Tarvoc
"Die Welt ist alles das, was der Fall ist."
So beginnt das wohl bekannteste Werk des österreichischen Philosophen und Sprachanalytikers Ludwig Wittgenstein, das Tractatus logico-Philosophicus (zu deutsch: Logisch-philosophische Abhandlung).
In diesem Werk versucht der Autor, ein Bild der Welt zu zeichnen, oder besser gesagt: ein Bild der Sprache und mit diesem ein Bild der Welt.
Seine Aufgabe ist, wie er selbst sagt, 'das Unsagbare von innen durch das Sagbare abzugrenzen' und so 'nur das Sagbare zu sagen und damit das Unsagbare zu bedeuten'.
Die Kernaussage des Tractatus formuliert Wittgenstein im (später verfassten) Vorwort so: "Was man überhaupt sagen kann, das kann man klar sagen, und was man nicht sagen kann, davon soll man schweigen."
Im Laufe des Buches beschäftigt sich Wittgenstein zuerst mit den realen, praktischen Problemen der Logik, Semantik, Mathematik und Wissenschaftstheorie und wendet sich erst gegen Ende den eigentlich 'interessanten' Bereichen der Erkenntnistheorie, Ontik und Ethik zu.
Nicht ganz klar wird bei der Lektüre, welche ontische Position Wittgenstein nun bezieht. Trotz seiner Verteidigung des Solipsismus ("Was der Solipsismus nämlich meint, ist schon richtig.") scheint Wittgenstein kein Solipsist im eigentlichen Sinne zu sein. Es scheint so zu sein, dass er anderen Individuen (bzw. wie er sagt: "Subjekten") durchaus eine Existenz zuschreibt, so benutzt er auch öfters 'mal den Begriff 'wir'.
Interessant ist, dass, obwohl Wittgenstein vorher nach eigener Aussage niemals irgendeinen der 'Klassiker' gelesen hatte, er viele Ideen u.A. von Kant, Schopenhauer und Aristoteles auf seine eigene Art und Weise wiederentdeckt. Auch können durchaus Paralellen zu fernöstlichen Denktraditionen wie dem Taoismus und dem Zen-Buddhismus gefunden werden.
(Das Konzept des "Mystischen" ähnelt Lao-Tsus 'Tao' und die Unauffindbarkeit des Subjekts findet seine Entsprechung im "Anatta"-Konzept des Zen, bzw. überhaupt des Buddhismus.)
Die Frage, ob Wittgenstein sich alle diese Gedanken alleine erarbeitet hat, steht also genauso im Raum wie die eigentliche Bedeutung des Tractatus, von der Wittgenstein ja sagt, dass sie nicht gesagt werden kann, sondern sich dadurch erschließt, dass man das Tractatus nach dem Lesen sozusagen "wegwirft" wie eine Leiter.
riddler
Besonders schön fand ich folgenden Ausspruch von Wittgenstein: "Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt."
In der Linguistik, aber auch in 'normaler' germanistischer Sprachwissenschaft, kommt man nicht an Wittgenstein vorbei, genauso wenig wie in der Philosophie, als auch in der Literatur des Expressionismus. Der Herr hat sich wirklich sehr breitflächig beschäftigt und aufgrund seines Reichtums auch Talente gefördert (z.B. Georg Trakl).
Es mag vielleicht anstössig sein und ich möchte auch keinesfalls die Leistungen der vorherigen und heute noch großen Philosophen untergraben, aber im Prinzip sind manche (manche!) Einsichten, die sie erlangt haben, oftmals wirklich recht einfach. Nur darauf kommen muss man erst einmal. Wittgenstein war ein äußerst gelehrter Mann. Tarvoc, falls du den Film nicht kennst, dann empfehle ich dir irgendwo einmal die Reportage von 3Sat vom Frühling letzten Jahres über Wittgenstein zu besorgen. Es ist für mich zumindest schön gewesen, neben der Philosophie Wittgensteins auch etwas über den Menschen dahinter zu erfahren (natürlich kommen seine Ansichten in Literatur/Philosophie/Linguistik im Bericht nicht zu kurz).
Ich bin mir nicht sicher, ob man Wittgensteins Bücher verstehen kann. Dasselbe gilt allerdings für einige Bücher. Man liest sie und irgendwann wird man doch noch einmal indirekt darauf gestoßen.
Ich wüsste nicht, was ich sonst deinen Ausführungen hinzuzufügen hätte.
Tarvoc
| Zitat: |
Original von riddler
Ich bin mir nicht sicher, ob man Wittgensteins Bücher verstehen kann. |
Vielleicht ist ja genau das der Knackpunkt am Tractatus.
Er schreibt ja auch, zu einer Antwort, die nicht existiert, existiere auch die Frage schon nicht. Und dann diese Sache mit der weggeworfenen Leiter...
Vielleicht will Wittgenstein sagen, dass es gar kein "richtiges" Verständnis des Tractatus geben kann - oder besser gesagt: dass nur Wittgenstein die von ihm selbst beabsichtigte Bedeutung der Worte wissen kann. Wir können sie höchstens erahnen bzw. erschließen.
Das würde auch zu seinen späteren "Privatsprachen"-Überlegungen passen.
Und zu seinem Vorwort, in dem er sinngemäß schreibt:
"Das Tractatus ist
kein Lehrbuch. Sein Ziel wäre erfüllt, wenn es dem Leser Freude bereitete."
Lauscher
| Zitat: |
| Original von Tarvoc Trotz seiner Verteidigung des Solipsismus ("Was der Solipsismus nämlich meint, ist schon richtig.") scheint Wittgenstein kein Solipsist im eigentlichen Sinne zu sein. |
Was meint der Solipsismus denn deiner Meinung nach?
„Alles ist Eins“, „Definierung ist nicht möglich“, „Alles ist leer“ „Der Betrachter ist das einzig existierende“?
Irgendwie sind diese Formulierungen verwand, aber doch sehr verschieden…
Tarvoc
| Zitat: |
Original von Lauscher
Was meint der Solipsismus denn deiner Meinung nach?
|
"Ich bin das Einzige, was existiert."
Lauscher
| Zitat: |
Original von Tarvoc
| Zitat: |
Original von Lauscher
Was meint der Solipsismus denn deiner Meinung nach?
|
"Ich bin das Einzige, was existiert." |
Etwas mager, oder?
Kann mir nicht vorstellen dass weder du noch Witti das so sehen…
Tarvoc
| Zitat: |
Original von Lauscher
Kann mir nicht vorstellen, dass weder du noch Witti das so sehen… |
Ich finde den Solipsismus ganz einfach langweilig.
Außerdem vermischt er Epistemik und Ontik. Und das kann ich nicht ausstehen.
Lauscher
| Zitat: |
Original von Tarvoc
| Zitat: |
Original von Lauscher
Kann mir nicht vorstellen, dass weder du noch Witti das so sehen… |
Ich finde den Solipsismus ganz einfach langweilig.
Außerdem vermischt er Epistemik und Ontik. Und das kann ich nicht ausstehen.
|
Ontik konstatiert das Sein. „Es ist“.
Epistemik hinterfragt die Betrachtungsweise, die Wahrnehmung, wenn von mir richtig verstanden. (Du suchst dir aber Begriffe…

)
Solipsismus ist nur eine Meinung über das was ist.
Was willst du damit sagen?
Tarvoc
| Zitat: |
Original von Lauscher
Solipsismus ist nur eine Meinung über das was ist.
Was willst du damit sagen? |
Der Solipsismus sagt: 'Außerhalb meiner Wahrnehmung existiert nichts.'
Wenn das keine Verwechslung des epistemischen und des ontischen Existenzbegriffes ist, dann weiss ich auch nicht mehr.
Lauscher
| Zitat: |
Original von Tarvoc
| Zitat: |
Original von Lauscher
Solipsismus ist nur eine Meinung über das was ist.
Was willst du damit sagen? |
Der Solipsismus sagt: 'Außerhalb meiner Wahrnehmung existiert nichts.'
Wenn das keine Verwechslung des epistemischen und des ontischen Existenzbegriffes ist, dann weiss ich auch nicht mehr.
|
Ich nenne es schlicht „Ignoranz“ zu sagen 'Außerhalb meiner Wahrnehmung existiert nichts.'
Der ontische Existenzbegriff wird nicht angetastet, es stimmt in sofern dass es so erscheint als ob die einzige Wahrnehmung die ich erfahre „meine“ ist. – also kann man nicht sagen dass es „falsch“ ist. Es erscheint zunächst so.
Was da hinkt ist die Betrachtungsweise/Perspektive die einseitig ist.
Tarvoc
| Zitat: |
Original von Lauscher
Was da hinkt, ist die Betrachtungsweise/Perspektive, die einseitig ist. |
Ich sagte doch die ganze Zeit, dass es sich eine Verwechslung von Epistemik und Ontik handelt...
Äh... sollte es in diesem Thread nicht
eigentlich um eine Analyse von Wittis Tractatus gehen?
Lauscher
| Zitat: |
Original von TarvocÄh... sollte es in diesem Thread nicht eigentlich um eine Analyse von Wittis Tractatus gehen?
|
Du darfst meine Beiträge löschen wenn du willst
Fanny
Wittgenstein Solipsismus ist ein Solipsismus des Nicht-Besitzens, weil das Ich für ihn ein deiktischer Ausdruck ist.
Tarvoc
| Zitat: |
Original von Fanny
Wittgenstein Solipsismus ist ein Solipsismus des Nicht-Besitzens, weil das Ich für ihn ein deiktischer Ausdruck ist. |
Ja, sozusagen. Damit ähnelt er in gewisser Weise Lao-Tse - was für diesen das Tao, war für Wittgenstein das Ich bzw. "Das Mystische".
Und damit grenzt er sich von Schmalspur-Solipsisten wie z.B. Max Stirner ab...
Fanny
Schön, daß du immer diese Verbindung zu asiatischer-fernöstlicher Philosophie ziehen kannst. Gelingt mir nicht, noch zu wenig Wissen.
Kannst du mir da was empfehlen? Ein nicht allzu komplizierter Einstieg, der aber gut Verbindungen, Vernetzungen erkennbar macht.
grüsse
Fanny
Tarvoc
| Zitat: |
Original von Fanny
Schön, daß du immer diese Verbindung zu asiatischer-fernöstlicher Philosophie ziehen kannst. |
Naja, mir geht es da mehr um
inhaltliche Verbindungen als um tatsächliche Kausalverbindungen. Da Wittgenstein kurz nach der Veröffentlichung des Tractatus zugab, bisher keinen der westlichen Klassiker gelesen zu haben, vermute ich, dass er die fernöstlichen erst Recht nicht gelesen hat.
Die inhaltlichen Paralellen sind aber zum Teil durchaus auffällig...
| Zitat: |
Original von Fanny
Kannst du mir da was empfehlen? Ein nicht allzu komplizierter Einstieg, der aber gut Verbindungen, Vernetzungen erkennbar macht. |
Also, zum Einstieg in Lao-Tses Philosophie liest du natürlich am Besten Lao-Tse selbst.
Sein Hauptwerk ist, wie ja bekannt sein dürfte, das Tao-Te King bzw. Daodejing. (Die Aussprache ist regional verschieden, daher gibt es unterschiedliche Transskriptionsarten.)
Fanny
Ja, ich meinte die inhaltlichen Verbindungen, nicht kausale.
Es gibt ja die landläufige Meinung, wenn man sich mit einem Philosophen intensiv beschäftigt, hat man oftmals mehr davon, als wenn man alle oberflächlich liest.
Wittgenstein hatte sich mit Frege und Russells Schriften intensiv beschäftigt und Schopenhauer gelesen. Und seine Denkweise war ausgesprochen akribisch, er hat die Leute damit nerven können.
Danke für deinen Tipp
Fanny
Tarvoc
| Zitat: |
Original von Fanny
Es gibt ja die landläufige Meinung, wenn man sich mit einem Philosophen intensiv beschäftigt, hat man oftmals mehr davon, als wenn man alle oberflächlich liest. |
Könnte schon sein.
| Zitat: |
Original von Fanny
Wittgenstein hatte sich mit Frege und Russells Schriften intensiv beschäftigt und Schopenhauer gelesen. |
Schopenhauer? Also wenn, dann erst
nach der Veröffentlichung des Tractatus.
Dass sich Witti intensiv mit Frege und Russel auseinandergesetz hat, weiss ich natürlich. Das waren allerdings zu seiner Zeit auch noch keine "Klassiker", sondern zeitgenössische Philosophen...
| Zitat: |
Original von Fanny
Und seine Denkweise war ausgesprochen akribisch, er hat die Leute damit nerven können. |
Er und Popper haben sich 'mal deswegen geprügelt.
| Zitat: |
Original von Fanny
Danke für deinen Tipp. |
Bitte.
Fanny
| Zitat: |
Dass sich Witti intensiv mit Frege und Russel auseinandergesetz hat, weiss ich natürlich. Das waren allerdings zu seiner Zeit auch noch keine "Klassiker", sondern zeitgenössische Philosophen...
|
Nein, sie waren keine Klassiker.
Der Tractatus begründet sich ja mit der Kritik Wittgenstein an Russell. Russell ist der Meinung, daß es nicht reicht, daß einer Variablen ein Wert nur zugeschrieben wird. Wenn sie gebunden wäre, könnte sie auch frei sein. Damit gibt Russell der Logik eine ontologische Grundlage.
Tarvoc
| Zitat: |
Original von Fanny
Der Tractatus begründet sich ja mit der Kritik Wittgensteins an Russell. Russell ist der Meinung, daß es nicht reicht, daß einer Variablen ein Wert nur zugeschrieben wird. |
Heißt das, er war der Meinung, dass z.B. das Wort 'Tisch' auch unabhängig vom menschlichen Verstand einen Tisch bezeichnet?
| Zitat: |
Original von Fanny
Wenn sie gebunden wäre, könnte sie auch frei sein. |
Das verstehe ich nicht...
© Philo-Welt.de 2005-2008