carsten aus bochum
@ Soso (und alle mit konstruktiven Vorschlägen):
Okay, man soll die Feste feiern, wie sie fallen.
Wenn wir also schon bei der Sprache sind:
Brandom schreibt, dass es für die Sprache (mit singulären Termini) einen bestimmten Rahmen gibt und geben muss, sonst funktionierte sie nicht. Kurz und knapp müssen Einzeldinge (bzw. die Begriffe die solche bezeichnen – „singuläre Termini“) untereinander substituierbar sein. Und nicht nur das, sie müssen symmetrisch sein. Darunter verstehe ich, das die Bezeichnung „Obama“ semantisch ziemlich genau mit der Bezeichnung „der gegenwärtige US-Präsident“ identisch ist und in (nahezu?) jedem einzelnen Fall (d.h. für jeden Satz in dem der eine oder andere Terminus vorkommt) wechselseitig ersetzbar wäre.
Der Substitutionsrahmen aber muss asymmetrisch sein.
Warum ist das so? Brandom begründet das damit, dass die „Konklusionen häufig inferentiell schwächer als die Prämissen, aus denen sie gefolgert werden“ sind.
Darunter versteht Brandom, dass für den inferentiell stärkeren ersten Satz: „Bello ist ein Hund“ im Vergleich mit zweiten: „Bello ist ein Säugetier“ gilt, dass alles was aus dem zweiten folgt auch für den ersten gilt, aber nicht umgekehrt.
Die genaue (vermutliche geniale und auf jeden Fall akribische) Erklärung dafür, warum überhaupt Rahmen oder Substituierbares starr sein müssen ist fürchterlich, ich übergehe den Wortlaut. Grob vereinfacht habe ich das so verstanden, dass, wenn man asymmetrische Inferenzen (wie obige) in die Sprache einbauen will, dann entweder Rahmen oder Substituerbares ebenfalls asymmetrisch sein müssen. In Ermangelung passender Gegenargumente glaube ich das ganz einfach mal.
Stellt sich die nächste Fragen, was soll denn warum asymmetrisch sein? Brandom schreibt, dass „wenn gezeigt werden kann, dass das was substituiert wird, symmetrische substitutions-inferentielle Signifikanz besitzen muss, dann folgt ... dass die Substitutionsrahmen asymmetrische Substitutionsrahmen gestatten müssen.“ Ein einfacher Schluss, den sogar ich verstehe (ohne zu wissen ob er wahr ist). „Und gerade diese Rollenkombination soll ja die charakteristische von singulären Termini und Prädikaten sein.“
Weil es nämlich darum ging zu beantworten:
„Was sind singuläre Termini? Als Antwort ergab sich, dass es Ausdrücke sind, die auf der syntatktischen Seite die substitutionsstrikturelle Rolle spielen, substituiert zu werden, und auf der semantischen Seite symmetrische substitutions-inferentielle Signifikanzen haben.
Das heißt, dass was in einer Aussage ersetzt wird, ist ein singulärer Terminus.
Aus „[Obama] ist müde“ wird in symmetrischer Weise und ohne Bedeutungsverlust „[Der gegenwärtige US-Präsident] ist müde“.
Die syntaktische Rolle ist dabei einfach die, ersetzt zu werden (auch wenn die grammatische Rolle, im Sinne der Wortart, eine je andere sein kann) und was auch immer ich syntaktisch einsetze, muss die semantische Bedeutung erhalten bleiben, wie in „[Der erste farbige US-Präsident] ist müde“ oder „[Derjenige Kandidat, der mit großer Mehrheit gegen G.W. Bush zum Präsidenten gewählt wurde] ist müde“.
(An anderer Stelle – die ich gerade nicht finde – zeigt Brandom, dass die syntaktische Rolle die ein Ausdruck spielt, von der semantischen abweichen kann.)
Die zweite Frage, „Warum gibt es singuläre Termini?“ erläutert dann spezieller „warum die inferentielle Signifikanz von substituierbaren Ausdrücken symmetrisch sein muss (und damit die Ausdrücke material in Äquivalenzklassen einteilt, deren Elemente somit gemeinsam einen bestimmten Gegenstand bezeichnen). Sie nimmt die Form eines Arguments an, dass bestimmte wichtige Arten der expressiven Kraft in einer Sprache verlorengehen würden, in der die Signifikanz substituierbarer Ausdrücke asymmetrisch sein darf.“ (Brandom 2000, S.535f)
Das führe ich jetzt erst mal nicht weiter aus, weil das wieder ein eigenes Kapitel ist.
Kennst Du das (in irgendeiner Form)?
Falls ja, was ist davon zu halten?
Soweit ich das verstehe, sucht Brandom nach sprachlichen Werkzeugen, die es gestatten singuläre Termini herauszugreifen, seine allgemeine Strategie scheint dabei die zu sein „referentielle Beziehungen in Begriffen inferentieller Beziehungen zu rekonstruieren.“
Konkret beschreibt er im Vorwort das entsprechende Kapitel (6) so:
„Dort findet sich auch ein Vorschlag, Behauptungen – die ja in einem ersten Schritt so aufgefasst wurden, dass sie wesentlich als Prämissen und Konklusionen in Inferenzen dienen – substitutions-inferentiell zu rekonstruieren, um so zu zeigen, wie sie sich auf Gegenstände beziehen können, die dadurch ausgezeichnet sind, dass die Eigenschaften haben und in Beziehungen zueinander stehen.“
Wäre was damit gewonnen und was wäre damit gewonnen?
Brandoms eigenem Anspruch nach, geht es wohl darum, die irgendwie nicht zu schließende Kluft zwischen Wort und Welt insoweit zu schließen, dass man sich nur noch um einen Wort-Wort Bezug zu kümmern braucht.
Die Problematik hast Du ja selbst schon öfter angesprochen, „Schnee ist weiß, ist wahr“ bezieht seinen Wahrheitsgehalt im Grunde nur daraus, dass wir Schnee eben im allgemeinen als „weiß“ bezeichnen.
Brandoms Idee ist dabei, dass Sprache zu gebrauchen etwas sehr konkretes ist (wenn man sich mit ihr und durch sie festlegen lässt, was zu den impliziten Spielregeln von Behauptungen und Urteilen gehört) und nicht „von der wirklichen Beschaffenheit der Dinge abgekoppelt“ ist.
Ist das mehr als Wittgenstein zu bieten hatte? (Brandoms Ausführungen nach soll „Making it Explicit“ eben ein theoretisches Explizitmachen darstellen, eine Theorie der Praxis, ein Ansatz dem Wittgenstein – in Brandoms Augen – seine Zustimmung verweigert hätte.)
Brandom geht einen anderen Weg, einen inferentiellen, anaphorischen, sieht sich in der Tradition von Leibniz, Frege (bei der Behandlung der Wahrheit vom Sätzen) und Kant (in der Behandlung von Aussagen als Urteile).
Oder kann man gelassen ignorieren, dass in der referentiellen Sprache eine theoretische Kluft besteht und wohl auch bestehen bleibt(?) weil sie ganz einfach funktioniert?
Der Praktiker könnte sagen, klar, aber der Theoretiker müsste doch erfreut sein?
Wie ist denn jetzt eigentlich die allgemeine Einschätzung bezüglich der grundlegenden Intersubjektivität unserer Sprache und unserer Praktiken. Habermas und Apel fahren ohnehin auf diesem Zug, aber die analytischen Philosophen sind doch im Grunde dabei.
Wenn ich das kurze Interview mit Davidson lese
http://www.sylloge.com/davidson_interview.html
(und richtig verstehe), dann erkenne ich da keinen gravierenden Unterschied zu Habermas, bezogen auf die Rolle der grundlegenden Intersubjektivität. Und so wie ich Brandom lese, steht hinter all dem was er schreibt zu aller erst die „sozialperspektivische Sicht“.
Dies wäre in meinen Augen ein guter Grund dafür, die vermeintliche Lücke (der referentiellen Beschreibung) tatsächlich über den Weg einer tieferen Analyse oder Rekonstruktion der (uns immer schon konstituierenden) Sprach(spiel)e zu schließen.
So.
Gruß,
Carsten
Okay, man soll die Feste feiern, wie sie fallen.
Wenn wir also schon bei der Sprache sind:
Brandom schreibt, dass es für die Sprache (mit singulären Termini) einen bestimmten Rahmen gibt und geben muss, sonst funktionierte sie nicht. Kurz und knapp müssen Einzeldinge (bzw. die Begriffe die solche bezeichnen – „singuläre Termini“) untereinander substituierbar sein. Und nicht nur das, sie müssen symmetrisch sein. Darunter verstehe ich, das die Bezeichnung „Obama“ semantisch ziemlich genau mit der Bezeichnung „der gegenwärtige US-Präsident“ identisch ist und in (nahezu?) jedem einzelnen Fall (d.h. für jeden Satz in dem der eine oder andere Terminus vorkommt) wechselseitig ersetzbar wäre.
Der Substitutionsrahmen aber muss asymmetrisch sein.
Warum ist das so? Brandom begründet das damit, dass die „Konklusionen häufig inferentiell schwächer als die Prämissen, aus denen sie gefolgert werden“ sind.
Darunter versteht Brandom, dass für den inferentiell stärkeren ersten Satz: „Bello ist ein Hund“ im Vergleich mit zweiten: „Bello ist ein Säugetier“ gilt, dass alles was aus dem zweiten folgt auch für den ersten gilt, aber nicht umgekehrt.
Die genaue (vermutliche geniale und auf jeden Fall akribische) Erklärung dafür, warum überhaupt Rahmen oder Substituierbares starr sein müssen ist fürchterlich, ich übergehe den Wortlaut. Grob vereinfacht habe ich das so verstanden, dass, wenn man asymmetrische Inferenzen (wie obige) in die Sprache einbauen will, dann entweder Rahmen oder Substituerbares ebenfalls asymmetrisch sein müssen. In Ermangelung passender Gegenargumente glaube ich das ganz einfach mal.
Stellt sich die nächste Fragen, was soll denn warum asymmetrisch sein? Brandom schreibt, dass „wenn gezeigt werden kann, dass das was substituiert wird, symmetrische substitutions-inferentielle Signifikanz besitzen muss, dann folgt ... dass die Substitutionsrahmen asymmetrische Substitutionsrahmen gestatten müssen.“ Ein einfacher Schluss, den sogar ich verstehe (ohne zu wissen ob er wahr ist). „Und gerade diese Rollenkombination soll ja die charakteristische von singulären Termini und Prädikaten sein.“
Weil es nämlich darum ging zu beantworten:
„Was sind singuläre Termini? Als Antwort ergab sich, dass es Ausdrücke sind, die auf der syntatktischen Seite die substitutionsstrikturelle Rolle spielen, substituiert zu werden, und auf der semantischen Seite symmetrische substitutions-inferentielle Signifikanzen haben.
Das heißt, dass was in einer Aussage ersetzt wird, ist ein singulärer Terminus.
Aus „[Obama] ist müde“ wird in symmetrischer Weise und ohne Bedeutungsverlust „[Der gegenwärtige US-Präsident] ist müde“.
Die syntaktische Rolle ist dabei einfach die, ersetzt zu werden (auch wenn die grammatische Rolle, im Sinne der Wortart, eine je andere sein kann) und was auch immer ich syntaktisch einsetze, muss die semantische Bedeutung erhalten bleiben, wie in „[Der erste farbige US-Präsident] ist müde“ oder „[Derjenige Kandidat, der mit großer Mehrheit gegen G.W. Bush zum Präsidenten gewählt wurde] ist müde“.
(An anderer Stelle – die ich gerade nicht finde – zeigt Brandom, dass die syntaktische Rolle die ein Ausdruck spielt, von der semantischen abweichen kann.)
Die zweite Frage, „Warum gibt es singuläre Termini?“ erläutert dann spezieller „warum die inferentielle Signifikanz von substituierbaren Ausdrücken symmetrisch sein muss (und damit die Ausdrücke material in Äquivalenzklassen einteilt, deren Elemente somit gemeinsam einen bestimmten Gegenstand bezeichnen). Sie nimmt die Form eines Arguments an, dass bestimmte wichtige Arten der expressiven Kraft in einer Sprache verlorengehen würden, in der die Signifikanz substituierbarer Ausdrücke asymmetrisch sein darf.“ (Brandom 2000, S.535f)
Das führe ich jetzt erst mal nicht weiter aus, weil das wieder ein eigenes Kapitel ist.
Kennst Du das (in irgendeiner Form)?
Falls ja, was ist davon zu halten?
Soweit ich das verstehe, sucht Brandom nach sprachlichen Werkzeugen, die es gestatten singuläre Termini herauszugreifen, seine allgemeine Strategie scheint dabei die zu sein „referentielle Beziehungen in Begriffen inferentieller Beziehungen zu rekonstruieren.“
Konkret beschreibt er im Vorwort das entsprechende Kapitel (6) so:
„Dort findet sich auch ein Vorschlag, Behauptungen – die ja in einem ersten Schritt so aufgefasst wurden, dass sie wesentlich als Prämissen und Konklusionen in Inferenzen dienen – substitutions-inferentiell zu rekonstruieren, um so zu zeigen, wie sie sich auf Gegenstände beziehen können, die dadurch ausgezeichnet sind, dass die Eigenschaften haben und in Beziehungen zueinander stehen.“
Wäre was damit gewonnen und was wäre damit gewonnen?
Brandoms eigenem Anspruch nach, geht es wohl darum, die irgendwie nicht zu schließende Kluft zwischen Wort und Welt insoweit zu schließen, dass man sich nur noch um einen Wort-Wort Bezug zu kümmern braucht.
Die Problematik hast Du ja selbst schon öfter angesprochen, „Schnee ist weiß, ist wahr“ bezieht seinen Wahrheitsgehalt im Grunde nur daraus, dass wir Schnee eben im allgemeinen als „weiß“ bezeichnen.
Brandoms Idee ist dabei, dass Sprache zu gebrauchen etwas sehr konkretes ist (wenn man sich mit ihr und durch sie festlegen lässt, was zu den impliziten Spielregeln von Behauptungen und Urteilen gehört) und nicht „von der wirklichen Beschaffenheit der Dinge abgekoppelt“ ist.
Ist das mehr als Wittgenstein zu bieten hatte? (Brandoms Ausführungen nach soll „Making it Explicit“ eben ein theoretisches Explizitmachen darstellen, eine Theorie der Praxis, ein Ansatz dem Wittgenstein – in Brandoms Augen – seine Zustimmung verweigert hätte.)
Brandom geht einen anderen Weg, einen inferentiellen, anaphorischen, sieht sich in der Tradition von Leibniz, Frege (bei der Behandlung der Wahrheit vom Sätzen) und Kant (in der Behandlung von Aussagen als Urteile).
Oder kann man gelassen ignorieren, dass in der referentiellen Sprache eine theoretische Kluft besteht und wohl auch bestehen bleibt(?) weil sie ganz einfach funktioniert?
Der Praktiker könnte sagen, klar, aber der Theoretiker müsste doch erfreut sein?
Wie ist denn jetzt eigentlich die allgemeine Einschätzung bezüglich der grundlegenden Intersubjektivität unserer Sprache und unserer Praktiken. Habermas und Apel fahren ohnehin auf diesem Zug, aber die analytischen Philosophen sind doch im Grunde dabei.
Wenn ich das kurze Interview mit Davidson lese
http://www.sylloge.com/davidson_interview.html
(und richtig verstehe), dann erkenne ich da keinen gravierenden Unterschied zu Habermas, bezogen auf die Rolle der grundlegenden Intersubjektivität. Und so wie ich Brandom lese, steht hinter all dem was er schreibt zu aller erst die „sozialperspektivische Sicht“.
Dies wäre in meinen Augen ein guter Grund dafür, die vermeintliche Lücke (der referentiellen Beschreibung) tatsächlich über den Weg einer tieferen Analyse oder Rekonstruktion der (uns immer schon konstituierenden) Sprach(spiel)e zu schließen.
So.
Gruß,
Carsten
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