Erkenntnistheoretische Persönlichkeitsspaltungen

#phritz
P. ist eigentlich ein ganz normaler Mensch: Er hat einen Job, er hat Freunde, er ist Fan von irgendeinem Fußballverein etc.

Wenn ich P. so höre - mit ihm über Fußball spreche etwa - dann hat P. eine Menge Theorien, warum der FC Bayern München auch diesmal wieder Meister wird, und warum Hoffenheim im letzten Moment die Nerven flattern werden. Oder wenn ich mit ihm über seinen Chef rede, ja, da kennt sich P. - seines Zeichens Hobbypsychologe - genauestens aus: Weiß, wie sein Chef denkt, warum er diese und jede Entscheidung getroffen hat, und dass ohnedies das meiste Verhalten machtbesessen und nutzenmaximierend sei usw. Ja, und P kennt auch diverse Management-Techniken.

Ja, dieser P. stellt in seinem Alltagsleben eine Menge Theorien, Behauptungen auf, und damit einher geht zwangsläufig eine Art von empirische verstandener Wahrheit, und der Logik sowieso, da die ja in jeder Theorie steckt. Alles noch kein Problem mit P.

Doch dann passiert etwas mit P, etwas unheimliches, skurriles: P. nimmt nämlich auch an mehreren Philosophie-Foren teil, und dort outet er sich als Skeptiker: Einmal zweifelt er die "Außenwelt" an, dann sagt er "dass es keine Wahrheit gibt", dann glaubt er, all die Dinge der "Außenwelt" existierten nur in seinem Bewußtsein, oder nur dadurch, dass er sie wahrnimmt.

Ist das nicht vollkommen merkwürdig? Wie, so möchte man mit Fug und Recht behaupten, ist es möglich, dass P - sagen wir als Alltagsperson - alle möglichen Theorien aufstellt, alle die Dinge als gegeben annimmt, die man eben in praxi als gegeben annehmen muss (die "Außenwelt"), während er als Philosophie-Person dies alles infrage stellen möchte?

Man könnte diese beiden unterschiedlichen Persönlichkeiten des P. folgendermaßen auf den Punkt bringen, nämlich indem man ihm eine Liste mit gewissen Sätzen vorlegt, und er soll über sie ein Wahrheitsurteil fällen.

"Es gibt keinen Menschen, der größer als 10 Meter ist."
"New York hat mehr als 1 Mio Einwohner."
"Frankfurt hat einen Flughafen."
"Menschen haben Füße."
"Es gibt Telefone."
"Es gibt keinen Vogel, der eine Flügelspannweite von mehr als 100 Metern besitzt."
"Menschen können sitzen."
"Es gibt Stühle."
"Die Themse fließt durch London."
"Es gibt die Antarktis."

Die Alltagsperson in P. dürfte hier keinerlei Zweifel haben - sowenig wie Milliarden Alltagspersonen hier Zweifel haben dürften. Wenn P. nach England fährt, wird er vielleicht sagen: "Komm', wenn wir schon mal in London sind, schauen wir uns auch die Themse an...", und darin zeigt sich ja schon implizit, was er für wahr hält: "Die Themse fließt durch London."

Doch wenn ich fordere, dass nun die Philosophie-Person von P. ein Urteil fällen soll, winkt diese Person ab und sagt mir hoffnungslos überlegen lächelnd ins Gesicht, dass diese Sätze nur den Schein widergeben, nicht das Sein. Oder dass diese Sätze aus "einem ungeschriebenen Stück von Beckett zu entstammen" scheinen.

Doch die letztgenannte Überheblichkeit dauert nicht lange - sie dauert genauso lange, wie sich P. als Philosoph definiert, oder eben so lange, wie er sich im Philosophie-Forum eingeloggt hat. Ausgeloggt nämlich ist er die Alltagsperson, die z.B. bei einem Quiz auf die Frage "Welcher Fluß fließt durch London?" einer der ersten "Die Themse!" schreit. Kein Zweifel möglich, so hören wir dann P. lauthals argumentieren; die Themse fließt in der Tat durch Londen, wer möchte daran zweifeln? Glaubst du's nicht? Dann geh' nach Londen und siehe da.... usw.

Doch wehe, P. loggt sich wieder in sein Philosophie-Forum ein; da sieht man ihn in überheblicher Weise das weise Haupt schütteln ob der Naivität der Alltagspersonen, wenn sie behaupten, die Themse würde durch London fließen. Wie kann man nur soetwas Naives behaupten, und überhaupt "esse est percipi", Täuscherdämon, und sowieso ist die Matrix und das Gehirn im Tank immer möglich usw. Und überhaupt: Woher weißt du, dass du nicht plötzlich aufwachst und dein Leben ein Traum war?

P. tut dann alles, was in seiner skeptischen Macht steht, um diesem naiven Glauben zu untergraben - Decartes, die Pyrroniker, die skeptischen Tropen, Hume und Kant führt er an - aber der böse Witz ist natürlich, dass P. genau diesen Glauben lebt, den er hier verdammt. Nur merkt er's nicht: Alltagsperson und Philosoph in ihm sind unabhängig voneinander, wissen nichts von ihrem jeweiligen Widerpart.

Doch: comedy mode stop.

Was ich einfach sagen möchte ist: Es gibt keinen qualitativen Unterschied zwischen Alltag und Philosophie; nur der Sprachgebrauch ist unterschiedlich - unterschiedlich kann auch die Komplexität sein, muss es aber nicht - und bei manchen Worten weiß man, dass sie insbesondere in der Philosophie zu finden sind. Nun, nennen wir es eine Art "Arbeitsteiligkeit": In der Philosophie werden spezielle Fragen gestellt und beantwortet; Fragen, die im Alltag nicht vorkommen. Sprachliche Ausdifferenzierung. Aber damit verbunden ist keine wahrheitsmäßige Exklusivität. Dasselbe kann man eigentlich von jeder wissenschaftlichen Disziplin behaupten.
Nylen
Kritische Philosophie kann sich über das gemeinhin angenommene, den Common-Sense oder Alltagsverstand, erheben.
Letzterer ist ein guter Ausgangspunkt für Überlegungen aber schmeisst man diese Ebenen also die philosophische und die des Alltäglichen durcheinander kommt Murks dabei raus.
Friedhelm
Hallo Nylen

Dies Problem der Unterscheidung zwischen der empirisch sinnlichen Wahrnehmung des Alltags als Wirklichkeitsbehauptung, Wirklichkeitskonzept oder Wirklichkeitserfahrung, wodurch wir uns orientieren und durch die wir überhaupt leben können, wodurch wir „wissen“, wenn wir „Hunger“ haben und essen sollten, und „wissen“, wenn dort eine Mauer ist, wie wir sie sehen, die uns erfahrungsgemäß tatsächlich auch hindern wird weiterzugehen usw. – einerseits – und dem Wissen, daß dort statt Wirklichkeit zu 99% nichts ist, in dem nur ein paar Elementarteilchen herumflitzen, - andererseits - beschrieb schon der gute Alfred Jules Ayer (1910 - 1989).


Ayer war überzeugter Atheist.
Für metaphysische und religiöse Auffassungen, besonders für die christlichen Glaubensdogmen, hatte er sein Leben lang nur Hohn und Spott übrig. Nichtempirische Realität gab es für ihn nicht.
(Ich weiß, daß ich jetzt deswegen Prügel zu erwarten habe, weil ich dem großen Philosophen Ayer damit Unrecht tue. Aber ignoriert hat er schon so etliches, wie die "Wirklichkeit" der Zeit, um bei seinem Pragmatismus bleiben zu können, - wie auch viele andere Philosophen der Gegenwart. Vielleicht liest Du mal die jüngste Formulierung des Zeitmodells nach Gerold Prauss:
http://freenet-homepage.de/Praussdiskussion/Zeitmodell.htm )

Mit dem guten Immanuel Kant stand er jedenfalls auf Kriegsfuß.

Aber als Treppchen oder Zwischenstufe vom Materialismus zur Kantschen oder Prausschen Erkenntnistheorie wäre für Dich der Pragmatismus von Ayer sicher eine kleine Hilfe.

Man muß nach Ayer nur zwischen trivialem Alltag und hoher Wissenschaft unterscheiden; das hätte nichts mit Persönlichkeitsspaltung zu tun, sondern mit Bildung.



ganz herzlich
Friedhelm
Nylen
Hallo Friedhelm,

es ist schon spät und ganz verstehe ich deinen Einwand nicht. Ich habe übrigens Ayer gelesen, ebenso wie Kant. Deinen Gelinkten Artikel dagegen werde ich lesen, nachdem ich diese Antwort verfasst habe.

Die Frage war ja so etwas wie:

Wie können Philosophen teils gescheit teils dumm darüber diskutieren ob die welt überhaupt existiert und zeitgleich problemlos so tun, als täten sie es nicht.

Beispielsweise diskutiert der eine die Wirklichkeit der Welt weg, aber an seinem Handeln ändert das nichts. Oder er leugnet die Normativität moralischer Imperative, handelt aber getrost nach ihnen.

So hatte ich den ersten Beitrag verstanden, und meine Antwort war, das der Common Sense ein Ausgangspunkt für alle Philosophie sein muss, aber man dort als Philosoph nicht verweilen kann.

Ich war aber immer skeptisch was Behauptungen angeht, die ine vom ersten Poster diagnostizierte Schizophrenie bestätigen.

Ich misstraue z.B. Wahrheitsrelativisten. Den das Wahrheit relativ ist, kann ja selbst kaum relativ gemeint sein.
Ebenso misstraue ich Idealisten die meinen wir leben in einer Art Matrix, also einem Traum. Solche Menschen scheinen sich für besonders schlau zu halten da sie ja zu wissen glauen, in einer Matrix zu leben, obwohl sie auch noch nie ausserhalb von ihr waren.

usw usw.

Ich habe von Ayer nur Language, truth and Logic gelesen, was ja eine Zusammenfassung von Positionen des Wiener Kreises ist. Welche Texte von Ayer würde den ein Kenner empfehlen??

Ich fand Ayers Stil nämlich sehr lesenswert. Etwas was ich von Kant nicht sagen kann, obwohl Kants Gehalt mich enorm weiter gebracht hat. Seit dem Lesen von Kant bin ich kein naiver Realist mehr sondern ein kritischer Realist. Natürlich kann ich nicht sagen ob es eine noumenale Welt gibt, aber ich akzeptiere das wir sie annehmen müssen damit wahrheitsfortschritt überhaupt Sinn machen kann, angesichts der Subjektivität aller Beobachtung.


Edit: Werde den Prauss Text lesen aber nimmer heute nacht..zu lang und ich zu müde.
Friedhelm
Hallo Nylen,
Du hast recht, tut mir leid, mein Posting galt eigentlich #phritz,

so ist das mit den Nächten:
Das Angeln im Noumenalen bringt tatsächlich manchmal viel Unsinn. Übrigens hält Ayer den atomaren Mikrokosmos wahrscheinlich für das Noumenon, - was natürlich Unsinn ist

Aber das Praussche Zeitmodell als Modell für die Struktur der Zeit innerhalb unserer Erkenntnis lohnt sich jedenfalls.

Ein schönes Wochenende
ganz herzlich
Friedhelm
ab-uno
Erst einmal finde ich das Thema äußerst interessant. Es betrifft ja nicht allein die Diskrepanz zwischen Philosophie und Alltag, sondern im Grunde die zwischen hochgradig ausdifferenzierter Kommunikation auf der einen und Alltagskommunikation auf der anderen Seite, die zwar auch hochgradig ausdifferenziert ist, aber nach anderen Kriterien selegiert. Das, was im Alltag Konsens ist, kann es nur begrenzt in anderen Kontexten sein. Wissenschaft (Philosophie ist Wissenschaft), Recht, Kunst, Erziehung, Wirtschaft etc. sind Bereiche der Gesellschaft in denen jeweils anders geredet, gehandelt, gedacht wird, auch wenn sich scheinbar mit dem selben Thema beschäftigt wird oder zum Teil gar gleiche Begriffe verwenden werden. Nun stellt sich die Frage nach dem Träger solcher Differenzen.

Ist es das Subjekt, was sich spalten muss, um mitreden zu können? Haben wir es mit ausdifferenzierten Subjekten zu tun oder mit einer ausdifferenzierten Gesellschaft? UNd was ist Gesellschaft? Ist Gesellschaft die Summe ihrer Mitglieder? Oder etwas anderes: zum Beispiel Kommunkation?

Ich plädiere einfach mal für einen dezentralen Sinnbegriff und behaupte: Die Differenzierungsprozesse sozialer Systeme laufen autonom. Subjekte (also Menschen) können nur äußerst selektiv darauf zugreifen und nur äußerst begrenzt Einfluss darauf nehmen.

D.h. in Bezug auf den angeführten P. dass er einerseits, um sich im Alltag einigermaßen unterhalten schnell zu können, denn Kommunikation kostet Zeit, auf konsensfähige Sinnstrukturen zurückgreift und andererseits, wenn er sich in einem Philo-forum einklinkt, sich die Zeit nimmt, weil sie ihm gelassen wird, die alltäglich verwendeten Sinnstrukturen zu hinterfragen.

Das ist nun aber nicht beliebig möglich, sondern nur im Kontext philosophischer Sinnstrukturen. P. kann nicht beliebig philosophieren: er ist ein Kind seiner Zeit. Auch in diesem Kontext wird er sich darum an mehr oder weniger konsensfähige Sinnstrukturen halten. Skepsis ist einer der möglichen konsensfähigen Positionen. Skeptische Positionen richten sich ihrer Intention nach zwar gerade gegen konsensfähige Strukturen, aber sie haben Erfolg nur, weil sie konsensfähig sind. Und sei es einfach in Bezug auf das Soziale: Es hat einfach immer etwas provokatives (und darum anziehendes), Skeptiker zu sein. Und solange Erkenntnistheorie sich mit der Frage nach den Subjekten der Erkenntnis rumplagt, wird der Skeptiker stes der sein, der am Ende immer noch lacht.

Nun lässt sich aus der Sicht eines Beobachters, der auf soziale Identitäten zurechnet, also P. als P. beobachtet, die divergente Situation ja nicht einfach wegdenken. Er wird sehen, dass P. mal so und mal so kommuniziert, und eben das als Spaltung wahrnehmen. Das betrifft übrigens auch P. selbst, der sich als P. beobachtet. Nun hat er zwei Möglichkeiten. 1. Kann er sehen, dass das normal ist. Er ist nicht allein in der Situation. Und darum kann er sich sagen, dass das eigentlich gar kein Problem ist in einer hochgradig ausdifferenzierten Gesellschaft. Dass alle Menschen mehrere Persönlichkeiten in sich tragen und je nach Kontext mal so und mal so reden.
2. kann er das nun aber auch beklagen, kann es als "Entfremdung" bezeichnen und gesellschaftskritische Positionen einnehmen. Er kann sich wünschen, dass die anthropologische Einheit, der bereits das 18.Jahrhundert nachtrauert, wieder hergestellt wird und jeder nur noch er selbst sein soll usw.
Nun wie auch immer er sich entscheidet, Er wird, wenn er nicht depressiv wird und sich umbringt, einfach weiter leben, sich damit arangieren und je nach Kontext mal so und mal anders kommunizieren.

Um ein anderes Beispiel zu nennen: P. wird, wenn er ein Geschäft macht, zum Beispiel auf einer Internetauktion ein altes Buch o.a. verkaufen will, sich ökonomischer Rationalität bedienen. Er wird, wenn er nicht gänzlich faul und dumm ist, sich informieren über den möglichen Preis, wird vergleichen etc. und dann versuchen so viel wie möglich Gewinn zu machen. Zumindest wird er so handeln, dass ein Beobachter ihn als homo oecinomicus beschreiben kann. Wenn er sich nun aber verliebt. Dann wird er nicht vergleichen, er wird nicht Aufwand/ Nutzenkalkulationen anstellen, um sich sicher zu sein, dass es sich lohnt. Er wird einfach wollen, dass die oder der in den er sich verliebt, auch ihn liebt. Dafür wird er zum Teil vollkommen irrationale Sachen anstellen, Gedichte schreiben, sich unnnötige Gedanken machen, Blütenblätter rupfen, Orakel befragen etc.

Ist er deswegen gespalten? In Bezug auf eine bei jeder Kommunikation unterstellte Identität des Subjekts ohne Zweifel. Aber hat das Sinn? Oder verdeckt die Frage nach der Identität des Subjekts, nach der anthropologischen Einheit des Menschen nicht ein viel komplexeres Gebiet? Kann es nicht sein, dass einfach nicht die richtigen Beschreibungen verwendet werden? Dass wir aufhören müssen, uns an klare und distinkte Identitäten zu klammern und nur das für wahr und richtig zu halten, auf das wir mit unseren Wurstfingern zeigen können? Ich weiß es nicht, aber ich glaube es lohnt sich, weiter zu fragen.
dfaElea
Hi

interessanter Beitrag.
Ich meine, dass die Unterscheidung beider Welten nicht durch einen unterschiedlichen Sprachgebrauch definiert wird, sondern durch einen unterschiedlichen Modus des running systems. Die Arbeitswelt und die dazugehörige Logik bauen auf Gewohnheit, Automatisierung beständiger und verlässlicher Selbstverständlichkeiten auf, denen eine Handlungswirklichkeit zukommt auf. Praktisch vollständig wohnt ihnen aber kein kohärenter Bezug zur Wirklichkeit der Wahrheit inne, bzw. sind die Automatismen zum Verständnis der Wahrheit ungeeignet.

Das Verhalten P. s ist also durchaus nachvollziehbar und schlüssig, sowohl was das ein- als auch ausloggen angeht, weil die eingeloggte Wirklichkeit eben bisher ihm auch keine vollständige und kohärente Realität bietet.

Grüsse
Holofernes
@#phritz

Es scheint, als ob die Beobachtung deines Kollege dich in Zweifel an der Konsistenz der Außenwelt (repräsentiert durch den Kollegen) gestürzt hätte. Zwinker

Die Gesellschaft funktioniert nicht zuletzt dadurch, dass wir NICHT wissen brauchen, was der Chef in der Freizeit wirklich treibt, oder was er 'wirklich' denkt, usw. Das gilt für deinen Kollegen auch. Von daher ist es peinlich, dass per Internet eine notwendige Grenze aufgehoben wird, eine Veröffentlichung des Individuums statt findet, dessen Selbst-Veröffentlichung.

Gruss Matze
karlchen
Peinlich ist ein wenig zu kurz gesprungen, eigentlich ist das Internet-Phänomen eine aktuelle gesellschaftliche Tatsache. Welche Folgen diese hat und haben wird, ist ein interessantes Thema.