Nietzsche über Shakespeare

Rhetorix
Zitat:
Original von Rhetorix
Macbeth: To-morrow, and to-morrow, and to-morrow,
Creeps in this petty pace from day to day
To the last syllable of recorded time,
And all our yesterdays have lighted fools
The way to dusty death. Out, out, brief candle!
Life's but a walking shadow, a poor player
That struts and frets his hour upon the stage
And then is heard no more: it is a tale
Told by an idiot, full of sound and fury,
Signifying nothing.


Ich hab im Internet eine bärenstarke automatische Übersetzung dieser Stelle gefunden, die ich euch nicht vorenthalten will:

Um morgen, und morgen, und morgen,
Kriecht in diesem Tempo Kleinkriminalität von Tag zu Tag,
Um die letzte Silbe der aufgezeichneten Zeit;
Und alle haben unsere gestrigen beleuchtet Narren
Der Weg zum staubigen Tod.
Out, out, kurze Kerze!
Life's a walking aber Schatten, ein armer Spieler,
Das Struts und Bünde seine Stunde auf der Bühne,
Und dann hört man nicht mehr. Es ist ein Märchen
Erzählt von einem Idioten, voller Klang und Wut,
Das anzeigt, nichts.
Erik van Thom
Koennte ein Songtext von den Einstuerzenden Neubauten sein... Ergreifend...
Rhetorix
So, jetzt erst mal wieder Schluss mit lustig - vorübergehend.

Das Thema gibt nämlich noch ein bisschen mehr her, wie ich anhand von Schillers Macbeth-Übersetzung gemerkt habe.

Ich frage mich - und ein paar von euch fragen sich sicher gleichfalls - :
Wie kommt so einer wie Schiller dazu, sich mit so einem wie Shakespeare zu befassen und sich eine Übersetzung zuzutrauen?
Waren die beiden nicht wie Feuer und Wasser?
Ist es daher nicht von vornherein so gut wie ausgeschlossen, dass Schiller verstanden hat, was Shakespeare meinte?

Ich stelle einfach mal die These auf, dass Schiller Shakespeare im wesentlichen missverstanden hat.

Es liegt daran - so meine weitere These -, dass diese beiden großen Bühnenautoren auf völlig andere Weise an ein Thema, an die handelnden Personen, deren Handlungen und auch deren Sprache herangingen.
Der Unterschied ist nicht einfach nur, dass der eine zur Zeit der Spätrenaissance in England lebte und auf Englisch schrieb, der andere aber zur Zeit der Aufklärung und des frühen Biedermeier in Deutschland.

Der eigentliche Unterschied besteht meines Erachtens in Shakespeares starker Neigung zur Equivoque (Mehrdeutigkeit) im Gegensatz zu Schillers Bevorzugung der edlen Einfalt , die nicht mit Dummheit zu verwechseln ist, sondern eher Geradlinigkeit bedeuten könnte.

Shakespeare schillert, Schiller schillert nicht.

Nun glaube ich zwar, dass ein Mensch mit starkem Sinn für Mehrdeutigkeiten durchaus imstande ist, einen 'einfältigen' Menschen zu verstehen; den umgekehrten Fall halte ich aber für wesentlich unwahrscheinlicher. Wie ja auch Shakespeares Othello - einer der wenigen 'edle Einfalt-Helden', die er schuf - nicht imstande ist, Jago zu durchschauen.

Das Thema ist kompliziert und interessant.
Ich sehe einige Mühe auf mich zukommen und mache mir jetzt erst einmal ein Abendessen.
Danach gehts irgendwann weiter.

Und wenn jemandem von euch was dazu einfällt, mag er es schreiben.
Vor allem nicht vergessen, dass wir letztlich auch Nietzsche dabei im Blick haben!
Rhetorix
Zwei Menschen kennen sich mit Macbeths Charakter aus.
Der eine von ihnen ist er selbst, der andere ist seine Frau. Schiller also nicht.

Lady Macbeth weiß, dass ihr Mann nichts dagegen hätte, über die Leiche eines ermordeten Königs Duncans zur eigenen Krönung zu gehen. Gegen das Profitieren von einem irgendwie zustandegekommenen unrechtmäßigen Vorteil hätte er nichts einzuwenden - aber selbst das falsche Spiel zu betreiben ist seine Sache nicht.

Macbeth beschreibt sich wiederholt als einen eher furchtsamen Menschen. Dennoch ist er imstande, im Schlachtgetümmel unter Todesverachtung wahre Blutbäder anzurichten - wie viele Soldaten, die in solchen Extremsituationen die Ebenen des Denkens und Fühlens weitgehend ausschalten und sich mit Tunnelblick auf die Vernichtung des Feindes fixieren.

Diese scheinbaren Widersprüche vereinigen sich sehr realistisch in einem realistischen Menschen, einem potentiell gefährlichen Menschen, nicht etwa weil er von Grund auf böse wäre, sondern weil er, in eine Extremsituation versetzt und auf eine Schiene gebracht, den Tunnelblick bekommen und zur Tötungsmaschine werden kann.
Es fragt sich aber, ob das wirklich sowas Besonderes ist.



Schiller führt die Person Macbeth über Shakespeares Kopf hinweg gleich in der ersten Szene des Stücks - dem Hexenauftritt - beim Publikum ein, damit auch der Dümmste weiß, was er von ihm zu halten hat und worauf das alles hinausläuft.

Die Hexen versammeln sich und verabreden miteinander ein Treffen mit Macbeth.

Bei Schiller liest sich das so:

...
Zweite Hexe. Dort [auf der Heide] verkünden wir ihm [Macbeth] sein Glück.

Erste Hexe. Aber die Meisterin wird uns schelten,
Wenn wir mit trüglichem Schicksalswort
Ins Verderben führen den edeln Helden,
Ihn verlocken zu Sünd und Mord.

Dritte Hexe. Er kann es vollbringen, er kann es lassen;
Doch er ist glücklich, wir müssen ihn hassen.

Zweite Hexe. Wenn er sein Herz nicht kann bewahren,
Mag er des Teufels Macht erfahren.

Dritte Hexe. Wir streuen in die Brust die böse Saat,
Aber dem Menschen gehört die That.

Erste Hexe. Er ist tapfer, gerecht und gut;
Warum versuchen wir sein Blut?

Zweite und dritte Hexe. Strauchelt der Gute und fällt der Gerechte,
Dann jubilieren die höllischen Mächte. (Donner und Blitz.)...


Den edlen Helden, tapfer, gerecht und gut, ein Guter und Gerechter ?
Von wem ist hier eigentlich die Rede?


Bei Shakespeare liest sich 'dieselbe' Stelle so:

...
First Witch Where the place?

Second Witch Upon the heath.

Third Witch There to meet with Macbeth.

First Witch I come, Graymalkin!

Second Witch Paddock calls.

Third Witch Anon.
...


Erstaunlich anders, gell?

Auch Schillers religiöse Aura mit Sünde, Teufel und jubilierenden höllischen Mächten sucht man im ganzen Originaltext vergebens.
Shakespeare 'Macbeth' spielt in einer vollkommen heidnischen Welt (obwohl der historische Macbeth Christ war). Worauf die Hexen hinauswollten, bleibt bei Shakespeare unklar; wahrscheinlich treiben diese 'Schicksalsschwestern' einfach nur ihr Spiel mit Macbeth.

Ich habe aber den Verdacht, dass Schillers 'Verbesserung' dem Publikum herunterging wie Öl. Man greift sich ergriffen an den Busen und weiß bescheid.

Das fängt ja schon gut an...

Morgen mache ich mit einem kurzen Macbeth-Monolog weiter.

Ihr könnt ja unterdessen mal überlegen, welche Version Nietzsche besser gefallen hat (oder hätte).
oui
Ich denke, dass Shakespeare und Schiller ein direkter Vergleich nicht gerecht wird, da sie mit Worten nicht leicht zu erfassen sind.
Shakespeare wirkt eher wie die Harfe der Dichtung mit Worten wie Samt und Seide, brilliant wie ein funkelnder Diamant.
Schiller wirkt eher wie eine Oboe oder Trompete der Dichtung mit Worten wie fein gewebtes Leinen, schnörlkellos und doch elegant.
Zanderdan
Ich finde, Schiller wendet sich an den Kopf, Shakespeare schließ den Torso mit ein; wie auch an der Macbeth Übersetzung erkennbar: es muss wieder alles erklärt werden. Das Original finde ich viel kraftvoller als dramatischen Prolog und es fehlt auch überhaupt nichts daran; Schillers Erklärungen schwächen alles ab: die Hexen sind uneins (im Original vollendet eine den Satz der anderen) und müssen sich ihr Vorhaben erstmal gegenseitig erklären. Rational argumentierende Hexen. Käse. Auch den ganzen Macbeth macht diese Übersetzung gleich im vorhinein uninteressant, indem sozusagen von höherer Warte festgestellt wird, dass er eigentlich gut ist, nur die Verführung der Hexen bringt ihn auf den falschen Weg. Er hat nur die Freiheit, den Weg wieder zu verlassen. Bei Shakespeare aber weiß man es nicht so genau: trägt Macbeth nicht die Saat des verzehrenden Ehrgeizes schon in sich, den die Hexen nur wecken müssen? Oder ist er wirklich zu voll mit der milk of human kindness und wird erst durch die Entschlossenheit seiner Frau auf die Blutspur gebracht? Kurz: bei Shakespeare lebt der Macbeth, größer als wir Menschen aus Fleisch und Blut; we are such stuff, as dreams are made of, Macbeth aber ist real. Bei Schiller verkommt dagegen alles zu Gedanken über die Freiheit; und über die Schillerschen Gedanken hatte Nietzsche sich oben ja schon klar und zu meiner Zufriedenheit geäußert.

Gruss
Rhetorix
Zitat:
Original von oui
Shakespeare wirkt eher wie die Harfe der Dichtung mit Worten wie Samt und Seide, brilliant wie ein funkelnder Diamant.

Owen Glendower:

She bids you on the wanton rushes lay you down
And rest your gentle head upon her lap,
And she will sing the song that pleaseth you
And on your eyelids crown the god of sleep.
Charming your blood with pleasing heaviness,
Making such difference 'twixt wake and sleep
As is the difference betwixt day and night
The hour before the heavenly-harness'd team
Begins his golden progress in the east.


Zitat:
Schiller wirkt eher wie eine Oboe oder Trompete der Dichtung mit Worten wie fein gewebtes Leinen, schnörlkellos und doch elegant.

Und reget ohn' Ende
Die fleißigen Hände,
Und mehrt den Gewinn
Mit ordnendem Sinn,
Und füllet mit Schätzen die duftenden Laden,
Und dreht um die schnurrende Spindel den Faden,
Und sammelt im reinlich geglätteten Schrein
Die schimmernde Wolle, den schneeigen Lein,
Und füget zum Guten den Glanz und den Schimmer,
Und ruhet nimmer.



Zitat:
Original von Zanderdan
Ich finde, Schiller wendet sich an den Kopf, Shakespeare schließ den Torso mit ein; [quote]
Nicht zuletzt auch den Unterleib, der bei Schiller meines Wissens nicht vorkommt.

[quote]...Bei Shakespeare aber weiß man es nicht so genau: trägt Macbeth nicht die Saat des verzehrenden Ehrgeizes schon in sich, den die Hexen nur wecken müssen? Oder ist er wirklich zu voll mit der milk of human kindness und wird erst durch die Entschlossenheit seiner Frau auf die Blutspur gebracht?

Oder ist beides untrennbar vermischt?

Über dem Macbeth hängt folgender Spruch:

Fair is foul, and foul is fair:
Hover through the fog and filthy air.


Auch das missversteht Schiller, indem er 'übersetzt':

Regen wechsle mit Sonnenschein!
Häßlich soll schön, Schön häßlich sein!
Auf! Durch die Luft den Weg genommen!
oui
Wow, Rhetorix, mit welchem Feingefühl und Stilsicherheit Du diese Beispiele rausgesucht hast....danke- Lesegenuss pur! roll
Rhetorix
@ oui:
Falls dein Lob ehrlich gemeint ist: vielen Dank dafür.


Ich muss der Interpretation des wichtigen Macbeth-Monologs noch folgendes vorausschicken:


Macbeth liebt seine eigene Ehefrau. Er lebt mit ihr in einer geradezu symbiotischen Beziehung.
In die eigene Frau (nicht: Braut!) verliebte Ehemänner sieht man auf der Bühne recht selten, in alten Stücken schon gar nicht.
Den modernen Betrachter, vor allem die Betrachterin, rührt diese Liebe.
Zu Shakespeares Zeit sah man das aber wohl anders und fand eine solche Liebe eher unpassend, lächerlich oder unmännlich.

Macbeths Liebe zu seiner Frau ist offenkundig. Auch andere sehen sie.
In A. 1 Sc. 6 fragt sich König Duncan, wie Macbeth es schaffen konnte, derart viel schneller zu seiner Burg Inverness voraus zu reiten als seine Gäste, die er doch eigentlich hätte begleiten sollen. Er gibt sich selbst die Antwort: "... his great love, sharp as his spur, hath holp him..." [Seine große Liebe, scharf wie sein Sporn, hat ihm geholfen].
Dass Duncan nicht die Sporen , sondern einen Sporn als Antriebsmittel für Macbeths überaus eiligen Ritt nach Hause bezeichnet, ist natürlich eine schlüpfrige Zweideutigkeit, und daher kann man sicher sein, dass alle Umstehenden über das Bonmot über Macbeth und seine Eile, den Sporn in seiner großen Liebe zu versenken, herzlich gelacht haben. Denn so etwas ist lächerlich.

Übrigens wird Duncan damit sogar Recht gehabt haben.
Als er es sagt, rechnet man als Zuschauer/Leser zwar noch damit, dass Macbeth nur Zeit gewinnen will, um vor dem Eintreffen des Königs und seines Gefolges mit Lady M. über einen Anschlag auf den König zu sprechen. Das erweist sich dann aber als Irrtum. Zwar spricht sie ihn von sich aus sofort darauf an, doch er sagt nur: "We' ll speak further" [Lass uns späterhin darüber reden]. Dann verlassen die beiden die Szene, und der Zuschauer muss sich selbst denken, was weiter geschieht.


Es gelingt Lady M., ihrem Mann das Versprechen abzunehmen, Duncan während seines Besuchs auf Inverness zu töten.
Die Vermutung ist wohl nicht ganz abwegig, dass sie ihn im Bett dazu herum kriegte.

Endlich ist es soweit.
Das Fest - eine rauschende Siegesfeier - ist gelaufen, fast alle haben sich zum Schlafen zurückgezogen, auch Duncan.
Nun 'muss' Macbeth sein Versprechen einlösen und den schlafenden Lehnsherrn und Gast erstechen.

In einem langen Monolog bedenkt er das geplante Verbrechen, ringt sich aber nicht dazu durch, denn:
"I have no spur ... but only vaulting ambition, which o'erleaps itself and falls on the other - "
[Ich habe keinen anderen (An-)Sporn als meinen Ehrgeiz, der sich überschlägt und wieder zusammenfällt.]
Kein anderer 'spur' als der Ehrgeiz?
Duncans Bonmot - nur 33 Zeilen vorher - lässt erahnen, dass Macbeth sich hierin täuscht.

Und richtig.
Lady M. tritt auf und rückt ihrem Mann den Kopf zurecht.
Ein einziges Mal in diesem Stück duzt sie ihn.
Sie nennt seine Liebe 'grünlich und bleich' und ihn selbst einen Feigling, wenn er sich davor fürchtet, derselbe in seinen Taten wie in seinen Wünschen zu sein.
Sie geht sogar noch einen Schritt weiter und sagt: "Als Ihr mir das Versprechen gabt, da wart Ihr ein Mann." Mit anderen Worten: jetzt ist er in ihren Augen nicht einmal mehr ein Mann. Aber, fügt sie hinzu, wenn er sein Versprechen hält, wird er sogar mehr als ein Mann sein.

Und nachdem sie ihm versichert, dass niemand ihnen auf die Schliche kommen wird (denn er fürchtet sich tatsächlich), hat sie ihn erneut herumgekriegt, und er verschwindet in Duncans Zimmer, um den König zu töten.

Er tötet den Schlafenden nicht mit einem einfachen Stich ins Herz, wie es nahegelegen hätte, sondern richtet ein Blutbad an.
Nach der Tat wirkt er verwirrt und hört Stimmen.
Er merkt auch nicht, dass er etwas Wichtiges vergessen hat: nämlich den Dolch in Duncans Schlafzimmer zu lassen und die beiden Wachen mit Blut zu beschmieren, um den Verdacht auf sie zu richten. Seine Tat graust ihn jedoch so sehr, dass er um keinen Preis an den Tatort zurückkehren will.
Da nimmt Lady Macbeth die Sache in die Hand, trägt den Dolch zurück und besudelt die beiden Wachen mit Blut, womit sie faktisch das Todesurteil über sie spricht.
Danach findet das Ehepaar wieder im Burghof zusammen, beide mit blutbesudelten Händen.


Kaum haben sich die beiden zurückgezogen, klopft es am Burgtor, denn andere schottische Adelige treffen ein, um den König abzuholen.
Es folgt die einzige komische (düster-komische!) Szene des ganzen Stücks - mit dem Torwächter in einer typischen Narrenrolle.
Die Befassung mit dieser Szene lohnt zwar, aber hier muss ich sie überspringen.
Wichtig ist aber das Stichwort der 'Mehrdeutigkeit' (equivocation), das in dieser Szene eine tragende Rolle spielt.
Bildlich gesprochen hisst der Torwächter die Fahne der Mehrdeutigkeit über Burg Inverness.
Als Zuschauer ist man also gewarnt.

Natürlich wird der ermordete Duncan prompt gefunden, und Macbeth bleibt nichts anderes übrig, als das zu tun, was ihm mehr als alles andere gegen die Natur geht:
nämlich als Hausherr in Duncans Zimmer nach dem Rechten zu sehen.
Und noch etwas ist unvermeidlich: er vollstreckt das über die beiden Wachen gesprochene Todesurteil und tötet auch sie.
Rhetorix
Danach stehen alle erregt palavernd im Burghof, und auch Lady Macbeth kommt hinzu.

Macduff, der den König abholen wollte, fragt Macbeth:

Wherefore did you do so?


Macbeth antwortet:

Who can be wise, amazed, temperate and furious,
Loyal and neutral, in a moment? No man:
The expedition of my violent love
Outrun the pauser, reason. Here lay Duncan,
His silver skin laced with his golden blood;
And his gash'd stabs look'd like a breach in nature
For ruin's wasteful entrance: there, the murderers,
Steep'd in the colours of their trade, their daggers
Unmannerly breech'd with gore: who could refrain,
That had a heart to love, and in that heart
Courage to make [hi]s love known?
Rhetorix
Macbeth beweist ein ungewöhnliches Maß an Geistesgegenwart, Intelligenz und rhetorischem Geschick, indem es ihm gelingt, die objektive Mehrdeutigkeit der Frage "Weshalb habt Ihr es getan?" sofort zu erfassen und mit denselben Worten 4 völlig verschiedene Antworten zu geben.

1. Antwort - an die Adresse der umstehenden Adligen

Als ich den König in seinem Blut sah, daneben die blutverschmierten Wachen, diese Mörder, ging meine große Liebe zu Duncan mit mir durch, und ich konnte nicht anders.
Wer von euch würde mich deshalb verurteilen, wenn er Duncan ebenso liebte wie ich?


2. Antwort - an die Adresse seiner Frau
Ich habe es getan, um dir den äußersten Beweis meiner leidenschaftlichen Liebe und meines Mutes zu geben.


3. Antwort - an die Adresse seiner Frau

Führe dir das Bild der beiden Mörder mit dem Dolch und ihren blutverschmierten Händen vor Augen - uns beide.
Auch du gehörst zu diesen Mördern. Ich spreche dich schuldig.


4. Antwort - an die eigene Adresse

Wer würde mich ernstlich verurteilen, da ich doch gar nicht anders konnte, als aus leidenschaftliche Liebe so zu handeln? Auch die Ermordung eines schlafenden Königs und Gastes kann also entschuldigt werden.



Macbeth erweist mit jedem dieser Argumente, dass er zwar hochintelligent, aber unklug ist.
Warum?
Tarvoc
Zitat:
Original von Rhetorix
Shakespeare 'Macbeth' spielt in einer vollkommen heidnischen Welt (obwohl der historische Macbeth Christ war). Worauf die Hexen hinauswollten, bleibt bei Shakespeare unklar; wahrscheinlich treiben diese 'Schicksalsschwestern' einfach nur ihr Spiel mit Macbeth.

Es gibt ja auch noch Szene 5 von Akt 3. Allerdings ist diese Szene offenbar nicht in jeder Macbeth-Ausgabe zu finden. In der, die mir vorliegt, ist sie aber drin. Jedenfalls taucht in dieser Szene die griechische Göttin Hekate als Herrin und Meisterin der Hexen auf und hat durchaus interessante Dinge zu erzählen.

Was die Frage angeht, ob Macbeth in einer vollkommen heidnischen Welt spielt, so bin ich mir da gar nicht mal so sicher. Macduff spricht zum Beispiel in Szene 8 von Akt 5 davon, dass Macbeth einem "angel" dienen würde, womit offenbar der gefallene Engel Satan gemeint ist. Dementsprechend könnte man vermutlich davon ausgehen, dass zumindest Macduff durchaus bereits mehr oder weniger christianisiert ist.
Rhetorix
Zitat:
Original von Tarvoc
Zitat:
Original von Rhetorix
Shakespeare 'Macbeth' spielt in einer vollkommen heidnischen Welt...
...so bin ich mir da gar nicht mal so sicher. ... Dementsprechend könnte man vermutlich davon ausgehen, dass zumindest Macduff durchaus bereits mehr oder weniger christianisiert ist.

Ich habe mich missverständlich ausgedrückt.
Ich wollte damit nicht sagen, dass Macbeth ungetauft ist und es in diesem Stück keine Christen gibt. Sogar ein Heiliger - nämlich Edward the Confessor - spielt eine Rolle, wenngleich er nicht selbst auftritt.
Das ist aber nicht 'Macbeths Welt', sondern das christliche England, woher schließlich der Anstoß zur 'Erlösung' von Macbeths Schottland kommt, und auch Macduff ist dieser christlichen Parallelwelt zuzuordnen (jedenfalls zum Schluss).

König Edwards Welt ist gotisch-christlich (und insofern historisch einigermaßen zutreffend).

Macbeths eigentliches Szenario hingegen ist einerseits vorchristlich-keltisch, andererseits aber mit dem der Geistesgeschichte weit vorauseilenden Nililismus des Protagonisten sehr modern.
Tarvoc
Was mich wundert, ist, wieso mitten in Schottland plötzlich eine griechische Göttin auftaucht...
Rhetorix
Weh! weh!
Du hast sie zerstört
Die schöne Welt,
Mit mächtiger Faust;
Sie stürzt, sie zerfällt!
Ein Halbgott hat sie zerschlagen!
Wir tragen
Die Trümmern ins Nichts hinüber,
Und klagen
Über die verlorne Schöne.

(Goethe, Faust I)




Zitat:
1. Antwort - an die Adresse der umstehenden Adligen
Als ich den König in seinem Blut sah, daneben die blutverschmierten Wachen, diese Mörder, ging meine große Liebe zu Duncan mit mir durch, und ich konnte nicht anders.
Wer von euch würde mich deshalb verurteilen, wenn er Duncan ebenso liebte wie ich?


Das zu sagen, war unklug.
Macbeth beabsichtigte hiermit, jeden Verdacht von sich abzulenken.
Tatsächlich aber verriet er sich zumindest gegenüber Duncans intelligentem Sohn Malcolm.
Malcolms Reaktion auf diese Worte war nämlich, seinem Bruder zuzuflüstern:
"Warum halten wir den Mund, da wir diese Erklärung doch in erster Linie für uns selbst verwenden können?"
Auch das ist zweideutig: Selbstverständlich können sich in erster Linie die Söhne auf die von Macbeth beschworene Liebe zu Duncan berufen.
Doch außerdem ist diese Erklärung Macbeths eine Waffe, die sie gegen den Täter richten können, denn sie überführt ihn.
Malcolm muss die Worte seines Vaters noch im Ohr gehabt haben (his great love, sharp as his spur, hath holp him). Die von Macbeth als Motiv erwähnte leidenschaftliche Liebe richtig zu deuten, fiel daher nicht schwer.
Diese Liebe hatte sich von einem scharfen Sporn in einen scharfen Dolch verwandelt.
Also floh Malcolm eilig außer Landes und riet auch seinem Bruder zur Flucht.


Zitat:
2. Antwort - an die Adresse seiner Frau
Ich habe es getan, um dir den äußersten Beweis meiner leidenschaftlichen Liebe und meines Mutes zu geben.


Wenn eine Frau zur Zeit Shakespeares die Liebe und die Männlichkeit ihres Ehegatten in Zweifel zog, bewies der Mann seine Liebe und Männlichkeit nicht etwa, indem er tat, was seine Frau sich als Liebesbeweis und Mutprobe ausgedacht hatte, sondern indem er sie 'züchtigte'.
Heute regelt man so etwas vorzugsweise argumentativ, im äußersten Fall mit Scheidung.
Macbeth hat mit seinem Liebes-, Mut- und Männlichkeitsbeweis das Gegenteil des Erhofften erreicht. Die Sticheleien werden nur umso schlimmer: Are you a man? What, quite unmanned in folly? (A. 3 Sc. 4)


Zitat:
3. Antwort - an die Adresse seiner Frau
Führe dir das Bild der beiden Mörder mit dem Dolch und ihren blutverschmierten Händen vor Augen - uns beide.
Auch du gehörst zu diesen Mördern. Ich spreche dich schuldig.


Indem er seiner Frau das Bild des in seinem Blut liegenden Duncan und ihrer eigenen blutverschmierten Hände einschärft, beraubt er sich letztlich seiner einzigen Stütze; denn es erweist sich, dass sie dieses Bild nicht mehr abschütteln kann und es die Ursache ihrer Krankheit und letztlich auch ihres Todes wird.


Zitat:
4. Antwort - an die eigene Adresse
Wer würde mich ernstlich verurteilen, da ich doch gar nicht anders konnte, als aus leidenschaftliche Liebe so zu handeln? Auch die Ermordung eines schlafenden Königs und Gastes kann also entschuldigt werden.


Hiermit relativiert er ein Verbrechen gegen das Allerheiligste:
den Mord am gesalbten Lehnsherrn, die Verletzung des Gastrechts und die Heimtücke am Schlafenden.
Nicht durch die Tat selbst, auf die er noch mit natürlicher Erschütterung reagierte, sondern mit dieser Relativierung ist ein point of no return erreicht - nicht nur für ihn, sondern generell kulturgeschichtlich.
Alle Ordnung ist in Trümmer geschlagen - die moralische Ordnung, aber auch die Ordnung der Natur.
Macbeth redet sich ein, aus der Natur der Liebe heraus gehandelt zu haben(wobei er das Motiv des Ehrgeizes, das zweifellos auch eine Rolle spielte, fein säuberlich 'vergisst') und verkennt sein Zerstörungswerk - auch an seiner eigenen Natur.

"Wenn du das tust, wirst du mehr sein als ein Mensch/Mann", hatte Lady Macbeth ihm vor der Tat eingeredet.
Ein Übermensch? Ein Halbgott?
Darauf sollte es wohl irgendwie hinauslaufen.

Ist er nun ein Übermensch geworden?

Ich habe das Faustzitat vorangestellt:
"Weh! weh! Du hast sie zerstört die schöne Welt, mit mächtiger Faust; sie stürzt, sie zerfällt! Ein Halbgott hat sie zerschlagen!
Wir tragen die Trümmern ins Nichts hinüber, und klagen über die verlorne Schöne."

Passt das?
Es passt insofern, als es dem Wunschbild Macbeths entsprechen mag.
Es passt aber definitiv insofern nicht, als er diesem Bild nicht gerecht wird.
Macbeth wird nie zum Halbgott, und er schlägt nicht mit mächtiger Faust.
Er bleibt schwach, fehlbar und verletzlich.

Vielleicht ist das der Grund dafür, dass für Faust nie Sympathie aufkommt, wohingegen der Zuschauer seine Sympathie für Macbeth, so sehr er sie auch terrorisiert, bis zum Schluss nie ganz verliert.
Rhetorix
Zitat:
Original von Tarvoc
Was mich wundert, ist, wieso mitten in Schottland plötzlich eine griechische Göttin auftaucht...

Das braucht dich nicht zu wundern, da Shakespeares heidnisches Szenarium ohnehin ein Konstrukt ist.
Macbeths Schottland war ein durchaus christliches Land, und Macbeth war keineswegs ein Nihilist, sondern unterstützte gemeinsam mit seiner Frau ein Kloster und pilgerte sogar nach Rom.
Shakespeares literarische Welt setzt sich über solche 'Beckmessereien' hinweg.
Rhetorix
Und nun endlich zu Schiller.
Hat er Macbeths Antwort verstanden - zumindest eine der vier Deutungen?
Hat er begriffen, dass der Protagonist mit dieser Antwort am Scheideweg stand?

Nein, keineswegs.

'Sein' Macbeth sagt nicht mehrdeutig:

"Wer könnte sich zurückhalten, der ein Herz hat, um zu lieben, und in diesem Herzen den Mut, seine Liebe zu beweisen?"
(Who could refrain, that had a heart to love, and in that heart courage to make 's love known?),

sondern:

Wer, der ein Herz für seinen König hatte
Und Mut in diesem Herzen, hätte da
Sich halten und sich selbst gebieten können!


Womit er, das Merkmal der Equivocation trotz deutlichster Hinweise missachtend, mehr als die Hälfte verkennt.


Lady Macbeth sinkt nach Macbeths Worten zu Boden - Help me hence, ho! - und muss hinweggetragen werden.

Schillers eigenmächtige Regieanweisung lautet:
"täuscht einen Ohnmachtsanfall vor"

Shakespeare hingegen lässt konsequenterweise offen, ob es sich um einen echten oder vorgetäuschten Ohnmachtsanfall handelt.
Beides erscheint gleichermaßen plausibel, man würde den echten auch nicht vom gespielten unterscheiden können, und daher mag der Zuschauer seine eigenen Überlegungen anstellen.
Rhetorix
Wer sich von diesem Monolog abgesehen einen Eindruck von Schillers grauenhaften Shakespeare-Verkorksungen verschaffen will, mag sich mit dem von mir übergangenen Torhüter-Monolog befassen, den ich nicht mehr komentieren mag.


Shakespeares Version:


Here's a knocking indeed!
If a man were porter of hell-gate,
he should have old turning the key.

Knock, knock, knock!
Who's there, i' the name of Beelzebub?
Here's a farmer, that hanged
himself on the expectation of plenty:
come in time; have napkins enow about you;
here you'll sweat for't.

Knock, knock!
Who's there, in the other devil's name?
Faith, here's an equivocator, that could
swear in both the scales against either scale;
who committed treason enough for God's sake,
yet could not equivocate to heaven:
O, come in, equivocator.

Knock, knock, knock!
Who's there? Faith, here's an
English tailor come hither,
for stealing out of a French hose:
come in, tailor; here you may
roast your goose.

Knock, knock;
never at quiet!
What are you?
But this place is too cold for hell.
I'll devil-porter it no further:
I had thought to have let in
some of all professions that go the primrose
way to the everlasting bonfire.

Anon, anon! I pray you, remember the porter.


Schillers 'Übersetzung':
Verschwunden ist die finstre Nacht,
Die Lerche schlägt, der Tag erwacht,
Die Sonne kommt mit Prangen
Am Himmel aufgegangen.
Sie scheint in Königs Prunkgemach,
Sie scheinet durch des Bettlers Dach,
Und was in Nacht verborgen war,
Das macht sie kund und offenbar.

Poch! Poch! Geduld da draußen, wer’s auch ist!
Den Pförtner lasst sein Morgenlied vollenden.
Ein guter Tag fängt an mit Gottes Preis;
’s ist kein Geschäft so eilig, als das Beten.

Lob sei dem Herrn und Dank gebracht,
Der über diesem Haus gewacht,
Mit seinen heil’gen Scharen
Uns gnädig wollte bewahren.
Wohl mancher schloss die Augen schwer
Und öffnet sie dem Licht nicht mehr;
Drum freue sich, wer, neu belebt,
Den frischen Blick zur Sonn’ erhebt!


fauch ! SCHILLER fauch !
Tarvoc
Zitat:
Original von Rhetorix
Shakespeares literarische Welt setzt sich über solche 'Beckmessereien' hinweg.

Ich meinte "wundern" eher im Sinne von "ich finde es interessant".
Rhetorix
Nietzsche in Menschliches, Allzumenschliches

176.


S h a k e s p e a r e als Moralist. — Shakespeare hat über die Leidenschaften viel nachgedacht und wohl von seinem Temperamente her zu vielen einen sehr nahen Zugang gehabt (Dramatiker sind im Allgemeinen ziemlich böse Menschen). Aber er vermochte nicht, wie Montaigne, darüber zu reden, sondern legte die Beobachtungen über die Passionen den passionierten Figuren in den Mund: was zwar wider die Natur ist, aber seine Dramen so gedankenvoll macht, dass sie alle anderen leer erscheinen lassen und leicht einen allgemeinen Widerwillen gegen sie erwecken. — Die Sentenzen Schiller's (welchen fast immer falsche oder unbedeutende Einfälle zu Grunde liegen) sind eben Theatersentenzen und wirken als solche sehr stark: während die Sentenzen Shakespeare's seinem Vorbilde Montaigne Ehre machen und ganz ernsthafte Gedanken in geschliffener Form enthalten, deshalb aber für die Augen des Theaterpublikums zu fern und zu fein, also unwirksam sind.

Richtig? gruebel