Hallo Rebecca : Deine Beiträge zu „Philosophie für wen ?“ find ich interessant, zumal sie

anschaulich zeigen, daß wir fähig dazu sind, am Kern einer Frage bleiben, auch wenn wir aneinander vorbeireden, wie Du Schatzmeister entgegenhältst. Zwangsläufig aneinander vorbeireden müssen, möchte ich steigern, ohne einen neuen Thread daraus machen zu wollen.
Für mich ist das philosophische Denken eine sehr persönliche Leidenschaft, womit in meinem Fall sich die Frage von selbst beantwortet, wer in wessen Diensten steht. Aber philosophisches Denken kann nach hinten losgehen und hat oft einen sehr hohen Preis, wie SLOTERDIJK sehr schön beschreibt in der Einleitung zu „Kränkung durch Maschinen“ (Essay in „Nicht gerettet“ suhrkamp 2001). Auch in einem Dialog zwischen Arnold Gehlen und Adorno wurde das weiter gedacht, ich füge ihn an.
Sodann meine ich, daß das Philosophieren eine Form des Herrschaftsdenkens ist, man mag es drehen und wenden, wie man will. Ein bekannter zeitgenössischer Philosoph sagte, daß Arroganz zuweilen das einzige wirksame Mittel sei, sich vor Dummheit zu schützen. Und derselbe Mann meinte herausgefunden zu haben, daß philosophisch Veranlagte wehrlos sind gegenüber Einblicken in größere Zusammenhänge. Und in aller Regel verlieren sie dadurch sehr schnell ihr Gottvertrauen, so sie denn welches hatten.
Südwestfunk 1965 :
"Glauben Sie wirklich, fragte Gehlen, daß man die Belastung mit Grundsatzproblematik, mit Reflexionsaufwand, mit tief nachwirkenden Lebensirrtümern, die wir durchgemacht haben, weil wir versucht haben uns freizuschwimmen, daß man die allen Menschen zumuten sollte? Das würde ich ganz gerne wissen.
Adorno antwortete: Darauf kann ich nur ganz einfach sagen: Ja! Ich habe eine Vorstellung von objektivem Glück und ob jektiver Verzweiflung und ich würde sagen, daß die Menschen so lange, wie man sie entlastet und ihnen nicht die ganze Verantwortung und Selbst bestimmung zumutet, daß so lange auch ihr Wohlbefinden und ihr Glück in dieser Welt ein Schein ist. Und ein Schein, der eines Tages platzen wird. Und wenn er platzt, wird das entsetzliche Folgen haben.
Gehlen erwidert, das sei zwar ein schöner Gedanke, aber die Menschen seien nun einmal nicht so. Sie wollen Entlastung und halten Ausschau nach jemand, der ihnen Verantwortung abnimmt. Vom Anspruch der Mündigkeit werden sie in der Regel überfor dert. Gehlen schließt seine Überlegungen mit der Bemerkung ab: Herr Adorno ... obzwar ich das Gefühl habe, daß wir uns in tiefen Prämis sen einig sind, habe ich den Eindruck, daß es gefährlich ist und daß Sie die Neigung haben, den Menschen mit dem bißchen unzufrieden zu machen, was ihm aus dem ganzen katastrophalen Zustand noch in den Händen geblieben ist.
SAFRANSKI weiter :
Das Ganze ist das Unwahre, diese Position vertreten beide. Das beste ist, sagt Gehlen, man hilft den Menschen dabei, daß sie ihren Geschäften kritikfest und einwandsimmun nachgehen können, und erspart ihnen einen Reflexionsaufwand, durch den sie überhaupt erst auf den katastrophalen Zustand des Ganzen gestoßen werden. Nein, sagt Adorno, im Namen der Befreiung müssen wir sie zu sol cher Reflexion ermuntern, damit sie merken, wie schlimm es um sie steht. Der eine will die Menschen aus hochreflexiven Gründen — weil er keine praktikable Alternative zum Bestehenden sieht — vor der Reflexion schützen, der andere will sie ihnen zumuten, obwohl er für die Einsicht in die Aussichtslosigkeit des Widerstandes nur wenig Trost anzubieten hat." Quelle : SAFRANSKI "Romantik - eine deutsche Affaire"
Dazu passend FREUD : Ziel der Psychoanalyse ist es, neurotisches Leid in echtes Leid umzuwandeln. Das Glück des Menschen ist von Natur aus nicht vorgesehen.