Heinrich von Kleist - Der Griffel Gottes

Dantez
Der Griffel Gottes
In Polen war eine Gräfin von P..., eine bejahrte Dame, die ein sehr bösartiges Leben führte, und besonders ihre Untergebenen, durch ihren Geiz und ihre Grausamkeit, bis auf das Blut quälte. Diese Dame, als sie starb, vermachte einem Kloster, das ihr die Absolution erteilt hatte, ihr Vermögen; wofür ihr das Kloster, auf dem Gottesacker, einen kostbaren, aus Erz gegossenen, Leichenstein setzen ließ, auf welchem dieses Umstandes, mit vielem Gepränge, Erwähnung geschehen war. Tags darauf schlug der Blitz, das Erz schmelzend, über den Leichenstein ein, und ließ nichts, als eine Anzahl von Buchstaben stehen, die, zusammen gelesen, also lauteten: sie ist gerichtet! – Der Vorfall (die Schriftgelehrten mögen ihn erklären) ist gegründet; der Leichenstein existiert noch, und es leben Männer in dieser Stadt, die ihn samt der besagten Inschrift gesehen.


Die Anekdote wurde am 5. Oktober 1810 in den Berliner Abendblättern veröffentlicht und war somit für den Leser nicht als literarisches Werk gekennzeichnet sondern musste für eine Nachricht gehalten werden. Nach flüchtiger Lektüre meint man darin die gewöhnliche Sensationslust der Presse zu erkennen. Schauen wir genauer hin, entdecken wir Momente des Spiels, das Kleist mit den verschiedenen Medien Nachricht und literarischem Werk treibt. Dahinter steckt die Weltsicht des Mannes, der durch Kants Philosophie den Boden unter den Füßen verloren hat: Erkenntniskritik von hoher Qualität.

Zunächst einmal scheint der kurze Text das Bedürfnis nach einem Gottesbeweis zu stillen. Die böse Frau schmort jetzt in der Hölle für ihre Taten, Gott teilt uns das mit indem er einen Blitz in den Leichenstein fahren lässt. Es ist unwahrscheinlich, dass die noch lesbaren Buchstaben einen Satz bilden, noch unwahrscheinlicher ist gerade der Satz: sie ist gerichtet! Außerdem: was hat ein Ausrufezeichen in einer Grabinschrift zu suchen? Aus diesen Unwahrscheinlichkeiten schließen wir induktiv, dass es einen richtenden, sich in die Welt einmischenden Gott geben muss, worauf auch die Überschrift hinweisen soll.
Wer ist es, der diesen Schluss zieht? Durch Einklammerung als Bemerkung des Verfassers gekennzeichnet, nennt uns Kleist die Antwort: (die Schriftgelehrten mögen ihn erklären). Die Bemerkung mutet ironisch an, weil der Vorfall nicht erklärbar ist. Der Versuch, den Sachverhalt zu erklären, wäre geradezu lächerlich. Aber macht der Leser der Anekdote nicht genau das gleiche während er liest? Zieht er nicht seine Konsequenzen aus dem Gelesenen, indem er sie so interpretiert, wie es ihm gefällt? Leugnet er nicht den Vorfall, weil nicht stimmen darf, was nicht stimmen soll? Leugnet er nicht selbst dann noch, wenn er explizit darauf hingewiesen wird, dass alles wirklich geschehen ist? Die Beteuerung der Wahrheit macht den Vorfall nicht wahrer. Die Titulierung als Eingreifen Gottes in die Welt ist selbst eine Interpretation gemäß dem, was der christliche Leser lesen will. Es wird nicht wahr durch bloße Behauptung.

Wenn ein Wunder geschieht, warum ist es ein Wunder? Antwort: weil man es Wunder nennt. Ein Beweis für die Existenz Gottes ist es nur dann, wenn wir die Existenz Gottes daran begründen wollen. Dann glaubt man an den Gott, der einen Blitz in einen Grabstein fahren lässt um uns mitzuteilen, dass es ein jüngstes Gericht geben wird, dem wir nicht entkommen können. Wenn wir das Wunder aber nicht Wunder nennen, so ist es auch keines. Dann nennen wir es Zufall oder Lüge oder was auch immer. Und es stimmt auch nicht, dass ein ungläubiger Mensch wegen eines Wunders beginnen würde an Gott zu glauben. Stattdessen hält er fest an dem, was er glauben will und ist vielleicht verärgert, weil man ihn angelogen hat.

Der Blitz, der den Leser trifft, ist nicht der Blitz der Erkenntnis Gottes sondern der Blitz der Erkenntnis der Unmöglichkeit von Erkenntnis. Erkenntnis dient dazu unser Leben so zu ordnen und einzurichten wie wir es wollen. Mehr nicht aber auch nicht weniger. Aber der Moment, wenn man das feststellt, ist auch der Moment, der uns jedweden Glauben raubt und jedwede Ordnung durcheinander bringt. Die Buchstabenreihenfolge muss zuerst besagt haben, was die böse Frau für eine nette Dame gewesen ist. Eine Heuchelei, ein Etwas-wahr-haben-Wollen mit dem ein Blitz aufräumt. Wie ein Schlag trifft dieser Blitz jeden, der an irgendetwas glaubt. Radikal werden alle seine Ideale und die ganze Ordnung seines Lebens, ja sein ihm innewohnendes Wesen, sein Geist , seine Seele, seine Existenzberechtigung in Frage gestellt. Der Leser wird vom Blitz getroffen: er ist gerichtet! Es gibt keine Absolution der Erkenntnis, sie schont niemanden und schlägt mit aller Härte zu. Selbstgerechtigkeit ist der Vorwurf der Anekdote an den Leser. Diese Seblstgerechtigkeit ist so hartnäckig, dass man sie zwar entlarven kann, aber man kann ihr niemals entgehen, weil sie die wahre Natur der Erkenntnis ist und es eine Eigenschaft der Erkenntnis ist, dass sie die Dinge so ordnet, wie wir sie verstehen wollen. Der Blitzeinschlag bringt die Buchstabenreihenfolge auch nicht in Unordnung, sondern in eine neue Ordnung. Wenn wir erkennen, wie wir unser Leben selbst schreiben können, können wir es auch umschreiben, dieser Eingriff ist gottartig, weil er den Anspruch auf absolute Gültigkeit besitzt: wir tun, was wir tun.

Wenn alle Menschen statt der Augen grüne Gläser hätten, so würden sie urteilen müssen, die Gegenstände, welche sie dadurch erblicken, sind grün - und nie würden sie entscheiden können, ob ihr Auge ihnen die Dinge zeigt, wie sie sind, oder ob es nicht etwas zu ihnen hinzutut, was nicht ihnen, sondern dem Auge gehört. So ist es mit dem Verstande. Wir können nicht entscheiden, ob das, was wir Wahrheit nennen, wahrhaft Wahrheit ist, oder ob es uns nur so scheint. Ist das letzte, so ist die Wahrheit, die wir hier sammeln, nach dem Tode nicht mehr - und alles Bestreben, ein Eigentum sich zu erwerben, das uns auch in das Grab folgt, ist vergeblich -
(Brief von Heinrich von Kleist an Wilhelmine von Zenge, 22. März 1801)
meanmary
logische denkprozesse (----> begriffliches formulieren) und das wollen (----> anwendungsmuster begrifflicher formulierungen) manifestieren sich in jeder persönlichkeitsstruktur verschieden: erkenntnisse der einen werden von göttlicher allmacht, deren objektivität nicht hinterfragt werden darf, getragen, und diese gruppe formuliert sodann in gläubigem sinne begrifflich; die anderen ordnen nach bestem wissen und gewissen subjektivistisch ihr interieur beinaher unendlichkeit; manche wiederum verzetteln sich während ihres ringens um erkenntnisgewinn, diese beschäftigten im labyrinth der erkenntnisschürfenden kobolde vergessen wegen unüberschaubarkeit und verirrungen die eigentliche ursache ihrer mission, nämlich den erkenntnisgewinn; und einige werden in bezug auf die erkenntnis jenes umstandes, dass letztinstanzlich keine frage beantwortbar ist, zufrieden oder verrückt.

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