Kritik an der Gegenwartsphilosophie

Marcus Antonius
Hallo,

die Idee der Philosophie wird der Gegenwart nicht mehr gerecht:

1. Es fehlt ihr an einer großen Synthese, ja selbst an Versuchen einer solchen!

2. Sie trägt immer weniger "zur Überwindung sektorellen Denkens" bei!

3. Sie schweigt "immer mehr auch zu den drängensten Einzelfragen der Zeit"!

4. Sie ist für die Zerstörung von "Vernunft und Glauben an moralische Werte und Pflichten" verantwortlich!

Wie ist Eure Meinung dazu?

Gruß
MA
Arthaal
Nun ja, Philosophie verändert sich mit den Menschen die sie ausleben.

Ausserdem würde ich deinen Punkt 4 sehr distanziert betrachten. Philosophie ist die rationale Kritik am eigenen Denken. Ergo auch eine Kritik am Glauben.

Würden wir Menschen uns und unser Gedankengut nicht ständig überdenken würden wir doch stillstehen.
Lylo
Hallo Marcus Antonius.

Zu Punkt 3.

Kannst du mir da ein Beispiel geben? Warum schweigt die Philosophie zu "drängenden Fragen der [dieser] Zeit"?

Ich weiß es nicht. Mir ist es zumindest noch nicht aufgefallen, wo sie schweigt.

Wie auch schon zur Zeit antiker Philosophie, ist dieselbe für die Menschen geschaffen, die sich gern gruebel .
Da nicht alle Themen leichtverständlich sind, kann der Austausch oft nur innerhalb der jeweiligen Experten geschehen.
Ein Meeresbiologe, der sich mit einem spezifischem Problem befasst, wird wohl zunächst mit jenen sprechen, die ihn auch hören wollen und ihn auch Zeit geben, ihn zu verstehen.


Zumindest verstehe ich das unter "sektorellem Denken".


Ich habe allerdings grundlegend ein Problem mit der Aufzählung deiner vier Punkte. Sie lesen sich wie die Auswertung der modernen Philosophie, doch wie bist du zu dieser Wertung gekommen?

Liebe Grüße

Lylo
wollekopp
Was verstehst du unter der "Idee der Philosophie"? Die Kritik an für selbstverständlich betrachteten Anschauungen, die Suche nach Wissen oder Wahrheit, die Rolle des Philosophen als 'Überblicker' und 'Ideenbringer' der Gesellschaft...

Natürlich muss sich das nicht unbedingt ausschließen, aber spielt auch eine wichtige Rolle zur beantwortung. Ich habe den Eindruck, dass sich die Philosophie zu sehr unterordnet, um der Gegenwart gerecht zu werden. Die empirische Wissenschaft steht heute höher, das ist eindeutig. Philosophie wird zur Hilfswissenschaft für Quantenphysik etc. und stellt kein großes eigenes Feld mehr dar. Ich habe auch den Eindruck, dass sie schweigt - es ist nur der Fall, dass man einfach sehr wenig hört von ihrem Wirken, ich kann hier nur aus Eigenerfahrung sprechen, die trügerische..., aber höre ich wenn es was neues gibt nur von Physik, Biologie, Medizin...

Punkt 4 ist sehr interessant, wenn du ihn so verstehst, wie ich es meine: Kritik ist ein wesentlicher Bestandteil der Philosophie, die Skepsis. Wäre sie in der Lage, aus dem rein Logischen heraus, "Vernunft und Glauben an moralische Werte und Pflichten" als tatsächlich falsch zu erklären, so wäre das ein Triumph, der wohl wenigen gefallen würde, doch wäre es ein Triumph. Den Philosophen der Aufklärung ging es um das Loslösen vom 'unwahren' hin zum 'wahren', doch ich denke, es kann auch weitergehen, weil auch jene niemals perfekt waren. Es geht nur nicht weiter, oder täusche ich mich? Ich schlage vor, dass es weitergeht, denn wenn ein bestehendes Gerüst der Kritik nicht standhält, so ist auch das Unwahrheit, auch wenn wir es vielleicht nicht wahrhaben wollen.
wollekopp
-- die Suche nach Weisheit, nicht nach Wahrheit, muss ich mich verbessern...
FLorian K.
Ich kann die Kritik von Marcus Antonius zumindest teilweise nachvollziehen.

Die Philosophie hat sich stark gewandelt und erfüllt in vielen Punkten nicht mehr den Anspruch einer Universalwissenschaft, den sie beispielsweise im alten Griechenland hatte.

Die Figur des Universalgelehrten, die bis ca. Ende des 18ten Jahrhunderts bestand ist ausgestorben.

Ein Platon, Aristoteles oder später auch Da Vinci, die in den Bereichen der Kunst, Naturwissenschaft, Medizin u.s.w. bewandert waren, sind aufgrund der Fortentwicklung und Spezialisierung der Wissenschaften nicht mehr denkbar.

Es ist inzwischen nicht mehr möglich, dass ein Individuum einen vollständigen Überblick über die Gesamtzusammenhänge besitzt, da diese zu komplex geworden sind.

Demnach kann Philosophie an vielen Punkten ihrem Kernanspruch nicht mehr gerecht werden und wird mehr und mehr zu einer rhetorischen Disziplin.

Trotzdem wird und muss Philosophie als Ideengeber und Motor für Veränderung präsent bleiben.
Hierzu ist aber erforderlich, dass sie weiterhin alles kritisch hinterfragt; auch den Glauben und die moralischen Werte und Pflichten.
Reinhard
Na, das ist ja merkwürdig. Aus den Fragen kann ich nur erkennen, dass die " Philosophie " offenbar einer Verantwortung nicht gerecht werden soll. Verantwortung tragen, können aber nur Menschen. Was ist denn eigentlich die " Philosophie " ? Letztlich ein unüberschaubares Sammelsurium von Gedanken, die die Grundfragen von Sein im Verhältnis zum Dasein und umgekehrt betreffen. Schon die Frage, ob es je Philosophen gegeben hat und warum Menschen philosophieren, ist nicht eindeutig zu beantworten. Philosophieren steht der Kunst ganz nahe und es macht ja auch keinen Sinn, zu fragen, ob wir nicht bald wieder einen Musiker vom Format Mozarts haben könnten.

Der universitären Philosophie diesen Schwarzen Peter zuzuschieben, ist gerade so, als wenn man den Bock zum Gärtner machte. Eine Kritik an der sog. Gegenwartsphilosophie zu üben, ist nicht sinnvoller, als zu fragen, warum die Menschen so sind, wie sie sind ?

Mit freundlichen Grüßen
Reinhard
flores
Zitat:
Original von Reinhard
Der universitären Philosophie diesen Schwarzen Peter zuzuschieben, ist gerade
so, als wenn man den Bock zum Gärtner machte. Eine Kritik an der sog.
Gegenwartsphilosophie zu üben, ist nicht sinnvoller, als zu fragen, warum die
Menschen so sind, wie sie sind ?


Möglicherweise könnte es sinnvoll sein zu fragen, wie es kommt, dass an den
Universitäten auf bestimmte Weise philosophiert wird.

flores smile
Reinhard
Hallo flores, wieso möglicherweise? Man könnte ja auch fragen, warum an den Universitäten überhaut, überhaupt noch, überhaupt welches usw. gelehrt wird und wo die Risiken liegen, wenn man den Menschen vormacht, dass Weisheit eine Sache der Gelehrsamkeit ist und nicht der Reife. Für mich ist es ein Unding und der Philosophie sicher nicht dienlich, wenn man Hochschulprofessoren der Philosophie die Gelegenheit bietet, ihre eigene Weltanschauung zum Besten zu geben. Glaubt denn jemand Eitelkeit und Erfolgsstreben machen vor den philosophischen Hörsälen halt? Es scheint halt eine Art von Gesetz zu sein, wenn irgendwas erst einmal etabliert ist, kämpft es ums Überleben.

Mit freundlichen Grüßen
Reinhard winken
Daedron
Zitat:
Original von Marcus Antonius
Hallo,

die Idee der Philosophie wird der Gegenwart

Was ist das denn?
Zitat:

1. Es fehlt ihr an einer großen Synthese, ja selbst an Versuchen einer solchen!


Den Grund findet man m 19. Jahrhundert...
Zitat:

2. Sie trägt immer weniger "zur Überwindung sektorellen Denkens" bei!

Ich befürchte, jetzt den begriff sektorell nicht zu verstehen. Wer ist Sie?
Du personifizierst, subsumierst zudem, als sei ein Philsosph nichts individuelles. Wir werden gerade nicht zur selben Ästhetik, zu den selben Werten dressiert! So ergeht es den Wissenschaftlern und Idealisten, aber nicht uns.


Zitat:

3. Sie schweigt "immer mehr auch zu den drängensten Einzelfragen der Zeit"!

Das weiß ich nicht, aber was ich weiß, dass vieles sich gerade wiederholt. Wir sind in einem Zeitalter des Umbruchs, wo die Werte durchgehurt werden und noch nicht im Zeitalter der großen Besinnung.
Was ich sagen will: Vielleicht finden die Straßenphilosophen ganz andere Dinge drängend? Und was verstehen wir schon von Ihrer Aufgabe? (Um Eine Aufgabe überhaupt zu verstehen, muss man über ihr stehen und das tun wir mindestens manchmal nicht, also steht uns kein allgemeines Urteil zu).

Zitat:

4. Sie ist für die Zerstörung von "Vernunft und Glauben an moralische Werte und Pflichten" verantwortlich!

Das ist falsch, denn das geschah schon im 19 Jahrhundert. Und wir können teils froh sein. Sicher: Jede gesellschaft braucht Sklaven und es ist besser wenn sie sich mit solchen Begriffen selbst versklaven aber du wirst jetzt in die falsche Ecke schielen.
Es sind gerade die wissenschaftlicher Verteidiger eines Glaubens, die ihn angreifbar machen. So verdanken wir z.T. sicher auch Kant für diese ehrenvolle Aufgabe. Der kategorische Imperativ stinkt ja regelrecht nach Folter Zwinker .

mfg,
Reinhard
Zitat:
Original Daedron :
Es sind gerade die wissenschaftlicher Verteidiger eines Glaubens, die ihn angreifbar machen. So verdanken wir z.T. sicher auch Kant für diese ehrenvolle Aufgabe. Der kategorische Imperativ stinkt ja regelrecht nach Folter Zwinker .


Hallo Daedron, Deine Aussagen kann ich gut nachvollziehen. Zu dem oben Angeführten ist mir nicht alles klar. Gut, Wenn ich einen Glauben versuche, wissenschaftlich zu rechtfertigen, stoss ich an die Grenzen der Logik, weil glauben und der Glaube das Schlussfolgerbare auf der Grundlage dessen, was wir Wissen und Erkennen nennen, übersteigen müssen, da es und er sowohl die Grundlage wie auch den Rahmen setzen, in dem sich Erfahrung ereignet. Unterm Strich wird immer wieder auf einen Glauben als hinnehmbare Tatsache verwiesen werden müssen und da steht dann Aussage gegen Aussage. Dass jemand es trotzdem versucht, macht ihn schon des Versuchs wegen angreifbar. So verstehe ich den ersten Satz des Zitats.

Der Zusammenhang mit Kant ist mir nicht klar und auch nicht, welche Aufgabe wir ihm verdanken. Die anschließende Wertung lasse ich zunächst unberücksichtigt, weil ich die Herleitung nicht ohne die Voraussetzungen zu kennen, nachvollziehen kann.

Mit freundlichen Grüßen
Reinhard winken
Daedron
Zitat:
Original von Reinhard
Zitat:
Original Daedron :
Es sind gerade die wissenschaftlicher Verteidiger eines Glaubens, die ihn angreifbar machen. So verdanken wir z.T. sicher auch Kant für diese ehrenvolle Aufgabe. Der kategorische Imperativ stinkt ja regelrecht nach Folter Zwinker .



Der Zusammenhang mit Kant ist mir nicht klar und auch nicht, welche Aufgabe wir ihm verdanken. Die anschließende Wertung lasse ich zunächst unberücksichtigt, weil ich die Herleitung nicht ohne die Voraussetzungen zu kennen, nachvollziehen kann.

Mit freundlichen Grüßen
Reinhard winken


Hallo Reinhard. Zum einen habe ich mich verschrieben, der zweite Satz sollte lauten: So danken wir z.T. sicher auch Kant für diese ehrenvolle Aufgabe.

Nun Kant hat vielleicht einen zentralen Kern der christlichen Lehre herausgearbeitet und verschärft, den kategorischen Imperativ.


"Handle so,..."

hier wird man gedutzt. Es ist das Gewissen, was diesen Imperativ formuliert.

"...dass die Maxime deines Willens..."

- Willen gilt heute nicht mehr als absolute Metapher sondern wird als unsinnig erwogen
(Z.B. gibt es keinen Willen. Es gibt nur ein etwas-wollen, d.h., im k.I. würde eine heimliche Prämisse mitschwingen...)

"...Teil einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte."

- Ideal ausgesprochen bedeutet das in Beispielen:
Wenn die Fußgängerampel rot ist, selbst wenn niemand anderes sich im umkreis von einem Kilometer aufzuhalten scheint, man aber spät drann ist und seinen Job verliert, müsste man nach dem k.I. trotzdem anhalten und auf grün warten.

Eine hinreichende Kurzform dürfte sein: "Mache für dich selbst keine Ausnahmen" - und das meine ich mit Folter. Ein Gott sein, der sich ans Kreuz nageln lässt.

Damit ist Kant nicht widerlegt.. der k.I. wirkt durchaus, wenn er uns plausibel erscheint. Genauso wie wir utilitaristische Maximen wählen, wenn sie uns in dieser Situation am plausibelsten erscheinen.

Das hat Kant übrigens nie behauptet, aber wie ich hörte wurde er bis in die 80'er hinein (und Phil. verbreitet sich vieles ja langsam) anders verstanden. Und ein Idealist würde den k.I. so verstehen, dass er Kategorisch zu gelten habe.

Wie J.L. Mackie es in Ethics ausdrückte, müssen wir zwischen dem Sprechen inner- und außerhalb einer Institution unterscheiden. Beispielsweise ist "Versprechen" eine Institution. Wenn wir innerhalb dieser sprechen, ist es richtig zu folgern: Du Hast eins gegeben, also musst du es halten. Damit aber akzeptierst du bereits die Institution des Versprechens und ihre spezielle Logik, was du nicht musst. Mit der Standardlogik kommt man nicht von einem sein zum sollen.

Kant selbst hat den k.I. schon aus einer Moral heraus konzipiert, die man "Moral der Gleichheit bei Verzicht auf Gegenseitigkeit" nennen könnte. Dem liegen wiederum stark anzweifelbare prämissen Zu Grunde. Allein die Universalisierungen (denn dass man ihnen zustimmt ist subjektiver Art->Mackie,Ethics K4(zu Umgangreich jetzt)) sowie die Anthropologische prämisse.

(Folgende argumente stammen wurden u.a untersucht von: Fjodor Dostojewski in Aufzeichnungen aus dem Killerloch): Kant hat seine Ethik für ein reines Vernunftwesen konzipiert, dass zudem keine Qualitativen Unterschiede zwischen Individuen unterscheidet.
Die psychologische Frage ist dann die Vernunft und ob der Mensch überhaupt ein Vernunftwesen ist. Sofern wir den Kern der Tiefenpsychologie akzeptieren, können wir die Instanzen(auch im ganzen das Bewusstsein) als Unterfunktionen des Unterbewussten verstehen(moderner Begriff: Kernbewusstsein). Und jeder Physiologe wird sagen, dass ein Organ entartet, wenn es seinen persönlichen Egoismus, die eigentliche Funktion aufgibt. Dostojewski geht so weit zu behaupten, dass jedes Bewusstsein eine Krankheit ist, was aber eine ziemlich, mir scheint, zu starke These ist, an der aber genug drann ist. Bei Tennisspielern wurde nachgewiesen, dass in den Phasen, wo sie vollkommen unbewusst spielen, sie deutlich schneller, präziser und besser sind.
Wenn wir uns die Bedingungen klar machen, wann und wie das Bewusstsein entsteht (und warum es bei Menschen mit primitiver Sprechweise kaum ausgeprägt zu sein scheint), im Auge behalten, was also seine Ursprüngliche Funktion für den Organismus ist: Sich für andere zu übersetzen, wird vielleicht der Widerspruch zu Kants gefordertem Denken sichtbar: Es übernimmt auf einmal das Kommando.

Oder wie Dostojewki es sagt, passiert es, wenn "Vernunft und Wille in eins fallen." Denn was wir wollen ist keineswegs immer Vernünftig. Oft scheint es sogar total bescheuert zu sein (auch wenn das an der eigenen Vernunftdefinition(Moral) hängen mag..). Es gibt aber genug Zwänge und Fallstricke die dazu führen (was v.a. Nietzsche untersuchte), dass wir in dieses Denken geraten, gerade eben die geistigeren. Ein Mensch kann sich auch Tragen lassen (flow/leben im Fluss), statt nur appolinisch(geordnet) zu leben, aber auch zwischen appolinisch und dionysich oszilieren(für einen Phil. vielleicht die optimalste Variante, aber ich bin eh fürs selbst ausprobieren, ums zu verstehen).

Gewissen: Dies selbst wurde vielleicht lange missverstanden. Du tust etwas "unrechtes" und dann lässt du deine eigene Handlung im Stich, indem du sie zu verurteilen und dass du das überhaupt wolltest zu leugnen beginnst. Ergo schlechtes Gewissen?

-> Daher rate ich also wenigstens zur Vorsicht vor der Vernunft. Vielleicht ist sie selbst nur ein Symptom einer Entartung, die gute Gründe hat, gewisse Motive dem Unbewussten vorzubehalten.Das Das ist dennoch nicht als stellenlose Universalaussage zu werten. durchaus gibt es einen ganz anderen Typus von Moral und mit einem passenden Nietzschezitat will ich dann auch abschließen:


'Im Grunde sind mir alle Moralen zuwieder, die mir sagen wollen, tue dies nicht, tue das nicht. Ich bin aber für jene Moralen gut, die mich antreiben wollen, etwas zu tun. Und wieder und wieder zu tun. Und Nachts davon träumen!'
schlinge
@Daedron
Zitat:
- Ideal ausgesprochen bedeutet das in Beispielen: Wenn die Fußgängerampel rot ist, selbst wenn niemand anderes sich im umkreis von einem Kilometer aufzuhalten scheint, man aber spät drann ist und seinen Job verliert, müsste man nach dem k.I. trotzdem anhalten und auf grün warten. Eine hinreichende Kurzform dürfte sein: "Mache für dich selbst keine Ausnahmen" - und das meine ich mit Folter. Ein Gott sein, der sich ans Kreuz nageln lässt. Damit ist Kant nicht widerlegt.. der k.I. wirkt durchaus, wenn er uns plausibel erscheint. Genauso wie wir utilitaristische Maximen wählen, wenn sie uns in dieser Situation am plausibelsten erscheinen. Das hat Kant übrigens nie behauptet, aber wie ich hörte wurde er bis in die 80'er hinein (und Phil. verbreitet sich vieles ja langsam) anders verstanden. Und ein Idealist würde den k.I. so verstehen, dass er Kategorisch zu gelten habe. Wie J.L. Mackie es in Ethics ausdrückte, müssen wir zwischen dem Sprechen inner- und außerhalb einer Institution unterscheiden. Beispielsweise ist "Versprechen" eine Institution. Wenn wir innerhalb dieser sprechen, ist es richtig zu folgern: Du Hast eins gegeben, also musst du es halten. Damit aber akzeptierst du bereits die Institution des Versprechens und ihre spezielle Logik, was du nicht musst. Mit der Standardlogik kommt man nicht von einem sein zum sollen. Kant selbst hat den k.I. schon aus einer Moral heraus konzipiert, die man "Moral der Gleichheit bei Verzicht auf Gegenseitigkeit" nennen könnte. Dem liegen wiederum stark anzweifelbare prämissen Zu Grunde. Allein die Universalisierungen (denn dass man ihnen zustimmt ist subjektiver Art->Mackie,Ethics K4(zu Umgangreich jetzt)) sowie die Anthropologische prämisse. (Folgende argumente stammen wurden u.a untersucht von: Fjodor Dostojewski in Aufzeichnungen aus dem Killerloch): Kant hat seine Ethik für ein reines Vernunftwesen konzipiert, dass zudem keine Qualitativen Unterschiede zwischen Individuen unterscheidet. Die psychologische Frage ist dann die Vernunft und ob der Mensch überhaupt ein Vernunftwesen ist. Sofern wir den Kern der Tiefenpsychologie akzeptieren, können wir die Instanzen(auch im ganzen das Bewusstsein) als Unterfunktionen des Unterbewussten verstehen(moderner Begriff: Kernbewusstsein). Und jeder Physiologe wird sagen, dass ein Organ entartet, wenn es seinen persönlichen Egoismus, die eigentliche Funktion aufgibt. Dostojewski geht so weit zu behaupten, dass jedes Bewusstsein eine Krankheit ist, was aber eine ziemlich, mir scheint, zu starke These ist, an der aber genug drann ist. Bei Tennisspielern wurde nachgewiesen, dass in den Phasen, wo sie vollkommen unbewusst spielen, sie deutlich schneller, präziser und besser sind. Wenn wir uns die Bedingungen klar machen, wann und wie das Bewusstsein entsteht (und warum es bei Menschen mit primitiver Sprechweise kaum ausgeprägt zu sein scheint), im Auge behalten, was also seine Ursprüngliche Funktion für den Organismus ist: Sich für andere zu übersetzen, wird vielleicht der Widerspruch zu Kants gefordertem Denken sichtbar: Es übernimmt auf einmal das Kommando. Oder wie Dostojewki es sagt, passiert es, wenn "Vernunft und Wille in eins fallen." Denn was wir wollen ist keineswegs immer Vernünftig. Oft scheint es sogar total bescheuert zu sein (auch wenn das an der eigenen Vernunftdefinition(Moral) hängen mag..). Es gibt aber genug Zwänge und Fallstricke die dazu führen (was v.a. Nietzsche untersuchte), dass wir in dieses Denken geraten, gerade eben die geistigeren. Ein Mensch kann sich auch Tragen lassen (flow/leben im Fluss), statt nur appolinisch(geordnet) zu leben, aber auch zwischen appolinisch und dionysich oszilieren(für einen Phil. vielleicht die optimalste Variante, aber ich bin eh fürs selbst ausprobieren, ums zu verstehen). Gewissen: Dies selbst wurde vielleicht lange missverstanden. Du tust etwas "unrechtes" und dann lässt du deine eigene Handlung im Stich, indem du sie zu verurteilen und dass du das überhaupt wolltest zu leugnen beginnst. Ergo schlechtes Gewissen? -> Daher rate ich also wenigstens zur Vorsicht vor der Vernunft. Vielleicht ist sie selbst nur ein Symptom einer Entartung, die gute Gründe hat, gewisse Motive dem Unbewussten vorzubehalten.Das Das ist dennoch nicht als stellenlose Universalaussage zu werten. durchaus gibt es einen ganz anderen Typus von Moral und mit einem passenden Nietzschezitat will ich dann auch abschließen:


Auch wenn es nicht mein Ding ist, mich zu bedanken, dies mal muss ich das tun. Danke!

Zitat:
'Im Grunde sind mir alle Moralen zuwieder, die mir sagen wollen, tue dies nicht, tue das nicht. Ich bin aber für jene Moralen gut, die mich antreiben wollen, etwas zu tun. Und wieder und wieder zu tun. Und Nachts davon träumen!'


Steht man damit nicht oft allein?
Reinhard
Zitat:
Nun Kant hat vielleicht einen zentralen Kern der christlichen Lehre herausgearbeitet und verschärft, den kategorischen Imperativ.


Hallo Daedron, ja, so wirds wohl sein. Nur bräuchte man sich dann ja keine Gedanken mehr machen über den logischen Zusammenhang von Sein und Sollen. So, wie die christliche Lehre zum Volksglauben verkehrt wurde, so erging es dann ja auch Kant mit seinem Imperativ, der als kategorisch ausgelegt wurde, nur war sein Sollen nicht mehr fassbar. Ich sage ja immer, Theologenmoral a la Kant.

Wie passt das aber zu seiner ersten Kritik in der Ursprungsfassung von 1781? Da wird die Vernunft erstmal als Reine Vernunft transzendental herausoperiert, das heisst sie wird durch Abstraktion apriorisiert, von jeglicher Erfahrung befreit, ist also ein Herz ohne Schlag, um die Grenzen des Erkennbaren zu zwei Seiten, der theologischen und der wissenschaftlichen, zu bestimmen, um sie dann in der zweiten Kritik wieder in der Vernunft, als mögliche Einsicht und dem Glauben als Grundlage des Sollens, anzusiedeln. Das verstehe, wer will, ich glaube, Kant hat den Unterschied zwischen Theorie und Praxis nicht richtig ins Auge gefasst.

Zu dem Versprechen kann ich nur sagen, man sollte nichts dergleichen tun, da m.E. jedes Versprechen, dadurch, dass es gegeben wird, schon die Möglichkeit in sich trägt, gebrochen zu werden.

Wenn Dostojewski davon spricht, dass Vernunft und Wille in Eins fallen, dann frag ich mich, was sonst? Beide Begriffe sind doch nur durch Abstraktion, das heisst den Gebrauch der Reinen Vernunft dadurch entstanden, dass sie aus dem Menschsein getrennt wurden. Auch hier steht die Theorie mit der Praxis im Konflikt. Es ist halt ein Kreuz, dass wir im Praktischen auf die Theorie verwiesen sind und im Theoretischen auf die praktische Anschauung.

Für mich hat das Ganze mit der Verlagerung des Freiheitsbegriffs von der materiellen Freiheit hin zu einer vermeintlichen Entscheidungsfreiheit zu tun. Bloß nicht den Freien Willen aufgeben, sonst können wir ja vor keinem Gottesgericht bestehen. Klerikaler Unsinn.

Bis vor kurzem hatte ich noch vermeint, so etwas wie ein uns innewohnendes Schamgefühl könnte eine gewisse Gewähr für moralisches Verhalten bieten. Doch selbst davon komme ich aufgrund persönlicher Erfahrungen immer mehr ab.

Mit freundlichen Grüßen
Reinhard winken
Daedron
Zitat:
Original von schlinge


Zitat:
'Im Grunde sind mir alle Moralen zuwieder, die mir sagen wollen, tue dies nicht, tue das nicht. Ich bin aber für jene Moralen gut, die mich antreiben wollen, etwas zu tun. Und wieder und wieder zu tun. Und Nachts davon träumen!'


Steht man damit nicht oft allein?



Man ist es dann und auch wiederum nicht: Der Wanderer ist nie allein - er ist immer zu zweit. Oder wie Montaigne es in "Über die Einsamkeit" ausdrückte: "Du brauchst nur, wenn allein, dir gänzlich selber Volk zu sein."
Kinder können noch allein spielen, bald verliernen sie es hier. Sicher macht zu zwei mehr Laune aber geht das nicht nur mit seinesgleichen? Und man ist und wird immer wieder anders, wenn man dem Zitat nachkommt....

Und zur Hoffnung für uns:
Die Zeiten können sich ändern. Es gibt starke Indizien dafür, dass es auch passieren wird. Einst fürchtete man das Wetter, dann die eigenen Träume. Das brauchen wir heute nicht mehr - wir sind daqvon befreit. Und vielleicht werden sich irgendwann auch die einfacheren Menschen und jungen Philosophen nicht mehr vor der Moral fürchten.
schlinge
@Daedron
Zitat:
Man ist es dann und auch wiederum nicht: Der Wanderer ist nie allein - er ist immer zu zweit. Oder wie Montaigne es in "Über die Einsamkeit" ausdrückte: "Du brauchst nur, wenn allein, dir gänzlich selber Volk zu sein." Kinder können noch allein spielen, bald verliernen sie es hier. Sicher macht zu zwei mehr Laune aber geht das nicht nur mit seinesgleichen? Und man ist und wird immer wieder anders, wenn man dem Zitat nachkommt....


Das sehe genau so.
Ich meinte allein stehen im Sinne-etwas zu tun. Und wieder und wieder zu tun.
Ich höre oft:"man soll lernen sich abzuschalten...oder langsamer werden...sich amüsieren..." Diese "sich amüsieren" amüsiert mich am besten. Wie wenig soll man vorhaben um auf die benebelte Idee zu kommen "sich amüsieren", als Alternative für was? "Sich amüsieren" ist auch eine Art Moral, sich abzuschalten.
Warum um aller Welt soll ich mich abschalten?
Daedron
Ich nutz wieder Nietzsches polemik, die auf den Utilitarismus zeigt:
Nach Lust und Unlust zu werten die Widersinnigste Art zu reden:
Lust ist nur eine schnelle Folge von Unlustreizen.

Beispiele:
- ich langweile mich, verausgabe mich nicht, bin unterfordert, also rauch ich eine.
- Ich kann mir keine Ziele setzen, also bekomme ich Lust (... unsinn zu machen, zu spielen usw..).
- "Ich habe Lust auf Essen": Zeigt das nicht immer, dass einem bereits etwas fehlt?
Stanley Alvarez
Bin ich der einzige, der sich als erstes fragt:
Welche Gegenwartsphilosophie? Gibt es denn nur eine?

Die seit Jahrzehnten hegemoniale Philosophie ist sicherlich die Analytische Philosophie, die sicherlich problematisch ist. Dann gibt es mindestens noch die Kritische Theorie und den "Poststrukturalismus".

Mir ist das Ganze hier grad etwas zu unspezifisch, geschweige denn, dass mir Nachweise fehlen.
Tarvoc
Zitat:
Original von Marcus Antonius
Sie ist für die Zerstörung von "Vernunft und Glauben an moralische Werte und Pflichten" verantwortlich!

Und außerdem vergiftet sie unsere Brunnen und frisst unsere Kinder! fröhlich
Telltale
Zitat:
Original von Stanley Alvarez
Welche Gegenwartsphilosophie? Gibt es denn nur eine?

Oder anders gefragt: Ist Philosophie nicht zu allen Zeiten Gegenwartsphilosophie?