraus handelt, bevor ihm Bedenken kommen.

Zitat:
Scheint mir eine Annäherung an den Irrsinn zu sein; eine nicht rational begründete, über das Notwendige hinausgehende und damit exzessive Handlung, wie oben schon gesagt.
Einspruch! Macbeth ist in jeder Phase des Geschehens bei klarem Verstand, und so auch hier. Lady Macbeth zerbricht psychisch, Macbeth selbst aber nicht.

Zitat:
...weil man Macbeths Taten nachvollziehen, aber nicht verstehen kann, d.h. der Schauspieler muss für die Figur Interesse wecken, ohne auf Sympathieverständnis und Identifikation zurückgreifen zu können

Das empfinde ich ganz anders und habe auch bei einem Shakespeare-Kommentator (Harold Bloom?) gelesen, dass es ihm und vielen so geht: man identifiziert sich ganz bedenklich mit Macbeth und empfindet merkwürdigerweise sogar ein heimliches Bedauern über dessen Ende.
Rhetorix
Aber nun weiter mit den Schuldigen.

Schuldiger Nr. 2: Lenox, schottischer Thane

Macbeth sagt folgendes zu Lenox:

The castle of Macduff I will surprise,
Seize upon Fife; give to the edge o’ the sword
His wife, his babes, and all unfortunate souls
That trace him in his line. No boasting like a fool;
This deed I'll do before this purpose cool.
But no more sights!–Where are these gentlemen?
Come, bring me where they are.

Where are these gentlemen?
Man staunt über diesen Euphemismus. Gemeint ist natürlich die spezielle Eingreiftruppe, die Macbeth zur Burg von Fife schicken will.

Und Lenox führt ihn - wovon man ausgehen muss - zu den 'Gentlemen' hin.

Hätte er sich nicht weigern müssen?
Hätte er Macbeth nicht zumindest raten müssen, den Entschluss zu überschlafen?

Seine Mitschuld am Tod der Familie Macduffs sehe ich aber schon darin, dass Lenox nichts Eiligeres zu tun hatte, als Macbeth von Macduffs Tod zu informieren.
Er musste mit einem Racheakt gegen Frau und Kinder doch dringend rechnen!

Warum hat er nicht zuallererst Lady Macduff aufgesucht, um sie zu warnen und ihr seine Hilfe anzubieten?
Warum hat er Macbeth gegenüber nicht wenigestens den Mund gehalten, um ihr mehr Zeit zu geben, sich über ihre Lage klar zu werden und die Konsequenzen zu ziehen?

Meine Antwort darauf ist: Lenox wollte, dass es so und nicht anders kommt.
Rhetorix
Schuldiger Nr. 3: Macduff, Thane of Fife

Macduff hat sich nach London durchgeschlagen, wo er dem Prinzen Malcolm seine Unterstützung beim Sturz Macbeths anbietet.

Malcolm ist skeptisch. Macbeth war doch Macduffs Freund, und er hat ihm auch noch nichts angetan. Kann er Macduff, dem Überläufer, vertrauen?

"Ich bin kein Verräter!" protestiert Macduff.

Und Malcolm stellt ihm folgende einfache Frage:

Why in that rawness left you wife and child,
Those precious motives, those strong knots of love,
Without leave-taking?

Eine Antwort darauf gibt es nicht, ebenso wenig eine Entschuldigung.

Macduff ist mitschuldig am Tod seiner Frau und seiner Kinder.

Als er wenig später von deren Ermordung erfährt, ruft er:
"He has no children!"
Er meint damit, dass Macbeth den Befehl zur Ermordung der Kinder nur geben konnte, weil er selbst kein Vater ist.
Aber die Worte "He has no children" treffen nun auch auf Macduff zu. Mehr noch: er hat sie verloren, weil auch er sich nicht wie ein Vater verhalten hat.
Zanderdan
Moment, wo steht das denn mit dem Kalkül? Sehe ein, dass es machtpolitisch irgendwo einen Sinn ergibt, die Sippenhaft (leider), aber sagt er das auch irgendwo?

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"Heimliches Bedauern" bestätige ich, dennoch kann -meine ich- der Schauspieler sein Spiel nicht auf Identifikation aufbauen, die muss eher trotzdem erfolgen, deshalb evtl. die Schwierigkeit, das Stück auf die Bühne zu bringen. Sobald man merkt, dass Macbeth sich bei einem anbiedern will und um Sympatien buhlt, wirds doch unerträglich und auch unverständlich.

Gruss
Rhetorix
Zitat:
Original von Zanderdan
Moment, wo steht das denn mit dem Kalkül? Sehe ein, dass es machtpolitisch irgendwo einen Sinn ergibt, die Sippenhaft (leider), aber sagt er das auch irgendwo?

Nein, Macbeth sagt nichts von Kalkül und Sippenhaft.
Er sagt aber, dass er sich nicht zum Narren machen will, und das täte er, wenn er jetzt nicht zu Taten schreiten würde.

Und was die Sippenhaft betrifft: Wahrscheinlich hält er Lady Macduff für mitschuldig an Macduffs Verrat. Die beiden stecken doch garantiert unter einer Decke und haben das gemeinsam ausgeheckt!
Aus seiner eigenen Ehe kennt er das nämlich nicht anders.

Also trifft es die Frau nicht zu Unrecht.
Rhetorix
Schuldiger Nr. 4: der Thane von Rosse

Die 2. Szene des 4. Akts ist der einzige Auftritt der Lady Macduff.
Obwohl sie nur dieses kurze Gastspiel gibt, hat Shakespeare dieser temperamentvollen, scharfzüngigen und widerspenstigen Frau erstaunlich viel Profil verliehen.

Die Lady of Fife, begleitet von einem kleinen Sohn, führt einen Besucher in ihre Gemächer, den Thane von Rosse, offenbar einen Verwandten.
Anlass des Besuchs ist zweifellos Macduffs Verschwinden.

Zu unserer Überraschung erfahren wir, dass Lady Macduff nicht nur nicht eingeweiht war, sondern nicht einmal einen Grund für Macduffs Rebellion sieht, denn sie fragt: What had he done, to make him fly the land?
Die Frage ist mehrdeutig. Was hat Macbeth getan, dass man außer Landes fliehen müsste? Was hat Macduff angestellt, dass er vor dem König fliehen müsste?

Man erwartet nun eigentlich, dass Rosse ihr eine Antwort darauf gibt und sie darüber aufklärt, dass Macbeth ein blutiger Tyrann ist, gegen den man was unternehmen muss (wovon die Lady offenbar noch nichts gemerkt hat).
Rosse würdigt sie jedoch keiner Antwort, sondern hebt den Zeigefinger und sagt: You must have patience, madam.

Geduld?! Was Lady Macduff jetzt braucht, ist nicht Geduld, sondern Hilfe, um sich und die Kinder schleunigst in Sicherheit zu bringen!

Sie braust auf und nennt Macduffs Flucht madness und ihn selbst einen Feigling und Verräter.

Wiederum hebt Rosse den Zeigefinger. Sie wisse doch gar nicht, ob Macduff aus Weisheit oder Angst gehandelt habe.

"Aus Weisheit?!" ruft sie empört. Wie kann es weise sein, Frau und Kinder allein zurückzulassen, wo doch selbst der Zaunkönig sein Nest gegen die Eule verteidigt! Macduff liebt seine Familie nicht. Er hat nicht einmal natürliche Instinkte. "All is the fear and nothing is the love; as little is the wisdom, where the flight so runs against all reason."

Dass eine Frau ihren Eheherrn, dem sie doch zum Gehorsam verpflichtet ist, derart scharf kritisiert, ist bemerkenswert und gibt Rosse Anlass, ein drittes Mal den Zeigefinger zu heben: "I pray you, school yourself."

Außer dem Rat, sich gesittet zu benehmen, und der Auskunft, dass Macduff noble, wise, judicious sei, erhält sie jedoch keine weitere Information. Rosse darf nämlich nicht mehr sagen. Es steckt also offenbar ein Geheimnis dahinter, von dem Lady Macduff nichts erfahren darf. Ein Komplott? Eine Verschwörung?

Und dann verabschiedet sich Rosse mit den Worten:
"I take my leave of you; shall not be long but I'll be here again."

Oh, welcher Zynismus!

Was er sagt, bedeutet nach harmlos-konventionellem Verständnis: "Also dann - bis die Tage!"
Was er meint, ist aber: "Bald bin ich zurück, nämlich mit dem englischen Heer."

Denn auch er plant, sich nach London abzusetzen, wo das Trio Macduff, Lenox und Rosse wieder zusammentrifft und sich dem Feldzug gegen Macbeth anschließt.

Aber wird er Lady Macduff und den kleinen Cousin, von dem er sich, ihm Gottes Segen wünschend, so lieb verabschiedet, dann wiedersehen?
Ganz bestimmt nicht!
Selbst wenn Macbeth nicht schon auf Macduffs Überlaufen zum Feind mit der Ermordung der Familie reagieren sollte, würde er sie spätestens töten, wenn Macduff mit dem feindlichen Heer gegen ihn zu Felde zieht.
Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche!

Nichts davon sagt er der Frau, bietet ihr auch nicht - was selbstverständlich sein sollte! - seine Hilfe an, sondern mahnt sie zu Geduld. Sie soll sich keine Gedanken machen und bleiben.

Auch Rosse will den Tod von Macduffs Familie.
Auch er ist mitschuldig.
Rhetorix
Warum wollen Lenox und Rosse den Tod von Lady Macduff und ihren Kindern, und warum nimmt Macduff ihn zumindest in Kauf?

Die Überlegung ist ganz einfach.
Es ist ein Schachzug, und diese Familie ist das Bauernopfer.

Man will Macbeth aus dem Weg räumen.

Der eine Grund hierfür sind die von Ross erwähnten furchterregenden Gerüchte.
Bei diesen Gerüchten geht es darum, dass Macbeth Duncan und Banquo ermordet haben soll. Beweisen lässt sich das zwar nicht, aber es spricht vieles dafür, und man traut es ihm auch zu, obwohl er früher mal ein Musterknabe war. Wenn Macbeth aber diese beiden, die beide auch seine Gäste waren, ermordet hat, so ist niemand mehr vor ihm sicher.
Das ist das eine.

Das andere ist, dass Malcolm mit englischer Hilfe nach Schottland einmarschieren will, um Macbeth abzusetzen und sich zum König machen zu lassen. Wenn er den englischen König (Edward the Confessor) dazu bringen kann, ihn bei diesem Feldzug zu unterstützen, dann hat Macbeth so gut wie keine Chance, denn das englische Heer wäre deutlich überlegen. Und wer will zu den letzten Dummen gehören, die noch auf verlorenem Posten in Schottland ausharren?
Die Ratten verlassen das sinkende Schiff - eine nach der anderen.

Zweifellos täte Edward the Confessor wie jeder andere KÖnig nichts lieber, als mit Unterstützung des benachbarten Adels ins Nachbarland einzumarschieren, um seinen Macht- oder zumindest Einflussbereich zu vergrößern.
Die Sache hat aber einen Haken:
Edward ist ein heiliger Mann, so heilig, dass er sogar Wunderheilungen bewirkt!
Als heiliger Mann kann er aber nicht einfach ein anderes Land überfallen und einen anderen König einen Kopf kürzer machen.
Macbeth ist ja nun einmal König. Er wurde vom Adel gewählt und in Scone geweiht und ist daher trotz seines üblen Rufs sakrosankt.

Gegen ihn vorzugehen ist nur im Rahmen der Nothilfe vertretbar.
Man kennt sowas ja zur Genüge: ein Einmarsch oder Putsch wird damit gerechtfertigt, dass das Land selbst um Hilfe gerufen habe.

Was man so alles über Macbeth und seine Regierung hört, ist wirklich abscheulich. Elend über Elend, täglich weinen neue Witwen und Waisen, und Macbeth watet in Blut.

So zum Beispiel nach den Worten von Macduff:

Each new morn
New widows howl, new orphans cry, new sorrows
Strike heaven on the face, that it resounds
As if it felt with Scotland and yell'd out
Like syllable of dolor.

Und so nach den Worten von Rosse:

Alas, poor country,
Almost afraid to know itself! It cannot
Be call'd our mother, but our grave. Where nothing,
But who knows nothing, is once seen to smile;
Where sighs and groans and shrieks that rend the air,
Are made, not mark'd; where violent sorrow seems
A modern ecstasy.

Kein Vaterland mehr, sondern ein Grab!

"Ich glaube das", sagt Malcolm wiederholt; und die Worte von Rosse kommentiert er feinsinnig: "O, relation too nice, and yet too true!"

Ja, tatsächlich, diese Geschichten wirken ein bisschen allzu nice und true.

Das Publikum scheint diese Geschichten zu schlucken, aber die Frage ist doch wohl erlaubt, ob das alles denn überhaupt stimmt, oder ob man Macbeth nur madig macht, um seine Absetzung zu rechtfertigen.
Ist es nicht etwa merkwürdig, dass Lady Macduff vom permanenten Gemetzel Macbeths, von dem ihr Mann erzählt, nichts mitbekommen hat und daher auch keinen vernünftigen Grund für eine Flucht aus Schottland sieht?
Ist es nicht merkwürdig, dass zwar schottische Adelige in England auftauchen, die gequälte Bevölkerung sich aber nicht mit Flüchtlingsströmen bemerkbar macht?
Dass Macbeth sogar als Sittenstroch bezeichnet wird, obwohl doch jeder weiß, dass er als einziger Ehemann weit und breit in die eigene Frau verliebt ist?
Und dass er - wie wir später sehen - beim Einmarsch der Rebellen auch durchaus mit einer wütenden Schlacht verteidigt wird?

Malcolm, Macduff, Lenox und Rosse sind Politiker, und man darf nicht alles glauben, was Politiker sagen. Auf keinen Fall darf man es ohne weiteres glauben, wenn es ihren Zwecken so sehr entgegen kommt wie hier!
Also zweifelt!

Auch der heilige König Edward kann nicht aufgrund dieser Gerüchte über Macbeths Gräueltaten losschlagen.
Er braucht Beweise - denn was ist, wenn sich diese Gerüchte als haltlos erweisen und er mit dem Angriff gegen den schottischen König daher eine schwere Sünde auf seine Seele lädt?

Den Beweis bekommt er nun, denn Rosse hat in Schottland ausgeharrt, bis er die Nachricht von der Ermordung der Macduff-Familie hatte; und diese Nachricht präsentiert er jetzt in London.
"Come, go we to the King", resümiert Malcolm, "our power is ready; our lack is nothing but our leave. Macbeth is ripe for shaking."

Ja, jetzt ist Macbeth reif.
Man hat ihm eine Falle gestellt. Er ist hineingelaufen und hat den schlagenden Beweis für seine Unmenschlichkeit erbracht.
King Edward gibt grünes Licht für den Einmarsch.
Rhetorix
Schuldige Nr. 5: Lady Macduff?

Nach dem Weggang ihres Cousins Rosse spart Lady Macduff nicht mit groben Worten über ihren Mann, das aber nicht etwa im Selbstgespräch, sondern gegenüber ihrem Sohn, dem mutmaßlichen Stammhalter:
Macduff ist für sie gestorben, und das Söhnchen soll sich als Waise betrachten, ob der Vater (der keiner ist) nun lebt oder nicht. Sie wird ihm notfalls einen neuen beschaffen, denn 20 (von dieser Sorte) kriegt man auf jedem Markt. Der (Nicht-)Vater ist ein Verräter, und wie alle Verräter gehört er aufgehängt, nämlich von der Hand der anständigen Leute.
Fast hat man den Eindruck, sie würde dem Henker gern selbst den Strick reichen, um Macduff im nächsten Baum aufzuhängen.

Das alles kann man im berechtigten Zorn denken.
Aber darf eine Mutter auf diese Weise mit dem Kind über dessen Vater sprechen?
Sicher nicht, auch nicht (oder erst recht nicht) zu Shakespeares Zeiten!

- Man überlegt unwillkürlich, wie Macbeth wohl über Lady Macduff gedacht hätte, wenn er diese Worte gehört hätte. Wie überrascht wäre er gewesen, in ihr nicht die Mitverschwörerin, sondern eine Alliance gegen den Verräter Macduff zu sehen. Vielleicht hätte sie ihm in ihrer entschlossenen und aggressiven Art sogar gefallen? -

Wie auch immer: in Lady Macduffs brutalen Worten gegenüber dem kleinen Sohn sehe ich ihr eigentliches Vergehen.

Aber ist sie auch mitschuldig am Tod ihrer Kinder?

Zitat:
Original von Zanderdan
... wenn die Lady die Weisheit, die in Flucht liegt erkannt hätte...in all den Fällen wäre ihr nichts geschehen...

Die Lady hat mehrere kleine Kinder. Wie soll sie mit ihnen fliehen, wenn ihr niemand hilft?

Es scheint, als hätten sich alle gegen sie verschworen.
Oder - um es mit den altklug-hellsichtigen Worten des Kindes zu formulieren - : Die Verräter sind ganz schön blöd, dass sie sich von den anständigen Leuten aufhängen lassen. Sie sind doch in der Überzahl und könnten die anständigen Leute umbringen!
Wie ja auch die Verräter, die den Tod der Lady Macduff in ihrer Schachpartie gegen Macbeth einkalkulieren, offenbar in der Überzahl sind.

Einen gibt es überraschender Weise dennoch, der sie zu retten versucht.
Nachdem die Lady ihrem Zorn Luft gemacht hat, steht unvermittelt ein 'Messanger' in ihrem Privatgemach, ganz so, als hätte er hinter der Tür gelauscht und sie zunächst einmal ausreden lassen.
Der Bote stellt sich nicht vor und sagt nicht, wer ihn schickt, sondern gibt den höflich als 'advice' bezeichneten Befehl: Die Gefahr ist nahe! Lasst euch hier nicht blicken! Schnell raus hier mit Euch und Euren Kleinen!
Dann ist er wieder weg.

Lady Macduff folgt diesem Rat nicht.
Selbstverständlich nicht!
Zwar glaubt sie sofort an die nahe Gefahr. Darüber ist sie sich ja ohnehin im Klaren. Aber sie hat ihren eigenen, vernünftigen Kopf, folgt dem Rat oder Befehl (wie vermutlich fast jedem anderen) daher nicht unbesehen, sondern überlegt: Whither should I fly?
Warum (da sie unschuldig ist), und vor allem auch wohin?

Der Bote hat ihr ja keine weitere Hilfestellung angeboten, also nicht etwa gesagt: Flieht zur alten Mühle, dort findet ihr einen Mann, der mit Pferden und anderer Kleidung auf Euch wartet und Euch helfen wird, unerkannt ins Ausland zu gelangen.
Was soll sie sich also davon versprechen, sich die Kinder zu schnappen, mit ihnen aus der Burg zu fliehen und im nächstgelegenen Gebüsch zu verstecken?

Ob Lady Macduff ihr selbständiges Denken und ihren Unwillen, blind zu folgen, mit ihrem Leben bezahlt, hängt von der Deutung des 'Boten' ab.
Rhetorix
Der wirkliche, historische Macbeth (Mac Bethad) war ein fähiger König.
Er hat seinen Vorgänger Duncan nicht meuchlings im Schlaf erstochen; vielmehr fiel Duncan in einer Schlacht, die er in Morey, Macbeths Land, gegen seinen Vasallen führte.
So ganz freisprechen von Mordgelüsten gegenüber Duncan kann man Macbeth vielleicht trotzdem nicht. Ein Hauch des Zweifels bleibt. Denn warum rückte Duncan in Morey ein, um Krieg gegen den eigenen Vasallen zu führen? Gut möglich, dass Macbeth ihn hierzu bewusst provoziert hatte, wohl wissend, dass Duncan als Feldherr ein Versagen war und er, Macbeth, bei dieser Schlacht obendrein den Heimvorteil haben würde.
Es ist aber nur ein vager Verdacht, der den Vorwurf, Macbeth habe König Duncan ermordet und sei ein Schlächter gewesen, sicher nicht rechtfertigt.

Shakespeare war historisch lebhaft interessiert.
Also wird er wohl gelesen haben, was die Chroniken über seinen Anti-Helden berichteten. Wenn man den unvermeidlichen Schwund einrechnet, könnte die Quellenlage für ihn damals sogar besser gewesen sein als für uns heute.

Wenn man die Quellen studiert, findet man zum Beispiel, dass Macbeth groß und rotblond war (the red, tall, golden-haired one nennt ihn ein Chronist).
Nun, diese Information braucht man sicher nicht dringend.
Ferner liest man, dass er bei seiner Krönung 34 (oder 35?) Jahre alt war. Das ist schon interessanter, denn es entspricht dem 'gefühlten Alter' von Shakespeares Macbeth und sollte jeden Regisseur davor warnen, das Ehepaar Macbeth gedankenlos als alte Leute darzustellen.

Ferner findet man - nach der Lektüre des Dramas ziemlich überraschend -, dass Macbeth ein frommer Christ war.
Nicht nur, dass er gemeinsam mit seiner Frau ein Kloster stiftete und unterhielt - er pilgerte sogar in einer 9monatigen Reise nach Rom und verstreute nach den Worten des Chronisten dort Almosen wie Sand.
Nanu!
Von Schottland bis Rom zu pilgern und dort eine Menge Almosen zu verteilen - zeugt das nicht vielleicht von einem besonderen Bedürfnis nach Vergebung von Sünden?

Die Fantasie wird durch diese eindrucksvolle Bezeugung von Frömmigkeit zweifellos zur Spekulation angeregt.
Hatte Macbeth nicht vielleicht doch eine besondere Untat auf dem Kerbholz, derentwegen er einen etwas größeren Aufwand von Buße treiben musste?

Also blättert man weiter und gräbt ein wenig in der Vorgeschichte dieser Figur.
Und findet Folgendes:

Macbeth war nicht irgendein hergelaufener Thane, sondern eher ein Prinz.
Sein Vater, der Fürst von Morey (mit dem Regierungssitz in Inverness) war mächtig genug, um sich König zu nennen. Zwar war er nicht König von Schottland schlechthin, wohl aber der mächtigste Unterkönig und Vasall des schottischen Hochkönigs.

Dann wird der Vater ermordet. 'Von Verwandten' schreibt der Chronist, ohne Namen zu nennen.
Nein, sicher nicht von seinem Sohn, denn Macbeth war damals erst 17 und hatte auch gar nichts vom Tod seines Vaters.
Profiteur war, vorhersehbar, nämlich einer seiner beiden Cousins, der Söhne eines Bruders seines Vaters.
Bei den schottischen Clans war es damals nämlich nicht üblich, dass der Sohn dem Vaters als Clan-Chef folgte, sondern die Nachfolge lief im Zickzack von einer Linie zur anderen. Dass der älteste Neffe des Fürsten mit dessen Tod zum Fürsten wurde, entsprach daher der Ordnung. Hieraus folgt andererseits allerdings auch, dass dieser Neffe unter allen Verwandten womöglich das stärkste Motiv zur Ermordung von Macbeths Vater hatte.

Für Macbeth dürfte das bedeutet haben, dass er aus der Fürstenburg zu Inverness nun auszuziehen hatte.

Knapp 10 Jahre später stirbt der neue Fürst. Macbeth ist nun alt genug, um die Nachfolge anzutreten, und er ist zweifellos auch an der Reihe. Er wird aber von Gille Coemgáin, dem jüngeren Bruder des Verstorbenen, ausgeschaltet. Das verdichtet natürlich den Verdacht, dass die beiden Brüder Macbeths Vater beseitigt hatten, um die Macht an sich und ihre Clan-Linie zu reißen.

Hat Macbeth das einfach so hingenommen?
Später lernt man ihn als energischen Fürsten kennen. Findet sich so jemand einfach damit ab, wenn seine traditionellen Rechte missachtet werden?
Dennoch: es bricht kein Krieg unter den Verwandten aus.

Nicht allzu lange danach ereignet sich aber ein schauerliches Szenario, wie man es als Racheakt aus dem (150 Jahre späteren) Nibelungenlied kennt.
Der Fürst wird mit '50' seiner Gefolgsleute in einer Halle verbrannt.

Die Chronik schreibt nicht, wer der Täter war. Vielleicht kam das nie heraus.

Fragt man nach dem Motiv, so zeigt der Finger allerdings auf den jungen Macbeth, denn nun war derjenige weggeräumt, der sich ihm auf dem Weg zum Fürstenthron unrechtmäßig in den Weg gestellt hatte.
Nachfolger von Gille wird nämlich Macbeth, wie nicht anders zu erwarten.
Sehr gut möglich, dass die Tat auch ein Racheakt war. Die Schauerlichkeit der Tat spricht jedenfalls dafür.
Grund zur Rache hatten wohl mehrere, doch insbesondere hatte sie auch Macbeth, sofern der Eindruck nicht trügt, dass die beiden Cousins diejenigen Verwandten waren, die seinen Vater umgebracht hatten.

Gille hinterließ eine junge Frau mit Baby.
Was wurde aus ihr?
Übte Macbeth auch an diesen beiden Rache?
Oder entkam die Frau seinen Häschern und übte später ihrerseits an ihm Rache?
Weit gefehlt! Sie blieb wo sie war, blieb auch Fürstin von Morey, wechselte lediglich die Bettwäsche und heiratete Macbeth. Das Baby Lulach nahm sie mit; es wurde von Macbeth wie ein eigener Sohn aufgezogen und war nach seinem Tod der nächste König von Schottland.

Das also war Lady Macbeth.

Einige Historiker tippen darauf, dass es eine Versorgungsehe gewesen sei. Macbeth habe die Witwe aus verwandtschaftlicher Verpflichtung geheiratet.
Das scheint mir unglaubwürdig.
Ein Fürst wählt sich seine Ehefrau und Fürstin nicht, weil eine Witwe versorgt werden muss. Er wählt sie entweder um ihretwillen, oder aus politischen Gründen. Nur wer einen Harem hat, kann es sich erlauben, eine Witwe aus karitativen Gesichtspunkten zur (Neben-)Frau zu nehmen.
Shakespeares Sicht der Liebesehe scheint mir daher plausibler.

Wenn man Gedankenspiele betreibt, braucht man nicht allzu viel Fantasie, um auf die Idee zu kommen, dass die Fürstin von Morey mit der warmen Beseitigung ihres ersten Mannes einverstanden oder vielleicht sogar Komplizin war.

Das heimtückisch fürstenmörderische Ehepaar Macbeth kann daher letztlich der Wirklichkeit entsprechen.
Beweisen lässt sich das allerdings nicht.
Aber auch Shakespeares Macbeth war der Mord an König Duncan ja nicht nachzuweisen gewesen.

Fragt man sich, ob Shakespeare am historischen Macbeth Rufmord begangen hat, so lautet die Antwort: Vielleicht, vielleicht auch nicht.