Pan_Narran
Durch die gesamte Philosophiegeschichte zieht sich eine Frage, die so populär ist, dass sie in so manchem Kopf wohl die erste ins Bewusstsein sprudelnde Assoziation ist, wenn das Wort Philosophie auch nur fällt: Die Frage nach dem Sinn, vorzugsweise in der Form des "Sinn des Lebens". Manches Leben wurde sogar erst durch eben diese Frage sinnlos, da, nachdem man sie einmal gestellt, keine allgemeingültige Antwort auf sie gefunden wurde. Die Überlegungen schwanken meist irgendwo zwischen "Alles ist absolut sinnlos" und "Jeder muss dem Leben selbst Sinn geben".
Wie kann es denn sein, dass ein unseren Kosmos offensichtlich so durchwaltendes Prinzip wie der "Sinn" sich auf allen möglichen Mist anwenden lässt, und ausgerechnet bei dem wichtigsten, das wir besitzen, unserem Leben, versagt? Noch dazu, wo doch jedes Tier seinen offensichtlichen Platz in diesem kunstvoll gestrickten ökonomischen System mit dem Namen "Natur" hat, wo der Mensch, sich selbst aufgegeben und planlos, in die Welt geworfen wird. Das einzige uns bekannte Wesen, das keinen Sinn innerhalb des ökologischen Systems hat, ist es auch, das nach eben diesem Sinn fragt. Und selbst wenn es diesen hätte, vom "objektiven Sinn" wäre man immer noch Lichtjahre entfernt.
Doch was ist überhaupt der Sinn?
Ist ein Haus sinnvoll? Natürlich, man kann darin wohnen. Ist Wohnen sinnvoll? Natürlich, man hat es schön warm und ist geschützt vor Wind und Wetter. Und das wiederum ist sinnvoll, weil! Und denn! Und sowieso!
Diese Kette ließe sich immer weiter führen, bis ihr letztes Glied in genau eine Sache greift: Ins Leben! Jedes einzelne Sinnvoll-Für, das wir einer Sache unterstellen, mündet letztlich im Leben. Das Leben ist der Sinngeber, der eine Maßstab, für den irgendetwas überhaupt von Relevanz sein kann. Sogar unser ganzes, wunderbar für-sich funktionierende Universum wäre ein sinnleerer Ort, würde es nicht die Möglichkeit bieten, darin zu leben.
Nimmt man also das Leben weg, so verliert das ganze Konzept "Sinn" seinen Sinn. Und man kann es folglich auch nicht auf das Leben selbst anwenden. Das wäre das falsche Denken, angewandt auf die falsche Sache. Das Leben ist nicht sinnlos, es gehorcht nur nicht diesem ganzen Prinzip, dessen Urheber es überhaupt erst ist. Es rechtfertigt sich entweder selbst, oder überhaupt nicht.
Oder?
Gruß
Pan Narran, Retter der Welt, moderner Held, vielseitiger Genussmensch und Weinkenner.
mr.monks
"Einfach nur 'Deshalb', Meister? Kein Grund?
"Grund? Welchen Grund könnte ein Berg haben? Und wenn du älter wirst und Erfahrung sammelst, so wirst du merken, dass die meisten Antworten letztendlich auf 'Deshalb' hinauslaufen"
- Terry Pratchett: Der Zeitdieb -
Cornak
an mr.monks : Ich wundere mich darüber, daß mich die sog. Sinn-Frage nie beunruhigt hat trotz ständigen beruflichen Kontaktes damit (Arzt).
Rein pragmatisch genügte es mir, zu tun, was ich als sinnvoll oder sinnhaltig verstand. Munterer wurde ich, als mir ein Mönche erklärte, daß er ohne den Sinn seines Glaubens nicht oder nur schlecht leben könnte. ODO MARQUARD nennt das die emphatische Sinn-Frage und meint, daß das Sinn-Problem erst mit dem emphatischen Sinn-Begriff beginne. Emphatisch = leidenschaftlich, eindringlich u.a.m.
Ich zitiere MARQUARD :
"Die Indirektheit von Sinn und der Unsinn der direkten Sinnintention.
.............und so ris kiere ich folgende .... These:
Jener Unsinn, den man — um des Sinnes willen — am meisten lassen muß, ist die direkte Sinnintention.
Sinn ist ein Deckname für Glück. Es ist plausibel, daß er— als Begriff für das Lohnen des Lebens — gerade im 19. Jahrhun dert ins Spiel kommt: zu einer Zeit, wo - als Folge des Erfolgs der kantischen Pflichtethik des kategorischen Imperativs ..... das Glücksproblem als zentrales Positivpro blem aus der Philosophie verbannt war, und zwar so sehr, daß auch noch dort, wo — weil man das Glücksproblem als reales Positivproblem nicht auf Dauer aus der Philosophie verbannen kann - das Glücksproblem wiederkehrte, das Pro blem des Glücks nicht mehr unter seinem eigenen Namen auftreten durfte, sondern nur mehr unter Decknamen: dann also - zunächst und seither immer wieder - als Problem des S i n n s.
Dieser Vorgang der Pseudonymisierung des Problem themas Glück bestimmt auch noch heute die philosophische Szene; so hat - inzwischen - das Glück eine ganze Reihe von Pseudonymen gebraucht und wohl auch verbraucht: die Eigentlichkeit (Heidegger), das Prinzip Hoffnung (Bloch), das unbeschädigte Leben, die Emanzipation, die Lebensqualität (ein Modewort der Medizin), die Selbstver wirklichung, die Authentizität, und dazwischen immer wie der und derzeit erneut eben: Sinn.
Bei diesem Vorgang der Pseudonymisierung des Glücks gerät nun — vielleicht nur erneut — in Vergessenheit, was beim nicht-pseudonymen Glück in der Regel einigermaßen offenkundig ist: daß näm lich — obwohl, wie Aristoteles sagte, alle es wollen — das Glück nicht direkt intendiert werden kann; und so kommt es — durch diese Pseudonymisierung des Glücks bis hin zum Glücksdecknamen Sinn — zum Unsinn der direkten Sinn-Intention." Zitatende
Anmerkung cornak : Die Floskel, wonach etwas „Sinn macht“, bringt m.E. genau diesen Unsinn zum Ausdruck !
MARQUARD bezeichnet dier Sinn-Frage als Hot issue, in geisteswissenschaftlichen Debatten nicht tot zu kriegen. Er meint, die Sinn-Frage sei nur metaphysisch offen zu halten, das sei aber immer noch besser, als sie nicht offen zu halten. Finde ich auch.
mr.monks
@Cornak
Ich finde in der Zurückführung des Sinngedanken auf die Alte Frage nach dem Glück liegt viel wahres, doch steckt in ihr auch das, schon in der Antike auftretende, Prinzip des Ä»¿Â die Frage nach dem Zweck, der Zielrichtung menschlichen Daseins. Die Frage mit dem Zweck des Menschen mit dem eigenen Glück zu beantworten ist sicher eine Möglichkeit, die grade in der heutigen Zeit sehr populär ist, sie ist aber nicht die einzige.
Die Selbstverwirklichung auf den Glücksgedanken zurückzuführen ist sicher nicht unbedingt populär, meiner Meinung nach aber sehr entlarvend.
P.S.: Die Floskel, dass etwas Sinn macht ist genauso unsinnig wie falsch. Im englischen mag "make sense" zwar durchaus korrekt sein, im deutschen ist die Vorstellung, dass etwas Sinn produziert aber gradezu abwegig, ich finde sie befremdlich. Daher hat sie sich auch nur über die Unganssprache in unser tägliches Gespräch einschleichen können.
carsten aus bochum
Hi Cornak,
| Zitat: |
„Ich wundere mich darüber, daß mich die sog. Sinn-Frage nie beunruhigt hat trotz ständigen beruflichen Kontaktes damit (Arzt).
Rein pragmatisch genügte es mir, zu tun, was ich als sinnvoll oder sinnhaltig verstand. Munterer wurde ich, als mir ein Mönche erklärte, daß er ohne den Sinn seines Glaubens nicht oder nur schlecht leben könnte.“ |
Hat mir gut gefallen, Dein Beitrag.
Der Arzt flickt den Patienten wieder zusammen, der meint seinen Lebens-Sinn über die schleichende Erhöhung der Dosis der diversen Segnungen der Moderne ergaunern zu können, was man dann am Ende Zivilisationskrankheit nennt. Er belächelt den Mönch und dessen Haltung der Askese, der aus Sicht des Zivilisationskranken so oft und viel Verzicht geübt hat, bis er selbst auf ärztlichen Rat dann am Ende seines immer ent-täuschender verlaufenden Lebens auch zu jenem Verzicht angehalten wird. Das soll dann eben zu einem nachträglichen Zugewinn an Lebensqualität führen. Vielleicht sind die Mönche nur schneller?
Der pragmatische Arzt ist vielleicht einer der gehobenen Kategorie, weil der Idealist schnell zum Zyniker werden kann (kann ich mir vorstellen). Wenn man es ertragen kann einfach Leid zu mindern und nicht die Welt zu retten, bekommt man vielleicht einen Zipfel jener Demut zu fassen, die das Leben wertvoll erscheinen lassen kann.
Zwischen Glück und Sinn liegt vielleicht in der Mitte (und überlappend) die Zufriedenheit?
Gruß,
Carsten
Seoman
Vielleicht bedarf es auch einer genaueren Betrachtung des Wortes '"Sinn" um dessen Bedeutung(en) zu ergründen.
Sinn hat Verwandschaft mit Sinnlichkeit. Mit welchem biologischen Sinn nehmen wir aber den Sinn auf? Möglicherweise ist es kein Sinnesorgan im herkömmlichen Sinne.

Sondern vielmehr die Erfahrung mehrer Erkenntnisse zu einem Ganzen oder die Erfahrung mehrerer Glückmomente zu einem Ganzen. So ergeben mehrere Handlungen für eine Sache mehrere Glücksmomente und der Handelnde sieht hierdurch, dass die Sache des Handelns ihm einen Sinn gibt. Die mehreren Glücksmomente scheinen Teilmomente eines gesamten Glücks zu sein und die Erfahrung dessen erschafft einen Sinn für das Ganze.
Daher könnte der Ausdruck "Etwas macht Sinn!" berechtigt sein, weil der Handelnde aufgrund seines Glückes einen Sinn in sich entwickelt oder findet, welcher empfänglich ist für die Glücksmomente eines abstrakten Gesamtglückes.
mr.monks
Das halte ich für Blodsinn. Nur weil Sinn und Sinnlichkeit (man beachte das Zitat

) sprachlich zusammenhängen, ist es übereilt inahltliche Zusammenhänge zu konstruieren.
Seoman
Der Sinn hat natürlich unterschiedliche Bedeutung. Einmal ist es biologisch ein reizaufnehmendes Organ und im common sense der Wert und die Bedeutung, die eine Sache für mich hat.
Der Vergleich von Sinn und Sinnlichkeit soll einfach veranschaulichen, dass, ähnlich wie bei der Qualität einer Sinneswahrnehmung, es eine Qualität der Bedeutung einer Sache für mich gibt.
Der Sinn würde daher die Erfahrung dieser Qualität vermitteln. Somit lege ich nicht in etwas einen Sinn, sondern ich bekomme einen Sinn in bezug zu der Sache, eine Erfahrbarkeit (z.B. über Glücksmomente) der Bedeutung der Sache für mich.
Wahrnehmung und Empfindung der Qualität der Bedeutung einer Sache ergeben einen Sinn für die Erfahrung der Qualität der Bedeutung einer Sache für den Betreffenden.
Dieser Sinn ist nicht tatsächlich wie ein Sinnesorgan der Lebewesen, sondern nur gedacht als Veranschaulichung für gefühlte Erfahrung der Qualität einer Sache. Somit ist es der "Sinn des Lebens", weil er die Erfahrung der Qualität der Sachen im Leben an mich vermittelt.
Anderfalls scheint es für mich keine Notwendigkeit für das Wort Sinn zu geben, wenn es sich nicht von "Bedeutung" oder "Wert" unterscheidet.
Cornak
Hi carsten : Ich denke, Mönche sind aus guten Gründen langsamer als wir immer schneller leben Wollenden. Sie haben verinnerlicht, daß Weniger meistens Mehr ist. Und verzichten deshalb neben Anderem auch auf Tempo !
Zu den Ärzten : Sie sind so vielgestaltig wie die Leute in anderen Berufen auch, da gibt es hochtalentierte Feinmechaniker neben solchen, die groben Autoschlossern ähneln , Knechte des technologischen Fortschrittes neben solchen, die auch als Seelsorger passabel gewesen wären, Einsame neben Betriebsamen, Philosophie-Feinde neben Denkern. Aus meiner Sicht sind gute Ärzte heilkundige Leute, die sich als Linderer verstanden haben auf den zuweilen beschwerlichen und schmerzhaften Wegen ihrer Mitmenschen. Dazu müssen sie nicht nur körperlich fähige Schmerztherapeuten sein, sondern auch Seelenheil-Kundige. Das Wort ist mißverständlich, aber ich weiß kein anderes dafür.
Heil und Heilung sind oft nicht deckungsgleich. Und schwer ist es, das Heil auch im eigenen Tode anzunehmen. Das können Mönche zuweilen besser als wir Säkularen, aber auch nicht immer. Gruß zurück !
Archibald
| Zitat: |
Original von Pan_Narran
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Wie kann es denn sein, dass ein unseren Kosmos offensichtlich so durchwaltendes Prinzip wie der "Sinn" sich auf allen möglichen Mist anwenden lässt, und ausgerechnet bei dem wichtigsten, das wir besitzen, unserem Leben, versagt?...............................Pan Narran, Retter der Welt, moderner Held, vielseitiger Genussmensch und Weinkenner. |
@ Pan:
Wenn sich "Sinn" auf die verschiedensten Dinge der Welt beziehen lässt, dann doch nur deswegen, weil "Sinn" eine Projektion von "Sinn an Sich" ist.
Genauso ist es denn auch bei Dingen wie:
Funktion, System, Probe, Symtom, Steuerung, Ableitung, Darstellung, ect.
Seoman
Hallo Archibald! Ich habe ein Klärungsbedürfnis:
| Zitat: |
Original von Archibald
Wenn sich "Sinn" auf die verschiedensten Dinge der Welt beziehen lässt, dann doch nur deswegen, weil "Sinn" eine Projektion von "Sinn an Sich" ist.
|
Was ist der "Sinn an sich"?
mr.monks
| Zitat: |
| Anderfalls scheint es für mich keine Notwendigkeit für das Wort Sinn zu geben, wenn es sich nicht von "Bedeutung" oder "Wert" unterscheidet. |
Doch, weil es immer auch mehr bedeutet. Sinn im Sinne von "Sinn des Lebens" hat einerseits die Komponente "Wert des Lebens" aber auch "Zweck des Lebens" mit Erfahrung und Sinneswahrnehmung muss das meiner Meinung nach wenig zu tun haben.
PS: Immerhin ist Stift (Altersheim) auch nicht gleich Stift (Schreibwerkzeug) gleich Stift (AZuBi) gleich Stift (Nagel) gleich Stift (Kirche) gleich Stift (Provinz in Norwegen)
Seoman
@mr.monks
Das Sinn ein Homonym sein kann, ist mir bewusst. Dennoch ist dies kein Argument gegen meine Analogie, wie ich sie oben versucht habe.
Die Erkenntnis über den "Wert des Lebens" oder den "Zweck des Lebens" können nach meinem Vorschlag zu einer gefühlten Erfahrung über den daraus entwickelten "Sinn des Lebens" führen, müssen aber nicht unbedingt eine Komponente des "Sinn des Lebens" sein.
So kann der schwer depressiv Erkrankte keinen Sinn in seinem Leben fürs Leben entdecken, trotzdem kann es für ihn einen Zweck in seinem Leben geben, der aber möglicherweise nicht ausreicht wieder einen Sinn fürs Leben zu entwickeln.
Auch werden Tiere nach einem Zweck getötet. Aber es gibt Menschen, die dafür keinen Sinn haben.
So bringt der Sinn, die Möglichkeit einer gefühlten Erfahrung der Bedeutung in bezug zu einer Sache.
In der Biologie bringt der Sinn, die Möglichkeit einer Wahrnehmung in bezug zu einem Objekt.
Der "Sinn" nach meinem Vorschlag wird gebräuchlicher Weise oft in die Sache gelegt, weil er ohne Wechselwirkung mit der Sache nicht vorhanden, weil nicht gefühlt erfahrbar ist. Daher wird er von der Person oft abstrahiert und der Sache beigemessen. Es entsteht also ein "Sinn an sich" als Eigenschaft der Sache. Das ist meiner Meinung nach falsch, weil wir den Sinn erst erkennen können, wenn wir die Qualität der Bedeutung der Sache gefühlt erfahren.
Ähnlich wenn wir mit unserem olfaktorischen Sinn nie etwas wahrgenommen hätten und auch nicht wüssten, dass damit etwas wahrnehmbar wäre, würden wir es als Sinn erkennen? Wohlmöglich nicht. Erst bei der gefühlten Erfahrung der Wahrnehmung könnten wir ihn als einen unserer Sinne entdecken.
Cornak
an Seoman : Vielleicht ist es doch nicht überflüssig, noch einmal auf die drei Bedeutungen von "Sinn" hinzuweisen : 1. Sinn bezogen auf Sinnesorgane, Geruchssinn, Tastsinn etc 2. Sinn bezogen auf Verständlichkeit von Texten, Aufgaben etc im Gegensatz zu "Unsinn" 3. emphatischer Sinnbegriff, bezogen auf Leben, Glauben und ähnliche Werte. Der "Sinn des Lebens" ist sprichwörtlich und wird ja auch in dieser Debatte wieder erörtert. Wie ist es dann aber mit einem Sinn des Todes ? Ist unser Ende etwa persönlich "sinnlos" ? Absurd ? Echte Frage ! Ich habe das oben schon angedeutet, als ich vom "Heil" sprach.
mr.monks
| Zitat: |
Seoman
Daher wird er von der Person oft abstrahiert und der Sache beigemessen. Es entsteht also ein "Sinn an sich" als Eigenschaft der Sache. Das ist meiner Meinung nach falsch, weil wir den Sinn erst erkennen können, wenn wir die Qualität der Bedeutung der Sache gefühlt erfahren. |
Genau hier liegt der Kanckpunkt. Gibt es ein Geräusch, wenn es keiner hört? Gibt es einen Geruch, wenn ihn keiner riechen kann? --> Gibt es einen Sinn des Lebens, auch wenn es keinen Menschen gibt? Ich sage Ja! Gibt es, aber da werden wir wohl zwangsläufig uneins bleiben...
Seoman
| Zitat: |
Original von Cornak
Der "Sinn des Lebens" ist sprichwörtlich und wird ja auch in dieser Debatte wieder erörtert. Wie ist es dann aber mit einem Sinn des Todes ? Ist unser Ende etwa persönlich "sinnlos" ? Absurd ? Echte Frage ! Ich habe das oben schon angedeutet, als ich vom "Heil" sprach. |
Ich versuche mal einen Sinn des Todes an den von Dir drei angegebenen Bedeutung zu finden:
1. Ich weiß nicht wie es genau im Moment des Todes ist, aber ich denke, dass wir keinen Sinn zu Empfindung des Todes bezogen auf tatsächliche Sinnesorgane haben.
2. Der Sinn bezogen auf Verständlichkeit ruft Erklärungsmodelle hervor, wie z.B. einen Raum schaffen für Neues. (Wobei ich dieses Modell nicht ausgereift finde.)
3. Der empathische Sinnbegriff könnte auf ein allgegenwärtiges Bewusstsein der Sterblichkeit beruhen. Wenn wir aber Tod sind, dann besteht meiner Meinung nach dieses Bewusstsein nicht mehr für den Toten und somit auch nicht der Sinn.
Es könnte einen Sinn des Todes bei Menschen geben, die einen Bezug in ihrem Leben zu Deinem Leben oder Tod haben. Dies schließt die Punkte 2 und 3 ein. So suchen Verbliebene des Verstorbenen nach Erklärungsmodellen zum Verständnis des Todes der verstorbenen Menschen. Diese Erklärungsmodelle könnten einen empathischen Sinn des Todes hervorrufen, welche möglicherweise auch einen Sinn für den eigenen Tod bewirkt.
Der eigene Tod schein kein Heil für einen selber zu haben, dennoch für die Lebenen, die erfahren, dass der Tote keinen Bezug zu den Lebenen hat. Schärfer ausgedrückt ist der Verstorbene eingegangen in die Welt, welche kein Interesse mehr für das Leben der Verbliebenen hat.
morten
Ich denke da eher an die Ursache davon wie diese Frage nach dem Sinn zustande kommt.
Wie du schon gesagt hast, tanzen wir Menschen ziemlich aus der Reihe.
Und all diese Sinnlosigkeit und die Unwirklichen Dinge wie "Gut" und "Böse"
kommen erst durch Bewusstes erleben unseres "Seins" zustande.
Wenn ihr mich fragt, kommt der Mensch mit diesem erkennen der eigenen Existenz einfach nicht klar. --> Der Mensch ist ein ganz simpler Fehler der Evolution, wie es schon viele gegeben hat. Und früher oder später wird dieser Fehler einfach verschwinden, wie es schon mit vielen Fehlern passiert ist.
Und mit dem Menschen wird die Frage nach dem Sinn verschwunden sein. Alles existiert einfach.Punkt.
Und das deshalb weil aus einer Riesen Kette von Zufällen dieses System der Naturwissenschaft entstanden ist.
Und die Frage nach der Ursache für diese Zufälle ist doch viel essenzieller als die Frage nach dem Sinn den irgendein belangloser Fehler in dieser Kette von Zufällen hat.
carsten aus bochum
@ Cornak:
| Zitat: |
| „Wie ist es dann aber mit einem Sinn des Todes ? Ist unser Ende etwa persönlich "sinnlos" ? Absurd ?“ |
Der persönliche Tod ist eine Katastrophe und vielleicht auch sinnlos.
Mehr wird vielleicht noch all unser zeitlich begrenztes Tun als sinnlos im Angesicht des immer gegenwärtigen und sicher kommenden Todes empfunden.
Deshalb sind auch die Konzepte der Konfrontation mit der eigenen Sterblichkeit auszuweichen oft Konzepte, die sich auf Überpersönliches beziehen.
Die eine Richtung scheint mir dabei die Kollektive zu sein. Je mehr es mir gelingt, mich mit einer Bewegung, einer guten Sache oder Idee zu identifizieren, umso geringer der Schmerz, wenn es mit mir einmal zu Ende geht, in der Idee lebe ich ja weiter. Scheint zu klappen, genügend angeheizt befördern sich Menschen ja dadurch sogar schneller in den Tod, als er wohl unsprünglich dran wäre.
Die andere Geschichte scheint Religion und Spiritualität zu sein, womit wir wieder bei den Mönchen wären.
Nun ist das Thema etwas komplizierter, als es am Anfang scheint.
Je nach dem, machen selbst große Geister manchmal keinen, oder einen viel zu geringen Unterschied zwischen Religion und Spiritualität (sträflich hier auch Habermas, den ich sonst oft schätze), wo andere zwischen Religion und Spiritualität so gut wie gar keine Gemeinsamkeiten sehen.
Religion scheint, wie oben geschildert, dem Menschen Sinn über das Kollektiv zu geben, eine gegenseitige Versicherung und Bestärkung, die ihren Sinn hat und am Ende verspricht in etwas Größerem aufzugehen.
Nun scheint mir die Sache als solche durchaus richtig zu sein, nur ist der Weg dahin oft nicht so einfach, wie in religiösen Kreisen oft getan wird.
Jedes spirituelle System kennt die religiösen Anweisungen auch, nur beginnt die Reise eigentlich erst hier und endet dort nicht.
Am Ende eines halbwegs geglückten spirituellen Wegs kommt man in dem an, was man Präsenz oder Jetzt nennen kann. Dort ist kein Platz fürs Morgen, nicht aus Dösigkeit und Ignoranz, nicht aus ideologischer oder kollektiver Suggestion heraus, sondern, weil es ein Verlassen dessen bedeutet, was jetzt gerade ist.
In dieser grundsätzlichen Offenheit verliert der Tod seinen Problemcharakter, zumal man als Eintrittskarte ins Jetzt sein Ich an der Garderobe abgeben muss, in dem Sinne, dass man sich nicht mehr (dominant) mit dem Ich identifiziert. Und der Tod kann immer nur ein Ich bedrohen.
Rationale Konzepte, den Mythos überwunden habende Konzepte, von einer biologischen oder gesellschaftlichen Ordnung, die eben weiter gehen muss und die das einzelne Individuum nicht benötigt, sind plausibel, aber haben so schrecklich wenig emotionalen Nährwert.
Wohl dem, der sich damit identifizieren kann, unterm Strich erscheint mir das etwas herzlos zu sein.
Man mag darüber streiten, ob diese Einstellung reif und erwachsen oder nur der krampfhafte Versuch ist, mit Hilfe von Rationalisierungen und einer „so ist es eben“ Einstellung, dort lodernden Hoffnungslosigkeit ein Schnippchen zu schlagen und die Konfrontation damit möglichst zu vertagen, bis zum Augenblick des Todes, den man sich dann schnell und manchmal selbstbestimmt erträumt (um sich die Fragen nie zu stellen, an denen die rationalen Konzepte leer laufen könnten?).
Parallel zur etwas drögen Nummer der Pflichterfüllung scheint mir die saftigere Variante einer carpe diem Haltung zu laufen, die nirgendwo Probleme findet und sei’s, dass man den Kopf dazu in den Sand stecken muss.
Am Ende wäre mein Verdacht ebenfalls der, dass die Panik dort nicht in der Pflicht ertränkt wird, sondern im Port (natürlich nur als Bild gemeint). Die Versuche auf diesem Weg eine Lösung fürs Jetzt zu finden sind natürlich anfänglich durchschaubar und naiv, können aber auch intelligenter sein,
Soweit meine Ideen dazu.
Gruß,
Carsten
Cornak
an alle, für die Sinn-Frage und Tod keine unangenehmen Tabu-Themen sind :
Kann man Seomans Frage nach dem Sinn an sich verstehen als Frage nach einer Universalie, von uns Sinn genannt ? (Bitte, ich bin kein gelernter Philosoph !) Vielleicht müßten wir den "Sinn" nur anders nennen, ich meine denken ?! Archibald hat dazu Vorschläge gemacht.
Man kann es mit morton drehen und wenden, wie man will : Die Menschen als denkende Wesen sind nun mal im Universum und mit ihnen diese peinliche Frage nach dem "Wozu" ? Den Menschen als bloßen Fehler der Evolution abzutun und sein astronomisch gesichertes Verschwinden zu prognostizieren, halte ich für ein allzu einfaches Strickmuster, das nur einen Vorteil hat : Es hält mich vom Denken ab.
"Der eigene Tod scheint kein Heil für einen selber zu haben", vermutet Seoman. Die Antwort liegt zunächst nahe für uns Lebensverliebte. Könnte aber auch fff sein, fix-fertig-falsch. Ich habe einige Leute kennengelernt, die sehr bewußt und ohne Ressentiments auf ihren Tod hin lebten, sie sagten "Ewigkeit" dazu oder Ähnliches, Nirwana etc. Auf der Hand liegt die erlösende Funktion des Todes für schwer Leidende und manche Hochbegabte, z.B. KLEIST und JEAN AMERY, letzterer nach physischer Folter (Essay "Die Tortur")
Ich möchte nun aber in der Runde von Leuten, welche sich philosophischem Denken verschrieben haben, keinesfalls das erleben, was ich schon oft erlebt habe, das Abrutschen ins Spirituelle, heißt ausschließlich religiös Persönliche. Aber womöglich geht's nicht anders ?
Heideggers "Sein zum Tode" habe ich noch nicht gelesen.
"Gibt es ein Geräusch, wenn es keiner hört ?", so mr.monks Scheint der Mond auch dann, wenn wir ihn hinter Wolken nicht sehen können ? Könnte das nicht auch für "Sinn" gelten ? Hm.
an carsten : Peinlich ist die Frage, ob unser ganzes Tun nicht vergeblich sein könnte. Gegen diese Sicht der Dinge schützt mich vorerst noch die TEILHARDsche Vision von Evolution und Noogenese. Die technologische Entwicklung, die man ja sehen und nutzen kann, konstruktiv oder destruktiv, könnte doch der Vorläufer sein, das sehr viel leichter Machbare als die kommunikative, soziale und politische Evolution ?
Und gehören wir als Einzelne und um unser persönliches Wohl Besorgte vielleicht doch einem Kollektiv an, das im Prozeß ist und aus christlicher Sicht als die "Gemeinschaft der Heiligen" bezeichnet wird, "heilig" im Sinne von Gutes denken, wollen und tun, wie die Jünger Zarathustras ?
In einem Forum fand ich gestern eine Kochnische für philosophisch Interessierte. Ein Teilnehmer empfiehlt dort sein "Wurstbrot" : man nehme eine Scheibe Brot, bestreiche sie mit Butter - es kann auch Magherine sein - und belege sie dann mit Wurst, Fisch oder Käse. Gute Wegzehrung ! Grüße !
carsten aus bochum
Hallo cornak,
| Zitat: |
| „an carsten : Peinlich ist die Frage, ob unser ganzes Tun nicht vergeblich sein könnte.“ |
In der Tat.
Ich finde es interessant sich er eventuellen Sinnlosigkeit hinzugeben. Im Grunde hat man ja in aller Regel etablierte soziale Muster, die einen wieder auf die Erde holen, der Rasen will geschnitten werden, der Teller gespült, oder das Wurstbrot geschmiert.
Und dennoch – was tue ich eigentlich, wenn das alles hier nur eine zeitlich begrenzte Nummer ist, mit sich selbst generierendem Sinn, weil man es nicht aushält in den Abgrund der (möglichen) Sinnlosigkeit zu blicken.
Vor allem finde ich – nicht um auf das Persönliche fixiert zu sein und zu bleiben, sondern ganz im Gegenteil, um das Persönliche zu erkennen und davon zu abstrahieren – die Frage interessant, was ich tun, was ich anders machen würde, wenn es sicher wäre, dass die Welt tatsächlich ein endliches Konstrukt ist.
| Zitat: |
| „Gegen diese Sicht der Dinge schützt mich vorerst noch die TEILHARDsche Vision von Evolution und Noogenese. Die technologische Entwicklung, die man ja sehen und nutzen kann, konstruktiv oder destruktiv, könnte doch der Vorläufer sein, das sehr viel leichter Machbare als die kommunikative, soziale und politische Evolution ?“ |
Ist das nicht nur ein zeitlich befristeter Aufschub für eine grundsätzlichere Frage?
Ich will ja hier keine schlechte Laune verbreiten und vielleicht siehst Du es ja so, dass man irgendwann von den großen, metaphysischen, politischen, utopischen Antworten loszulassen lernt und sich am Machbaren erfreut und sich bescheiden lernt?
Ansonsten würde mir das als Antwort eher nicht genügen.
| Zitat: |
| „Und gehören wir als Einzelne und um unser persönliches Wohl Besorgte vielleicht doch einem Kollektiv an, das im Prozeß ist und aus christlicher Sicht als die "Gemeinschaft der Heiligen" bezeichnet wird, "heilig" im Sinne von Gutes denken, wollen und tun, wie die Jünger Zarathustras ?“ |
Könnte gut sein, es ist die Frage inwieweit wir wirklich selbstbestimmt sind, was ein jeweils untrschiedliches Licht auf die Frage der Einordnung (in ein weises System) oder der verstärkten Individuation (als kreative Neuschöpfung durch mich) oder irgendeiner 60/40 oder 80/20 Kombination wirft.
Gruß,
Carsten
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