Epikurs Geburtstag

Aurom
bin erfreut, dass du darüber lachen kannst...hatte mich schon auf zeter & mordio eingestellt... winken
Rhetorix
Zitat:
hatte mich schon auf zeter & mordio eingestellt

Nein, keineswegs. Ich bin doch nicht blind!
Komm übermorgen einfach mal vorbei und bring einen deiner Sprüche mit, falls du ein passendes 'Geburtstagsgeschenk' findest.

@ Rebecca:
Bring doch ein Cembalo mit, denn das ist ein Zupfinstrument, und mit den Tasten kennst du dich ja aus.
Ahorn
Zitat:
Was mir aber so auffällt: Wer kommt denn überhaupt? Du, Ahorn, ich, das scheint klar zu sein. Trauen sich die anderen nicht? großes Grinsen

Ich würde gerne noch Eliskases bitten in diesen Garten zu kommen. Für mich ist er mit der intelligenteste und weiseste in diesem Forum und ich vermute auch das er ein angenehmes Wesen hat. Tolwin und Eugen, sie gehören nach meiner Ansicht zur geistigen Elite. Phantom und Ewig empfinde ich des vertrauens würdig, ihre Beiträge weiß ich sehr zu schätzen und haben einen deutlichen Anstrich von Weisheit. Schatzmeister, dich möchte ich auch bitten zu kommen. Shamatic und Cornac, unbedingt. Schneeman, sei bitte auch so nett und schau mal vorbei. Sophie, Claudia, Oui, ihr seid herzlichst eingeladen. Und natürlich noch alle die ich vergessen habe. Ahja, Geistesblitz habe ich noch vergessen Freude

@Rethorix
Das deine Beschreibung von dem Garten einfach nur sehr gut ist, werde ich jetzt mal nicht schreiben. Denn wie alle, oder ich sage mal wie fast alle Beiträge von Dir ist auch dieser nicht mehr zu topen und einfach nur zu gut. Gut !

Aber: Ich möchte Dich noch bitten zu beschreiben welche Fraben dort zu sehen sehen sind. Ist die Mauer z.b. Stein-grau, Lehm-beige oder Terracotta-rot. Wie Kann ich mir die Pflastersteine vorstellen? Sind sie groß und grob behauen? Welche Farbe haben die Häuser, wie groß sind sie, wie ist dort die Einrichtung, wie, oder worauf wird geschlafen, Sieht das Schwein und die Hühner genauso aus wie die Häutigen? Ist es dort staubig? Die Überdachung an der Ostwand? >Wie groß ist der Garten?<
Gibt es ein Bild oder eine Zeichnung von diesem Garten, oder eins, dass so einen ähnlichen zeigt?
Danke und Gruß T..
Rhetorix
Hallo Ahorn,

Die Pflasterung besteht aus tausenden kleiner Steine, die im Lauf der Jahrzehnte im Garten (und außerhalb desselben) aufgesammelt und im Peristyl verlegt wurden.
Die Wände sind überwiegend aus Stein (Sandstein, glaube ich); bei den überdachten Wänden hat man sich aus Kostengründen aber mit weiß gestrichenem Holz begnügt.

Die farbliche 'Grundierung' ist daher ein helles Grau, das bei Sonnenschein schön belebt aussieht.
Auf dieses Grau malen die Bäume, Büsche und Kräuter ein kräftiges Grün in verschiedenen Tönen.
Außer den roten Blüten und Früchten des Granatapfelbaums bringen die Pflanzen sonst nicht viel Buntes in den Garten. Es ist ja auch wichtig, dass er Ruhe ausstrahlt.
Und nicht zu vergessen die kräftigen Farbtupfer der Statuen: das Sonnengelb von Apollons Umhang, das Grün von Artemis' Gewand und das Blond ihrer Haare, und das Blau von Epikurs Gewand.

Das Schwein sieht sehr viel anders als ein heutiges aus! Es ähnelt noch stark einem Wildschwein und hat auch Hauer. Man muss sich vor ihm in Acht nehmen.

Die Einrichtung des Hauses kenne ich leider nicht, denn ich war noch nicht drin. Meine Vermutung ist aber, dass sie relativ bescheiden ist.
Wo und wie geschlafen wird, ist ja auch weniger wichtig als die Frage, wie wir sitzen werden.
Denn wir werden definitiv weder die ganze Zeit durch den Garten rennen, noch uns auf Liegesofas herumfleetzen, sondern sitzen.
Hierfür gibt es Bänke, die jetzt noch in einer Ecke des Gartens überdacht aufgestapelt sind, ein paar Klapphocker und für ältere Leute auch 2 oder 3 Stühle.

Das Bild, das es von diesem Garten gibt, existiert nur in unseren Köpfen.
Rebecca
Hallo Rhetorix,

nun ist bekannt, da Epikur den Göttern keine Bedeutung zumaß für die Menschheit, diese selbst als vergänglich wie die Menschen einstufte, eingehend beim Körper- und Seelenzerfall der Atome zurück in den Kreislauf der Natur, frage ich mich, ob also hier im Garten die Götterstatuen von Artemis und Apollo lediglich als „schmückendes Beiwerk“ gesehen werden? Die von dir angesprochenen Lorbeerbäume sind dann eventuell auch mythologisch zu deuten? Die Nymphe Daphne, die in ein Lorbeerbäumchen verwandelt wurde? Beide, Artemis und Daphne waren jungfräulich.
Nahm also Epikur speziell diese Gottheiten, um aufzuzeigen, dass es bei seiner Lustvorstellung nicht um das hedonistische Prinzip bis hin zu orgiastischer Sinneslust geht, sondern um das sich Bescheiden im kleinen. Im Wesen von allem „Sein“?

Ich fand über Artemis ein Gedicht des von mir auch sehr geschätzten Rainer Maria Rilke von 1908:

»Kretische Artemis

Wind der Vorgebirge: war nicht ihre
Stirne wie ein lichter Gegenstand?
Glatter Gegenwind der leichten Tiere,
formtest du sie: ihr Gewand

bildend an die unbewussten Brüste
wie ein wechselvolles Vorgefühl?
Während sie, als ob sie alles wüsste,
auf das Fernste zu, geschürzt und kühl,

stürmte mit den Nymphen und den Hunden,
ihren Bogen probend, eingebunden
in den harten hohen Gurt;

manchmal nur aus fremden Siedelungen
angerufen und erzürnt bezwungen
von dem Schreien um Geburt.«

Freundliche Grüße
Rebecca winken
Rhetorix
Hallo Rebecca,

am Zwanzigsten wird der Garten geöffnet, dann findet die Geburtstagsfeier statt, und wir werden auch über die 3 Statuen und ihre Bedeutung (sowie die Bedeutung der Pflanzen) sprechen.

Gedichte über die beiden Götter würden gut dazu passen.
Rhetorix
Wie beginnt man die Feier von Epikurs Geburtstag?

Nichts ist davon überliefert. Man liegt aber wohl nicht falsch mit der Annahme, dass die Feier nicht formlos verlief, sondern eine Art von rituellem oder zeremoniellem Gerüst hatte. Dass man einfach ankam, reihum Guten Tag sagte, sich setzte und zu plaudern anfing, ist eher unwahrscheinlich.

Ich habe den Geist von Titus Lucretius beschworen, der es wissen muss.
Er verriet mir, dass die Feier mit dem Preis auf die Götter beginnen sollte.
"Um Himmels Willen!" rief ich, "Dann sind die ersten Gäste gleich wieder weg!"
"Tja", sagte er, "sie sind wohl von den abergläubischen Veranstaltungen in euren Kirchen abgeschreckt, aber du kannst dir denken, dass es bei uns anders zugeht: keine Bitten, keine Anrufungen, keine Sündenbekenntnisse etcetc. Und du weißt wohl auch, dass Epikurs Frömmigkeit außer Frage stand. Also bitte: der Preis der Götter muss sein."
"Sie kennen sich am besten aus", sage ich. "Also machen Sie den Zeremonienmeister."
"Ich allein? Kennst du nicht irgendwen, der sonst noch eine Rede halten könnte?"

Was tun?
In aller Eile beschwor ich Bruno und Goethe herbei. Goethe war erfreut, Bruno endlich persönlich kennenzulernen, Bruno freute sich, Lukrez zu begegnen, und alle 3 waren bereit, ein Gedicht vorzutragen.

Also drückt Lukrez Bruno eine Fackel in die Hand und führt ihn vor die Statue Apollons.

Bruno spricht:

Uscito de priggione angusta e nera,
Ove tant'anni error stretto m'avinse,
Qua lascio la catena, che mi cinse
La man di mia nemica invid'e fera.

Presentarmi a la notte fosca sera
Oltre non mi potrà, perché chi vinse
Il gran Piton, e del suo sangue tinse
L'acqui del mar, ha spinta mia Megera.

A te mi volgo e assorgo, alma mia voce:
Ti ringrazio, mio sol, mia diva luce;
Ti consacro il mio cor, eccelsa mano,

Che m'avocaste da quel graffio atroce,
Ch'a meglior stanze a me ti festi duce,
Ch'il cor attrito mi rendeste sano.


[Dem engen, schwarzen Kerker entronnen, in dem der Irrtum mich viele Jahre festhielt, streife ich die Kette ab, mit der mich die Hand meiner missgünstigen, wilden Feindin fesselte. / Auf diesen düsteren Abend folgt für mich nicht mehr die Nacht, denn er, der den großen Python bezwang und mit dessen Blut die Meere färbte, hat diese Furie ausgelöscht. / Zu dir wende ich mich, zu dir steige ich empor, du gütige Stimme. Dir danke ich, Sonne, himmlisches Licht. / Dir weihe ich mein Herz, erhabene Hand, die mich aus dem Würgegriff befreite, mir Führer zu besserem Aufenthalt wurde, und die mein verwundetes Herz heilte.]

"Ich glaube, er meint eigentlich den Meister selbst damit", flüstert Lukrez mir zu. "Aber auch gut."

Dann nimmt er Goethe an die Hand und führt ihn vor die Diana-Artemis-Kybele.

Goethe spricht:

In tausend Formen magst du dich verstecken,
Doch, Allerliebste, gleich erkenn ich dich;
Du magst mit Zauberschleiern dich bedecken,
Allgegenwärt'ge, gleich erkenn ich dich.

An der Zypresse reinstem, jungem Streben,
Allschöngewachsne, gleich erkenn ich dich;
In des Kanales reinem Wellenleben,
Allschmeichelhafte, wohl erkenn ich dich.

Wenn steigend sich der Wasserstrahl entfaltet,
Allspielende, wie froh erkenn ich dich;
Wenn Wolke sich gestaltend umgestaltet,
Allmannigfalt'ge, dort erkenn ich dich.

An des geblümten Schleiers Wiesenteppich,
Allbuntbesternte, schön erkenn ich dich;
Und greift umher ein tausendarm'ger Eppich,
O Allumklammernde, da kenn ich dich.

Wenn am Gebirg der Morgen sich entzündet,
Gleich, Allerheiternde, begrüß ich dich;
Dann über mir der Himmel rein sich ründet,
Allherzerweiternde, dann atm' ich dich.

Was ich mit äußerm Sinn, mit innerm kenne,
Du Allbelehrende, kenn ich durch dich;
Und wenn ich Allahs Namenhundert nenne,
Mit jedem klingt ein Name nach für dich.


Einige der Anwesenden haben die Kehrreime mitgesprochen, und alle sind begeistert und loben die beiden Dichter sehr.

"Jetzt Sie!" sage ich und schubse Lukrez vorwärts.
Er lässt sich nicht lange drängeln und singt sein Loblied auf Epikur.

Der gemütliche Teil kann beginnen.

Es gibt frisch gebackene Brote und Wasser aus dem Brunnen, dazu Oliven sowie getrocknete Feigen und Apfelringe aus dem Garten.

Da ich um ein Getränk des Monats gebeten wurde, steuere ich als Zugabe einen Anachronismus bei, ein Getränk, das sättigt, eure kalten Leiber wärmt und erwiesenermaßen glücklich macht (es enthält nämlich eine Art Serotonin): heißen Kakao.
Selbstverständlich wird er nicht aus Fertig-Getränkepulver gepantscht, sondern mit echtem Kakaopulver gekocht, dunkler oder heller, je nach Geschmack.
Ihr könnt ihn pur bekommen oder auch mit Vanille, mit Zimt, mit Cayennepfeffer oder mit Ingwer gewürzt.
Zu vorgerückter Stunde, also erst heute Abend, gibts ihn auch mit Schuss.

Setzt euch und greift zu!
Rhetorix
Hallo Rebecca,

die Statuen von Apollon und Artemis dienen selbstverständlich der Verschönerung des Gartens.
(Ich vergaß zu erwähnen, das das Haar von Apollon, der an der nicht überdachten Wand in der prallen Sonne steht, mit Hilfe eines Sponsors sogar vergoldet werden konnte.)

Auch die den Göttern zugeordneten Pflanzen dienen der Schönheit und Annehmlichkeit dieses Orts:
Der Lorbeer ist Apollons Pflanze. Apollon selbst trug einen Lorbeerkranz (er machte ihn sich aus den Zweigen der verwandelten Nymphe Daphne). Daher stehen links und rechts der Gartenmauer die beiden Lorbeerbäume.
Hinter dem Durchgang zum Nutzgarten ragt eine Zypresse in die Höhe, auf der Goethes Blick beim Aufsagen seines Preis-Gedichts an Diana mit Wohlgefallen ruhte; denn die Zypresse ist eine der Pflanzen der Diana-Artemis (An der Zypresse reinstem, jungem Streben, Allschöngewachsne, gleich erkenn ich dich).
Dass der Beifuß/Vermuth, der am Fuß der Mauer wächst, gleichfalls eine Pflanze der Artemis ist, erkennt man schon an seinem lateinischen Namen Artemisia. Darüber hinaus scheint er der epikureischen Philosophie besonders verbunden zu sein, denn Lukrez vergleicht diese ganze Philosophie mit einem Wermuth-Trank.
Der Granatapfelbaum in der Mitte des Peristyls ist der Baum der Persephone, der Göttin des Kreislaufs von Leben und Tod. Diese Göttin ist vielleicht nicht überragend wichtig, aber in diesem Rahmen immerhin nicht ganz unwichtig.
Was man in diesem Garten nicht findet, obwohl man es vielleicht erwartet, ist Weinlaub und Efeu. Warum wohl?

Alle diese Pflanzen haben aber auch den praktischen Nutzen, der Gesundheit zu dienen.

Auch die Götterbilder haben einen praktischen Nutzen.
Sie sind eine Lebensversicherung.
Es war nämlich noch nie ungefährlich, die vorherrschenden religiösen Auffassungen als Aberglauben zu geißeln.


Dass Epikur den Göttern keine Bedeutung für die Menschheit beimaß, ist dennoch unrichtig.
Er sah genau, dass sie seit unvordenklichen Zeiten eine sehr große Bedeutung für die Menschheit hatten, und hat diese Erkenntnis entsprechend berücksichtigt.

Es war ihm ein sehr wichtiges Anliegen, den Menschen die Angst vor Göttern zu nehmen, die sich wie Megären, Erynnien oder Furien benehmen und ihnen im Jenseits auflauerten, um mit ihnen abzurechnen (vgl. Brunos Apollon-Gedicht).
Zweifellos sah er aber auch, dass es viele Menschen nicht glücklich machen würde, ihnen die Götter ganz und gar zu nehmen, und dass er sie (und sich selbst) damit vielleicht sogar mittelbar umbrächte. Für die epikureische Philosophie zum Märtyrer zu werden, war aber nicht Sinn der Sache.
Daher widersprach er der Vorstellung von Göttern, die auf irgendeine Weise Anteil nehmen und eingreifen.
Das war schon bitter genug (der Wermuth-Trank), denn nicht auf irgendeine Hilfe von oben hoffen zu können, ist nicht leicht, jedenfalls dann nicht, wenn man es anders gewohnt ist.

Für das Problem 'Götter' gibt es daher 2 Lösungen:

Die volkstümlichen Götter sind zu verehren. Ihnen darf und soll geräuchert und gedient werden.
Das gilt zwar nicht für alle (offenbar nicht für z.B. Zeus, Dionysos, Pluto und später sicher nicht für Gottvatersohnundheiligengeist), aber man hat ja die Wahl.
Es wäre jedoch finsterer Aberglaube, sich unter Apollon und Artemis reale Zwillinge vorzustellen, einen schönen Mann und eine Jungfrau-Allmutter, die mit dem Bogen und der Leier bewaffnet sind. Diese Götter sind Symbole, Inbegriffe. Goethe hat es vorgeführt.
Als solche wirken sie durchaus auf das Leben der Menschen. Dass Goethe 'zeitlebens ein Goldschmied am Tempel der Diana' war, spielte für sein Leben eine nicht unerhebliche Rolle; und Bruno ist dafür sogar gestorben.

Aber gibt es daneben auch reale Götter?
Epikur sagt: ja!
Sie seien weit entrückt in den Tiefen des Universums, unberührbar und in einer Art von 'splendid isolation' glückselig in sich selbst ruhend.
Der Gedanke an Buddhas liegt da sehr nahe, und ich kann mir durchaus vorstellen, dass es sich um eine aus dem Osten importierte Vorstellung handelte.
Diese Götter scheinen Vorbild-Charakter gehabt zu haben. Ihnen sollte man in menschenmöglichen Grenzen nacheifern, sie vielleicht als Meditationshilfen auffassen.

Dass Epikur sich diese Götter als sterblich vorstellte, siehst du nicht ganz richtig.
Sie waren nicht sterblich und gingen auch nicht zurück in den Kreislauf der Natur; dennoch waren sie nicht ewig.
Epikur ging davon aus, dass die Energie innerhalb des Universums sich irgendwann einmal erschöpfen, alle Bewegung zur Ruhe kommen und sich aller materielle Zusammenhang auflösen werden - und damit, aber erst dann, auch die Götter.
Sie werden zu diesem Zeitpunkt auch gewissermaßen obsolet, da das gesamte Universum wieder zum Zustand des Ruhens zurückgekehrt ist.

Diese Gottesvorstellung hat den nicht unbeträchtlichen Vorzug, weder im Hinblick auf die Theodizee zu Schwierigkeiten zu führen, noch naturwissenschaftliche Angriffspunkte zu bieten.

Dass die Epikureer allesamt an diese Götter geglaubt haben, bezweifle ich.
Aber selbst das war unschädlich, solange man die Vorbildfunktion der Bilder akzeptierte und nicht mit allzu kessen atheistischen Sprüchen die gesamte Gemeinschaft in Gefahr brachte. Den Göttern war es ja sowieso egal, ob man an sie glaubte oder nicht.
Klug und menschenfreundlich erdacht, finde ich.
Rebecca
Guten Morgen, Rhetorix, der du seit später Stunde alles so trefflich vorbereitet und der Gäste harrst.
Ich entbiete dir hiermit meinen Morgengruß und nehme gerne etwas von dem köstlichen Kakao-Getränk. Mit Ingwer.

Apoll rächend und strafend wurde auch als "Wolf" bezeichnet. Somit habe ich gegen die Kälte über mein griechisches Gewand einen Wolfsmantel gezogen.

Natürlich bringe ich auch Gedichte mit. Denn ich liebe die griechischen Götter! Epikur wird es mir nachsehen, liebe ich doch auch ihn. Aber speziell jetzt einmal für Artemis und Apollon:

Artemis sing ich, mit goldenen Pfeilen, die lärmende, wilde, reine Jungfrau... geschmückt den Leib mit goldenem Geschmeide, führt sie den Chor.« (Homer)


»Dem ganzen Kreise der Olympischen,
Alkmene! - Welch ein Wort? Dich in die Schar
Glanzwerfend aller Götter führ ich ein.
Und wär ich Zeus, wenn du dem Reigen nahtest,
Die ew'ge Here müßte vor dir aufstehn,
Und Artemis, die strenge, dich begrüßen.«
Heinrich von Kleist

Oden. Erstes Buch. 31. An Apollo.
Gedicht von Quintus Horatius Flaccus Horaz

Was heischt, Apollos heiligem Sitz genaht,
Der Sänger? was doch flehet er, neuen Saft
Der Schal' entgießend? Nicht die fette
Saat aus sardinischen Fruchtgefilden;
Nicht ausgedörrter Calaber stattliches
Hornvieh, auch Indus Gold nicht und Elfenbein,
Nicht Äcker, die der stumme Liris
Still mit geruhiger Welle naget.
Mit Cales Hippe bändige, wem das Glück
Ihn gab, den Weinstock. Selber ans goldenen
Pokalen schlürf' ein reicher Kaufmann
Weine, mit syrischer War' erhandelt;
Wert selbst den Göttern, weil er im Jahre drei
Viermal des Atlas Brandungen ungestraft
Heimsuchet. Mir sind Kost Oliven,
Mir der Salat und die leichte Malve.
Genuß des Eignen gieb zu Gesundheit mir,
Und, Sohn der Leto, daß ich mit frischem Geist,
Dies fleh' ich, kein unrühmlich Alter
Lebe, noch ohne den Klang der Zither!
Quintus Horatius Flaccus Horaz

Apoll und Daphne
Ludwig Heinrich Christoph Hölty

Apoll, der gern nach Mädchen schielte,
Wie Dichter thun,
Sah einst im Thal, wo Zephyr spielte,
Die Daphne ruhn.

Er nahte sich mit Stutzertritten;
Kein Reh flieht so,
Als Daphne, die mit Zephyrschritten
Dem Gott entfloh.

Sie flog voran, Apollo keuchte
Ihr hitzig nach,
Bis er das arme Ding erreichte,
Am Silberbach.

Da rief sie, rettet mich, ihr Götter!
Die Thörin die!
Zeus winkte - starre Lorbeerblätter
Umflogen sie.

Ihr Füßgen, sonst so niedlich, pflanzte
Sich plötzlich fest
Tief in der Erde. Gaukelnd tanzte
Um sie der West.

Apollo klagte ganze Stunden
Am Lorbeerbaum,
Hielt ihn mit festen Arm umwunden,
Stand, als im Traum.

Er lehnte seine feuchten Wangen
Ans grüne Holz,
Jüngst eine Nymphe, sein Verlangen,
Der Nymphen Stolz.

Er girrte noch ein Weilchen, pflückte
Nun jenen Kranz,
Der seine blonde Scheitel schmückte,
Bey Spiel und Tanz.

Du arme Daphne! Tausend pflücken
Nun Kränze sich,
Von deinen Haaren, sich zu schmücken,
Du dauerst mich!

Die Krieger und die Dichter hausen
In deinem Haar,
Wie Stürme, die den Wald durchbrausen;
Die Köche gar.

Ja, ja, die braunen Köche ziehen
Dir Locken aus,
Zum lieblichen Gewürz der Brühen,
Beym fetten Schmaus.

Laßt euch dies Beyspiel, Mädchen! rühren,
Das Warnung spricht,
Und flieht, so lang euch Reize zieren,
Den Jüngling nicht.

Das erst einmal zum frühen Morgen. Wir werden bestimmt noch interessante Gespräche führen können.

Freundlichen Morgengruß
Rebecca winken
Rhetorix
Zitat:
von Horaz

Was heischt, Apollos heiligem Sitz genaht, der Sänger? ...
Nicht ...nicht ...auch Indus Gold nicht und Elfenbein...nicht Äcker...

Mit Cales Hippe bändige... den Weinstock...

Mir sind Kost Oliven, mir der Salat und die leichte Malve.
Genuß des Eignen gib zur Gesundheit mir,
Und.. daß ich mit frischem Geist lebe, kein unrühmlich Alter erlebe, noch ohne den Klang der Zither!


Guten Morgen, Rebecca!

Es freut mich ganz besonders, dass du Horaz mitgebracht hast!
Der durfte ja wohl nicht fehlen.

Ich komme mit einem Überraschungsgast, nämlich dem weisen Salomo.
Nein, ich bin nicht verrückt geworden. Hinter dem weisen Salomo verbirgt sich nämlich ein gut Teil Epikur.
Das "Buch der Sprüche" und der "Prediger", vorgeblich von Salomo verfasst, sind in Wirklichkeit ziemlich junge Teile des Alten Testaments, Weisheitslehren, die deutlich 'hellenistisch' angehaucht sind. Auf diese Weise hat Epikur - man glaubt es kaum - den Fuß ein Stückchen weit zwischen die Tür der Bibel bekommen.

'Salomo' (bzw. der/die sich hinter diesem Namen verbergende Verfasser) tritt vor die Statue Epikurs in der 'sedia sapientiae' und ermutigt zur Weisheit für alle:

Ruft nicht die Weisheit, erhebt nicht die Klugheit die Stimme?
Bei der Stadtburg steht sie, an der Kreuzung der Straßen, am Stadttor, am Eingang der Häuser steht sie und ruft:
Euch, ihr Menschen, ruf ich herbei. Mein Wort ergeht an euch alle!
Ihr Unverständigen, werdet klug! Ihr Törichten, nehmt Vernunft an!
Hört meine Worte, denn ich sage die Wahrheit, und redlich sind meine Lippen.
Mein Mund spricht Weisheit, Unrecht ist meinen Lippen ein Gräuel.
Alle Rede meines Mundes ist recht, es ist nichts Hinterhältiges noch Falsches darin.
Klar ist sie dem Verständigen und richtig dem, die Erkenntnis fand:
Nehmt Bildung statt Silber und Begreifen statt Gold!
Weisheit ist kostbarer als Perlen, und kein Schatz kann ihr gleichen.
Ich liebe, die mich lieben, und die mich suchen, werden mich finden.


Da fühlt sich dann auch die Laufkundschaft motiviert, mal für ein Stündchen bei Epikurs Geburtstagsfeier vorbeizuschauen.
Rhetorix
Epikurs Denkmal ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Dem Auftrag für eine so ungewöhnliche Gestaltung müssen intensive Grundsatzdiskussionen innerhalb der verwaisten Kepos-Gemeinschaft vorausgegangen sein.

Zunächst einmal: Epikur wird - wohl als erster Philosoph überhaupt - sitzend dargestellt.
Man ist versucht, das Sitzmöbel einen Thron zu nennen, doch diese Deutung würde dem Ort und der Zeit nicht ganz gerecht. Eine Überhöhung ist damit sicherlich gemeint, doch wohl eher im Sinn einer sedia sapientiae (Sitz der Weisheit) oder einer Kathedra.

Was hat es mit den Löwen an den Armlehnen auf sich?
Epikur war kein Fürst, der seine Macht wie ein Löwe verteidigte (auch wenn er durchaus manchmal die Zähne zeigte).
Eine Art von 'weltlicher Macht' war meines Erachtens aber dennoch damit gemeint - im sehr allgemeinen Sinn.
Mich erinnert der Stuhl an den Löwen-Wagen der Kybele-Artemis-Diana-Magna mater, der Mutter aller Natur; und wenn er sogar mich weit Entfernte daran erinnern, sollte die Assoziation damals umso näher gelegen haben.
Der Löwenstuhl symbolisiert nach meiner Vermutung also die 'Kathedra aller Natur'.

Epikur blickt niemanden an. Er ist in sich versunken und sieht in sich hinein.
Ihn so darzustellen, muss ein heroischer Akt gewesen sein, denn die Kepos-Gemeinschaft hatte mit Epikurs Tod einen herben Verlust erlitten. Sie war gleichsam 'verlassen worden'.
Die Versuchung, diesen Verlust mit dem Denkmal zu kompensieren, dürfte recht nahe gelegen haben: "Seht ihr, er ist immer noch da, wo auch immer; er sieht auf uns herab, er hört, was wir sagen und nimmt Anteil am Geschick seines Kepos."
Die einen oder anderen haben ihn vielleicht damals schon für einen Gott gehalten, weils dann ein bisschen leichter fiel. Linientreue dürften damit überhaupt nicht einverstanden gewesen sein. Aber in einem waren sie sich zweifellos einig: egal ob aus und weg oder als Erleuchteter in den Fernen des Weltraums - als Toter nimmt Epikur uns nicht mehr wahr und steht uns erst recht nicht mehr bei; etwas anderes zu denken, wäre Verrat.

Deshalb kommt es auch keinesfalls in Betracht, Epikur selbst auf seiner Geburtstagsfeier auftreten zu lassen.
Das wäre geradezu ein Skandal.
ewig
Wenn mir hier bei der Einladung schon Nektar um dem Bart geträufelt wird, laß ich mich doch gern mal in dieser heiteren Gesellschaft sehen. Ich habe sogar ein kleines Schälchen Ambrosia dabei, auf daß auch die Genießer des Lebens jeweils ein kleines Häppchen Ewigkeit kosten können. :>
Ahorn
Ein liebes Hallo winken
Bin bald wieder da! Ich habe Wasser, Mais, Kartoffeln, Salat und Weizen dabei. Ich werde die Tiere versorgen gehen.

"Tiere und kleine Kinder sind der Spiegel der Natur." - zitiert bei Cicero, De finibus II, 10, 33
Rebecca
Artemis, Nymphen, Lust und Leid der Gottheiten.

Quelle der Nymphe

Wär's wahr, o Nymphe? hätte den Dichter wohl
Vielleicht des Felsquells Lieblichkeit nicht getäuscht,
Du wärst es, ewig fließend Wesen,
Das hier den Verghang hinuntermurmelt,

Du wärst, als Numa, deinen Pompil, der Tod
Zur Schattenwelt entführte, vor Schmerz und Weh
An dieses Hügels Felsenwurzel
Wärest vergangen in Thränenströmen?

Dein hätte sich die taurische Artemis
Erbarmt, dein jammernd Flehen geendet dir?
O dann, du Bergstrom, küss' erfrischend,
Küsse mir, Nymphe, die heißen Lippen.

Aus Treue sterben! Schönster Gedanke du,
Aus unsern Tagen lange hinweggeflohn
Ins Reich der Dichtung, in die Zeiten,
Da ihn die Menschen von Göttern lernten.

Aus Treue sterben! Seliger Knabentraum,
Du Stolz des thatenglühenden Jünglinges,
Du überschwänglich Wort der Liebe,
Grausamer Spott des enttäuschten Pilgers!

Aus Treue sterben! Königsgeliebte du,
Mit Trauer deinem ewig lebend'gen Grab
Nah' ich, dir eine Schuld bekennend:
Höre mich, Sterbende! Nimmer glaubt' ich

An Menschentreue. Wie es so kam, es sei
Vergessen – aber Nymphe, wenn wahr, daß du
Gestorben für Pompil, so laß mich
Artemis hier für den Frevel büßen.

Ich will ja glauben, Göttliche, daß du treu
Dem Freund geblieben; denn von olympischem
Ursprung ist ja dein Herz: der Erde
Kinder nur hab' ich nicht treu gefunden.

An deinem Felsen, einsamer alter Hain,
Hier, wo Orest einst mit Iphigenien
Der taur'schen Göttin Bild geflüchtet,
Schau' ich hinab zum Dianenspiegel,

Und schau' und fleh' und weine, bis mich die Huld
Der Göttin einmal plötzlich zerfließen läßt,
Und ich für meinen Glauben sterbe: –
Treu sind die Himmlischen, nicht die Menschen.

Wilhelm Friedrich Waiblinger

Es ist Mittag. Ich nehme jetzt ein Brot und ein paar Oliven. Wasser habe ich schon aus dem Brunnen getrunken. Was ist denn eigentlich mit Wein? Warum gibt es denn keine Reben hier im Garten?
Ich persönlich kann nach einigen Gläsern viel besser denken. gruebel

Freundliche Grüße
Rebecca winken
Rhetorix
Zitat:
Original von ewig
...Ich habe sogar ein kleines Schälchen Ambrosia dabei, auf daß auch die Genießer des Lebens jeweils ein kleines Häppchen Ewigkeit kosten können. :>

Ambrosia!
Du mogelst, ewig! Es ist schlicht und einfach Götterspeise mit Waldmeister-Geschmack!
Aber vielen Dank, ich nehme gern ein Löffelchen. Sonst noch jemand?


Zitat:
Original von Ahorn
Ich habe Wasser, Mais, Kartoffeln, Salat und Weizen dabei. Ich werde die Tiere versorgen gehen. ..
Wie lieb und klug von dir, den Tieren eine Freude zu machen! Aber pass bei dem Schwein lieber ein bisschen auf und lass es nicht aus der Hand fressen.


Zitat:
Original von Rebecca
Artemis, Nymphen, Lust und Leid der Gottheiten...Quelle der Nymphe...
Lust und Leid der Götter?
Ich habe starke Zweifel an der speziellen philosophischen Korrektheit dieses Gedichts. nunja
Aus Treue sterben? Ja, aus besonderen, vernünftigen Gründen kann das wohl richtig sein - aber hier? Es wirkt alles so wirr und unvernünftig. geschockt

Wein gibt's nicht, denn hier ist nicht das Haus des Bacchus oder des Jesus Christus.
Fexx
Hallo Rhetorix et al.,

ich mag Euer epikuräisches Freundschaftsgelage (laut seinerzeit lancierten anonymen Episteln inkl. „Völlerei mit Brechsucht und Promiskuität“ – ihr habt also noch ein bisschen was vor Euch ;-) an diesem 20. nicht stören, hätte da nur zwei Fragen, bei denen an diesem Tag in diesem Thread vielleicht ja die ein oder andere informative (und wo nötig: klärende) Ausführung rausspringen könnte. ;-)

*Irgendwer schrieb mal, Epikur hätte die Götter „mit zarter Hand aus dem Menschenleben ausgeschaltet“. In einer Art Refugium (i. d. „Intermundien“ – Leerräume zwischen den Welten) bekamen sie als unvergängliche, glückselige Wesen gewissermaßen einen Aufenthaltsort am Rande des Daseins zugewiesen und sind so als vorgestellte Riesengebilde vom Wechsel des Geschehens und den Zweifelsfällen des Lebens gänzlich unberührt.

Unvergänglich sind die Götter nach Epikur – soweit ich mich erinnere – weil ihnen die Fähigkeit zukommen soll, ihren Verfall abwenden zu können, indem sie aus den Atomen, die ihnen zuströmen, die zerstörerischen aussondern und die erhaltenden assimilieren. Glückselig sollen sie sein, weil sie das (Un-)Geschick der menschlichen Wesen nicht anficht und sie schon gar nicht in deren Leben eingreifen – wollen – würden.


*Dann noch: als unstimmig/inkonsistenz diskutiert wurde m. W. stets Epikurs Ableitung des freien Willens des Menschen aus seiner Annahme der „zufälligen“ Atomdeklination --- wonach Atome, die im „leeren“ Raum parallel zueinander von oben nach unten bei gleichzeitiger Geschwindigkeit „fallen“ und dabei einige Atome „willkürlich“/ursachlos von der geraden Falllinie abweichen, so dass sich die Atome anhäufen und zu Komplexen zusammenschließen und somit die Dinge und Welten hervorbringen --- und die Tatsache, dass sie, die Atomdeklination, geschehe, mit der Tatsache, dass der Mensch einen freien Willen (ich glaube, er sagte „die Seele eine freie Meinung“) hat, korreliere. (Öhm ... wie nochmal genau?!)

Nun ist meine Epikur-(bzw. über-Bande-Lukrez/Horaz-)Rezeption schon ein bisschen was her - stimmt diese Lesart der überlieferten Texte so heute noch? Stimmte sie je?


Wie auch immer: ich kann meine Schwäche für den lustvoll-beherzten Eigensinn dieser entdämonisierenden Deutung (manche würden sagen: bloß effektiven Verflachung aus didaktischen Gründen - der Vermeidung jedweder Gottes- und Todesfurcht) des Seins durch Epikur nicht ganz leugnen. Weil, taucht man mal in sie ein und eine Weile in ihr ab, sich mit ihr alles - und zuletzt auch die unvermeidliche zeitliche Begrenztheit des Daseins - wahrlich ataraktisch (jetzt wohl: „chillig“ ;-) an- und manchmal auch wegschmunzeln lässt. … Bis man wieder auftaucht. fröhlich

Viel Spaß noch und liebe Grüße, Fexx
Jay Ray
Moin, allerseits !

Das sieht hier ja richtig schön aus Freude

Mein Geburtstagsgeschenk besteht in einem Ausspruch von Wilhelm Busch:

"Glück entsteht oft durch Aufmerksamkeit in kleinen Dingen,
Unglück oft durch Vernachlässigung kleiner Dinge."

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Ich hab zudem noch eine kleine Geschichte von Bierce mitgebracht, die wohl nicht typisch epikuräisch ist - ich hoffe Ihr seht es mir nach - aber die mir dennoch passend schien, da sie zeigt, welches Glück in der Zufriedenheit und Freude an kleinen Dingen man immer haben kann - und welche Wege der Glückssuche eher enttäuschen.
Die Geschichte der Krise endet noch vor der Katharsis, aber wenn wir weiterdenken, können wir Haïta unseren Rat geben. Ich könnte mir vorstellen, daß er dafür reif wäre.

Im Original gibt es zudem noch schöne Beispiele für die eigentliche englische "Duzform", die eben nicht "you" sondern "thou" ist.

Jay winken
http://www.ambrosebierce.org/haita.html

Zitat:
Haïta, der Schäfer

Im Herzen Haïtas waren die Illusionen der Jugend nicht durch jene von Alter und Erfahrung verdrängt worden. Seine Gedanken waren rein und erbaulich, denn sein Leben war schlicht und seine Seele frei von Ehrgeiz. Er stand mit der auf und ging hinaus, um am Schreine Hasturs zu beten, des Gottes der Schäfer, der hörte und erfreut war. Nach dem Vollzug der frommen Zeremonie öffnete Haïta das Gatter des Pferchs, und munteren Mutes trieb er seine Herde aufs Feld; unterwegs sein Morgenmahl aus dicker Milch und Haferfladen essend, gelegentlich innehaltend, um einige Beeren, kalt von Tau, zu sich zu nehmen oder von den Wassern zu trinken, die von den Bergen kamen, um sich mit dem Strom in der Mitte des Tales zu vereinigen und von ihm davongetragen zu werden - wohin wußte Haïta nicht.

Während eines langen Sommertags, als seine Schafe das gute Gras fraßen, das die Götter für sie hatten wachsen lassen, oder mit den Vorderbeinen unter der Brust dort lagen und wiederkäuten, spielte Haïta, im Schatten eines Baumes ruhend oder auf einem Felsen sitzend, solch liebliche Musik auf seiner Riedpfeife, daß er bisweilen aus dem Augenwinkel zufällig den Anblick minderer Waldgottheiten erhaschte, die sich aus dem Unterholz vorbeugten um zu lauschen; aber wenn er sie direkt ansah, verschwanden sie. Daraus zog er den erhabenen Schluß - denn er mußte ja denken, wenn er nicht zu einem seiner eigenen Schafe werden wollte -, daß das Glück kommen könnte, wenn man nicht danach sucht, doch es nie zu sehen sein wird, wenn man danach Ausschau hält; denn am höchsten nach der Gunst Hasturs, der sich niemals offenbarte, schätzte Haïta das freundliche Interesse seiner Nachbarn, der scheuen Unsterblichen von Wald und Strom. Bei Anbruch der Nacht trieb er seine Herde zurück zum Pferch, sorgte, daß das Gatter gesichert war, und zog sich zu Erfrischungen und Träumen in seine Höhle zurück.

So verging sein Leben, ein Tag wie der andere, außer wenn Unwetter den Zorn eines beleidigten Gottes verkündeten. Dann kauerte Haïta in seiner Höhle, das Gesicht in den Händen verborgen, und betete, daß er allein für seine Sünden bestraft und die Welt vor der Vernichtung gerettet werde. Manchmal, wenn großer Regen fiel, der Strom über seine Ufer trat und ihn zwang, seine verschreckte Herde auf höheres Land zu treiben, verwandte er sich für die Leute in den Städten, die, wie man ihm gesagt hatte, in der Ebene jenseits der beiden blauen Berge lagen, die den Eingang zu seinem Tal bildeten.

»Es ist gütig von dir, oh Hastur«, so betete er, »mir Berge so nah bei meinem Aufenthalt und meiner Herde zu geben, daß ich und meine Schafe den wütenden Fluten entgehen können; aber den Rest der Welt mußt du selbst erlösen, auf irgendeine Art, von der ich nichts weiß, sonst werde ich dich nicht länger anbeten.«

Und Hastur, der wußte, daß Haïta ein Jüngling war, der sein Wort hielt, verschonte die Städte und lenkte die Wasser ins Meer.

So hatte er gelebt solange er sich erinnern konnte. Er konnte sich keine andere Form des Daseins recht vorstellen. Der heilige Einsiedler, der am oberen Ende des Tales lebte, eine ganze Stundenreise entfernt, und von dem er die Geschichte über die großen Städte gehört hatte, in denen Leute - arme Seelen! - lebten, die keine Schafe hatten, teilte ihm nichts über jene frühe Zeit mit, da er, wie er sich überlegte, klein und hilflos gewesen sein mußte wie ein Lamm.

Als er diese Mysterien und Wunder bedachte und jene furchtbare Verwandlung in Schweigen und Verfall, die ihn ohne Zweifel irgendwann überkommen mußte, wie er sie zu so vielen aus seiner Herde hatte kommen sehen - wie sie zu allen Lebewesen außer den Vögeln kam -, ward Haïta sich erstmals bewußt, wie erbärmlich und hoffnungslos sein Los war.

»Es ist nötig«, sagte er, »daß ich weiß, wie und woher ich gekommen bin; wie kann denn einer seine Pflichten erfüllen, solange er nicht aus der Art, in der sie ihm auferlegt wurden, zu beurteilen vermag, was sie sind? Und welche Zufriedenheit kann mir werden, wenn ich nicht weiß, wie lange sie währen wird? Vielleicht werde ich verwandelt sein, ehe eine weitere Sonne aufgeht, und was wird dann aus den Schafen? Ja, was wird aus mir geworden sein?«

Indem er diese Dinge begrübelte, wurde Haïta melancholisch und verdrossen. Er sprach weder länger fröhlich zu seiner Herde, noch lief er mit heiterem Eifer zu Hasturs Schrein. In jeder Brise hörte er das Geflüster bösartiger Gottheiten, deren Existenz er nun erstmals beobachtete. Jede Wolke war ein unheilverheißendes Omen, und die Dunkelheit war voller Schrecken. Wenn er seine Riedpfeife an die Lippen setzte, brachte sie keine Melodie hervor, sondern trostloses Gewimmer; die Wesen des Waldes und des Ufers drängten sich nicht länger am Rande des Unterholzes, um zu lauschen, sondern flohen vor dem Klang, wie er an den gewendeten Blättern und gebeugten Blumen erkannte. Er ließ in seiner Wachsamkeit nach, und viele seiner Schafe streunten weg, in die Berge, und gingen verloren. Die übrigen wurden hager und krank aus Mangel an gutem Weidefutter, weil er es nicht mehr für sie suchte, sondern sie Tag um Tag an denselben Fleck führte, aus reiner Zerstreutheit, während er über Leben und Tod sann - von Unsterblichkeit wußte er nichts.

Eines Tages, als er sich eben den finstersten Grübeleien ergab, sprang er plötzlich hoch von dem Felsen, auf dem er gesessen hatte, und mit einer entschiedenen Geste der rechten Hand rief er aus: »Ich will nicht länger um Wissen flehen, das die Götter vorenthalten. Sollen sie dafür sorgen, daß sie mir kein Unrecht tun. Ich will meine Pflicht tun, so gut ich kann, und wenn ich mich irre, komme es über ihre eigenen Häupter!«

Plötzlich noch während er sprach, umgab ihn große Helligkeit, die ihn aufblicken ließ, da er meinte, die Sonne sei durch einen Riß in den Wolken gebrochen; aber es gab keine Wolken. Nicht mehr als eine Armlänge entfernt stand eine wunderschöne Maid. So wunderschön war sie, daß die Blumen zu ihren Füßen voller Verzweiflung die Blütenblätter falteten und zum Zeichen der Unterwerfung die Köpfe beugten; so süß war ihr Anblick, daß die summenden Vögel sich um ihre Augen drängten und die durstigen Schnäbel fast hineinstießen, und die wilden Bienen hingen an ihren Lippen. Und so hellglänzend war sie, daß die Schatten aller Dinge sich von ihren Füßen fort erstreckten und wanderten, wie sie sich bewegte.

Haïta war verzückt. Er erhob sich, kniete vor ihr nieder in Anbetung, und sie legte ihre Hand auf seinen Kopf.

»Komm«, sagte sie mit einer Stimme, die die Musik aller Glöckchen seiner Herde innehatte - »komm, du sollst mich, die ich keine Göttin bin, nicht verehren; wenn du aber wahrhaftig und pflichtgetreu bist, will ich bei dir verweilen.«

Haïta ergriff ihre Hand, erhob sich, wobei er stammelnd seine Freude und Dankbarkeit vorbrachte, und Hand in Hand standen sie dort und lächelten einander in die Augen. Er starrte sie an, voll Verehrung und Verzückung. Er sagte: »Ich bitte dich, liebliche Maid, sag mir deinen Namen und woher und warum du kommst.«

Da legte sie einen warnenden Finger auf ihre Lippen und begann sich zurückzuziehen. Ihre Schönheit befiel eine sichtbare Verwandlung und ließ ihn schaudern; er wußte nicht warum, denn sie war noch immer schön. Die Landschaft wurde verdüstert von einem riesigen Schatten, der mit der Geschwindigkeit eines Geiers über das Tal strich. In der Düsternis wurde die Gestalt der Maid vage und undeutlich, und ihre Stimme schien aus der Ferne zu kommen, als sie in traurigem Tadel sagte: »Vermessener und undankbarer Jüngling! Muß ich dich denn so bald verlassen? Mußtest du denn wirklich sofort den ewigen Pakt brechen?«

Unbeschreiblich traurig fiel Haïta auf die Knie und flehte sie an zu bleiben - stand auf und suchte sie in der sich verdunkelnden Düsternis - lief in Kreisen herum, rief laut nach ihr, aber alles vergebens. Sie war nicht länger sichtbar, aber aus der Düsternis hörte er ihre Stimme sagen: »Nein, durch Suchen sollst du mich nicht bekommen. An deine Pflicht, treuloser Schäfer. Sonst werden wir einander nie wieder begegnen.«

Die Nacht war hereingebrochen; die Wölfe heulten in den Bergen, und die verschreckten Schafe drängten sich um Haïtas Füße. Ob der Erfordernisse des Augenblicks vergaß er seine Enttäuschung, trieb die Schafe in den Pferch, begab sich zum Ort der Andacht, wo er sein Herz in Dankbarkeit gegenüber Hastur ergoß, daß dieser ihm erlaubt hatte, seine Herde zu retten, dann zog er sich in seine Höhle zurück und schlief.

Als Haïta erwachte, stand die Sonne hoch, schien zur Höhle herein und erleuchtete sie mit prächtiger Glorie. Und da, neben ihm, saß die Maid. Sie lächelte auf ihn hinab - ein Lächeln, das die sichtbar gewordene Musik seiner Riedpfeife zu sein schien. Er wagte nicht zu sprechen, da er fürchtete, sie wie zuvor zu verletzen, denn er wußte nicht, was er zu sagen wagen durfte.

»Weil du«, sagte sie, »deine Pflicht bei der Herde getan und nicht vergessen hast, Hastur dafür zu danken, daß er die Wölfe der Nacht fernhielt, bin ich wieder zu dir gekommen. Willst du mich als Gefährten haben?«

»Wer würde dich nicht für immer haben wollen?« erwiderte Haïta. »Oh verlaß mich nie wieder bis - bis ich - mich verändere und still und reglos werde.«

Haïta besaß kein Wort für tot.

»Wahrlich, ich wünschte«, fuhr er fort, »du wärest meines Geschlechts, daß wir miteinander ringen und um die Wette laufen könnten und so niemals des Beisammenseins überdrüssig würden.«

Bei diesen Worten erhob sich die Maid und schritt aus der Höhle, und als Haïta von seinem Lager aus duftigen Zweigen sprang, um sie einzuholen und aufzuhalten, bemerkte er zu seinem Erstaunen, daß Regen fiel und der Strom in der Mitte des Tales über die Ufer getreten war. Die Schafe blökten vor Angst, denn die steigenden Wasser waren in ihren Pferch eingedrungen. Und die unbekannten Städten der fernen Ebene waren in Gefahr.

Viele Tage vergingen, bis Haïta die Maid wiedersah. Eines Tages kehrte er vom oberen Ende des Tales zurück; er war dorthin gegangen, mit Schafmilch und Haferfladen und Beeren für den heiligen Einsiedler, der zu alt und schwach war, sich selbst mit Nahrung zu versorgen.

»Armer alter Mann!« sagte er laut, als er heimstapfte. »Ich will morgen wieder hingehen und ihn auf meinem Rücken zu meiner Höhle tragen, wo ich für ihn sorgen kann. Zweifellos hat Hastur mich all die vielen Jahre zu diesem Zweck aufgezogen und gibt mir Gesundheit und Kraft.«

Noch während er sprach, trat ihm die Maid, gekleidet in glitzernde Gewänder, auf dem Pfad entgegen, mit einem Lächeln, das ihm den Atem nahm.

»Ich bin wieder gekommen«, sagte sie, »um mit dir zu leben, wenn du mich nun haben magst, denn kein anderer will es. Du könntest Weisheit erworben haben und nun bereit sein, mich zu nehmen wie ich bin, und auch nichts wissen zu wollen.«

Haïta warf sich ihr zu Füßen. »Wunderbares Wesen«, rief er, »wenn du nur geruhen wolltest, alle Hingabe meines Herzens und meiner Seele anzunehmen - nachdem ich Hastur meinen Dienst erwiesen habe -, ist sie dein für immer. Aber ach, du bist launisch und wetterwendisch. Noch vor der morgigen Sonne könnte ich dich wieder verlieren. Ich flehe dich an, versprich - wie ich mich auch in meiner Unwissenheit vergehen mag -, daß du vergeben und immer bei mir bleiben wirst.«

Kaum hatte er dies gesagt, als eine Horde Bären aus den Bergen kam und mit blutigroten Schnauzen und feurigen Augen auf ihn losraste. Die Maid verschwand wieder, und er wandte sich um und floh um sein Leben. Er hielt nicht inne, bis er die Hütte des heiligen Einsiedlers erreicht hatte, von wo er aufgebrochen war. Hastig verriegelte er die Tür wider die Bären; dann warf er sich auf den Boden und weinte.

»Mein Sohn«, sagte der Einsiedler, auf seinem Lager aus Stroh, das Haïtas Hände an diesem Morgen frisch gesammelt hatten, »es ist nicht deine Art, wegen einiger Bären zu weinen - sag mir, welcher Gram dich befallen hat, damit das Alter die Schmerzen der Jugend pflegen mag mit dem geringen Balsam, den seine Weisheit birgt.«

Haïta erzählte ihm alles: wie er dreimal der strahlenden Maid begegnet war und sie ihn dreimal in Verzweiflung zurückgelassen hatte. Minuziös berichtete er alles, was sich zwischen ihnen zugetragen hatte, und ließ kein einziges Wort aus, das gesprochen worden war.

Als er geendet hatte, war der heilige Einsiedler einen Moment still; dann sagte er: »Mein Sohn, ich habe deiner Geschichte zugehört, und ich kenne die Maid. Ich selbst habe sie gesehen, wie viele sie sahen. Wisse denn, daß ihr Name, nach dem auch nur zu fragen sie dir nicht gestatten wollte, Glück ist. Du sagtest ihr die Wahrheit, daß sie launisch sei, denn sie stellt Bedingungen, die ein Mensch nicht erfüllen kann, und der Verstoß wird durch Verlassen bestraft. Sie kommt nur, wenn sie nicht gesucht wird, und leidet keine Fragen. Eine Bekundung von Neugier, ein Zeichen von Zweifel, ein Ausdruck von Befürchtung, und sie ist fort! Wie lange hast du sie jeweils bei dir gehabt, bevor sie floh?«

»Nur einen einzigen Augenblick«, erwiderte Haïta; bei dem Bekenntnis errötete er vor Scham. »Jedes Mal habe ich sie nach einem Moment vertrieben.«

»Unglückseliger Jüngling!« sagte der heilige Einsiedler. »Ohne deine Zudringlichkeit hättest du sie zwei Momente lang haben können.«
Rebecca
Fexx schrieb:
Zitat:
*Irgendwer schrieb mal, Epikur hätte die Götter „mit zarter Hand aus dem Menschenleben ausgeschaltet“. In einer Art Refugium (i. d. „Intermundien“ – Leerräume zwischen den Welten) bekamen sie als unvergängliche, glückselige Wesen gewissermaßen einen Aufenthaltsort am Rande des Daseins zugewiesen und sind so als vorgestellte Riesengebilde vom Wechsel des Geschehens und den Zweifelsfällen des Lebens gänzlich unberührt.


Epikur glaubte an die Götter, da die Menschen an diese glaubten. Jedoch sah er sie gewissermaßen autark. Sie kümmerten sich nicht um die Menschen und hatten keinerlei Einfluss auf ihr Geschick. Epikur opferte auch den Göttern, achtete er doch ihre Weisheit, die er über der seinen angesiedelt sah.

Jay Ray, danke für die schöne Geschichte. Lässt sich Glück halten?
"Werd ich zum Augenblicke sagen, verweile doch, du bist so schön..?"

<<Was du nicht hast, dem jagst du ewig nach,
Vergessend, was du hast.<<
William Shakespeare

<<Das Glück verlangt nach Vereinigung, während die Zufriedenheit die Ablenkung sucht, die vom Vergessen lebt<< (Khalil Gibran)

Die Genügsamkeit, die sich selbst betrügt? Kann genug "genug" sein?
Wenn Epikur beispielsweise gebremste und gebändigte Lust predigt? Ist das Glück im Kleinen das, was das Leben lebenswert macht? Oder lässt es nur ruhig leben ohne die Unruhe einer Ahnung, dass es mehr gibt?

Freundliche Grüße
Rebecca winken , die jetzt fragt, was sie gleich in ihren Kakao bekommen kann. Oder hat vielleicht jemand heimlich einen Wein eingeschmuggelt?
Gut !
Rhetorix
Zitat:
Original von Fexx
...(laut seinerzeit lancierten anonymen Episteln inkl. „Völlerei mit Brechsucht und Promiskuität“...)

Du kannst Gift darauf nehmen, dass das eine der üblichen stoischen Verleumdungsepisteln war. Es spricht wirklich nichts für den Wahrheitsgehalt.
Heute würde man so etwas unlauteren Wettbewerb nennen und eine Gegendarstellung beanspruchen. motz

Zu den Göttern habe ich ja schon was geschrieben.
An die Sache mit dem Austausch von nützlichen und schädlichen Teilchen erinnere ich mich nicht, aber es scheint auch nebensächlich.

Zitat:

*Dann noch: als unstimmig/inkonsistenz diskutiert wurde m. W. stets Epikurs Ableitung des freien Willens des Menschen aus seiner Annahme der „zufälligen“ Atomdeklination --- wonach Atome, die im „leeren“ Raum parallel zueinander von oben nach unten bei gleichzeitiger Geschwindigkeit „fallen“ und dabei einige Atome „willkürlich“/ursachlos von der geraden Falllinie abweichen, so dass sich die Atome anhäufen und zu Komplexen zusammenschließen und somit die Dinge und Welten hervorbringen --- und die Tatsache, dass sie, die Atomdeklination, geschehe, mit der Tatsache, dass der Mensch einen freien Willen (ich glaube, er sagte „die Seele eine freie Meinung“) hat, korreliere.

Ja, das ist meines Wissens im Wesentlichen richtig referiert.

Eins muss man dabei aber bedenken:
Das Fallen 'von oben nach unten' ist eine Metapher, denn es wird ausdrücklich klargestellt, dass es ein wirkliches Oben und Unten, Hinten und Vorn im Weltraum nicht gibt.
Das 'Fallen' bedeutet daher nur, dass sich alle Teilchen bewegen. Sie können gar nicht anders; sie haben sich von Anfang an bewegt und bewegen sich immer.

Diese Bewegung war vor der Entstehung der Welt ganz gleichgerichtet und gleich schnell. (Obwohl sich alles in Bewegung befand, war es daher eigentlich ein Zustand der Ruhe, da eine Bewegung relativ zueinander fehlt.)

Dann kam als 'epikureischer Urknall' die erste Deviation eines Teilchens, nur aus sich heraus und ohne eine außerhalb des Teilchens liegende Ursache (auch die Fähigkeit zum regelwidrigen Verhalten ist den Teilchen also 'angeboren'). Wodurch es notwenig zu einer ersten Kollision, zu weiteren Kollisionen und dann zu Klumpenbildungen von Teilchen kommt.

Unstimmig und inkonsistent ist daran eigentlich nichts. Aus heutiger Sicht hört sich das sogar ziemlich gut an.
Aus damaliger Sicht wurde ein Punkt allerdings als inkonsistent empfunden:

Epikur behauptete ja, dass es Teilchen von unterschiedlicher Größe gebe (alle natürlich unterhalb der Sichtbarkeit).
Wenn sie nun aber 'fielen', so müssten die größeren Teilchen schneller gefallen sein als die kleineren, weil sie ja mehr wiegen. Als müsste es auf der Stelle zu Kollisionen gekommen sein, und die Kollision durch den 'Eigenwillen' von Teilchen sei Quatsch.

Lukrez schreibt dazu (sicherlich im Anschluss an Epikur) nur einen Satz:
"Das ist Unsinn, denn im Vakuum spielt die Größe eines Teilchens keine Rolle, weil es nichts zu verdrängen gibt."
Es half aber nichts...

Da die Materie also macht, was sie will - bei selbst geschaffenen Regeln, die allerdings gebrochen werden können - , gibt es keinen ihr übergestülpten großen Plan und keine absolute Notwendigkeit.
Da der Mensch aus Materie besteht, gilt für ihn dasselbe.
Er verhält sich im Großen so, wie die Teilchen es im Kleinen tun und die Himmelskörper im noch Größeren.


Zitat:
Original von Rebecca
...Oder hat vielleicht jemand heimlich einen Wein eingeschmuggelt?
Gut !
Ich habe den Geheimrat im Verdacht, dass er Rotwein eingeschmuggelt hat.
Da hinten sitzt er, hält wie gewohnt Hof und versucht, irgendwen von seiner Farbenlehre zu überzeugen.
Wenn du Interesse heuchelst, gibt er dir sicher was ab.

Dass Epikur die kleine Lust empfohlen hätte, scheint mir nicht richtig.
Vielmehr: er empfahl das Training der Hedone mit immer kleineren Mitteln (daher auch Wasser und Brot, aber wir sind ja erst am Anfang des Trainings).


Schöne Mitbringsel, Joe! Freude
Rhetorix
Einen Rat nebenbei:
Man sollte den Begriff 'Atom' besser im Zusammenhang mit der epikureischen Philosophie (wie auch dem sonstigen sog. Atomismus) vermeiden, denn Atom ist nie die richtige Übersetzung.
Was wir Atom nennen, wäre in Epikurs Augen kein Atom gewesen, sondern eine Gruppe von atomoi.
Das Wort atomos scheint sich übrigens nicht einmal bei den römischen Epikureern als Lehnwort in den Wortschatz eingeschlichen zu haben. Lukrez verwendet ungeniert verschiedene Worte: corpora, partes, primordia, semola.
Ich empfehle, partes aufzugreifen und von Teilchen zu sprechen.

Bei der Hedone fällt die Übersetzung schon schwerer.