Paul Feyerabend

Jörg

Link: Paul Feyerabend

Paul Feyerabend war der "Anarchist" unter den Wissenschaftsphilosophen. "Alles geht!" meinte er in seinem bekanntesten Werk "Wider den Methodenzwang". Aber um zu dieser These zu kommen hat er es sich nicht leicht gemacht, wie seine Arbeiten zum Wissenschaftlichen Realismus zeigen.

ewig
Nach dem, was ich hier so finde, würde ich dem Mann seinen wissenschafts-theoretischen Anspruch streitig machen wollen und ihn weit eher als kultur-relativistischen Philosophen klassifizieren.
Zanderdan
Fand ich lala. Teilweise sahs aus, als hätte sich der Kuhn ins Porträt geschlichen. Die Frage ob Theorien instrumentalistisch oder realistisch sind, ist mir bei PF gar nicht erinnerlich - was sind denn das für "Arbeiten zum Wissenschaftlichen Realismus"? Glaube, man nähert sich dem ganzen besser über den kritischen Realismus, als Antipopper wird der Pluralismus verständlicher und auch das "alles geht". So klang es im Fazit, als hätte Feyerabend mehr nach Lust und Laune dem Wissenschaftler bei einer belanglosen Entscheidung freie Hand gelassen. Welcher Zuhörer sollte da für sich etwas anderes notieren als: den "Denker" kann ich getrost vergessen? Dabei scheint mir das gern zitierte und selten verstandene anything goes, bzw. der Pluralismus als Grundsatz auch über die laufende/bereits vergangene/herbeiphantasierte/manweissesnicht Postmoderne hinaus durchaus aktuell und folgerichtig.

Gruss
Eugen
Hallo Jörg,

wieder ein sehr sympathischer Auftritt. Mir gefällt deine Art des Vortrags und die schlichte Form der Präsentation ohne großartiges Beiwerk. Allerdings bist du diesmal vlt. etwas zu "spartanisch" gewesen. Man könnte das Ganze dezent akzentuieren, indem man etwa zwischendurch mal ein Portrait von Feyerabend einblendet oder eine Grafik, die das Gesprochene übersichtlich zusammenfasst.

Feyerabend kenne ich nun nicht. Anhand deines Vortrags ist mir jedoch auch nicht klar geworden, worin nun genau die Brisanz der Frage liegen soll, die Feyerabend anscheinend so lange beschäftigte.

Erstmal scheint es mir so, dass es sich jedenfalls für den praktizierenden Wissenschaftler, der auf seinem speziellen Gebiet forscht und Theorien entwickelt, um eine - wie Zanderdan feststellte - belanglose Frage handelt.

Sie scheint mir erst dort Gewicht zu erlangen, wo die Wissenschaft, die wissenschaftliche Tätigkeit als etwas qua Methode oder sonstwie Einheitliches gedeutet wird, dem in unserer Kultur der Rang einer Instanz zukomme, die, wie Habermas schreibt, "über fehlbares Weltwissen" insgesamt entscheidet.
Wenn etwa Quine postuliert, dass das Vokabular der physikalisch orientierten Wissenschaften, "die wahre und letztliche Struktur der Realität (umreiße)", so kommt damit eine universelle Perspektive ins Spiel, die den mit seinen speziellen Problemen befaßten einzelnen Wissenschaftler als solchen erstmal nicht unbedingt interessieren muss.

Diese Vorstellung von der (Natur-)Wissenschaft als etwas Einheitlichem, das zudem diesen Universalanspruch erfüllen könne, ist offenbar mittlerweile, wenigstens in philosophischen Kreisen, stark geschwunden. Weder lässt sich anscheinend eine Methode klar isolieren, die für Wissenschaft durchweg ausschlaggebend wäre, noch eine andere festere Klammer aufzeigen, die wesentlich über das Netz locker verbundener Familienähnlichkeiten hinausgeht, das etwa Hoyningen-Huene mit seinem Begriff der "Systematizität als das, was Wissenschaft ausmacht" umreissen will.

Fällt die Vorstellung von der Einheitlichkeit der wissenschaftlichen Herangehensweise weg, verliert auch diejenige von einem irgendwie privilegierten"wissenschaftlichen" Zugang zur Realität überhaupt ihren Grund.
Übrig bleibt die Kennzeichnung derjenigen Verfahren und Praktiken als wissenschaftliche, die uns in den je relevanten Zusammenhängen aufgrund ihrer höheren Systematizität ein besonders hohes Maß an Prognose- und Kontrollmöglichkeiten verschafft.
Jörg
Hallo zusammen,

die Arbeiten Feyerabends zum wissenschftlichen Realismus sind in dem Sammelband "Der wissenschaftstheoretische Realismus und die Autorität der Wissenschaften" erschienen. Es gibt einen längeren Text von mir, der hier heruntergeladen werden kann, in dem ich die Aufsätze genauer vorgestellt habe.

Das Problem ist, dass nur realsitisch gedeutete Theorien den Anspruch haben können "wahr" zu sein, und damit auch nur diese Theorien falsifizierbar sind. Wenn man Theorien als Berechnungs-Instrumente betrachtet, kann man sie streng genommen nicht falsifizieren, und damit geht das Poppersche Abgrenzungskriterium zu nicht-wissenschaftlichen Systemen verloren.

Feyerabend hat lange nach Argumenten für realistische Positionen gesucht - und am Schluss keine überzeugenden gefunden.

P.S. Danke an Eugen für die Detailkritik, du hast recht, 13 min lang und nichts passiert - das ist anstrengend. ich muss gestehen, dass ich nur sehr wenig Zeit hatte, da der Podcast für die ScienceBlogs fertig werden musste - deshalb fehlen Bilder u.ä. die ich eigentlich schon rausgesucht hatte.
Zanderdan
Hallo,

mag alles sein, gibt aber wieder an, was Feyerabend nicht gefunden hat. Halte das wie gesagt nicht für den besten Aufhänger, um einen Denker vorzustellen, egal ob das nun inhaltlich richtig oder falsch ist. Interessanter muss doch an der Stelle, was er denn nun gefunden hat, und da gibt es ja mE auch was zu zu sagen.
Zweitens klingt es jetzt, als ob Feyerabend seinem Lehrer Popper zu Hilfe eile - wohingegen in meiner Erinnerung der Feyerabend eher durch sein anarchistisches, stinkbombendes Anrennen gegen den Popperschen Methodenzwang und alle noch so entfernten Verwandten charakterisiert ist.

Gruss
Jörg
In seiner Autobiografie und in anderen kleinen Texten beklagt Feyerabend immer wieder, dass er von allen als Popperianer angesehen wurde - wenigstens bis Ende der 1960er - und aus der Zeit sind die Texte.

Feyerabend ist weit mehr als "Wider den Methodenzwang" das ist das eine, was ich zeigen wollte und gelcihzeitig wollte ich anhand der Realismus-Problems zeigen, wie Feyerabend eigentlich Stück für Stück zu "Alles geht" kam.
mark
Zitat:
Original von Zanderdan
... das gern zitierte und selten verstandene anything goes, ...


da hast du nen freund Zwinker
Zanderdan
Zitat:
Original von mark
da hast du nen freund Zwinker


Gut ! (endlich mal einer)
Reinhard
Die Betrachtung der erkenntnistheoretischen Voraussetzungen von Wissenschaft setzt doch den Glauben an wahrheitsgeleiteten Fortschritt dieser voraus. Lächerlich, da wo die Methoden nicht passen, werden sie halt passend gemacht. Wertfreie Wissenschaft und Philosophie geben zwar vor, den selben Idealen verpflichtet zu sein, was sie leitet sind aber gerade nicht diese Ideale. Persönliches Erfolgsstreben und Reibach sind die Triebfedern, geleitet von meist elitärem Dünkel. Wissenschaft ist nun mal die richtige Ordnung und Abgrenzung von Begriffen durch Rückgriff und experimentellen Zugriff auf die Anschauung. Dadurch wandeln sich natürlich die Begriffe, wie das auch im Alltäglichen geschieht. Nicht anything goes, sondern anything happens. Danke.
Nik
Zitat:
Original von Reinhard Schauer
Persönliches Erfolgsstreben und Reibach sind die Triebfedern, geleitet von meist elitärem Dünkel.

Das mag auf beteiligte psychische Systeme zutreffen (Wissenschaftler, Profs usw.) - doch irgendeine Motivation, Triebfeder, worauf sich Tätigkeit richten kann, braucht der Mensch.
Das eigentlich Entscheidende ist aber das soziale System der Wissenschaften selbst, das vollkommen rigide und rücksichtslos anschlussfähige Kommunikationen einfordert; und wie sollte es das nicht, denn davon hängt ja schließlich seine Existenz, seine Fortdauer ab.
Selbstredend herrschen dort gepflegte totalitäre Verhältnisse; Demokratie ist ein reines Ordnungskalkül.

Gruß,
Nik
Milena S.
Ich finde es gar nicht so schlimm, Feyerabend in der Tradition Popper zu sehen, weil man schon sagen kann, dass das Dreigestirn Popper-Kuhn-Feyerabend uns viel über die Wissenschaft erklärt hat.

Popper hat uns gesagt, wie die Wissenschaft funktionieren SOLLTE - wie der Name des Werkes "Logik der Forschung" schon sagt, wie eben die strenge Logik hinter der Wissenschaft sein sollte.

Kuhn hat hinzugefügt, wie die Wissenschaft tatsächlich oft vorgeht - und das ist eine eher soziologische Betrachtung, denn solche Paradigmen gibt es auch in der Kunst, der Politik, der Religion.

Feyerabend hat im Grunde eine Seite angeschaut, die Popper und Kuhn ausgeklammert hatten, nämlich die Frage, wie die Wissenschaftler zu Neuem kommen. Und das verlaufe völlig regellos. Was nachvollziehbar ist, denn um etwas wirklich neues zu schaffen, muss man Regeln brechen.
Mo-M.
Zitat:
Original von Milena S.
Feyerabend hat im Grunde eine Seite angeschaut, die Popper und Kuhn ausgeklammert hatten, nämlich die Frage, wie die Wissenschaftler zu Neuem kommen. Und das verlaufe völlig regellos. Was nachvollziehbar ist, denn um etwas wirklich neues zu schaffen, muss man Regeln brechen.


Ich denke, dass eben dieses Regeln-brechen tatsächlich notwendig ist, allerdings nicht, um wissenschaftlichen Fortschritt (wobei das jetzt Wortklauberei ist...), sondern um Paradigmenwechsel zu initiieren. Betrachtet man Paradigmenwechsel als Fortschritt in der Wissenschaft, dann kann man vorherigen Satz auch getrost ignorieren.

Dies zeigt auch, warum ich einer instrumentellen Betrachtung zuneige. Theorien sind Werkzeuge zum Verständnis der Realität. Ganz wichtig: Zum Verständnis der Realität, nicht zu ihr selbst. Die Realität selbst ist unzugänglich, die Strukturen mit der selbst die grundlegendste Unterscheidung von Sein/Nicht-Sein arbeitet (also die fundamentalste Theorie bzw. die Unterscheidung, um mit Luhmann zu sprechen, über die Welt überhaupt) sind menschengemacht und keine beobachterunabhängigie Wirklichkeit.

Insofern ist der Paradigmenwechsel als Folge eines Regel-Brechens (oder des Zufalls...) immer der Wechsel eines ganzen Werzeugkastens, dessen Werkzeuge nicht mehr auf die alten Schrauben passen, um die Analogie etwas zu strapazieren...
Beispielhaft ist etwa die Unvereinbarkeit von Quantentheorie und Relativitätstheorie in bestimmten Punkten.

Hier kommt man jedoch zu den Methoden. Natürlich ist es nicht egal, wie ich methodisch vorgehe, allerdings gibt es zu Methoden ebenso wie zu Theorien funktionale Alternativen. Letztlich basieren Methoden auf Theorien zu gelingender Beobachtung und letztlich auf einem Wissensverständnis. Wenn Wissen auf einem korrespondenztheoretischem Wahrheitskriterium basiert, dann setzt dies "eine" objektive Wirklichkeit voraus. Wenn diese jedoch unzugänglich ist und auf verschiedene Weisen gedeutet werden kann, dann kann die Antwort doch lediglich sein: Eine gute Methode ist eine solche, welche es mir ermöglicht Wissen zu erkennen, dass dann wahr ist, wenn sich aus den mit dieser Methode entstandenen Prognosen wahre Sätze über die Welt bilden lassen. Wahrheit ist hier kohärenztheoretisch (à la Davidson) zu bestimmen denke ich. Wenn neue Theorien mit fundamentaleren Theorien in Einklang zu bringen sind und Prognosen als wahre Sätze über die Welt ermöglichen sind sie wahr (instrumentell wahr). Ein Paradigmenwechsel etwa würde den Wandel einer recht fundamentalen Theorie bedeuten (allerdings glaube ich kaum, dass sich die allerfundamentalsten Theorien jemals ändern werden...).

Spannend wird es, wenn diese Paradigmen parallel existieren. In diesem Fall kann man sich in bestimmten Grenzbereichen der Wissenschaft - die Bereiche, in welchen die Konsequenzen verschiedener Paradigmen konfligieren - nicht mehr auf intersubjektive Wahrheiten einigen. Wissenschaftliche Streits sind die Folge.

Also: Tatsächlich nicht "anything goes", aber "not only one thing goes". Was geht, hängt auch immer von dem nomologischen Netz ab, auf dass sich die entsprechende Aussage bezieht und das wir als Werkzeuge zum Verständnis der Realität akzeptieren.

@Jörg: Erst einmal vielen Dank für das hochinteressante Video! Ich denke jedoch, dass sich auch Hypothesen nach instrumentellem Theorieverständnis nach falsifizieren lassen können. Während es im sozialwissenschaftlichen Bereich sicher schwer ist, eine Theorie wirklich zu falsifizieren - ich kann sie meist wohl eher nur als unbrauchbar befinden, mit einer entsprechend großen Grauzone, so kann ich in der Physik tatsächlich Prognosen als falsch entlarven. Soweit ich das im Moment denke, kann ich dies doch ungeachtet dessen, ob ich denke, dass mein Wahrheitskriterium Korrespondenz oder Kohärenz ist. Instrumentelle Theorien implizieren für mich notwendigerweise (?) letzteres Kriterium - auch wenn dieses Verständnis sicher nicht im Sinne des Kritischen Rationalismus und Falsifizierbarkeit ist. Vielleicht kannst du mich hier verbessern - mache ich hier einen Denkfehler?

Abschließend: Sorry für diesen doch sehr langen Beitrag, aber das Thema interessiert mich brennend!
Reinhard
Zitat:
Spannend wird es, wenn diese Paradigmen parallel existieren. In diesem Fall kann man sich in bestimmten Grenzbereichen der Wissenschaft - die Bereiche, in welchen die Konsequenzen verschiedener Paradigmen konfligieren - nicht mehr auf intersubjektive Wahrheiten einigen. Wissenschaftliche Streits sind die Folge.


Hallo Mo-M., was ist das denn für eine Frage? Paradigmen existieren? Es ist doch gerade das Besondere am Beispiel, hier Musterbeispiel, dass es nur eine metaphorische Annahme bildet, die sich real nicht vorfindet. Das ergibt sich doch schon aus den Methoden, die ohne den mathematischen Teil als Durschnittsrechnung nach dem Prinzip der Großen Zahl nicht auskommen können. Kann denn ein Paradigma für sich bestehen? Parlellparadigmen sind doch schon immer die Voraussetzung, die Frage ist doch nur, ob man sich dessen auch immer bewußt bleibt. Vielleicht sind ja selbst die vielen überflüssigen Streitigkeiten der Wissenschaften das Agens ihrer Entwicklung?

Wider den Methodenzwang habe ich vor Jahren mal versucht zu lesen. Schlechter Stil und detailversessen. In Erinnerung habe ich noch die nicht endenwollenden Ausführungen über das Fernrohr. Ob nun Fernrohr oder Mikroskop, kein Mensch bringt sich damit in andere Galaxien oder den Kernbereich der Atome. Die gegenständliche Welt bleibt das Schicksal jeder wissenschaftlichen Betrachtung. Wird dabei nicht viel zu leicht übersehen, dass wir eine vorgegebene Größe haben, die sich immer in davon abweichende Verhältnisse einbettet? Da ich Erscheinungen nur über ihre Mengenverhältnisse bestimmen kann, bleibt immer die Frage nach der einzelnen Erscheinung im Verhältnis zu mir und den anderen Erscheinungen. Je mehr man vergleicht, je mehr löst sich alles in Relativitäten auf, nur das Ganzheitsprinzip selber bleibt bestehen, dafür gibt es kein Paradigma und kein Gegenteil, weil ich mich selber nicht anders verstehen kann als eben als Einheit.

Wovon wird denn wissenschaftlicher Ehrgeiz nun getrieben? Darauf kommt es doch an und nicht auf die krampfhaften Versuche etwas zu retten, wie Wahrheitsstreben, das es noch nie gab und nicht geben wird. Eitelkeit ist auch das eigentliche Diktat der Wissenschaft und ihrer Nutzniesser. Es fehlt meistens an Respekt vor der sich selbst steuernden Gestaltungskraft und damit einher geht die Überschätzung der wissenschaftlichen Fähigkeiten, die zudem noch utilitaristisch bestimmt sind. Grenzbereiche der Wissenschaft, wirklich zum Lachen. Klingt wie Umlandgemeinden und Provinz. Heimlich, unheimliche Wertsetzung. Die Vorstellung einer grenzenlosen Wissenschaft ist doch gerade das Problem. Das Grenzenlose kann doch wohl nur außerhalb ihrer Reichweite liegen und da liegt auch die unbegreifliche Fülle des Seins, die nur für die Wissenschaft sich als neu darstellt. Hier existiert der Mensch als der Einzelne und kein Paradigma kann hier was bedeuten. Unser Erkennen bleibt immer ein außerordentlich müder Abglanz der Wirklichkeit ohne jede Gewähr.

Mit freundlichen Grüßen
Reinhard
Mo-M.
Zitat:
Original von Reinhard
Zitat:
Spannend wird es, wenn diese Paradigmen parallel existieren. In diesem Fall kann man sich in bestimmten Grenzbereichen der Wissenschaft - die Bereiche, in welchen die Konsequenzen verschiedener Paradigmen konfligieren - nicht mehr auf intersubjektive Wahrheiten einigen. Wissenschaftliche Streits sind die Folge.


Hallo Mo-M., was ist das denn für eine Frage? Paradigmen existieren? Es ist doch gerade das Besondere am Beispiel, hier Musterbeispiel, dass es nur eine metaphorische Annahme bildet, die sich real nicht vorfindet. Das ergibt sich doch schon aus den Methoden, die ohne den mathematischen Teil als Durschnittsrechnung nach dem Prinzip der Großen Zahl nicht auskommen können. Kann denn ein Paradigma für sich bestehen? Parlellparadigmen sind doch schon immer die Voraussetzung, die Frage ist doch nur, ob man sich dessen auch immer bewußt bleibt. Vielleicht sind ja selbst die vielen überflüssigen Streitigkeiten der Wissenschaften das Agens ihrer Entwicklung?


Hallo Reinhard,

da hätte ich mich in der Tat anders ausdrücken müssen. Was ich damit sagen wollte, wird vielleicht in dem Exkurs unten klarer. Dennoch möchte ich deinem Einwand im Prinzip zustimmen, allerdings in mancher Hinsicht relativieren/umdeuten - ich hätte ihn auch nie bestreiten wollen, mich nur wie gesagt unklar ausgedrückt. Klar ist tatsächlich, dass ich die Frage nach einem Paradigma nur sinnvoll stellen kann, wenn es eben Alternativen gibt.

Zur Rolle der wissenschaftlichen Streitigkeiten möchte ich sagen, dass sie ganz sicher auch zum Fortschritt dieser beitragen. Streit ist ja immer auch Ausdruck einer Auseinandersetzung um einer Sache selbst willen. Dass dabei auch sekundäre Motive wie Profilierung des Wissenschaftlers selbst im Spiel sind, bestreite ich keinesfalls. Ebenso ist es sicher der Fall, dass diese sekundären Motive zu sehr im Vordergrund stehen.

Wie bereits zuvor von mir angedeutet, bedeutet die Möglichkeit funktionaler Alternativen zu bestimmten Theorien ja keinesfalls Beliebigkeit, lediglich andere Möglichkeiten zur Reduktion von Komplexität und somit der Beschreibung von Welt, bzw. von wahren Narrationen um bei Feyerabend zu bleiben (mit allen Schwierigkeiten der Frage nach dem Wahrheitskriterium...). Gestritten wird hier denke ich vor allem darum, auf welche Art und Weise man an die Aussagen die eine Theorie generiert, kommunikativ und im eigenen Handeln anknüpfen kann. Das ist für sich gesehen ja durchaus produktiv.

Du sagst "Unser Erkennen bleibt immer ein außerordentlich müder Abglanz der Wirklichkeit ohne jede Gewähr.". Lies vielleicht erst den Exkurs zu meinem Verständnis der Existenz. Von welcher Wirklichkeit soll unser Erkennen denn ein Abglanz sein? Die ontologische? Nun, ich glaube an diese Welt, allerdings bewegt sich alles, was ich erkennen kann (nur) in dem Rahmen dieses Abglanzes, eines Sprachspiels, dessen Grundlage mein eigenes Handeln ist, allerdings durch den sozialen Charakter von Sprache auch in hohem Maße meines sozialen Handelns. Jegliche erkennbare Wirklichkeit und somit eine, auf die ich mich beziehen kann (auch in der Wissenschaft!) ist eine Konstruktion (Ich sage nicht, dass es außerhalb dessen nicht vielleicht etwas gibt - aber die Frage ist sinnlos).

Wenn wir Wittgenstein bemühen wollen, sind diese Konstruktionen Sprachspiele - davon können wie bei Paradigmen verschiedene Varianten jeglichen Grades an Fundamentalität nebeneinander her existieren. Solange ich jedoch sinnvolle Aussagen machen will, muss ich innerhalb einer Konstruktion bleiben. Der Streit zweier Wissenschaftstraditionen krankt oft daran, dass diese aneinander vorbei reden. Die Grenzbereiche von denen ich spreche, sind Grenzbereiche eben dieser Konstruktionen, Bereiche, an denen die Ränder von in weiten Teilen kompatiblen Konstruktionen der Wirklichkeit nicht mehr auf "einander liegen" um mal ein Venn-Diagramm-artiges Bild zu bemühen. Grenzbereiche ist also tatsächlich eine (Wert-)Setzung, nur wüsste ich nicht, was die Alternative wäre. Diese Setzung ist keine Aufforderung, diese Grenze zu akzeptieren (auch wenn manche Wissenschaftler in wenig wohlfeilem Eigeninteresse dies sicher anstreben), allerdings sehr wohl zu wissen, dass die Grenze des Bereiches meiner sprachlichen Konstruktion zugleich Grenze meines Verstehens ist.

Exkurs zu meiner Verwendung von "Existenz":
Ich bin mir nicht sicher, ob man in einer bestimmen Weise nicht auch bei eben diesen metaphorischen Annahmen davon sprechen kann, dass sie dadurch existieren, dass wir sie verwenden. Aber das ist ein anderer Nebenschauplatz der Diskussion. Wie sich vielleicht angedeutet hat, sympathisiere ich mit der Position, dass die Frage nach einer objektiven Realität - also die Voraussetzung einer "Existenz" in einem beobachterunabhängigen Sinne - letztlich sinnlos, weil nicht zu bestimmen ist (Keine Verneinung der Außenwelt, lediglich eine skeptische Position - Sehr schön hierzu die Ausführungen von Ernst von Glasersfeld). Konsequenterweise könnte man dann auch in einem bestimmten Sinne von Existenz sprechen, wenn nur eine metaphorische Konstruktion vorliegt. Ich muss allerdings gestehen, dass ich mir meiner eigenen Position hier nicht ganz sicher bin.

Schöne Grüße,
Moritz
Reinhard
Zitat:



Wie bereits zuvor von mir angedeutet, bedeutet die Möglichkeit funktionaler Alternativen zu bestimmten Theorien ja keinesfalls Beliebigkeit, lediglich andere Möglichkeiten zur Reduktion von Komplexität und somit der Beschreibung von Welt, bzw. von wahren Narrationen um bei Feyerabend zu bleiben (mit allen Schwierigkeiten der Frage nach dem Wahrheitskriterium...). Gestritten wird hier denke ich vor allem darum, auf welche Art und Weise man an die Aussagen die eine Theorie generiert, kommunikativ und im eigenen Handeln anknüpfen kann. Das ist für sich gesehen ja durchaus produktiv.


Hallo Mo.-M, da hängt wohl viel an dem Begriff der Möglichkeit. Wie gewinnt man denn " Möglichkeit "? Die gegenständliche Welt und das ist nun mal die Welt der Wissenschaft, da wir alles immer nur nach den Vorgaben von Raum, Zeit und Kausalität erkennen können, ist ja schon immer und wenn wir von der Wirkung auf die Ursache zu schliessen gehalten sind, ergeben unsere Gewohnheiten Veranlassung auf Wiederholungen zu schliessen unter sonst gleichen Umständen. Bestätigungen gibt es aber nur durch die Wirklichkeit, die den nichtgegenständlichen Betrachter voraussetzt und damit eine objektive Welt. Im existenziellen Sinne bilden der Betrachter und das Objektive aber einen Ereigniszusammenhang, der seine Einheitsbildung durch den Einzelnen erfährt. Damit ist der Einzelne aber unweigerlich ins Metaphysische gesetzt, wenn man so will, im Esse. In diesem, unseren Vorstellungen unzugänglichen Bereich, begegnen wir der Möglichkeit, die nur durch einen grundlosen Akt der Freiheit zur Wirklichkeit gelangen kann.

Auf den Akt der Entscheidung zwischen mehreren Theorien und den experimentellen Methoden ihrer Anwendung bezogen, lässt sich dadurch schlussfolgern, dass diese " Auswahl " von Gründen bestimmt wird und damit vorbestimmt ist. Man befindet sich in der Motivbestimmung des Einzelnen und das ist eine ganz schwierige Kiste. Insofern liegt auch die Beliebigkeit nicht in den Theorien, sondern im Dunkel der Entscheidungsfindung. Das betrifft natürlich auch die Paradigmen. Der Endpunkt der Betrachtung führt zur allgemeinen Ausgangsfrage zurück, die da heisst : Wie entsteht ein für uns nur gegenständlich vorstellbarer Willensakt? Schopenhauer gibt an, durch einen unmittlelbaren Übergang, nur, bleibt es auch hier beim vermeintlichen Wesensgehalt, den Lessing und auch Kierkegaard als " qualitativen Sprung " bezeichnen.

Da hat Wittgenstein ganz recht, wenn man schlussfolgert, geht das nur sinnvollerweise, wenn man innerhalb der jeweiligen Konstruktionen bleibt, durch die der Denkansatz bedingt ist. Hier eben auch, die Möglichkeit liegt im Metaphysischen, wie die Notwendigkeit auch und beide fallen erst in der Wirklichkeit in Eines.

Auf Deinen Exkurs bezogen, besagt das, dass die theoretischen Ergebnisse unseres Geistes, bis auf die meist marginalen Spuren im Gegenständlichen, Synapsenfunktionen und Übermittlung, entschieden und beinahe auschliesslich, dem geistigen Bereich zuzuordenen sind, der wiederum in die Ek-sistenz des Einzelnen eingebettet ist. Ek-sistenz ist aber wie ein Raum-Zeit-Kontinuum, nicht vorstellbar, wir müßten ja schon eine abschließende Vorstellung von uns selbst haben und das kann wohl keiner von sich sagen, wahrscheinlich nur Menschen, die dem oberflächlichen Denken verhaftet bleiben, setzen sich einfach voraus.

Es ist halt schon immer schwierig, Regeln aufzustellen, wenn man weiss, dass diese ständig angepasst werden müssen. Man kann nur hoffen, dass ausreichend kritischer Verstand vorhanden ist, um sinnvolle Anpassungen und Veränderungen zu bewirken. Für meine Begriffe wäre ein klar erkennbarer metaphysischer Stendpunkt des Einzelnen erforderlich. Der einzelne Wissenschaftler müßte die erkenntnistheoretischen Erörterungen philosophischer Prägung kritisch abwegen und in seine Arbeit einbeziehen, ohne sich mehr oder weniger blind darauf zu verlassen. Hier gilt für mich Eigen- vor Fremdfertigung. Leider ist es aber ein Zeichen der Zeit, dass das Outsourcen schnellere Erfolge zu versprechen scheint. In dieser so komplexen Welt ist es dem philosophisch denkenden Mensch kaum mehr möglich, die Entwicklungen der Wissenschaften zu verfolgen und den Wissenschaften der philosophischen Erörterung. Zeit ist knapp und Geld verdient werden muss auch immer noch und das Leben scheint in jeder Nachbetrachtung unendlich kurz.

Soweit nun noch die sog. Geisteswissenschaften allein an den Universitäten verbleiben und fast elitär den Tageskurs bestimmen wollen, also in Konkurrenz zu anderen Fakultäten sich sehen und nicht versuchen, zur Mündigkeit aller Bürger etwas beizutragen, verbleiben sie in den Augen der Öffentlichkeit im Bereich theoretischer Spinner und werden nicht mit dem nötigen Ernst wahrgenommen, der aber im Sinne von Glaubwürdigkeit, erforderlich ist. An philosophischer Bildung kann es immer nur mangeln, selbst wenn wir alle Philosophen wären.

Mit freundlichen Grüßen
Reinhard
Fliege
Jörg Friedrich, Instrumentalismus und Realismus in der Wissenschaftstheorie von Paul Feyerabend, S. 4 (verlinktes PDF):
Zitat:
Bei deskriptiver Betrachtung wird insbesondere bei vielen physikalischen Theorien des 20. Jahrhunderts weitgehend Einigkeit darüber bestehen, dass diese zunächst tatsächlich nichts beschreiben, sondern lediglich aus der Ableitung eines mathematischen Apparates zur Vorhersage von Tatsachen bestehen.

Aus einem mathematischen Apparat lassen sich keine Tatsachenaussagen ableiten, sofern deskriptiv nichts in diesen Apparat investiert worden ist.
Die Frage ist bloß, welche Tatsachen bei dieser Investition samt abgeleiteter Vorhersage beschrieben werden. Ein Realist sagt, beschrieben wird eine erkenntnisunabhängige Welt. Ein Idealist (Instrumentalist) sagt, beschrieben wird eine "Welt", wie sie erscheint.

Dazu bemerkte Eduard von Hartmann, Kritische Grundlegung des Transcendentalen Realismus; 3. Auflage, 1885, S. 81-82:
Zitat:
Der Idealismus [meine Einschub: Instrumentalismus] sucht im Allgemeinen mit der Naturwissenschaft auf gutem Fusse zu stehen, und thut so, als ob seine Weltanschauung Raum böte für die unveränderte Aufnahme aller naturwissenschaftlichen Errungenschaften, ja als ob dieselben eigentlich nur auf Grundlage seiner Voraussetzungen einen rechten Sinn hätten.
Der Idealismus nimmt ganz richtig an, dass die Naturwissenschaft sich nur mit den causalen Beziehungen von Erscheinungen unter einander beschäftigt, aber er fügt unrichtig die Annahme hinzu, dass die objectiven Phänomene, von denen die Naturwissenschaft redet, mit den subjectiven Erscheinungen der Erkenntnistheorie identisch seien, während sie sich zu diesen vielmehr als Dinge an sich, und nur zu der metaphysischen Wurzel des Daseins als Erscheinungen verhalten.
Die gesetzmäßigen causalen Beziehungen, welche die Naturwissenshaft ermittelt und feststellt, gelten niemals für unsere subjectiven Wahrnehmungsbilder untereinander, sondern immer nur für die von unserem vorstellenden Bewusstsein unabhängigen Dinge an sich, welche als correspondirende reale Correlate dieser Wahrnehmungsbilder supponirt werden. [...]
Wer also behauptet, oder der Behauptung Glauben schenkt, dass die Naturwissenschaft es mit einer immanenten Causalität zwischen subjectiven Erscheinungen zu thun habe, der lässt sich von dem bloss zufälligen Gleichklang des mehrdeutigen Wortes Erscheinung blenden, und hat über das Wesen der naturwissenschaftlichen Causalität niemals näher nachgedacht.
Mo-M.
Zitat:
Original von Reinhard
Hallo Mo.-M, da hängt wohl viel an dem Begriff der Möglichkeit. Wie gewinnt man denn " Möglichkeit "? Die gegenständliche Welt und das ist nun mal die Welt der Wissenschaft, da wir alles immer nur nach den Vorgaben von Raum, Zeit und Kausalität erkennen können, ist ja schon immer und wenn wir von der Wirkung auf die Ursache zu schliessen gehalten sind, ergeben unsere Gewohnheiten Veranlassung auf Wiederholungen zu schliessen unter sonst gleichen Umständen. Bestätigungen gibt es aber nur durch die Wirklichkeit, die den nichtgegenständlichen Betrachter voraussetzt und damit eine objektive Welt. Im existenziellen Sinne bilden der Betrachter und das Objektive aber einen Ereigniszusammenhang, der seine Einheitsbildung durch den Einzelnen erfährt. Damit ist der Einzelne aber unweigerlich ins Metaphysische gesetzt, wenn man so will, im Esse. In diesem, unseren Vorstellungen unzugänglichen Bereich, begegnen wir der Möglichkeit, die nur durch einen grundlosen Akt der Freiheit zur Wirklichkeit gelangen kann.


Hallo Reinhard,

erst einmal vielen Dank für die erneut ausführliche und sehr geistreiche Antwort!

Vielleicht zum ersten, "theoretischen" Teil deiner Ausführung: Dass der Beobachter und X (Du nennst es objektive Welt) den Ereigniszusammenhang bilden den wir als gegeben erkennen, scheint mir plausibel. Bezieht sich der Einzelne hier auf die Einheit des Subjekts in dem das Ereignis durch die Perspektive des Einzelnen geeint wird? (Als Einheit von Erkennendem im Verhältnis zu Etwas zu erkennenden?)

Ich habe vorhin X eingefügt, weil ich mich scheue, Aussagen über das zu treffen, was dem enstpricht, dass sich uns als (objektive) Welt darstellt. "Cogito ergo sum" steht für mich nach wie vor fest - allerdings ungeachtet der Frage, was mit sum/sein gemeint ist, ich bin mir nur sicher, dass es irgendetwas sein muss. Wenn das Sein bedeutet, dass ich mich als einheitliches Subjekt in beobachtender Position zu einer (objektiven) Welt befinde, dann kann ich über diese Welt die Vermutung anstellen, dass sie mir bestimmte Grenzen setzt. Dass ich nicht tun und lassen kann, was ich will, lässt mich auf die Idee der objektiven Welt schließen. Es ist doch tatsächlich nur eine Idee - eine sicherlich nicht ganz abwegige Idee, um es mal vorsichtig auszudrücken.

Dennoch: Für mich ist die Außenwelt gewissermaßen so etwas wie ein eigenes Postulat à la Kant. Ich muss an sie glauben, beweisen kann ich sie nicht. Etwas beweisen kann ich - hier wieder Wittgenstein - ohnehin nur innerhalb eines geschlossenen Systems, dem etwas zugrunde liegen muss, an das ich glaube.

Hier ist doch jetzt der spannende Punkt auf den Du mit Recht aufmerksam gemacht hast: Die Entstehung dieses grundlegenden Glaubens, somit gewissermaßen der Akt der Entscheidungsfindung, bleibt im Dunkeln. Ich würde statt Gründen gar eher von Ursachen sprechen, Gründe haben - zumindest in meinem Verständnis - bereits eine Theorie als Verknüpfung von Begriffen nötig, um Gründe zu sein: Gründe können mich zu rationalen Überlegungen zwingen, dafür müssen sie sich allerdings erst in einem System von Überzeugungen befinden.

Ich weiß nicht, was der Ursprung dieser Ursachen ist. Vielleicht ist dies die metaphysische Frage schlechthin. Ich glaube also an die Außenwelt als X und ich möchte auch nicht destruktiv-skeptisch, ja beinahe solipsistisch argumentieren: Ich akzeptiere, dass es etwas gibt, was meiner (absoluten) Freiheit Grenzen setzt. Dieses ist X. Allerdings ist die Beziehung von dem, an das ich als X glaube, zu mir als Beobachter (wo auch immer sich dieses verortet) derart unklar, dass ich mir sehr unsicher darüber bin, inwieweit sich mir meine Entscheidung für eine bestimmte Theorie durch die Außenwelt/X/das Gegenständliche tatsächlich mit der Notwendigkeit aufdrängt, die unsere induktiven Schlüsse auf Naturgesetze nahelegen, oder ob in der Beziehung zwischen dem, was Körper und Geist nennen nicht eine Anomalie herrscht (da sympathisiere ich mit dem Anomalen Monismus: Psychophysische Identität bei gleichzeitigem Nicht-unter-strikte-Gesetze-fallen dieser Beziehung). Inwiefern hier ein unmittelbarer Übergang, ein qualitativer Sprung stattfinden kann, da bin ich mir nicht sicher.

Ich möchte sagen: Widersprechen kann ich dir nicht ausdrücklich, allerdings ist die Art, wie das Gegenständliche meine eigene Theorie über es selbst bestimmen könnte, mir höchst undeutlich vorstellbar. Es ist allerdings eher eine Art Skeptizismus, der hier bei mir einsetzt.

Zu deinen Anmerkungen zu den Geisteswissenschaftlern: Sicher stehen diese in der Verantwortung, die Gesellschaft zu etwas mehr Kontemplation anzuregen. Allerdings frage ich mich auch, woher der teilweise doch sehr scharfe Anti-Intellektualismus herstammt, nicht in seiner berechtigten Ablehnung einer Pseudo-Weisheit, sondern in der Ablehnung jeglicher komplexer Reflektion als Blabla und Theorie-Gebrabbel. Dieser Mangel macht den Auftrag nur umso dringlicher, in der Frage der Verantwortung muss man jedoch eventuell etwas differenzierter sein, wie ich meine.

Schöne Grüße,
Moritz
Reinhard
Zitat:
Bezieht sich der Einzelne hier auf die Einheit des Subjekts in dem das Ereignis durch die Perspektive des Einzelnen geeint wird? (Als Einheit von Erkennendem im Verhältnis zu Etwas zu erkennenden?)


Hallo Mo.-M., nein, da jede Erkenntnis die Bildung von Formen durch das Ganzheitsprinzip erst ermöglicht, ist dieses Prinzip selbst, da Voraussetzung, nicht zu hinterfragen. Im Übergang von ontologischen Fragestellungen zu den gegenständlichen, erkenne ich mich selbst zunächst als eine Einheit. Diese Einheit steht aber immer schon in Relation zu den von mir als außen empfundenen Einheiten, ist also bedingt von dem was jeweils als absolut gesetzt wird. Jede Setzung erfolgt aber unter Außerachtlassung anderer Möglichkeiten der Betrachtung. Setzt man ein X, so wird unterschwellig suggeriert, dass diese Unbekannte in Bekanntes aufgelöst werden könnte. Das kann aber nie zutreffen, da ich mich durchaus kenne, nur eben nicht auf dem Wege rein logischer Erkenntnisse. Das ist, glaube ich, das, was Feyerabend meint, wenn er dem Mythos seinen Wahrheitsgehalt zubilligt, nicht mehr und nicht weniger als der sog. Wissenschaft auch. Das nicht im Gegenständlichen liegende Ganzheitsprinzip, lässt es nur zu, dass wir das X als Ganzes erkennen und uns auch, aber die Verbindung von beiden, vergleichbar dem Raum-Zeit-Kontinuum ist uns durch rein logische Erkenntnisformen nicht vorstellbar. Ob wir nun in ein Atom hineinschauen oder uns das Universum von innen betrachten, wir folgen dem Ganzheitsprinzip. Nur wird hier immer eine Unvereinbarkeit bestehen müssen, da wir eben einmal ein Ereignis vor dem Hintergrund unserer Vorstellung von außen und das andere mal vor unserer Vorstellung des Innen betrachten. Wenn man mag, erst das Zusammenwirken von innerem Zeitsinn ( Arithmetik ) und dem unser Außen erzeugenden Sinn für das Räumliche ( Geometrie ) erkennen wir die sich verändernden Erscheinungen der Materie, die selbst nichts außer Beharrlichkeit ist. Man erkennt hier leicht, dass unsere Semiotik und der übliche Sprachgebrauch, unterschellige Wertungen in diese Überlegungen mit hineintragen. Im physikalischen Kontext wäre ja alles ganz unverfänglich, wenn er isoliert betrachtet werden könnte, nur unterliegt er ja dem metaphysischen Ganzheitsprinzip, das seine Einheitsbildung aus der Einheit des Ichs ableitet.

Zitat:
Vielleicht ist dies die metaphysische Frage schlechthin.
Zitat:
Ich glaube also an die Außenwelt als X und ich möchte auch nicht destruktiv-skeptisch, ja beinahe solipsistisch argumentieren


Selbstredend liegen die metaphysischen Fragen schlechthin in dem Übergang von einem philosphischen Paradigma in ein anderes. Hier vom Ontologischen zum Mentalistischen aber wiederum nur unter Beteiligung des Linguistischen. Klingt mir verdammt nach Trinität. Wieso auch nicht?

Unter epistemologischen Gesichtspunkten allein und das habe ich oben schon angedeutet, habe ich keine Schwierigkeiten, den Solipsismus zur Seite zu stellen, obwohl ich weiss, dass er logisch nicht überwindbar ist. Auf metaphysischer Ebene sieht das schon anders aus. Übergebe ich mich meinetwegen der Willensmetaphysik, dann kann ich nur durch den allgemeinen Glauben eine Überzeugung gewinnen. Beweise gibt es nicht und alle Erfahrung reicht zur Bestätigung nie aus. Jede andere Behauptung oder Deutung besteht neben unzähligen anderen. Alles scheint gleich sinnvoll oder eher sinnlos.

Erst wenn die solipsistische Vorstellung mich meiner Icheinsamkeit bewußt werden lässt und ich an Zufall und gänzliche Abgeschlossenheit nicht glauben kann, werde ich mich entscheiden müssen, ob es für mich eine Glaubensgewissheit geben kann oder nicht. Hier gibt es aber nur noch bedingungslose Hingabe. Hier schweigt dann der Philosoph, wie Vergil den Dante nicht in das ewige Paradies des Gottschauens in Form seiner Beatrice, begleiten konnte. Hier liegt das Mysterium der christlichen Gnadenwahl oder das Nirvana.

Mit freundlichen Grüßen
Reinhard
Mo-M.
Zitat:
Original von Reinhard
Hier gibt es aber nur noch bedingungslose Hingabe. Hier schweigt dann der Philosoph, wie Vergil den Dante nicht in das ewige Paradies des Gottschauens in Form seiner Beatrice, begleiten konnte. Hier liegt das Mysterium der christlichen Gnadenwahl oder das Nirvana.


Hallo Reinhard,

aufgrund der Tatsache, dass ich leider im Moment viel zu viel zu tun mit den letzten Zügen der Bachelorarbeit, hat's leider etwas mit der Antwort gedauert. Auf jeden Fall noch einmal vielen Dank für die spannende Diskussion, du hast mir noch Einiges zu Denken mit auf den Weg gegeben.

Wunderschön auch das Schlusswort oben, welches zwar kein Schlusswort schlechthin, aber doch eines zu dieser Unterhaltung - die ja einmal bei Paul Feyerabend begann - sein kann.

Schöne Grüße,
Moritz