@Jörg
Hi.
Ich muss mal wieder nörgeln, denn ich meine, dass der Beitrag Davidson nicht gerecht wird und ihn stellenweise sogar falsch darstellt. Du konzentrierst dich in dem Beitrag auf die Frage, was ein anderer wohl mit einer bestimmten Äußerung meine. Diese Frage läuft bei Davidson auf das große Thema
radical interpretation hinaus. Der Gedankengang ist dabei etwa der folgende:
Ich selber verstehe die Sprache, dich ich spreche, d.h. ich verstehe die Sätze der Sprache, die ich spreche; man könnte auch sagen: ich kenne die Bedeutung der Sätze der Sprache, die ich spreche. Will ich nun wissen, was ein anderer mit einer Äußerung eines Satzes U meint, so will ich offenbar wissen, was U bedeutet. Weiter gilt, dass zwei Sätze A und B Übersetzungen voneinander sind genau dann, wenn sie dieselbe Bedeutung haben. Könnte ich also U in einen Satz S meiner Sprache übersetzen, dann wüsste ich, was U bedeutet, eben weil ich weiß, was S bedeutet. Dies führt zu der Frage: Wie kann man sicherstellen, dass S eine Übersetzung von U ist?
Der Weg, den Davidson nun einschlägt, ist der von Quine hinlänglich bekannte: er fragt nach den Wahrheitsbedingungen von Sätzen. Er sagt, zwei Sätze A und B seien Übersetzungen voneinander genau dann, wenn sie dieselben Wahrheitsbedingungen haben, d.h. dass, wann immer der eine wahr ist, auch der andere wahr ist und wann immer der eine falsch ist, auch der andere falsch ist. Dies führt zu der nächsten Frage: Wie lassen sich die Wahrheitsbedingungen von Sätzen bestimmen?
Im Falle der radikalen Interpretation, d.h. der Übersetzung eines mir unbekannten Satzes U in einen Satz meiner Sprache S seien mir zumindest die Wahrheitsbedingungen von S bekannt, da ich die Bedeutung von S kenne, d.h. da ich S verstehe (hier scheint das Wittgensteinsche „einen Satz verstehen heißt, wissen, was der Fall ist, wenn er wahr ist“ durch). Aber wie ermittle ich die Wahrheitsbedingungen von U? Hier verweist Davidson auf das u.a. aus Quines
Word and Object bekannte Frage-und-Antwort-Spielchen, mit dem ermittelt werden soll, wann Sprecher einer mir unbekannten Sprache einen Satz für wahr halten. Denken wir uns die Situation, in der ein Sprachforscher eine bisher unbekannte und daher bisher noch nicht übersetze Dschungelsprache übersetzen will. Der Sprachforscher stehe nun mit einem der Eingeborenen im Dschungel herum, als ein Kaninchen vorbeihuscht und der Eingeborene den Satz „gavagai“ äußert. Daraufhin notiert der Sprachforscher „'gavagai' bedeutet 'Kaninchen' oder 'dort ist ein Kaninchen'“. Eine ähnliche Situation hast du in deinem Beitrag geschildert und dein Einwand, umgemünzt auf dieses Beispiel hier, würde vermutlich lauten, dass es durchaus sein könnte, dass der Eingeborene mit „gavagai“ gar nicht „Kaninchen“ meint, sondern „mein Abendessen“ oder „mein Reittier“ (ist halt ein ziemlich großes Kaninchen oder ein ziemlich kleiner Eingeborener). Gewiss könnte das sein, aber so leicht kommt man Davidson freilich nicht bei. Dass „gavagai“ dasselbe wie „Kaninchen“ oder „dort ist ein Kaninchen“ bedeute, ist zunächst einmal eine Hypothese. Diese Hypothese wird sodann auf die Probe gestellt: z.B. zeigt der Sprachforscher auf Kaninchen, während er „gavagai“ äußert und wartet die Reaktionen der Eingeborenen ab oder er beobachtet sorgfältig, ob die Eingeborenen stets dann und nur dann „gavagai“ sagen, wenn sie ein Kaninchen bemerken usw. Käme es jedoch häufiger vor, dass die Eingeborenen in Gegenwart von Kaninchen die Frage „gavagai?“ verneinen (soweit der Sprachforscher schon herausbekommen hat, welche Worte für „ja“ und „nein“ stehen) oder etwa „gavagai“ auch dann äußern, wenn sie auf Wildschweine aufmerksam gemacht werden, dann sollte der Sprachforscher, anstatt den Eingeborenen zu unterstellen, sie könnten Wildschweine nicht von Kaninchen unterscheiden oder seien kurzsichtig, lieber seine Übersetzungshypothese, dass „gavagai“ „Kaninchen“ bedeute, revidieren. Es sind solche Situationen, in denen Davidson verlangt, vom
principle of charity,
principle of a best fit,
Prinzip der wohlwollenden Interpretation oder wie man es auch sonst nennen möchte, Gebrauch zu machen. Angenommen aber, solche Fälle sind nicht eingetreten und alle Tests des Sprachforschers sprechen dafür, dass „gavagai“ mit „Kaninchen“ zu übersetzen ist, dann erhärtet sich die Annahme, dass die Übersetzungshypothese korrekt ist.
Wichtig ist dabei, zu beachten, dass sich die Hypothese, dass „gavagai“ „Kaninchen“ bedeute, für den Davidsonschen Sprachforscher lediglich erhärtet, er sich aber keineswegs auf sie festlegt und sich so etwa Satz für Satz durch die Eingeborenensprache arbeiten würde. Vielmehr nämlich kommt an dieser Stelle ein Aspekt ins Spiel, den Davidson von Quine gelernt hat. Er schreibt in
Truth and Meaning:
| Zitat: |
We decided a while back not to assume that parts of sentences have meanings except in the ontologically neutral sense of making a systematic contribution to the meaning of the sentences in which they occur. Since postulating meanings has netted nothing, let us return to that insight. One direction in which it points is a certain holistic view of meaning. If sentences depend for their meaning on their structure, and we understand the meaning of each item in the structure only as an abstraction from the totality of sentences in which it features, then we can give the meaning of any sentence (or word) only by giving the meaning of every sentence (and word) in the language. Frege said that only in the context of a sentence does a word have meaning; in the same vein he might have added that only in the context of the language does a sentence (and therefore a word) have meaning.
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Einen Satz verstehen heißt für Davidson also, eine Sprache zu verstehen (wieder lugt der Wittgenstein um die Ecke). Der Davidsonsche Sprachforscher kann also überhaupt erst dann beanspruchen, einen Satz der Eingeborenensprache verstanden, d.h. tatsächlich und nicht nur hypothetisch übersetzt zu haben, wenn er die GESAMTE Eingeborenensprache übersetzt hat. Auch in diesem Sinne ist daher dein Beispiel desjenigen, der aufgrund einer einzigen Äußerung „horse“ eines anderen meint, dies mit „Pferd“ zu übersetzen, weil gerade ein Pferd die Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat, kein Beispiel für das Vorgehen nach der Methode Davidsons. Der Übersetzer im Sinne Davidsons übersetzt nicht einzelne isolierte Wörter oder Sätze, sondern ganze Sprachen bzw. ausreichend große Teilstücke derselben und erst daraus leitet er die Übersetzung der einzelnen Wörter und Sätze ab.
Dies soll soweit erst einmal als Erläuterung hinreichen, wie Davidson von der Frage, was jemand meint, auf die Frage nach der korrekten Übersetzung kommt und diese dann beantwortet. Auf deinen Hauptkritikpunkt, möchte ich aber trotzdem noch eingehen:
Du behauptest, Davidson hätte den anderen nur als Zuschauer, nicht als Handelnden im Blick gehabt. Wie meine Ausführungen hoffentlich dargelegt haben, ist Davidson Methode vor allem behavioristisch geprägt und damit gerade und vor allem auf den anderen als Handelnden bedacht. Es ist das Handeln der anderen, anhand dessen der Sprachforscher seine Übersetzungshypothesen überhaupt erst prüfen kann und prüft. Und der Sprachforscher tritt sogar selbst als aktiv Handelnder auf, indem er nicht nur einfach schaut, was die Eingeborenen wann äußern, sondern sie mit Fragen zu bestimmten Äußerungen zwingt. Es ist in diesem Sinne gerade das Handeln des anderen und von mir, welches im Zentrum der Methode der radikalen Interpretation, d.h. der Methode des Feststellens, was der andere meint, steht.
PS: Zwei erhellende Aufsätze Davidsons zu dieser Thematik sind das schon genannte
Truth and Meaning sowie
Radical Interpretation. Beide finden sich in der Aufsatzsammlung
Inquiries into Truth and Interpretation.
PPS: Meinst du am Anfang nicht vielleicht eher die VIER Fragen Kants?