u.a. Rorty: Universalismus oder Relativismus?

inkarnater Batzen
Hallo,

ich habe heute in der ZEIT einen Artikel zur neu erschienenen Aufsatzsammlung vo Richard Rorty gelesen, in dem der Autor schreibt, dass Rorty keineswegs Relativist sei, da er sich nicht von seiner universalistischen Konzeption der Menschenrechte löst.
Vor 2 Jahren habe ich mal angefangen, mit Rorty zu beschäftigen, aber anscheinend ist nicht viel hängengeblieben, allerdings erinnere ich mich aus "Ironie, Kontingenz, Solidarität" dunkel daran, dass Rorty selbst sich wohl kaum als Universalist bezeichnen würde und - so dachte ich - doch gerade immer die Relativität dessen bezeichnet, was im Westen als "Vernunft" bezeichnet wird. Oder wie ist das?

Ohne dass ich dem jetzt schon genauer nachgegangen bin, würde ich hier deshalb mal gerne fragen, wie man Rorty nun einzuordnen hat bzw. als was ist jemand zu bezeichnen, der weder Universalist noch Relativist ist. Rorty hat laut dem Artikel ja wohl vorgschlagen, zum Beispiel was ethische Aspekte angeht, westliche Ideen an andere "heranzutragen", also - und das Wort viel auch so in dem Artikel, aber anscheinend nicht in negativem Sinne - "eurozentrisch".

Die Frage nach solchen Bezeichnungen würde mich auch in Bezug auf andere Personen interessieren: z.B. habe ich mich bei einem meiner Professoren (u.a. Theologe) schon oft gefragt, als was er sich denn bezeichnen würde, wenn er sagt "ich bin ja kein Relativist", aber dabei andere Religionen in besonderer Weise ernst nimmt. Das ist jetzt vllt. noch eine ganz andere Frage, jedenfalls verstehe ich es auch in diesem Fall nicht: wie kann man denn mit eigenem christlichen Glauben und der Behauptung, nicht Relativist zu sein, dann NICHT Universalist sein.

Ich nehme an, es gibt da hoffentlich eine allgemeinbekannte Lösung, auf die ich nur noch nicht gekommen bin, wäre also dankbar für Hinweise!
ewig
"Dem" (bzw. einem) ethischen Relativismus scheint in gewissen Kreisen etwas anrüchiges anzuhaften, da sich hiermit unter speziellen Blickwinkeln ungefähr alles rechtfertigen läßt. Also wehrt man sich eben gegen solche Bezeichnungen. Ich halte es ohnehin für sehr problematisch, Leute in irgendwelche Fix-Kategorien einsortieren zu wollen und diese dann auch noch gegeneinander als unversöhnliche Lager in Position zu bringen. Versuch vielleicht einfach mal, die beiden extrem-Positionen als zwei Enden einer Skala zu sehen, auf welcher sich Leute sehr unterschiedlich positionieren können.
Eugen
Zitat:
Original von inkarnater Batzen
Ohne dass ich dem jetzt schon genauer nachgegangen bin, würde ich hier deshalb mal gerne fragen, wie man Rorty nun einzuordnen hat bzw. als was ist jemand zu bezeichnen, der weder Universalist noch Relativist ist. Rorty hat laut dem Artikel ja wohl vorgschlagen, zum Beispiel was ethische Aspekte angeht, westliche Ideen an andere "heranzutragen", also - und das Wort viel auch so in dem Artikel, aber anscheinend nicht in negativem Sinne - "eurozentrisch".


Bin ein bißchen spät dran, aber vielleicht interessierts noch.

Wenn ich Rorty richtig verstanden habe, will er sich insbes. auch deshalb nicht als Relativist sehen, weil der Relativismus auf erkenntnistheoretischen Prämissen basiert, die er als Pragmatist nicht akzeptieren will.

Das hängt mit seiner Auffassung von Sprache zusammen, die er nicht repräsentational versteht. Der Relativist - wie auch auf andere Weise der "Universalist" - haben aber letztlich ein repräsentationales Sprachverständnis, gehen also davon aus, dass Sätze von einer sprachunabhängigen Wirklichkeit wahr gemacht werden. Ebenso wie Putnam meint Rorty aber, dass diese Auffassung unbrauchbar sei: Es fehlt uns schlicht ein geeigneter Beurteilungsstandpunkt für dieses "wahrmachen". Man könne nicht zur gleichen Zeit innerhalb und außerhalb der eigenen Sprache stehen; der Relativismus sei mithin ein undurchführbarer Versuch, die "Welt von Nirgendwo" zu sehen.

Wenn dich Näheres interessiert kann ich dir das Kapitel "Hilary Putnam und die relativistische Bedrohung" in Rortys Buch "Wahrheit und Fortschritt" empfehlen.

Gruß
Sophie
Zitat:
Original von inkarnater Batzen


ich habe heute in der ZEIT einen Artikel zur neu erschienenen Aufsatzsammlung vo Richard Rorty gelesen, in dem der Autor schreibt, dass Rorty keineswegs Relativist sei, da er sich nicht von seiner universalistischen Konzeption der Menschenrechte löst.
Vor 2 Jahren habe ich mal angefangen, mit Rorty zu beschäftigen, aber anscheinend ist nicht viel hängengeblieben, allerdings erinnere ich mich aus "Ironie, Kontingenz, Solidarität" dunkel daran, dass Rorty selbst sich wohl kaum als Universalist bezeichnen würde und - so dachte ich - doch gerade immer die Relativität dessen bezeichnet, was im Westen als "Vernunft" bezeichnet wird. Oder wie ist das?



Rorty scheint mir (zu Recht, wie ich finde) dazwischen durch zu fallen, zumidnestsens wenn man von den Definitionen bei Wikipedia ausgeht.

Da steht:

Relativismus ist eine philosophische Denkrichtung, in der davon ausgegangen wird, dass die Wahrheit von Aussagen stets bedingt ist. Das bedeutet, dass jede Aussage auf Bedingungen aufbaut, deren Wahrheit jedoch wiederum auf Bedingungen fußt und so fort. Diese Reihe von Bedingungen endet laut dem Relativismus letztendlich in historischen und damit willkürlichen Festsetzungen oder in bloß subjektiven Überzeugungen, nicht aber in un-bedingten, also absolut gültigen Wahrheiten. Wahrheit ist damit relativ.


Der Begriff Universalismus (von lat. universalis = allgemein) bezeichnet eine Anschauung, die den Anspruch erhebt, die Vielfalt aller Wirklichkeit des Ganzen auf ein einzelnes Prinzip, Ordnungsgesetz oder ähnliches zurückführen zu können.

Entscheiden ist beim Relativismus wohl das willkürlich oder die bloße subjektive Überzeugung, die im Vordergrund steht und wie mir scheint bei Rorty von einer konkreten Vorstellung ersetzt wird, die sich eben nicht mit einer nur relativistischen Subjektivität abgibt oder durch sise begründet wird, ohne dabei jedoch diesem Standpunkt eine außerhalb seiner selbst erschaffenen Realität ein metaphysisches oder universelles Dasein zu geben oder erkenntnistheorietsich zu begründen.

Ein bisschen zwitzelig ist das schon und es erfordert m.E. schon jene von Rorty dargestellte Geisteshaltung, um das zu sehen.

Am besten liest man dazu immer frisch den Autor selbst:

(aus die liberale Ironikerin)

Die ironistischen Intellektuellen, die nicht an eine solche Ordnung glauben, sind (sogar in den glücklichen, reichen, gebildeten Demokratien) eine kleine Minderheit im Vergleich zu den Menschen, die glauben, eine solche Ordnung müsse es geben. (...) Deshalb hat Ironismus oft den Anschein erweckt, als sei er dem Wesen nach nicht nur der Demokratie, sondern auch der Solidarität feind - einer Solidarität mit der Masse der Menschheit (...), die überzeugt (ist), daß eine solche Ordnung bestehen muß. Aber der Ironismus hat diese feindselige Einstellung nicht. Feindseligkeit gegenüber einer bestimmten, historisch bedingten und womöglich vorübergehenden Form von Solidarität heißt nicht Feindseligkeit gegenüber der Solidarität als solcher. Eine Absicht meines Buches ist es, die Möglichkeit einer liberalen Utopie vorzustellen: einer Utopie, in der Ironismus in dem Sinn, auf den es hier ankommt, universell ist. Eine post-metaphysische Kultur scheint mir nicht unmöglicher als eine post-religiöse und genauso wünschenswert.

In meiner Utopie würde man Solidarität nicht als ein Faktum verstehen, das erst durch das Ausräumen von "Vorurteilen" oder durch den Vorstoß in vorher verborgene Tiefen erkennbar wird, sondern auf ein anzustrebendes Ziel. Es ist nicht durch Untersuchung, sondern durch Einbildungskraft erreichbar, durch die Fähigkeit, fremde Menschen als Leidensgenossen zu sehen. Solidarität wird nicht entdeckt, sondern geschaffen. Sie wird dadurch geschaffen, daß wir unsere Sensibilität für die besonderen Einzelheiten des Schmerzes und der Demütigung anderer, uns nicht vertrauter Menschen steigern. Diese gesteigerte Sensibilität macht es schwieriger, Menschen, die von uns verschieden sind, an den Rand unseres Bewußtseins zu drängen, indem wir denken: "Sie empfinden nicht so wie wir", oder: "Leiden muß es immer geben, warum sollen nicht sie leiden?" Der Prozeß, in dessen Verlauf wir allmählich andere Menschen als "einen von uns" sehen statt als "jene", hängt ab von der Genauigkeit, mit der beschrieben wird, wie fremde Menschen sind, und neubeschrieben, wie wir sind. Das ist eine Aufgabe nicht für Theorie, sondern für Sparten wie Ethnographie, Zeitungsberichte, Comic-Hefte, Dokumentarstücke und vor allem Romane. Bücher wie die von Dickens (...) Henry James oder Nabokov zum Beispiel zeigen uns im Detail die Art von Grausamkeit, deren wir selbst fähig sind, und bringen uns auf diese Weise dazu, uns selbst neuzubeschreiben. Das ist der Grund, warum Roman, Kino und Fernsehen langsam aber sicher Predigt und Abhandlung in der Rolle der Hauptvehikel moralischer Veränderungen und Fortschritte abgelöst haben.

In meiner liberalen Utopie würde diese Ablösung die Anerkennung erfahren, die ihr jetzt noch fehlt. Die Anerkennung wäre Teil einer allgemeinen Wendung gegen die Theorie und zur Erzählung. Eine solche Wendung wäre das Zeichen dafür, daß wir den Versuch aufgegeben haben, alle Seiten unseres Lebens in einer einzigen Vision zusammenzusehen, sie mit einem einzigen Vokabular zu beschreiben. Sie würde darauf hinauslaufen, daß wir akzeptieren, was ich im ersten Kapitel die "Kontingenz der Sprache" genannt habe - die Tatsache, daß wir keine Möglichkeit haben, uns außerhalb der diversen Vokabulare in unserem Gebrauch zu stellen und ein Metavokabular zu finden, das irgendwie alle möglichen Vokabulare, alle möglichen Weisen des Denkens und Urteilens erfaßt. Eine historistische, nominalistische Kultur, wie ich sie mir vorstelle, würde sich statt dessen auf Erzählungen einstellen, die unsere Gegenwart einerseits mit Vergangenheit, andererseits mit zukünftigen Utopien verbinden. Mehr noch: sie würde die Verwirklichung von Utopien und die Vorstellung noch fernerer Utopien als einen unendlichen Prozeß auffassen - als unendliche, immer weiter ausgreifende Verwirklichung von Freiheit, nicht als Konvergieren gegen eine schon existierende Wahrheit." (Kontingenz, Ironie und Solidarität S.14ff)


http://www.humboldtgesellschaft.de/inhalt.php?name=rorty




Zitat:
Ohne dass ich dem jetzt schon genauer nachgegangen bin, würde ich hier deshalb mal gerne fragen, wie man Rorty nun einzuordnen hat bzw. als was ist jemand zu bezeichnen, der weder Universalist noch Relativist ist.


Hm, nachdem ich gelesen habe, dass sich Rorty zur Sprache so.... "Sprache hat die Macht, neue und andere Dinge möglich und wichtig zu machen" (Kontingenz, Ironie und Solidarität, S.147)...äußert, würde ich ihn in meinem sprachspielerischen Kontext, der "ismen" und "-ist" für zu starr und irritierend hält, ihn in spielerischer Art "realistischer Utopist" nennen.




Zitat:
wenn er sagt "ich bin ja kein Relativist", aber dabei andere Religionen in besonderer Weise ernst nimmt.


Ich denke, dass hinter der Äußérung (Ich bin kein Relativist", der Wunsch steht, sich zu einer Ethik zu bekennen, die weder in einer subjektiven Nichtigkeit verschwindet, noch ein universelle Standpunkt außerhalb der Praxis als ewige Wahrheit hat, sondern als ein gefühltes Bedürfnis exisitert, ohne das immer gleich herleiten zu müssen.


Zitat:
Das ist jetzt vllt. noch eine ganz andere Frage, jedenfalls verstehe ich es auch in diesem Fall nicht: wie kann man denn mit eigenem christlichen Glauben und der Behauptung, nicht Relativist zu sein, dann NICHT Universalist sein.


Man akzeptiert einfach die unterschiedliche andersartigen Ausprägungen.
flores
Rorty möchte sich selbst - wenn überhaupt - als Pragmatisten bezeichnet sehen.

Aus dem Aufsatz Richard Rortys: Relativismus – Entdecken und Erfinden.

"Als 'Relativisten' bezeichnet man die Philosophen, die mit Nietzsche darin übereinstimmen, daß Wahrheit der Wille ist, der Empfindungen Herr zu sein. So nennt man auch die, die William James darin zustimmen, daß "das 'Wahre' lediglich das Werkzeug des Glaubens" ist, und mit Thomas Kuhn, daß man Wissenschaft nicht so auffassen soll, als ob sie sich einer genauen Vorstellung davon nähere, was die Welt an sich ist. Oder allgemein: Philosophen werden "Relativisten" genannt, wenn sie nicht die aufs Denken der Griechen zurückgehende Unterscheidung akzeptieren zwischen den Dingen als solchen und ihren Relationen zu anderen Dingen, insbesondere zu menschlichen Bedürfnissen und Interessen.

Philosophen, die wie ich diese Unterscheidung nicht akzeptieren, müssen das traditionelle philosophische Projekt aufgeben, nämlich die Suche nach etwas Stabilem, das als Beurteilungskriterium für die vergänglichen Erzeugnisse unserer vergänglichen Bedürfnisse und Interessen dienen könnte. Das bedeutet zum Beispiel, daß wir die Kantische Unterscheidung zwischen Sittlichkeit und Klugheit nicht anwenden können. Wir müssen uns von der Vorstellung trennen, es gebe unbedingte, transkulturelle moralische Pflichten, die in einer unveränderlichen, ahistorischen menschlichen Natur wurzeln. Dieser Versuch, sowohl Platon als auch Kant ad acta zu legen, verbindet die europäische Philosophietradition nach Nietzsche mit dem Pragmatismus der amerikanischen Philosophie.

Der Philosoph, den ich am meisten bewundere und als dessen Anhänger ich mich am ehesten sehe, ist John Dewey. Dewey war einer der Gründer des amerikanischen Pragmatismus. Er verbrachte sechzig Jahre mit dem Versuch, den Bann Platons und Kants zu brechen. Dewey wurde oft als Relativist kritisiert, ich auch. Aber natürlich nennen wir Pragmatisten uns selbst niemals Relativisten. Normalerweise definieren wir uns negativ: wir nennen uns "Anti-Platoniker" oder "Anti-Metaphysiker" oder Gegner der Letztbegründung. Genauso aber nennen unsere Gegner sich niemals "Platoniker" oder "Metaphysiker" oder Vertreter der Letztbegründung. Sie bezeichnen sich normalerweise als Vertreter des Common sense oder der Vernunft.

... Wir sogenannten "Relativisten" lehnen es natürlich ab zuzugeben, wir seien Feinde von Vernunft und gesundem Menschenverstand. Wir sagen, wir kritisieren nur ein paar veraltete spezifisch philosophische Dogmen. Aber was wir Dogmen nennen, ist natürlich genau das, was unsere Gegner für "gesunden Menschenverstand" halten. Diese Dogmen zu vertreten ist nach ihrem Dafürhalten "Rationalität". Entsprechend kommt die Diskussion zwischen uns und unseren Gegnern ins Stocken ..."


Hier der fast vollständige Text des Aufsatzes.

flores smile