Hi melloyello.
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„Der Art Äusserungen finde ich entmutigend da ohne Mut keine weitere Diskussion möglicht isse.
Anarchi hesst in der ersten Linie "Freidenken und Freihandeln" in der verbrecherfreien Zone. Und man muss die Polizei endlich als Schutz sehen und nicht als Unterdrückungskraft,Carsten.“ |
Okay, das war zu ironisch, zugegeben.
Entschuldige bitte, ich wollte Dich damit nicht entmutigen.
Der Anarchist in der geordneten Welt kommt mir vor, wie die „Made im Speck“. Die anderen sorgen für Ordnung und ich lebe nach meinen anarchischen Regeln.
Ich nehme an, Du meintest aber auch eher, als Anarchist in einer von Anarchisten geordneten Welt.
Was mich interessieren würde, ist, wie die Vorstellung ist, dass sich diese Ordnung schon irgendwie einstellt, denn ich glaube, dass das nicht so ohne weiteres passiert, also was ist die Idee dahinter?
Ich will gerade noch eingestehen, dass bestimmte herrschaftsfreie Ansätze in zwei bis drei Fällen einigermaßen funktionieren, aber ich habe dennoch erhebliche Kritik.
Ein eher vordergründig unpolitischer Ansatz ist Neill mit seiner antiautoritären Erziehung.
(
http://de.wikipedia.org/wiki/Alexander_Sutherland_Neill)
Zum einen ist die Mainstream Erprobung von Neills Konzept im Grunde mit Pauken und Trompeten gescheitert, auf der anderen Seite ist es aber so, dass die Hardliner bis zum heutigen Tag in England ein Haus haben und nach den Prinzipien von Neill leben. Das scheint zu klappen. Man muss sagen, dass diese Ansätze immerhin Menschen hervorbringen die im weitesten Sinn vollkommen normal wirken, nicht durchgeknallt, aber sie sind auch keine Überflieger.
Allerdings ist Neills Ansatz entgegen der sehr unglücklich gewählten Übersetzung keinesfalls antiautoritär, sondern gewaltfrei. Zum zweiten ist es eine andere Frage, ob Ansätze, die in einem überschaubaren Rahmen klappen, so ohne weiteres auf die Gesellschaft ausgedehnt werden können, ich wäre da skeptisch.
Und dann bin ich im Zweifel inwieweit das Modell anarchistischen Idealen überhaupt entspricht.
Was ich als ebenfalls halbwegs gelungen empfinde, ist der herrschaftsfreie Diskurs, der allein dem „zwanglosen Zwang des besseren Arguments“ gehorcht. Das funktioniert tatsächlich, allerdings immer nur mit Individuen, die bereit sind sich im Zweifel auch von besseren Gründen und nicht von dickeren Armen überzeugen zu lassen.
Mit anderen Worten, mit reifen reflektierenden Individuen, die bereits einen langen Entwicklungsweg hinter sich haben.
Dass ein wohlmeinend weit gefasster anarchistischer Ansatz letzten Ende klappen kann, will ich damit versuchsweise eingestehen, nur die Frage ist, wie bekommt man ohne Herrschaft das Individuum auf jene moralische Entwicklungsstufe die es braucht um dem anderen nicht einfach den Schädel einzuhauen, wenn er anderer Meinung ist? Ich möchte einfach wissen, was die Anarchos da anzubieten haben.
Last not least ist auch der integrale Ansatz von Wilber, wenn man ein Auge kräftig zudrückt am Ende anarchisch, in dem Sinne, dass es keine festen Hierarchien gibt, sondern die Erkenntnis, dass derjenige der auf einem Gebiet kompetent und überlegen ist, auf anderen Gebieten ein blutiger Laie sein kann und oft sein wird.
Insofern entstehen natürliche Hierarchien, dass es ganz ohne Hierarchien klappen könnte und sollte halte ich ehrlich gesagt schlicht für dummes Zeug und will das auch begründen.
Ein hierarchiefreies Zusammensein entspricht dem von Großgruppen oder Massen, die oftmals kein definiertes Ziel haben werden. Gehen wir mal davon aus, dass jeder wenn er nicht gerade kooperativ mit anderen an konkreten Zielen arbeitet, die entstehende Freizeit sinnvoll zur Selbstverwirklichung im besten Sinne nutzt.
Gehen wir weiter davon aus, dass wenn jemand meint, hier müsse eine Brücke gebaut werden, sich auch gleich genügend Begeisterte finden, die dazu Willens und in der Lage sind, dann könnte das, wenn man viele Detailfragen großzügig übersieht, klappen.
Kommt es aber dazu, dass die Großgruppen oder Massen gerade mal kein Ziel haben, könnte man sich vorstellen, dass sie einfach entspannt herumsitzen und plaudern, jeder mit dem herrschaftsfreien Recht zu sagen, was er will, ohne dass jemand die Leitung hätte.
Nun, genau solche Experimente mit ungeordneten Großgruppen wurden gemacht, reichlich gemacht und führten immer zum gleichen Ergebnis. Wann immer man einer Gruppe von intelligenten, zivilisierten und gesunden Menschen die Anweisung gibt, sich vollkommen frei zu fühlen zu reden über was sie wollen, ohne eine weitere Struktur ist das ein absolut sicherer Weg, dass innerhalb weniger Minuten ein psychisches Chaos im Einzelnen und ein Klima von gegenseitigen Misstrauen und Aggression in der Gruppe entsteht.
Es gibt verschiedene Wege, wie dieses aggressive Klima gruppendynamisch bearbeitet wird, auf die will ich jetzt nicht eingehen, aber das Endergebnis ist fast immer eine intolerante und primitiv überstrukturierte Gruppe die auf niedrigem intellektuellen und moralischen Niveau agiert. Ironisch könnte man sagen, dass der Anarchismus sich seine brutalen Strömungen und Führer selbst schafft, indem der Anarchismus nicht selten ein bestens geeigneter Nährboden für das auftreten schwer paranoider und narzisstischer Führerfiguren, was ja auch in schöner Regelmäßigkeit funktioniert.
Gruß,
Carsten