Donald Davidson: Drei Spielarten des Wissens.

Jörg


Link: Donald Davidson: Drei Spielarten des Wissens


Donald Davidson versucht die Frage „Was kann ich wissen“ neu zu beantworten und er bezieht dabei das Wissen über meine eigenen Überzeugungen, das Wissen über die Außenwelt und das Wissen über die Überzeugungen der anderen wechselseitig aufeinander beziehen.

Jay Ray


Und hier - frisch freigeschaltet - ist Podcast Nr. 4.
-Soso-
@Jörg

Hi.

Ich muss mal wieder nörgeln, denn ich meine, dass der Beitrag Davidson nicht gerecht wird und ihn stellenweise sogar falsch darstellt. Du konzentrierst dich in dem Beitrag auf die Frage, was ein anderer wohl mit einer bestimmten Äußerung meine. Diese Frage läuft bei Davidson auf das große Thema radical interpretation hinaus. Der Gedankengang ist dabei etwa der folgende:

Ich selber verstehe die Sprache, dich ich spreche, d.h. ich verstehe die Sätze der Sprache, die ich spreche; man könnte auch sagen: ich kenne die Bedeutung der Sätze der Sprache, die ich spreche. Will ich nun wissen, was ein anderer mit einer Äußerung eines Satzes U meint, so will ich offenbar wissen, was U bedeutet. Weiter gilt, dass zwei Sätze A und B Übersetzungen voneinander sind genau dann, wenn sie dieselbe Bedeutung haben. Könnte ich also U in einen Satz S meiner Sprache übersetzen, dann wüsste ich, was U bedeutet, eben weil ich weiß, was S bedeutet. Dies führt zu der Frage: Wie kann man sicherstellen, dass S eine Übersetzung von U ist?

Der Weg, den Davidson nun einschlägt, ist der von Quine hinlänglich bekannte: er fragt nach den Wahrheitsbedingungen von Sätzen. Er sagt, zwei Sätze A und B seien Übersetzungen voneinander genau dann, wenn sie dieselben Wahrheitsbedingungen haben, d.h. dass, wann immer der eine wahr ist, auch der andere wahr ist und wann immer der eine falsch ist, auch der andere falsch ist. Dies führt zu der nächsten Frage: Wie lassen sich die Wahrheitsbedingungen von Sätzen bestimmen?

Im Falle der radikalen Interpretation, d.h. der Übersetzung eines mir unbekannten Satzes U in einen Satz meiner Sprache S seien mir zumindest die Wahrheitsbedingungen von S bekannt, da ich die Bedeutung von S kenne, d.h. da ich S verstehe (hier scheint das Wittgensteinsche „einen Satz verstehen heißt, wissen, was der Fall ist, wenn er wahr ist“ durch). Aber wie ermittle ich die Wahrheitsbedingungen von U? Hier verweist Davidson auf das u.a. aus Quines Word and Object bekannte Frage-und-Antwort-Spielchen, mit dem ermittelt werden soll, wann Sprecher einer mir unbekannten Sprache einen Satz für wahr halten. Denken wir uns die Situation, in der ein Sprachforscher eine bisher unbekannte und daher bisher noch nicht übersetze Dschungelsprache übersetzen will. Der Sprachforscher stehe nun mit einem der Eingeborenen im Dschungel herum, als ein Kaninchen vorbeihuscht und der Eingeborene den Satz „gavagai“ äußert. Daraufhin notiert der Sprachforscher „'gavagai' bedeutet 'Kaninchen' oder 'dort ist ein Kaninchen'“. Eine ähnliche Situation hast du in deinem Beitrag geschildert und dein Einwand, umgemünzt auf dieses Beispiel hier, würde vermutlich lauten, dass es durchaus sein könnte, dass der Eingeborene mit „gavagai“ gar nicht „Kaninchen“ meint, sondern „mein Abendessen“ oder „mein Reittier“ (ist halt ein ziemlich großes Kaninchen oder ein ziemlich kleiner Eingeborener). Gewiss könnte das sein, aber so leicht kommt man Davidson freilich nicht bei. Dass „gavagai“ dasselbe wie „Kaninchen“ oder „dort ist ein Kaninchen“ bedeute, ist zunächst einmal eine Hypothese. Diese Hypothese wird sodann auf die Probe gestellt: z.B. zeigt der Sprachforscher auf Kaninchen, während er „gavagai“ äußert und wartet die Reaktionen der Eingeborenen ab oder er beobachtet sorgfältig, ob die Eingeborenen stets dann und nur dann „gavagai“ sagen, wenn sie ein Kaninchen bemerken usw. Käme es jedoch häufiger vor, dass die Eingeborenen in Gegenwart von Kaninchen die Frage „gavagai?“ verneinen (soweit der Sprachforscher schon herausbekommen hat, welche Worte für „ja“ und „nein“ stehen) oder etwa „gavagai“ auch dann äußern, wenn sie auf Wildschweine aufmerksam gemacht werden, dann sollte der Sprachforscher, anstatt den Eingeborenen zu unterstellen, sie könnten Wildschweine nicht von Kaninchen unterscheiden oder seien kurzsichtig, lieber seine Übersetzungshypothese, dass „gavagai“ „Kaninchen“ bedeute, revidieren. Es sind solche Situationen, in denen Davidson verlangt, vom principle of charity, principle of a best fit, Prinzip der wohlwollenden Interpretation oder wie man es auch sonst nennen möchte, Gebrauch zu machen. Angenommen aber, solche Fälle sind nicht eingetreten und alle Tests des Sprachforschers sprechen dafür, dass „gavagai“ mit „Kaninchen“ zu übersetzen ist, dann erhärtet sich die Annahme, dass die Übersetzungshypothese korrekt ist.

Wichtig ist dabei, zu beachten, dass sich die Hypothese, dass „gavagai“ „Kaninchen“ bedeute, für den Davidsonschen Sprachforscher lediglich erhärtet, er sich aber keineswegs auf sie festlegt und sich so etwa Satz für Satz durch die Eingeborenensprache arbeiten würde. Vielmehr nämlich kommt an dieser Stelle ein Aspekt ins Spiel, den Davidson von Quine gelernt hat. Er schreibt in Truth and Meaning:

Zitat:

We decided a while back not to assume that parts of sentences have meanings except in the ontologically neutral sense of making a systematic contribution to the meaning of the sentences in which they occur. Since postulating meanings has netted nothing, let us return to that insight. One direction in which it points is a certain holistic view of meaning. If sentences depend for their meaning on their structure, and we understand the meaning of each item in the structure only as an abstraction from the totality of sentences in which it features, then we can give the meaning of any sentence (or word) only by giving the meaning of every sentence (and word) in the language. Frege said that only in the context of a sentence does a word have meaning; in the same vein he might have added that only in the context of the language does a sentence (and therefore a word) have meaning.



Einen Satz verstehen heißt für Davidson also, eine Sprache zu verstehen (wieder lugt der Wittgenstein um die Ecke). Der Davidsonsche Sprachforscher kann also überhaupt erst dann beanspruchen, einen Satz der Eingeborenensprache verstanden, d.h. tatsächlich und nicht nur hypothetisch übersetzt zu haben, wenn er die GESAMTE Eingeborenensprache übersetzt hat. Auch in diesem Sinne ist daher dein Beispiel desjenigen, der aufgrund einer einzigen Äußerung „horse“ eines anderen meint, dies mit „Pferd“ zu übersetzen, weil gerade ein Pferd die Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat, kein Beispiel für das Vorgehen nach der Methode Davidsons. Der Übersetzer im Sinne Davidsons übersetzt nicht einzelne isolierte Wörter oder Sätze, sondern ganze Sprachen bzw. ausreichend große Teilstücke derselben und erst daraus leitet er die Übersetzung der einzelnen Wörter und Sätze ab.

Dies soll soweit erst einmal als Erläuterung hinreichen, wie Davidson von der Frage, was jemand meint, auf die Frage nach der korrekten Übersetzung kommt und diese dann beantwortet. Auf deinen Hauptkritikpunkt, möchte ich aber trotzdem noch eingehen:

Du behauptest, Davidson hätte den anderen nur als Zuschauer, nicht als Handelnden im Blick gehabt. Wie meine Ausführungen hoffentlich dargelegt haben, ist Davidson Methode vor allem behavioristisch geprägt und damit gerade und vor allem auf den anderen als Handelnden bedacht. Es ist das Handeln der anderen, anhand dessen der Sprachforscher seine Übersetzungshypothesen überhaupt erst prüfen kann und prüft. Und der Sprachforscher tritt sogar selbst als aktiv Handelnder auf, indem er nicht nur einfach schaut, was die Eingeborenen wann äußern, sondern sie mit Fragen zu bestimmten Äußerungen zwingt. Es ist in diesem Sinne gerade das Handeln des anderen und von mir, welches im Zentrum der Methode der radikalen Interpretation, d.h. der Methode des Feststellens, was der andere meint, steht.

PS: Zwei erhellende Aufsätze Davidsons zu dieser Thematik sind das schon genannte Truth and Meaning sowie Radical Interpretation. Beide finden sich in der Aufsatzsammlung Inquiries into Truth and Interpretation.

PPS: Meinst du am Anfang nicht vielleicht eher die VIER Fragen Kants?
Jörg
Hallo Soso,

vielen Dank für deine richtigen und ausführlichen Ergänzungen. In der Tat stellt mein Podcast Davidsons "radikale Interpretation" etwas kurz dar, das mancht allerdings Davidson in dem von mir besprochenen Aufsatz "Drei Spielarten des Wissens" auch so.

An meiner Kritik an Davidsons Konzept ändert das nichts. Man muss sich vergegenwärtigen, dass bei der Komplexität der Realität, die Sprecher und Interpret umgeben, bei einer reinen Beobachtung von Realität und Äußerungen des Anderen eine Unzahl von Interpretationsmöglichkeiten bestehen, sodass der Interpret schlicht überfordert wäre, zu entscheiden, was der Sprecher denn meint. Dabei geht es nicht nur um die Frage, ob er "Gavagai" als "Hase", "Essen" oder "Hausgeist" interpretiert, die Frage ist, warum er überhaupt dieses eine Ding meinen sollte und nicht den Baum dahinter oder den Wind, der gerade aufkommt.

In der Praxis ist das ganz einfach, weil der Interpret nicht nur die Sprache, sondern vor allem die Handlungen, die von Sprache begleitet werden, beobachtet. Und diese Haben Quine und Davidson leider immer wieder vergessen. Wenn man die noch mit in die Betrachtung der Situation einbezieht, kann man sich das ganze viel einfacher machen, ja, ich glaube sogar, dass man dann auf das Prinzip der wohlwollenden Interpretation verzichten kann. Genauer gesagt, dass was Davidson so ungenau als "eine gewisse Rationalität vorraussetzen" bezeichnet, kann dann wesentlich weiter gefasst werden, als es nötig wäre, wenn man nur die Sprache als Darstellung der Realität erfasst.
-Soso-
Hi.

Zitat:

An meiner Kritik an Davidsons Konzept ändert das [gemeint ist die von mir beschriebene Methode der radikalen Interpretation, wie Davidson sie sich vorstellt; Soso] nichts. Man muss sich vergegenwärtigen, dass bei der Komplexität der Realität, die Sprecher und Interpret umgeben, bei einer reinen Beobachtung von Realität und Äußerungen des Anderen eine Unzahl von Interpretationsmöglichkeiten bestehen, sodass der Interpret schlicht überfordert wäre, zu entscheiden, was der Sprecher denn meint. Dabei geht es nicht nur um die Frage, ob er "Gavagai" als "Hase", "Essen" oder "Hausgeist" interpretiert, die Frage ist, warum er überhaupt dieses eine Ding meinen sollte und nicht den Baum dahinter oder den Wind, der gerade aufkommt.


Du schreibst hier „bei einer reinen Beobachtung“ und „der Sprecher“ (beide Hervorhebungen von mir), doch das verkennt die Pointe von Davidsons Vorgehen. Der Interpret kommt eben nicht völlig blauäugig daher, hört einen ihm unbekannten Satz „gavagai“ einer ihm unbekannte Sprache, und notiert, weil etwa noch ein Pferd anwesend ist, dass „gavagai“ „Pferd“ bedeute. Die Interpretation dessen, was EIN Sprecher mit einem Satz S meint, FOLGT bei Davidson der Interpretation dessen, was die Sprecher der Sprachgemeinschaft des fraglichen Sprechers mit S meinen, NACH. Bei Davidson hat die Sprache den semantischen Primat vor dem Satz; ein Satz habe nur innerhalb einer Sprache Bedeutung, weshalb einen Satz verstehen heiße, eine Sprache zu verstehen (eine entsprechende Textstelle habe ich im letzten Beitrag zitiert). Wenn dann der Interpret sich also daran macht, zu interpretieren, was ein Satz S für DIE Sprecher einer bestimmten Sprache bedeute, dann tut er das nicht mit EINER Beobachtung, sondern mit einer VIELZAHL derer. Eine Beobachtung genügt vielleicht für eine HYPOTHESE, dass „gavagai“ womöglich „Pferd“ heiße, aber diese Hypothese wird durch weitere Beobachtungen und Frage-Antwort-Experimente auf die Probe gestellt (und dann wird sich auch zeigen, ob „gavagai“ nicht vielleicht doch nicht „Pferd“ bedeutet, sodass der Interpret andere Übersetzungshypothesen formulieren und prüfen muss). Aus dieser ÜbersetzungsHYPOTHESE wird bei Davidson erst dann eine ÜbersetzungsBEHAUPTUNG, wenn er die GESAMTE Sprache des Sprechers von „gavagai“ – oder doch wenigstens einen ausreichend großen Teil derselben – interpretiert hat. Eben DAS ist der holistische Aspekt der radikalen Interpretation, der schlichtweg zentral ist für Davidson und daher unbedingt beachtet werden muss.

Zitat:

ich glaube sogar, dass man dann auf das Prinzip der wohlwollenden Interpretation verzichten kann


Naja, dieses Prinzip benötigt der Interpret bei der Überprüfung seiner Übersetzungshypothesen. Er unterstellt damit den Sprechern der zu interpretierenden Sprache auch eine gewisse Regelmäßigkeit im Gebrauch ihrer Sprache in dem Sinne, dass die Sprecher nicht mit „gavagi“ völlig willkürlich etwa mal dasselbe wie „Kaninchen“, mal dasselbe wie „Pferd“, mal dasselbe wie „Baum“ oder sonst etwas meinen. Würde der Interpret diese Regelmäßigkeit nicht unterstellen, hätte er keine Chance, die zu interpretierende Sprache zu interpretieren, da er so seine Übersetzungshypothesen niemals testen könnte. Die Annahme der Regelmäßigkeit im Verhalten der zu untersuchenden Gegenstände ist schlicht eine notwendige Bedingung für jegliche empirische Forschung, wenn man darauf aus ist, allgemeine Sätze zu formulieren („immer, wenn das und das der Fall ist, ist so und so der Fall“).

Was man natürlich aus deinem Einwand herausziehen kann, ist die These der Unbestimmtheit der Übersetzung, dass also eine Übersetzung niemals durch die empirischen Daten – das Verhalten der Sprecher der zu übersetzenden Sprache – determiniert ist. Diese These unterschreibt auch Davidson etwa in Three Varieties in Fußnote 3. Es stellt sich jedoch zum Einen die Frage, wie groß diese Übersetzungsindeterminiertheit wirklich ist. Quine behauptet, sie wäre gewaltig, in seinen Beispielen hingegen ist sie aber immer winzig. Zum anderen ist fraglich, ob man dieser Unbestimmtheit – wie groß sie nun tatsächlich sein mag – wirklich Herr werden kann, doch danach sieht es beim besten Willen nicht aus; da ändert auch kein Heidegger oder Hacking etwas dran.

PS: Was ist denn jetzt eigentlich mit dem Heidegger-Thread? Da sind ja noch ein paar Fragen offen.
carsten aus bochum
Hi Jörg,

Zitat:
„Dabei geht es nicht nur um die Frage, ob er "Gavagai" als "Hase", "Essen" oder "Hausgeist" interpretiert, die Frage ist, warum er überhaupt dieses eine Ding meinen sollte und nicht den Baum dahinter oder den Wind, der gerade aufkommt.

In der Praxis ist das ganz einfach, weil der Interpret nicht nur die Sprache, sondern vor allem die Handlungen, die von Sprache begleitet werden, beobachtet. Und diese Haben Quine und Davidson leider immer wieder vergessen.“


Das glaube ich nicht.
Zum einen deshalb, weil Soso selten unrecht hat. Das ist vielleicht eine etwas subjektive und indirekte Begründung.
Konkreter wäre es herauszufinden, ob Davidsons Ansatz nun tatsächlich behavioristisch geprägt ist, wie Soso behauptet, was ich allerdings nicht weiß.

Dafür habe ich auch nur Indizien, die indirekter Natur sind, aber immerhin.
Rorty sieht große Ähnlichkeiten in Davidsons und Brandoms Ansatz, wie mir Eugen netterweise in einer pN zukommen lies. Daraus:

„...Bei der ersten Lektüre von Brandoms Buch gewann ich den Eindruck, Brandom gebe hart erkämpftes Terrain preis, indem er die Begriffe »Repräsentation«, »Tatsache« und »wahr machen« als respektabel hinstellt. Das lag daran, daß ich mich an Davidsons pauschale Ablehnung dieser Begriffe gewöhnt hatte. Jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher, ob dieser Eindruck zutrifft, und tendiere eher zu der Behauptung, daß Brandom und Davidson in allen Streitfragen weitgehend einer Meinung sind und sich bloß verschiedener rhetorischer Strategien bedienen, um im wesentlichen gleiche Gedanken auszusprechen. Die Rhetorik ist jedoch wichtig, vor allem wenn man wie ich der Auffassung ist, daß die pragmatistische Richtung nicht nur damit beschäftigt ist, geringfügige Mißstände aus dem Vermächtnis der großen, verstorbenen Philosophen zu beseitigen, sondern zu einem weltgeschichtlichen Wandel im Selbstbild der Menschheit einen eigenen Beitrag leistet..."
(Rorty, Richard: Wahrheit und Fortschritt. Suhrkamp, 2003, S. 193)

Brandoms (inferentieller) Ansatz hat einen starken behavioristischen Einschlag, etwa an den Stellen wo er das Prinzip der Sanktionierung von Verhalten und Aussagen (eines einzelnen, durch die soziale Gemeinschaft) erläutert, die über die soziale Kontoführung entscheiden.

Ah, und gerade gefunden (und damit schon direkter):

„Betrachtet man also mit Davidson die semantischen Interpretationen sprachlicher Ausdrücke als einen Aspekt der intentionalen Interpretation von Verhalten – die Sätzen gemäß den von ihnen ausgedrückten Überzeugungen Wahrhheitsbedingungen zuordnet, und ebenso den Überzeugungen und Wünschen, um die Erklärung und Vorhersage von Verhalten als einem weitgehend rationalen zu ermöglichen für jemanden, der Überzeugungen und Wünsche dieses Inhalts hat –, ...
(R.Brandom, Expressive Vernunft, 1994, dt.2000, Suhrkamp, S.518 )

Zudem stimmt es, dass Davidson, der Sprache den Vorrang vor den Sätzen gibt.

Leider kann ich Deinen Text aber nicht hören (Defizitärer Computer).

Gruß,

Carsten
Jörg
Es ist richtig, dass Davidson nicht aus dem einmaligen Gebrauch einer Äußerung (dass es ein Satz ist, ist auch schon Interpretation) auf ihre Bedeutung schließt, sondern aus dem mehrfachen Gebrauch. Aber die Realität ist so komplex, dass es selbst bei noch so häufigen Gebrauch einer solchen Äußerung nicht möglich wäre, die Bedeutung solcher Ausdrücke zu verstehen.

1. In der Realität finden gleichzeitig sehr viele Ereignisse statt, die der Beobachter bei einer sprachlichen Äußerung zu protokollieren hätte. Für welche wird er sich entscheiden?
2. Selbst wenn klar wäre, auf welches Ereignis oder Objekt sich die Äußerung bezieht, wüssten wir nicht, auf welche Abstraktionsebene die Äußerung erfolgt: Tier, Hase, schneller Lauf,... Der Beobachter müsste für jeden Beobachtungsfall alle Möglichkeiten notieren.
3. Der Grund der Äußerung kann sehr unterschiedlich sein, über diesen weiß der Beobachter jedoch gar nichts: Reine Beschreibung, Freude, Furcht, Absichten,...

Würde der Beobachter alle Hypothesen notieren um sie mit späteren und früheren Beobachtungen zu vergleichen, stünde er vor einem aussichtslosen Unterfangen. Um all diesen Problemen aus dem Wege zu gehen, braucht Davidson die "wohlwollende Interpretation": Er unterstellt dem anderen eine gewisse, ihm selbst gleiche Rationalität. Das würde ihm ermögliche, aus der Vielzahl der möglichen Hypothesen die ausszuwählen, die ihm aus seiner eigenen rationalität heraus die wahrscheinlichste ist.

Ich glaube zum einen nicht, dass in einer wirklichen fremden Situation eine wohlwollende Interpretation auf rein sprachlicher Ebene möglich ist. Zum anderen halte ich sie nicht für nötig, wenn man berücksichtigt, dass Sprache nie unabhängig von Handlung und praktischer Weltaneignung vorkommt. Das ist mein Punkt. Nicht aus dem Prinzip der wohlwollenden Interpretation folgt die Möglichkeit, den Fremden zu verstehen, sondern aus der Beobachung der praktischen Weltaneignung.


Was ich an Davidson schätze, und was ich einen sehr nützlichen Ansatz finde, ist seine Konzeption der drei Spielarten des Wissens, die sich aufeinander beziehen. Das ist ja auch der zentrale Punkt des besprochenen Aufsatzes. Aber es hat eine Schwäche, die aus der rein sprachanalytischen Behandlung des Themas folgt.
carsten aus bochum
Hi Jörg,

es ging doch eher darum, dass man Behauptungen sowohl durch Gründe als auch durch Handlungen wahr machen kann.
Die Rationalität die Davidson zu erkennen glaubt – nehme ich zumindest an, bei Brandom ist es so – liegt in beidem Verborgen.
So entsteht ein Netz aus Sprache und Handlung, das verwoben ist.

Gruß,

Carsten
-Soso-
@Jörg

Hi.

Ich glaube, du unterschätzt den Aspekt der AKTIVEN Prüfung der Übersetzungshypothesen. Natürlich wäre die Zahl der Störvariablen, würde der Interpret nur passiv beobachten, unüberschaubar groß. Eben darum ist der Interpret KEIN passiver Beobachter, sondern ein AKTIVER Prüfer. Durch das aktive Prüfen hat der Interpret eine gewisse Kontrolle über die Störvariablen. Wollte er etwa prüfen, ob „gavagai“ dasselbe wie „Hase“ bedeutet, dann wird er versuchen, die Situation so zu gestalten, dass ein Hase das einzig saliente ist und die Aufmerksamkeit auf eben diesen richten usw.

Zitat:

Ich glaube zum einen nicht, dass in einer wirklichen fremden Situation eine wohlwollende Interpretation auf rein sprachlicher Ebene möglich ist.


Warum denn „rein sprachlich“? Der Interpret beobachtet das HANDELN der Sprecher der zu interpretierenden Sprache und greift auch ALS HANDELNDER aktiv in dieses ein, indem er die Sprecher zu bestimmten Handlungen provoziert.

Zitat:

Zum anderen halte ich sie nicht für nötig, wenn man berücksichtigt, dass Sprache nie unabhängig von Handlung und praktischer Weltaneignung vorkommt. Das ist mein Punkt. Nicht aus dem Prinzip der wohlwollenden Interpretation folgt die Möglichkeit, den Fremden zu verstehen, sondern aus der Beobachung der praktischen Weltaneignung.


Hier gibt es doch aber gar kein grundsätzliches Problem für Davidson. Wenn die Sprecher einer Sprachgemeinschaft mit dem Ausdruck „horse“ gar nicht einfach bloß auf Pferde referieren, sondern auf Pferde ALS Reittiere, dann ist eine adäquate Übersetzung von „horse“ offenbar „Pferd als Reittier“. Dies kann der Interpret prinzipiell als Übersetzungshypothese formulieren und diese dann prüfen.
Eugen
Zitat:
Original von -Soso-
Zitat:

Zum anderen halte ich sie nicht für nötig, wenn man berücksichtigt, dass Sprache nie unabhängig von Handlung und praktischer Weltaneignung vorkommt. Das ist mein Punkt. Nicht aus dem Prinzip der wohlwollenden Interpretation folgt die Möglichkeit, den Fremden zu verstehen, sondern aus der Beobachung der praktischen Weltaneignung.




Hier gibt es doch aber gar kein grundsätzliches Problem für Davidson...


Allerdings nicht. Im Gegenteil:

"...Naturalisierung, worunter ich den Prozess verstehe, sich mit Darwin darauf zu einigen, menschliche Fähigkeiten in Kontinuität mit den Fähigkeiten niedrigerer Tiere zu begreifen...

Diese Naturalisierung kulminiert in Davidsons Behauptung, , dass wir "die Unterscheidung zwischen dem Verstehen einer Sprache und dem Meistern unserer Umwelt eliminieren" sollten. Davidson schlägt vor, dass wir uns sprachliche Kompetenz als eine Art Know-how denken, jene Art, die er bezeichnet als "die Fähigkeit, sich von Zeit zu Zeit auf eine vorübergehende Theorie zu einigen" - die Fähigkeit von Sprecher und Zuhörer, bisweilen harmonisch zu interagieren."

(Rorty, Richard: Sind Aussagen universelle Geltungsansprüche?
Deutsche Zeitschrift für Philosophie 1994, SS. 975-988 (976))
Jörg
@Eugen, @Soso: Ihr zwei betätigt euch gerade selbst als wohlwollende Interpreten. Das sei euch unbenommen, mir ist wichtig, dass eben sprachliches Kommunizieren, was aus meiner Sicht die analytischen Philosophen immer in den Vordergrund gestellt haben und immer vom Handeln isoliert haben, allein die Möglichkeit des Verstehens nicht erklärt. Ihr interpretiert da mehr in Davidsons texte hinein, als er gemeint hat, das ist meine Ansicht. Kann sein, dass ich mich irre, aber ich habe genau das Handeln bei Davidson (und noch mehr bei Quine) immer vermisst.
-Soso-
@Jörg

Hi.

Dass ich Davidson etwas ZU wohlwollend interpretiere, glaube ich sogar selbst. Ich meine aber im Gegenzug auch, dass du ihm zu wenig zugestehst.
Jörg
@Soso: Beides ist möglich, wobei ich sagen muss, dass ich Davidson schon sehr anregend finde und viele seiner Analysen und Konzepte sehr anregend und nützlich finde. Ich meine nur, dass er im Netz der Sprachanalyse gefangen bleibt und dass man eben gerade auch an seinen Aufsätzen die Grenzen und das letztliche Scheitern der sprachanalytischen Philosophie sehr gut beobachten kann.

Ich glaube, dass Davidson sich die Situation der radikalen Interpretation so vorstellt, wie es ist, wenn ich einem Italiener z.B. deutsch beibrigen wollte (wobei ich kein italienisch kann und er kein deutsch) Ich zeige dann auf Gegenstände und nenne ihren Namen. Er wird das im allgemeinen sogar richtig interpretieren.

Schon dieses Zeigen und dazu vielleicht in die Hand nehmen ist ja ein Handeln, aber es sein Davidson zugestanden, dass er diese Art von Handeln (Stichwort private ostentative definition) implizit ganz selbstverständlich mit im Sinn hatte. Damit ist der Gegenstand der Äußerung immerhin schonmal durch eine Handlung bestimmt.

Was setzt diese Situation vorraus? ZUnächst dass beide Kommunikationspartner vorab Einigkeit darüber erzielt haben, dass es darum geht, die Sprache des anderen zu lernen und dass das beste Verfahren dazu ist, Bezeichnungen von Gegenständen zu äußern.

Weiterhin wird vorrausgesetzt, dass beide eine ähnlich strukturierte Sprache haben, in der es Worte gibt, von denen einige dazu dienen, Bezeichnungen von Gegenständen zu sein.

Das Primat des Namens vor der Handlung vor der Nutzung in der Äußerung über die objektive Realität zieht sich durch viele Beiträge der Sprachanalytischen Philosophie. Das ist genau das Prinzip der wohlwollenden Interpretation: Wir meinen, ziemlich sicher sein zu können, dass "Gavagai" am ehesten "Hase" heißt, und nicht "Laufen" und nicht "Jagdbeute" und nicht "Essen". Das ist die Vorraussetzung der gleichen Rationalität wie meiner.

Genau diese Vorraussetzung dürfte aber bei Ureinwohnern in Afrika falsch sein. Warum sollten sie den Dingen abstrakte Namen geben? Ich nehmen an, sie verknüpfen ehen ihre Handlungen (Jagen) oder ihre Bedürfnisbefriedigung (Essen) mit den sprachlichen Äußerungen.

Arnold Gehlen hat in "Urmensch und Spätkultur" darauf hingewiesen, dass die Rationalität in der Urgesellschaft nichts aber auch gar nichts mit unserer gemein hat, er hat zwei Kulturschwellen ausgemacht, die zwischen uns und der Urgesellschft liegen. Eben deshalb dürfte die Möglichkeit zur wohlwollenden Interpreation eine zu starke Annahme sein.

Die man auch nicht braucht, wenn man die Fremden, die man verstehen will, bei ihrer Tätigkeit beobachtet, und wenn man die sprachlichen Äußerungen zunächst nicht auf Gegenstände sondern auf diese Tätigkeiten und über die vermittelt auf die Gegenstände bezieht. Wenn ich nachher in die Küche gehe und das Sonntagsessen zubereite und ein anderes Familienmitglied kommt herein, dann werde ich auch nicht "Fleisch", "Kartoffeln" "Gemüse" sagen, sondern "Um 1 können wir essen."
-Soso-
Hi.

Auf deiner Homepage steht, dass du Philosophie im Masterstudiengang studiert hast. Entsprechend müsstest du ein grundlegendes Verständnis der formalen Logik besitzen (zumindest heutzutage ist ein Logikkurs Pflicht im Philosophiestudium). Ich hoffe daher, dass die folgenden Ausführungen für dich verständlich sind:

Leute wie Quine und Davidson sind alle entscheidend durch die mathematische Logik geprägt. Quine spricht z.B. öfters von der sog. kanonischen Notation. Darunter versteht er einfach die Prädikatenlogik 1. Stufe mit Identität. Liest man außerdem das zweite Kapitel von Word and Object, in dem es um radikale Übersetzung geht, sehr aufmerksam, kann man feststellen, dass Quine zwar in der Umgangssprache schreibt, aber in kanonischer Notation denkt. Da Quine außerdem Individuenkonstanten (das sind Zeichen, die einen Einzelgegenstand bezeichnen) ablehnt, läuft alles, was Quine in besagtem Kapitel über Übersetzungen schreibt, darauf hinaus, koextensionale Prädikate zu finden, sodass eines derselben ein Prädikat der zu übersetzenden Sprache ist, das andere eines der Sprache, in die übersetzt wird. Wenn Quine etwa schreibt, dass „gavagai“ eine Übersetzung von „Kaninchen“ sei, meint er damit nichts anderes, als dass die Menge all dessen, was gavagai ist, dieselben Elemente enthalte wie die Menge all dessen, was Kaninchen ist (die Menge aller gavagai sei also identisch mit der Menge aller Kaninchen). Statt zu sagen, die Menge aller gavagai sei identisch mit der Menge aller Kaninchen, kann man aber auch über Begriffe reden und sagen, das Prädikat „gavagai“ sei umfangsgleich oder koextensional mit dem Prädikat „Kaninchen“. In diesem Sinne gibt es bei Quine tatsächlich nur Gegenstände und Mengen von Gegenständen, mehr nicht. Da außerdem Davidson bei Quines Überlegungen ansetzt, gilt selbiges auch für ihn.

Derart betrachtet, meine ich, könnte man deinen Einwand womöglich auch so formulieren, dass also Davidson (oder Quine), da er nur von Gegenständen und Mengen von Gegenständen reden kann, Prädikate, die Tätigkeiten ausdrücken, d.h. Prädikate wie „laufen“, „essen“ oder „jagen“, nicht adäquat analysieren könne. Was das angeht, ist die Prädikatenlogik jedoch weit ausdrucksstärker, als man annehmen mag. So ist der Umfang des Prädikats „laufen“ nämlich nichts weiter als die Menge aller Gegenstände, die laufen. Der Umfang des Prädikats „essen“ ist die Menge aller Gegenstände, die essen usw. Obwohl Davidson daher im Grunde tatsächlich nur Gegenstände und Mengen derselben betrachtet, darf man daraus nicht schließen, dass diese Betrachtungsweise etwa blind für Handlungen u.ä. wäre.
Jörg
@Soso: extensional stimmen "laufen" und "Hase" aber niemals überein, und deshalb wird die radikale Interpretation scheitern, solange sie rein sprachlich und ostentativ bleibt, solange sie nicht praktisch wird. Und das wird sie bei Quine und Davidson nie.

P.S. Quine und die Logik in "Word & Object" - das wäre auch noch mal ein Thema für einen steitbaren Beitrag. Ich finde, Quine war ein großer Als-Ob-Logiker: Er schrieb zwar in einer scheinbar sehr logischen Sprache, aber seine Sylogismen sind oft zweifelhaft.
-Soso-
@Jörg

Hi.

Zitat:

extensional stimmen "laufen" und "Hase" aber niemals überein, und deshalb wird die radikale Interpretation scheitern, solange sie rein sprachlich und ostentativ bleibt, solange sie nicht praktisch wird. Und das wird sie bei Quine und Davidson nie.


Eben weil „läuft“ und „Hase“ nicht koextensional sind, kann man sie schon allein mit den von Quine und Davidson präsentierten Mitteln auseinanderhalten. Das ist ein Argument FÜR die beiden, nicht gegen sie.
Jörg
Hallo Soso, ich muss gestehen, dass ich das im Moment nicht verstehe, aber ich werde es nochmal in Ruhe durchdenken. Ich schau mir übers Wochenende auch noch einmal das 2. Kapitel von Word & Object an, vielleicht fällt dann der "Groschen".