Der Vorleser

Don´t trust me
Folgende Situation:

Eine Frau steht vor Gericht, weil sie an Kz´s mitgewirkt hat und dort Aufseherin war. Sie ist Analphabetin, aber das Gericht weiß es nicht und sie schämt sich auch dieses zu äußern. Nun wird sie beschuldigt Protokoll über das Kz geführt zu haben. Dies kann sie nicht gewesen sein wegen ihres Analphabetismuses. Da sie sich aber schämt, äußert sie es nicht. Also gibt sie es zu. Durch diese Gegebenheiten werden die Mitangeklagten freigesprochen/ bekommen eine mildere Strafe. Das literarische Ich hat eine besondere Beziehung zu dieser Frau , denn er war mal mit ihr zusammen und weiß, dass sie Analphabetin ist.

Sollte das literarische Ich nun die Würde der Frau wahren und es dem Gericht nicht mitteilen, dass sie Analphabetin ist oder sollte man es dem Gericht sagen, um der Frau selbst von außen zu helfen und den Mitangeklagten ( welche sich bestimmt darüber freuen, dass die Frau die Schuld auf sich nimmt) die gerechte Strafe zuzuweisen?
Phönix
uiuiui
Ein ziemlich abgefahrene Frage großes Grinsen

Na, ich denke das "ich" sollte es sagen. Denn, wenn er noch Gefühle für sie empfindet, die posivitv behaftet sind, dann zeigt er ihr, dass sie sich nicht schämen muss.
Wieso denn auch?
Du stellst eigentlich doch eine simple Frage: Jdn den man mag ins Gefängnis gehen lassen oder dem jenigen zu helfen seine Unschuld zu beweisen und dabei eine Kleinigkeit von der Person preisgeben, wessen sie sich schämt.

Für mich würde sich die Frage gar nicht stellen. Ein Freund hilft dir, wenn du mal unvernünftigt handelst und für eine Sache freiwillig ins Gefängnis zu gehen ist wohl so ziemlich unvernünfitgt, da der Grund ja auch nicht wirklich schlimm ist.
Don´t trust me
Ins Gefängniss muss sie so oder so großes Grinsen Nur durch dieses zugeben des Protokollieren verlängert sich ihre Haft wohl. Irgendwie fällt mir auf , ich habe die Frage nicht 100 % korrekt beschrieben , da man eigentlich das ganze Buch kennen sollte um diese Situation zu beurteilen.

Diese Frau hat das lyrische Ich spurlos verlassen und er sieht sie vor Gericht wieder. Außerdem ist es ja auch nicht so schön und angenehm vor Gericht auch zu beichten, dass man zu einer Kz-Täterin eine Beziehung hatte.
Shui
Daneben hat auch der Vater des Jungen einen interessanten Einwand gebracht.
Wenn die Frau es selbst nicht beichten will, dann ist das ihre freie Entscheidung und der junge hat icht das Recht, sich über ihre Entscheidung hinweg zu setzen.
Ganz nach dem Motto: Man kann niemanden zu seinem Glück zwingen.

Ich glaub in der geschichte ar es auch so, dass die Häftlinge bei der Evakuuierung des KZs vor den Alliierten irgendwo unterwegs in eine Kirche gespert wurden, die dann jedoch abgebrannt ist, mitsamt den Eingesperrten.
oder war das eine andre Geschichte? bin mir unsicher ^^°


Im Sinne der Gerechtigkeit sollte der Junge es aber dem Gericht offenbaren. alem voran, weil die Frau ja im Buch auch mit einer kindlichen Naivität vor Gericht steht, während sich die Mitangeklagten sogar darum Bemühen, den Großteil der Schuld auf sie ab zu laden.

Wobei das ironische an der Geschichte sowieso ist, dass sie unwesentlich mehr Kraft aufgebracht, ihren Analphabetimsus aus Scham zu verstecken, als schlicht Lesen zu lernen.Sogar ihre Tätigkeit im KZ führte glaube ich irgendwie darauf zurück.
und die Moral von der Geschicht, lernt Lesen lieber Kinder, sonst kommt ihr deswegen vielleicht lebenslang ins Gefängnis ^^
ewig
Man könnte die Frau vielleicht nochmal fragen, was ihr lieber ist, bevor man entscheidet. Vielleicht wartet sie bloß auf jemanden, der ihr vorrechnet, daß Analphabetismus kein so schlimmes Stigma ist wie Genozid-Komplizenschaft.
Phönix
Zitat:
Original von ewig
Man könnte die Frau vielleicht nochmal fragen, was ihr lieber ist, bevor man entscheidet. Vielleicht wartet sie bloß auf jemanden, der ihr vorrechnet, daß Analphabetismus kein so schlimmes Stigma ist wie Genozid-Komplizenschaft.


Gut !
Shui
Zitat:
jemanden, der ihr vorrechnet, daß Analphabetismus kein so schlimmes Stigma ist wie Genozid-Komplizenschaft.

Das hätte vielleicht funktioniert, wenn man es vorher getan hätte.
Die Rechnung jetzt könnte nurnoch auf das Strafmaß abzielen. Wobei die frau von einem sehr eigenem Charakter war und nicht einmal auf ihren Anwalt gehört hat, weswegen sie ein gefundenes Fressen für die anderen war. Ob die Rechnung sie da beeindruckt hätte? Zumal sie glaube nicht einmal wusste, dass der junge ihr Geheimnis durchschaut hatte.

Im Buch hat er nicht mit ihr geredet, ich weiß allerdings nicht mehr, ob dies aus persönlichen Gründen war, oder es ihm einfach nicht gestattet war.
Don´t trust me
Da hat sich anscheinend jemand mit dem Buch besser beschäftigt als ich Freude



@ ewig roll roll roll roll Freude Freude
HijaDeLaNube
Hey Ihr!

Also das Buch ist eins meiner Lieblingsbücher.

Die besagte Frau ist Analphabetin, hatte eine Affäre mit dem Jungen, um den es geht, als dieser 15 war und hat ihn sozusagen ohne etwas zu sagen verlassen, da sie im KZ von Auschwitz, wenn ich das richtig im Kopf habe, angefangen hat zu bewachen etc.

Der Junge bzw. zu dem Zeitpunkt Mann studiert später Jura und nimmt nur durch Zufall an der ersten Gerichtsverhandlung teil, verfolgt diese später aber genau, weil er seine Jugendliebe wieder erkennt.

Ihm wurde ihr Analphabetismus erst bewusst, als er gehört hat, dass die Kinder im KZ ihr immer vorlesen mussten. Er selber musste ihr schon seine (Schul)Bücher vorlesen und auf seine Notizen reagierte sie halt wie eine Frau, die nicht lesen kann, das aber aus Schamgefühl nicht zugeben möchte.

Meiner Meinung nach liegt es nicht an ihm, dass er sie verteidigt oder so.
Sie selber hat es in der Hand zu sagen, dass sie es nicht gewesen sein konnte, weil sie nicht lesen und schreiben kann.
Er als Jura-Student kann sich eigentlich auch nicht leisten sie zu verteidigen und wäre so wohl auch nicht an sie herangekommen.
Ich denke auch nicht, dass er noch solche Gefühle gehabt hat, als dass er sich wirklich für sie eingesetzt hätte. Sie war seine Jugendliebe oder vielleicht auch nur 'ne Sex-Affäre, sie hat ihn verlassen ohne etwas zu sagen.
Nicht dass er sie gehasst hätte oder so, aber die Enttäuschung sitzt natürlich tief.

Viel ändern hätte er so oder so nicht können, weil sie Mitschuld an dem Tod von mehreren Frauen hatte (beim Prozess geht es nur um das Abbrennen einer Kirche, in der sich die zu transportierenden Frauen befanden).
Als sie dann im Gefängnis ist, bringt sie sich mehr oder weniger selber Lesen bei. Hilfe leistet er durch Tonbandaufnahmen von Büchern, die er ihr schickt.
So kommen die beiden teilweise in Kontakt und er will ihr nach ihrem Absitzen helfen, wieder in den Alltag zu finden. Einen Tag vor ihrer Freilassung bringt sie sich aber um.

Nach langem Blabla noch mal: Gut, dass er den Mund gehalten hat. Nicht seine Sache, seine Verantwortung. Sie hat den Weg selber gewählt...

Hoffe, der Beitrag war nicht zu sehr am Thema vorbei und zu lang Freude
Aber zu dem Buch kann man so Vieles schrieben smile -Lohnt sich echt zu lesen!!!

Gute Nacht,
HijaDeLaNube
Erik van Thom
Zitat:
Original von ewig
Man könnte die Frau vielleicht nochmal fragen, was ihr lieber ist, bevor man entscheidet. Vielleicht wartet sie bloß auf jemanden, der ihr vorrechnet, daß Analphabetismus kein so schlimmes Stigma ist wie Genozid-Komplizenschaft.

Gut !

Der Typ hat nicht aus hoeheren moralisch-ethischen Gruenden geschwiegen, sondern weil ihm das peinlich war; seine Affaere waere herausgekommen, und womoeglich, dass er maso ist (da gibt es doch ein paar Anspielungen). Und dass er Teenie war und sie schon Ende 30.
Richtig ethisch und moralisch heroisch waere gewesen, wenn er die Stimme erhoben und die Wahrheit gesagt haette.
Shui
Zitat:
Richtig ethisch und moralisch heroisch waere gewesen, wenn er die Stimme erhoben und die Wahrheit gesagt haette.

Du hast die Stelle mit seinem Vater vergessen O.o
Dieser (Philosoph) meinte nämlich, das es unrechtens sei, der Frau ihren eigenen Willen vor zu enthalten. Es sei ihre freie Entscheidung, ob sie ihre Schwäche eingestehe oder nicht und der Junge dürfe es sich nicht anmaßen, ihr diese Entscheidung zu nehmen.


Natürlich mag es im ersten Moment erscheinen, als würde sich die Frau selbst ins Verderben stürzen, aber sind wir doch mal ehrlich:
Sie hat als Schaffnerin in einer Straßenbahn gearbeitet, sicherlich nicht überragend verdient und viel Zeit und kraft investiert, über ihre Schwäche hinweg zu täuschen.
Vielleicht ging es ih rim Gefängnis besser, plötzlich hatte sie die Zeit, um quasi den Schatten ihres Lebens zu überwinden.

Ihr Analphabetismus hat ihr Leben zerstört, zum Zeitpunkt der Gerichtsverhandlung, war quasi schon Hopfen und Malz verloren. Die Frage war nicht, ob sie ins Gefängnis kommt, sondern in was für eines (ihr persönliches oder ein richtiges).


Was hätte der junge machen können? Sie in Scham versinken lassen, sich ihr aufdrängen und das Lesen einprügeln?
Erik van Thom
Zitat:
Original von Shui
Was hätte der junge machen können? Sie in Scham versinken lassen, sich ihr aufdrängen und das Lesen einprügeln?

Er haette einen auf "der Wahrheit Freier" machen koennen und selbiger idealistisch zu ihrem Recht verhelfen koennen. Dass der Schaden geringer werden wuerde, waere abzusehen gewesen.
Und er hat fuer sich geschwiegen, nicht fuer sie und auch nicht fuer die Erfuellung irgendwelcher fragwuerdigen Maximen.

Edit: er haette zu den Pflichtverteidigern gehen koennen und diskret sagen, dass die Angeklagte nicht lesen kann und alles tut, um das zu vertuschen. Der Tipp haette genuegt. Also, ich haette das auf jeden Fall gemacht.
Shui
Zitat:
Also, ich haette das auf jeden Fall gemacht.

Hm... Ich vermutlich auch, aber wir setzen andere moralische Prinzipien an ^^
Auch wenn der Junge es im Vorleser nicht getan hat, so war das eher ein Prinzip der Selbstbestimmung, der Eigenverantwortung. Ironischer Weise ein sehr lobenswertes Prinzip, wären die Menschen nur fähig für sich selbst zu sorgen, nicht wie in diesem krassen Beispiel (immerhin war die Verhandlung nicht Anfang, sondern Ende der fatalen Kette von Ereignissen, in die sich wegen ihres Analphabetismus reingeritten hatte).
Archibald
@ Dont:

Interessant, dass du das Thema angeschnitten hast. Ich habe mal ein paar Kinogutscheine geschenkt bekommen, und, mir "den Vorleser" angesehen.
Das Kino in der Kulturbrauerei war bis auf den letzten Platz voll, wahrscheinlich, weil einige der Szenen direkt davor auf dem Parkplatz zwischen Schönhauser Allee und Kastanienallee gedreht worden sind; mit einem Riesenaufwand!

Letztes Jahr im Sommer habe ich mit einem Kumpel ein "performance-Art-Kunstwerk" veranstaltet:

Ich habe mich auf einen Stuhl vor das Denkmal von Marx und Engels (am Marx-Engels-Forum) zwischen Schloßplatz und Alexanderplatz gesetzt (wie Marx), und, mein Kumpel hat gestanden (wie Engels) und Bass gespielt, während ich aus "der Vorleser" vorgelesen habe.............