Blumfeld - Textinterpretation

psilophil
Hallo zusammen,
ich hoffe, ich bin hier richtig und es kann mir vielleicht jemand weiterhelfen. Ich analysiere für meine Magisterarbeit im Fach Neuere deutsche Literaturgeschichte u.a. Songtexte der Hamburger Gruppe "Blumfeld" - und stehe leider vor einigen Schwierigkeiten. Offenbar ist deren Sänger Jochen Distelmeyer deutlich belesener und insbesondere philosophisch bewanderter als ich. Jedenfalls bin ich teilweise ratlos, was er aussagen möchte. Nun hoffe ich, dass vielleicht von Euch jemand weiter weiß.

Konkret geht es um den Text "L'Etat et moi (Mein Vorgehen in 4-5 Sätzen)"

Ich [verlinke] ihn einmal hier rein....und bin Euch für jegliche Anregungen dankbar! Gruß, Lars.

=> [ skyeyeliner.endorphin.ch/blumfeld_leemtexte.html#8 ]
meloyello
Zitat:
Jedenfalls bin ich teilweise ratlos


Ich bin komplett ratlos und auch froh drüber .
Rhetorix
Zitat:
Original von psilophil
- und stehe leider vor einigen Schwierigkeiten. Offenbar ist deren Sänger Jochen Distelmeyer deutlich belesener und insbesondere philosophisch bewanderter als ich....
Ich halte diesen Text für eine Art von Grübel-Kitsch.

Merke: Nicht jeder, der eine Denkerpose einnimmt und unverständliches, aber scheinbar irgendwie bedeutend wirkendes Zeug von sich gibt, ist ein Denker und hat was zu sagen.

Da es sich um einen Songtext handelt, kommt es auf den Gedankengang vielleicht aber auch gar nicht in erster Linie an.
Einen Songtext sollte man - ebenso wie den Text einer Arie oder eines Kunstlieds - nicht von der Musik losgelöst sehen. Die dümmsten Texte können musikalisch brauchbar sein!
psilophil
Hallo Rhetorix,
danke schon mal für Deine Meinung ;-) Mag sein, dass es "Grübel-Kitsch" ist; nur muss ich das belegen, und dafür fehlen mir leider noch die Argumente. In der ersten Strophe vermute ich einen Hinweis auf Sartre, später gibt es Referenzen z.B. zu Heidegger und Nietzsche, außerdem Rilke, Filmzitate usw. - aber die 2. Strophe z.B. sagt mir gar nichts...

Mit ein paar Stichwörtern wäre mir schon sehr geholfen smile Man darf den text auch ruhig verreißen.

Danke!!
Rhetorix
Also gut, fangen wir mal an:

Von einem Blatt das unbeschrieben
vor mir liegt und Fragen stellt...

Das ist hausbacken und platt. "Unbeschrieben" und "Blatt" kann man allenfalls noch zusammenfügen, wenn man eine Augenbraue ironisch dabei in die Höhe zieht. Tut der Texter aber nicht, sondern setzt naiv noch eins drauf mit der schlechten Metapher, dass das Blatt ihm Fragen stellt (so sehr ein leeres Blatt denjenigen, der es füllen muss, auch quälen mag: fragen tut es eben nicht!).
Der Anfang ist bekanntlich besonders wichtig. Dieser Anfang hier kommt dem Text nicht zugute.

...wie ich dem Blick derer entkam
die mich durch ihn für sich erzeugen...

Die erste Zeile klingt bürokratisch, die zweite klingt interessant.
Bedeutung vielleicht: "Die da" erzeugen den Autor für sich durch die Art und Weise, wie sie ihn betrachten (sie haben also ihre subjektive Wahrheit über ihn).
Nun ja.
Dass das unbeschriebene Blatt den Texter fragt, wie er dem Blick derer entkam, halte ich für albern.

kann ich ohne mich zu beugen in ihm leben
oder wachs' ich lebenslang in ihn hinein
ein Gegenstand der im Begriff ist loszulegen
fragt sich, was ich in aller Welt verloren hab.

Hier fehlt leider die Phrasierung (in der Musik müsste sie vorhanden sein), so dass man ein bisschen rätseln muss.

Ich vermute:

Kann ich, ohne mich zu beugen, in ihm [dem Blick "von denen"] leben,
oder wachs' ich lebenslang in ihn [diesen Blick] hinein?
Ein Gegenstand, der im Begriff ist loszulegen [hiermit kann nur das unbeschriebene Blatt gemeint sein] fragt sich, was ich in aller Welt verloren hab.


Diese Fragen stellen sich allerdings nicht, da der Texter auf wundersame, selbst dem unbeschriebenen Blatt rätselhafte Weise dem Blick derer ja entkam.

Ich könnte kotzen über diese Platitüden, Geschwollenheiten und Dummheiten und schließe meinen Kommentar mit Archibalds wesentlich geistreicheren Worten:

Gedichte schreiben ist wie Bücher verbrennen,
fast genau wie Klowände streichen.
Rhetorix
auch schön:

...und wie ein Star aus dem Rahmen fällt
ein Blitz der sich entzieht nach vorn raus
und von der Bildfläche verschwindet.

Da bin ich aber wirklich froh, dass der Star nicht aus dem Starenkasten, sondern nur aus dem Rahmen gefallen ist und der Blitz nicht hinten raus losgegangen und verduftet ist!

...bin ich ein Bild auf das ich blicke
mir von mir mache und in das ich mich selbst schicke
in die Versenkung...

Schick den Text gleich hinterdrein!


Der Texter macht bei seinem gedicht-ähnlichen Produkt den schlimmsten aller Dilettanten-Fehler:

Er ahnt nicht, wie weit er von einem begnadeten Dichter entfernt ist, und wählt daher nicht den sichersten Weg.
Der sicherste Weg für ungeübte Poeten ist allemal die Einfachheit des Ausdrucks und relative Bedeutungslosigkeit des Inhalts. Sowas kann - jedenfalls als Songtext - einfach nicht schiefgehen. Und hat Erfolg! Wer sowas zu mager findet, hat was Wichtiges nicht begriffen - und verhilft dem Text zur weiteren erfolgreichen Verbreitung.

Mit schlichten Worten macht man sich nicht so leicht lächerlich wie mit hochtrabenden, und sie sind leichter zu beherrschen, weil man sie täglich benutzt. Dilettanten sind einfache Worte aber in der Regel nicht genug. Sie verzieren gern mit Metaphern und Fremdwörtern, weil das so schön gehoben, gebildet und wichtig wirkt. Tatsächlich wirkt es beinahe immer nur grottenschlecht. Wenn die Metaphern dann auch noch lächerlich wirken, ist es ganz aus.

Wenig Inhalt schadet einem Gedicht nicht wirklich. Zu viel Inhalt schadet umso mehr.
Auch insofern der alte Dilettantenfehler: es wird an vermeintlichem Tiefsinn hineingepackt, was einem nur einfällt.
Die Daumenregel zur Vermeidung von Lächerlichkeit lautet aber:

Anfänger müssen sich mit den einfachsten Gedicht-Inhalten begnügen.
Viel Inhalt mitzuteilen, erfordert eine sehr gute Beherrschung der Sprache und der Form.
Gar Tiefsinn mitzuteilen, können sich nur geniale Dichter leisten.
psilophil
Hallo Rhetorix,

Herrn Distelmeyers Dichtkunst steht hier anscheinend nicht allzu hoch im Kurs. Sehr erfrischende Polemik!

Lassen Sie mich einmal wiedergeben, was der Professor, der meine MA-Arbeit betreut, nach kurzer Lektüre genau dieses Textes dazu geäußert hat.

Zitat: "Er ist literarisch vielleicht nicht brillant, aber doch anspruchsvoll und nicht ohne Geschick gemacht, benutzt zahlreiche Techniken der modernen Lyrik (Enjambement, Apokoinu, Binnenreim, Bilingualität, intertextuelle Beziehungen zur Popkultur, Idiomatisches). Der Sound des Textes ließ mich -vor allem wegen der Binnenreime- an die Gedichte von Norbert Hummelt denken, der zur Musik- und Performanceszene am Niederrhein Mitte der 80er bis Anfang der 90er zählte. Bei ihm finden sich auch häufig deutsch-englische Sprachmischungen - schön fand ich das Ende mit dem variierten Dylan-Zitat."

Um den guten Mann vor Ihnen zu schützen, lass ich seinen Namen einmal ungenannt smile ))

Schönes Wochenende!
Aurom
Zitat:
Original von Rhetorix
Die dümmsten Texte können musikalisch brauchbar sein!


genaaauuu..."oh baby baby balla balla"... roll
Rhetorix
Zitat:
Original von psilophil
Zitat: [I]"Er ist literarisch vielleicht nicht brillant, aber doch anspruchsvoll und nicht ohne Geschick gemacht..."

Ich lach mich schlapp!

Über das, was er über die erwähnten Techniken und über den 'Sound' des Textes schreibt, habe ich (abgesehen vom interessanten Klang der 2. Zeile) noch nichts geschrieben. Es mag richtig sein. Ich lasse es einfach mal dahingestellt, weil ich den Text in seiner rein schriftlichen Form als lächerlich und abstoßend empfinde und mich nicht weiter damit befassen mag.

Allerdings habe ich schon darauf hingewiesen, dass ein Songtext andere Qualitäten braucht als ein zu lesendes oder sprechendes Gedicht!
Hier kommt es in erster Linie auf die musikalischen Möglichkeiten an, die er bietet: auf seinen Rhythmus, den Klang seiner Worte und eventuell auch auf die Bilder, die sich musikalisch umsetzen lassen (oder auch nicht).
Ich bin insofern relativ abgehärtet durch Operntexte (schrecklichster der Schrecken: Wagners ambitionöses Waggagaweia-Gestümpere).
Es gibt auch die Texte betreffend keine klare Grenze zwischen U-Musik und E-Musik.

Wenn es mir erlaubt ist, dir zwei Ratschläge zum Umgang mit diesem Text und ähnlichen zu geben, dann wären es diese:

Geh nur ja nicht davon aus, dass das, was dir tiefsinnig daherkommt, was anderes ist als geschwollenes Zeug.
Beurteile den Text nicht unabhängig von seinen musikalischen Möglichkeiten.
Simon
Über das, was er über die erwähnten Techniken und über den 'Sound' des Textes schreibt, habe ich (abgesehen vom interessanten Klang der 2. Zeile) noch nichts geschrieben. Es mag richtig sein. Ich lasse es einfach mal dahingestellt, weil ich den Text in seiner rein schriftlichen Form als lächerlich und abstoßend empfinde und mich nicht weiter damit befassen mag.

Ohne Ihnen jetzt nahe treten zu wollen, aber kann es sein das Sie von rhetorische Mittel keine Ahnung haben? Was ja nicht wirklich schlimm ist. Klingt nur so, wenn dem so ist kann man nur psilophil recht geben, polemik, aber wirklich mit freude.

gruß der simon