Wahrheit und Bedeutung

Jörg

Link: Wahrheit und Bedeutung

"Der König steht auf dem Blatt" - das ist ein Satz, dessen Bedeutung und dessen Wahrheit
ganz von der Situation abhängt, in der er gesprochen wird.

-Soso-
@Jörg

Hi.

Da kamen eine ganz schöne Menge Thesen in deinem Podcast zur Sprache. Ich denke, zentral ist deine Kritik am Wittgensteinschen „einen Satz verstehen heißt, wissen, was der Fall ist, wenn er wahr ist“ sowie dein Gegenvorschlag.

Zu deiner Kritik:

Deine Kritik am Wittgensteinschen Verstehenskriterium scheint zu sein, dass dieses bei mehrdeutigen Sätzen versage. Als Beispiel präsentierst du den GESPROCHENEN Satz:

(1) Der König steht auf dem Blatt.

Dass es mehrdeutige Sätze gibt, ist freilich nicht zu leugnen, doch dein Beispiel empfinde ich als recht unglücklich gewählt. So sagst du, dass dieser Satz bedeuten könne, dass (a) eine Schachfigur oder dass (b) der Ausdruck „Der König“ auf einem Blatt Papier stehe. Wenn man (1) ganz isoliert HÖRT, lässt sich tatsächlich nicht entscheiden, ob (a) oder (b) gemeint ist; schreibt man den Satz jedoch auf, dann wird die Sache trivial. Der Satz (1), so, wie er oben geschrieben steht, kann nicht (b) bedeuten. Sollte er (b) bedeuten, dann müsste er geschrieben werden:

(2) „Der König“ steht auf dem Blatt.

Es sind die Anführungszeichen, die hier den Unterschied machen, ob der Ausdruck „der König“ auf eine Schachfigur oder auf einen Ausdruck referiert. Hier nimmt die viel beschworene Unterscheidung von Objekt- und Metasprache deinem Beispiel seinen Witz.

Wie dem auch sei, dein Argument gegen das Wittgensteinsche Verstehenskriterium ist, dass im Falle eines mehrdeutigen Satzes S der eine Sprecher den Satz auf die eine Weise verstehen könne, ein anderer auf eine andere Weise. Gefragt nach den Wahrheitsbedingungen von S würden beide Sprecher alsdann verschiedene Antworten geben.

Dieses Argument verstehe ich nicht. Inwiefern ist das eine Kritik an Wittgensteins Auffassung? Wenn ein Satz S mehrdeutig ist, dann hat er eben mehrere Bedeutungen. Den Satz S verstanden zu haben, heißt dann, ALLE diese Bedeutungen zu kennen, d.h. ALLE damit verknüpften Wahrheitsbedingungen zu kennen. So lassen sich die Wahrheitsbedingungen des mehrdeutigen Satzes „Hinz hat keine Kohle“ etwa folgendermaßen angeben:

Der Satz „Hinz hat keine Kohle“ ist wahr genau dann, wenn Hinz keinen fossilen Brennstoff Kohle hat oder wenn Hinz kein Geld hat oder... .

Alternativ kann man einen mehrdeutigen Satz S auch als eine Vielzahl von Sätzen analysieren, die lediglich alle gleich klingen und argumentieren, dass bei der Äußerung etwa des Satzes „Hinz hat keine Kohle“ schlicht unklar ist, welcher Satz gemeint ist.

Zu deinem Gegenvorschlag:

Du schlägst als Alternative zu der o.g. Auffassung vor, dass einen Satz verstehen heiße, die rechtfertigenden Gründe für seine Behauptung zu kennen. Das greift jedoch nicht weit genug. Angenommen, jemand äußerte „blubb“ und ich fragte ihn, wie er diese Äußerung rechtfertigt, dann könnte er mir antworten „weil 'blubb' wahr ist“. In diesem Falle würde ich zwar die Rechtfertigung für „blubb“ kennen, aber nach wie vor nicht seine Bedeutung.

Außerdem sagst du, dass man einen Satz offensichtlich auch dann verstanden habe, wenn man ihn richtig gebrauchen könne. Erklärt das aber wirklich, was es mit dem Verstehen eines Satzes auf sich hat? Sagt man nicht schon anders herum, dass man einen Satz richtig gebrauchen könne, wenn man in verstanden hat? Dadurch wird die ganze Sache zirkulär.

Weiterhin sagst du in Betreff deiner beiden Vorschläge – dem Kennen einer Rechtfertigung sowie dem Wissen um den richtigen Gebrauch –, dass dies nur funktioniere, wenn der fragliche Satz, nach dessen Bedeutung gefragt wird, wahr ist. Warum? Man kann doch auch eine Lüge rechtfertigen oder ganz gezielt mit falschen Aussagen Menschen manipulieren.

PS: Ich weiß nicht, ob meine Anmerkungen gerechtfertigt sind, denn ich muss zugeben, dass mich das Gefühl beschleicht, überhaupt nicht verstanden zu haben, worauf du hinaus willst.
Cosmo
Wenn es erlaubt ist, ein Tipp zur Aufnahme/ Lichttechnik: die Beleuchtung von UNTEN wird immer vermieden (es sei denn man verfolgt irgend eine konkrete Absicht damit). Grund: es erscheint dem Zuschauer immer unnatürlich, denn Licht kommt (in natürlicher Umgebung) immer (mehr oder weniger) von oben. Nur in alten Theatern und in Westen-Saloon-Bühnen kam das Licht von vorne unten.
Gruß, Cosmo
meloyello
Über die Bedeutung von Gestikulation nachgedacht?
Jörg
@Soso: Ich habe bewusst keine Autoren genannt, weil ich mich auf mehrere bezogen habe. Da du nun aber meine Darstellung als meinen Vorschlag in Reaktion auf Wittgenstein liest, ist mir das etwas peinlich. Eigentlich referiere ich hier den Standpunkt Quines (in Word and Object) und Dummetts (in "Wahrheit" und in "Wahrheit und Vergangenheit")

Worauf ich hinaus will ist: Wir können die Bedeutung eines Satzes nicht auf seine Wahrheitsbedingungen reduzieren, wie Quine meinte. Die Bedeutung des Satzes "Der König steht auf dem Blatt" kann ich eben nicht verstehen, wenn ich seine Wahrheitsbedingungen kenne, weil diese ja sehr unterschiedlich sein können - ebenso wie bei deinem Satz mit der Kohle. Deshalb hat Dummett die Idee eingeführt, und schließt sich damit eigentlich eher an Wittgenstein an (Die Bedeutung ist der Gebrauch in der Sprache) eine rechtfertigungsorientierte Bedeutungstheorie zu finden.

@Cosmo: Du hast Recht, das ist mir beim Schneiden dann auch aufgefallen. Ich hatte gehofft, es stört nich sehr. Danke für den Tipp.

@meloyello: Eigentlich schon. Was meinst du genau? Was stört? Bin für jede Anregung dankbar.
ewig
Das lustige ist ja, daß die Sprachwissenschaft dieses ganze Paradigma längst kassiert hat, was von weiten Teilen der Philosophie aber nicht zur Kenntnis genommen wird, weil man sich bevorzugt mit Denkern auseinandersetzt, die ihre Gedanken vor der Systematisierung der Frage, auf welche Weise Sprechen Handeln und in die Lebenswirklichkeit eingebettet ist, niedergeschrieben haben.
meloyello
@Jörg
Zitat:
Eigentlich schon. Was meinst du genau? Was stört? Bin für jede Anregung dankbar.


Deine Gestikulation ist symmetrisch und mit sehr niedrigem Wortschatz. Du verstehst, was ich meine.
Jörg
@ewig: Das ist zum Teil richtig. Dummets Text allerdings ist recht neu, die Vorlesungen, auf denen er beruht, sind 2001 gehalten worden. Er bezieht sich ausdrücklich auf behauptende Aussagesätze.

Ich gebe dir aber aus einer ganz anderen Richtung recht, die Sprachphilosophie hat sich insgesamt zu wenig mit dem Handlungsaspekt der Sprache beschäftigt.

@meloyello: Danke für den Hinweis, ich werde versuchen, daran zu arbeiten.
carsten aus bochum
Hi Soso, Jörg und andere.

Ich kann die Dinger leider nicht hören/sehen, insofern kann ich nur auf die Reaktionen reagieren.
Aber:

Zitat:
„Du schlägst als Alternative zu der o.g. Auffassung vor, dass einen Satz verstehen heiße, die rechtfertigenden Gründe für seine Behauptung zu kennen. Das greift jedoch nicht weit genug. Angenommen, jemand äußerte „blubb“ und ich fragte ihn, wie er diese Äußerung rechtfertigt, dann könnte er mir antworten „weil 'blubb' wahr ist“. In diesem Falle würde ich zwar die Rechtfertigung für „blubb“ kennen, aber nach wie vor nicht seine Bedeutung.“


Das ist doch eigentlich auch nicht der Punkt. Wenn ich nun sage: „‚Blubb‘ bedeutet für mich, die Steigerung von ‚Blibba‘“ tritt man noch immer auf der Stelle. Was hier wie dort fehlt, ist die intersubjektive Nachvollziehbarkeit des Gesagten, was man aber natürlich eingrenzen kann, durch geeignete Subsititutionen bzw., wenn jemand schon weiß was „Steigerung von“ oder „ist wahr“ bedeutet, durch gezielte Nachfrage, ggf. dem Würmer aus der Nase ziehen.

Ansonsten sind Sätze halt kontextabhängig und ich glaube, man muss sich schon anstrengen, Kontexte vollkommen (statt teilweise) verschieden zu verstehen. War das Lächeln bei der Bemerkung freundlich oder sarkastisch, höhnisch oder einschmeichelnd...? Darüber mag man geteilter Meinung sein.
Aber die Überlagerung der Kontexte (ihre Schnittmenge) und ihre intersubjektiver Abgleich bringt in aller Regel doch mehr Klarheit als Verwirrung, selbst bei eigenwilligen Kontextbrüchen: „Hast du auch bemerkt, dass er an einigen Stellen immer so unpassend gegrinst hat?“

Zitat:
„Außerdem sagst du, dass man einen Satz offensichtlich auch dann verstanden habe, wenn man ihn richtig gebrauchen könne. Erklärt das aber wirklich, was es mit dem Verstehen eines Satzes auf sich hat? Sagt man nicht schon anders herum, dass man einen Satz richtig gebrauchen könne, wenn man in verstanden hat? Dadurch wird die ganze Sache zirkulär.“


Ja, da gibt es wohl tatsächlich Unterschiede. Darauf weist Brandom ja auch hin. Etwas wiederholt richtig anwenden zu können, bedeutet noch nicht zwingend, etwas verstanden zu haben, sondern nur, dass ich weiß, wenn die Sirene ertönt, muss ich den roten Knopf drücken. Was ich tue ist möglicherweise völlig richtig (sozialperspektivisch), aber bis auf die Handlung selbst, und vielleicht noch nichtmal das, muss ich nicht zwingend wissen, warum ich tue, was ich tue, bzw. es könnte unterschiedlich weite Begründungen geben.
1) Ich könnte einen IQ von 40 haben und keine Ahnung von nichts, aber durch Lohn und Strafe derart konditioniert worden sein, dass ich zuverlässig immer bei dem Sirenenton den roten Knopf drücke. – Ich weiß nicht was ich tue und im Grunde auch nicht warum.
2) Es könnte sein, dass ich sage: „Es gehört zu meinen Pflichten, im Rahmen meines Berufs, immer dann wenn die Sirene ertönt, den roten Knopf zu drücken.“ – Ich weiß, was ich tue, aber nicht genau warum, bzw. die Wirkung meines Handelns sind mir nur im Bezug auf die Folgen für mich halbwegs klar.
3) Ich könnte detailliert ausführen, was es bedeutet, wenn die Sirene ertönt, dass nämlich im Werk ein größerer Unfall geschehen ist und ich mit dem roten Knopf spezielle Funkleitungen freischalte und andere blockiere, was wichtig ist, weil dann eine übergeordnete Kommunikationsebene aktiv werden kann und dabei nicht gestört wird. – Ich weiß was ich tue und warum, aber es ist unklar ob ich darüber weiter reflektiert habe.

Zudem könnten ja noch übergeordnete Motiv mit hineinspielen, so dass man

4) Begründung 3) angeben kann mit dem Zusatz „... und da ich mich der Laden hier schon lange ankotzt, warte ich nur darauf, dass es sich richtig lohnt um dann den Knopf nicht zu drücken.“ – Ich habe reflektiert, weiß was ich wann warum tue, und was warum nicht.

Der Weg von der Konditionierung zur Handlung, wie mir scheint, wobei jede tiefere Begründung neue Fragen aufwirft. Dass man weiter treiben. Die sich abzeichnende Mixtur diverser, an sich (einzeln betrachtet) vielleicht determinierender Motivationstränge könnte das generieren was ich Freiheit nennen würde, wobei ich nicht weiß, ob das zum Thema passt, deshalb nur mal als kühner Einschub.

So kann man natürlich auch in der zwischenmenschlichen Kommunikation seine Floskeln absondern und dabei hirntechnisch weitgehend im stand by- Modus verweilen, wer kann sich davon schon freisprechen?
Man gibt dann auch die „richtigen Antworten“ und plappert mehr oder minder bedeutungslos dahin.
„Ach du? Wie isset?“ „Ja muss nä, un selbs?“ „Jo, man schlächt si so durch. Und sonz?“ „Du weiß do, schlechten Menschen gehdet imma gut.“ „Jo, schönen Gruß an zuhause.“ „Ja auch, schönen Tach no, nä.“
(Die Metaanalyse würde natürlich erweisen, dass da sämtliche bedeutenden Informationen übermittelt wurden, sie Mann sich so zu sagen hat.)

Zitat:
„PS: Ich weiß nicht, ob meine Anmerkungen gerechtfertigt sind, denn ich muss zugeben, dass mich das Gefühl beschleicht, überhaupt nicht verstanden zu haben, worauf du hinaus willst.“


Im Wirtschaftsleben wäre das eine Spekulationsblase?

Gruß,

Carsten
-Soso-
@Jörg

Hi.

Du schreibst, du würdest den Standpunkt von Quine und Davidson referieren, aber in dieser Hinsicht halte ich deine Ausführungen für nicht korrekt. Zunächst einmal versuchen die beiden ja gar nicht, der Bedeutung von Sätzen durch eine Analyse ihrer Wahrheitsbedingungen auf die Schliche zu kommen. Vielmehr fragen sie nach den Behauptungsbedingungen von Sätzen.

Weiter sagst du, die Philosophen seien schnell darin übereingekommen, als primäre Bedeutungsträger nicht einzelne Wörter, sondern ganze Sätze zu betrachten. Doch Quine und Davidson gehen hier über Frege hinaus. Während dieser sagt, ein Wort habe nur im Satzzusammenhang Bedeutung, fügen jene an: „und ein Satz hat nur im Zusammenhang einer Sprache Bedeutung“. Das ist der semantische Holismus von Quine und Davidson, der im Thread zu deinem Davidsonpodcast ja schon einmal zur Sprache kam.

Auch schreibst du:

Zitat:

Worauf ich hinaus will ist: Wir können die Bedeutung eines Satzes nicht auf seine Wahrheitsbedingungen reduzieren, wie Quine meinte.


Hier hast du Quine missverstanden. Die Bedeutungstheorie, die Quine u.a. in Word and Object präsentiert, ist kein Selbstzweck (wie etwa diejenige von Davidson). Quines Bedeutungstheorie ist eingebettet in ein Argument, das kritisch, wenn nicht gar destruktiv ist. Dieses übergeordnete Argument ist ein Argument gegen die althergebrachte Semantik, die mit Entitäten wie Bedeutungen hantiert. Nach Quine ist die Annahme von Bedeutungen völlig nutzlos, da niemand weiß, was Bedeutungen eigentlich sind. An zentraler Stelle dieses Argumentes steht dabei die sog. These der Unbestimmtheit der Übersetzung, welche Quine als Argument GEGEN seine eigene Bedeutungstheorie formuliert. Dieses besagte kritische bis destruktive Argument Quines lautet etwa folgendermaßen:

Wenn wir nach der Bedeutung eines Satzes S fragen, dann haben wir mehrere Möglichkeiten, eine Antwort zu finden. Vielleicht kennen wir die Bedeutung von S und müssen daher nur kurz überlegen. Kennen wir die Bedeutung von S nicht, können wir einen Übersetzer fragen oder im Wörterbuch nachschlagen. Es fragt sich jedoch: woher wissen wir oder ein Übersetzer oder der Autor des Wörterbuches denn, was S bedeutet? Womöglich von anderen Übersetzern. Doch woher wissen diese dann, was S bedeutet? Fragt man so immer weiter, kommt man irgendwann einmal bei einem Erstübersetzer an, der, ohne die Bedeutung von S zu kennen oder andere Übersetzer um Rat fragen zu können, die Bedeutung von S ermittelt hat. Wie hat dieser Erstübersetzer die Bedeutung von S ermittelt? Quine sagt, er habe dies mit empirischen Mitteln getan – die Details stehen im zweiten Kapitel von Word and Object. Die Kernidee ist, dass der Erstübersetzer versucht, die Behauptungsbedingungen von S zu ermitteln. Auf diese Weise arbeitet sich der Erstübersetzer schließlich durch die gesamte Sprache, zu der S gehört, um diese schließlich in ihrer Gesamtheit zu übersetzen.

Nun formuliert Quine die These der Unbestimmtheit der Übersetzung. Laut dieser These reiche es nicht aus, die Behauptungsbedingungen eines Satzes S zu kennen, um die Bedeutung von S zu determinieren – dies dürfte im Wesentlichen dein Argument sein.

Zuletzt verknüpft Quine beide Argumentationsstränge und erhält so sein kritisches bis destruktives Ergebnis: Wenn wir nach der Bedeutung eines Satzes fragen, so geht die Antwort letztlich auf so etwas wie eine mit empirischen Mitteln geführte Untersuchung zurück. Eine mit empirischen Mitteln geführte Untersuchung kann jedoch die Bedeutung von Sätzen nicht eindeutig bestimmen. Ergo können wir die Bedeutung jedes beliebigen Satzes nicht bestimmen. Ergo können wir es uns schenken, in der Semantik von Bedeutungen zu reden und sollten die Probleme anders angehen.

In diesem Sinne ist eine Kritik an Quines Bedeutungstheorie kein Argument gegen Quine, sondern eines für ihn, denn auf nichts anderes will Quine ja hinaus. Will man Quine kritisieren, dann müsste man vielmehr zeigen, dass man Bedeutungen doch irgendwie auf die Schliche kommen kann, doch das ist bisher niemandem gelungen. Außerdem sollte man sich fragen, was man mit der Annahme von Bedeutungen überhaupt gewinnt und ob es nicht auch ohne geht.
mark
Zitat:
Original von carsten aus bochum
Ich kann die Dinger leider nicht hören/sehen...

himmel, schon seit jahren geht das jetzt so. da wird doch mal ne ordentliche maschine drin sein...?
mark
nicht, dass es von bedeutung wäre, aber ich würde dem voll zustimmen.
eliskases
Zitat:
Original von -Soso-

In diesem Sinne ist eine Kritik an Quines Bedeutungstheorie kein Argument gegen Quine, sondern eines für ihn, denn auf nichts anderes will Quine ja hinaus. Will man Quine kritisieren, dann müsste man vielmehr zeigen, dass man Bedeutungen doch irgendwie auf die Schliche kommen kann, doch das ist bisher niemandem gelungen. Außerdem sollte man sich fragen, was man mit der Annahme von Bedeutungen überhaupt gewinnt und ob es nicht auch ohne geht.

M.E. hat sich die analytische Sprachphilosophie nach Ryle, Austin und Searle mittlerweile viel zu weit von der "normalen" Sprache entfernt. Ich weiß gar nicht, wie man sinnvoll formulieren können will, dass man auf die Annahme von "Bedeutungen" des Wortes und des Satzes verzichten kann, ohne offenkundigen Unsinn über die Entschlüsselbarkeit des eigenen Textes zu produzieren? Es sei denn, man definiert "Bedeutung" in einer Weise, wie sie alltagssprachlich nicht verwendet wird. Ich würde also sogar umgekehrt formulieren, dass jeder einer Sprache mächtige sehr genau wissen muss, was Bedeutungen sind, er kennt nur möglicherweise nicht alle Bedeutungen und kann den Bedeutungsbegriff auch nicht konsistent bestimmen, was er aber auch nicht muss. Ich folge Quine zwar darin, dass es streng genommen keine "Übersetzungen eines Textes" gibt, aber es gibt Übertragungen, und die können den Bedeutungsgehalt eines Textes und der Sätze, die ihn ausmachen, mehr oder weniger gut treffen. Wie gut oder schlecht, dies ist nicht allein von der Sprechergemeinschaft abhängig.
-Soso-
Hi.

@carsten

Ich stimme dir in weiten Teilen zu, daher stürze ich mich mal nur auf die folgende Aussage:

Zitat:

Wenn ich nun sage: „‚Blubb‘ bedeutet für mich, die Steigerung von ‚Blibba‘“ tritt man noch immer auf der Stelle. Was hier wie dort fehlt, ist die intersubjektive Nachvollziehbarkeit des Gesagten, was man aber natürlich eingrenzen kann, durch geeignete Subsititutionen bzw., wenn jemand schon weiß was „Steigerung von“ oder „ist wahr“ bedeutet, durch gezielte Nachfrage, ggf. dem Würmer aus der Nase ziehen.


Womöglich mache ich es mir ein wenig zu einfach, aber ist die Behauptung, die fragliche Rechtfertigung müsse intersubjektiv nachvollziehbar sein, nicht bloß eine anderen Formulierung für „die fragliche Rechtfertigung müsse verstanden werden können, müsse verständlich sein“? Insofern würde der Vorschlag Jörgs dann lauten „einen Satz verstehen heißt, die verständlichen rechtfertigenden Gründe für seine Behauptung zu kennen“. Was aber heißt denn „verstehen“?

@eliskases

Dass ein Sprecher weiß, was er selbst mit einem von ihm geäußerten Satz S meint, was S für ihn bedeutet, ist gewiss unbestritten – dieses Argument hat übrigens auch Searle gegen Quine vorgebracht. Die Frage aber ist, woher ein Sprecher wissen soll, was ein anderer mit einem Satz T meint bzw., auf eine gesamte Sprache bezogen, was ein Satz T in der Sprache, der er angehört, bedeutet. Die Tatsache, dass innersprachliche Kommunikation meist außerordentlich gut funktioniert, spricht freilich dafür, dass die Sprecher einer Sprache wohl schon – wenn man das so sagen will – in etwa gleiche Vorstellungen von den Bedeutungen der Sätze ihrer Sprache haben. Genügt das aber, um sagen zu können, die Sprecher einer Sprache hätten DIESSELBEN Vorstellungen von den Bedeutungen der Sätze ihrer Sprache? Quine antwortet hierauf mit „nein“. Dass die Kommunikation zweier Sprecher miteinander funktioniert, sei kein Grund, anzunehmen, dass beide mit denselben Sätzen dieselben Bedeutungen verbinden würden. Gerade das besagt die These der Unbestimmtheit der Übersetzung: Zwei Übersetzungshandbücher für eine Quellsprache Q könnten sich in der Praxis wunderbar bewähren, d.h. reibungslose Kommunikation mit einem Sprecher von Q erlauben, und doch miteinander unverträglich sein und gar im Widerspruch zueinander stehen. Die Frage, die Quine leider nie beantwortet, ist, wie groß diese Unbestimmtheit der Übersetzung denn tatsächlich ist. Es gibt zwar Beispiele etwa in der Mathematik die unterschiedlichen mengentheoretischen Darstellungsweisen von natürlichen Zahlen betreffend und Quine selbst präsentiert in...ich glaube, Ontological Relativity war's, ein Beispiel einer Übersetzungsunbestimmtheit bei der Übersetzung des Japanischen ins Englische, doch wirkt dieses Beispiel im Lichte der gewagten Behauptung Quines, dass verschiedene Übersetzungen ein und derselben Sprache gar in Widerspruch zueinander stehen könnten, geradezu lächerlich (es geht um einen ganz winzigen Wortfetzen des Japanischen, und wenn das schon das beste natürlichsprachliche Beispiel ist, dass Quine, der immerhin rund ein dutzend Sprachen beherrschte, einfiel, dann kann die Sache ja doch nicht so schlimm sein). In diesem Sinne glaube ich nicht, dass die Übersetzungsunbestimmtheit so gewaltig ist, wie Quine sie darstellt; dass sie da ist, lässt sich jedoch m.E.n. nicht leugnen.

Zitat:

Ich weiß gar nicht, wie man sinnvoll formulieren können will, dass man auf die Annahme von "Bedeutungen" des Wortes und des Satzes verzichten kann, ohne offenkundigen Unsinn über die Entschlüsselbarkeit des eigenen Textes zu produzieren?


Ich möchte dir nichts unterstellen, aber es ist gerade dieses Paradigma, aus welchem du, wie ich glaube, die o.g. Behauptung heraus gemacht hast, gegen das Quine argumentiert. „Language is a social art“ ist der erste Satz in Word and Object und genau darum geht es. Sprache tritt im sozialen Kontext auf und in der Semantik kann es eigentlich nur darum gehen, wie man mittelst Sprache mit seinem sozialen Umfeld interagiert. Aber warum sollte man hier Bedeutungen postulieren müssen? Was erklärt es, wenn man sagt, ein Sprecher könne einen Satz S richtig gebrauchen, weil er dessen Bedeutung kennt? Was sind denn Bedeutungen? Ich schließe mich in solchen Fällen Quine an und bin der Meinung, dass der Zusatz „weil er dessen Bedeutung kennt“ fadenscheinig ist und nicht das geringste erklärt. Viel aufschlussreicher finde ich „ein Sprecher kann einen Satz S richtig gebrauchen, weil er den Gebrauch von S erlernt hat“ (am besten gefolgt von einer Darstellung des Lernvorgangs). Na klar, klingt trivial, ist aber im Gegensatz zum davor genannten Satz (a) empirisch überprüfbar und erklärt (b), warum jemand einen Satz richtig gebrauchen kann, auch wenn das nicht so spektakulär ist, wie erst einmal eine riesige Bedeutungstheorie aufzustellen, darin dann Bedeutungen anzunehmen und zu sagen, DAS hat der Sprecher von S erkannt.

Ich empfinde in diesem Zusammenhang Wittgenstein als paradigmatisch, wenn er als Bedeutung eines Wortes in den meisten Fällen dessen Gebrauch annimmt. Wozu benötigt man dann in diesen besagten Fällen noch Bedeutungen? Statt von Bedeutungen kann man auch einfach vom Gebrauch in der Sprache reden; die Einführung von Bedeutungen dient hier bloß noch der Sprachökonomie.

Zitat:

Ich folge Quine zwar darin, dass es streng genommen keine "Übersetzungen eines Textes" gibt, aber es gibt Übertragungen, und die können den Bedeutungsgehalt eines Textes und der Sätze, die ihn ausmachen, mehr oder weniger gut treffen. Wie gut oder schlecht, dies ist nicht allein von der Sprechergemeinschaft abhängig.


Quine würde erwidern, dass wir gar keinen Maßstab hätten, zu entscheiden, wie gut wir denn mit einer Interpretation die Bedeutung eines Satzes oder Textes getroffen haben. „mishap is impossible“ – „Irrtum ist unmöglich“ – schreibt er. Um sagen zu können, jemand habe mit einer Interpretation die Bedeutung eines Satz mehr oder minder gut getroffen, müsste man die Bedeutung des fraglichen Satzes schon kennen; vor allem müsste man wissen, was Bedeutungen überhaupt sind...und wenn man dann, wie heutzutage üblich, wieder dazu kommt, dass Bedeutungen irgendwie mit dem Gebrauch von Sätzen in der Sprache zusammenhängen, nun ja, siehe den Teil mit Wittgenstein.
Nik
Zitat:
-Soso-: Quine würde erwidern, dass wir gar keinen Maßstab hätten, zu entscheiden, wie gut wir denn mit einer Interpretation die Bedeutung eines Satzes oder Textes getroffen haben.

Schwingt immer etwas wie ein Bezug auf die Möglichkeit einer einzigrichtigen Auslegung des jeweiligen Satzes/Textes mit.
Und dabei stellt sich mir die Frage, ob hierin nicht die Nachwehen der langen Tradition der Orientierung an einer Perfektibilität des Seins zu erkennen sind, die die Ontologie der klassischen realistischen/rationalistischen Erkenntnistheorien auszeichnete.

Zu bemerken ist, dass, wie bei allen Skeptizismen, der Umstand berücksichtigt werden kann, dass Quines Skepsis selbst eine Strukturdeterminierung der Überzeugtheit benutzt, um seine Kritiken ztu formulieren.
Anstatt von "keinen Maßstab besitzen" darf man von daher konstruktivistisch anschließen, einfach "mehrere mögliche Maßstäbe" der Auslegung zu besitzen, die dann auch zu mehreren möglichen Wahrheiten führen.

Hieran ist dann auch ohne weiteres die Idee anschließbar, dass das Besondere der individuellen Wahrnehmung/Auslegung und das Allgemeine ihrer Miteilteilbarkeit evolutiv möglicherweise Annäherung erfährt, dass also der Prozess der Individualisierung auf eine Überwindung der Inkkommunikabilität bspw. der Ich-Erfahrung zielen könnte, was eine erhebliche Diversifikation des sozialen Systems der Kommunikation bedeutete.

Nik
Jörg
@Soso: Vielen Dank für deine ausfühliche Stellungnahme - vor allem für die Erläuteung von Quines Standpunkt, die ich mir noch genauer ansehen werde. Eine kleine Korrektur zunächst, ich schrieb nichts von Davidson, sondern von Dummett.

@alle: Vielen Dank shonmal für alle Diskussionsbeiträge. Damit jeder die Möglichkeit hat, sich meine Überlegungen, von denen der Podcast sozusagen nur ein "Abklatsch" ist, anzusehen, stelle ich jetzt hier zwei längere Texte ein, einen zu Dummett und einen zu Quine, ich würde mich freuen, wenn ihr euch die Mühe machtet, sie zu lesen und zu kritisieren.

edit: Der Text zu Dummett kommt später.

Quines Kritik an Russell und Ryle

W.V.O. Quine hat in seinem Werk „Wort und Gegenstand“ bestritten, dass Worte wie „Existenz“ in unterschiedlichem Kontext verschiedene Bedeutungen haben. Vielmehr plädiert er für eine Interpretation, in der die Bedeutung solcher Termini gleich bleibt und die Änderung der Bedeutung des gesamten Satzes sich nur daraus ergibt, dass eben diejenigen Termini, auf die sich Begriffe wie „Existenz“ oder auch „Wahrheit“ bezie-hen, eben unterschiedlich sind.
Quine schreibt: „Weshalb sollte man ‚wahr’ nicht als eindeutig, aber sehr allgemein auffassen und im Unterschied zwischen wahren logischen Gesetzen und wahren Geständnissen lediglich den Unterschied zwischen logischen Gesetzen und Gegenständen sehen? Und warum sollte man die Existenz nicht ebenso auffassen?“ Im Zusammen-hang mit der Diskussion der Unterscheidung zwischen der Existenz von konkreten und abstrakten Gegenstände schreibt Quine über Philosophen, die die Existenz konkreter Gegenstände behaupten, die der abstrakten jedoch ablehnen: „Dringt man weiter auf sie ein, erklären sie vielleicht, dass abstrakte Gegenstände nicht auf die gleiche Weise exis-tieren wie physikalische. Sie sagen, der Unterschied zwischen ihnen sei nicht bloß ein Unterschied zwischen zwei Arten von Gegenständen – die einen in Raum und Zeit, die anderen nicht – sondern ein Unterschied zwischen zwei Bedeutungen von ,es gibt’.“ Quine betrachtet solches Denken als „philosophische Doppelzüngigkeit“ die darin be-steht, „dass es sinnlos ist, zwischen verschiedenen Bedeutungen von ‚es gibt’ für kon-krete und abstrakte Gegenstände einerseits und einer einzigen Bedeutung für beide Ar-ten von Gegenständen andererseits zu unterscheiden.“ Allerdings notiert Quine unter Verweis auf Putnam dann in einer unmittelbar zu diesem Zitat gehörenden Fußnote: „Es ist aber vielleicht dennoch nicht ganz ausgeschlossen, einen gewissen Sinn mit dem bekannten vagen Gedanken zu verbinden, demzufolge die Annahme abstrakter Entitä-ten irgendwie ein rein formales Mittel ist – im Gegensatz zum stärker faktenbezogenen Charakter der Annahme physikalischer Gegenstände.“
Quine führt an dieser Stelle nicht aus, was er selbst unter „Existenz“ oder „es gibt“ ver-steht, aber sein Ansatz, dass diese Formulierungen für verschiedene Arten von Gegenständen immer die gleiche Bedeutung haben sollen, und dass Unterschiede in den Be-deutungen von Existenzbehauptungen nicht in unterschiedlichen Bedeutungen von „E-xistenz“ sondern in den Unterschieden zwischen den Gegenständen, über die Existenz behauptet wird, zu suchen sind, ist bedenkenswert.
Quines Kritik bezieht sich ausdrücklich auf Ausführungen von Bertrand Russell in „The Problems of Philosophy“ und von Gilbert Ryle in „Der Begriff des Geistes“ . Russell hatte an der angegebenen Stelle auf den Bedeutungsunterschied von „Existenz“ bei der Verwendung in Bezug auf Einzeldinge und auf Universalien hingewiesen. Er schreibt: „We saw that such entities as relations appear to have a being which is in some way different from that of physical objects and also different from that of minds and from that of sense-data.”
Der Unterschied zwischen der Existenz von Einzeldingen und der von Universalien liegt für Russell darin, dass erstere in Raum und Zeit existieren, während letztere raum- und zeitlose Existenz haben. Russell schreibt: „We shall find it convenient only to speak of things existing when they are in time, that is to say, that we can point to some time at which they exist. Thus thoughts and feelings, minds and physical objects exist. But universals do not exist in this sense; we shall say that they subsist or have being, where ‘being’ is opposed to ‘existence’ as being timeless.”
Russell selbst versucht also an dieser Stelle, den “Existenz”-Begriff für Universalien durch einen anderen Begriff („Sein“) zu ersetzen, in so fern geht die Kritik Quines hier an Russells Argumentation vorbei. Dies ist umso mehr der Fall, wenn man bedenkt, dass Quine sich mit der Existenz von Universalien eigentlich gar nicht beschäftigt, ihm geht es, auch in seinem später entwickelten „liberalen Gegenstandsbegriff“ , um Ein-zeldinge.
Interessant ist Russells Gedanke für die Betrachtung der Entitäten der Wissenschaft, weil er die Frage provoziert, ob es sich bei diesen um Universalien oder um Einzeldinge handelt und ob die Frage, ob die Gegenstände wissenschaftlichen Arbeitens existieren, nicht in zwei verschiedene Fragen, die auf unterschiedliche Weise diskutiert werden müssen, zerfällt, nämlich die, ob aus einer wissenschaftlichen Theorie die Existenz von Einzeldingen gefolgert werden kann, die ein gewisses charakteristisches und durch die Theorie beschriebenes Verhalten haben und die andere Frage, ob den theoretischen En-titäten „Sein“ im Sinne der Existenz von Universalien zugeschrieben werden kann. Wie stehen die Gegenstände der Wissenschaften überhaupt zu den Kategorien „Einzel-ding“ und „Universalie“? Auf diese Frage wird im Zusammenhang mit verschiedenen später zu diskutierenden Beispielen wissenschaftlicher Untersuchungen zurück zu kommen sein.
Gilbert Ryle, der andere kritisierte Autor, schreibt an der von Quine angegebenen Stelle: „Es ist durchaus zulässig, in einem gewissen logischen Ton zu sagen, Geister existieren, und dann wieder in einem anderen logischen Ton, Körper existieren; aber diese Aus-drücke zeigen nicht verschiedene Arten von Existenz an, denn ‚Existenz’ ist nicht ein Gattungswort wie ‚Farbe’ oder ‚Geschlecht’. Sie zeigen vielmehr zwei verschiedene Bedeutungen des Wortes ‚existieren’ an, etwa so wie das Wort ‚steigen’ in dem Satz ‚die Flut steigt’ etwas anderes bedeutet als ‚die Erwartung steigt’ oder ‚das durch-schnittliche Sterbealter steigt’.“
Vergleicht man Ryles Argumentation mit der von Russell fällt auf, dass Ryle innerhalb der Bedeutungen von Existenzaussagen in Bezug auf Einzeldinge weiter differenziert. Die Existenz von Universalien ist offenbar nicht der Gegenstand der Überlegungen von Ryle, er meint jedoch, dass die Bedeutung von ‚Existenz’ bei verschiedenen Arten von Einzeldingen unterschiedlich ist, so wie auch andere Worte in jeder Sprache unter-schiedliche Bedeutungen haben, abhängig davon, in welchem Kontext sie gebraucht werden.
carsten aus bochum
Hi Soso.

Zwei Aspekte:

Ich möchte auch diesen Satz von Dir noch mal herausgreifen:

„Will man Quine kritisieren, dann müsste man vielmehr zeigen, dass man Bedeutungen doch irgendwie auf die Schliche kommen kann, doch das ist bisher niemandem gelungen.“

Im Grunde ist Quine doch auf einem richtigen Weg, gibt dem ganzen nur eine pessimistische Wendung, weil er darauf besteht, so verstehe ich Deine Ausführungen, dass semantische Gehalte auf Empirisches zurückgeführt werden müssen.
Brandom tut ungefähr dasselbe, gibt der ganzen Geschichte aber eine optimistische Wendung und trifft die Sache m.E. wesentlich besser, ich hatte das an anderer Stelle ja schon mal erläutert, es geht ungefähr so:
Wenn etwas vorbeihoppelt und jemand drauf deutet und „gavagai“ sagt, meint der dann, das, was wir „Kaninchen“ nennen würden oder könnten es nicht auch „Kaninchenfliegen“ sein, von denen angenommen wird, dass sie stets im Umfeld von Kaninchen auftreten. Wir könnten also einfach fragen – im Notfall später, wenn wir meinen die Sprache hinreichend zu sprechen –, ob es eine näher beschreibende Eigenschaft von „gavagai“ ist, „zu hoppeln“ oder ob „gavagai“ eher dadurch bestimmt wird, „dass es fliegen kann“.
Natürlich würden auch die Begriffe „hoppeln“ und „fliegen“ wieder von Bedeutungskontexten abhängen, über die man sich irren könnte und man könnte wieder näher nachfragen und für die Näherung würde derselbe Einwand gelten müssen, aber damit akzeptiert man stillschweigend Quines Prämisse – falls das Quines Prämisse ist – dass Sprache atomar gelernt wird und das könnte auch einfach falsch sein.
So müsste man zwar zugestehen, dass im Gitter und in der Überlagerung der Kontexte streng genommen nie eine letzte Gewissheit zu erzielen ist, aber ist das ein Einwand der wirklich Gewicht hat?
Denn, Quines „gavagai“ Beispiel erhält doch seine Überzeugung aus der für uns nachvollziehbaren Ungewissheit, dass mit „gavagai“ ein Kanichen gemeint sein könnte, genauso gut könnte es aber auch einen Teil des Kaninchens oder etwas in seinem Umfeld bezeichnen. Aber lebt dieses Argument nicht genau davon, dass wir ziemlich sicher sind zu wissen, was „Kaninchen“ bedeutet? Aber woher wissen wir das eigentlich? M.E. dürfte schon das, wenn man Quine ernst nimmt, nicht der Fall sein.
(Falls nicht unmittelbar klar ist, was ich meine: Wenn wir als nichtsprechende Kinder auf die Welt kommen, was wir ja nun mal für gewöhnlich tun, dann lernen wir die Sprache ja, im Grunde wie der Sprachforscher bei Quine: Mutter deutet auf etwas und sagt: „Papa“, „Wauwau“, „Auto“. Woher sollten wir die Sicherheit nehmen zu wissen, was die Frau nun wirklich meint? Im Laufe der Zeit differenziert sich unsere Fähigkeit zu deuten weiter aus, so dass wir 25 Jahre später keine begründeten Zweifel mehr daran haben, ob wir wirklich wissen, was
das Wort „Kaninchen“ meint. Und dann lesen wir möglicherweise Quine mit seinem gavagai-Beispiel, und uns beschleicht eine Ungewissheit auf dem Boden einer Gewissheit, die wir eigentlich – nach Quine, soweit ich das sehe – gar nicht haben dürften. Kurz, das ist ein Selbstwiderspruch.)


Zitat:
„Womöglich mache ich es mir ein wenig zu einfach, aber ist die Behauptung, die fragliche Rechtfertigung müsse intersubjektiv nachvollziehbar sein, nicht bloß eine anderen Formulierung für „die fragliche Rechtfertigung müsse verstanden werden können, müsse verständlich sein“? Insofern würde der Vorschlag Jörgs dann lauten „einen Satz verstehen heißt, die verständlichen rechtfertigenden Gründe für seine Behauptung zu kennen“. Was aber heißt denn „verstehen“?“


Wie Du weiter unten an eliskases schreibst, würde ich es auch sehen, vielleicht mit einer Erweiterung.
Einen Satz zu verstehen bedeutet zunächst einmal zu wissen, wann er gebraucht wird und ich lediglich soziale Konditionierung, mit der Möglichkeit zur Korrektur.
Aber eben auch mit der Möglichkeit zur Erweiterung und zur Bildung ungewöhnlicher Verwendungen in Ironien, Übersteigerungen, Metaphern, Oxymoronen sowie in Neologismen und überhaupt im kreativen Akt des Wort- und Satzgebrauchs. Man hat ja, mittels Sprache, die Möglichkeit aus den konditionierten Mustern bloßer Wiederholungen auszubrechen und eben doch das Undenkbare zu denken, oder dass Unnennbare annährend einzukleiden.
Man muss zwar auch dann noch die Begriffe „richtig“ gebrauchen, setzt aber auf der anderen Seite die Akzente um nun auch anderen zu ermöglichen ihre eingefahrenen Kontexte aufzubrechen.
Das was wir täglich erleben beweist ja, dass das klappt.


Gruß,

Carsten
-Soso-
@carsten

Hi.

Du schreibst, Quine würde sich dadurch, dass er einerseits behauptet, wir wüssten nicht, wie „gavagai“ zu übersetzen ist und andererseits dadurch, dass er annimmt, wir wüssten sehr genau, was die Bedeutungen von „Kaninchen“, „Kaninchenfliege“, „Kaninchenteil“ usw. sind, widersprechen.

Ich sehe darin ebenfalls einen Dämpfer für Quines Argumentation, insbesondere für die These, dass die Übersetzungunbestimmtheit gewaltige Ausmaße annehmen könne. Einen Widerspruch sehe ich jedoch nicht. Wenn Quine annimmt, dass wir alle unter „Kaninchen“ dasselbe verstünden, dann nimmt er lediglich an, dass wir alle „Kaninchen“ meist auf sehr ähnliche oder meinetwegen auch gleiche Weise GEBRAUCHEN würden. Dass verschiedene Sprecher einen Ausdruck A auf die gleiche Weise gebrauchen, sei aber, so Quine, eben gerade kein Garant dafür, dass diese Sprecher irgendetwas wesentliches von A – die Bedeutung – erfasst hätten. Quine bestreitet gewissermaßen die Semantische Variante der Essenz-Akzidenz-Unterscheidung.

Um seine These zu untermauern, zeigt er, dass im Falle von „gavagai“ mehrere Übersetzungen möglich sind, die alle mit dem GEBRAUCH von „gavagai“ kompatibel sind. D.h. aus der Beobachtung, dass „gavagai“ in Gegenwart von Kaninchen geäußert wird, sei eben nicht ersichtlich, ob „gavagai“ so gebraucht wird wie „Kaninchen“ oder „Kaninchenteil“ usw. Im Falle von „gavagai“ sind Quines Übersetzungsvorschläge freilich alle SEHR unterschiedlich – „Kaninchen“, „Kaninchenteil“, „Kaninchenstadium“ usw. – und daher bietet es sich an, zu sagen: „hey, wenn die Sprache, zu der 'gavagai' gehört, etwa so komplex ist wie das Deutsche (oder Englische oder was auch immer), wir aber im Deutschen zwischen den Bedeutungen von „Kaninchen“, „Kaninchenfliege“, „Kaninchenteil“ sehr gut unterscheiden können, dann müsste das auch für die Sprache gelten, zu der 'gavagai' gehört“. Klar, so hat man gezeigt, dass die innersprachliche Übersetzungsunbestimmtheit IM DEUTSCHEN – also die Unterschiede in dem, was die Sprecher des Deutschen unter „Kaninchen“, „Kaninchenteil“ usw. verstehen – nicht so gewaltig ist, dass der Eine unter „Kaninchen“ ein bestimmtes Tier versteht, der Andere ein Teil dieses Tieres usw. Aber hat man damit gezeigt, dass es die Übersetzungsunbestimmtheit ÜBERHAUPT NICHT gibt? Nö. Und das alleine reicht Quine. So schreibst du selber:

Zitat:

So müsste man zwar zugestehen, dass im Gitter und in der Überlagerung der Kontexte streng genommen nie eine letzte Gewissheit zu erzielen ist


Du fügst jedoch an:

Zitat:

aber ist das ein Einwand der wirklich Gewicht hat?


Selbstverständlich. Das prominenteste Opfer ist die Analytisch-Synthetisch-Unterscheidung und damit einhergehend die ganze Rede von Synonymie, Satzverifikation, Bedeutung und damit letztlich die ganze traditionelle Semantik.
eliskases
@ soso, carsten et.al.

Danke für deine sehr verständlichen Erläuterungen zu dem, was Quine meint ( Freude ).
Sie bringen mir meine etwas zurückliegende Lektüre von Word and Object in zugegeben immer noch etwas blasse Erinnerung.

Ich verstehe jetzt aber wieder, inwiefern Quine den Bedeutungsbegriff kritisch gesehen hat und stimme dem auch zu. Die Sprecher müssen nicht über DIESELBE Bedeutung eines Wortes/Satzes/Textes verfügen, um sich verständigen zu können. Sie müssen nur den Gebrauch klären im besten Wittgensteinschen Sinne. Gelegentlich können sich Sprecher nicht auf eine Bedeutung einigen, woraus manchmal eine Menge Zoff und zuweilen sogar heilige Kriege erwachsen.

Ein Sprecher kann einen Satz S also nicht gebrauchen, weil er seine Bedeutung kennt, sondern weil er gelernt hat, wie S zu verwenden ist. Carsten hat aber natürlich recht, wenn er darauf hinweist, dass die Verwendung von Sprache ein kreativer Prozess ist, bei dem ihr Gebrauch - nie in Gänze, aber permanent im Detail - stets neu bestimmt wird.
Aber heißt das nicht schlicht, dass es eben keine festen Bedeutungen gibt? Oder besser formuliert: das alle Bedeutungen prinzipiell offen sind?
So ist die Verwendung des Ausdrucks "Karnickel" relativ festgelegt durch die Art und Weise des erlernten Gebrauchs. Und wenn ich dem "Irrrtum" aufsaß, damit seien nur Hasenohren gemeint, so wurde dieser "Irrtum" irgendwann richtig gestellt. Dennoch verstehen alle (ausreichend geschulten) deutschsprachigen Sprecher die Anspielung des Filmtitels "Karniggels".
Könnte man also nicht doch behaupten, es gebe Bedeutungen und der Grad ihrer Fixheit, wird durch den Gebrauch bestimmt? Schon wegen der je unterschiedlichen Konnotationen der einzelnen Sprecher ist es nie DIESSELBE Bedeutung (der eine liebt Kaninchenbraten, der andere hasst ihn, was sich in Sprechsituationen in Mimik und Gefühlen während der Verwendung äußern mag), aber dass damit ein Tier mit langen Ohren, Fell, Schnuppernase etc.pp. gemeint ist, ist der gemeinsame "Bedeutungskern". Obwohl mich grade das Gefühl beschleicht, mir wird von Kripke der Kopf abgerissen, weil ich dummes Zeug rede. Wie war das nochmal ... gruebel

Carstens Frage also: "aber ist das ein Einwand der wirklich Gewicht hat?" ist also nicht ganz unberechtigt.

Aber du hast natürlich ebenfalls recht:
"Selbstverständlich. Das prominenteste Opfer ist die Analytisch-Synthetisch-Unterscheidung und damit einhergehend die ganze Rede von Synonymie, Satzverifikation, Bedeutung und damit letztlich die ganze traditionelle Semantik."

Liegt hier aber das Problem wirklich im Bereich der vorhandenen oder unterstellten, festen Bedeutungen? Oder liegt es nicht eher im Bereich von Kategorienfehlern, die begangen werden und philosophische Verwirrung stiften? Kategorienfehler ganz im Sinne Ryles.

@ jörg
Dein Text ist sehr interessant und auch aufschlussreich, ich muss aber gestehen, dass ich mir eine konstruktive Kritik daran (und halt nicht nur Gelaber) nicht zutraue, weil er über meinen augenblicklichen Kenntnisstand in der Sache hinausgeht. So intim sind meine Quine und Russell-Kenntnisse im Moment nicht. Da müsste ich mich erst wieder etwas näher mit beschäftigen.
-Soso-
@eliskases

Hi.

Zitat:

Könnte man also nicht doch behaupten, es gebe Bedeutungen und der Grad ihrer Fixheit, wird durch den Gebrauch bestimmt? Schon wegen der je unterschiedlichen Konnotationen der einzelnen Sprecher ist es nie DIESSELBE Bedeutung (der eine liebt Kaninchenbraten, der andere hasst ihn, was sich in Sprechsituationen in Mimik und Gefühlen während der Verwendung äußern mag), aber dass damit ein Tier mit langen Ohren, Fell, Schnuppernase etc.pp. gemeint ist, ist der gemeinsame "Bedeutungskern". Obwohl mich grade das Gefühl beschleicht, mir wird von Kripke der Kopf abgerissen, weil ich dummes Zeug rede. Wie war das nochmal ... gruebel


Kripke hat in Naming and Necessity vor allem über Eigennamen geredet. Über Allgemeinbegriffe sagt er relativ wenig und schließt sich da im Wesentlichen Putnams externalistischer Referenztheorie an. Allerdings habe ich gelesen, dass britische Wissenschaftler von der angesehenen Marjorie-Dawes-University herausgefunden haben, dass Kaninchen in der Tat überhaupt keine Ohren haben und stattdessen ein Halluzinogen absondern, dass bei anderen Lebewesen zu dem Eindruck führt, dass diese Tiere Ohren hätten. Darüber hinaus erbrachten Folgeuntersuchungen am Andrew-Pipkin-Institute of Llandewi Breffi, dass diese Tiere die Fähigkeit besitzen, per Meteorismus zu fliegen und sich äußert raffiniert verhalten, sodass, wenn jemand eines derselben an seinen vermeintlichen Löffeln ergreift und hoch hebt, sie auf eine solche Art und Weise zu schweben beginnen, dass der Eindruck entsteht, sie würden an ihren Löffeln gehalten. Da aber ein Kaninchen ein Tier mit langen Ohren, Fell und Schnuppernase ist, haben wir also, wann immer wir bisher vermeinten, über Kaninchen zu reden, gar nicht über diese o.g. ohrlosen Tiere geredet, sondern über etwas ganz anderes.

Zitat:

Aber du hast natürlich ebenfalls recht:
"Selbstverständlich. Das prominenteste Opfer ist die Analytisch-Synthetisch-Unterscheidung und damit einhergehend die ganze Rede von Synonymie, Satzverifikation, Bedeutung und damit letztlich die ganze traditionelle Semantik."

Liegt hier aber das Problem wirklich im Bereich der vorhandenen oder unterstellten, festen Bedeutungen? Oder liegt es nicht eher im Bereich von Kategorienfehlern, die begangen werden und philosophische Verwirrung stiften? Kategorienfehler ganz im Sinne Ryles.


Ich habe Ryle leider nicht gelesen, könntest du das daher mal näher ausführen?