Hey mr.monks !
Vielen Dank für deinen klärenden Beitrag. Jetzt habe ich wenigstens eine grobe Ahnung von welchem theoretischen Hintergrund aus du agierst, ohne dich jetzt gewaltsam kategorisieren zu wollen (was ich auch wirklich nicht tue, es geht mir nur um das Verständnis deiner Gedanken). Zumindest kann ich vorausschicken, dass sich teilweise doch grobe Missverständnisse in unserem Gespräch ergeben haben, die ich jetzt zu korrigieren versuche (hoffe, es gelingt einigermaßen).
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| Wenn ich Shamatic hier richtig verstanden habe, dann sieht er das Gemeinwesen als Gegensatz zu einer ausdifferenzierten Gesellschaft. Das heißt, wenn ich beweise, dass die Gesellschaft immer schon ausdifferenziert war, beweise ich, dass es nie ein Gemeinwesen gegeben hat, richtig? |
Ich gebe hier gerne zu, dass meine Ausdrucksweise diese Interpretation wahrscheinlich werden ließ. Dennoch waren die Begriffe des "Gemeinwesens" und einer "abstrakten, ausdifferenzierten" Gesellschaft nicht im widersprüchlichen Sinne gemeint. Letzteren Ausdruck habe ich quasi intuitiv für die kurze und zuspitzende Beschreibung der gesellschaftlichen Verhältnisse in den sogenannten "Industrienationen" verwendet. Mir ist natürlich klar, dass sich funktionelle Ausdifferenzierungen bereits in "jeder" Gesellschaft mehr oder weniger vorfinden lassen. Ich wollte damit nur ersichtlich machen, dass sich meiner Meinung nach die Ausdifferenzierung heute nicht nur allgemein enorm erweitert hat, sondern dass sich diese auch auf der Ebene des Bewusstseins festgefressen hat. Insofern geht es mir beim Begriff des "Gemeinwesens" eher um das Bewusstsein der gegenseitigen Abhängigkeit aller Menschen und der Teilbereiche, in denen die Menschen sozialisiert sind. Es wäre auch formulierbar -und wahrscheinlich trifft es diese Ausdrucksweise sogar weitaus besser-, dass ich im Grunde für eine bewusst gestaltete Kooperation zwischen Menschen bzw. Teilbereichen plädiere. Die Logiken der gesellschaftlichen Subsysteme dürfen sich nicht an die Stelle des gesellschaftlichen Gesamtzusammenhanges setzen, sondern müssen stets ihre Funktion in Bezug auf das "Gemeinwesen" nachprüfen und im handelnden Bewusstsein der Individuen tragen.
Ich hoffe hiermit ergibt sich auch der Sinn meiner Redeweise von "Gemeinwesen", die eine Gesellschaft im Sinne Ferdinand Tönnies sein könnte (Tönnies von dir übernommen), nur mit dem Gedanken oder Bewusstsein der Interdependenz, die die gesellschaftliche Notwendigkeit für kooperative Formen menschlicher Zusammenarbeit bewusst macht.
Kurz gesagt: Ausdifferenzierung prinzipiell wünschenswert, aber nicht mit Eigendynamik der Subsysteme, die ihre Rationalität/ Logik an erste Stelle setzen "wollen" (noch vor alle moralischen und gesetzlichen Normen). Ohne die weitere Diskussion "determinieren" zu wollen, mir geht es insbesondere bei all dem Ausgeführten um die ökonomische bzw. kapitalistische Rationalität.
Ich vertrete ausdrücklich die Meinung, dass "Gemeinwesen" in eben erläuterter Bedeutung sehr wohl möglich ist -und sogar sein muss- ohne dass irgendwie auf ein "primitives" Niveau der Arbeitsteilung zurückgefallen werden muss.
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| Das sehe ich ganz anders. Ich habe z.B. keine Lust die Menschenrechte zur Diskussion zu stellen. Sie sind für mich absoluter Grundsatz und sollten in unserer Geselllschaft auch nicht diskutabel sein. Das gleiche gilt für die Staatsform. [...] Ich finde nicht, dass wir darüber diskutieren sollten, ob wir eine Demokratie sind und bleiben. |
Leider ein grobes Missverständnis. Mein Begriff von Ideologie ist dummerweise ein recht spezifischer und meint nicht etwas im Sinne von "System von Ideen" oder so. Unter "Ideologie" verstehe ich vielmehr komplexe, vielfältig miteinander verzahnte semantische (Begriffs-)Netzwerke, die Individuen in eine Herrschaftsform vergesellschaften und gesellschaftliche Widersprüche oder Zusammenhänge verdecken. Damit meine ich im Grunde den symbolischen Zusammenhalt von Herrschaftsformen. Von daher meine ich, dass sich ein ganzheitliches Verständnis erst entwickeln kann, wenn die ideologischen Elemente im Bewusstsein erkannt werden können. Du kannst dir garnicht vorstellen, wie unglaublich stark diese ideologische Form Grenzen des Denkens und der Begriffe setzt. Wie viele Menschen glauben tatsächlich an "Sachzwänge" , die in vielen Mediendiskursen vorkommen oder an das Wesen des "egoistisch" handelnden und denkenden Menschen, der kapitalistische Praktiken zu einem Teil legitimieren soll.
Die Menschenrechte als Normen würde ich auch nicht anzweifeln wollen. Es geht mir vielmehr um die Realisierung der Menschenrechte in gesellschaftliche Verhältnisse und der Beachtung derselben in allen politischen Entscheidungen. Leider schaffen es diverse politisch-ideologischen Programme, die Menschenrechte in unserem Land als realisiert dastehen zu lassen. Genauso geht es mit "der" Demokratie. Nur weil wir uns "parlamentarische Demokratie" nennen, wird nicht ersichtlich, wie die gesellschaftlichen Regel- und Herrschaftsmechanismen ablaufen. Außerdem wäre auch mein Demokratiebegriff etwas umfassender, da er die regelmäßige politische Praxis breiter Teile der Bevölkerung voraussetzt. Das heißt es lässt sich durchaus sinnvoll diskutieren, wie unsere Form einer Demokratie aussieht und wo die zahlreichen Mängel vorhanden sind. Den politischen Denkprozess stoppen zu wollen, nur weil wir den Begriff der Demokratie als Selbstbeschreibung verwenden, scheint mir eher Resignation darzustellen oder natürlich das, was ich als ideologisches Bewusstsein bezeichnen würde (da hier, wie oben erläutert, wieder Denkmöglichkeiten limitiert d.h. Grenzen gesetzt werden, die nur "selbst" konstruiert sind).
Zu deinem letzten Teil bezüglich der "Umsetzbarkeit", die du auf "Finanzierbarkeit" reduzierst, noch einige Sätze: Ich würde gemäß meiner eigenen Forderung gleich die Fragen stellen: Wieso genau sind einige Vorschläge "finanzierbar" und andere nicht ? Liegt es daran, dass der Staat einfach nicht genug Geld hat ? Wenn dieser das Geld hätte, würden die Vorschläge dann umgesetzt werden ?
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| Insofern fragt die Politik in diesem Fall nicht nach einem Guten oder Richtigen, sondern nach einem finanzierbaren. D.h. möglicherweise setzt sich in der Politik etwas durch, das falsch ist, weil das richtige nicht bezahlbar/umsetzbar ist. Da kann man mit noch so viel Idealismus nichts dran ändern. |
Aha. Wenn etwas "finanzierbar" ist, was nichts anderes bedeutet als von spezifischen Gruppen gewollt, dann kann es also umgesetzt werden, unabhängig von der Frage, was "gut", "richtig" bzw. wünschenswert ist ? So was sinnloses habe ich selten gehört. Es hat nicht viel mit Idealismus zu tun, wenn mensch feststellt, dass die Konzeption von "Finanzierbarkeit" kein objektiv-knallhartes Gesetz ist, sondern eine Strategie verschiedener sozialer Mächte darstellen könnte.
So, ich denke, dass dies zur Klärung vorerst genügen sollte. Hoffe, du verstehst jetzt besser, wie ich denke und was ich meine.
Grüße, Shamatic