Weh! weh!
Du hast sie zerstört
Die schöne Welt,
Mit mächtiger Faust;
Sie stürzt, sie zerfällt!
Ein Halbgott hat sie zerschlagen!
Wir tragen
Die Trümmern ins Nichts hinüber,
Und klagen
Über die verlorne Schöne.
(Goethe, Faust I)
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1. Antwort - an die Adresse der umstehenden Adligen
Als ich den König in seinem Blut sah, daneben die blutverschmierten Wachen, diese Mörder, ging meine große Liebe zu Duncan mit mir durch, und ich konnte nicht anders.
Wer von euch würde mich deshalb verurteilen, wenn er Duncan ebenso liebte wie ich? |
Das zu sagen, war unklug.
Macbeth beabsichtigte hiermit, jeden Verdacht von sich abzulenken.
Tatsächlich aber verriet er sich zumindest gegenüber Duncans intelligentem Sohn Malcolm.
Malcolms Reaktion auf diese Worte war nämlich, seinem Bruder zuzuflüstern:
"Warum halten wir den Mund, da wir diese Erklärung doch in erster Linie für uns selbst verwenden können?"
Auch das ist zweideutig: Selbstverständlich können sich in erster Linie die Söhne auf die von Macbeth beschworene Liebe zu Duncan berufen.
Doch außerdem ist diese Erklärung Macbeths eine Waffe, die sie gegen den Täter richten können, denn sie überführt ihn.
Malcolm muss die Worte seines Vaters noch im Ohr gehabt haben (his great love, sharp as his spur, hath holp him). Die von Macbeth als Motiv erwähnte leidenschaftliche Liebe richtig zu deuten, fiel daher nicht schwer.
Diese Liebe hatte sich von einem scharfen Sporn in einen scharfen Dolch verwandelt.
Also floh Malcolm eilig außer Landes und riet auch seinem Bruder zur Flucht.
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2. Antwort - an die Adresse seiner Frau
Ich habe es getan, um dir den äußersten Beweis meiner leidenschaftlichen Liebe und meines Mutes zu geben. |
Wenn eine Frau zur Zeit Shakespeares die Liebe und die Männlichkeit ihres Ehegatten in Zweifel zog, bewies der Mann seine Liebe und Männlichkeit nicht etwa, indem er tat, was seine Frau sich als Liebesbeweis und Mutprobe ausgedacht hatte, sondern indem er sie 'züchtigte'.
Heute regelt man so etwas vorzugsweise argumentativ, im äußersten Fall mit Scheidung.
Macbeth hat mit seinem Liebes-, Mut- und Männlichkeitsbeweis das Gegenteil des Erhofften erreicht. Die Sticheleien werden nur umso schlimmer:
Are you a man? What, quite unmanned in folly? (A. 3 Sc. 4)
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3. Antwort - an die Adresse seiner Frau
Führe dir das Bild der beiden Mörder mit dem Dolch und ihren blutverschmierten Händen vor Augen - uns beide.
Auch du gehörst zu diesen Mördern. Ich spreche dich schuldig. |
Indem er seiner Frau das Bild des in seinem Blut liegenden Duncan und ihrer eigenen blutverschmierten Hände einschärft, beraubt er sich letztlich seiner einzigen Stütze; denn es erweist sich, dass sie dieses Bild nicht mehr abschütteln kann und es die Ursache ihrer Krankheit und letztlich auch ihres Todes wird.
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4. Antwort - an die eigene Adresse
Wer würde mich ernstlich verurteilen, da ich doch gar nicht anders konnte, als aus leidenschaftliche Liebe so zu handeln? Auch die Ermordung eines schlafenden Königs und Gastes kann also entschuldigt werden. |
Hiermit relativiert er ein Verbrechen gegen das Allerheiligste:
den Mord am gesalbten Lehnsherrn, die Verletzung des Gastrechts und die Heimtücke am Schlafenden.
Nicht durch die Tat selbst, auf die er noch mit natürlicher Erschütterung reagierte, sondern mit dieser Relativierung ist ein point of no return erreicht - nicht nur für ihn, sondern generell kulturgeschichtlich.
Alle Ordnung ist in Trümmer geschlagen - die moralische Ordnung, aber auch die Ordnung der Natur.
Macbeth redet sich ein, aus der Natur der Liebe heraus gehandelt zu haben(wobei er das Motiv des Ehrgeizes, das zweifellos auch eine Rolle spielte, fein säuberlich 'vergisst') und verkennt sein Zerstörungswerk - auch an seiner eigenen Natur.
"Wenn du das tust, wirst du mehr sein als ein Mensch/Mann", hatte Lady Macbeth ihm vor der Tat eingeredet.
Ein Übermensch? Ein Halbgott?
Darauf sollte es wohl irgendwie hinauslaufen.
Ist er nun ein Übermensch geworden?
Ich habe das Faustzitat vorangestellt:
"Weh! weh! Du hast sie zerstört die schöne Welt, mit mächtiger Faust; sie stürzt, sie zerfällt! Ein Halbgott hat sie zerschlagen!
Wir tragen die Trümmern ins Nichts hinüber, und klagen über die verlorne Schöne."
Passt das?
Es passt insofern, als es dem Wunschbild Macbeths entsprechen mag.
Es passt aber definitiv insofern nicht, als er diesem Bild nicht gerecht wird.
Macbeth wird nie zum Halbgott, und er schlägt nicht mit mächtiger Faust.
Er bleibt schwach, fehlbar und verletzlich.
Vielleicht ist das der Grund dafür, dass für Faust nie Sympathie aufkommt, wohingegen der Zuschauer seine Sympathie für Macbeth, so sehr er sie auch terrorisiert, bis zum Schluss nie ganz verliert.