Skeptizismus

Nomade
@Pippen

Hallo Pippen,

ich habe das Gefühl, du verwechseltst Wissen mit Beweisbarem. Beweise gibt's in der Mathematik und in der Logik.

Wissen ist natürlich prinzipiell immer hypothetisch und damit revidierbar. Aber manche Hypothesen sind eben überaus stabil. Zum Beispiel die Annahmen, es gebe eine von mir unabhängige Welt, andere Menschen, Sonne, Mond und Sterne.

Dein Einwand mit dem Täuschergott ist kein Argument, sondern eine neue Hypothese. Die Frage ist also: Hast du ein Argument oder wenigstens einen guten Grund für diese Annahme? Allein die Denkmöglichkeit ist für mich jedenfalls nicht hinreichend.

Gruß,

Nomade
ewig
Zitat:
Original von Kai
Dass Radikalskeptizismus und Solipsismus in die Einsamkeit führen, ist dass schon ein hinreichendes Argument dagegen?

Eine schlaue Frage. Im Grunde nicht. Es ist allerdings ein Fehler, die Suche nach der "Wahrheit" überhaupt singulär und abgetrennt von dem, was ihr voraus ging, zu behandeln. Stell Dir einmal die Frage: Was brachte Dich denn dazu, nach grundlegenden Sicherheiten zu fahnden über das was ist? Wenn Du das beantworten kannst, machst Du hinterher nämlich auch die zweite Operationsklammer (mathematisch gesprochen) wieder zu und erhältst ein viel vollständigeres Bild.

Zitat:
Im praktischen Leben setze ich vieles als richtig voraus. Nur ein Beispiel unter Hunderten: Ich putze mir regelmäßig die Zähne in der Hoffnung, dass sie mir jahrzehntelang erhalten bleiben. Wenn ich im praktischen Leben bestimmte Annahmen zur Grundlage meines Verhaltens mache, kann ich dann daraus den Schluss ziehen: Da ich auf der Basis dieser Annahmen handle, sind diese Annahmen auch Wahrheiten (im Sinne der Korrespondenztheorie)?

Sicherlich.

Zitat:
Sind Vernunft und Common Sense nicht auch gerade durch die Aussagen der modernen Physik dubios geworden? Sollten diese Aussagen objektive Tatsachen richtig beschreiben, scheint die Welt einen Zustand und eine Funktionsweise zu haben, die unserer Vernunft widerspricht.

Wegen der Quantentheorie? Die muß heuer für sehr viel unsinnige Gedankenkonstruktionen herhalten, meist aber bei Leuten, bei denen man bezweifeln muß, ob sie überhaupt die Zusammenhänge richtig begreifen. Da ich die QT übrigens selbst (noch) nicht begreife, sondern nur Vermutungen habe, wie das Ganze zu verstehen sein könnte, sind QT-basierte Argumente für mich null und nichtig. Wie könnte ich Prämissen zulassen, deren Fundmentierung ich nicht verstehe?

Zitat:
Wieso soll ein Zweifel an der Außenwelt nur methodisch möglich sein? Denken wir einmal die heutigen Möglichkeiten durch Computer virtuelle Realitäten zu schaffen in die Zukunft hinein. Ist es auszuschließen, dass es einst Holo-Decks geben wird, wie auf der Enterprise? Wenn man das prinzipiell für möglich hält, müsste man dann nicht auch für möglich halten, dass es solche bereits gibt? Und die Außenwelt eine virtuelle Realität ist?

Schon. Aber was ändert diese Möglichkeit? Wirfst Du Dich deswegen nun aus dem nächsten Fenster, um "aufzuwachen" und zu sehen, wie "die wirkliche Welt" aussieht? Oder ist die Möglichkeit am Ende eben doch nur eine Möglichkeit, und die gefühlte Sicherheit, morgen wieder aufzuwachen, eher größer, wenn Du nicht aus dem nächsten Fenster springst?

Zitat:
Wenn man annimmt, dass ein Radikalskeptizismus keinen Nutzen hat, ist dass bereits ein hinreichendes Argument gegen ihn? Wird eine Wahrheit erst dadurch zur Wahrheit, dass sie uns in irgendeiner Weise nützt?

Wie gesagt: Es geht nicht nur um "Wahrheit," sondern es geht darum aus einer vorangehenden Motivation. Ginge es nur um "Wahrheit", müßte man vielleicht sogar aus dem Fenster springen, um herauszufinden, wie echt die erlebte Realität ist.

Zitat:
Würde die Welt nicht besser sein, wenn die vielen Dogmatiker, z. B. die gewaltbereiten religiösen oder politischen Fanatiker, Skeptizisten statt Dogmatiker wären?

Sicherlich. Zweifel über die "Richtigkeit" des eigenen Tuns, verbessern wohl in der Regel die Qualität der Handlung. Aber wer ausschließlich zweifelt, der würde niemals mehr handeln, und ob das am Ende richtig ist, das lohnt sich nun wieder zu bezweifeln.
Pippen
Zitat:
Original von Nomade

Wissen ist natürlich prinzipiell immer hypothetisch und damit revidierbar.


Genau das sagt der Radikalskeptiker.

Zitat:
Aber manche Hypothesen sind eben überaus stabil. Zum Beispiel die Annahmen, es gebe eine von mir unabhängige Welt, andere Menschen, Sonne, Mond und Sterne.


Das bestreitet KEIN Radikalskeptiker.

Zitat:
Dein Einwand mit dem Täuschergott ist kein Argument, sondern eine neue Hypothese. Die Frage ist also: Hast du ein Argument oder wenigstens einen guten Grund für diese Annahme?


Nein.

Zitat:
Allein die Denkmöglichkeit ist für mich jedenfalls nicht hinreichend.


Very well. Für mich ist eben bereits die Denkmöglichkeit ausreichend, mich unsicher zu machen, wenn ich sie nicht sicher ausschließen kann. Wenn andere das können oder mehr wissen als ich, dann kann ich sie nur beglückwünschen. ICH jedenfalls würde (gegenüber mir selbst) heucheln, wenn ich sagen würde, ich könnte o.g. bösen Dämon mit Gewissheit ausschließen und wüßte daher, dass es ihn nicht gibt. Allerdings ist das im praktischen Leben kein Problem. Ich verzichte einfach nur darauf, mir absolute Gewissheiten einzureden....

@Nylen: Die Radikalskepsis hat dazu geführt, dass zB Menschen die Newtonsche Mechanik oder Aristotelische Logik in ihrer Absolutheit angezweifelt haben. Da wurden keine "rationalen Prinzipien" angewandt, da fanden radikale Paradigmenwechsel statt, die gemeinhin durch eine fundamentale Skepsis vorbereitet werden. Leute wie Gödel, Heisenberg, Einstein oder Popper waren Radikalskeptiker!!

Fakt ist, dass im 18./19. Jh. fast alle Philosophen Newtons Theorie als unbezweifelbar postulierten...heute wissen wir, dass dies nicht nur nicht stimmt, sondern Newtons Theorie in vielen Teilen schlicht falsch ist. Woher nehmen die Menschen dann heute die Gewissheit, dass die heutigen "Unbezweifelbarkeiten" nicht in 200 Jahren ihrerseits "relativiert" werden? Diese Naivität leuchtet mir nicht ein, aber wie gesagt: das ist das Problem von mir und meinem Gehirn. Wir sind halt anders Zunge raus .

@eli: Falschaussagen werden nicht besser dadurch, dass man sie pausenlos kolportiert. Mein Täuschergottszenario wurde nie widerlegt, es wurde gezeigt, dass mein Täuschergott kein "logischer" Gott sein kann, was ich nie behauptete. I.Ü. gibt es längst ein verbessertes Täuschergottszenario:

Stellen wir uns vor, die Welt wäre – mehr oder weniger – so wie wir sie uns heute vorstellen. Stellen wir uns nun aber weiter vor, es gäbe irgendwo tatsächlich einen Gott, allerdings keinen von der Sorte diverser Religionsbilder, sondern einen, der schlicht und einfach absolut alles kann, d.h. durch nichts in seiner Handlungsmacht beschränkt wäre. Jede Frage zur Potenz dieses Gottes hätte immer die gleiche Antwort: „Ja, er kann es, wenn er es möchte.“ Nachdem uns dieser Gott bisher vollkommen in Ruhe gelassen hat, wird er sich just am Ende dieser Zeilen entscheiden, uns fortan alle in allem (Denkbaren), selbst in die kleinsten Details hinein, zu täuschen. Können wir noch irgendetwas wissen und, wenn ja, was? Können wir uns noch zweifellos unserer Existenz gewiss sein?
Nomade
Zitat:
Original von Pippen
Zitat:
Original von Nomade

Wissen ist natürlich prinzipiell immer hypothetisch und damit revidierbar.


Genau das sagt der Radikalskeptiker.


Und eben auch ich, nur ohne ein Skeptiker zu sein.

Zitat:
Original von Pippen
Woher nehmen die Menschen dann heute die Gewissheit, dass die heutigen "Unbezweifelbarkeiten" nicht in 200 Jahren ihrerseits "relativiert" werden? Diese Naivität leuchtet mir nicht ein [...]


Wer behauptet denn, dass unser gegenwärtiges physikalisches Wissen das Ende aller Weisheit ist? So naiv ist niemand. Natürlich kann es sein, dass wir in 200 Jahren ein anderes Beschreibungssystem des Naturgeschehens haben.

Aber:
Stell dir vor, du setzt dich in dein Auto und programmierst als Reiseziel in dein Navigationsgerät eine Stadt am Meer. Nach unserem heutigen Wissensstand müssen bei den Berechnungen des Navigationsgerätes relativistische Effekte berücksichtigt werden, damit du am Ende auch wirklich in der Stadt ankommst und nicht im Wasser landest.
In diesem Sinne behauptet die Wissengemeinschaft der Physiker, Einsteins Theorie biete eine adäquate Erklärung des Naturgeschehens, sprich die Voraussagen der Theorie treffen ein und Berechnungen sind möglich.
Das schließt natürlich keineswegs aus, dass wir nicht später mal über eine neue Beschreibung des Naturgeschehens verfügen können, die neben den alten Effekten neue erklärt. Insofern ist Newtons Theorie ja auch nicht falsch. Die funktioniert ja wunderbar, nur wenn man die Bewegung kleinster, geladener Teilchen mit hoher Geschwindigkeit untersucht, versagt ihre Erklärungs- und Berechnungsgenauigkeit.

Gruß,

Nomade
Kai
@ewig
Was brachte mich denn dazu, nach grundlegenden Sicherheiten zu fahnden über das was ist?

Die Dogmatiker haben mich dazu gebracht. Die vielen Menschen, die ich erlebt habe mit ihrem sicheren Wissen. Ein Beispiel: Als kleines Kind lernt man von den Eltern, der Liebe Gott hat die Welt gemacht und wenn wir fromm sind, kommen wir nach unserem Sterben in den Himmel. In der Schule erklärt einem der Lehrer, es gibt keinen Gott. Es kann gar keinen Gott geben. Da draußen ist nur das Weltall. Dein Bewusstsein wird von deinem Gehirn produziert und es wird mit dem Gehirn wieder verschwinden. Wer hat nun recht, die Eltern oder der Lehrer? Dann nimmt man sich, wenn man ein bestimmtes Alter erreicht hat, eine kleine Weltgeschichte der Philosophie, um zu erfahren, was die großen Denker der Menschheit dazu gedacht haben. Und dann sieht man, die großen Denker haben Verschiedenes dazu gesagt, waren selbst oft Dogmatiker und haben sich gegenseitig beschimpft und den Verstand und die Ehrlichkeit abgesprochen.

Wer hat denn nun Recht gruebel

Und selbst wenn man nicht mit Dogmatikern konfrontiert ist, es gibt ein Neugierbedürfnis im Menschen. Viele wollen wissen, was das hier ist. Wo bin ich hier gelandet?

Nun kann man im Laufe seiner Überlegungen zu dem Schluss kommen, sicheres Wissen ist mir versagt. Letztlich haben wir nur Hypothesen und pragmatische Wahrheiten. Zu dieser Auffassung neige ich ja selbst inzwischen.

Aber man sollte dann nicht anschließend behaupten, unsere Hypothesen und pragmatischen Wahrheiten seinen objektive Wahrheiten, die unabhängig von uns Menschen existierende Tatbestände zweifelsfrei richtig beschreiben.

@ewig
Werfe ich mich nun aus dem nächsten Fenster, um "aufzuwachen" und zu sehen, wie "die wirkliche Welt" aussieht?

Den Gefallen werde ich meinen Feinden und Gegnern nicht tun! Denn möglicherweise bin ich dann weg. Aber möglicherweise wäre ich danach tatsächlich in einer anderen Wirklichkeit. Es spricht ja einiges dafür, dass ich sowieso irgendwann sterbe und dann werde ich es wissen oder auch nicht.


@Nomade
Aber manche Hypothesen sind eben überaus stabil ?

Sie sind nur dann stabil, wenn wir gewisse andere Hypothesen nicht bezweifeln. Z. B. die Kontinuität der Welt und die Richtigkeit unserer Erinnerungen.
Pippen
Zitat:
Original von Nomade
Wer behauptet denn, dass unser gegenwärtiges physikalisches Wissen das Ende aller Weisheit ist? So naiv ist niemand. Natürlich kann es sein, dass wir in 200 Jahren ein anderes Beschreibungssystem des Naturgeschehens haben.


Mehr sagt eben auch ein Radikalskeptiker nicht. Das zeigt mE, dass viele beim Begriff "Skeptiker" eine Art rotes Tuch sehen iSv "der verleugnet unser ganzen modernes Wissen". Das ist nicht der Fall. Sobald man all sein Wissen nicht als unhintergehbar/unverbesserbar/unfehlbar ansieht, ist man ein Radikalskeptiker...denn genauso hat es früher auch Phyrron gelehrt!
Nomade
Zitat:
Original von Pippen
Mehr sagt eben auch ein Radikalskeptiker nicht. Das zeigt mE, dass viele beim Begriff "Skeptiker" eine Art rotes Tuch sehen iSv "der verleugnet unser ganzen modernes Wissen". Das ist nicht der Fall. Sobald man all sein Wissen nicht als unhintergehbar/unverbesserbar/unfehlbar ansieht, ist man ein Radikalskeptiker...denn genauso hat es früher auch Phyrron gelehrt!


Hallo Pippen,

dann hab ich mir wohl bis jetzt unter "Radikalskeptiker" immer etwas anderes vorgestellt.
Hast du vielleicht die Diskussion im "Von Kant brefreien"-Thread verfolgt? Dort wurde eine Erkenntnisproblematik aufgezeigt, nach der man prinzipiell niemals eine adäquate Naturbeschreibung haben kann, weil man nach dem dort vorgestellten Modell das zur Prüfung stehende Erklärungsmodell mit der "Wirklichkeit" schlichtweg nicht vergleichen kann. Daraus wird dann der Schluss gezogen: Wir können nichts mit Sicherheit wissen.
Wer eine solche Position vertritt, ist meines Erachtens hinsichtlich unseres Wissens ein radikaler Skeptiker, weil dieser keine guten Gründe akzeptiert, sondern stattdessen Beweise fordert, wofür es eben prinzipiell niemals Beweise geben kann.

Zitat:
Original von Kai
@Nomade
Aber manche Hypothesen sind eben überaus stabil ?

Sie sind nur dann stabil, wenn wir gewisse andere Hypothesen nicht bezweifeln. Z. B. die Kontinuität der Welt und die Richtigkeit unserer Erinnerungen.


Hallo Kai,

ist das ne Feststellung oder ne Frage?

Gruß,

Nomade
ewig
Zitat:
Original von Kai
@ewig
Was brachte mich denn dazu, nach grundlegenden Sicherheiten zu fahnden über das was ist?

Die Dogmatiker haben mich dazu gebracht. Die vielen Menschen, die ich erlebt habe mit ihrem sicheren Wissen. Ein Beispiel: Als kleines Kind lernt man von den Eltern, der Liebe Gott hat die Welt gemacht und wenn wir fromm sind, kommen wir nach unserem Sterben in den Himmel. In der Schule erklärt einem der Lehrer, es gibt keinen Gott. Es kann gar keinen Gott geben. Da draußen ist nur das Weltall. Dein Bewusstsein wird von deinem Gehirn produziert und es wird mit dem Gehirn wieder verschwinden. Wer hat nun recht, die Eltern oder der Lehrer? Dann nimmt man sich, wenn man ein bestimmtes Alter erreicht hat, eine kleine Weltgeschichte der Philosophie, um zu erfahren, was die großen Denker der Menschheit dazu gedacht haben. Und dann sieht man, die großen Denker haben Verschiedenes dazu gesagt, waren selbst oft Dogmatiker und haben sich gegenseitig beschimpft und den Verstand und die Ehrlichkeit abgesprochen.

Wer hat denn nun Recht gruebel

Vielleicht haben sie ja alle recht.

Zitat:
Und selbst wenn man nicht mit Dogmatikern konfrontiert ist, es gibt ein Neugierbedürfnis im Menschen. Viele wollen wissen, was das hier ist. Wo bin ich hier gelandet?

Nun kann man im Laufe seiner Überlegungen zu dem Schluss kommen, sicheres Wissen ist mir versagt. Letztlich haben wir nur Hypothesen und pragmatische Wahrheiten. Zu dieser Auffassung neige ich ja selbst inzwischen.

Letztlich scheint es also um eine Position zu gehen, die möglichst nicht mehr widerlegt werden kann und dabei eine große Handlungsrelevanz besitzt. Besonders auf letzteres zielte ich mit meiner Frage.

Zitat:
Aber man sollte dann nicht anschließend behaupten, unsere Hypothesen und pragmatischen Wahrheiten seinen objektive Wahrheiten, die unabhängig von uns Menschen existierende Tatbestände zweifelsfrei richtig beschreiben.

Viele glauben das wohl aber. Lustigerweise arbeiten die auf diese Weise sogar kognitiv sparsamer als Leute, die erst noch die konstruktivistische Schleife vollziehen.
Kai
Hallo Nomade, Hallo Ewig (?)

Es ist im praktischen Leben unsinnig die Existenz der Außenwelt zu bezweifeln und die Kontinuität der Welt. Ich mache das nicht. Nur wenn jemand sagt, er hat eine Wahrheit, er hat eine Theorie, Weltanschauung etc. die überhaupt nicht falsch sein kann, dann meine ich, kann man mit einem radikalen Skeptizismus jeden Wahrheitsanspruch kaputt machen. (Das einzige unbezweifelbare ist das, was gerade jetzt von mir erlebt wird.) In diesem Sinne sage ich mit Russell: Es ist unmöglich zu beweisen, dass die Welt nicht erst vor 5 Minuten erschaffen wurde. Die Kontinuität der Welt und meine Erinnerungen sind in letzter Instanz Hypothesen.

Der Skeptizismus ist für mich kein Selbstzweck.

Wieviel Elend haben religiöse Fanatiker über die Menschheit gebracht?
Wieviel Elend haben politische Fanatiker im 20. Jahrhundert über die Menschheit gebracht?

Der Dogmatismus von Naturwissenschaftlern ist bei weitem nicht so gefährlich, wie der religiöse und politische. Aber: Alle großen epochalen Erfindungen und wissenschaftlichen Entdeckungen wurden von Menschen gemacht, die sich außerhalb der herrschenden Paradigmen gestellt hatten. Kopernikus, Darwin, Einstein etc. Atome zu spalten, indem man sie mit Neutronen beschießt, galt unter vielen Physikern als so verrückt, als wolle man einen Bunker mit einem Ping Pong Ball sprengen. Aber genau das war die Lösung. Es könnten Hunderte weiterer Beispiele genannt werden.

@Ewig
Wenn sich jemand "Ewig" nennt, lässt das darauf schließen, dass er sich für ewig hält? Im Sinne Spinozas, Fichtes oder Hegels sich als Teil des Weltgeistes ansieht?
Jay Ray
Zitat:
Original von Kai
Nur wenn jemand sagt, er hat eine Wahrheit, er hat eine Theorie, Weltanschauung etc. die überhaupt nicht falsch sein kann, dann meine ich, kann man mit einem radikalen Skeptizismus jeden Wahrheitsanspruch kaputt machen.

Im Rahmen eines herrschaftsfreien Disputes im Elfenbeinturm - ja.
Im Zusammenhang mit politischen oder militärischen Auseinandersetzungen - nein.

Der Skeptizismus kann das Grundbedürfnis vieler Menschen nach gefühlter Sicherheit+Gewißheit naturgemäß nicht erfüllen - und die Leute suchen sie sich dann woanders - u.a. bei Fanatikern, die wenigstens eine "klare Linie" mit deutlichen Schwarzweiß-Markierungen haben, an denen man sich als Schwarmmitglied orientieren kann, und weiß, was man tun muß um die Verantwortung an die anderen, dh an die wegen ihres autoritären Auftretens nach Autorität Riechenden, abzugeben.
Pippen
Zitat:
Original von Jay Ray
Im Rahmen eines herrschaftsfreien Disputes im Elfenbeinturm - ja.


Das ist Philosophie.

Zitat:

Im Zusammenhang mit politischen oder militärischen Auseinandersetzungen - nein.


Das ist auch nicht das Anliegen des Skeptikers.

Zitat:

Der Skeptizismus kann das Grundbedürfnis vieler Menschen nach gefühlter Sicherheit+Gewißheit naturgemäß nicht erfüllen - und die Leute suchen sie sich dann woanders - u.a. bei Fanatikern, die wenigstens eine "klare Linie" mit deutlichen Schwarzweiß-Markierungen haben, an denen man sich als Schwarmmitglied orientieren kann, und weiß, was man tun muß um die Verantwortung an die anderen, dh an die wegen ihres autoritären Auftretens nach Autorität Riechenden, abzugeben.


Das ist schlicht falsch. Wie soll man vom Skeptizismus zu irgendeiner Hörigkeit kommen? S. zweifelt all das ja an. Was du meinst ist folgendes: Der S. erkennt, dass er nichts erkennen kann, ihm wird daher alles gleich und er gesellt sich unter eine fanatische Sekte...aber eben nicht, weil er daran (iSv Wahrheit überzeugtsein) glaubt, sondern weil er "sich nicht einfach unter einen Baum setzen und dort auf sein Ende warten kann"...also macht er halt irgendwas...in dem Wissen, dass er ohnehin nicht beurteilen kann, ob das richtig oder falsch ist...daher macht er irgendwas, was ihm grad gut tut...und wenns die Skete tut, dann ist er dort...daher ist es auch richtig, dass radikaler S. kein moralischeres Leben verheißt.
Kai
Die große Mehrheit der Bevölkerung ist weder fähig noch bereit philosophisch zu denken. Egal welche der diversen philosophischen Strömungen man da nehmen mag. Nun ist es so, dass zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Ländern und Kulturkreisen die Menschen ganz verschiedene Sicherheiten und Gewissheiten hatten oder haben. Diese sagen deshalb über objektive Tatbestände überhaupt nichts aus!

Die Wissenschaftler und Philosophen, bzw. die an Wissenschaft und Philosophie interessierten Menschen sind bestenfalls ein paar Prozente der Bevölkerung. Muss für diese intellektuelle Elite das Gleiche gelten wie für nicht intellektuelle Mehrheit? Oder muss man denen nicht etwas mehr zumuten? Kann man diesen Menschen nicht zumuten, dass sie eine gewisse skeptische Distanz zu den eigenen Überzeugungen haben?
Sophie
Zitat:
Original von Kai
Nur wenn jemand sagt, er hat eine Wahrheit, er hat eine Theorie, Weltanschauung etc. die überhaupt nicht falsch sein kann, dann meine ich, kann man mit einem radikalen Skeptizismus jeden Wahrheitsanspruch kaputt machen.


Nein, kannst du nicht. Du kannst ihn vielleicht zum Nachdenken bringen, wenn derjenige dazu bereit ist, ansonsten klärst du einfach die Relation für dich, zwischen deinem und seinem Weltbild.


Zitat:
Oder muss man denen nicht etwas mehr zumuten? Kann man diesen Menschen nicht zumuten, dass sie eine gewisse skeptische Distanz zu den eigenen Überzeugungen haben?


Ich finde auch, dass man das jemanden zumuten kann und im bestem Falle führt eine gewisse skeptische Distanz dazu, die Welt nicht einfach in schwarz und weiß einzuteilen und sich dennoch in etwas sicher sein zu können und wenns nur die lebendige Wahrnehmung der ungeheuren Vielfalt ist.
Andererseits, wenn ich dem anderen etwas zumuten kann, dann auch das, dass er die Welt anders prüft oder empfindet und nicht radikal skeptisch denkt, denn dass jemand zu anderen Ergebnissen kommen kann, ist wiederum etwas, was ja vorhanden ist und komplexe Ursachen haben kann.
Aber etwas Distanz, Beobachtung und Interesse sind sicherlich keine schlechte Idee.
Schneemann
Zitat:
Original von Kai
Alle großen epochalen Erfindungen und wissenschaftlichen Entdeckungen wurden von Menschen gemacht, die sich außerhalb der herrschenden Paradigmen gestellt hatten.

Das ist entweder trivial oder falsch.

Wenn du epochal so definierst dass damit immer ein Paradigmenwechsel einhergeht, denn kann so eine epochale Erfindung gar nicht anders als ausserhalb der "herrschenden Paradigmen" vonstatten gehen. Dann ist das eine Nullaussage, eine Trivialität. Versteht man unter Paradigmen eher die vorherrschenden wissenschaftlichen Methoden, dann waren so ziemlich alle der epochalen Entdeckungen innerhalb der Paradigmen.

Davon mal abgesehen hat Skeptizismus selbst noch nie zu irgendeiner Erfindung oder folgenschweren Entdeckung geführt, ganz im Gegenteil, dazu braucht es eine grosse Überzeugtheit davon dass eigene Ideen, ohne jede Beweise und entgegen vieler Widerstände, absolut wahr und richtig sind. Daher, Radikalskeptiker sind die denkbar schlechtesten Wissenschaftler, denn sie sind rein destruktiv wo sie eigentlich konstruktiv sein müssten.
Neo
Zitat:
Original von Schneemann
Davon mal abgesehen hat Skeptizismus selbst noch nie zu irgendeiner Erfindung oder folgenschweren Entdeckung geführt, ganz im Gegenteil, dazu braucht es eine grosse Überzeugtheit davon dass eigene Ideen, ohne jede Beweise und entgegen vieler Widerstände, absolut wahr und richtig sind. Daher, Radikalskeptiker sind die denkbar schlechtesten Wissenschaftler, denn sie sind rein destruktiv wo sie eigentlich konstruktiv sein müssten.


Applaus

"Glauben Sie an Gott?"

"Na hören Sie mal, natürlich - schließlich bin ich Wissenschaftler!"
Schneemann
Zitat:
Original von Neo
"Glauben Sie an Gott?"

"Das Wort Gott ist für mich nichts als Ausdruck und Produkt menschlicher Schwächen, die Bibel eine Sammlung ehrwürdiger, aber doch reichlich primitiver Legenden."

(Albert Einstein)
Pippen
Zitat:
Original von Schneemann
Versteht man unter Paradigmen eher die vorherrschenden wissenschaftlichen Methoden, dann waren so ziemlich alle der epochalen Entdeckungen innerhalb der Paradigmen.


Nein. Schau dir nur mal als Bsp. die klass. Logik und ihre Weiterentwicklung an. Es bedurfte eines "Warum gibts eigentlich nur wahr und falsch"-Zweifels, um anschließend hunderte neue Logiken zu entwickeln.

Zitat:

Davon mal abgesehen hat Skeptizismus selbst noch nie zu irgendeiner Erfindung oder folgenschweren Entdeckung geführt, ganz im Gegenteil, dazu braucht es eine grosse Überzeugtheit davon dass eigene Ideen, ohne jede Beweise und entgegen vieler Widerstände, absolut wahr und richtig sind. Daher, Radikalskeptiker sind die denkbar schlechtesten Wissenschaftler, denn sie sind rein destruktiv wo sie eigentlich konstruktiv sein müssten.


Das ist doppelt falsch.

1. s.o.; Der Zweifel am Althergebrachten, der Zweifel am "ist das jetzt schon das Optimum" ist DIE Triebfeder des Menschen.

2. Du verstehst nicht was Radikalskeptiker sagen wollen. Sie sind nicht destruktiv. Das wären sie nur dann, wenn sie sagen würden: Wir wissen, dass wir nichts wissen. Radikalskeptiker sind Suchende, Fallibilisten, moderne Wissenschaftler...immer auf der Suche, aber auch immer unsicher, ob man Archimedes' Punkt schon gefunden hat.
Nylen
Zitat:
Radikalskeptiker sind Suchende, Fallibilisten, moderne Wissenschaftler...immer auf der Suche, aber auch immer unsicher, ob man Archimedes' Punkt schon gefunden hat.


Also erstmal macht dann der Begriff Radikalskeptiker keinen Sinn, denn was unterscheidet sie denn dann von normalen Skeptikern, oder kritzischen Rationalisten wie Popper, Alberts aber auch anderen.

Ich fürchte ich habe diesen Begriff ins Gefecht geworfen, weil ich Pippens Position, man könne ernslich bezweifeln das man selbst der zweifelnde ist, bzw. bezweifeln das man denkt. kritisieren wollte.

Ein solcher radikaler Zweifel oder eine derartige radikale Skepsis ist für mich indiskutabel. Also nicht diskutierbar. Egal was ich sage, er zweifelt es an. Er zweifelt an, das er das alles schreibt, dass ich existiere etc. Diskussion sinnlos geworden.

Fallibilisten und so einer bin ich, akzeptieren nahezu alles solange es nur gut genug begründet oder belegt ist, zweifeln aber nicht daran das wir uns immer und in jedem denkbaren Fall im Irrtum befinden können.
Schneemann
Zitat:
Original von Nylen
Also erstmal macht dann der Begriff Radikalskeptiker keinen Sinn, denn was unterscheidet sie denn dann von normalen Skeptikern, oder kritzischen Rationalisten wie Popper, Alberts aber auch anderen.

Nun, Popper trifft eine Annahme die kein radikaler Skeptiker (oder zumindest was ich darunter verstehe) je treffen könnte, er postuliert nämlich dass es rational ist auf die Rationalität zu setzen. Und damit zweifeln Popper und die Wissenschaftler nicht mehr an der Rationalität selbst. Wer dagegen radikal zweifelt, den kennzeichnet gerade das Zweifeln selbst an der der Rationalität aus. Der radikale Skeptiker zweifelt daher auch an allen eigenen Ideen und Gedanken und der kann keine Wissenschaft betreiben. Für einen radikalen Skeptiker gibts nur noch eine Kategorie in der unsinniger Esoterikmüll genauso wie jede tausendfach bestätigte, genialeTheorie gemeinsam landet: "I do not know". Für Wissenschaft reicht das nicht aus, denn die will Wissen schaffen und nicht nur vernichten.
ewig
Zitat:
Original von Kai
@Ewig
Wenn sich jemand "Ewig" nennt, lässt das darauf schließen, dass er sich für ewig hält? Im Sinne Spinozas, Fichtes oder Hegels sich als Teil des Weltgeistes ansieht?

Wenn man "Weltgeist" als die Gesamtdynamik nimmt, die uns alle beinhaltet, ja. Oder weniger mythisch und mehr poetisch wie Faust: "Es wird die Spur von meinen Erdentagen nicht in Äonen untergehn."