Hallo Rhetorix
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| Leider liegt über der Orgel der Fluch der Frömmigkeit, sodass man unterbewusst meint, die Hände falten zu müssen, wenn man sie hört. |
Das ist der Standpunkt des Instruments. Wo sonst hätten immer wieder über Jahrhunderte hinweg die Orgelbewegungen stattfinden sollen ?
Auch die Glocken hatten einen anderen Hintergrund: sie kamen ursprünglich aus China über Russland nach Europa (Die Russen liebten die Glocken, bes. Rachmaninovs Kantate: The Bells) und haben in der eigendlichen Grundidee nichts mit Kirchen gemein.
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| Ich glaube nicht, dass die Orgel das typische Instrument des Barock war. Vielleicht gehst du dabei zu stark von J.S. Bach aus? |
In erster Linie auch von den großen Meistern vor ihm, die die kommende Orgelvereinigung des Barock entgegenblickten. Bach hatte nur vollendet.
In der Wieder Klassik hatte es solche Musik eigentlich so gut wie garnicht gegeben. Erst Felix Mendelssohn Bartholdy (der Bachs Musik wiederentdeckte) interessierte sich wieder für das Orgelspiel. Natürlich folgte dadurch wieder eine Welle. Besonders in Frankreich, wodurch auch in Deutschland französische Orgeln errichtet wurden. Dabei waren César Francks Kompositionen eher Spätwerke (auch seine d-Moll Symphonie von 1888, die dem Prinzip
per aspera ed astra folgt). Widor entwickelte aus Francks Grande pièce symphonique die Orgelsymphonien, die nicht das Orcheser ersetzen sollten, sondern sich als eigenständige Musik weiterentwickeln sollten.
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| Aber auch Bachs Musik, die aus beruflichen Gründen weitgehend Kirchenmusik war, ist ja nicht hauptsächlich Orgelmusik. |
Darum auch Thomaskantor. Wie schon erwähnt ist die Hälfte der komponierten Orgelmusik Bachs choralgebunden (Leipziger-, Kirnberger-, Neumeister-, Schüblerschechoräle etc.), wie auch die meisten Werke von Reger Choralwerke waren. Ich halte die religiöse Orgelmusik berechtigt für christlich, denn sie enthält auch solch gestimmte Notationen (nach Gebeten) für den christlichen Gebrauch. Bachs Préluden und Fugen finde ich sehr brutal einschlagend, weil sie eher akademisch-kontrapunktisch-autodidaktisch wirken, darum auch zum üben mehr verbannt, als zum in die Ferne schweifen. Einige Ausnahme sind auch gegeben wie das Orgelkonzert BWV 593 in a-Moll, wo der zweite Satz sehr schön klingt (seine Konzerte sind Adaptionen anderer Komponisten vor ihm, das a-Moll-Konzert ist eine Transkription von einem gleichnamigen Vivaldis)
Musik des Barock und auch noch bis zur Frühromantik ist eher noch Unterhaltungsmusik, also noch für sehr besondere Anlässe komponiert. Spätere Musik, ab Beethovens Siebter, werden die Werke zu einem Ausdruck der Gefühle und auch der Wegbereiter zur Romantik, deren Vertreter Bruckners Vorgänger der Franzl Schubert war. (Seine Große Symphonie in C-Dur wurde nach seinem Tod dringlichst auf Schumanns Wunsch veröffentlicht). Auch Camille Saint-Saëns hatte Orgelmusik komponiert, wie auch die berühmte Orgelsymphonie (die Dritte in c-Moll) dessen zweiten Satz ich besonders lobenswert als wahrhaftes Adagio empfinde.
Nicht nur in Frankreich gab es bevorzugt Orgelmusik, auch in Deutschland, aber nur sehr wenige (Bartholdy, Brahms, Reger, Karg-Elert). Sigfrid Karg-Elerts Musik klingt schon etwas interessanter, weil er auch mehr experimentierte, z.B. mit dem Impressionismus.
Wenn Du "religiösisierende Holzhammer-Narkose" Klänge nicht leiden magst, ist französische Orgelmusik die richtige. Das beste Beispiel ist Duruflé. Seine Musik ist eher sehr leise und sehr weit auf einem polyphonen Klangteppich ausgebreitet. Als interessantes sehe ich u.a. die Prélude aus der Suite op. 5, die dieses Beispiel vertritt.
Die Werke der Spätromantik sind nicht zu vergleichen mit der Musik des Barock, denn die war einfach zu sehr an gewisse Regeln und Traditionen gebunden.
Trotzdem aus dem Barock finde ich sehr schön die Suite du deuxième ton von Louis-Nicolas Clérambault, denn dort gibt es von einem Thema mit verschiedenen Variationen,
von Johann Pachelbel eine Ciacona in f-Moll, die sehr schön klingt oder auch
das berühmte Adagio in g-Moll von Tomaso Albinoni, aber zweifelhaft ist, ob das Werk tatsächlich von ihm stammt.
Leider wird behauptet, dass die Musik "nur" christlich sei, aber ich sehe das anders.
Freundliche Grüße von Finn