Seanrineri
In dem Buch Bushido des japanischen Schriftstellers Inazo Nitobe vergleicht er die Selbsttötung der japanischen Krieger mit dem Freitod Sokrates´. In wie fern lässt sich das eurer Meinung nach vergleichen?
ewig
Interessante Perspektivierung.
Ich könnte mir vorstellen, daß hier tatsächlich eine Empfindungsähnlichkeit angenommen werden kann in der Hinsicht, daß das Weiterleben in beiden Situationen alle bisherigen Lebensbemühungen untergraben würde und daher der Entschluss für den Tod leichter ist als der für ein solches Leben.
Genauer: Die Entehrung durch ein verweigertes Harakiri würde das so gewonnene übrige Leben eines Samurai in eine Hölle der Schande verwandeln. Nicht nur das, auch alle bisherigen Leistungen des Samurai würden entwertet, die Schande würde zudem vmtl. auch seine übrige Familie betreffen. In jedem Fall drohen drastische soziale Konsequenzen. Sokrates hingegen hätte afaik nur durch Widerrufung sein Leben retten können, etwas was jedoch all seine gelebten Prinzipien (von der Suche nach Wahrhaftigkeit) unterminiert hätte, und somit auch sein weiteres Leben in einen sehr fragwürdigen Schatten, vielleicht nicht einmal so sehr für die Außenstehenden, vielmehr eben für sich selbst, gestellt hätte.
Edit: Diese Abwägungen beinhalten übrigens noch nicht einmal die Erleichterung, die ein etwaiger Glauben an ein Jenseits und eine Möglichkeit des Geistes, darin fortzuwirken, hätte. Wenigstens bei den Samurai kommt die nämlich noch hinzu. Da ist die makellose Ahnengalerie plötzlich mehr wert als der eigene Verbleib im Diesseits.
Flo
Ähnlich war das übrigens auch bei Cesar.
Historiker gehen davon aus, dass er von dem Mordkomplott gegen ihn wusste und in seiner Ermordung die einzige reelle Chance auf eine Etablierung seiner Dinastie sah.
ewig
Von der Caesar-Geschichte bin ich nicht so überzeugt und glaube auch nicht, daß die unter Historikern mehrheitsfähig ist.
Erstens war der Herr Caesar einer der entschiedensten Männer des "Was im Leben geht wird auch erstmal gemacht," die es in der Antike gab. Dabei fand er Wege, die vor ihm keiner fand. So galt - wenn mich meine Bildung nicht trügt - Gallien lange Zeit als unbezwingbar (weil die römische passive Annexionsstrategie allgemein ziemlich große Probleme hatte, sich dort auszubreiten, wo Stammesverbände und nicht Stadtstaaten den Ton angaben), Pompeius als annähernd unbesiegbar, und daß ein Heer unter Waffen in Rom eimarschierte hatte man auch einige Jahrhunderte lang nicht gesehen.* Zwotens war der Herr sehr diesseitig orientiert: Der scherte sich mehr um das, was zu seinen Lebzeiten passierte, und deutlich weniger um das Danach. Hätte er wirklich von dem Komplott gewußt, hätte nicht zuerst selbst Hand an sich gelegt, um schneller zu sein, sondern hätte die Leute verständigt, denen er wirklich vertraute und das Komplott nach Möglichkeit vereitelt.
* Ist jetzt alles nicht sauber recherchiert, verklagt mich halt. ;>
Flo
Ich bezog mich auf einen Artikel in der aktuellen Welt der Wunder.
Ein italienischer Forensiker hat jedenfalls aus den detailreichen Überlieferungen den Schluss gezogen, dass er seinen Atentätern bewusst ins Messer gelaufen ist.
Außerdem ist zu beachten, dass Caesar ohne Leibwache in den ihm feindlich gesinnten Senat ging und das obwohl es Warnungen vor einem Attentat gab.
ewig
| Zitat: |
Original von Flo
Außerdem ist zu beachten, dass Caesar ohne Leibwache in den ihm feindlich gesinnten Senat ging und das obwohl es Warnungen vor einem Attentat gab. |
Angenommen, Du wärst ein ziemlich mißliebiger Bundeskanzler, der neuerdings den gesamten Bundestag gegen sich aufgebracht hätte, und sogar Morddrohungen erhält, müßtest aber heute im BT eine Rede halten. Würdest Du erwarten, daß man Dich
ausgerechnet im BT ermordet?
Flo
Nein, nicht unbedingt.
Der Punkt ist aber, dass er eine Warnung hatte.
ewig
Man müßte mal nachlesen, wie genau die aussah. Auch darf man ruhig erwägen, daß die Leibwache vielleicht unter einem Vorwand draußen festgehalten oder gar bestochen wurde. Daß ein Caesar ins offene Messer lief, ist für mich jedoch sehr wenig plausibel. Ich finde es ohnehin ärgerlich, daß viele dieser populärwissenschaftlichen Magazine mittlerweile ganz gezielt mit diesen
NEUEN REVOLUTIONÄREN DAS GESAMTE GESCHICHTSBILD VOLLKOMMEN AUF DEN KOPF STELLENDEN UND IMMERHIN IRGENDWIE GERECHTFERTIGTEN THESEN auf Kosten von Leichtgläubigkeit Kasse machen. (Ist nicht böse gemeint, aber eben ein strukturelles Problem.) Einfach mal öfter den folgenden Gedankengang anwerfen: "Könnte es nicht sein, daß sich die Macher bei diesem Artikel primär durch seinen Sensationswert überzeugen ließen?" Wirklich relevante Änderungen im Geschichtereiwesen erkennt der konservative Kopf zwar immer erst durch eine gewisse Anzahl an Wiederholungen, aber immerhin ändert sich sein Geschichtsbild dafür auch nicht jede Woche.
Flo
Eindeutig nein.
Du stehst zwar nicht allein mit deinen Vorurteilen da, aber die sind völlig unbegründet.
Welt der Wunder ist ein sehr seriöses Magazin.
Mal da von abgesehen hatte Caesar keine andere Möglichkeit zu einer gottgleichen Person aufzusteigen, seine Wiedersacher auszuschalten und seine Dynastie zu etablieren.
Mal ehrlich, ein Gott der alt und verkrüppelt stirbt, dass geht doch nicht.
Das sich das Geschichtsbild jede Woche ändert sollte eigentlich nur auf die wenigsten Menschen zu treffen. Wer kann sich schon anmaßen, auch nur halbwegs über die Geschichte bescheid zu wissen.
Insofern sollte sich das Wissen nicht verändern, sondern erweitern.
ewig
| Zitat: |
Original von Flo
Eindeutig nein.
Du stehst zwar nicht allein mit deinen Vorurteilen da, aber die sind völlig unbegründet.
Welt der Wunder ist ein sehr seriöses Magazin. |
Ja nun, ich möchte das gar nicht vehement in Abrede stellen, verweise aber darauf, daß auch Seriosität Abstufungen hat. WdW ist sicherlich insofern seriös als daß Theorien und Hypothesen auch als solche dargestellt werden und die dort genannten Faktoide den wissenschaftlichen Ansprüchen genügen dürften. Ich bezweifle das nicht. Unter diesen Gesichtspunkten bleibt aber noch sehr viel übrig. Was ich nun kritisiere, sind Magazine (und da ich WdW gar nicht schaue, kann ich nicht einmal ermessen, ob dieses dazugehört), die aus den aufgrund dieser Kriterien machbaren Stoffen
nicht diejenigen ausfiltern, die Einzelmeinungen der Fachwelt repräsentieren, sondern sich stattdessen vorrangig dieser bedienen, gerade
weil sie so bizarr sind, daß eben nur einzelne sie vertreten. iese Auswahl erfolgt auf diese Weise, weil diese bizarren Anschauungen einen hohen Unterhaltungswert haben. (Wer will schon das Öchzigste Mal sehen oder hören, wie Hannibals Elefanten durch die Alpen tröten?)
| Zitat: |
Mal da von abgesehen hatte Caesar keine andere Möglichkeit zu einer gottgleichen Person aufzusteigen, seine Wiedersacher auszuschalten und seine Dynastie zu etablieren.
Mal ehrlich, ein Gott der alt und verkrüppelt stirbt, dass geht doch nicht. |
Jain. Schau am besten nochmal in meinen ersten Post. Die dort aufgeführten Leute wählen, um es noch einmal auf den Punkt zu bringen, ihr Leben
ab, weil ihre Fortexistenz - unter den genannten Umständen - von minderwertiger Qualität wäre. (Quasi nicht mehr lebenswert.) Dem Caesar stellt sich aber doch dieses Problem gar nicht, der kann doch frohgemut noch die eine oder andere Dekade imperieren, solange ihn das Zipperlein nicht plagt. Warum seinem Leben ein vorzeitiges Ende setzen, wo die Qualität desselben doch überhaupt nicht bedroht ist? Was nutzt ihm seine Vergöttlichung, wenn er nicht mehr an ihr teilhaben kann?
| Zitat: |
| Insofern sollte sich das Wissen nicht verändern, sondern erweitern. |
Das tut es ja auch. Z.B. nehme ich durchaus zur Kenntnis, daß mindestens ein Forensiker die Auffassung vertritt, Caesar könne sich freiwillig ins Messer gestürzt haben. Das ändert aber noch lange nicht meine Meinung. Wenn nun aber eine Mehrheit der Fachwelt sich dieser Auffassung anschlösse, ohne andere Gründe zu formulieren als die genannten, dann ändere ich immer noch nicht meine Meinung. Das ist eben eine Plausibilitätsabwägung: Der Forensiker urteilt von den Knochen her, ich vom Psychogramm, der gewissenhafte Historiker wird noch einmal alle Quellen durchgehen und auf beide Sichtweisen hin überprüfen. Und das dauert. Und falls er was findet, das für die neue These spricht, dann erhält diese neue Argumente. Und wenn das passiert, und diese Argumente mir einleuchten, dann
könnte es sein, daß ich meine Meinung ändere.
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