Logik und "Logiken"

#phritz
A.
Nehmen wir einen beliebigen Menschen P. P wird geboren, P lernt die Sprache, P macht eine Lehre als Schlosser, P ist Fan von Bayern München, P ist im Fußballverein, er findet eine Anstellung beim Betrieb B, P zieht nach der Stadt S um, P heiratet dort, P geht in Rente, P stirbt.

B.
Wir können uns gut vorstellen, dass P – trotzdem er keine akademische Ausbildung gemacht hat, seinem völligen Desinteresse an und Unkenntnis von Logik und Philosophie etc. – dennoch gewisse Theorien darüber hat, wie die Welt funktioniert – oder Teile davon, die speziell ihn betreffen (z.B. die Lage seines Betriebs B, wie er die Leistungen von Bayern München und der Gegner einschätzt, die Verhaltensweisen seines Chefs, seine finanzielle Lage etc.).

P. wird hin- und wieder das Wort „…logisch…“ verwenden, aber meistens in Form von „…verständlich…“, oder wenn er zustimmt. Und er kann auch sagen: „Wenn ich jetzt streng nach Logik gehe…“, aber eigentlich meint er damit meistens, dass er sich darüber im Klaren ist, wie seine Theorie aussieht.

C.
a) Die Logik
Ohne Zweifel sind diese Theorien, die P aufgestellt und ständig in seinem Alltag mehr oder weniger naiv und unsystematisch verifiziert/falsifiziert, nach einer gewissen Ordnung aufgebaut. Das muss so sein, denn sonst könnte P nicht systematisch argumentieren, mit andern diskutieren oder mit andern (und vielleicht auch aus Versehen sich selbst) widersprechen.

P hat seine Theorien – gleichwohl sie meistens nicht bewusst sind – nicht willkürlich oder beliebig aufgestellt, sondern nach einem gewissen Konstruktions- oder Architekturprinzip; dieses Prinzip nenne ich die Logik. Die Logik ist demnach eine Menge von Regeln, die man bei der Konstruktion von Theorien anwendet.

b) Klassische „Logiken“
Die klassischen „Logiken“ sind das Ergebnis, wenn wir die unter a) genannte Logik in einer formalen Theorie nachzeichnen wollen. Sie ist das Ergebnis einer Selbstschau: Wie sehen unsere Erklärungs-, Begründungs- und Argumentationsstrategien aus? Wie bauen wir unsere Theorien auf – nach welchen Mustern, die ganz offenbar immer wieder gebraucht werden? Und als Beantwortung dieser Fragen werden wir regelmäßig in jeder Theorie gewisse Anzeichen und Belege dafür finden, dass wir Widersprüche ausschließen, Schlüsse deduzieren und ein Drittes außer wahr/falsch ausgeschlossen ist, oder dass ein doppelter Widerspruch eben wieder eine Bejahung ergibt.

Es ist durchaus nicht erforderlich für P, die Logik zu formalisieren, um sie anwenden zu können; P braucht auch nichts von den klassischen „Logiken“ zu wissen. Das kann für ihn ein böhmisches Dorf sein, es ändert nichts für ihn.

Daher auch meine Meinung, dass wir, wenn wir z.B. philosophische Probleme lösen oder Fragen beantworten, mitnichten eine Formalisierung brauchen – denn wenn es mit der Logik nicht funktioniert, brauchen wir erst recht auch keine „Logiken“

c) Nicht-klassische „Logiken“
Ändern wir für diesen Teil den Lebenslauf von P wie folgt: Er macht zwar eine Lehre als Schlosser, doch er findet keine Anstellung; aber weil P während seiner Schlosserausbildung ein großes Interesse für Mathematik entwickelt hat, beschließt er nun, das Abi nachzumachen und ein Mathematikstudium zu beginnen. Und während dieses Studiums fängt er Feuer an den „Logiken“, und er macht sich eifrig daran, weitere „Logiken“ zu entwerfen, die nicht die Eigenschaften der klassischen besitzen.

Es ist klar, dass P das, was ich oben unter a) als Logik bezeichnet habe, nun in die Konstruktion seiner neuen „Logiken“ projiziert, oder genauer gesagt: anwendet. Dadurch, dass P neue „Logiken“ entwirft, negiert er nicht die Logik, sondern wendet sie nur formalisiert und meinethalben auch sonnenklar an.

Und ja, diese neuen, nicht-klassischen „Logiken“, die P entwirft, können die Logik mehr oder weniger verbiegen oder verzerren, oder wenigstens so anwenden, dass sie unkenntlich wird – etwa eine Art von „Logik“, die versucht, ohne Widerspruch auszukommen. Nun, das ist möglich, weil die Logik nicht „Aua!“ schreit, wenn sie verbogen wird; genauso wenig wie sie das tut, wenn jemand ihr zuwider gehandelt hat.

D.
Der große Unterschied der klassischen „Logiken“ gegenüber den anderen nicht-klassischen „Logiken“ besteht darin, dass erstere in der Tat versucht, die Logik nachzuzeichnen; damit geben wir ihr auch Vorrang im Sprachgebrauch. Mit den klassischen "Logiken" wird nicht versucht, eine Verzerrung oder Verbiegung der Logik vorzunehmen, und das macht sie für uns zum Standardgebrauch des Wortes „Logik“ (also {„…Logik…“; „…klassische Logik…“; …}

Nun, der Sinn nicht-klassischer „Logiken“ ist schon klar, man möchte die klassischen „Logiken“ (vielleicht wegen ihrer offenbaren Nähe zur Logik) relativieren, um zu zeigen, dass wir auch „anders“ denken könnten, wenn wir nur wollten. Ich glaube aber nicht, dass dies eine Frage des Willens ist, sondern eine Frage des Lernens. Es ist kein Zufall, dass die Logik so wie sie ist erlernt wird; sie wird in der Art und Weise determiniert, wie wir die Sprache erlernen.

Wir können sagen, dass diese weiteren „Logiken“ nicht im Alltag gebräuchlich sind; und dass es ausgeschlossen ist, dass sie die Logik ersetzen können. Es wird nicht möglich sein, dass einem Kinde z.B. die „deontische Logik“ anstelle der Logik für seinen künftigen Sprachgebrauch vermittelt werden kann…und zwar durchaus nicht nur, weil alle Lehrer und der gesamte soziale Kontext eben nach einer anderen Logik sich verhalten.

E.
Für unseren P heißt das: Nach wie vor folgt er genau der Logik, die er (und eigentlich alle Sprachverwender) durch den Sprachgebrauch erlernt hat und immer sein Leben lang befolgen wird, während er aber neue formale Theorien mit ihrer Hilfe produziert; sie immer wieder neu anwendet in anderen Kalkülen. Das kann er meinethalben auch am Fließband machen, doch er entwirft keine neue Logik, und ersetzt sie auch nicht, sondern wendet sie in immer neuen formalen Sprachkontexten – oder genauer gesagt: mit immer neuen, mehr oder weniger beliebigen sprachlichen Randbedingungen – an.
Trestone
Hallo #phritz,

gerade die Koppelung der Logik an die Sprache
macht diese in meinen Augen zu einem dynamischen Gebilde:

Denn die Sprache ist stetig im Fluß, und auch wenn ihr Kern über Jahrhunderte evtl. konstant bleibt,
über Jahrzehntausende wohl nicht.

Und so hat sich wohl seit dem Neandertaler mit der Sprache auch die Logik verändert und entwickelt.

Außerdem können wir die Logik auch gegen sich selbst ausspielen:
Wenn wir einige Schlüsse/Bereiche für wahr halten,
können wir damit Widersprüche in anderen für wahr gehaltenen Bereichen aufzeigen (vgl. die lügnerantinomie).

Im Idealfall entwickeln wir dann eine in Teilen veränderte Logik,
die diese Widersprüche nicht mehr aufweist
(so wie ich es z.B. in meiner Stufenlogik versuche).

Was ich allerdings bisher nicht erklären kann, ist weshalb es nicht so viele ("natürliche" bzw. "klassische") Logiken wie Sprachen gibt.

Zumindest im Endlichen scheint es nicht so viele praktisch brauchbare Modelle zu geben...

Gruß
Trestone
#phritz
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