@Pippen
Hi.
Zu den beiden Schlussregeln:
Man kann diese Schlussregeln semantisch recht elegant motivieren, d.h. indem man die Wahrheitsbedingungen bestimmter Sätze betrachtet. Das Gerede von Wahrheitsbedingungen ist aber nur eine didaktische Maßnahme; es ist für die Anwendung der fraglichen Schlussregeln nicht notwendig, dass man irgendwelche Zeichenketten als Sätze und damit als wahrheitswertfähige Zeichenketten auffasst. Letztlich besagen die Schlussregeln einfach „wenn man in einer Zeile die und die Zeichenkette hat, dann darf man mit Bezug auf diese Zeile die und die Zeichenkette hinschreiben“ (von Wahrheit ist hier also nicht die Rede).
Die Alternationseinführung:
A
A oder B
Beispiel:
Es schneit.
Es schneit oder Elefanten leben nicht nur im Zoo.
Erklärung:
Ein Satz, der das Schema 'A oder B' erfüllt, ist wahr genau dann, wenn wenigstens eines der beiden Disjunkte (A ist das eine Disjunkt, B das andere) wahr ist. Angenommen, A ist wahr, dann ist 'A oder B', ganz gleich, wofür B steht (d.h. ganz gleich, ob B wahr oder falsch ist), ebenfalls wahr, denn aufgrund der Wahrheit von A ist eines der beiden Disjunkte wahr.
Der disjunktive Syllogismus:
A oder B
nicht-A
B
Beispiel:
Platon wurde um 1900 geboren oder Aristoteles ist der Erfinder der Prädikatenlogik.
Es ist nicht der Fall, dass Platon um 1900 geboren wurde.
Also ist Aristoteles der Erfinder der Prädikatenlogik.
Erklärung:
Wie schon oben gesagt ist ein Satz, der das Schema 'A oder B' erfüllt, wahr genau dann, wenn wenigstens eines der beiden Disjunkte wahr ist. Angenommen, 'A oder B' ist wahr, dann ist entweder A wahr oder B ist wahr oder beide sind wahr. Angenommen weiter, 'nicht-A' ist auch wahr, d.h. A ist falsch. Da eines der beiden Disjunkte in 'A oder B' wahr sein muss und A falsch ist, muss also B wahr sein.
Ein Beispiel für den kompletten Schluss:
1. Angenommen, „es hagelt und es hagelt nicht“ ist wahr.
2. Dann ist auch „es hagelt“ wahr.
3. Außerdem ist dann auch „es hagelt nicht“ wahr, d.h. „es hagelt“ ist falsch.
4. Weil „es hagelt“ wahr ist, ist auch „es hagelt oder Angie Merkel kann fliegen“ wahr.
5. Weil „es hagelt oder Angie Merkel kann fliegen“ wahr ist, aber „es hagelt“ falsch ist, muss „Angie Merkel kann fliegen“ wahr sein.
| Zitat: |
B) Was sagt die klass. Logik über einen Satz S "Heute ist Dienstag" und einen Satz S1 "§§$ ist §§$1". Wenn ich dich richtig verstehe, dann müßte diesen Sätzen ein w oder f zugewiesen werden können, ansonsten gilt für sie die klass. Logik nicht. Ist das richtig? Liege ich richtig, wenn die beiden o.g. Sätze daher nicht mehr von der klass. Logik aus betrachtet werden können?
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Sätze, welche indexikalische Ausdrücke enthalten, können mit bestimmten klassischen Logiken analysiert werden. Was z.B. Kaplan mit seiner indexikalischen Logik macht, ist, zunächst das herauszufiltern, was mit einer Äußerung gesagt wird, nämlich die sog. Proposition, um diese dann zu bewerten. Angenommen, „heute ist Dienstag“ wird am 24.08.2055 geäußert, dann drückt „heute ist Dienstag“ die Proposition aus, dass der 25.08.2055 ein Dienstag ist. Ist dieses Datum ein Dienstag, dann ist die am 25.08.2055 gemachte Äußerung „heute ist Dienstag“ wahr, ansonsten nicht. Über die Zeichenkette „§§$ ist §§$1“ kann keine Logik etwas sagen, da sie kein Satz ist.
Was man tut, wenn man einen Satz S der Umgangssprache mit einer formalen Sprache L analysiert, ist, den Satz S nach L zu übersetzen. Auf der einen Seite hat man die Umgangssprache mit ihren Sätzen, auf der anderen eine formale Sprache L mit deren Sätzen. Den Satz S mit L zu formalisieren bedeutet also, einen Satz F aus L zu finden, der eine Übersetzung von S ist. F kann man dann mittelst L untersuchen (etwa, ob er allgemeingültig, widersprüchlich oder erfüllbar ist, was aus F folgt usw.) und, wenn F etwa widersprüchlich ist, darauf schließen, dass demnach auch S widersprüchlich ist, da S und F Übersetzungen voneinander sind. Hat man jedoch solche Zeichenketten wie „§§$ ist §§$1“ muss man eben schauen, ob es einen Satz in L gibt, der Übersetzung davon sein könnte. Da aber „§§$ ist §§$1“ selber schon kein Satz ist, braucht man auch nicht nach einer Übersetzung zu suchen, denn übersetzen kann man nur Sätze (und in gewissem Sinne natürlich auch Wörter, aber „§§$ ist §§$1“ ist freilich nicht einmal ein Wort, sofern man Wörter als Bedeutungsträger auffasst).
Ein Beispiel für einen Satz, den man besser vom Bivalenzprinzip ausschließen sollte, hat Aristoteles selber schon gegeben. Ladys and gentlemen, introducing:
(A) Morgen findet eine Seeschlacht statt.
Wenn man behauptet, dass (A) entweder wahr oder falsch ist, bekennt man sich zum Determinismus. Einen Deterministen mag das nicht weiter stören, allen anderen könnte das übel aufstoßen. Zwar hat Aristoteles ein Argument vorgebracht, wonach die Annahme, für (A) gelte das Bivalenzprinzip, nicht zum Determinismus führe, aber das ist nicht sonderlich überzeugend. Anders hat es einige tausend Jahre später Lukasiewicz gemacht, der einfach einen dritten Wahrheitswert
unbestimmt eingeführt hat.
In diesem Sinne muss man, wenn man einen Satz S formalisiert, einfach schauen, was man für Intuitionen zu S hat. Bin ich, was etwa (A) angeht, der Meinung, dass er wahr oder falsch sei? Dann kann ich ihn in die klassische Aussagenlogik übersetzen. Oder bin ich vielleicht der Meinung, dass (A) unbestimmt sei? Dann sollte ich ihn in eine Logik übersetzen, für die das Bivalenzprinzip nicht gilt, wie etwa die dreiwertige Logik von Lukasiewicz. In jedem Falle gilt: ist man der Meinung, dass ein Satz S vom Bivalenzprinzip ausgeschlossen werden solle, dann kann man ihn nicht in eine klassische Logik übersetzen (d.h. man kann ihn nicht mit einer klassischen Logik analysieren).
| Zitat: |
C) "Kann man Sätze der Art "Es gibt keine Wahrheit" oder "Dieser Satz ist falsch" als unbestimmt festlegen, so dass aus diesen Sätzen nichts mehr folgt und sie daher nicht mehr als widersprüchlich gelten könen oder wäre das in keiner Logik machbar (bzw. folgten daraus untragbare Konsequenzen).
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Ich frage mich, warum du Sätze, aus denen eh nichts folgen solle, überhaupt formalisieren willst. Wenn du die entsprechende formale Sprache so konstruierst, dass aus Sätzen wie „dieser Satz ist falsch“ nichts folgt, dann kann die dir Analyse dieses Satzes mit der fraglichen formalen Sprache auch nicht mehr sagen, als du nicht sowieso schon vorher festgelegt hast: nämlich dass aus diesem Satz nichts folgt. Das Ganze wäre ziemlich witzlos.
Der Grund, warum du ständig nach Formalisierungen fragst, ist sicherlich – wenn ich das richtig sehe – Phantoms beständiges Nachfragen, nach welchen logischen Regeln in deinen Täuschergottargumenten eigentlich geschlossen wird. Dass du zumindest versuchst, dieser Aufforderung nachzukommen, ist sicher löblich (wenn ich auch nach wie vor nicht verstehe, warum du dir nicht einfach mal eine Einführung in die formale Logik zulegst; du hast doch hier im Forum genügend Leute, die dir etwaige Fragen beantworten könnten), aber ich meine, dass du die Sache falsch angehst.
Würdest du einfach nur eine Logik L konstruieren (lassen), mit welcher sich dein Täuschergottargument IRGENDWIE vollständig formalisieren lässt und stelltest diese dann vor, würde sofort der Einwand kommen, dass der einzige Grund für L offenbar nur und ausschließlich das Täuschergottargument sei (weil L vermutlich so derart seltsam sein würde, dass man es für nichts anderes gebrauchen könnte) und dass L schlicht bestimmten Intuitionen widerspräche (eben das, was auch so schon gegen dein Täuschergottargument von allen Seiten eingewendet wird). So ist das wesentliche Problem mit deinem Täuschergottargument doch gar nicht, dass du es nicht formalisieren kannst (Gott bewahre, wenn man ein Argument erst formalisieren können müsste, bevor man es vortragen darf), sondern dass du aus Sicht deiner Opponenten für gewisse strittige Aussagen darin keine guten Gründe angeben kannst. In diesem Sinne kann das Ziel einer Formalisierung des Täuschergottarguments nicht sein, es IRGENDWIE zu formalisieren, sondern zu zeigen, dass aus UNSTRITTIGEN Annahmen mit UNSTRITTIGEN Schlussregeln folgt, dass wir uns eben immer irren können. Wenn du daher fragst, ob man gemeinhin als widersprüchlich angenommene Sätze so formalisieren könne, dass sie nicht widersprüchlich sind oder wenn du eine Logik haben willst, in der jeder Satz kontingent ist und keiner allgemeingültig oder widersprüchlich, so setzt du meines Erachtens nach schlichtweg an der falschen Stelle an, denn nicht um eine Formalisierung deines Täuschergottargumentes geht es, sondern um die Frage nach seiner Plausibilität. Die Einwände, die JETZT schon gegen dein Täuschergottargument vorgebracht werden, wirst du nicht loswerden, wenn du dein Argument nur IRGENDWIE formalisierst.