Aristoteles Substanz–Akzidens?

Rabe
Bei einer Übungsaufgabe kam mir heute folgende Überlegung

Wenn Sokrates, im Sinne Aristoteles Substanz ist und er weißer Hautfarbe ist, dann ist die Farbe die Akzidens und Sokrates sozusagen der Träger der Akzidens. Wenn ich jetzt die Person Sokrates reduziere auf z.B. ein Atom( denn er besteht ja aus Atomen) und diesem einen Atom wieder die fehlenden Atome zufüge bis ich wieder die Person Sokrates habe, ist dann das erste Atom Substanz und alle weiteren Akzidens? Oder ist es nicht eher ein Zusammenfügen mehrerer Substanzen?

Das würde bedeuten, in dem Fall gibt es gar keine Akzidens mehr, da ich auch die Hautfarbe von Sokrates mittels weiterer Atome zum Ausdruck bringen kann.

Noch schwieriger wird es nur noch, wenn ich etwas Eigenschaften, die nicht materielle Art sind hinzufügen möchte. Das geht nicht mehr durch "Atome". Dinge wie zum Beispiel: Weisheit, Besitz usw.

Klar, wenn die Person Sokrates aufgebaut ist, könnte ich sagen sie ist Substanz und lege ihr die Akzidentien an. Nach meinem Denken hatte ich aber nicht einer Substanz mit Akzidens belegt sondern diese den einzelnen Atomen zugesprochen. Da diese für sich bestehen sind sie alle gemeinhin doch Substanz.

Was nun?
Rhetorix
Zitat:
Original von Rabe
Wenn Sokrates, im Sinne Aristoteles Substanz ist und er weißer Hautfarbe ist, dann ist die Farbe die Akzidens und Sokrates sozusagen der Träger der Akzidens.

Wenn ich jetzt die Person Sokrates reduziere auf z.B. ein Atom (denn er besteht ja aus Atomen) und diesem einen Atom wieder die fehlenden Atome zufüge bis ich wieder die Person Sokrates habe, ist dann das erste Atom Substanz und alle weiteren Akzidens?...

Gegenfrage:

Wenn ich einen Tier nehme, das im Sinne von Aristoteles ein Fisch ist, und er dann als Fischstäbchen von Hamburg nach Rio fliegt, ist das dann ein fliegender Fisch? gruebel
ousia
Hallo Rabe,

ich denke, Deine Frage, so interessant sie ist, lässt sich nicht wirklich korrekt beantworten. Das Problem ist, dass Du zwei kosmologische Modelle miteinander vermischst: Den Atomismus von Lukipp und Demokrit mit der Aristotelischen Ideenlehre.
Geht man dem aristotelischen Weltverständnis nach, dann würde er die indivduelle Person des Sokrates als Substanz (gr. ousia) betrachten, der verschieden akzidentielle Eigenschaften wie von Dir beschrieben zukommen. Genauer gesagt versteht er Individuen als primäre Substanzen (ousia prote). Davon differenziert gibt es noch Klassen von Substanzen (Arten, gattungen), die aber keine eigentlich Existenz besitzen. Die Substanz des Individuums konstituiert sich durch eine Menge von gattungs- und artspezifischen Eigenschaften und durch notwendige, aber nicht dem eigentlichen Wesen zugehörige Eigenschaften (gr. idion). Merkmale schließlich, die einem Individuum zukommen können oder auch nicht sind Akzidenzien, hierbei sind nicht-materielle Eigenschaften wie Weisheit nach Aristoteles ebenso Akzidentien wie Farbe o.ä.
Da dies eine ziemlich verkürzte Darstellung ist mit viel Mut zur Lücke ist, will ich noch einmal versuchen, das ganze zu konkretisieren:
Die Substanz Sokrates konstituiert sich aus den wesentlichen Eigenschaften Vernunftbegabtheit, Beseeltheit, Zweibeinigkeit, Männlichkeit, etc. Dazu kommen notwendige Eigenschaften, ohne die Sokrates nicht Sokrates wäre, wie: hohe Stirn, breite Nase, eine Narbe etc. Und dann kommen die Akzidentien: Weisheit, Blaßheit, usw.
Alles in allem ein Weltbild, was aus heutiger Sicht zwar immer noch recht ausgefeilt erscheint (ich bitte die dilettantische Darstellung hier zu verzeihen), aber natürlich mit unserem modernen naturwissenschaftlichen Weltbild schwer zu vereinbaren ist. Letzteres ist, glaube ich, auch Dein Punkt.