Politiker unterlassen, was wir von ihnen erwarten, oder sie mischen sich in Dinge ein, von denen sie lieber die Finger lassen sollten. Aber was ist eigentlich das Politische? Was unterscheidet es vom Ökonomischen, vom Kulturellen, vom Ethischen und vom Religiösen? Carl Schmitt hat schon 1932 dazu einen interessanten Text geschrieben. Um diesen Text geht es im aktuellen philosophischen Podcast.
ewig
Gar nicht übel gemachte "Sendung." Allerdings leiden Videobotschaften ganz enorm unter mangelnder Zitierfähigkeit.
Was den Schmitt angeht, meine ich, daß der angesichts des heutigen (globalisierten) politischen Szenarios tatsächlich total von gestern ist, da uns die Freund/Feind-Dichotomie schon seit geraumer Zeit nicht mehr durch eine konstruktive Politik trägt. Im Grunde ist diese zweidimensionale Perspektive seit der Entwicklung der Atombombe nur noch gefährlich und hat etwa den Kalten Krieg und die Welt-vs.-fantischen-Islam-Entwicklungen mitverschuldet, durch welche die Kontrollierbarkeit des Gesamtszenarios nicht zu- sondern abnahm. Der neue und bessere Weg ist es, die berechtigten Interessen der anderen mitzubedenken und alles zu unternehmen, auch diese nicht zu verletzen. Der andere ist heute vielleicht noch Verhandlungs"gegner" oder ein "Konkurrent" in einem nicht länger existentiell bedrohlichen Wettbewerb, aber "Feinde" sollte es in der modernen Welt nicht mehr geben, und wo es sie doch gibt, sehe ich es als erste politische Pflicht der Beteiligten an, sie zu Verhandlungsgegnern herunterzustufen.
Jörg
Die Grundidee, nach einer Bestimmung des Politischen zu suchen, indem zwei sich gegenüber stehende Kategorien ausgemacht werden, so wie es beim Ethischen Gut und Böse sind und beim Ästhetischen Schön und Hässlich, diese Grundidee finde ich immer noch sehr anregend. Und die Lösung, "Eigenes" und "Fremdes" als Grundkategorien des Politischen zu benennen, finde ich ebenfalls überzeugend. Natürlich muss der Fremde nicht unbedingt ein Feind sein, genau an der Stelle kann man dann Schmitt über Schmitt hinausgehen.Aber vielleicht ist das gar nicht nötig, denn Schmitt sagt ja nicht, dass man den Feind unbedingt militärisch bekämpfen muss.
ewig
Zitat:
Original von Jörg
Die Grundidee, nach einer Bestimmung des Politischen zu suchen, indem zwei sich gegenüber stehende Kategorien ausgemacht werden, so wie es beim Ethischen Gut und Böse sind und beim Ästhetischen Schön und Hässlich, diese Grundidee finde ich immer noch sehr anregend.
Ja, ich auch. Auf der Klarheit passender Vereinfachungen basieren die besten Theorien. Tatsächlich habe ich sogar den starken Eindruck, daß der Podcast (in seiner vereinfachten Zuspitzung) und mein Kommentar (in der direkten Erwiderung auf die vereinfachte Zuspitzung) dem Schmitt einiges Unrecht tun, da der Mann die offene Freund-Feind-Eskalation selbst als Extremvariante der Skalierung benannte und sich u.a. intensiv mit der Zusammenstellung der Methoden beschäftigte, wie diese Eskalation zu vermeiden wäre (Verträge und Institutionen). Im Grunde ist das ein Theoretiker der Realpolitik, so wie Machiavelli, und entsprechend leicht zu verkennen.
Jörg
Zitat:
Original von ewig
[Tatsächlich habe ich sogar den starken Eindruck, daß der Podcast (in seiner vereinfachten Zuspitzung) und mein Kommentar (in der direkten Erwiderung auf die vereinfachte Zuspitzung) dem Schmitt einiges Unrecht tun.
Das ist sicher richtig und gut, dass du darauf hinweist. Allerdings muss man sagen, dass Schmitt eben darauf bestand, dass die Eskalation zum Konflikt den nur einer übersteht immer als reale Möglichkeit mitgedacht werden muss - und da würde ich ihm nicht zustimmen. Der Fremde muss nicht zum Feind werden. Es gibt da interessante neue Konzepte (Kurt Röttgers), die an Schmitt anknüpfen aber andere Lösungen finden.