Jörg
| Zitat: |
Original von Nylen
Anti-Realisten sind eine Mode-Erscheinung und werden verschwinden.
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Eine schon sehr lange existierende Mode-Erscheinung. Feyerabend schrieb 1977: "Der Gegensatz, der später zur Debatte zwischen Realismus und Instrumentalismus führt, beginnt mit den Vorsokratikern, insbesondere mit Xenophanes und Parmenides" (Der Wissenschaftstheoretische Realismus Seite 105). Anti-Realismus bedeutet ja auch nicht, dass wissenschaftliche Erkenntnis ausgeschlossen wird, es beideutet nur, dass wissenschaftliches Erkennen nichts mit Wissen über die Welt zu tun haben muss. Eben darauf läuft im erkenntnistheoretischen Sinne die befreiung von Kant hinaus: Es geht nicht in erster Linie um die Frage, was man wissen kann, sondern allgmeiner um die Frage, warum wissenschftliche Theorien empirisch adäquat sein können, ohne dass sie etwas über die Welt sagen.
Jörg
@Nik: Was soll dein quellen-loses Zitat sagen? Dass Kant tatsächlich noch mehr Bücher als die Kritik der reinen Vernunft geschrieben hat, und dass er Themen, die er hier nur andeutete, woanders ausführlicher behandelt hat?
Die Aufführung der drei Fragen sind ein Zentraler Punkt in Kants Philosophie und sie sind von ihm auch so herausgestellt. Und ich gehe auch davon aus, dass er die Fragen mit Bedacht genau so formuliert hat. Deshalb scheint es mir ein sinnvolles Unterfangen genau diese drei Formulierungen kritisch zu befragen, ich glaube, dass es (wenn man betrachtet, wie Kant selbst sein kritisches Arbeiten ausführt) ganz im Sinne Kants ist, das zu tun.
Nik
@ Jörg
Was soll jetzt das bürokratische Anmahnen einer fehlenden Quellenangabe...?
...nachdem du dich eingangs bereits mit der Unterstellung selbst in ein Mißtrauen erweckendes Licht gesetzt hast, ich hätte Kants KrV nicht gelesen...?
Und am Ende berufst du dich sogar auch noch auf Kant - man höre und staune...! obwohl du dich und uns ja von Kant zu befreien gedenkst...
Macht halt doch sehr etwas her im "Argument", die Reputation eines Großen Anderen, nicht...? ;O)
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Dass Raum und Zeit nicht Teil dessen sind, was wir als "Außenwelt" beobachten, sondern Beobachtung apriori erst ermöglichen, DAS IST KANT...!
Dieser Vorgriff, diese Vorbereitung auf eine den Bewusstseins- und Erkenntnis-Horizont letztlich abschließend verriegelnde Ereignis-Ontologie, darüber ist zu sprechen, wenn von Immanuel Kant die Rede ist. Und daran sind Gedanken an Freiheit, Ethik, Moral auf Augenhöhe anzuschließen...
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...und nicht an diese oberflächliche, völlig haltlos und naiv anmutende Inhaltsarmut deiner sogenannten "Fragestellungen" bspw. der Machart:
"Was darf ich tun? ...das ist die Frage nach der individuellen Freiheit, mithin vielleicht
die zentrale Frage der gesellschaftlichen Gegenwart. Es ist die Frage nach der Notwendigkeit der Überwindung von Unfreiheit ebenso wie die nach den Grenzen des freien Handelns, die durch die anderen neben mir und nach mir bestimmt sind. Im Gegensatz zu Kant sind die ethischen Fragen also heute nicht die „sollen“-Fragen, sondern die „dürfen“-Fragen."
Nik
Jörg
@Nik: Ich werde dich nicht von Kant befreien, und keine Sorge, das ist auch nicht mein Ziel. Und meine "Berufung" auf Kant steht schon in meinem Startposting.
Wenn jemand etwas als "Zitat" kennzeichnet, dann beruft er sich auf einen anderen, und dann ist es dem Leser und Diskussionspartner gegenüber freundlich, anzugeben, wo er diesen Text nachlesen kann, um den Kontext kennen zu lernen. Ein Zitat weist immer über sich selbst hinaus auf den ursprünglichen Autor, auf den Text,dem es entnommen ist, auf eine Zeit, in der es entstanden ist. All das kann für den Leser des Zitates wichtig sein. Das hat nichts mit Bürokratie zu tun.
Könntest du mir den Inhaltsreichtum einer Formulierung wie "diese Vorbereitung auf eine den Bewusstseins- und Erkenntnis-Horizont letztlich abschließend verriegelnde Ereignis-Ontologie" erläutern, damit ich verstehe, warum darüber und nicht über meine "Fragestellungen" im Zusammenhang mit Kant zu sprechen ist?
Nylen
| Zitat: |
| Anti-Realismus bedeutet ja auch nicht, dass wissenschaftliche Erkenntnis ausgeschlossen wird, es beideutet nur, dass wissenschaftliches Erkennen nichts mit Wissen über die Welt zu tun haben muss. Eben darauf läuft im erkenntnistheoretischen Sinne die befreiung von Kant hinaus: Es geht nicht in erster Linie um die Frage, was man wissen kann, sondern allgmeiner um die Frage, warum wissenschftliche Theorien empirisch adäquat sein können, ohne dass sie etwas über die Welt sagen. |
Anti-Realismus ist die Ablehnung einer unabhängigen objektiven Realität, an der unsere Theorien sich messen lassen. In diesem Sinne ist Kant ein Anti-Realist, und ein Idealist.
So wirst du dich nicht von Kant befreien.
Befreien kann man sich nur wenn man die Trennung zwischen Phänomena und Noumena überwindet.
Ich glaube diejenigen Wissenschaftler die behaupten wenigstens im Prinzip könnten wir die Welt verstehen haben recht.
Und unsere Theorien sagen etwas über die Welt. Nur ein Teilbereich unserer Theorien sind zweifelhaft was das angeht.
Nomade
| Zitat: |
Original von Nik
Dass Raum und Zeit nicht Teil dessen sind, was wir als "Außenwelt" beobachten, sondern Beobachtung apriori erst ermöglichen, DAS IST KANT...!
Dieser Vorgriff, diese Vorbereitung auf eine den Bewusstseins- und Erkenntnis-Horizont letztlich abschließend verriegelnde Ereignis-Ontologie, darüber ist zu sprechen, wenn von Immanuel Kant die Rede ist. Und daran sind Gedanken an Freiheit, Ethik, Moral auf Augenhöhe anzuschließen...
Nik |
Yep, freilich ging Kant von einer anderen Physik aus: Seiner Meinung nach konnten niemals
der Raum oder
die Zeit gemessen werden, sondern immer nur
im Raum und
in der Zeit. Raum und Zeit sind bei ihm absolute Größen, die Bühnen der Ereignisse, "die Bretter, die die Welt bedeuten"

.
Nach unserem heutigen Verständnis sind Raum und Zeit nicht mehr Bühne, sondern Mitspieler des Geschehens. Von
dem Raum und
der Zeit zu sprechen, bleibt aber weiterhin genaus so sinnlos.
Inwiefern uns Kant durch seine seine Vortsellung des a priori von Raum und Zeit allerdings irgendwelche Erkenntnisse verbaut haben soll, ist mir unklar und ich würde mich daher über ein Beispiel deinerseits, lieber Nik, sehr freuen. Denn das ist für mich die spannende Frage:
Was bietet uns der systemtheoretische Ansatz, was durch andere Konzepte vorenthalten wird?
Gruß,
Nomade
Jörg
Die Existenz einer außer uns existierenden Realität ist (im alltäglichen Sinne) natürlich auch unter den Anti-Realisten unstrittig. Es geht in der Debatte darum, ob unsere Theorien etwas über die Wirklichkeit sagen (müssen), ob sie wahr sind, und ob ihre Entitäten existieren.
Der Anti-Realist bestreitet nicht die Existenz einer realität, er bestreitet, dass unsere Theorien sie abbillden.
Nylen
Ich kenne die Debatte und wiederhole. Es gibt problematische Theorien wo das abbilden auch für mich ein Problem darstellt und andere Theorien, wo das klar nicht der Fall ist.
Eine Frage scheint doch zu sein ob es Eine Beschreibung der Welt geben kann oder mehrere gleichgültige. Ich denke langfristig wird es EINE Beschreibung der Welt geben die sich durchsetzt.
Eine weitere Konsequenz des Antirealismus scheint mir zu sein, dass man sich auf die Konsenstheorie der Wahrheit beruft. Im Gegensatz glaube ich bei Fragen, wie ob der Eifelturm in Paris steht an eine Form der Korrespondenztheorie und das auch bei vielen unserer Theorien über die Welt.
Die Frage der Abbildung und ihrer Möglichkeit stellt sich ausser in der Philosophie in der Praxis für gewöhnlich nicht. Wenn wir unseren Theorien Astronauten anvertrauen damit auf den Mond zu fliegen etwa.
Und ich glaube der Anti-Realismus führt zu einem Theorienrelativismus, derart das behauptet wird, es gebe gleichwertige Beschreibungen der Welt zwischen denen wir niemals entscheiden können. Das muss die Praxis bestätigen und ist für mich erstmal nur eine Hypothese unter vielen möglichen. Ebenso möglich ist, das sich letztlich immer klar zwischen Modellen entscheiden lässt. Also das über die Zeit eine Möglichkeit gefunden wird, den höheren Wert der einen Theorie zu erweisen.
Das ich den Anti-Realismus für eine Modeerscheinung halte hat viel damit zu tun, das ihre Vorläufer stets überwunden wurden.
Vergangene Positionen versuchten auch zu zeigen das ein Fortschritt in der Erkenntnis der Wirklichkeit nicht möglich sei, aber unsere Gegenwart zeigt doch deutlich das Gegenteil.
Nik
Ums nochmal klarzustellen: Die transzendentale Idealität von Raum und Zeit sind auf erkenntnistheoretischer Ebene die (Vernunft-) inhärenten Bedingungen der Möglichkeit, überhaupt Erfahrung machen zu können.
Auf ontologischer Ebene folgt Kant Newton (absoluter Raum usw.), und warum sollte er auch nicht...?
Kant ist ontologisch einem Schwachen Realismus zuzuordnen; erkenntnistheoretisch einem transzendentalen Idealismus.
Kant war weder Anti-Realist, noch Idealist (siehe Kants "Die Widerlegung des Idealismus" in der KrV); wobei ich hinzufügen muss, dass ich die Bezeichnung "Anti-Realismus" generell für verfehlt halte, da sie auch Positionen umfasst, die nicht im Geringsten das "Anti-" rechtfertigen.
Ein Schwacher Realismus ist kein Anti-Realismus.
*
| Zitat: |
| Nomade: Inwiefern uns Kant durch seine seine Vorstellung des a priori von Raum und Zeit allerdings irgendwelche Erkenntnisse verbaut haben soll... |
Kant hat uns im Gegenteil durch seine kopernikanische Wende...
| Zitat: |
| Kants berühmte kopernikanische Wende: Wir erkennen nicht das Ding an sich, sondern nur dessen Erscheinung oder das Ding für uns. Diese Erscheinung wird aber durch uns als Subjekt, durch die apriorischen Sinnlichkeitsformen gegeben. Kant versucht diese Denkwende zu veranschaulichen, indem er sich auf die kopernikanische Wende bezieht. Kopernikus ist der erste, der verstanden hat, dass nicht die Sonne sich um die Erde dreht, sondern die Erde um die Sonne. Wir können uns das am Beispiel des Sehens gut verdeutlichen. Nach unserer Vorstellung der Außenwelt gibt es Gegenstände, die von den Sinnen aufgenommen werden – es wird affiziert. Diese sinnlichen Anschauungen werden uns nur als räumliche Gegenstände gegeben. Das Räumlich-Sein ist sogar die Bedingung ihrer Existenz. Die Außenwelt ist dabei bereits eine "subjektive" Vorstellung. Solche aus einzelnen Elementen zusammengesetzten empirischen Anschauungen nennt Kant Empfindungen. Raum und Zeit aber werden als reine Formen der sinnlichen Anschauung den Empfindungen (der Materie) hinzugefügt. Sie sind reine Formen der menschlichen Anschauung und gelten nicht für Gegenstände an sich. Dies bedeutet, dass Erkenntnis immer vom Subjekt abhängig ist. Unsere Realität sind die Erscheinungen, d.h. alles was für uns in Raum und Zeit ist. Dass wir uns keine Gegenstände ohne Raum und Zeit vorstellen können, liegt nach Kant an unserer Beschränktheit und nicht in den Gegenständen an sich. Ob Raum und Zeit in den Dingen an sich existieren, können wir nicht wissen. |
...ungeahnte Erkenntnismöglichkeiten eröffnet.
Ohne Kant kein Einstein, ums lapidar (und gewagt...!) auszudrücken.
| Zitat: |
| Nomade: Was bietet uns der systemtheoretische Ansatz, was durch andere Konzepte vorenthalten wird? |
Da würde ich mich an deiner Stelle mit Systemtheorien (Kybernetik; Autopoiesis etc.) auseinandersetzen, um zu verstehen, dass die Situation des Menschen und seiner Gesellschaft gar nicht mehr anders als systemtheoretisch einigermaßen adäquat erfasst (beschrieben) werden kann.
Gruß,
Nik
Jörg
@Nik: Kannst du eigentlich auch schreiben, ohne irgend einen anderen Philosophen zu imitieren (hier Kant, dort Heidegger)?
Der Satz, den du mit "Ums nochmal klarzustellen" einleitest, stellt nichts klar, und er ist auch falsch. Was ist "transzendetale Idealität" - meinst du nicht eher "transzendente Idealität"? Sonst wäre der Satz doch irgendwie zirkulär, oder?
Naja, vielleicht folmulierst du ihn einfach nochmal in normaler Sprache.
Begriffe wie Realismus und Antirealismus, wie Idealismus und Materialismus sind immer in einem bestimmten Kontext zu sehen, der Kontext der ersten beiden ist die Realismus-Debatte in der Wissenschaftstheorie, etwas erweitert in der Erkenntnistheorie.
Nik
| Zitat: |
| Jörg: @Nik: Kannst du eigentlich auch schreiben, ohne irgend einen anderen Philosophen zu imitieren (hier Kant, dort Heidegger)? |
"Ich wohne in meinem eigenen Haus und habe noch nie niemandem nichts nachgemacht. Ich lachte noch jeden Meister aus, der nicht über sich selbst gelacht." Nietzsche
Dir gegenüber habe ich mir einen etwas unangemessen barschen Ton erlaubt; das bedeutet aber nicht, dass du dadurch in die Lage gebracht bist, meinen Schreibstil zu kritisieren (man kehre diesbezüglich vor der eigenen Tür).
Ich imitiere niemanden - wie es das Nietzsche-Zitat ja auch zeigt

- , sondern - wenns gut läuft und es mir einigermaßen gut geht - bilde möglichst anschlussfähige Simulakren auf einer bestimmten Ebene.
| Zitat: |
| Jörg: Der Satz, den du mit "Ums nochmal klarzustellen" einleitest, stellt nichts klar, und er ist auch falsch. |
Es genügt nicht, die Falschheit einer Aussage zu behaupten..
.Zeigen, diese Falschheit, aufweisen, diese (irrtümliche) Behauptung...!
Ich meine selbstredend NICHT "transzendente" Idealität - denn soweit würde ich jetzt nicht gehen, den Kritizisten Kant für einen mystischen Gottes-Seher zu halten.
Gruß von Nik
P.S.
| Zitat: |
„Ich nenne alle Erkenntnis transzendental, die sich nicht sowohl mit Gegenständen, sondern mit unserer Erkenntnisart von Gegenständen, sofern diese a priori möglich ist, überhaupt beschäftigt“
– Immanuel Kant: Kritik der reinen Vernunft, KrV A11/12 |
Jörg
Ja, eben, kann eine "Idealität" denn "transzendental" sein, in dem Sinne, wie Erkenntnis bei Kant transzendental sein kann? Und Transzendenz hat (gerade bei Kant) sicherlich nichts mit Geistern zu tun.
Nik
| Zitat: |
Original von Jörg
Ja, eben, kann eine "Idealität" denn "transzendental" sein, in dem Sinne, wie Erkenntnis bei Kant transzendental sein kann? Und Transzendenz hat (gerade bei Kant) sicherlich nichts mit Geistern zu tun. |
„Wir behaupten also die empirische Realität des Raumes (in Ansehung aller möglichen äußeren Erfahrung), obzwar die transzendentale Idealität, d.i. dass er nichts sei, so bald wir die Bedingung der Möglichkeit aller Erfahrung weglassen, und ihn als etwas, was den Dingen an sich selbst zum Grunde liegt, annehmen.“ (B 44)[4]
Die These der transzendentalen Idealität ist in dem Sinne ungewöhnlich, dass sie die Behauptung einschließt, dass es Raum und Zeit nicht unabhängig von den wahrnehmenden Wesen gibt.
Dies läuft radikal der normalen Intuition entgegen, da im Alltag angenommen wird, dass etwa das Universum auch schon in Raum und Zeit existierte, als es noch keinen Menschen gab. Kant bot allerdings ein Argument für seine ungewöhnliche These: Er erklärte, dass nicht nur Raum und Zeit a priori gegeben sind, sondern es auch synthetische Erkenntnis a priori gebe, wie etwa die Geometrie. Kant folgerte, dass der apriorische Charakter unverständlich sei, wenn Raum und Zeit transzendental real wären, also erkennbarer Teil der Dinge an sich. Man kann zwar annehmen, dass Raum und Zeit real sind, aber über den empirischen Rahmen der Erscheinungen hinaus kann der Mensch das nicht erkennen. Dies führte ihn zu der hypothetischen Auffassung über die transzendentale Idealität:
„Wäre also nicht der Raum (und so auch die Zeit) eine bloße Form eurer Anschauung, welche Bedingungen a priori enthält, unter denen allein Dinge für euch äußere Gegenstände seien können, die ohne diese subjektive Bedingung an sich nichts sind: so könntet ihr a priori gar nichts über äußere Objekte synthetisch ausmachen. Es ist also ungezweifelt gewiß, und nicht bloß möglich, daß Raum und Zeit, als die notwendigen Bedingungen aller (äußeren und inneren Erfahrung, bloß subjektiver Bedingungen) unserer Anschauungen sind [...]." (B 66)
Das mit dem "Geisterseher" war ein dich persiflierender Spaß, Jörg...sorry.
Gruß,
Nik
Jörg
Danke für die Literaturstelle an der man nachlesen kann, was Kant mit transzendentaler Idealität nun wirklich meint, das hatte ich natürlich nicht parat. Ich verstehe den Satz allerdings anders nicht die transzendentale Idealität des Raumes ist die Bedingung der Möglichkeit, überhaupt Erfahrung zu machen, wie du schreibst, sonder die Tatsache der transzendentalen Idealität (nämlich des Umstandes, dass vom Raum nichts bleibt, wenn man die Bedingungen der Möglichkeit aller Erfahrungen weglassen) ist der Grund, dass Kant Erkenntnis a-priori annehmen muss. die transzendentale Idealität des Raums ist kein Fundament, sodern ein Stolperstein, den Kant nur überwindet, indem er sich zur a-priori Erkenntnis flüchtet - ein sehr umstrittener Weg, wie wir heute wissen.
Nik
| Zitat: |
Original von Jörg
Danke für die Literaturstelle an der man nachlesen kann, was Kant mit transzendentaler Idealität nun wirklich meint, das hatte ich natürlich nicht parat. Ich verstehe den Satz allerdings anders: nicht die transzendentale Idealität des Raumes ist die Bedingung der Möglichkeit, überhaupt Erfahrung zu machen, wie du schreibst, sonder die Tatsache der transzendentalen Idealität (nämlich des Umstandes, dass vom Raum nichts bleibt, wenn man die Bedingungen der Möglichkeit aller Erfahrungen weglässt) ist der Grund, dass Kant Erkenntnis a-priori annehmen muss, die transzendentale Idealität des Raums ist kein Fundament, sondern ein Stolperstein, den Kant nur überwindet, indem er sich zur a-priori Erkenntnis flüchtet - ein sehr umstrittener Weg, wie wir heute wissen. |
Wen bezeichnest du mit "WIR"...? (Doch wohl nicht die Menschheit als solche.

)
Du würdest Kants genialsten Wurf mit einem Mal kappen, wenn du den absolut hermetischen und ausschließlichen "Dinge-für-uns"-Riegel dadurch zu beseitigen suchtest, nun doch wieder eine Vorrangigkeit des Seins einzuräumen("...dass vom Raum nichts bleibt,
wenn man die Bedingungen der Möglichkeit aller Erfahrungen weglässt ..."), was dir allein dadurch verwehrt ist, eben keine Position ab extra beziehen zu vermögen, um eine erfahrungsunabhängige Realität ("...Bedingungen der Möglichkeit aller Erfahrungen...") bezeichnen zu können.
Kants Mangel (dein Stolperstein) liegt nüchtern betrachtet an der transzendentalen Abschottung seines Begriffsschematismus, also der Verhinderung eines autologischen Rückschließens auf seine eigene Erkenntnistheorie: Kant hätte sonst selbst die Konsequenzen ziehen können oder müssen, die "WIR" (

) heute ziehen können: Das Bewusstsein - besser: die Kognition - als ein organismisches autopoietisches System unter anderen zu begreifen; ein relativ komplexes Beobachtungswerkzeug einer Tierart, die "sich selbst" erkannt hat.
Gruß,
Nik
Verena
| Zitat: |
Original von Nik
"Ich wohne in meinem eigenen Haus und habe noch nie niemandem nichts nachgemacht. Ich lachte noch jeden Meister aus, der nicht über sich selbst gelacht." Nietzsche |
Ein Quidam sagt: "Ich bin von keiner Schule;
Kein Meister lebt, mit dem ich buhle;
Auch bin ich weit davon entfernt,
Daß ich von Toten was gelernt."
Das heißt, wenn ich ihn recht verstand:
"Ich bin ein Narr auf eigne Hand."
(Goethe)
Verena
| Zitat: |
Original von Jörg
Danke für die Literaturstelle an der man nachlesen kann, was Kant mit transzendentaler Idealität nun wirklich meint, das hatte ich natürlich nicht parat. Ich verstehe den Satz allerdings anders nicht die transzendentale Idealität des Raumes ist die Bedingung der Möglichkeit, überhaupt Erfahrung zu machen, wie du schreibst, sonder die Tatsache der transzendentalen Idealität (nämlich des Umstandes, dass vom Raum nichts bleibt, wenn man die Bedingungen der Möglichkeit aller Erfahrungen weglassen)... |
Missverstehe ich dich oder konzipierst du hier die Erfahrung als Ursprung der Raum-Vorstellung?
Was wäre dann an diesem aposteriorischen Sachverhalt denn als "transzendental" zu bezeichnen?
| Zitat: |
| ...ist der Grund, dass Kant Erkenntnis a-priori annehmen muss. die transzendentale Idealität des Raums ist kein Fundament, sodern ein Stolperstein, den Kant nur überwindet, indem er sich zur a-priori Erkenntnis flüchtet - ein sehr umstrittener Weg, wie wir heute wissen. |
Das Kriterium für synthetisch-apriorische Erkenntnisse ist für Kant Notwendigkeit/strenge Allgemeinheit. Erkenntnisse, welche diesen Kriterien entsprechen gibt es nach Kant zB in der Mathematik/Geometrie, aber auch in den Grundsätzen der Naturwissenschaft, dh denjenigen Grundannahmen, welche den Naturwissenschaft als empirische Wissenschaften (Erfahrungswissenschaften) zu Grunde liegen, ihre Voraussetzungen darstellen.
Wenn diese Kantsche (aber auch bereits Humesche ->Kausalität) Annahme nichtempirischer, apriorischer Voraussetzungen für die empirischen Wissenschaften (Erfahrungswissenschaften)
zutrifft, dann bedarf dies einer erkenntnisphilosophischen Erklärung.
Im Rahmen eines solchen Erklärungskonzepts für synthetisch-apriorischen Grundlagen der Erfahrungswissenschaft hat die Annahme bzw. der Nachweis einer transzendentalen Idealität von Raum und Zeit eine wichtige Funktion als Argument.
Die Argumentationsstrategie Kants geht also von dem vorfindlichen Faktum synthetisch-apriorischer Erkenntnisse aus - die transzendentale Idealität von R/Z hat somit die Funktion eines Arguments innerhalb einer Erklärungskonzeption für das Faktum apriorischer Erkenntnis und nicht umgekehrt.
eliskases
@ nik, jörg, verena et al.
| Zitat: |
Original von Jörg
@Nik: Kannst du eigentlich auch schreiben, ohne irgend einen anderen Philosophen zu imitieren (hier Kant, dort Heidegger)? |
| Zitat: |
Original von Nik
"Ich wohne in meinem eigenen Haus und habe noch nie niemandem nichts nachgemacht. Ich lachte noch jeden Meister aus, der nicht über sich selbst gelacht." Nietzsche |
Ich nehme an, genau das meint jörg
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| Zitat: |
Original von Nik
Du würdest Kants genialsten Wurf mit einem Mal kappen, wenn du den absolut hermetischen und ausschließlichen "Dinge-für-uns"-Riegel dadurch zu beseitigen suchtest, nun doch wieder eine Vorrangigkeit des Seins einzuräumen ... |
Tatsächlich scheint dieser Punkt den allermeisten Usern hier außerordentliche Schwierigkeiten zu bereiten (so meine bisherige Erfahrung im Forum): also die Tragweite der Kantischen Erkenntniskritik in ihrer radikalen Bedeutung vollumfänglich zu verstehen. Viele referieren Kant adäquat und es scheint, als hätten sie sein wesentliches, erkenntniskritisches Anliegen verstanden; - um dann, einen Satz später- einen erkenntnistheoretischen Realismus zu propagieren, als ob es Kant nie gegeben hätte (hiermit meine ich aber gar nicht so sehr jörg).
Es liegt vermutlich an dem von nik benannten Grund:
| Zitat: |
Original von Nik
Dies läuft radikal der normalen Intuition entgegen, da im Alltag angenommen wird, dass etwa das Universum auch schon in Raum und Zeit existierte, als es noch keinen Menschen gab. [...] |
Nimmt man "Raum" und "Zeit" als reine Anschauungsformen a priori im Sinne Kants ernst, ist klar, dass die alltagstaugliche, realistische Intuition nicht zu retten ist. Möchte man diesen naiven Realismus bewahren, müsste man schon belegen, inwiefern Kant in seiner Bestimmung der transzendentalen Möglichkeiten von Erkenntnis fehlgeht. Und dies wird schwierig. Wie nik schreibt, muss man dann schon Kant - intelligent und subversiv - auf seine eigene Erkenntniskritik anwenden.
Das naive Realitätsverständnis scheint unausrottbar zu sein, auch wenn es gelegentlich als erkenntnistheoretisch scheinbar geläutert daherkommt.
Ich möchte aber betonen, dass ich das nicht für eine Frage von Intelligenz halte, sondern vielmehr für die Fähigkeit, sich ernsthaft und konkret zu verdeutlichen, was Kants Erkenntniskritik
wirklich bedeutet. Was es also bedeutet, wenn er die transzendentalen Bedingungen von Erkenntnis in KdrV bestimmt.
| Zitat: |
Original von Nik
Kants Mangel (dein Stolperstein) liegt nüchtern betrachtet an der transzendentalen Abschottung seines Begriffsschematismus, also der Verhinderung eines autologischen Rückschließens auf seine eigene Erkenntnistheorie: Kant hätte sonst selbst die Konsequenzen ziehen können oder müssen, die "WIR" (
) heute ziehen können: Das Bewusstsein - besser: die Kognition - als ein organismisches autopoietisches System unter anderen zu begreifen; ein relativ komplexes Beobachtungswerkzeug einer Tierart, die "sich selbst" erkannt hat. |
Dem ist nichts hinzuzufügen
eliskases
| Zitat: |
Original von Jörg
1. Was kann ich wissen?
2. Was soll ich tun?
3. Was darf ich hoffen? |
"Was kann ich wissen?" Nicht: was darf oder soll ich wissen? Das sind Fragen auf einer ganz anderen Ebene.
Kant bestimmt die Grenzen dessen, was wir - überhaupt -
wissen können. Man mag zwar anderer Meinung bei der Beantwortung dieser Frage sein als Kant, aber man kann sich nicht von seiner Fragestellung befreien. Indem er diese Frage stellt und beantwortet, wird er unhintergehbar. Eine Befreiung von Kant bedeutete hier, zu belegen, inwiefern die Frage irrelevant ist oder indem man sie anders, aber ebenso überzeugend wie Kant, beantwortet.
"Was soll ich tun?" ist die normative, wertethische Fragestellung Kants. ER beantwortet sie so, dass, wenn es überhaupt eine Moral gibt, diese für alle vernünftigen Menschen verbindlich sein muss. Eine relative Moral kann es nicht geben. Dies wäre dann ein bloßes (unterschiedliches) "Verhalten" von Menschen. Dem Begriff der "Moral" ist inhärent, das es eine
verbindliche Moral geben muss. Oder es existiert eben überhaupt keine Moral (die es wert wäre als "Moral" bezeichnet zu werden). Die Einigung einer Gesellschaft auf moralische Normen ist keine Moral, da sie nicht in einem strengen Sinne verbindlich ist. Auch eine historisch gewachsene Moralität ist keine Moral, denn auch sie ist ja nicht verbindlich.
Kants Anspruch war es, eine für jeden vernünftigen Menschen verbindliche Moral zu begründen, der sich auch ein Alien from outer space, insofern dieses Alien vernünftig ist, unterwerfen müsste, - bei Kant: das allgemeine Sittengesetz, der kategorische Imperativ, den jedes vernünftige Wesen als verbindlich und vernünftig begreifen können muss.
"Was darf ich hoffen?" ist eine Frage, die eng anknüpft an Kants Erkenntiskritik, die jeder Metaphysik enge Grenzen vorgibt.
Wir können (streng genommen) nichts wissen über Gott, Unsterblichkeit und ewiges Leben. Aber was können wir hoffen?
Kant widerlegt alle Gottesbeweise. Und er konstruiert auch keinen neuen. Jedenfalls nicht in einem metaphysischen Sinne.
Hoffen können wir auf Gott und auf Unsterblichkeit nur als "regulative Idee". Als etwas, das man nie und nimmer beweisen kann, das aber vielleicht vernünftig ist anzunehmen, weil sie (diese regulative Idee!) anzunehmen das Zusammenleben der Menschen vermutlich verbessert. Für Kant ist es vernünftig auf einen Gott oder die Unsterblichkeit zu hoffen, aber es ist nicht philosophisch-metaphysisch belegbar.
Nylen
Kant war zwar transzendentaler Idealist aber auch empirischer Realist. Er glaubte an eine unabhängige Realität an der unsere Erfahrungen scheitern können.
Ich glaube ein moderner Philosoph sollte anerkennen das es genetisch a priori Bedingungen der Möglichkeit von Erfahrung gibt. Das diese nicht so klar und systematisch sind wie Kants Kategorien, sondern verflochten und kompliziert und organisch, ändert nichts an Kants Blickumwendung.
Aber mal was anderes. Der Artikel heisst ja von Kant befreien. Mir wäre ein Artikel lieber "Von Hegel befreien".
Historisch und nicht inhaltlich betrachtet haben sich die deutschen nach der Abwendung von der Aufklärung aufgrund der Schrecken der französischen Revolution und den Napoleonischen Kriegen von Kant abgewendet und Hegel zugewendet.
Der deutsche Idealismus berief sich auf Kant, aber befreite sich von ihm, und das war ein grosses Unglück.
Gedanken wie die zum ewigen Frieden und die begrenztheit unserer Vernunft gewisse Fragen zu beantworten wurden über Board geworfen und erst im 20.Jahrhundert wiederentdeckt (Ich vereinfache hier und lasse die ununterbrochene Kanttradition etwas aussen vor.)
Nicht von Kant sollten wir uns befreien, aber von denen die sich zu Unrecht auf ihn berufen.
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