Der Hahn des Sokrates

Rebecca
Schon immer wurden Tiere als Gottheiten verehrt, Symbolträger für Gottheiten. Wohl kein Tier, das nicht Gegenstand philosophischer oder mythischer Betrachtungen war. Bei den Kelten war der Hahn sogar ein heiliger Vogel.

Der Hahn bedeutet Auferstehung. Die Schwärze der Nacht ist Vergangenheit. Er kündet den neuen Tag. Im Dunkel der Nacht – noch vor dessen ersten Schrei – verriet lt. neuem Testament Judas seinen Meister. Und in der Helle des neuen Tages, Auferstehung allen Lebens, erkannte er die Ungeheuerlichkeit seines Verrats und zog die Konsequenzen.

Interessant ist auch die Geschichte vom Hahn der Ursache und Wirkung. Ein Hahn krähte im Morgengrauen und die Sonne ging auf. Somit sah der Hahn einen ursächlichen Zusammenhang zwischen seiner Aktion des Krähens und dem darauf folgenden Wunder der Offenbarung eines neuen Tages durch die Sonne. Als er jedoch eines Tages sich verschlafen hatte und beim Erwachen bereits der Sonne ansichtig wurde, bemerkte er, dass seine Annahme falsch war. Genau so hätte er auch erkennen können – steht nicht in der Geschichte - dass irgendwann trotz seines Bemühens die Sonne nicht aufging! Hatte er etwas falsch gemacht?

Wie zum Beispiel Menschen, die im Donner und Blitz vom Himmel den Zorn einer höheren Macht, eines Gottes, mutmaßten. Vergeltung für Missetaten. Der Zorn der Götter…
Ursache und Wirkung? Zufall oder Duplizität der Ereignisse? Erfordernis, seine (Glaubens)grundsätze zu überdenken, neue Theorien und Erkenntnisse an sich ranzulassen.

Und wenn Sokrates im Angesicht seines Todes Kriton bat, Aeskulap,dem Gott der Heilkunst, nach der Erlösung, denn der Tod bedeutete „Heilung" für ihn, einen Hahn zu opfern bat, dann war dieser Hahn auch gleichzeitig ein Symbol der Auferstehung für ihn. Denn der Tod hatte keine Schrecken.

In unserem Denken steht ein Hahn auf ziemlich unterer Stufe. Nicht vergleichbar anderen majestätischen Tier(gottheiten). Die Eule, Symbol der Weisheit, man denke an Pallas Athene, der Eber als Gott des Waldes der Kelten, der Drache, Sinnbild ungezähmter Kraft. Aber: dummes Huhn, eitler Gockel. Aus dem 15. Jahrhundert noch stammt der Brauch der Narrenkappen mit Hahnenkamm. Der Hahn war ein Sinnbild für Geilheit und sexuelle Lasterhaftigkeit. Er wird oft als negatives oder komisches Sinnbild gebraucht, man denke an den Hahnrei, den „Piephahn", Träger abwertender Sprüche: Jeder Hahn ist König auf seinem Misthaufen etc.

Götter und ihre Sinnbilder sind unsterblich.

Freundliche Grüße
Rebecca winken
Sophie
Zitat:
Original von Rebecca

In unserem Denken steht ein Hahn auf ziemlich unterer Stufe.


In der mythologischen Gentkreuzung hat der Hahn immerhin zwei mächtige Wesen hervorgebracht.

In der baltischen Mythologie schlüpft aus einem Hahnei ein Aitvaras, die auf dem Boden ein Hahn war und in der Luft eine Feuerkugel und dem Besitzer durch allerlei Diebereien zu Reichtum verhelfen konnten.

Die Entstehung eines Basilisken, wird auch der Legekunst von 7 jährigen Hähnen zugeschrieben, deren Eier dann von Kröten ausgebrütet werden müssen.
Ignoramus
Im allgemeinen liebe ich Geschichten. Sie sind oft klarer als so manche klare Worte. Aber in diesem Fall stochere ich im Nebel. Bitte mach mich wissender und erkläre mir den Sinn dieses Themas.
Für Dein Bemühen im vorraus Danke.
Rebecca
Zitat:
Im allgemeinen liebe ich Geschichten. Sie sind oft klarer als so manche klare Worte. Aber in diesem Fall stochere ich im Nebel. Bitte mach mich wissender und erkläre mir den Sinn dieses Themas.


Hallo Ignoramus, "Sinn"? Muss alles einen Sinn haben im Sinne von Frage und Antwortspiel? Liest du ein Buch und fragst nach dem Sinn desselben oder lässt du etwas auf dich einwirken, dass dich dann befähigt, weiter zu denken? Denn viele Dinge sind eben vielschichtiger, obwohl sie sich - erst einmal - einfach präsentieren.

Freundliche Grüße
Rebecca winken
Ignoramus
Liebe Rebecca,

Du liebst anscheinend die Zenmethode, ich lasse mich auf auf diese Spiel ein so gut wie mir möglich.
Der Hahn ist ist in deinem kurzem Aufsatz alles in einem. Er ist machtvoll und gleichzeitig machtlos. Er ist heilig und gleichzeitig profan. Er zeigt auf die heilige Sphäre und gleichzeitig wendet er sich allein dem Irdischen zu.
Ist der Hahn des Sokrates ein Symbol für die Zerrissenheit des Lebens schlechthin?
Hoffentlich liege ich nicht allzu sehr daneben.

In Erwartung einer Antwort
Ignoramus
Rebecca
Zitat:
Ist der Hahn des Sokrates ein Symbol für die Zerrissenheit des Lebens schlechthin?


Lieber Ignoramus, du hast Recht, obwohl ich es anders ausgedrückt hätte, da ich mit der Zen-Methode nicht sonderlich vertraut bin und nur umrissene Vorstellungen davon habe. Ich würde eher ganz profan sagen: Es ist nicht immer (nur) drin, was draufsteht. Eine "Vielschichtigkeit" eben. Aber genau das war von dir erkannt!
Nicht nur der "dumme Gockel", sondern viel mehr. Nicht nur die "dumme Kuh" Freude , sondern die "heilige Kuh". Beispielhaft.

Ich hinterfrage und zerpflücke gerne. Zwinker

Freundliche Grüße
Rebecca winken
Rhetorix
Opfervorschriften im Asklepieion von Epidauros

In der Eingangshalle des Museums im Asklepieion von Epidauros steht eine Inschrift mit Vorschriften für die Opfer an Apollon Maleatas (den Vorgänger des Asklepios) und Asklepios. Die 2 Bruchstücke gehören zusammen (IG IV2, 1, Nr. 40f. ).
... Die Inschrift ist in die Zeit von etwa 400 v. Chr. zu datieren (also in die Zeit, als der Asklepios-Kult den Kult des Apollon Maleatas ablöste)...

Übersetzung von Nr. 40

[Dem Apollon soll man ein männliches Rind opfern und den Göttern im selben Tempel (homonaois) ein männliches Rind. Auf dem Altar des Apollon soll man diese opfern] und einen Hahn für Leto und für Artemis einen weiteren Hahn, als Anteil für den Gott einen Scheffel (medimnos) Gerste, einen halben Scheffel Weizen, eine hemiteia Wein und einen Schenkel des ersten Rinds, den anderen sollen die Aufseher (iaromnamones) bekommen. Vom zweiten Rind sollen sie den Sängern (aoidoi) einen Schenkel geben, das andere und die Eingeweide sollen sie den Wächtern geben.

Übersetzung von Nr. 41

Dem Asklepios soll man ein männliches Rind opfern und den männlichen Göttern im selben Tempel (homonaois) ein männliches Rind und den weiblichen Göttern im selben Tempel (homonaais) ein weibliches Rind.
Auf dem Altar des Apollon soll man diese opfern und einen Hahn. Sie sollen dem Asklepios als Anteil für den Gott einen Scheffel (medimnos) Gerste, einen halben Scheffel Weizen und eine hemiteia Wein opfern. Einen Schenkel des ersten Rinds sollen sie [dem Gott opfern, den anderen sollen die Aufseher (iaromnamones) bekommen. Vom zweiten sollen sie (einen Schenkel) den Sängern (aoidoi) geben, den anderen und die Eingeweide sollen sie den Wächtern geben.]


Interpretation

Rinder wurden eher selten und vor allem in grossen Heiligtümern geopfert, da sie "für viele zu kostspielig" waren (1). Walter Burkert verweist auf Sokolowski Nr. 20 B (Attika, etwa gleichzeitig mit dieser epidaurischen Inschrift), wo der Preis eines Rindes mit 90 Drachmen angegeben ist, was das 540fache des Richtersolds [Ersatz für den Lohnausfall] von zwei Obolen ist. Hier kann es sich also unmöglich um ein privates Opfer handeln, sondern um ein Staatsfest oder ein ausserordentliches Fest (Mail vom 17.03.04). Über den Anlass wissen wir nichts

Auffällig ist, dass das Opfer für Apollon Maleatas (dem älteren Gott, dessen Heiligtum oben auf dem Hügel danach schrittweise an Bedeutung verlor) billiger war als das Opfer für Asklepios:

Apollon:
2 Rinder, 2 Hähne

Asklepios:
3 Rinder, 1 Hahn

(Gerste, Weizen und Wein sind bei beiden gleich)

http://www.mike-epidavros.com/opfer.html
Geo
Ignoramus:
Zitat:
Ist der Hahn des Sokrates ein Symbol für die Zerrissenheit des Lebens schlechthin?


Hallo ihr,

kann es vielleicht auch sein, daß Sokrates in seinen letzten Atemzügen zugegeben hat, daß er ein stolzer Hahn ist und kühn genug, die damalige Götterwelt in Frage zu stellen und das eben so gut, wie es ein weiser Mann tut. Vielleicht hat er erkannt, daß es einem einzelnen Weisen, und sei er auch noch so weise und nicht wiederlegbar, nichts nützt sich gegen ein ganzes Ideologisches Staatsgebilde aufzulehnen. So hat er am Ende seinen Stolz genau den Göttern geopfert, die er selbst nie anerkannt hat. Dieses eben, indem er zu Kriton sagte (es folgt jetzt eine Auslegung von mir, er hat es ja so nicht gesagt, aber vielleicht gemeint): Sühne du (Kriton) meinen Stolz (Hahn), denn ich kann es nicht, weil ich recht habe (und somit Schuld im Sinne der Götter, die er verkannte). Wenn ich jetzt noch ein bischen weiterspinne, dann könnte man auch darauf kommen, daß Sokrates seine Anhängerschaft noch geschützt hat, indem er ihnen zu erkennen gab, daß auch er diesen Göttern opfert, sie also in den Augen seiner Freunde am Ende auch anerkannt hat (was er selber wahrscheinlich nie tun würde). So kam ihm am Schluss vielleicht doch noch in den Sinn, diese (Lebens)gefährliche Denkweise mit seinem Tod auch Enden zu lassen. Ein weiser Mann...

Ist das jetzt wirklich nur dummes Geschwätz von mir, oder was haltet ihr davon?
Reinhard
Hallo Herr Geo, schon wieder bei Sokrates? Ehrlich gesagt, halte ich das für zu spekulativ. Die Spekulation findet im Phaidon statt und darüber hinaus sollte man nicht auch noch weiter spekulieren. Den Tod des S. sehe ich vielmehr, und er sagt das ja auch ausführlich, in dem Umstand begründet, dass er seinem Staat, der ihm ja erst sein doch nicht allzu kurzes Leben ermöglicht hat, auch in letzter Konsequenz treu bleiben will, ohne sich nur die Rosinen aus dem Kuchen zu picken. Das ist in etwa so, wie man das Schöne ohne dass Hässliche nie kennen wird. Ich finde es ausgesprochen mutig, den Schierlingsbecher zu trinken, obwohl die Chance zur Flucht bestand. Insofern hat er sich, wie die christlichen Märtyrer, über den Staat, aber auch über die damaligen Götter gestellt, die so eine Entscheidung nicht kennen konnten. Wenn Du diesen Mut meinst, dann liegst Du trotz meiner zaghaften Einwände richtig. Dummes Geschwätz ist das aber allemal nicht. Danke.
Geo
Hallo nochmal,

ja, es stimmt, es ist Spekulation. Ich denke mir bei solchen Geschichten immer, wie schmerzlich es auf der Welt zugeht. Es wird solchen Leuten, wie z.B. Sokrates, von der Welt unrecht getan (existierten sie nun wirklich oder nicht), und so habe ich meinem Brass darauf ein wenig Luft gemacht. Danke für die Antworten und die Geduld.
Ignoramus
Hallo zusammen?

Alles was wir über Sokrates wissen, ist uns über Dritte vermittelt. Von daher sind Spekulationen m.E. legitim. Ich möchte nicht über die Spekulationen von Geo und Reinhard richten, sie sind beide gut und haben beide eine Wahrheit, sondern eine neue danebenstellen.
Die Opferung des Hahnes ist genau wie der erste Tropfen des Schierlinsgetränks, den Sokrates den Göttern opfern wollte, ein untergründiger Witz des Sokrates. Bei seinen Gesprächen mit den Hedonisten verulkt er jene ohne das diese es merken. So glaube ich schon, daß er zu Humor fähig wäre angesichts seines Todes. Durch sklavische Nachahmung (und gerade das Giftgetränk zeigt es) veralbert er jene welch ihn wegen Gotteslästerung und Verderbung der Jugend zum Tode verurteilt haben und desavouiert sie. Er wurde zum Tode verurteilt und sollte eigentlich heimlich fliehen. Damit wären seine Gedanken für die Öffentlichkeit gestorben, egal ob der alte Sokrates noch lebte oder nicht. Wurde Sokrates von der Welt Unrecht getan? Viielleicht? Er hat es geschaft, daß wir noch heute über ihn spekulieren, ohne daß er jemals etwas philosophisches schrieb.
Hoffentlich gefällt euch meine Spekulation und es würde mich freuen noch weitere zu lesen.
Reinhard
Hallo Ignoramus, auch das ist völlig richtig. Die Ironie in dem Verhalten des Sokrates ist wirklich nicht zu verkennen, das hat Kierkegaard schon in seiner Dissertation über die Ironie beschrieben und auch in seinen späteren Werken aufgegriffen. Er sieht das Sokratische als ein Teil des Weges zur Nachfolge Christi, das hier aber bei Sokrates noch als Mittel zur Wahrheitsfindung dient. Die Ironie ist somit die negative Vergleichung eines Tatbestandes zur Herausstellung einer mehr oder weniger offensichtlichen Wahrheit. Danke.
Fexx
Hallo Reinhard Schauer,

ich hab leider viel zu wenig Zeit zur Zeit - aber nun hast Du mich doch neugierig gemacht:
Hast Du Dich eingehender mit Kierkegaards Ironiebegriff/-kritik ("sokratische Ironie". vs. romantische I. ; „Das Tageb. d. Verf.“ und I.; „ästhetisches Stadium“ und I.; „Incognito (d. ‚Ethischen’) der I.“ … etc.) auseinandergesetzt?

(Vielleicht ließe sich da ja mal was austauschen … irgendwann … und am liebsten erst zwischen den Jahren *schiieb ;-)*?)

Liebe Grüße, Fexx
Reinhard
Hallo Fexx, sehr gerne im neuen Jahr. Vielleicht verwandelt sich Deine Neugier in Wissbegehren und ich habe die Möglichkeit der Auffrischung. Komm ruhig auf mich zu. Erstmal Fr. Weihn. und einen guten Rutsch. Danke.
Fexx
Grüß’ Dich Reinhard,

fein! Mach ich dann (… neu-, wiss- und auffrischbegierig).

Danke für die „Fr. Weihn.“- und Neujahrs-Wünsche. Ich kann’s nicht so würdevoll lakonisch, nur (noch) kürzer: dto. smile

Liebe Grüße, Fexx