Cornak
Hallo carsten :
Kluge Gedanken ! Danke ! "Ich hebe hervor : Was tue ich, wenn das alles hier nur eine zeitlich begrenzte Nummer ist ?" Und konkretisiere : Was wirst Du tun, wenn Dein Dasein sich zu einer zeitlich begrenzten Nummer "entwickelt" haben wird ?
Ich befürchte für mich, daß ich "in Schande" weiterleben würde/werde, in der ausgegessenen Schüssel des Lebens herumkratzend nach den Resten. Du hast recht, die Vision einer Noogenese hat aufschiebende Qualität. Aber was um Himmels Willen hat mehr als diese dilatierende Funktion ? Die Philosophie etwa ? Grüße !
Pan_Narran
| Zitat: |
Original von mr.monks
Das halte ich für Blodsinn. Nur weil Sinn und Sinnlichkeit (man beachte das Zitat
) sprachlich zusammenhängen, ist es übereilt inahltliche Zusammenhänge zu konstruieren. |
Ich halte diesen Gedanken zumindest für nicht völlig abwegig. Schließlich ist die Frage nach dem Sinn eng verwandt mit der, ob ich "meinen Sinnen trauen" kann. Meine Sinne liefern mir zunächst einmal eine sinnvolle Welt. Es ist sogar deren Hauptaufgabe, Zusammenhänge zu finden (oder zu konstruieren...) und mir ein "sinniges" Bild meiner Außenwelt zu liefern.
| Zitat: |
Archibald
@ Pan:
Wenn sich "Sinn" auf die verschiedensten Dinge der Welt beziehen lässt, dann doch nur deswegen, weil "Sinn" eine Projektion von "Sinn an Sich" ist.
Genauso ist es denn auch bei Dingen wie:
Funktion, System, Probe, Symtom, Steuerung, Ableitung, Darstellung, ect.
|
Du meinst also, hier macht die Idee den Sinn? Es gibt einen Sinn-an-sich, an dem wir, entsprechend unseres geistigen Vermögens, in unterschiedlichem Maße teilhaben können? Ich denke genau anders herum! Ich meine, dass unser "Sinn" etwas gewordenes, geschaffenes ist, das sich im Laufe unserer Entwicklung als Vorteilhaft herausgestellt hat. Sogar als so vorteilhaft, dass er einer der Grundpfeiler meiner ganzen Entstehung darstellt: Ich könnte ihn jetzt nicht hinterfragen, hätten mir meine Vorfahren die Vorstellung des "Sinns" nicht in die Gene eingebrannt.
Und, hiervon ausgehend, projizieren wir unseren Sinn in die Welt, in der Annahme, es müsse da draußen so etwas wie "den wahren Sinn" geben.
Ich denke, die Sache macht die Idee.
Seoman
| Zitat: |
Original von Cornak
Aber was um Himmels Willen hat mehr als diese dilatierende Funktion ? Die Philosophie etwa? |
Jedes Leben endet mit dem Tod. Hatte jenes Leben eine Funktion im Universum mehr als ein anderes? Ergab dieses Leben einen Sinn, wenn es mit dem Tod endet? Beherbergt der Tod vielleicht den Sinn ein sinnloses Leben zu beenden?
Die Fragen beziehen sich immer auf einen universalen vergegenständlichten Sinn. Mancher Philosph sieht die Aufgabe in der Philosophie sich gegen die Vergegenständlichung des Menschen zu wehren.
Muss der Sinn des Lebens des einen auch als Sinn des Lebens für den anderen verständlich sein? Ich möchte diese Frage mit "Nein" beantworten. Wie ich oben schon versuchte zu zeigen, lässt sich der Sinn im Kosmos des Ichs finden, doch möglicherweise nicht im Universum aller.
Der Sinn verstanden als Anhypotheton für das Erleben der Qualität einer Sache, einer Handlung, eines Verständnisses, ... eines Lebens.
| Zitat: |
Original von Cornak
Ich habe einige Leute kennengelernt, die sehr bewußt und ohne Ressentiments auf ihren Tod hin lebten, sie sagten "Ewigkeit" dazu oder Ähnliches, Nirwana etc. |
So erschien ihnen der Sinn in der Qualität des Verständnis von Ewigkeit oder Nirwana. Wenn ich aber davon ausgehe, dass der Sinn nur im Kosmos des Ichs besteht, so vergeht dieser Sinn beim Erlöschen des Ichs, also im Tod. Ein anderer kann ebenso einen vergleichbaren Sinn im Leben zum Tod haben, doch bleibt er immer vergleichbar und nicht derselbe, weil nach dem Anhypotheton des Sinns der Sinn im Ich verschlossen ist.
Pan_Narran
Mir ist da noch etwas aufgefallen. Das ganze Paradoxon des Sinns hat eine erstaunliche Ähnlichkeit mit dem Paradox-des-Lügners:
Wikipedia sagt:
Ein Lügner-Paradox ist ein Paradoxon, das dadurch entsteht, dass ein Satz auf sich selbst Bezug nimmt und seine eigene Falschheit aussagt.
...
Das klingt für mich wie das Leben, das sich seine eigene Sinnlosigkeit unterstellt. Der Sinn geht aus dem Leben hervor, wird aber rekursiv auf das Leben selbst angewandt. Und untergräbt somit die eigene Grundlage.
carsten aus bochum
Hallo Cornak,
| Zitat: |
„Was wirst Du tun, wenn Dein Dasein sich zu einer zeitlich begrenzten Nummer "entwickelt" haben wird ?
Ich befürchte für mich, daß ich "in Schande" weiterleben würde/werde, in der ausgegessenen Schüssel des Lebens herumkratzend nach den Resten. Du hast recht, die Vision einer Noogenese hat aufschiebende Qualität. Aber was um Himmels Willen hat mehr als diese dilatierende Funktion ? Die Philosophie etwa ?“ |
Ich fürchte die Antworten der Philosophie bringen da nicht viel Sinn rein.
Es mag der eine oder andere Sinn in ihnen finden und wer den Stein immer wieder nach oben rollt, im vollen Bewusstsein der letztendlichen Sinnlosigkeit des eigenen Tuns, vor dem kann ich vielleicht den Hut ziehen.
Ich glaube, es ist sehr wichtig sich mit der Vergänglichkeit und Vergeblichkeit des eigenen Tuns – wie erfolgreich es auch immer jetzt gerade sein mag – auseinanderzusetzen.
Mir lässt es einen kalten Schauer den Rücken rauf- und runterlaufen.
Hier stellen sich schon grundsätzliche Frage: Werde ich zum Lebemann? Zum Zyniker? Zum Philosophen? Zum Mystiker?
Die Antwort gibt es wohl nicht, aber alle seichteren Tröstungen prallen an dieser Frage ab, wenn man sie sich ernsthaft stellt.
Was mich betrifft, so halte ich die spirituellen Ansätze für die beste „Option“.
Die Antwort der besseren Wege auf die Frage nach dem Sinn, ist hier allerdings die, dass man aufhören sollte, nach einem zu suchen.
Ich bin noch immer der Ansicht, dass man das erst tun kann, wenn man sich in die Frage nach dem Sinn ganz hineingeworfen hat. Im Vorfeld schon davon auszugehen, dass man aus dem Schneider ist, wenn einen die Frage nie interessiert hat, kommt mir oft wie Selbstbetrug vor.
Gruß,
Carsten
Cornak
an carsten : Ja freilich ist das Selbstbetrug. Aber ist dieser Betrug nicht das Schicksal der Allermeisten, und sind wir selbst der nackten Realität etwa gewachsen ? Wie weit können wir uns da hochtrainieren ?
Auch der Zynismus gehört zu den Abwehrmechanismen, etwa noch ordinärer zu sein als die Natur. SLOTERDJK hat hierzu in der "Kritik der zynischen Vernunft" Band 2 Kapitel "Das Weimarer Symptom" viel Aufschlußreiches geschrieben.
Was das Spirituelle angeht : Ja, ich neige auch dazu, es so zu "sehen" und warte auf die erhellende Botschaft des Merkur. Gekommen ist er noch nicht. Und für Mystisches gibt es m.W. keine von Autohypnose freien Seminare. Gourmet, Genießer, Lebemann/frau : So halten es nicht wenige. Ich habe noch neben Sterbebetten laufende Fernseher mit Unterhaltungsprogramm gesehen.
Ich finde, daß wir uns in die Sinnfrage weit genug hineingeworfen haben, sobald uns der kalte Schauer den Rücken runterläuft. Mehr muß nicht sein ! Und dann könnte man analog zur Tiefenpsychologie von "Tiefenphilosophie" reden, etwa bei CIORAN und SCHOPENHAUER (?). Die oberflächliche Verwechslung mit lebensfeindlichem , so genannten "Pessimismus" (oft behandlungsfähige Depressionen !) lenkt ab vom Eigentlichen. Finde ich jedenfalls. Dank und Gruß !
carsten aus bochum
Hallo Cornak,
| Zitat: |
„an carsten : Ja freilich ist das Selbstbetrug. Aber ist dieser Betrug nicht das Schicksal der Allermeisten, und sind wir selbst der nackten Realität etwa gewachsen ? Wie weit können wir uns da hochtrainieren ?
Auch der Zynismus gehört zu den Abwehrmechanismen, etwa noch ordinärer zu sein als die Natur. SLOTERDJK hat hierzu in der "Kritik der zynischen Vernunft" Band 2 Kapitel "Das Weimarer Symptom" viel Aufschlußreiches geschrieben.
Was das Spirituelle angeht : Ja, ich neige auch dazu, es so zu "sehen" und warte auf die erhellende Botschaft des Merkur. Gekommen ist er noch nicht. Und für Mystisches gibt es m.W. keine von Autohypnose freien Seminare.“ |
Schreib mal an Jupiter.
Im Ernst, Autohypnose... eher nicht.
Absichtlose Meditiation ist in meinen Augen eher eine Erweiterung des Bewusstseins als eine Fixierung auf bestimmte Teilausschnitte. Darum wird sie auch sie bleiern langweilig, aber diese Langeweile ist meistens hochinteressant.
Langeweile, der man nicht ausweicht, bringt zumeist ganz andere Themen (sehr spannende) ans Licht und auf einmal ist man wieder mit sehr existentiellen Themen konfrontiert.
Hier kann man aussteigen und den Themen nachgehen (philosophisch, tiefenpsychologisch) oder aber weiteratmen und das Ich langsam (oder schnell) ersterben lassen.
Das füllt die ansonsten manchmal leeren oder blumigen Begrifflichkeiten der Mystiker mit dem Fleisch des eigenen Erlebens.
| Zitat: |
| „Gourmet, Genießer, Lebemann/frau : So halten es nicht wenige. Ich habe noch neben Sterbebetten laufende Fernseher mit Unterhaltungsprogramm gesehen.“ |
Wenn schon, denn schon.
| Zitat: |
| „Ich finde, daß wir uns in die Sinnfrage weit genug hineingeworfen haben, sobald uns der kalte Schauer den Rücken runterläuft. Mehr muß nicht sein ! Und dann könnte man analog zur Tiefenpsychologie von "Tiefenphilosophie" reden, etwa bei CIORAN und SCHOPENHAUER (?). Die oberflächliche Verwechslung mit lebensfeindlichem , so genannten "Pessimismus" (oft behandlungsfähige Depressionen !) lenkt ab vom Eigentlichen. Finde ich jedenfalls.“ |
Ja, früher unterschied man noch zwischen existentiellen, neurotischen und psychotischen Depressionen.
(Heute unterscheidet man zuweilen noch mehr – deskriptiver orientiert –, ob es immer besser ist, sei dahingestellt.)
Die existentiellen waren dadurch definiert, dass sie weniger vor bestimmten Lebensbereichen kapitulierten, als vielmehr vor der Sinnlosigkeit des Daseins als solchem. Wozu das alles? anstatt: Ich schaff‘ das alles nicht mehr.
Ich sehe da auch eine ungesunde Vermischung und die mitunter dümmsten Ratschläge scheinen mir die zu sein, über solche Fragen besser nicht nachzudenken.
Man muss schon fein unterscheiden, zwischen einer depressiven oder paranoiden Hinwendung zum „Wesentlichen“ als einer Verweigerung der Notwendigkeiten des Alltags und Menschen, die sich tatsächlich für mehr interessieren, aber die Unterscheidung zu treffen, scheint mir grundsätzlich möglich zu sein.
Gruß,
Carsten
Cornak
an carsten : Ja, diese Antwort antwortet mir. Danke ! Klingt so, als ob Du ein Psychiater wärst. Womöglich bist Du gar einer. Mit der absichtslosen Meditation habe ich es mehrmals versucht und mich jedesmal dabei ganz schrecklich gelangweilt, ohne auf existentielle Themen zu stoßen. Mein Problem, ich weiß ! Vielleicht auch mein neurotischer Abwehrmechanismus dagegen, mir selbst etwas vormachen oder einreden zu wollen. Kurioses Autonomie-Verlangen.
Ja, "Depression" steht auf einer Schublade mit zahlreichen sehr verschiedenen Sachen. Der modernen Hinwendung zum bloß Deskriptiven stehe ich sehr ambivalent gegenüber, weil es dann oft beim Deskriptiven bleibt. Hoffentlich sinkt Philosophie nicht bis da hinunter. Dank und Gruß ! P.S. Hast Du schon mal an Jupiter geschrieben ?
schnittke
@ Pan_Narran
“Die Vorstellung, dass Sinn ein Bedürfnis des Menschen sei, wird sich auf der Straße kaum verifizieren lassen, sondern erscheint als Verlegenheitsgeste von Intellektuellen, die für etwas gut sein und den an Sinnverlust leidenden Menschen helfen möchten.“ Luhmann
Die Indirektheit von Glück und der Unsinn der direkten Glücksintention. So ließe sich Marquards These umformulieren und insofern gegen ihn verwenden, als er mit der eigenen These direkt intendiert :
Der eigentliche Sinn von Sinn sei Glück. Beides sei in Wahrheit aber nur indirekt erhältlich.
An der Unterscheidung direkt/indirekt steht oder fällt sein ganzes Vorhaben (man mag inhaltlich mit ihm durchaus übereinstimmen), aus ihr schält sich sozusagen der Sinn der ganzen Unternehmung heraus.
Sinn scheint dasjenige Mittel zu sein, das zu seiner eigenen Erzeugung ständig mitläuft, während die Inhalte, die es erzeugt, vollkommen beliebig zu sein scheinen.
Zum genannten Beispiel des je eigenen Todes ließe sich sagen :
Gattungsbezogen scheint der Tod des Einzelnen der Ökonomie des Ganzen zu dienen.
Überlebten immer alle Generationen, wäre es eine alles erstickende Wucherung und endete im Untergang des Ganzen.
Ein möglicher Sinn des Todes des Einzelnen ist deutlich gemacht : Sinn als Synonym von Ursache.
Sinn ist also kein Deckname von Glück, sondern ein nicht hinterfragbares Mittel zur Erzeugung von Erkenntnis.
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schnittke
Der Sinn des Lebens scheint in der fortdauernden Organisation von sich selbstorganisierenden Sonderformen der Materie zu bestehen.
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Pan_Narran
| Zitat: |
Original von schnittke
@ Pan_Narran
“Die Vorstellung, dass Sinn ein Bedürfnis des Menschen sei, wird sich auf der Straße kaum verifizieren lassen, sondern erscheint als Verlegenheitsgeste von Intellektuellen, die für etwas gut sein und den an Sinnverlust leidenden Menschen helfen möchten.“ Luhmann
Die Indirektheit von Glück und der Unsinn der direkten Glücksintention. So ließe sich Marquards These umformulieren und insofern gegen ihn verwenden, als er mit der eigenen These direkt intendiert :
Der eigentliche Sinn von Sinn sei Glück. Beides sei in Wahrheit aber nur indirekt erhältlich.
An der Unterscheidung direkt/indirekt steht oder fällt sein ganzes Vorhaben (man mag inhaltlich mit ihm durchaus übereinstimmen), aus ihr schält sich sozusagen der Sinn der ganzen Unternehmung heraus.
Sinn scheint dasjenige Mittel zu sein, das zu seiner eigenen Erzeugung ständig mitläuft, während die Inhalte, die es erzeugt, vollkommen beliebig zu sein scheinen.
Zum genannten Beispiel des je eigenen Todes ließe sich sagen :
Gattungsbezogen scheint der Tod des Einzelnen der Ökonomie des Ganzen zu dienen.
Überlebten immer alle Generationen, wäre es eine alles erstickende Wucherung und endete im Untergang des Ganzen.
Ein möglicher Sinn des Todes des Einzelnen ist deutlich gemacht : Sinn als Synonym von Ursache.
Sinn ist also kein Deckname von Glück, sondern ein nicht hinterfragbares Mittel zur Erzeugung von Erkenntnis.
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Zu Sinn und Glück:
Also, eine Verknüpfung von Sinn und Glück sehe ich auch nur indirekt. Es wird uns wohl Glück bereiten etwas sinnvolles zu tun, einfach weil wir nach diesem Muster gestrickt sind und es in der Evolution von Vorteil war so zu handeln. Genau wie unsere Nahrung uns nur deshalb gut schmeckt (und zumindest temporär glücklich macht), weil jene Lebewesen, die sich vor ihrer Nahrung geekelt haben, bereits den hungertod starben.
Zum Sinn als Mittel der Erkenntnis:
Korrekt. Zumindest ist der Sinn nicht durch jene Erkenntnis zu hinterfragen, die erst aus ihm hervorgeht. Sinn ist eng verknüpft mit dem kausalen Aufbau unseres Erlebens. Es dürfte recht schwer sein, hier noch weiter zurück zu gehen und nach alternativen Erkenntnismitteln zu suchen. Das wäre geradezu sinnlos.
Pan_Narran
| Zitat: |
Original von schnittke
Der Sinn des Lebens scheint in der fortdauernden Organisation von sich selbstorganisierenden Sonderformen der Materie zu bestehen.
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Eines meiner Bonmots, die ich ab und an einstreue:
"Wahrheit erschafft sich selbst aus ihrem eigenen Kontext heraus."
Cornak
Aus psychologischer Sicht läßt sich in jedes unserer seelischen Grundbedürfnisse "Sinn" hineinlegen, Ideologie, die dann als Feedback mir gut tut, autohypnotisch. Selbst meine selbstverschuldeten Katastrophen kann ich zu sinnvollen Ereignissen umdeuten resp. beschönigen.
Die philosophische Sinnfrage muß aber etwas anderes sein, sonst hätte MMARQUARD nicht dafür plädiert, sie offenzuhalten, notfalls auch metaphysisch.
Unter
www.samisdat-dejung.ch fand ich gestern eine Arbeit von CHRISTOPH DEJUNG zum PLESSNER-Kongreß 2000, in der er auch die Sinnfrage erwähnt, m.E. metaphysisch : Zitat
"Und wie es im Rätsel (nach Jolles) eine einfache Form gibt, zu dem es gerinnt, die »Rune«, so wird in der Philosophie alles zur »Chiffre«; und die Frage nach dem Sinn lässt sich nicht wegschieben. Wer sie durch einen einmaligen Akt des »Durchschauens« überwinden will, also gewissermaßen aufklären, leugnet das, was er selbst tut, solange er nur weiter philosophiert. Das ist der Sinn des bei Descartes schon entdeckten »Widerspruchs« in der Skepsis, es ist ein tiefer Sinn, nicht zu verwechseln mit oberflächlichen Argumenten von der Art: Wer nicht glaubt, glaubt seinem Unglauben. Gerade das Unglaubenshafte der Skepsis ist das Philosophische an ihr, gerade mit ihm kann derjenige, der die Reduktionen und Destruktionen nicht mitmachen will, einig gehen. Was in der Destruktion aber nicht geht, ist die Meinung, mit einem Bekenntnis zum Phänomen, zum Sinneseindruck, zur Erfahrung sei man der Frage nach dem Sinn enthoben. Wer reduziert, wie es die Reduktionisten tun, bleibt bei den Sin n begriffen, die er als »nichts weiter denn Bewusstseininhalte«, »nichts weiter als Projektionen«, »nichts weiter als Ideologien« bezeichnet (Welt oder Leben - Plessnersche Termini, Vernunft und Wille neukantianische Termini, Gott und Freiheit hegelianische Termini). Dass die Aussage »nichts als« als eine Wesensaussage gelesen werden muss, führt zur Verewigung der Philosophie, die alle ihre Abschaffungen überlebt, weil ihr Rätsel nicht verschwindet, indem es gelöst wird.
Seoman
| Zitat: |
Original von carsten aus bochum
Ich fürchte die Antworten der Philosophie bringen da nicht viel Sinn rein.
Es mag der eine oder andere Sinn in ihnen finden und wer den Stein immer wieder nach oben rollt, im vollen Bewusstsein der letztendlichen Sinnlosigkeit des eigenen Tuns, vor dem kann ich vielleicht den Hut ziehen. |
Derjenige, welcher den Stein immer wieder nach oben rollt, kann im vollen Bewusstsein ein Sinn in dem erfahren, was er macht; auch wenn der Sinn seines Handelns einem Beobachter nicht zugänglich ist.
Ist die Handlung nicht zweckorientiert, so erscheint sie einem Aussenstehenen sinnlos; was aber nicht bedeutet, dass sie für den Handelnen keinen Sinn ergibt.
z.B.
Der Atheist sieht im Glauben zu Gott keinen Sinn. Er sieht wohlmöglich auch keinen Sinn des Glaubens beim Glaubenen, doch der Glaubene hat einen Sinn gefunden im Glauben und dem kann man ihm auch nicht abstreiten, weil der Sinn nicht der objektiven Kritik zu Verfügung steht.
Der Sinn scheint ein Teil des Bewusstseins zu sein; doch wie ist es möglich objektiv Bewusstsein bei einem anderen zu beweisen? Hat ein Android ein Bewusstsein nur wenn er den Menschen perfekt imitiert? Ist Zweck des Androiden, Imitation des Menschen, gleichzeitig sein Sinn? Ist der Zweck des/eines Lebens auch der Sinn des/eines Lebens?
Rhetorix
| Zitat: |
Original von schnittke
“Die Vorstellung, dass Sinn ein Bedürfnis des Menschen sei, wird sich auf der Straße kaum verifizieren lassen, sondern erscheint als Verlegenheitsgeste von Intellektuellen, die für etwas gut sein und den an Sinnverlust leidenden Menschen helfen möchten.“ Luhmann |
Das sehe ich genauso (mit der Einschränkung, dass man keineswegs Intellektueller sein muss, um sich mit einem selbsterfundenen 'Sinn' der eigenen Wichtigkeit versichern zu wollen).
Und was sagst du zu diesem Zitat, Schnittke?
| Zitat: |
| Sinn scheint dasjenige Mittel zu sein, das zu seiner eigenen Erzeugung ständig mitläuft, während die Inhalte, die es erzeugt, vollkommen beliebig zu sein scheinen. |
Schrei nicht. Sonst kommst du wieder in Doctor Eisenbarths Gummizelle.
Wie verhält sich diese Behauptung zu Luhmanns Meinung, dass Intellektuelle sich mit dem 'Sinn' nur selbst auf die Schulter klopfen?
Läuft der Sinn nun ständig mit, oder sucht man ihn 'auf der Straße' vergebens?
| Zitat: |
| Ein möglicher Sinn des Todes des Einzelnen ist deutlich gemacht : Sinn als Synonym von Ursache. |
Sinn des Todes = Ursache des Todes - okay, das ist deine Definition. Über Definitionen lässt sich schlecht streiten.
'Sinn' wird allerdings üblicherweise weniger als Ursache, sondern eher als eine Art von Ziel definiert (m.E. wird er kaum jemanls sinnvoll definiert).
| Zitat: |
| Sinn ist also kein Deckname von Glück, sondern ein nicht hinterfragbares Mittel zur Erzeugung von Erkenntnis. |
Nicht schreien (s.o.)!
Leg dich lieber erst einmal fest, ob "Sinn"
1. eine selbstbestätigende Geste von Intellektuellen
2. die Ursache von etwas (z.B. des Todes) oder
3. ein Mittel zur Erkenntnis
ist.
So lange du das nicht tust und auch keine Begründung für deine Entscheidung lieferst, ist dein Beitrag leider von innen hohl.
Neo
| Zitat: |
von Schnittke
Der Sinn des Lebens scheint in der fortdauernden Organisation von sich selbstorganisierenden Sonderformen der Materie zu bestehen. |
und
| Zitat: |
von Schnittke
Zum genannten Beispiel des je eigenen Todes ließe sich sagen :
Gattungsbezogen scheint der Tod des Einzelnen der Ökonomie des Ganzen zu dienen.
Überlebten immer alle Generationen, wäre es eine alles erstickende Wucherung und endete im Untergang des Ganzen.
Ein möglicher Sinn des Todes des Einzelnen ist deutlich gemacht : Sinn als Synonym von Ursache.
Sinn ist also kein Deckname von Glück, sondern ein nicht hinterfragbares Mittel zur Erzeugung von Erkenntnis. |
Das ist das eine Ende der Skala der Arten, wie man nach dem Sinn fragen kann.
Irgendwo am anderen Ende liest sich das vltr eher so:
„Ich weiß nicht, was mich in die Welt gesetzt hat, noch was die Welt ist, noch was ich selber bin. Ich bin in einer schrecklichen Unkenntnis aller Dinge, ich weiß nicht, was mein Leib ist, was meine Sinne, meine Seele, sogar was jener Teil meines Ich ist, de denkt was ich sage, der über alles und über sich selbst nachdenkt, und sich selbst enbenso wenig erkennt wie alles übrige. Ich sehe diese grauenvollen Räume des Alls, die mich einschließen, und bin an einen Winkel des weiten Weltenraumes gefesselt, ohne zu wissen weshalb ich an diesen Ort gesetzt worden bin und nicht an einen anderen; warum die kurze Zeit, die mir zum Leben gegeben ist, gerade in diesem Moment und nicht in einem anderen der ganzen Ewigkeit, die mir vorausgegenagen ist und mir folgt, gemessen wurde. Ich sehe ringsum nur Unendlichkeiten, die mich einschließen wie ein Atom und wie einen Schatten, der nur einen Augenblick dauert ohne Wiederkehr. Alles was ich kenne ist, dass ich bald sterben muß, aber was ich am wenigsten kenne, ist gerade dieser Tod, den ich nicht zu vermeiden weiß. – Wie ich nicht weiß woher ich komme, weiß ich auch nicht wohin ich gehe. [...]“ (Blaise Pascal: Pensées 194)
In der Tat: Nirgendwo zeigt sich die Trostlosigkeit der menschlichen Existenz deutlicher als im dauernden Bedrohtsein durch den Tod, der so oft ferne ist, wenn er nahe scheint, u nd nahe, wenn er ferne scheint: „Der letzte Akt ist bitter, wie schön auch immer die Komödie im Übrigen war: Man wirft schließlich Erde auf das Haupt und damit hat es sich“.
(Hans Küng: Existiert Gott?- Die Ungewissheit des Glaubens, S. 77)
Führt das nicht zu einem weiteren Synonym für Sinn: gesichertes Wissen, Gewissheit über mich und meine Situation?
carsten aus bochum
Hi,
@ Seoman,
| Zitat: |
„Derjenige, welcher den Stein immer wieder nach oben rollt, kann im vollen Bewusstsein ein Sinn in dem erfahren, was er macht; auch wenn der Sinn seines Handelns einem Beobachter nicht zugänglich ist.
Ist die Handlung nicht zweckorientiert, so erscheint sie einem Aussenstehenen sinnlos; was aber nicht bedeutet, dass sie für den Handelnen keinen Sinn ergibt.“ |
Ich weiß, darum ziehe ich ja den Hut davor.
| Zitat: |
„z.B.
Der Atheist sieht im Glauben zu Gott keinen Sinn. Er sieht wohlmöglich auch keinen Sinn des Glaubens beim Glaubenen, doch der Glaubene hat einen Sinn gefunden im Glauben und dem kann man ihm auch nicht abstreiten, weil der Sinn nicht der objektiven Kritik zu Verfügung steht.“ |
Der Kritik, oder geringer, der Nachfrage vielleicht schon, aber sinnvoll ist das, was man als sinnvoll empfindet.
Es gibt da eine interessante Trennung. Man kann die theoretischen Gründe für eine Handlung vielleicht durchaus nachvollziehen. Man kann z.B. als Atheist durchaus begreifen, was den Gläubigen glauben lässt. Man kann erkennen, welche Gründe es sind, die ihn überzeugen.
Nur kann es praktisch sein, dass man im vollen Licht der Erkenntnis dieser Gründe auch sieht, dass es nicht die Gründe sind, die einen selbst überzeugen. Insofern schimmert eine gewisse Objektivität (der ich allerdings insgesamt nicht sonderlich über den Weg traue) schon auch durch.
| Zitat: |
| „Der Sinn scheint ein Teil des Bewusstseins zu sein; doch wie ist es möglich objektiv Bewusstsein bei einem anderen zu beweisen?“ |
Schwierig, da hast Du Recht.
| Zitat: |
| „Hat ein Android ein Bewusstsein nur wenn er den Menschen perfekt imitiert?“ |
Das hatten wir durchgekaut bei der intensiven Diskussion um Dennetts Buch.
Ist identisches Verhalten einem gleichen Bewusstsein entsprechend, bzw. kann man unterschiede im Bewusstseins anders, als über Verhalten unterscheiden und wenn ja, wie?
Eine richtige Antwort gab es nicht, ist aber ein kompliziertes Thema.
| Zitat: |
| “Ist Zweck des Androiden, Imitation des Menschen, gleichzeitig sein Sinn? Ist der Zweck des/eines Lebens auch der Sinn des/eines Lebens?“ |
Ich würde Zweck und Sinn trennen, in Zweck mehr den quantitativen Aspekt sehen in Sinn mehr den qualitätiven. Bei denen die (wie Dennett) bestreiten, dass es etwas wie Qualität sinnvollerweise gibt, bekommt man dafür natütlich keinen Beifall.
@ Neo:
Was Küng da darstellt scheint mir das Paradebeispiel einer existentiellen Krise zu sein.
Ein sehr interessanter Punkt, denn Frieden findet man erst, wenn man eine Antwort findet, mit der man leben kann.
Gruß,
Carsten
Cornak
an alle zur Sinnfrage : Ich stelle folgende Hypothesen auf :
1. Das, was wir Sinn nennen, hat mit Deutung zu tun, persönlicher oder kollektiver (Konfession, Ideologie, Lehre...)
2. Indem wir zu den uns bedeutsam erscheinenden Gegenständen unseres Daseins einen Sinn dazu denken (den sie ja von sich aus nicht haben) , tun wir etwas Narzißtisches. Wir fühlen uns wohler so und verringern die Unlust am Leben.
3. Wenn wir in der Philosophie einen Sinn suchen, verwechseln wir womöglich die Früchte des Denkens mit etwas ganz anderem. Aber womit ?
In CICERO august 2008 finde ich die Sicht des fast 100-jährigen CLAUDE LEVI-STRAUSS : "........Ich bin fest davon überzeugt, daß das Leben keinen Sinn hat, daß nichts irgendeinen Sinn hat.........."
Da capo ?
Aurom
tja, da sieht man´s wieder : alter schützt vor torheit nicht! er sollte zumindest zugestehen, dass es einen sinn geben KÖNNTE, der uns aufgrund menschlicher beschränktheit nicht (oder noch nicht) erkennbar ist...
schnittke
@ cornak
Ein 20-jähriger Levi-Strauss hätte sich anders geäußert.
Der individualgeschichtliche Horizont von Sinn wird sichtbar.
Eine 100-jährige Altersmüdigkeit und Altersschwermut richtet sich kompensierend nach außen, um sich noch einmal scheinbar resümierend Ausdruck zu verschaffen.
Ganz allgemein scheint ein so gesetzter Sinn Zeitenwechsel unterworfen zu sein.
Früher machte es selbst hiezulande Sinn, die Geister von Verstorbenen um eine gute Ernte zu bitten.
Die Unterscheidung Lust/Unlust bietet sich an um zu zeigen, dass Sinn offenbar ein formbares Medium ist, das für unterschiedlichste Inhalte aus allen erdenklichen Bereichen menschlichen Lebens offen steht, aber nicht menschlichen Lebens allein. Diese Inhalte können in das Medium Sinn eingeschrieben werden, um zu Unterscheidungen und schließlich zu Entscheidungen zu gelangen.
Bereitet mir eine zu heiße Sonne Unlust, gehe ich in den Schatten oder ins Kühle und überwinde dadurch die Unlust.
Der Sinn führt mich durch eine Vielzahl von Unterscheidungen (die Sonne ist die Ursache, nicht die große Menschenansammlung; der Körper registriert Wärme, nicht Kälte usw.) zu einer Handlung, die erfolgreich ist : im Schatten fühle ich mich wohler.
Sinn selbst scheint also differenzlos, aber er ermöglicht Unterscheidungen.
Ohne einbeschriebene Inhalte kann Sinn aufgrund seiner Differenzlosigkeit nicht erfasst werden.
Das Urteil “Unsinn“ kann auch wieder nur über zuvor mitgelaufene Unterscheidungen ausgesprochen werden, die am Leitfaden des Mediums Sinn getroffen wurden.
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