Wozu Ethik?

Xorg
Hallo ich hätte mal ne Frage die mich schon länger beschäftigt. Es geht um die Ethik als ganzes. Sie versucht ja zu unterteilen, was gut und was schlecht ist und inforge dessen zu entscheiden was man tun soll und was nicht. Doch die Sache hat einen Haken: Wieso sollte ich das Gute tun, wenn ich erkannt habe das es gut ist? Ethik geht davon aus, dass man das erkannte Gute auch tut, doch dieser Grundsatz wird täglich falsifiziert. Wenn sich sowieso keiner an ethische Richtlinien hält, wozu braucht man sie dann überhaupt? Oder anders: Wie kann man Menschen dazu bringen, das Gute auch zu tun, und darf man das überhaupt?
Tarvoc
Arist
Ich glaube Ethik ist nicht an einen binären Code gebunden. Es geht nicht um die Extreme, sondern vielmehr um die Details. Es geht nicht darum Gutes zu tun, sondern Schlechtes zu vermeiden.

Auf Auf
Tarvoc
Zitat:
Original von Arist
Ich glaube Ethik ist nicht an einen binären Code gebunden.


Das kommt auf die Ethik an. Zwinker Ich bin mir aber relativ sicher, dass jede sinnvolle Ethik es nicht ist.

Zitat:
Original von Arist
Es geht nicht darum Gutes zu tun, sondern Schlechtes zu vermeiden.


Es geht darum, zu vermeiden, Schlechtes zu tun. - so würde ich das formulieren.
(Der erste Teil des Satzes ist derart unspezifisch und daher ambivalent, dass ich mich dazu erst nach weiterer Erläuterung äußern werde.)
Arist
Helfe mir, was irritiert Dich an dem Satz? Gruß
Tarvoc
Zitat:
Original von Arist
Helfe mir, was irritiert Dich an dem Satz?


Es geht nicht darum, Gutes zu tun? Wieso das denn nicht? gruebel
Arist
Die häufigsten Verhaltensformen des Menschen, werden durch normative, ethische und andere Kategorien reguliert. Was würde ohne dieses allgegenwärtige gewachsene Eingreifen zwischenmenschlich passieren? Ich bin der Überzeugung, dass die Konsequenzen auf der Basis unserer Gesellschaftsstruktur negativ wären. Man kann anderer Meinung sein! Somit ist jedes Verhalten des Menschen in meine Augen Vermeindungsverhalten. Das heißt,man möchte mit seinem Tun mögliche negative Folgen, primär für sich selbst vermeiden. Hält man sich zugunsten der Gesellschaft und ihrer geschriebenen und ungeschriebenen daran, so schafft dies unserer normativen Auffassung nach indirekt Gutes.

Gruß
Parmenides
@ Tarvoc

wieso, die meisten denkvorgänge zur ethik funktionieren doch im ottonormalverbraucherhirn schon nicht streng dichotomisch: meistens gibt es doch mehrere faktoren, die nach +/- begutachtet werden, z.b. ist es erlaubt? ist es nützlich? ist es gut(nach welcher ethik auch immer)? wie denkt der rest wohl darüber? etc. sodass man doch sehr schnell in einem recht komplexen koordinatensystem landet, das nichtmehr binär genannt werden kann. genausowenig wie ein cartesisches koordinatensystem nur 1.d ist weil es durch drei 1d linien aufgespannt wird...

tschö Parme
Tarvoc
Zitat:
Original von Arist
Die häufigsten Verhaltensformen des Menschen, werden durch normative, ethische und andere Kategorien reguliert. Was würde ohne dieses allgegenwärtige gewachsene Eingreifen zwischenmenschlich passieren? Ich bin der Überzeugung, dass die Konsequenzen auf der Basis unserer Gesellschaftsstruktur negativ wären.


Das beantwortet meine Frage nicht.

Zitat:
Original von Arist
Somit ist jedes Verhalten des Menschen in meine Augen Vermeidungsverhalten. Das heißt,man möchte mit seinem Tun mögliche negative Folgen, primär für sich selbst vermeiden.


Mit "Allaussagen" bezüglich Psyche und Verhalten ist das so eine Sache. Sie bieten meist nur selten sinnvolle Heuristiken für funktionierende psychologische Theorien und auch Praktiken. (Von ethischen Praktiken, um die es hier ja eigentlich geht, 'mal ganz zu schweigen!)

Die menschliche Psyche ist durch und durch ambivalent...

Zitat:
Original von Arist
Hält man sich zugunsten der Gesellschaft und ihrer geschriebenen und ungeschriebenen daran, so schafft dies unserer normativen Auffassung nach indirekt Gutes.


Gehe ich recht in der Auffassung, dass für dich nur "negatives Recht" besteht, also z.B. das Recht, nicht ermordet oder nicht bestohlen zu werden? Nicht jedoch positiv formuliertes Recht wie z.B. das Recht auf Nahrung oder medizinische Versorgung?

Zitat:
Original von Parmenides
wieso, die meisten denkvorgänge zur ethik funktionieren doch im ottonormalverbraucherhirn schon nicht streng dichotomisch: meistens gibt es doch mehrere faktoren, die nach +/- begutachtet werden, z.b. ist es erlaubt? ist es nützlich? ist es gut(nach welcher ethik auch immer)? wie denkt der rest wohl darüber? etc. sodass man doch sehr schnell in einem recht komplexen koordinatensystem landet, das nichtmehr binär genannt werden kann. genausowenig wie ein cartesisches koordinatensystem nur 1.d ist weil es durch drei 1d linien aufgespannt wird...


Naja, schon die Beurteilung nach "+ und -" ist ja bereits ziemlich binär.
Die Fragen nach "erlaubt", "nützlich", "gut" etc. sind ja auch alle streng dualistisch aufzufassen...
Parmenides
@ tarvoc

wie gesagt, wenn das binär sein soll dann müstest du ja auch mehrdimensionalität ablehnen weil sie auch letztenendes immer auf eindimensionalitäten reduzibel ist... binärität ist ja auch etwas sehr simples, menschliche überlegungen zur ethik im idealfall nicht. und gerade die, die es sich einfach machen sind ja auch oft gerade sehr fragwürdig...
und letztenendes entsprechen ja auch + und - unserem elementaren welterlebnis: entweder etwas ist da oder nicht, ein bisschen schwanger geht nicht, wohl aber die überbelendungen von vielen einzel-aspekten, womit dann auch aus + und - komplexe wiederspiegelungen der wirklichkeiten bekommt. aber das alles auf so etwas völlig einfachem beruht nährt meine hoffnung das irgendwann wirkliches verständnis möglich ist, wenn alles nur auf 2 buchstaben beruht die jeder lesen kann...
als tip dazu Iain M. Banks scifi-bücher
Chris
Zitat:
Wenn sich sowieso keiner an ethische Richtlinien hält, wozu braucht man sie dann überhaupt? Oder anders: Wie kann man Menschen dazu bringen, das Gute auch zu tun, und darf man das überhaupt?


1. Es gibt genug Leute, die sich an ethische Richtlinien halten. Ansonsten wäre unsere Welt gewiss kein schöner Ort.

2. Die Bildung einer ethischen Moral beginnt bereits im Kleinkindalter und hört meiner Meinung nach nie auf. Wenn man allerdings schon durch die Früherziehung "verdorben" wurde, ist es sehr schwierig, jemals wieder auf einen "ethisch korrekten" Pfad zu kommen. Man kann einen Menschen wohl kaum grundsätzlich charakterlich verändern. Die beste Methode erscheint mir - frei nach Goethe - "Wenn Du einen Menschen verändern willst, dann behandle ihn als wäre er bereits so, wie Du ihn haben willst."
Über das relativ neuentdeckte Phänomen der Resilienz weiß ich zu wenig, als dass ich dazu was sagen könnte.

Letztendlich wird es Dir von Deinen Genen vorgeschrieben, dass Du Dich nicht nur Deinem Selbsterhaltungstrieb, sondern auch dem Arterhaltungstrieb hingibst. Ich würde Leibniz (? - bin mir nicht ganz sicher, ob er es war) zustimmen, der ja behauptete, dass Mitleid eine der grundlegendsten Kräfte im Menschen sei. Aus Mitleid sind schließlich Moral und Ethik gewachsen.
Tarvoc
Zitat:
Original von Parmenides
Binärität ist ja auch etwas sehr simples, menschliche Überlegungen zur Ethik im Idealfall nicht.


Ich stimme mit dir überein.

Zitat:
Original von Parmenides
Und gerade die, die es sich einfach machen sind ja auch oft gerade sehr fragwürdig...


Das sagte ich ja auch bereits. Manichäismen sind fast nie praktikabel. Ich habe jedenfalls noch nie eine praktikable rein binäre Ethik gefunden.

Zitat:
Original von Parmenides
Und letztenendes entsprechen ja auch + und - unserem elementaren Welterlebnis.


Meinem nicht. nunja

Zitat:
Original von Parmenides
Entweder etwas ist da oder nicht.


Ist Schrödingers Katze nun tot oder lebendig?
Oder vielleicht etwas weniger 'Hergeholtes': Sind Gedanken und Gefühle "da"? Und wenn ja, wo ist denn dann dieses "da"?

Zitat:
Original von Parmenides
Ein bisschen Schwanger geht nicht.


Was ist denn mit Scheinschwangerschaft? Oder wenn eine Frau sich nicht sicher ist, ob sie schwanger ist?

Zitat:
Original von Parmenides
Wohl aber die Überblendungen von vielen Einzel-Aspekten.


Ich glaube nicht, dass es Dinge oder Eigenschaften gibt, die alleine "für sich" bestehen.
In einer Frau wächst ein neues, einzigartiges menschliches Wesen heran. "Schwanger" ist eine pragmatische Kategorie.

Zitat:
Original von Parmenides
Womit dann auch aus + und - Komplexe Wiederspiegelungen der Wirklichkeiten bekommt.


Ich will nicht leugnen, dass Dualität nicht eine Struktur sei, die recht "tief" im menschlichen Bewusstsein verankert sei. Ich will auch nicht leugnen, dass sie manchmal eine pragmatische Kategorie ist. Ich zeige nur - und dieses Recht nehme ich mir - ihre Grenzen auf.

Vielleicht schreibe ich irgendwann 'mal ein Buch: "Kritik der dualen Begrifflichkeit"...
Parmenides
Zitat:
Manichäismen sind fast nie praktikabel

bzw. leider sehr "praktikabel" für die ausführenden unglücklich

Zitat:
Meinem nicht. nunja

damit stehst du aber ziemlich allein. und genau desswegen hat der buddhismus ja auch Indien, China und Indonesien als stammgebiete verloren, ebend weil andere sichtweisen den menschen meist viel näher liegen...

Zitat:
Ist Schrödingers Katze nun tot oder lebendig?

großes Grinsen ja genau desswegen versteht doch auch kein mensch die quantenmechanik, das is doch quasi ein argument für mich...

Zitat:
Oder vielleicht etwas weniger 'Hergeholtes': Sind Gedanken und Gefühle "da"? Und wenn ja, wo ist denn dann dieses "da"?

natürlich sind sie da, ich erlebe sie ja. die frage des wo ist natürlich eine sehr große, und wenn ich mal eine prognose wagen darf: wenn das letzte jahrhundert oder gar jahrtausend der philosophie oft eines der linguistik war, so kann es gut sein, dass dieses jahrhundert oder jahrtausend für die philosophie eines der geographie wird...

Zitat:
Oder wenn eine Frau sich nicht sicher ist, ob sie schwanger ist?

nun, da weiß sie halt noch nicht, ob sie nun + oder - ist, sie fragt sich ja nicht, ob sie § oder & oder } ist....

Zitat:
Ich glaube nicht, dass es Dinge oder Eigenschaften gibt, die alleine "für sich" bestehen.

übers für sich redete ich auch eigentlich garnicht, sondern nur über die menschlichen zuschreibungen...

Zitat:
Ich zeige nur - und dieses Recht nehme ich mir - ihre Grenzen auf.

jupp, nur halte ich diese grenzen mit den (derzeitigen) unseren für kongruent. und die sind nunmal eindeutig die, die uns am weitesten getragen haben, im gegensatz z.b. zu deinen östlichen vorstellungen, die auf gesellschaftlicher/kultureller/wisenschaftlicher ebene nun nicht gerade die renner waren. auf individueller ebene kann das natürlich völlig anders sein, nur denke ich hat die geschichte sehr deutlich gezeigt, dass das nunmal nicht übertragbar ist auf größere entitäten...

wie gesagt, die poly-dualismen reichen völlig aus um die paradoxizität unserer existenz zu sehen. ich brauch ja nur so nen simplen fall von 1mal + und 1mal - um zu sehen, das nichts einfach dafür aber alles konstruiert und paradox ist... falls man das in irgendwelchen nichtdualismen mal in einem schritt sehen kann halte ich das dann auch für keine großen fortschritt...
Tarvoc
Zitat:
Original von Parmenides
Bzw. leider sehr "praktikabel" für die Ausführenden. unglücklich


Kommt darauf an, was man will...

Zitat:
Original von Parmenides
Damit stehst du aber ziemlich allein.


Es geht so. In Europa wird das mom. immer stärker...

Zitat:
Original von Parmenides
übers für sich redete ich auch eigentlich garnicht, sondern nur über die menschlichen zuschreibungen...


Das Dickicht der Ansichten. großes Grinsen

"Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt."
(Wittgenstein)

Zitat:
Original von Parmenides
nur halte ich diese grenzen mit den (derzeitigen) unseren für kongruent. und die sind nunmal eindeutig die, die uns am weitesten getragen haben


Wohin willst du denn? Zwinker
Parmenides
Zitat:
Es geht so. In Europa wird das mom. immer stärker...

glücklicherweise zerbröckelt ja das abendland, da ist es kein wunder, wenn auch andere strömungen anhänger finden. aber erstens findet das ja "nur" und glücklicherweise auf einer individuellen ebene statt und zweitens dürften wohl die meisten es auch glücklicherweise nicht so völlig ernst sondern eher ekklektisch sehen...
aber wie gesagt, historisch war das 3fache scheitern des buddhismus schon ziemlich einmalig, 3 hauptkulturzentren zu verlieren innerhalb so kurzer zeit kann auch kaum nur pech sein. wäre das alles nicht passiert wären auch heut wohl 2,5 - 3 mrd menschen buddhisten... sind sie aber halt nicht, und wenn man sie die wenigen länder anschaut, wo es den buddhismus noch gibt bin ich auch nicht böse drüber....

Zitat:
Wohin willst du denn?

die frage is ja noch schlimmer Zwinker aber um sie wirklich beantworten zu können muss man sich wohl erst ums wo kümmern, damit dürfte ich auch noch lähnger beschäftigt sein smile
Tarvoc
Zitat:
Original von Parmenides
glücklicherweise zerbröckelt ja das abendland, da ist es kein wunder, wenn auch andere strömungen anhänger finden. aber erstens findet das ja "nur" und glücklicherweise auf einer individuellen ebene statt und zweitens dürften wohl die meisten es auch glücklicherweise nicht so völlig ernst sondern eher ekklektisch sehen...
aber wie gesagt, historisch war das 3fache scheitern des buddhismus schon ziemlich einmalig, 3 hauptkulturzentren zu verlieren innerhalb so kurzer zeit kann auch kaum nur pech sein. wäre das alles nicht passiert wären auch heut wohl 2,5 - 3 mrd menschen buddhisten... sind sie aber halt nicht, und wenn man sie die wenigen länder anschaut, wo es den buddhismus noch gibt bin ich auch nicht böse drüber....


Ich habe das Wort 'Buddhismus' nicht in den Mund genommen. Diese Verknüpfung stammt von dir...

Zitat:
Original von Parmenides
aber um sie wirklich beantworten zu können muss man sich wohl erst ums wo kümmern


Siehst du? DAS ist Buddhismus. großes Grinsen
Parmenides
falls das tatsächlich der buddhismus sein sollte scheinen mir ein paar ausgesuchte einnzelne schlaue köpfe des 20. jhrd. aber weitaus mehr geschafft zu haben als 2000 jahre buddhistische geschichte gruebel man denke da nur an die von dir so gerne zitierten männer...
auch ist die herangehensweise und nicht nur die produkte wohl eine ganz andere...

Zitat:
Ich habe das Wort 'Buddhismus' nicht in den Mund genommen. Diese Verknüpfung stammt von dir...

was meintest du denn dann mit deiner aussage?
Tarvoc
Zitat:
Original von Parmenides
falls das tatsächlich der buddhismus sein sollte [...]


Ich spielte mehr auf deine Methode an als auf deinen Inhalt. Zwinker

"Mein Meister hat die schwerste Aufgabe von allen", sagte einmal ein Schüler. "Er lehrt die Menschen, die Zukunft zu sehen."
"Oh, mein Meister hat eine noch schwerere Aufgabe", wandte ein Anderer ein. "Er lehrt die Menschen, die Gegenwart zu sehen."


Zitat:
Original von Parmenides
was meintest du denn dann mit deiner aussage?


Ich habe von 'Buddhismus' nicht gesprochen.
Wenn ich mich nicht irre, ging es um nonduale Ethik & Logik...
Parmenides
Zitat:
Ich spielte mehr auf deine Methode an als auf deinen Inhalt. Zwinker

dann bleibt die frage, warum heut glücklicherweise sowas anderes bei rauskommt...

Zitat:
Wenn ich mich nicht irre, ging es um nonduale Ethik & Logik...

hm, und wo sind die dann im sich-verbreiten-begriffen hier in europa? auch der von dir ( und von mir ) gerne referierte konstruktivismus z.b. hat damit so wie ich das sehe nichts am hut...
Tarvoc
Zitat:
Original von Parmenides
dann bleibt die frage, warum heut glücklicherweise sowas anderes bei rauskommt...


Mann, ich redete von deiner Aussage! Nicht von ihrem Inhalt!

Zitat:
Original von Parmenides
hm, und wo sind die dann im sich-verbreiten-begriffen hier in europa?


Wer sucht, wird finden. Zwinker

Zitat:
Original von Parmenides
auch der von dir ( und von mir ) gerne referierte konstruktivismus z.b. hat damit so wie ich das sehe nichts am hut...


Das kommt darauf an, was du liest. Der Konstruktivismus ist keine 'einheitliche' Strömung.
Du kannst ja 'mal "Hekates Lösungen" von Paul Watzlawick lesen...

Stimmt aber: auf den Konstruktivismus habe ich nicht in erster Linie angespielt.
(Ich rede von gar keiner "einheitlichen" Strömung. Das wäre ja auch schon wieder dualistisch. großes Grinsen )