Vor Schlussfolgern

Jörg

Link: Vom Schlussfolgern

Sowohl im Alltag als auch in der Wissenschaft wird vom Sichtbaren auf das nicht unmittelbar Sichtbare geschlussfolgert. Deduktion und Induktion kennen viele. Aber es gibt auch noch die Abduktion.

-Soso-
Hi.

Formal ist die Abduktion übrigens einfach ein umgedrehter modus ponens:

Wenn p, dann q.
Nun q.
Also p.

Hier sieht man deutlich, dass der Schluss logisch nicht gültig ist. Gegenbeispiel:

Wenn es regnet, dann ist die Erde nass.
Die Erde ist nass.
Es regnet.

Hat jemand einen Eimer Wasser ausgekippt, so hat man zwar wahre Prämissen, aber eine falsche Konklusion.
Jörg
Wer nur formal gültige Schlüsse zieht, wird aber leider nicht handeln können, weil er nur Trivialitäten erkennt. In der Praxis kommt man mit dem modus ponens nicht weit.
-Soso-
Daher habe ich auch nicht behauptet, dass gültige Schlüsse im Alltagsleben ausreichend sind.
mark
clever. geradezu heimtückisch...
-Soso-
@Jörg

Hi.

Noch eine Anmerkung: du definierst die Deduktion als einen Schluss vom Allgemeinen auf das Partikuläre. Das macht man im Angesichte der Erkenntnisse der modernen Logik häufig nicht mehr. Stattdessen versteht man unter einer Deduktion heutzutage meist einfach einen logisch gültigen Schluss. Versteht man nämlich unter einer Deduktion einen Schluss vom Allgemeinen auf das Partikuläre, dann gibt es neben Deduktion, Induktion und Abduktion noch eine vierte Art von Schlüssen und zwar die Art, die u.a. Schlüsse wie die folgenden umfasst (alle folgenden Schlüsse sind darüber hinaus gültig):

Alle Schwäne sind weiß.
Alle Schwäne sind weiß.

Einige Hunde bellen.
Einige Hunde bellen oder alle Katzen sind männlich.

Alle Frösche quaken.
Es ist nicht der Fall, dass es einen Frosch gibt, der nicht quakt.

Es regnet und der Himmel ist bewölkt.
Der Himmel ist bewölkt.

Wenn es sonnig ist, fahren die Leute an den Strand.
Die Leute fahren nicht an den Strand.
Es ist nicht sonnig.

Es gibt einen Hund, der stinkt und nicht stinkt.
Alle Hunde stinken und stinken nicht.

Sosos Kühlschrank ist schwarz.
Es hagelt oder es hagelt nicht.

Es notwendig ist, dass alle Kreise rund sind.
Es ist möglich, dass alle Kreise rund sind.

Für einige Häuser gilt: sie haben drei Fenster oder nicht.
Für alle Häuser gilt: sie haben drei Fenster oder nicht.

Es schneit.
Es schneit nicht.
Es ist per Gesetz vorgeschrieben, das fliegende Spaghettimonster anzubeten.

_____________________________________
Angie Merkel ist identisch mit Angie Merkel.

(Der letzte Schluss ist ein Schluss aus null Prämissen.)
Nylen
@SoSo

Syllogismen gibt es ja endlose. Doch unter Deduktion versteht man meines Wissens immer noch Ableitungen aus Allgemeinen Sätzen.

Alle Schwäne sind weiss
Dies ist ein Schwan
---------------------------------
Also ist er weiss

Alle Schwäne sind weiss
--------------------------------
Es gibt keinen Schwan der nicht weiss ist

Deduktion ist in beiden Fällen ein ableiten des Existenzsatzes aus einem Allgemeinen Satz.

Allle Schwäne sind weiss
----------------------------------
Alle Schwäne sind weiss

ist zwar ein logisch gültiger Schluss aber keine Deduktion.


Aber Logik ist immer abhängig von den Definitionen.
Interessant finde ich Kalküle des natürlichen Schliessens, da sie mehr rücksicht nehmen auf das tatsächliche Schliessen im Alltag. Also den Kalkül auf Axiome stützen, die intuitiv zugänglicher sind, als andere Kalküle die ich kenne.
-Soso-
@Nylen

Hi.

Zitat:

Doch unter Deduktion versteht man meines Wissens immer noch Ableitungen aus Allgemeinen Sätzen.


Das ist, wie gesagt, die klassische Auffassung, die heute nicht mehr von allen geteilt wird. Siehe auch:

Zitat:

Interessant finde ich Kalküle des natürlichen Schliessens, da sie mehr rücksicht nehmen auf das tatsächliche Schliessen im Alltag. Also den Kalkül auf Axiome stützen, die intuitiv zugänglicher sind, als andere Kalküle die ich kenne.


„natürliches Schließen“ heißt im Englischen „natural deduction“. Hier wird die moderne Auffassung, dergemäß eine Deduktion einfach ein logisch gültiger Schluss ist (bzw. der Akt des Schließens), deutlich.

PS: Kalküle des natürlichen Schließens sind Regelkalküle und verzichten daher vollständig auf Axiome. smile
Jörg
"schließen" im englischen ist "to infere" die Abduktion wird in englischen (wissenschaftstheoretischen) Arbeiten meist als "inference of the best explanation" bezeichnet, und das zeigt auch, dass die Aussage, dass formal die Abduktion ein "umgekehrter modus ponens" ist, nicht richtig ist.

Wenn P, so q.
Wenn X, so q.
Wenn Y, so q.
q
nicht X und nicht Y
_______________
P

Wenn es regnet, ist die Straße nass
Wenn der Wassereimer umgekippt ist, ist die Straße nass.
Wenn der Hydrant kaputt ist, ist die Straße nass.
Der Hydrant ist heil, der Wassereimer steht im Keller.
Die Straße ist nass.
_________________________________
Es hat geregnet.
eliskases
Zitat:
Original von Jörg
"schließen" im englischen ist "to infere" die Abduktion wird in englischen (wissenschaftstheoretischen) Arbeiten meist als "inference of the best explanation" bezeichnet, und das zeigt auch, dass die Aussage, dass formal die Abduktion ein "umgekehrter modus ponens" ist, nicht richtig ist.

Wenn P, so q.
Wenn X, so q.
Wenn Y, so q.
q
nicht X und nicht Y
_______________
P

Wenn es regnet, ist die Straße nass
Wenn der Wassereimer umgekippt ist, ist die Straße nass.
Wenn der Hydrant kaputt ist, ist die Straße nass.
Der Hydrant ist heil, der Wassereimer steht im Keller.
Die Straße ist nass.
_________________________________
Es hat geregnet.


Ja. Wie schön!
So gehen jedenfalls Dupont (bei Poe) und Holmes (bei Doyle) vor und lösen damit ihre verzwickten Kriminalfälle. Freude
Rhetorix
Zitat:
Original von Jörg
Wer nur formal gültige Schlüsse zieht, wird aber leider nicht handeln können, weil er nur Trivialitäten erkennt. In der Praxis kommt man mit dem modus ponens nicht weit.
Die Praxis besteht aus Banalitäten - wie zum Beispiel dem Modus ponens. Wir wenden ihn sicherlich unzählige Male pro Tag an, ohne uns überhaupt bewusst zu machen, dass wir es tun.
Täten wir es nicht, so fänden wir zum Beispiel auch keine Notwendigkeit dafür, bei Regenwetter den Schirm oder zum Einkaufen das Portemonnaie mitzunehmen. Und kämen nicht weit.
-Soso-
Hi.

Zitat:

"schließen" im englischen ist "to infere"


Ohne „e“ am Ende^^, jepp, aber Kalküle des natürlichen Schließens heißen im Englischen „calculi of natural deduction“.

Zitat:

die Abduktion wird in englischen (wissenschaftstheoretischen) Arbeiten meist als "inference of the best explanation" bezeichnet, und das zeigt auch, dass die Aussage, dass formal die Abduktion ein "umgekehrter modus ponens" ist, nicht richtig ist.


Gesetzt den Fall, alle Erklärungen, die für ein Ereignis E in Frage kommen, sind konsistent, dann lässt sich formal nicht entscheiden, welche von je zwei dieser Erklärungen besser und welche auszuschließen ist. Um dies zu entscheiden, müsste man auf den INHALT der fraglichen Erklärungen schauen, d.h auf das, was sie besagen. Es ist jedoch charakteristisch für Formalisierungen, dass sie völlig vom Inhalt der zu formalisierenden Sätze absehen und nur deren logische Form erhalten. Daher wäre es verfehlt, an einer FORMALEN Darstellung der Abduktion zu kritisieren, dass sie nicht den Inhalt der fraglichen Erklärungen beachtet und so der Aspekt der inhaltlich besten Erklärung in der Formalisierung fehlt.

Du hast allerdings versucht, den Aspekt der inhaltlich besten Erklärung derart in die Formalisierung zu retten, indem du für eine Tatsache q drei hinreichende Bedingungen P, X und Y angibst und zwei davon ausschließt. Dadurch erweckt deine Formalisierung der Abduktion den Anschein, als ob da aus verschiedenen Erklärungen die beste ausgewählt wird. Dazu habe ich eine Anmerkung:

Wenn man deine und meine Formalisierung der Abduktion jeweils als Satz niederschreibt (man verknüpft dazu alle Prämissen mittelst Konjunktion („und“), klammert die so entstandene Konjunktion ein und ersetzt den Schlussstrich durch ein Konditional („wenn..., dann---“)), dann folgt deine Formalisierung aus meiner. Andererseits sind beide Formalisierungen nicht äquivalent. Daraus folgt, dass meine Formalisierung allgemeiner ist als deine und dein Kritikpunkt kann sodann nur sein, dass meine Formalisierung ZU allgmein sei (dass also etwa meine Formalisierung von Schlüssen erfüllt wird, die gar keine Abduktionsschlüsse sind).

Die Kritik, dass meine Formalisierung zu allgemein sei, ist durchaus berechtigt, wird sie ja dem Aspekt der inhaltlich besten Erklärung nicht gerecht. Doch gleichsam, wie du meiner Formalisierung der Abduktion vorwerfen kannst, sie sei zu allgemein, kann ich der deinigen vorwerfen, dass sie nicht allgemein genug sei – und das ist sie in der Tat nicht. Du formalisierst den Abduktionsschluss folgendermaßen:

Zitat:

Wenn P, so q.
Wenn X, so q.
Wenn Y, so q.
q
nicht X und nicht Y
_______________
P


Doch wenn o.g. Formalisierung die Formalisierung eines Abduktionsschlusses ist, ist dann nicht auch folgendes eine Formalisierung eines Abduktionsschlusses:

Wenn P, so q.
Wenn X, so q.
q
nicht X
_______________
P

Gewiss ist auch dies die Formalisierung eines Abduktionsschlusses. Schreibt man diese Formalisierung eines Abduktionsschlusses ebenfalls als Satz auf, so zeigt sich, dass diese Formalisierung NICHT aus deiner Formalisierung des Abduktionsschlusses folgt. D.h., dass deine Formalisierung der Abduktion nicht allgemein genug ist, da sie bestimmte Abduktionsschlüsse nicht umfasst. Hingegen folgt diese Formalisierung ebenfalls aus meiner.

So haben wir denn auf der einen Seite meine Formalisierung der Abduktion, die zwar zu allgemein ist, da sie den Aspekt der inhaltlich besseren Erklärung nicht mitumfasst, was sie qua Formalisierung allerdings auch nicht tun kann; auf der anderen Seite deine Formalisierung, die versucht, dem Aspekt der inhaltlich besseren Erklärung Rechnung zu tragen, dafür jedoch den Preis zahlen muss, nicht allgemein genug zu sein und bestimmte Abduktionsschlüsse nicht mitzuumfassen. Man möge wählen^^

PS: Sofern dich dieser technische Kram interessiert und da ich nichts behaupten will, was ich nicht auch begründen kann, stehen hier die drei genannten Schlüsse in Satzform, wobei die Variablen entsprechend abgeglichen sind. Dabei ist (i) deine Formalisierung, (ii) meine und (iii) die zuletzt genannte:

(i) (((p -> s) & (q -> s) & (r -> s) & ~q & ~r & s) -> p)

(ii) (((p -> s) & s) -> p)

(iii) (((p -> s) & (q -> s) & ~q & s) -> p)

Dass deine Formalisierung aus meiner folgt, heißt, dass „(ii) -> (i)“ eine Tautologie ist, d.h. dass Folgendes eine Tautologie ist:

(((p -> s) & s) -> p) -> (((p -> s) & (q -> s) & (r -> s) & ~q & ~r & s) -> p)

Dass der zuletzt genannte Schluss nicht aus deiner Formalisierung folgt, heißt, dass „(i) -> (iii)“ keine Tautologie ist:

(((p -> s) & (q -> s) & (r -> s) & ~q & ~r & s) -> p) -> (((p -> s) & (q -> s) & ~q & s) -> p)

(Die Formel ist für falsches „p“ und „q“ sowie wahres „r“ und „s“ nicht erfüllt.)

Dass der zuletzt genannte Schluss aus meiner Formalisierung folgt, heißt, dass „(ii) -> (iii)“ eine Tautologie ist:

(((p -> s) & s) -> p) -> (((p -> s) & (q -> s) & ~q & s) -> p)

Unter dem nachstehenden Link findest du einen Tautologieprüfer; einfach jeweils eine der drei zuletzt genannten Formeln, von denen ich behauptet habe, dass zwei Tautologien seien, eine nicht, kopieren, beim Tautologieprüfer einfügen, bei „Verarbeitungsauftrag“ „detaillierte Wahrheitstabelle“ auswählen und auf „Verarbeitung“ klicken. Stehen dann in der gesternten Spalte nur Einsen, ist die Formel eine Tautologie, wenn nicht, dann nicht:

http://logik.phl.univie.ac.at/~chris/gat...ar-zentral.html
Josen
Oder alternativ mein Wahrheitstabellenscript benutzen: Freude
http://www.gnallinger.de/inter/index.php
Sorry.. musste sein.
Andrey
Irgendwie verstehe ich den Sinn der Abduktion nicht. Wenn ich Bohnen auf dem Tisch neben der Schale voller Bohnen sehe, dann folgere ich danz normal (deduktiv), dass sie aus der Schale stammen, da ich implizit annehme, dass Bohnen aus Schalen herausgenommen werden können. Für mich sind aber solche Schlüsse falsch, es sei denn ich bin mir sicher, dass Bohnen auf dem Tisch immer nur aus Schalen kommen. Dass sie weiß sind, hat damit wenig zu tun - es verwirrt lediglich. Es ist nur von Bedeutung, wenn z.B. mehrere Schalen mit unterschiedlichen Bohnen da sind und ich die Frage nach der Identität der Schale, aus der die Bohnen stammen, stelle. Da nehme ich aber implizit an, dass die Bohnen ihre Farbe beibehalten, wenn ich sie aus der Schale herausnehme. Und wieder habe ich einen (deduktiven) Schluss.

Die Induktion, von der hier die Rede ist, hat für mich wenig mit Schließen zu tun, als mit Annahmen bzw. Hypothesen, die aus der Erfahrung stammen. Im Prinzip ist es doch so, dass man zuerst eine Annahme macht und erst dann (deduktiv) den Schluss. Wenn man ein Paar weiße Bohnen aus der Schale herausnimmt, dann nimmt man an, dass die Bohnen in der Schale die gleiche Farbe haben, weil man sie z.B. so normalerweise lagert. Ohne diese Annahme ist der Schluss, dass alle Bohnen in der Schale weiß sind, falsch.

Die Behauptung also, dass Deduktion am wenigsten im Alltag eingesetzt wird, und stattdessen Induktion und Abduktion, ist meiner Meinung nach sehr gewagt. Prinzipiell schließt man doch immer (deduktiv). Man macht Annahmen und leitet dann daraus die Schlussfolgerungen. Induktion und Abduktion sind bloß komplexere Vorgänge, bei denen sowohl Annahmen gemacht werden als auch geschlossen wird.