Die Verwandlung-Franz Kafka

Joker
Hallo zusammen,

Wie schon hier angekündigt der Diskussionsthread über Franz Kafka's Werk 'Die Verwandlung'.
Ich werde ein Kapitel nach dem anderen hier posten und das jeweilige Kapitel werden wir diskutieren. Ich bitte euch, immer verschiedene Zitate zu wählen und zu ihnen eure Interpretation hinzuschreiben. Sind wir fertig mit einem Kapitel und deren Diskussion, fahren wir mit dem nächsten Kapitel fort. Es sind drei Kapitel forhanden. Wenn alles klar ist, dann fange ich morgen oder übermorgen damit an, das erste Kapitel zu posten. Auf ein baldiges Wiederschreiben!

Gruss Joker
Rhetorix
Zitat:
Original von Joker
...Auf ein baldiges Wiederschreiben!
Gern!
ewig
Ich freu mich schon auf morgen oder übermorgen. :>
Joker
Gut, mit knapper Verspätung, fangen wir mit dem ersten Kapitel von Franz Kafka's Werk 'Die Verwandlung' an. Ich wünsche euch viel Spass! Und scheut euch nicht, etwas zu schreiben, dieser Artikel steht allen offen, vom Kenner bis zum Fremden Kafka's!
Aufgrund der Grösse des ersten Kapitels poste ich den ersten Teil des Kapitels:

Franz Kafka
Die Verwandlung

Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt. Er lag auf seinem panzerartig harten Rücken und sah, wenn er den Kopf ein wenig hob, seinen gewölbten, braunen, von bogenförmigen Versteifungen geteilten Bauch, auf dessen Höhe sich die Bettdecke, zum gänzlichen Niedergleiten bereit, kaum noch erhalten konnte. Seine vielen, im Vergleich zu seinem sonstigen Umfang kläglich dünnen Beine flimmerten ihm hilflos vor den Augen.

»Was ist mit mir geschehen?«, dachte er. Es war kein Traum. Sein Zimmer, ein richtiges, nur etwas zu kleines Menschenzimmer, lag ruhig zwischen den vier wohlbekannten Wänden. Über dem Tisch, auf dem eine auseinandergepackte Musterkollektion von Tuchwaren ausgebreitet war - Samsa war Reisender - hing das Bild, das er vor kurzem aus einer illustrierten Zeitschrift ausgeschnitten und in einem hübschen, vergoldeten Rahmen untergebracht hatte. Es stellte eine Dame dar, die mit einem Pelzhut und einer Pelzboa versehen, aufrecht dasaß und einen schweren Pelzmuff, in dem ihr ganzer Unterarm verschwunden war, dem Beschauer entgegenhob.

Gregors Blick richtete sich dann zum Fenster, und das trübe Wetter - man hörte Regentropfen auf das Fensterblech aufschlagen - machte ihn ganz melancholisch. »Wie wäre es, wenn ich noch ein wenig weiterschliefe und alle Narrheiten vergäße«, dachte er, aber das war gänzlich undurchführbar, denn er war gewöhnt, auf der rechten Seite zu schlafen, konnte sich aber in seinem gegenwärtigen Zustand nicht in diese Lage bringen. Mit welcher Kraft er sich auch auf die rechte Seite warf, immer wieder schaukelte er in die Rückenlage zurück. Er versuchte es wohl hundertmal, schloß die Augen, um die zappelnden Beine nicht sehen zu müssen, und ließ erst ab, als er in der Seite einen noch nie gefühlten, leichten, dumpfen Schmerz zu fühlen begann.

»Ach Gott«, dachte er, »was für einen anstrengenden Beruf habe ich gewählt! Tag aus, Tag ein auf der Reise. Die geschäftlichen Aufregungen sind viel größer, als im eigentlichen Geschäft zu Hause, und außerdem ist mir noch diese Plage des Reisens auferlegt, die Sorgen um die Zuganschlüsse, das unregelmäßige, schlechte Essen, ein immer wechselnder, nie andauernder, nie herzlich werdender menschlicher Verkehr. Der Teufel soll das alles holen!« Er fühlte ein leichtes Jucken oben auf dem Bauch; schob sich auf dem Rücken langsam näher zum Bettpfosten, um den Kopf besser heben zu können; fand die juckende Stelle, die mit lauter kleinen weißen Pünktchen besetzt war, die er nicht zu beurteilen verstand; und wollte mit einem Bein die Stelle betasten, zog es aber gleich zurück, denn bei der Berührung umwehten ihn Kälteschauer.

Er glitt wieder in seine frühere Lage zurück. »Dies frühzeitige Aufstehen«, dachte er, »macht einen ganz blödsinnig. Der Mensch muß seinen Schlaf haben. Andere Reisende leben wie Haremsfrauen. Wenn ich zum Beispiel im Laufe des Vormittags ins Gasthaus zurückgehe, um die erlangten Aufträge zu überschreiben, sitzen diese Herren erst beim Frühstück. Das sollte ich bei meinem Chef versuchen; ich würde auf der Stelle hinausfliegen. Wer weiß übrigens, ob das nicht sehr gut für mich wäre. Wenn ich mich nicht wegen meiner Eltern zurückhielte, ich hätte längst gekündigt, ich wäre vor den Chef hin getreten und hätte ihm meine Meinung von Grund des Herzens aus gesagt. Vom Pult hätte er fallen müssen! Es ist auch eine sonderbare Art, sich auf das Pult zu setzen und von der Höhe herab mit dem Angestellten zu reden, der überdies wegen der Schwerhörigkeit des Chefs ganz nahe herantreten muß. Nun, die Hoffnung ist noch nicht gänzlich aufgegeben; habe ich einmal das Geld beisammen, um die Schuld der Eltern an ihn abzuzahlen - es dürfte noch fünf bis sechs Jahre dauern - , mache ich die Sache unbedingt. Dann wird der große Schnitt gemacht. Vorläufig allerdings muß ich aufstehen, denn mein Zug fährt um fünf.«

Und er sah zur Weckuhr hinüber, die auf dem Kasten tickte. »Himmlischer Vater!«, dachte er. Es war halb sieben Uhr, und die Zeiger gingen ruhig vorwärts, es war sogar halb vorüber, es näherte sich schon dreiviertel. Sollte der Wecker nicht geläutet haben? Man sah vom Bett aus, daß er auf vier Uhr richtig eingestellt war; gewiß hatte er auch geläutet. Ja, aber war es möglich, dieses möbelerschütternde Läuten ruhig zu verschlafen? Nun, ruhig hatte er ja nicht geschlafen, aber wahrscheinlich desto fester. Was aber sollte er jetzt tun? Der nächste Zug ging um sieben Uhr; um den einzuholen, hätte er sich unsinnig beeilen müssen, und die Kollektion war noch nicht eingepackt, und er selbst fühlte sich durchaus nicht besonders frisch und beweglich. Und selbst wenn er den Zug einholte, ein Donnerwetter des Chefs war nicht zu vermeiden, denn der Geschäftsdiener hatte beim Fünfuhrzug gewartet und die Meldung von seiner Versäumnis längst erstattet. Es war eine Kreatur des Chefs, ohne Rückgrat und Verstand. Wie nun, wenn er sich krank meldete? Das wäre aber äußerst peinlich und verdächtig, denn Gregor war während seines fünfjährigen Dienstes noch nicht einmal krank gewesen. Gewiß würde der Chef mit dem Krankenkassenarzt kommen, würde den Eltern wegen des faulen Sohnes Vorwürfe machen und alle Einwände durch den Hinweis auf den Krankenkassenarzt abschneiden, für den es ja überhaupt nur ganz gesunde, aber arbeitsscheue Menschen gibt. Und hätte er übrigens in diesem Falle so ganz unrecht? Gregor fühlte sich tatsächlich, abgesehen von einer nach dem langen Schlaf wirklich überflüssigen Schläfrigkeit, ganz wohl und hatte sogar einen besonders kräftigen Hunger.
Als er dies alles in größter Eile überlegte, ohne sich entschließen zu können, das Bett zu verlassen - gerade schlug der Wecker dreiviertel sieben - klopfte es vorsichtig an die Tür am Kopfende seines Bettes.

»Gregor«, rief es - es war die Mutter - , »es ist dreiviertel sieben. Wolltest du nicht wegfahren?« Die sanfte Stimme! Gregor erschrak, als er seine antwortende Stimme hörte, die wohl unverkennbar seine frühere war, in die sich aber, wie von unten her, ein nicht zu unterdrückendes, schmerzliches Piepsen mischte, das die Worte förmlich nur im ersten Augenblick in ihrer Deutlichkeit beließ, um sie im Nachklang derart zu zerstören, daß man nicht wußte, ob man recht gehört hatte. Gregor hatte ausführlich antworten und alles erklären wollen, beschränkte sich aber bei diesen Umständen darauf, zu sagen: »Ja, ja, danke Mutter, ich stehe schon auf.« Infolge der Holztür war die Veränderung in Gregors Stimme draußen wohl nicht zu merken, denn die Mutter beruhigte sich mit dieser Erklärung und schlürfte davon. Aber durch das kleine Gespräch waren die anderen Familienmitglieder darauf aufmerksam geworden, daß Gregor wider Erwarten noch zu Hause war, und schon klopfte an der einen Seitentür der Vater, schwach, aber mit der Faust. »Gregor, Gregor«, rief er, »was ist denn?« Und nach einer kleinen Weile mahnte er nochmals mit tieferer Stimme: »Gregor! Gregor!« An der anderen Seitentür aber klagte leise die Schwester: »Gregor? Ist dir nicht wohl? Brauchst du etwas?« Nach beiden Seiten hin antwortete Gregor: »Bin schon fertig«, und bemühte sich, durch die sorgfältigste Aussprache und durch Einschaltung von langen Pausen zwischen den einzelnen Worten seiner Stimme alles Auffallende zu nehmen. Der Vater kehrte auch zu seinem Frühstück zurück, die Schwester aber flüsterte: »Gregor, mach auf, ich beschwöre dich.« Gregor aber dachte gar nicht daran aufzumachen, sondern lobte die vom Reisen her übernommene Vorsicht, auch zu Hause alle Türen während der Nacht zu versperren.

Zunächst wollte er ruhig und ungestört aufstehen, sich anziehen und vor allem frühstücken, und dann erst das Weitere überlegen, denn, das merkte er wohl, im Bett würde er mit dem Nachdenken zu keinem vernünftigen Ende kommen. Er erinnerte sich, schon öfters im Bett irgendeinen vielleicht durch ungeschicktes Liegen erzeugten, leichten Schmerz empfunden zu haben, der sich dann beim Aufstehen als reine Einbildung herausstellte, und er war gespannt, wie sich seine heutigen Vorstellungen allmählich auflösen würden. Daß die Veränderung der Stimme nichts anderes war, als der Vorbote einer tüchtigen Verkühlung, einer Berufskrankheit der Reisenden, daran zweifelte er nicht im geringsten.

Die Decke abzuwerfen war ganz einfach; er brauchte sich nur ein wenig aufzublasen und sie fiel von selbst. Aber weiterhin wurde es schwierig, besonders weil er so ungemein breit war. Er hätte Arme und Hände gebraucht, um sich aufzurichten; statt dessen aber hatte er nur die vielen Beinchen, die ununterbrochen in der verschiedensten Bewegung waren und die er überdies nicht beherrschen konnte. Wollte er eines einmal einknicken, so war es das erste, daß es sich streckte; und gelang es ihm endlich, mit diesem Bein das auszuführen, was er wollte, so arbeiteten inzwischen alle anderen, wie freigelassen, in höchster, schmerzlicher Aufregung. »Nur sich nicht im Bett unnütz aufhalten«, sagte sich Gregor.

Zuerst wollte er mit dem unteren Teil seines Körpers aus dem Bett hinauskommen, aber dieser untere Teil, den er übrigens noch nicht gesehen hatte und von dem er sich auch keine rechte Vorstellung machen konnte, erwies sich als zu schwer beweglich; es ging so langsam; und als er schließlich, fast wild geworden, mit gesammelter Kraft, ohne Rücksicht sich vorwärtsstieß, hatte er die Richtung falsch gewählt, schlug an den unteren Bettpfosten heftig an, und der brennende Schmerz, den er empfand, belehrte ihn, daß gerade der untere Teil seines Körpers augenblicklich vielleicht der empfindlichste war.

Er versuchte es daher, zuerst den Oberkörper aus dem Bett zu bekommen, und drehte vorsichtig den Kopf dem Bettrand zu. Dies gelang auch leicht, und trotz ihrer Breite und Schwere folgte schließlich die Körpermasse langsam der Wendung des Kopfes. Aber als er den Kopf endlich außerhalb des Bettes in der freien Luft hielt, bekam er Angst, weiter auf diese Weise vorzurücken, denn wenn er sich schließlich so fallen ließ, mußte geradezu ein Wunder geschehen, wenn der Kopf nicht verletzt werden sollte. Und die Besinnung durfte er gerade jetzt um keinen Preis verlieren; lieber wollte er im Bett bleiben.

Aber als er wieder nach gleicher Mühe aufseufzend so dalag wie früher, und wieder seine Beinchen womöglich noch ärger gegeneinander kämpfen sah und keine Möglichkeit fand, in diese Willkür Ruhe und Ordnung zu bringen, sagte er sich wieder, daß er unmöglich im Bett bleiben könne und daß es das Vernünftigste sei, alles zu opfern, wenn auch nur die kleinste Hoffnung bestünde, sich dadurch vom Bett zu befreien. Gleichzeitig aber vergaß er nicht, sich zwischendurch daran zu erinnern, daß viel besser als verzweifelte Entschlüsse ruhige und ruhigste Überlegung sei. In solchen Augenblicken richtete er die Augen möglichst scharf auf das Fenster, aber leider war aus dem Anblick des Morgennebels, der sogar die andere Seite der engen Straße verhüllte, wenig Zuversicht und Munterkeit zu holen. »Schon sieben Uhr«, sagte er sich beim neuerlichen Schlagen des Weckers, »schon sieben Uhr und noch immer ein solcher Nebel.« Und ein Weilchen lang lag er ruhig mit schwachem Atem, als erwarte er vielleicht von der völligen Stille die Wiederkehr der wirklichen und selbstverständlichen Verhältnisse.
Dann aber sagte er sich: »Ehe es einviertel acht schlägt, muß ich unbedingt das Bett vollständig verlassen haben. Im übrigen wird auch bis dahin jemand aus dem Geschäft kommen, um nach mir zu fragen, denn das Geschäft wird vor sieben Uhr geöffnet.« Und er machte sich nun daran, den Körper in seiner ganzen Länge vollständig gleichmäßig aus dem Bett hinauszuschaukeln. Wenn er sich auf diese Weise aus dem Bett fallen ließ, blieb der Kopf, den er beim Fall scharf heben wollte, voraussichtlich unverletzt. Der Rücken schien hart zu sein; dem würde wohl bei dem Fall auf den Teppich nichts geschehen. Das größte Bedenken machte ihm die Rücksicht auf den lauten Krach, den es geben müßte und der wahrscheinlich hinter allen Türen wenn nicht Schrecken, so doch Besorgnisse erregen würde. Das mußte aber gewagt werden.

Als Gregor schon zur Hälfte aus dem Bette ragte - die neue Methode war mehr ein Spiel als eine Anstrengung, er brauchte immer nur ruckweise zu schaukeln - , fiel ihm ein, wie einfach alles wäre, wenn man ihm zu Hilfe käme. Zwei starke Leute - er dachte an seinen Vater und das Dienstmädchen - hätten vollständig genügt; sie hätten ihre Arme nur unter seinen gewölbten Rücken schieben, ihn so aus dem Bett schälen, sich mit der Last niederbeugen und dann bloß vorsichtig dulden müssen, daß er den Überschwung auf dem Fußboden vollzog, wo dann die Beinchen hoffentlich einen Sinn bekommen würden. Nun, ganz abgesehen davon, daß die Türen versperrt waren, hätte er wirklich um Hilfe rufen sollen? Trotz aller Not konnte er bei diesem Gedanken ein Lächeln nicht unterdrücken.

Schon war er so weit, daß er bei stärkerem Schaukeln kaum das Gleichgewicht noch erhielt, und sehr bald mußte er sich nun endgültig entscheiden, denn es war in fünf Minuten einviertel acht, - als es an der Wohnungstür läutete. »Das ist jemand aus dem Geschäft«, sagte er sich und erstarrte fast, während seine Beinchen nur desto eiliger tanzten. Einen Augenblick blieb alles still. »Sie öffnen nicht«, sagte sich Gregor, befangen in irgendeiner unsinnigen Hoffnung. Aber dann ging natürlich wie immer das Dienstmädchen festen Schrittes zur Tür und öffnete. Gregor brauchte nur das erste Grußwort des Besuchers zu hören und wußte schon, wer es war - der Prokurist selbst. Warum war nur Gregor dazu verurteilt, bei einer Firma zu dienen, wo man bei der kleinsten Versäumnis gleich den größten Verdacht faßte? Waren denn alle Angestellten samt und sonders Lumpen, gab es denn unter ihnen keinen treuen ergebenen Menschen, der, wenn er auch nur ein paar Morgenstunden für das Geschäft nicht ausgenutzt hatte, vor Gewissensbissen närrisch wurde und geradezu nicht imstande war, das Bett zu verlassen? Genügte es wirklich nicht, einen Lehrjungen nachfragen zu lassen - wenn überhaupt diese Fragerei nötig war - , mußte da der Prokurist selbst kommen, und mußte dadurch der ganzen unschuldigen Familie gezeigt werden, daß die Untersuchung dieser verdächtigen Angelegenheit nur dem Verstand des Prokuristen anvertraut werden konnte? Und mehr infolge der Erregung, in welche Gregor durch diese Überlegungen versetzt wurde, als infolge eines richtigen Entschlusses, schwang er sich mit aller Macht aus dem Bett. Es gab einen lauten Schlag, aber ein eigentlicher Krach war es nicht. Ein wenig wurde der Fall durch den Teppich abgeschwächt, auch war der Rücken elastischer, als Gregor gedacht hatte, daher kam der nicht gar so auffallende dumpfe Klang. Nur den Kopf hatte er nicht vorsichtig genug gehalten und ihn angeschlagen; er drehte ihn und rieb ihn an dem Teppich vor Ärger und Schmerz.

»Da drin ist etwas gefallen«, sagte der Prokurist im Nebenzimmer links. Gregor suchte sich vorzustellen, ob nicht auch einmal dem Prokuristen etwas Ähnliches passieren könnte, wie heute ihm; die Möglichkeit dessen mußte man doch eigentlich zugeben. Aber wie zur rohen Antwort auf diese Frage machte jetzt der Prokurist im Nebenzimmer ein paar bestimmte Schritte und ließ seine Lackstiefel knarren. Aus dem Nebenzimmer rechts flüsterte die Schwester, um Gregor zu verständigen: »Gregor, der Prokurist ist da.« »Ich weiß«, sagte Gregor vor sich hin; aber so laut, daß es die Schwester hätte hören können, wagte er die Stimme nicht zu erheben.

»Gregor«, sagte nun der Vater aus dem Nebenzimmer links, »der Herr Prokurist ist gekommen und erkundigt sich, warum du nicht mit dem Frühzug weggefahren bist. Wir wissen nicht, was wir ihm sagen sollen. Übrigens will er auch mit dir persönlich sprechen. Also bitte mach die Tür auf. Er wird die Unordnung im Zimmer zu entschuldigen schon die Güte haben.«

»Guten Morgen, Herr Samsa«, rief der Prokurist freundlich dazwischen. »Ihm ist nicht wohl«, sagte die Mutter zum Prokuristen, während der Vater noch an der Tür redete, »ihm ist nicht wohl, glauben Sie mir, Herr Prokurist. Wie würde denn Gregor sonst einen Zug versäumen! Der Junge hat ja nichts im Kopf als das Geschäft. Ich ärgere mich schon fast, daß er abends niemals ausgeht; jetzt war er doch acht Tage in der Stadt, aber jeden Abend war er zu Hause. Da sitzt er bei uns am Tisch und liest still die Zeitung oder studiert Fahrpläne. Es ist schon eine Zerstreuung für ihn, wenn er sich mit Laubsägearbeiten beschäftigt. Da hat er zum Beispiel im Laufe von zwei, drei Abenden einen kleinen Rahmen geschnitzt; Sie werden staunen, wie hübsch er ist; er hängt drin im Zimmer; Sie werden ihn gleich sehen, bis Gregor aufmacht. Ich bin übrigens glücklich, daß Sie da sind, Herr Prokurist; wir allein hätten Gregor nicht dazu gebracht, die Tür zu öffnen; er ist so hartnäckig; und bestimmt ist ihm nicht wohl, trotzdem er es am Morgen geleugnet hat.«

»Ich komme gleich«, sagte Gregor langsam und bedächtig und rührte sich nicht, um kein Wort der Gespräche zu verlieren. »Anders, gnädige Frau, kann ich es mir auch nicht erklären«, sagte der Prokurist, »hoffentlich ist es nichts Ernstes. Wenn ich auch andererseits sagen muß, daß wir Geschäftsleute - wie man will, leider oder glücklicherweise - ein leichtes Unwohlsein sehr oft aus geschäftlichen Rücksichten einfach überwinden müssen.« »Also kann der Herr Prokurist schon zu dir hinein?« fragte der ungeduldige Vater und klopfte wiederum an die Tür. »Nein«, sagte Gregor. Im Nebenzimmer links trat eine peinliche Stille ein, im Nebenzimmer rechts begann die Schwester zu schluchzen.
Warum ging denn die Schwester nicht zu den anderen? Sie war wohl erst jetzt aus dem Bett aufgestanden und hatte noch gar nicht angefangen sich anzuziehen. Und warum weinte sie denn? Weil er nicht aufstand und den Prokuristen nicht hereinließ, weil er in Gefahr war, den Posten zu verlieren und weil dann der Chef die Eltern mit den alten Forderungen wieder verfolgen würde? Das waren doch vorläufig wohl unnötige Sorgen. Noch war Gregor hier und dachte nicht im geringsten daran, seine Familie zu verlassen. Augenblicklich lag er wohl da auf dem Teppich, und niemand, der seinen Zustand gekannt hätte, hätte im Ernst von ihm verlangt, daß er den Prokuristen hereinlasse. Aber wegen dieser kleinen Unhöflichkeit, für die sich ja später leicht eine passende Ausrede finden würde, konnte Gregor doch nicht gut sofort weggeschickt werden. Und Gregor schien es, daß es viel vernünftiger wäre, ihn jetzt in Ruhe zu lassen, statt ihn mit Weinen und Zureden zu stören. Aber es war eben die Ungewißheit, welche die anderen bedrängte und ihr Benehmen entschuldigte.

»Herr Samsa«, rief nun der Prokurist mit erhobener Stimme, »was ist denn los? Sie verbarrikadieren sich da in Ihrem Zimmer, antworten bloß mit ja und nein, machen Ihren Eltern schwere, unnötige Sorgen und versäumen - dies nur nebenbei erwähnt - Ihre geschäftliche Pflichten in einer eigentlich unerhörten Weise. Ich spreche hier im Namen Ihrer Eltern und Ihres Chefs und bitte Sie ganz ernsthaft um eine augenblickliche, deutliche Erklärung. Ich staune, ich staune. Ich glaubte Sie als einen ruhigen, vernünftigen Menschen zu kennen, und nun scheinen Sie plötzlich anfangen zu wollen, mit sonderbaren Launen zu paradieren. De Chef deutete mir zwar heute früh eine möglich Erklärung für Ihre Versäumnisse an - sie betraf das Ihnen seit kurzem anvertraute Inkasso - , aber ich legte wahrhaftig fast mein Ehrenwort dafür ein, daß diese Erklärung nicht zutreffen könne. Nun aber sehe ich hier Ihren unbegreiflichen Starrsinn und verliere ganz und gar jede Lust, mich auch nur im geringsten für Sie einzusetzen. Und Ihre Stellung ist durchaus nicht die festeste. Ich hatte ursprünglich die Absicht, Ihnen das alles unter vier Augen zu sagen, aber da Sie mich hier nutzlos meine Zeit versäumen lassen, weiß ich nicht, warum es nicht auch Ihr Herren Eltern erfahren sollen. Ihre Leistungen in der letzten Zeit waren also sehr unbefriedigend; es ist zwar nicht die Jahreszeit, um besondere Geschäfte zu machen, das erkennen wir an; aber eine Jahreszeit, um keine Geschäfte zu machen, gibt es überhaupt nicht, Herr Samsa, darf es nicht geben.«

»Aber Herr Prokurist«, rief Gregor außer sich und vergaß in der Aufregung alles andere, »ich mache ja sofort, augenblicklich auf. Ein leichtes Unwohlsein, ein Schwindelanfall, haben mich verhindert aufzustehen. Ich liege noch jetzt im Bett. Jetzt bin ich aber schon wieder ganz frisch. Eben steige ich aus dem Bett. Nur einen kleinen Augenblick Geduld! Es geht noch nicht so gut; wie ich dachte. Es ist mir aber schon wohl. Wie das nur einen Menschen so überfallen kann! Noch gestern abend war mir ganz gut, meine Eltern wissen es ja, oder besser, schon gestern abend hatte ich eine kleine Vorahnung. Man hätte es mir ansehen müssen. Warum habe ich es nur im Geschäfte nicht gemeldet! Aber man denkt eben immer, daß man die Krankheit ohne Zuhausebleiben überstehen wird. Herr Prokurist! Schonen Sie meine Eltern! Für alle die Vorwürfe, die Sie mir jetzt machen, ist ja kein Grund; man hat mir ja davon auch kein Wort gesagt. Sie haben vielleicht die letzten Aufträge, die ich geschickt habe, nicht gelesen. Übrigens, noch mit dem Achtuhrzug fahre ich auf die Reise, die paar Stunden Ruhe haben mich gekräftigt. Halten Sie sich nur nicht auf, Herr Prokurist; ich bin gleich selbst im Geschäft, und haben Sie die Güte, das zu sagen und mich dem Herrn Chef zu empfehlen!«

Und während Gregor dies alles hastig ausstieß und kaum wußte, was er sprach, hatte er sich leicht, wohl infolge der im Bett bereits erlangten Übung, dem Kasten genähert und versuchte nun, an ihm sich aufzurichten. Er wollte tatsächlich die Tür aufmachen, tatsächlich sich sehen lassen und mit dem Prokuristen sprechen; er war begierig zu erfahren, was die anderen, die jetzt so nach ihm verlangten, bei seinem Anblick sagen würden. Würden sie erschrecken, dann hatte Gregor keine Verantwortung mehr und konnte ruhig sein. Würden sie aber alles ruhig hinnehmen, dann hatte auch er keinen Grund sich aufzuregen, und konnte, wenn er sich beeilte, um acht Uhr tatsächlich auf dem Bahnhof sein.

Zuerst glitt er nun einige Male von dem glatten Kasten ab, aber endlich gab er sich einen letzten Schwung und stand aufrecht da; auf die Schmerzen im Unterleib achtete er gar nicht mehr, so sehr sie auch brannten. Nun ließ er sich gegen die Rückenlehne eines nahen Stuhles fallen, an deren Rändern er sich mit seinen Beinchen festhielt. Damit hatte er aber auch die Herrschaft über sich erlangt und verstummte, denn nun konnte er den Prokuristen anhören.

»Haben Sie auch nur ein Wort verstanden?«, fragte der Prokurist die Eltern, »er macht sich doch wohl nicht einen Narren aus uns?« »Um Gottes willen«, rief die Mutter schon unter Weinen, »er ist vielleicht schwer krank, und wir quälen ihn. Grete! Grete!« schrie sie dann. »Mutter?« rief die Schwester von der anderen Seite. Sie verständigten sich durch Gregors Zimmer. »Du mußt augenblicklich zum Arzt. Gregor ist krank. Rasch um den Arzt. Hast du Gregor jetzt reden hören?« »Das war eine Tierstimme«, sagte der Prokurist, auffallend leise gegenüber dem Schreien der Mutter.

»Anna! Anna!« rief der Vater durch das Vorzimmer in die Küche und klatschte in die Hände, »sofort einen Schlosser holen!« Und schon liefen die zwei Mädchen mit rauschenden Röcken durch das Vorzimmer - wie hatte sich die Schwester denn so schnell angezogen? - und rissen die Wohnungstüre auf. Man hörte gar nicht die Türe zuschlagen; sie hatten sie wohl offen gelassen, wie es in Wohnungen zu sein pflegt, in denen ein großes Unglück geschehen ist.
Gregor war aber viel ruhiger geworden. Man verstand zwar also seine Worte nicht mehr, trotzdem sie ihm genug klar, klarer als früher, vorgekommen waren, vielleicht infolge der Gewöhnung des Ohres. Aber immerhin glaubte man nun schon daran, daß es mit ihm nicht ganz in Ordnung war, und war bereit, ihm zu helfen. Die Zuversicht und Sicherheit, mit welchen die ersten Anordnungen getroffen worden waren, taten ihm wohl. Er fühlte sich wieder einbezogen in den menschlichen Kreis und erhoffte von beiden, vom Arzt und vom Schlosser, ohne sie eigentlich genau zu scheiden, großartige und überraschende Leistungen. Um für die sich nähernden entscheidenden Besprechungen eine möglichst klare Stimme zu bekommen, hustete er ein wenig ab, allerdings bemüht, dies ganz gedämpft zu tun, da möglicherweise auch schon dieses Geräusch anders als menschlicher Husten klang, was er selbst zu entscheiden sich nicht mehr getraute. Im Nebenzimmer war es inzwischen ganz still geworden. Vielleicht saßen die Eltern mit dem Prokuristen beim Tisch und tuschelten, vielleicht lehnten alle an der Türe und horchten.

Gregor schob sich langsam mit dem Sessel zur Tür hin, ließ ihn dort los, warf sich gegen die Tür, hielt sich an ihr aufrecht - die Ballen seiner Beinchen hatten ein wenig Klebstoff - und ruhte sich dort einen Augenblick lang von der Anstrengung aus. Dann aber machte er sich daran, mit dem Mund den Schlüssel im Schloß umzudrehen. Es schien leider, daß er keine eigentlichen Zähne hatte, - womit sollte er gleich den Schlüssel fassen? - aber dafür waren die Kiefer freilich sehr stark; mit ihrer Hilfe brachte er auch wirklich den Schlüssel in Bewegung und achtete nicht darauf, daß er sich zweifellos irgendeinen Schaden zufügte, denn eine braune Flüssigkeit kam ihm aus dem Mund, floß über den Schlüssel und tropfte auf den Boden.

»Hören Sie nur«, sagte der Prokurist im Nebenzimmer, »er dreht den Schlüssel um.« Das war für Gregor eine große Aufmunterung; aber alle hätten ihm zurufen sollen, auch der Vater und die Mutter: »Frisch, Gregor«, hätten sie rufen sollen, »immer nur heran, fest an das Schloß heran!« Und in der Vorstellung, daß alle seine Bemühungen mit Spannung verfolgten, verbiß er sich mit allem, was er an Kraft aufbringen konnte, besinnungslos in den Schlüssel. Je nach dem Fortschreiten der Drehung des Schlüssels umtanzte er das Schloß; hielt sich jetzt nur noch mit dem Munde aufrecht, und je nach Bedarf hing er sich an den Schlüssel oder drückte ihn dann wieder nieder mit der ganzen Last seines Körpers. Der hellere Klang des endlich zurückschnappenden Schlosses erweckte Gregor förmlich. Aufatmend sagte er sich: »Ich habe also den Schlosser nicht gebraucht«, und legte den Kopf auf die Klinke, um die Türe gänzlich zu öffnen.

Da er die Türe auf diese Weise öffnen mußte, war sie eigentlich schon recht weit geöffnet, und er selbst noch nicht zu sehen. Er mußte sich erst langsam um den einen Türflügel herumdrehen, und zwar sehr vorsichtig, wenn er nicht gerade vor dem Eintritt ins Zimmer plump auf den Rücken fallen wollte. Er war noch mit jener schwierigen Bewegung beschäftigt und hatte nicht Zeit, auf anderes zu achten, da hörte er schon den Prokuristen ein lautes »Oh!« ausstoßen - es klang, wie wenn der Wind saust und nun sah er ihn auch, wie er, der der Nächste an der Türe war, die Hand gegen den offenen Mund drückte und langsam zurückwich, als vertreibe ihn eine unsichtbare, gleichmäßig fortwirkende Kraft. Die Mutter - sie stand hier trotz der Anwesenheit des Prokuristen mit von der Nacht her noch aufgelösten, hoch sich sträubenden Haaren - sah zuerst mit gefalteten Händen den Vater an, ging dann zwei Schritte zu Gregor hin und fiel inmitten ihrer rings um sie herum sich ausbreitenden Röcke nieder, das Gesicht ganz unauffindbar zu ihrer Brust gesenkt. Der Vater ballte mit feindseligem Ausdruck die Faust, als wolle er Gregor in sein Zimmer zurückstoßen, sah sich dann unsicher im Wohnzimmer um, beschattete dann mit den Händen die Augen und weinte, daß sich seine mächtige Brust schüttelte.

Gregor trat nun gar nicht in das Zimmer, sondern lehnte sich von innen an den festgeriegelten Türflügel, so daß sein Leib nur zur Hälfte und darüber der seitlich geneigte Kopf zu sehen war, mit dem er zu den anderen hinüberlugte. Es war inzwischen viel heller geworden; klar stand auf der anderen Straßenseite ein Ausschnitt des gegenüberliegenden, endlosen, grauschwarzen Hauses - es war ein Krankenhaus - mit seinen hart die Front durchbrechenden regelmäßigen Fenstern; der Regen fiel noch nieder, aber nur mit großen, einzeln sichtbaren und förmlich auch einzelnweise auf die Erde hinuntergeworfenen Tropfen. Das Frühstücksgeschirr stand in überreicher Zahl auf dem Tisch, denn für den Vater war das Frühstück die wichtigste Mahlzeit des Tages, die er bei der Lektüre verschiedener Zeitungen stundenlang hinzog. Gerade an der gegenüberliegenden Wand hing eine Photographie Gregors aus seiner Militärzeit, die ihn als Leutnant darstellte, wie er, die Hand am Degen, sorglos lächelnd, Respekt für seine Haltung und Uniform verlangte. Die Tür zum Vorzimmer war geöffnet, und man sah, da auch die Wohnungstür offen war, auf den Vorplatz der Wohnung hinaus und auf den Beginn der abwärts führenden Treppe.

»Nun«, sagte Gregor und war sich dessen wohl bewußt, daß er der einzige war, der die Ruhe bewahrt hatte, »ich werde mich gleich anziehen, die Kollektion zusammenpacken und wegfahren. Wollt Ihr, wollt Ihr mich wegfahren lassen? Nun, Herr Prokurist, Sie sehen, ich bin nicht starrköpfig und ich arbeite gern; das Reisen ist beschwerlich, aber ich könnte ohne das Reisen nicht leben. Wohin gehen Sie denn, Herr Prokurist? Ins Geschäft? Ja? Werden Sie alles wahrheitsgetreu berichten? Man kann im Augenblick unfähig sein zu arbeiten, aber dann ist gerade der richtige Zeitpunkt, sich an die früheren Leistungen zu erinnern und zu bedenken, daß man später, nach Beseitigung des Hindernisses, gewiß desto fleißiger und gesammelter arbeiten wird. Ich bin ja dem Herrn Chef so sehr verpflichtet, das wissen Sie doch recht gut. Andererseits habe ich die Sorge um meine Eltern und die Schwester. Ich bin in der Klemme, ich werde mich aber auch wieder herausarbeiten. Machen Sie es mir aber nicht schwieriger, als es schon ist. Halten Sie im Geschäft meine Partei! Man liebt den Reisenden nicht, ich weiß. Man denkt, er verdient ein Heidengeld und führt dabei ein schönes Leben. Man hat eben keine besondere Veranlassung, dieses Vorurteil besser zu durchdenken. Sie aber, Herr Prokurist, Sie haben einen besseren Überblick über die Verhältnisse als das sonstige Personal, ja sogar, ganz im Vertrauen gesagt, einen besseren Überblick als der Herr Chef selbst, der in seiner Eigenschaft als Unternehmer sich in seinem Urteil leicht zu Ungunsten eines Angestellten beirren läßt. Sie wissen auch sehr wohl, daß der Reisende, der fast das ganze Jahr außerhalb des Geschäfts ist, so leicht ein Opfer von Klatschereien, Zufälligkeiten und grundlosen Beschwerden werden kann, gegen die sich zu wehren ihm ganz unmöglich ist, da er von ihnen meistens gar nichts erfährt und nur dann, wenn er erschöpft eine Reise beendet hat, zu Hause die schlimmen, auf ihre Ursachen hin nicht mehr zu durchschauenden Folgen am eigenen Leibe zu spüren bekommt. Herr Prokurist, gehen Sie nicht weg, ohne mir ein Wort gesagt zu haben, das mir zeigt, daß Sie mir wenigstens zu einem kleinen Teil recht geben!«
Aber der Prokurist hatte sich schon bei den ersten Worten Gregors abgewendet, und nur über die zuckende Schulter hinweg sah er mit aufgeworfenen Lippen nach Gregor zurück. Und während Gregors Rede stand er keinen Augenblick still, sondern verzog sich, ohne Gregor aus den Augen zu lassen, gegen die Tür, aber ganz allmählich, als bestehe ein geheimes Verbot, das Zimmer zu verlassen. Schon war er im Vorzimmer, und nach der plötzlichen Bewegung, mit der er zum letztenmal den Fuß aus dem Wohnzimmer zog, hätte man glauben können, er habe sich soeben die Sohle verbrannt. Im Vorzimmer aber streckte er die rechte Hand weit von sich zur Treppe hin, als warte dort auf ihn eine geradezu überirdische Erlösung.

Gregor sah ein, daß er den Prokuristen in dieser Stimmung auf keinen Fall weggehen lassen dürfe, wenn dadurch seine Stellung im Geschäft nicht aufs äußerste gefährdet werden sollte. Die Eltern verstanden das alles nicht so gut; sie hatten sich in den langen Jahren die Überzeugung gebildet, daß Gregor in diesem Geschäft für sein Leben versorgt war, und hatten außerdem jetzt mit den augenblicklichen Sorgen so viel zu tun, daß ihnen jede Voraussicht abhanden gekommen war. Aber Gregor hatte diese Voraussicht. Der Prokurist mußte gehalten, beruhigt, überzeugt und schließlich gewonnen werden; die Zukunft Gregors und seiner Familie hing doch davon ab! Wäre doch die Schwester hier gewesen! Sie war klug; sie hatte schon geweint, als Gregor noch ruhig auf dem Rücken lag. Und gewiß hätte der Prokurist, dieser Damenfreund, sich von ihr lenken lassen; sie hätte die Wohnungstür zugemacht und ihm im Vorzimmer den Schrecken ausgeredet. Aber die Schwester war eben nicht da, Gregor selbst mußte handeln.

Und ohne daran zu denken, daß er seine gegenwärtigen Fähigkeiten, sich zu bewegen, noch gar nicht kannte, ohne auch daran zu denken, daß seine Rede möglicher- ja wahrscheinlicherweise wieder nicht verstanden worden war, verließ er den Türflügel; schob sich durch die Öffnung; wollte zum Prokuristen hingehen, der sich schon am Geländer des Vorplatzes lächerlicherweise mit beiden Händen festhielt; fiel aber sofort, nach einem Halt suchend, mit einem kleinen Schrei auf seine vielen Beinchen nieder. Kaum war das geschehen, fühlte er zum erstenmal an diesem Morgen ein körperliches Wohlbehagen; die Beinchen hatten festen Boden unter sich; sie gehorchten vollkommen, wie er zu seiner Freude merkte; strebten sogar darnach, ihn fortzutragen, wohin er wollte; und schon glaubte er, die endgültige Besserung alles Leidens stehe unmittelbar bevor. Aber im gleichen Augenblick, als er da schaukelnd vor verhaltener Bewegung, gar nicht weit von seiner Mutter entfernt, ihr gerade gegenüber auf dem Boden lag, sprang diese, die doch so ganz in sich versunken schien, mit einem Male in die Höhe, die Arme weit ausgestreckt, die Finger gespreizt, rief: »Hilfe, um Gottes willen Hilfe!«, hielt den Kopf geneigt, als wolle sie Gregor besser sehen, lief aber, im Widerspruch dazu, sinnlos zurück; hatte vergessen, daß hinter ihr der gedeckte Tisch stand; setzte sich, als sie bei ihm angekommen war, wie in Zerstreutheit, eilig auf ihn; und schien gar nicht zu merken, daß neben ihr aus der umgeworfenen großen Kanne der Kaffee in vollem Strome auf den Teppich sich ergoß.

»Mutter, Mutter«, sagte Gregor leise, und sah zu ihr hinauf. Der Prokurist war ihm für einen Augenblick ganz aus dem Sinn gekommen; dagegen konnte er sich nicht versagen, im Anblick des fließenden Kaffees mehrmals mit den Kiefern ins Leere zu schnappen. Darüber schrie die Mutter neuerdings auf, flüchtete vom Tisch und fiel dem ihr entgegeneilenden Vater in die Arme. Aber Gregor hatte jetzt keine Zeit für seine Eltern; der Prokurist war schon auf der Treppe; das Kinn auf dem Geländer, sah er noch zum letzten Male zurück. Gregor nahm einen Anlauf, um ihn möglichst sicher einzuholen; der Prokurist mußte etwas ahnen, denn er machte einen Sprung über mehrere Stufen und verschwand; »Huh!« aber schrie er noch, es klang durchs ganze Treppenhaus. Leider schien nun auch diese Flucht des Prokuristen den Vater, der bisher verhältnismäßig gefaßt gewesen war, völlig zu verwirren, denn statt selbst dem Prokuristen nachzulaufen oder wenigstens Gregor in der Verfolgung nicht zu hindern, packte er mit der Rechten den Stock des Prokuristen, den dieser mit Hut und Überzieher auf einem Sessel zurückgelassen hatte, holte mit der Linken eine große Zeitung vom Tisch und machte sich unter Füßestampfen daran, Gregor durch Schwenken des Stockes und der Zeitung in sein Zimmer zurückzutreiben. Kein Bitten Gregors half, kein Bitten wurde auch verstanden, er mochte den Kopf noch so demütig drehen, der Vater stampfte nur stärker mit den Füßen.

Drüben hatte die Mutter trotz des kühlen Wetters ein Fenster aufgerissen, und hinausgelehnt drückte sie ihr Gesicht weit außerhalb des Fensters in ihre Hände. Zwischen Gasse und Treppenhaus entstand eine starke Zugluft, die Fenstervorhänge flogen auf, die Zeitungen auf dem Tische rauschten, einzelne Blätter wehten über den Boden hin. Unerbittlich drängte der Vater und stieß Zischlaute aus, wie ein Wilder. Nun hatte aber Gregor noch gar keine Übung im Rückwärtsgehen, es ging wirklich sehr langsam. Wenn sich Gregor nur hätte umdrehen dürfen, er wäre gleich in seinem Zimmer gewesen, aber er fürchtete sich, den Vater durch die zeitraubende Umdrehung ungeduldig zu machen, und jeden Augenblick drohte ihm doch von dem Stock in des Vaters Hand der tödliche Schlag auf den Rücken oder auf den Kopf. Endlich aber blieb Gregor doch nichts anderes übrig, denn er merkte mit Entsetzen, daß er im Rückwärtsgehen nicht einmal die Richtung einzuhalten verstand; und so begann er, unter unaufhörlichen ängstlichen Seitenblicken nach dem Vater, sich nach Möglichkeit rasch, in Wirklichkeit aber doch nur sehr langsam umzudrehen. Vielleicht merkte der Vater seinen guten Willen, denn er störte ihn hierbei nicht, sondern dirigierte sogar hie und da die Drehbewegung von der Ferne mit der Spitze seines Stockes.
Wenn nur nicht dieses unerträgliche Zischen des Vaters gewesen wäre! Gregor verlor darüber ganz den Kopf. Er war schon fast ganz umgedreht, als er sich, immer auf dieses Zischen horchend, sogar irrte und sich wieder ein Stück zurückdrehte. Als er aber endlich glücklich mit dem Kopf vor der Türöffnung war, zeigte es sich, daß sein Körper zu breit war, um ohne weiteres durchzukommen. Dem Vater fiel es natürlich in seiner gegenwärtigen Verfassung auch nicht entfernt ein, etwa den anderen Türflügel zu öffnen, um für Gregor einen genügenden Durchgang zu schaffen. Seine fixe Idee war bloß, daß Gregor so rasch als möglich in sein Zimmer müsse. Niemals hätte er auch die umständlichen Vorbereitungen gestattet, die Gregor brauchte, um sich aufzurichten und vielleicht auf diese Weise durch die Tür zu kommen. Vielmehr trieb er, als gäbe es kein Hindernis, Gregor jetzt unter besonderem Lärm vorwärts; es klang schon hinter Gregor gar nicht mehr wie die Stimme bloß eines einzigen Vaters; nun gab es wirklich keinen Spaß mehr, und Gregor drängte sich - geschehe was wolle - in die Tür. Die eine Seite seines Körpers hob sich, er lag schief in der Türöffnung, seine eine Flanke war ganz wundgerieben, an der weißen Tür blieben häßliche Flecken, bald steckte er fest und hätte sich allein nicht mehr rühren können, die Beinchen auf der einen Seite hingen zitternd oben in der Luft, die auf der anderen waren schmerzhaft zu Boden gedrückt - da gab ihm der Vater von hinten einen jetzt wahrhaftig erlösenden starken Stoß, und er flog, heftig blutend, weit in sein Zimmer hinein. Die Tür wurde noch mit dem Stock zugeschlagen, dann war es endlich still.

Gruss Joker
Rhetorix
Mann, da hast du uns ja gleich einen dicken Brocken serviert!

Ich fang mal ganz, ganz klein an, nämlich mit einem Aspekt, der mir (obwohl ich die Geschichte oft genug gelesen habe) eigentlich erst jetzt so recht ins Auge sticht und der vielleicht nicht so nebensächlich ist, wie es scheint:

Zitat:
...Über dem Tisch, auf dem eine auseinandergepackte Musterkollektion von Tuchwaren ausgebreitet war - Samsa war Reisender - hing das Bild, das er vor kurzem aus einer illustrierten Zeitschrift ausgeschnitten und in einem hübschen, vergoldeten Rahmen untergebracht hatte. Es stellte eine Dame dar, die mit einem Pelzhut und einer Pelzboa versehen, aufrecht dasaß und einen schweren Pelzmuff, in dem ihr ganzer Unterarm verschwunden war, dem Beschauer entgegenhob.

Ein Foto aus einer Modezeitschrift als einziger Schmuck und einziges persönliches Attribut von Gregors Zimmer! (Man wird später noch sehen, wie wichtig es für ihn ist.)
Ein Foto von einer Dame mit Pelzboa und Pelzmuff!

Als erstes fällt mir dabei die sehr tiefe Kluft zwischen Gregors luxuriösen Träumen (Pelz) und seiner tatsächlichen materiellen Beschränktheit (Zeitungsausschnitt) auf.

Das ist mir nicht neu. Das Neue daran ist vielmehr das Gefühl dafür, wie wenig ein solcher Wandschmuck zu einem Mann passt. Das ist doch wohl eher ein femininer Wandschmuck, oder? Vor allem in einem hübschen vergoldeten Rahmen! Welcher Mann hängt sich denn was Hübsches an die Wand?

Das merkwürdige Gefühl besteht darin, dass Gregor vielleicht nicht davon träumt, eine solche Frau aufzugabeln, sondern sich absurderweise selbst in diese Frau hinein träumt.

Abwegig?
Eigentlich ja.
Aber lest mal das hier:

Zitat:
...Andere Reisende leben wie Haremsfrauen...
Wie Haremsfrauen?!
Gregor beneidet also nicht die Sultane oder Maharajas, sondern die Haremsfrauen.
Die Dame auf dem hübsch gerahmten Zeitungsausschnitt ist auch wohl so etwas wie die europäische Version einer Haremsfrau.

Mir scheint daher, dass er in sich das geheime Wunschbild trägt, wie eine Haremsfrau zu sein und in Seide, Pelzen und Leckereien herumzuliegen, statt frühmorgens aufzustehen, um mühsam sein Brot zu verdienen.
Das Einzige, was ihn mit den Haremsfrauen verbindet, ist die Stoffkollektion.
Joker
Mal meine Abfindung mit dem Text:

Zitat:

»Was ist mit mir geschehen?«, dachte er. Es war kein Traum. Sein Zimmer, ein richtiges, nur etwas zu kleines Menschenzimmer, lag ruhig zwischen den vier wohlbekannten Wänden. Über dem Tisch, auf dem eine auseinandergepackte Musterkollektion von Tuchwaren ausgebreitet war - Samsa war Reisender - hing das Bild, das er vor kurzem aus einer illustrierten Zeitschrift ausgeschnitten und in einem hübschen, vergoldeten Rahmen untergebracht hatte. Es stellte eine Dame dar, die mit einem Pelzhut und einer Pelzboa versehen, aufrecht dasaß und einen schweren Pelzmuff, in dem ihr ganzer Unterarm verschwunden war, dem Beschauer entgegenhob.


Hier begegnet eine wichtige Figur im Buch: Die Dame im Pelz. Sie bezeichnet Gregors (mangelnder) erotischer Kontakt mit Frauen. Sie wird noch eine bedenkliche Rolle spielen. Kafka/Der Erzähler versichert dem Leser zwar, es sei kein Traum, jedoch hat es genau diesen Anschein.

Zitat:
um die zappelnden Beine nicht sehen zu müssen,


Eine Beschreibung seiner Selbst, die auch auf sein Monsterdasein hinweist. Es gab auch Spekulationen, Gregor sei überhaupt kein Ungeziefer geworden. Doch wie er sich selber sieht, deutet es auf sein Monsterdasein hin.

Als Nächstes beschäftigt sich Gregor mit seinem Beruf, was auch zeigt, wie wenig ernst er sein momentanes Aussehen nimmt. Dies könnte man auch auffassen, dass er das ganze für einen Traum hält. Die Verwirrung zwischen Realität und Fiktion ist schwer zu unterscheiden.

Aufgrund seiner unruhigen Träumen, wachte er auch zu spät auf. Was war wohl sein Traum? Was ist in diesen Träumen geschehen? Wieso ist er verwandelt? All diese Fragen bleiben offen.

Als seine Mutter und Schwester ihn rufen, spürt man bereits den kafkaesk: Gregor darf nicht aufmachen, sonst entdecken sie seine Gestalt. Er steckt bereits nun, in seinem Zimmer fest.

Zitat:
Er erinnerte sich, schon öfters im Bett irgendeinen vielleicht durch ungeschicktes Liegen erzeugten, leichten Schmerz empfunden zu haben, der sich dann beim Aufstehen als reine Einbildung herausstellte, und er war gespannt, wie sich seine heutigen Vorstellungen allmählich auflösen würden. Daß die Veränderung der Stimme nichts anderes war, als der Vorbote einer tüchtigen Verkühlung, einer Berufskrankheit der Reisenden, daran zweifelte er nicht im geringsten.


Immernoch geht Gregor von einer Einbildung aus. Er glaubt nicht an seine Verwandlung.

Zitat:
Ehe es einviertel acht schlägt, muß ich unbedingt das Bett vollständig verlassen haben. Im übrigen wird auch bis dahin jemand aus dem Geschäft kommen, um nach mir zu fragen, denn das Geschäft wird vor sieben Uhr geöffnet.«


Nun hat er ein Zeitlimit. Er wird immer mehr mit seiner Situation konfronitert. Was vermag er nun zu tun? Man findet keine Lösung. Langsam versucht sich Gregor aus dem Bett zu schaukeln. Dies gelingt ihm auch, doch schon taucht das nächste Problem auf:

Zitat:
Schon war er so weit, daß er bei stärkerem Schaukeln kaum das Gleichgewicht noch erhielt, und sehr bald mußte er sich nun endgültig entscheiden, denn es war in fünf Minuten einviertel acht, - als es an der Wohnungstür läutete. »Das ist jemand aus dem Geschäft«, sagte er sich und erstarrte fast, während seine Beinchen nur desto eiliger tanzten. Einen Augenblick blieb alles still. »Sie öffnen nicht«, sagte sich Gregor, befangen in irgendeiner unsinnigen Hoffnung. Aber dann ging natürlich wie immer das Dienstmädchen festen Schrittes zur Tür und öffnete. Gregor brauchte nur das erste Grußwort des Besuchers zu hören und wußte schon, wer es war - der Prokurist selbst.


Nun ist Eile angebracht. Irgendetwas muss er tun. Natürlich dauert es nicht lange bis er selbst mit dem Prokurist seines Geschäfts, seiner Reisefirma in Kontakt kommt.

Zitat:
»Also kann der Herr Prokurist schon zu dir hinein?« fragte der ungeduldige Vater und klopfte wiederum an die Tür. »Nein«, sagte Gregor. Im Nebenzimmer links trat eine peinliche Stille ein, im Nebenzimmer rechts begann die Schwester zu schluchzen.


Nun ist die direkte Konfrontation da. Der Prokurist muss eine Möglichkeit finden, in Gregors Zimmer einzutreten:

Zitat:
»Herr Samsa«, rief nun der Prokurist mit erhobener Stimme, »was ist denn los? Sie verbarrikadieren sich da in Ihrem Zimmer, antworten bloß mit ja und nein, machen Ihren Eltern schwere, unnötige Sorgen und versäumen - dies nur nebenbei erwähnt - Ihre geschäftliche Pflichten in einer eigentlich unerhörten Weise. Ich spreche hier im Namen Ihrer Eltern und Ihres Chefs und bitte Sie ganz ernsthaft um eine augenblickliche, deutliche Erklärung. Ich staune, ich staune. Ich glaubte Sie als einen ruhigen, vernünftigen Menschen zu kennen, und nun scheinen Sie plötzlich anfangen zu wollen, mit sonderbaren Launen zu paradieren. De Chef deutete mir zwar heute früh eine möglich Erklärung für Ihre Versäumnisse an - sie betraf das Ihnen seit kurzem anvertraute Inkasso - , aber ich legte wahrhaftig fast mein Ehrenwort dafür ein, daß diese Erklärung nicht zutreffen könne. Nun aber sehe ich hier Ihren unbegreiflichen Starrsinn und verliere ganz und gar jede Lust, mich auch nur im geringsten für Sie einzusetzen. Und Ihre Stellung ist durchaus nicht die festeste. Ich hatte ursprünglich die Absicht, Ihnen das alles unter vier Augen zu sagen, aber da Sie mich hier nutzlos meine Zeit versäumen lassen, weiß ich nicht, warum es nicht auch Ihr Herren Eltern erfahren sollen. Ihre Leistungen in der letzten Zeit waren also sehr unbefriedigend; es ist zwar nicht die Jahreszeit, um besondere Geschäfte zu machen, das erkennen wir an; aber eine Jahreszeit, um keine Geschäfte zu machen, gibt es überhaupt nicht, Herr Samsa, darf es nicht geben.«


Worauf Gregor in Aufregung gerät und seine krächzende, käferähnliche Stimme völlig vergisst.

Nun hören sie seine Stimme, worauf alle erschrecken. Zu bemerken ist der Drang der Familie, ins Zimmer einzutreten. Dies wird später im 3. Kapitel eine grosse Rolle spielen. Die Familie ist entsetzt, von Gregors ablehnendem Verhalten. Er versorgt die Familie, sie brauchen ihn, deshalb lieben sie ihn. Nach langem Hin-und-Her, öffnet Gregor Samsa die Tür. Die wahre Reaktion beginnt nun:

Zitat:

»Nun«, sagte Gregor und war sich dessen wohl bewußt, daß er der einzige war, der die Ruhe bewahrt hatte, »ich werde mich gleich anziehen, die Kollektion zusammenpacken und wegfahren. Wollt Ihr, wollt Ihr mich wegfahren lassen? Nun, Herr Prokurist, Sie sehen, ich bin nicht starrköpfig und ich arbeite gern; das Reisen ist beschwerlich, aber ich könnte ohne das Reisen nicht leben. Wohin gehen Sie denn, Herr Prokurist? Ins Geschäft? Ja? Werden Sie alles wahrheitsgetreu berichten? Man kann im Augenblick unfähig sein zu arbeiten, aber dann ist gerade der richtige Zeitpunkt, sich an die früheren Leistungen zu erinnern und zu bedenken, daß man später, nach Beseitigung des Hindernisses, gewiß desto fleißiger und gesammelter arbeiten wird. Ich bin ja dem Herrn Chef so sehr verpflichtet, das wissen Sie doch recht gut. Andererseits habe ich die Sorge um meine Eltern und die Schwester. Ich bin in der Klemme, ich werde mich aber auch wieder herausarbeiten. Machen Sie es mir aber nicht schwieriger, als es schon ist. Halten Sie im Geschäft meine Partei! Man liebt den Reisenden nicht, ich weiß. Man denkt, er verdient ein Heidengeld und führt dabei ein schönes Leben. Man hat eben keine besondere Veranlassung, dieses Vorurteil besser zu durchdenken. Sie aber, Herr Prokurist, Sie haben einen besseren Überblick über die Verhältnisse als das sonstige Personal, ja sogar, ganz im Vertrauen gesagt, einen besseren Überblick als der Herr Chef selbst, der in seiner Eigenschaft als Unternehmer sich in seinem Urteil leicht zu Ungunsten eines Angestellten beirren läßt. Sie wissen auch sehr wohl, daß der Reisende, der fast das ganze Jahr außerhalb des Geschäfts ist, so leicht ein Opfer von Klatschereien, Zufälligkeiten und grundlosen Beschwerden werden kann, gegen die sich zu wehren ihm ganz unmöglich ist, da er von ihnen meistens gar nichts erfährt und nur dann, wenn er erschöpft eine Reise beendet hat, zu Hause die schlimmen, auf ihre Ursachen hin nicht mehr zu durchschauenden Folgen am eigenen Leibe zu spüren bekommt. Herr Prokurist, gehen Sie nicht weg, ohne mir ein Wort gesagt zu haben, das mir zeigt, daß Sie mir wenigstens zu einem kleinen Teil recht geben!«


Die Familie ist entsetzt. Damit hat niemand gerechnet. Zu bemerken ist immernoch, dass die Familie sowohl der Prokurist kein Wort seiner Käferstimme verstehen. Entsprechend dem, sind die Reaktionen.

Zitat:
Aber der Prokurist hatte sich schon bei den ersten Worten Gregors abgewendet, und nur über die zuckende Schulter hinweg sah er mit aufgeworfenen Lippen nach Gregor zurück. Und während Gregors Rede stand er keinen Augenblick still, sondern verzog sich, ohne Gregor aus den Augen zu lassen, gegen die Tür, aber ganz allmählich, als bestehe ein geheimes Verbot, das Zimmer zu verlassen. Schon war er im Vorzimmer, und nach der plötzlichen Bewegung, mit der er zum letztenmal den Fuß aus dem Wohnzimmer zog, hätte man glauben können, er habe sich soeben die Sohle verbrannt. Im Vorzimmer aber streckte er die rechte Hand weit von sich zur Treppe hin, als warte dort auf ihn eine geradezu überirdische Erlösung.


In einem Nachwort dieses Buches, erinnert man an diese Ähnlichkeit eines Stummfilmes. Man könnte sagen, Kafka habe sich gewisse Ideen aus Stummfilmen geholt, weil diese Szenen einfach eine gewisse Ahnungslosigkeit ausstrahlen. Ein spannender Gedanke.

Nun noch zur Reaktion des Vaters auf Gregor. Auch hier ist zu bemerken, dass Kafka nie gut mit seinem Vater ausgekommen ist. KAFKA UND SAMSA, könnte auch ein Wortspiel sein. Er versetzt Samsa in die gleiche Rolle, die er mit seinem Vater spielen musste.

Zitat:
Gregor gar nicht mehr wie die Stimme bloß eines einzigen Vaters; nun gab es wirklich keinen Spaß mehr, und Gregor drängte sich - geschehe was wolle - in die Tür. Die eine Seite seines Körpers hob sich, er lag schief in der Türöffnung, seine eine Flanke war ganz wundgerieben, an der weißen Tür blieben häßliche Flecken, bald steckte er fest und hätte sich allein nicht mehr rühren können, die Beinchen auf der einen Seite hingen zitternd oben in der Luft, die auf der anderen waren schmerzhaft zu Boden gedrückt - da gab ihm der Vater von hinten einen jetzt wahrhaftig erlösenden starken Stoß, und er flog, heftig blutend, weit in sein Zimmer hinein. Die Tür wurde noch mit dem Stock zugeschlagen, dann war es endlich still.


Vorallem an dieser Szene spannend, ist, nun wo Gregor seine Arbeit höchstwahrscheinlich aufgeben muss, die Familie mit ganzer Härte gegen Gregor vorgehen. Nun, soll er nur noch in seinem Zimmer bleiben. Das Verhältniss des Vaters und Gregors, ist dahin. Im Gegensatz zur Sorge am Anfang des Buches, ist es hier darum geschehen. Gregor ist kein Teil der Familie mehr. Er ist nur ein Ungeziefer.

Soweit mal von mir ein paar Worte. Ab jetzt werde ich kleinere Happen servieren, tut mir leid Zwinker

Gruss Joker
ewig
Ahhhh, Kafka. Freude

Reden wir doch zunächst einmal aneinander vorbei. Das hätte ihm bestimmt gefallen. :>

Was mir auffiel:

1) Wie man es bei Kafka gewohnt ist, startet die Erzählung mit einer irrealen Prämisse (Verwandlung in ein Ungeziefer), und diese wird konsequent realistisch (also mit hoher Detailgenauigkeit und dem beständigen wieder-Einbruch in die hiervon wegstreifenden Gedankengänge) durchgehalten. ("Es war kein Traum")

2) Wie man es ebenfalls gewohnt ist, werden hier zwei widersprüchliche Perspektiven miteinander verschränkt. Zum einen erkennt Gregor S. klar, daß er sich in ein Ungeziefer verwandelt hat, und stellt auch fest, daß es sich nicht um einen Traum handelt, aber die Implikationen, die daraus erwachsen, überschaut er in keinster Weise. Im 5ten Absatz meint er bspw., er könne in dieser Gestalt einfach noch zum Bahnhof gehen und den nächsten Zug nehmen, um zur Arbeit zu kommen. Daß in dieser völlig veränderten Lage an den vorausgehenden Prioritäten festgehalten wird, ist Kafkas typischer Kniff, um das serielle Scheitern der Figur vorzuprogrammieren. Auch die Überleitung von seinem Versuch als Käfer, in die Seitenlage zu kommen ("Er versuchte es wohl hundertmal, schloß die Augen, um die zappelnden Beine nicht sehen zu müssen, und ließ erst ab, als er in der Seite einen noch nie gefühlten, leichten, dumpfen Schmerz zu fühlen begann.") - hier eigentlich schon gänzlich niedere Kreatur im puren Automatikbetrieb - zum nächsten Gedanken ("»Ach Gott«, dachte er, »was für einen anstrengenden Beruf habe ich gewählt!«") mißattributiert seine Erschöpfung, denn die hat ja hier mit seinem Beruf nicht so viel zu tun wie damit, daß ihm die althergebrachten motorischen Strategien nichts mehr nutzen.

3) Auch sehr schön diese typische Lamentation über die Beschwerlichkeit des Alltags, welche die Person als Spielball von Außenmächten zeigt, und mit der man sich eigentlich immer prima identifizieren kann:
Zitat:
Original von Kafka
»Ach Gott«, dachte er, »was für einen anstrengenden Beruf habe ich gewählt! Tag aus, Tag ein auf der Reise. Die geschäftlichen Aufregungen sind viel größer, als im eigentlichen Geschäft zu Hause, und außerdem ist mir noch diese Plage des Reisens auferlegt, die Sorgen um die Zuganschlüsse, das unregelmäßige, schlechte Essen, ein immer wechselnder, nie andauernder, nie herzlich werdender menschlicher Verkehr.«


4) Es folgt die - altruistische - Rechtfertigung der mißlichen Lage und eine mit der Abhängigkeitssituation verbundene Aufbegehrungsphantasie, mit welcher die Ungerechtigkeit der Welt wenigstens imaginär befriedigt werden kann:
Zitat:
»Das sollte ich bei meinem Chef versuchen; ich würde auf der Stelle hinausfliegen. Wer weiß übrigens, ob das nicht sehr gut für mich wäre. Wenn ich mich nicht wegen meiner Eltern zurückhielte, ich hätte längst gekündigt, ich wäre vor den Chef hin getreten und hätte ihm meine Meinung von Grund des Herzens aus gesagt. Vom Pult hätte er fallen müssen! Es ist auch eine sonderbare Art, sich auf das Pult zu setzen und von der Höhe herab mit dem Angestellten zu reden, der überdies wegen der Schwerhörigkeit des Chefs ganz nahe herantreten muß. Nun, die Hoffnung ist noch nicht gänzlich aufgegeben; habe ich einmal das Geld beisammen, um die Schuld der Eltern an ihn abzuzahlen - es dürfte noch fünf bis sechs Jahre dauern - , mache ich die Sache unbedingt. Dann wird der große Schnitt gemacht.«


Schuldknechtschaft ist übrigens eines der archetypischsten Beziehungsverhältnisse, seit die Kultur ein erweitertes Gedächtnis bereitstellt.
Joker
Hallo Leute,

Ihr könnt übrigens auch die Intepretationen kommentieren. Fühlt euch frei, zu tun wie ihr lieb seit!

Zu Rhetorix,

Zitat:
Original von Rhetorix

Als erstes fällt mir dabei die sehr tiefe Kluft zwischen Gregors luxuriösen Träumen (Pelz) und seiner tatsächlichen materiellen Beschränktheit (Zeitungsausschnitt) auf.


Stimmt. Und er behält diesen Ausschnitt, weil er seinen Traum behält. Auch seine (sexuelle) Beziehung mit einer Frau, ist jediglich ein Traum, dem er nicht näher kommt, als der Zeitungsausschnitt. Dies ist alles was er hat und da er nun die Menschlichkeit verloren hat, ist es wirklich das Einzige, was er noch zu bekommen vermag. Darüber können wir später noch diskutieren, wenn das Bild eine wichtige Rolle spielt.

Zitat:
Das merkwürdige Gefühl besteht darin, dass Gregor vielleicht nicht davon träumt, eine solche Frau aufzugabeln, sondern sich absurderweise selbst in diese Frau hinein träumt.


Nun, von seiner beruflichen Sicht, wäre er sicher gerne so eine Frau, wobei in erotischer Sicht er gerne so eine Frau aufgabeln würde. Wahrscheinlich ist es ein Doppeldenken, seine beiden Wünsche bezüglich der Sexualität sowie dem Beruf, beide Wünsche werden mit diesem Bild (zumindest symbolisch) erfüllt. Was denkst du dazu?

__________

Zu ewig:

Zitat:
1) Wie man es bei Kafka gewohnt ist, startet die Erzählung mit einer irrealen Prämisse (Verwandlung in ein Ungeziefer), und diese wird konsequent realistisch (also mit hoher Detailgenauigkeit und dem beständigen wieder-Einbruch in die hiervon wegstreifenden Gedankengänge) durchgehalten. ("Es war kein Traum")


Stimmt auch, das Typische für Kafka, wie er einen mit dem ersten Satz in die Geschichte zieht. Das Spannende in dieser Situation, ist seine persönliche Abfindung mit dem Schicksalsschlag. Während er am Anfang noch von einer Illusion an sich spricht ("Er erinnerte sich, schon öfters im Bett irgendeinen vielleicht durch ungeschicktes Liegen erzeugten, leichten Schmerz empfunden zu haben, der sich dann beim Aufstehen als reine Einbildung herausstellte, und er war gespannt, wie sich seine heutigen Vorstellungen allmählich auflösen würden. Daß die Veränderung der Stimme nichts anderes war, als der Vorbote einer tüchtigen Verkühlung, einer Berufskrankheit der Reisenden, daran zweifelte er nicht im geringsten."). Er selbst wartet auf Besserung, bis zum eintreffen des Prokurists. Ab da, ist er sich bewusst, alles sei wahr und er muss schleunigst eine Lösung finden.

Die Wechslung zum nächsten Gedanken, nämlich den der Arbeit, zeigt seine Verdrängung. Hier finde ich, bleibt er ziemlich ruhig, trotz seiner bedränglichen Situation. Das mag wahrscheinlich daran liegen, dass er das Ganze doch für einen Traum hält. Dies ist, bekannt bei Gregor Samsa, seine Hoffnung.

Es bleibt spannend. Ich lasse diesen Teil noch eine Weile offen, bis ich den nächsten poste.

Gruss Joker
ewig
Zitat:
Original von Joker
Ich lasse diesen Teil noch eine Weile offen, bis ich den nächsten poste.

Von mir aus gern noch eine Woche. War eigentlich noch nicht fertig. Zudem wollen wir ja auch nicht nur aneinander vorbeireden.
Shamatic
Ich hab eine kleine Zwischenfrage: Wie viele Türen verbinden Gregor Samsas Zimmer mit dem Rest der Wohnung ? Es sind ja mindestens 2, wenn ich das richtig verstanden habe. War das damals "normale" Architektur ? Oder stehen die Türen für Barrikaden in den sozialen Beziehungen ? Ist jetzt nur so ne Idee, die mir vorhin beim Lesen gekommen ist. Hab das Buch vor 2-3 Jahren gelesen und fast nichts mehr im Kopf.... Aber ich les aufjedenfall mit (Reclam-Ausgabe^^)
Rhetorix
Zitat:
Original von Joker
Zitat:
Das merkwürdige Gefühl besteht darin, dass Gregor vielleicht nicht davon träumt, eine solche Frau aufzugabeln, sondern sich absurderweise selbst in diese Frau hinein träumt.

Nun, von seiner beruflichen Sicht, wäre er sicher gerne so eine Frau, wobei in erotischer Sicht er gerne so eine Frau aufgabeln würde. Wahrscheinlich ist es ein Doppeldenken, seine beiden Wünsche bezüglich der Sexualität sowie dem Beruf, beide Wünsche werden mit diesem Bild (zumindest symbolisch) erfüllt. Was denkst du dazu?

Ich glaube, dass Gregor sehr schamhaft ist.
Wenn die Frau ein erotischer Wunsch wäre, so würde er sich wohl genieren, sie an die Wand zu hängen. Außerdem würde/müsste er befürchten, dafür gefoppt zu werden ("Die hättest du wohl gern! Aber vergiss es - so eine kriegst du nie!" Oder: "Da hast du dich ja in die Richtige verguckt. Das ist bestimmt eine Hure!" etc.)
Ich tippe also nach wie vor darauf, dass er sich selbst irgendwie an die Stelle dieser Frau wünscht - zwar nicht im Sinn einer transsexuellen Fantasie, aber etwas deutlich Unmännliches ist schon dran.


Zitat:
Original von Shamatic
Ich hab eine kleine Zwischenfrage: Wie viele Türen verbinden Gregor Samsas Zimmer mit dem Rest der Wohnung ? Es sind ja mindestens 2, wenn ich das richtig verstanden habe. War das damals "normale" Architektur ? Oder stehen die Türen für Barrikaden in den sozialen Beziehungen ?...
Gregors Zimmer ist ein 'gefangener Raum' (ein Durchgangszimmer). Das gabs damals öfter, wird heute aber weitgehend vermieden, weil gefangene Räume schlechte Räume sind. Gregor hat also das schlechteste Zimmer bekommen, ein Zimmer, durch das die anderen hindurchlatschen und ihm damit seine Privatsphäre nehmen.
Erik van Thom
Vielleicht ist Gregor Samsa einfach arbeitslos geworden? Und hat so innerhalb seiner Sippe, die er vorher noch durchgefuettert hat, jeden Sinn eingebuesst?
(Der Vater faengt doch nach der Verwandlung wieder das arbeiten an, oder? Hab mir das ganze Original jetzt aber nicht nochmal durchgelesen... )
Joker
Hallo Erik van Thom,


Zitat:
Original von Erik van Thom
Vielleicht ist Gregor Samsa einfach arbeitslos geworden? Und hat so innerhalb seiner Sippe, die er vorher noch durchgefuettert hat, jeden Sinn eingebuesst?
(Der Vater faengt doch nach der Verwandlung wieder das arbeiten an, oder? Hab mir das ganze Original jetzt aber nicht nochmal durchgelesen... )


Nun, nachdem die Sache mit dem Prokurist passiert ist, könnte man Gregor Samsa als arbeitslos bezeichnen. Die Reaktion der Familie auf Gregor's Arbeitsunfähigkeit ist natürlich das Spannende der Geschichte. Denn nun, da sie nicht mehr abhängig von Gregor sind, haben sie (nach und nach) keine Interesse mehr, Gregor wie ein Familienmitglied zu behandeln. Sie werfen ihm auch im Laufe der Geschichte schlimme Sachen an den Kopf, die häufig nicht mal der Wahrheit entsprechen.
Ich denke, darauf werden wir später nochmals zurückgreifen. Bis jetzt sei erwähnt, dass die Familie ab nun Gregor nicht mehr als 'Verpfleger' sehen, sondern als Hindernis, welches sie loswerden müssen.
Da wir vorher auch noch von den Türen sprachen: auffällig ebenfalls, Gregors Zimmer ist für alle zugänglich. Dies könnte daran liegen, dass Gregor der Mittelpunkt der Familie ist, jeder kann ihn sehen, jeder kann zu ihm vordringen. Die Familie sieht Gregor als wichtigstes Mitglied, dies leider nicht aus Liebe, sondern aus reiner Abhängigkeit. Gregor, der sich dessen vielleicht nicht mal richtig bewusst ist, lebt in dieser falschen Welt der Familie und strengt sich hingegen auch an, der Familie ein schönes Zuhause zu bieten. Da dies nun nicht mehr möglich ist, ändern auch die Familienmitglieder ihr Verhalten gegenüber Gregor. So wird Gregor's Zimmer nicht mehr zum Mittelpunkt, sondern immer mehr zur 'Abstellkammer'. Nämlich haust Gregor als Ungeziefer dort, wo man ihn 'abgestellt' hat. Gregor wird unnütz, bishin zu lästig.
Diese Verwandlung der ganzen Familie, ist die Thematik des Buches. Die Falschheit, die Gregor zum Verhängnis wird. Die ganze Familie startet auch, ihr echtes Gesicht zu zeigen. Dies bedeutet Gregors Untergang.

Was sagt ihr dazu?

Gruss Joker
Joker
Hallo Rhetorix,

Zitat:
Original von Rhetorix
Wenn die Frau ein erotischer Wunsch wäre, so würde er sich wohl genieren, sie an die Wand zu hängen. Außerdem würde/müsste er befürchten, dafür gefoppt zu werden ("Die hättest du wohl gern! Aber vergiss es - so eine kriegst du nie!" Oder: "Da hast du dich ja in die Richtige verguckt. Das ist bestimmt eine Hure!" etc.)
Ich tippe also nach wie vor darauf, dass er sich selbst irgendwie an die Stelle dieser Frau wünscht - zwar nicht im Sinn einer transsexuellen Fantasie, aber etwas deutlich Unmännliches ist schon dran.


Gutes Argument. Was mir jedoch bei Gregor Samsa auffällt, ist dass die Familie sich nicht umbedingt um das Zimmer sorgt, somit ihnen sicher auch nicht diese Frau aufgefallen ist. Sonst hätten sie, wie auch immer Samsa zu dem Bild gestanden wäre, auch einen abfallende Bemerkung von sich gegeben. Da sie das nicht tun, denke ich, hat Gregor Samsa das Bild 'für sich' und er muss sich keine Sorge um die Reaktionen seiner Mitbewohner machen.
Übrigens spricht sich auch Wikipedia für die erotische Traumvariante aus. Nur so nebenbei, weil ich Wikipedia mag fröhlich

Ich denke seine Meinung zum Bild könnte sowohl das Eine, oder das andere bedeuten. Ausschliessen können wir aber nichts.

Gruss Joker
Rebecca
In meinen Augen träumt Gregor Samsa den Traum eines jeden Überforderten und Wartenden. Nur, worauf? Er "funktioniert" tagtäglich. In seinem Zimmer hat er seine "Wünsche" in Form des Bildes. Sein Leben ist ein steter ruhiger Lauf - festgefahren. Den Wunsch als Vater des Gedankens wagt er sich nicht zu erfüllen. Raus aus der Eintönigkeit seines Seins hinein in eine andere Welt.

Seine Situation hat sich geändert. Jetzt könnte er "vorwärts" gehen, jetzt könnte er das "Nein" sagen zu den Dingen, den Pflichten, der Festgefahrenheit seines Seins. Jetzt könnte er fordern, wo man ihn nur immer fordert. Jetzt kann er seinen wahren "Wert" bei anderen testen. Denn nur äußerlich hat er sich ja verändert. Noch ist er der gleiche Mensch.
Aber er kneift und zieht sich wieder in sein Refugium zurück.

Freundliche Grüße
Rebecca winken
Rhetorix
Zitat:
Original von Rebecca
... Denn nur äußerlich hat er sich ja verändert. Noch ist er der gleiche Mensch...
Nur äußerlich hat er sich verändert? Du bist gut! Wenn mein Sohn plötzlich wie ein Käfer aussähe, würde ich sicher nicht denken: Och, ist ja nur äußerlich!

Vielleicht ist die neue Gestalt nicht einmal etwas Falsches oder Fremdes?
Vielleicht hat Gregor sich als das entpuppt, was er eigentlich immer schon war?
oui
Zitat:
Original von Shamatic
Ich hab eine kleine Zwischenfrage: Wie viele Türen verbinden Gregor Samsas Zimmer mit dem Rest der Wohnung ? Es sind ja mindestens 2, wenn ich das richtig verstanden habe.

Es sind mindestens drei: Die Mutter spricht zu ihm durch die Tür am Kopfende, der Vater durch die Tür links und die Schwester durch die Tür rechts.
Gregors Zimmer kann zudem nicht das einzige bzw. zentrale Durchgangszimmer sein, da die Mutter vom Zimmer am Kopfende in das linke Zimmer- in dem sich ihr Mann und der Prokurist befinden- gelangen kann, ohne durch Gregors Zimmer gehen zu müssen.
Das interessante ist ja gerade, dass die Zimmer der anderen Familienmitglieder zusätzlich untereinander Verbindung haben und dazu alle drei noch eine Verbindung zu Gregors Zimmer haben.
oui
Zitat:
Original von Rhetorix
Vielleicht hat Gregor sich als das entpuppt, was er eigentlich immer schon war?

Ein interessanter Gedanke. Womit würdest Du ihn begründen?
Immerhin wird Gregor gleich zu Beginn wertend als "Ungeziefer" betitelt, also als ein Schädling und nicht neutral als ein Insekt oder Käfer.
Aber macht sich ein Schädling Sorgen um die Familie und ernährt sie? Legt ein Schädling Wert auf herzliche Umgangsformen bzw. Beziehungen am Arbeitsplatz? - Ich denke nicht. Die Spannung ergibt sich ja gerade aus der antithetischen Gestaltung von Schädling, also "Ungeziefer" und seiner Hilflosigkeit und Reflexion einer fehlenden Herzlichkeit.
Erik van Thom
Zitat:
Original von Rhetorix
Vielleicht ist die neue Gestalt nicht einmal etwas Falsches oder Fremdes?
Vielleicht hat Gregor sich als das entpuppt, was er eigentlich immer schon war?

Also, es kann sein, dass Gregor als Mensch hohl war; sein Leben der Ernaehrung einer undankbaren Familie zu widmen, die prima wieder das Arbeiten anfangen kann, sobald er das nicht mehr kann, das zu seinem Lebensinhalt zu verklaeren - das ist hohl.
Jetzt ist er aeusserlich ein Ungeziefer, aber auf einmal faengt er u.A. an, Musik schoen zu finden. Das koennte sich interpretieren lassen, dass sich seine vormals schoene Aussenseite nach innen gewandt hat, und sein unnuetzes Innenleben nach aussen.
Shamatic
Danke oui !

Mir scheint die Struktur der Wohnung d.h. die Verbindungen der Zimmer eine ganz wesentliche Rolle zu spielen. Ich weiß zwar natürlich noch nicht, wie das letztendlich zu deuten ist, aber dass sich aus dieser Perspektive möglicherweise eine elementare Ebene ziehen lässt, scheint mir sehr wahrscheinlich zu sein. Schließlich findet die ganze Kommunikation immer über die verschiedenen Türen statt. Ich plädiere also dafür, Gregors Raum und die umgebende Architektur als Metapher für eine Psychologie der Beziehungen und des Bewusstseins zu betrachten.... (ich habe jetzt erst den 1. Teil gelesen und kann mich überhaupt nicht mehr dran erinnern, was danach passiert. Mein Standpunkt ist also tatsächlich begrenzt.)

Im Übrigen würde ich wünschen, dass die anderen (allgemein gesprochen) Teilnehmer versuchen ihre Interpretation nicht so sehr abstrakt zu halten und sich jetzt schon auf das ganze Werk zu beziehen. Das löscht doch jede interessante Spur, die im Text zu finden ist, wieder aus. Ich persönlich versuche momentan die Details zu untersuchen, um zu gucken, wo und wie eine Symbolik versteckt sein könnte.... Wie beispielsweise bei der Essensauswahl der Schwester: trockenes Brot, Brot mit Butter, Brot mit Butter und Salz... Das sieht doch verdächtig nach irgendeiner symbolischen Hierarchie aus... Nur was es bedeuten könnte, das weiß ich noch nicht großes Grinsen