Literarische Fragmente

JustusSaevus
Liebe Mitdenkenden,


ich stelle hier mal Auszüge aus einem literarischen Projekt zur Diskussion.
Wär cool, wenn der ein oder andere mal seinen Senf dazu abgeben könnte. Merci! Ach so, bitte beachtet das Copyright;-)



Ein wahrhaft philosophischer Streit

Der Künstler:

„Eine erbärmliche Wahrheit ist diese, die der Krücken des Beweises bedarf, um aufrecht gehen zu können.“

Der Wissenschaftler:

„Welch eine Überschätzung der menschlichen Vernunft, anzunehmen, sie könne die Gültigkeit der aufwendigsten Ableitung, ja gar die Wahrheit hinter den Zusammenhängen der Natur, die nur experimentell zu gewinnen sind, unmittelbar einsehen.
Und was noch viel schlimmer ist: Welch ein Zeichen kindischer Ungeduld und mangelnder Disziplin, den mühseligen aber notwendigen Umwegen der Wissenschaft abzuschwören!“

Der Künstler:

„Nur von der Wahrheit, deren Keim Sie tief in ihrem Inneren tragen und die mit all den schmerzhaften Einsichten des Lebens gedüngt wurde, können Sie ein Leben lang zehren. Das Gebot, sich nicht mit fremden Federn zu schmücken, beherzigt ein Mann des Geistes schon aus diesem Grund. Es bescherrt einen nichts als einen Pyrrhos-Sieg, etwas begreifen zu wollen, von dem man sich nicht ergreifen lassen will!“

„Alle Strategie krankt an der Gewalt gegen den Augenblick; jeder Zielstrebige hat etwas von einem Wahnsinnigen. Die Kunst aber ist die Entfesselung des Augenblicks, weil sie nichts verspricht als sich selbst.“

Fehlt also dem Suchenden der Mut zu Erfinden, so dass er sucht oder ist der Erfindende des Suchens überdrüssig, weil er nicht gefunden hat?
Neophyt
Die meisten Menschen fehlt generell der Ehrgeiz zu größeren Taten. Sie tun nur das was notwendig ist. Die meisten gehen nur gelangweilt durchs leben sie tun ihre Arbeit gehen nach hause und erledigen ihre häuslichen Pflichten. Sie denken zu oberflächlich, keinen interessiert es wirklich wie diese Welt funktioniert.Wozu auch sie müssen es ja nicht wissen wenn es nicht umbedingt zu ihrer Arbeit gehört.Sie denken einfach nicht über ihre Umwelt nach,und um in dieser tristen Wirklichkeit noch irgendt ein Sinn zu erkennen klammern sich die Leute an irgentwelche wirren Glaubensrichtungen fest.Deshalb denke ich mir das viele deshalb Kritikern ablehend gegenüberstehen, weil den Kritikern offen und tolerant gegenüber zustehen würde ja bedeuten sich der Gefahr auszusetzen das mein Weltbild falsch war, und somit seinen Glauben in das positive und denSinn in der Welt zu verlieren.
ab-uno
Moin,

als ich auf dieses interessante Fragment stieß, das, meines Erachtens, bis jetzt noch nicht ausreichend gewürdigt wurde. Ich weiß nicht wirklich, auf welche Weise der Beitrag Neophyts, Antwort auf das von Justus eröffnete Thema anstrebt zu sein. Wie auch immer, Verstehen ist eben subjektiv. Beschloss ich auch mein Verständnis einmal niederzuschreiben. Vielleicht kann sich daraus, sofern Interesse geweckt werden kann, etwas Interessantes entwickeln.

Darum nun mein Verständnis, das aufzuschreiben. trotz meiner angeborenen Schreibfaulheit, einzig dem Umstand zu verdanken ist, dass ich mich auch sonst mit der Frage nach der Kunsthaftigkeit der Kunst, der Poesie der Poesie etc. beschäftige:

Es geht in dem Dialog zwischen dem Künstler und dem Wissenschaftler offensichtlich um einen Streit zwischen zwei unterschiedlichen Wahrheitskonzepten. Dem der modernen Wissenschaft auf der einen und dem der Kunst auf der anderen Seite. Der Wissenschaftler zeichnet sich als moderne Wissenschaftler aus, weil er Wahrheit auf Beweise, Herleitungen, Methoden etc. zurückführt. Der Künstler zeichnet sich dagegen als jemand aus, der an einem existentiellen Wahrheitsbegriff orientiert ist. Wahrheit ist für ihn das, was in das Dasein hineinragt, das Exstatische, das Existentielle, das Leiden an der Welt etc. Damit vertritt er nicht unbedingt ein aktuelles Kunstverständnis, aber ein emphatisches, das sich durchaus zu würdigen lohnt.

Problem:
Was sich in diesem Dialog als Widerspruch inszeniert, ist es, bei genauerer Betrachtung vermutlich nicht. Denn: Der existentielle Wahrheitsbegriff oder vielleicht besser: der exstatische Wahrheitsbegriff des Künstlers steht nicht im Widerspruch zu einem modernen wissenschaftlichen Wahrheitsbegriff. Er ergänzt ihn wohlmöglich, aber stellt ihn nicht eigentlich in Frage. Auch der exstatischste Künstler bedient sich nur allzugern der Errungenschaften der modernen Wissenschaft, spätestens, wenn er Schmerzen etc. hat oder mal warm duschen will. Und das ist auch gut so. Sonst gäbe es keine Internetforen, in denen darüber diskutiert werden kann, ob ein exstatischer Wahrheitsbegriff dem wissenschaftlichen widerspricht.
Was ist denn nun aber der Status des exstatischen Wahrheitsbegriffs, wenn er nichts zu einem wissenschaftlichen Wahrheitsfindungsprozess beitragen kann? Hat er dann überhaupt einen Wert? Oder ist er reaktionäre Vision eines Technikmuffels oder eines von der modernen wissenschaftsgeprägten Gesellschaft Überforderten?

Meiner Meinung nach kann sich sinnvoll über den Status eines exstatischen Wahrheitsbegriffs nur unterhalten werden, wenn Referenzen klar voneinander unterschieden werden. Gleiche Begriffe haben in verschiedenen Kontexten verschiedene Bedeutungen. Sie evozieren unter verschiedenen Umständen zu unterscheidende Bedeutungsreihen. Wahrheit ist in der Wissenschaft nicht anders zu denken als in Bezug auf Beweise und Beweise der Beweise usw. Ohne ein dicht gespanntes Netz an Beweisen, die sich gegenseitig stützen, könnte nicht bewiesen werden. Die Selbstreferentialität solcher Strukturen, die Konstruiertheit des wissenschaftlichen Wahrheitsbegriffs bedeutet nun aber nicht dessen Bedeutungslosigkeit. Mit seiner Hilfe wird eben erfunden, immer Neues, viel Müll, aber auch sehr viel Sinnvolles.
Der exstatische Wahrheitsbegriff ist im Grunde ein schwer zu ortender. Er ist weniger ein künstlerischer als ein philosophischer. Meist sind es die Philosophen, die dazu neigen, in der Kunst einen alternativen Wahrheitsbegriff verkörpert zu sehen. Künstler, zumindest moderne Künstler tendieren zumeist doch eher zu einer nüchterneren Bewertung des eigenen Schaffens. Sie machen eben Kunst. Und Kunst entsteht hauptsächlich im Auge des Betrachters. Was also an ein poetisches Werk herangetragen wird, ist nicht zu unterscheiden von dem, was das Werk ist. Es ist eben alles, was Du darin siehst. Damit ist ein Kunstwerk im Grunde äußerst ungeeignetes Medium zur Darstellung von Wahrheit, die ja bezeichnen soll, was objektiv ist und nicht, was jemand hinein fantasiert. Es handelt sich hier vielleicht eher um einen philosophischen Wahrheitsbegriff. Und dann ist er mindestens auf zweierlei Art deutbar: Erstens, wie in dem vorliegenden Dialog als intellektuelles Schauen, als Blick in das Wesen der Dinge (siehe auch Schopenhauer) etc. oder Zweitens: als schaffender, poietischer, dem es ums Ganze geht und nicht um Einzelheiten.

Hat Kunst nun gar nichts mit Wahrheit zu schaffen? Oder ist das die Wahrheit der Wahrheit: das es keine Wahrheit gibt? Und ist dann Kunst doch näher an dieser Wahrheit der Wahrheit als die Wissenschaft? Kunst ist Kunst und Wissenschaft ist Wissenschaft. Von beiden Positionen aus ist eine universale Thematisierung der Welt möglich. Beide können über Alles reden. Aber jeder auf seine eigene Art. Unterscheidet man nicht die Themen, sondern die Art, wie über Themen geredet wird, ergeben sich Diskrepanzen, die nicht mehr über gleichlautende Begriffe überbrückt werden können. Dann ist es sinnvoll zu unterscheiden.
Welchen Sinn hat nun ein exstatischer Wahrheitsbegriff für die Kunst, und welchen hat er für die Philosophie und damit auch für die Wissenschaft ? Darüber lässt sich nun nichts eindeutiges sagen. Darüber muss diskutiert werden! Warum? Weil sich über einen exstatischen Wahrheitsbegriff zu diskutieren immer lohnt, nicht nur in Bezug auf Fragen der Kunst, sondern auch und vor allem in Bezug auf die Philosophie insgesamt. Ob darüber nun eher kunsttheoretisch oder philosphisch diskutiert werden sollte, kann von mir nicht entschieden werden. Ich plädiere allerdings dafür, beide Diskurse auseinander zu halten. Denn, was für die Kunst gut ist, muss es nicht unbedingt für die Philosophie sein, wenn sie nicht vollends als entgrenzte in die gesellschaftliche Bedeutungslosigkeit versinken oder ihr Dasein einzig als Logiken schaffende fristen will. Ziel dieser Diskussion sollte es dann auch sein, Sinn und Unsinn eines exstatischen Wahrheitsbegriffs zu klären und ihn dadurch näher zu bestimmen.

Nun denn:
Freundlichst Ab Uno