Politisch richtig oder richtig politisch ?

Gil Gamesh
Zitat:
Original von mr.monks
Ich glaube man kann soziologisch beweisen, dass es nie so etwas wie ein Gemeinwesen gegeben hat.


Auf den Beweis bin ich mal gespannt.
Shamatic
Hey mr.monks !

Ehrlich gesagt: So ganz verstehe ich deine Einwände nicht. Ich habe vielmehr das Gefühl, dass du versuchst, das von mir propagierte, ganzheitliche Verständnis von Politik abzulehnen, ohne deine Gründe dafür zu nennen. Ich bin für jede Diskussion bereit, nur wäre es hilfreicher, wenn du die Gründe zu deinen Behauptungen gleich mitliefern würdest Zwinker Dennoch versuche ich mich mal in einer Teilantwort...


Zitat:
Die Frage ist doch kann sie das? Oder vielmehr darf sie das? Ist es nicht z.B. so dass das Grundgesetz bestimmte Denkweisen vorschreibt, die als unreflektierbar gelten?


Im Grunde versuche ich nicht positiv zu definieren, was "Politik" sein soll und was nicht. Denn genau dies wäre ja wieder eine normative Beschränkung von Denkmöglichkeiten. Vielmehr versuche ich einen meiner Meinung nach wesentlichen Impuls des Politischen wiederzubeleben; dieser besteht in der Frage und Reflektion der gesellschaftlichen Organisation bzw. der Lebensverhältnisse. Und hier ist ein Bewusstsein gefragt, welches sich nicht durch ideologische Elemente beschränken lässt d.h. den Horizont der Möglichkeiten durch die Brille der herrschenden Denkmuster betrachtet.

Ich muss über diesen Punkt zwar noch etwas nachdenken, denke momentan jedoch, dass das Politische letztendlich durchaus durch bestimmte (Kommunikations-)Normen getragen werden müsste, damit der gesellschaftliche Diskurs auf demokratische Weise stattfinden kann. Meine Gedanken gehen gerade in irgendwas Richtung Diskursethik ("herrschaftsfreier Diskurs")... Hmm.

Zitat:
Und auf der anderen Seite: Ist es Aufgabe der Politik solche Fragen zu reflektieren, muss sie nicht viel konkreter denken?


Ich sehe keinen Gegensatz zwischen "konkretem" und "abstraktem" Denken. Denn woher nimmst du denn deine Werte oder Kriterien, wenn Du "konkret" handelst ? Es ist ja gerade das Fehlen des "abstrakten" (im Sinne von "allgemein") Denkens, das uns eine Orientierung, einen größeren Handlungskontext vermissen lässt. Oder magst du erläutern, was du unter "konkreter denken" verstehst ?

Ich schließe mich hier auch Gil Gamesh an: Auf den Beweis bin ich ebenfalls gespannt Zwinker
mr.monks
Zitat:
Original von Gil Gamesh
Auf den Beweis bin ich mal gespannt.

Okay ich geb mein bestes Zwinker

Zitat:
Original von Shamatic
Das von mir geforderte, "neue" politische Bewusstsein könnte versuchen, all die Widersprüche und Ungereimtheiten aufzudecken und eine abstrakt gewordene, ausdifferenzierte Gesellschaft zu einem Gemein-Wesen zurück zu führen - gedanklich und praktisch.

Wenn ich Shamatic hier richtig verstanden habe, dann sieht er das Gemeinwesen als Gegensatz zu einer ausdifferenzierten Gesellschaft. Das heißt, wenn ich beweise, dass die Gesellschaft immer schon ausdifferenziert war, beweise ich, dass es nie ein Gemeinwesen gegeben hat, richtig? (rhetorische Frage^^)
Wann spricht man von Gesellschaft und Wann von Gemeinschaft(Gemeinwesen).

Eine Gemeinschaft, ist eine Gruppierung von Menschen, die sich miteinander verbunden fühlen und sozusagen an einem Strang ziehen, die Zusammengehörigkeit steht im Vordergrund.

„Gesellschaft“ ist ein Kreis von Menschen, die von einander wesentlich getrennt sind(Ferdinand Tönnies) Dieses tritt historisch Automatisch ein beim Übergang von der Stammeskultur (die noch eine Gemeinschaft ist) hin zu einer staatlichen Gruppierung (die wir schon Gesellschaft nennen), schlicht und einfach aufgrund der unterschiedlichen Interessenslagen der verschiedenen Bevölkerungsteile. Diese Bevölkerungsteile entstehen mit der erheblichen Größe einer Gesellschaft, die aus unterschiedlichen ethnischen Gruppen zusammengesetzt ist.
D.h. Ein Staat ist per se eine Gesellschaft und damit ausdifferenziert.

Und sofern Shamatic nicht zurück zur Stammeskultur will (was ich jetzt einfach mal unterstelle), müssen wir damit leben, dass es soetwas wie ein Gemeinwesen nicht gibt und auch nicht geben kann. Klar geworden, oder soll ich noch etwas ausführen?

Zitat:
Original von Shamatic
Und hier ist ein Bewusstsein gefragt, welches sich nicht durch ideologische Elemente beschränken lässt

Das sehe ich ganz anders. Ich habe z.B. keine Lust die Menschenrechte zur Diskussion zu stellen. Sie sind für mich absoluter Grundsatz und sollten in unserer Geselllschaft auch nicht diskutabel sein. Das gleiche gilt für die Staatsform. Eine Demokratie, die in der Lage war sich selbst auszuhebeln hatten wir schonmal, darauf kann ich gut verzichten. Ich finde nicht, dass wir darüber diskutieren sollten, ob wir eine Demokratie sind und bleiben.

Das ist genau das Problem der Diskursethik. Ich finde sie wunderbar (wir praktizieren hier ja gelebten Diskurs), aber der Diskurs selbst bleibt Normativ (und das soll er ja auch), aber damit bleiben wir stark gefärbt von unseren eigenen Ansichten (was meiner Meinung nach auch gut so ist)

Zitat:
Original von Shamatic
Oder magst du erläutern, was du unter "konkreter denken" verstehst ?

Ja mag ich
Unter Konkret verstehe ich, dass die Politik nicht notwendigerweise danach frage muss, was denn richtig ist, sondern oft (zu Recht) danach fragt was denn umsetzbar ist. Bei Parteien wie der Linkspartei scheint das noch nicht ganz angekommen zu sein.
z.B. der Punkt der Finanzierbarkeit spielt in der Politik eine ganz große Rolle. Da kann ein Vorschlag noch so richtig und gut sein, solange er nicht finanzierbar ist, spielt das keine Rolle. Insofern fragt die Politik in diesem Fall nicht nach einem Guten oder Richtigen, sondern nach einem finanzierbaren. D.h. möglicherweise setzt sich in der Politik etwas durch, das falsch ist, weil das richtige nicht bezahlbar/umsetzbar ist. Da kann man mit noch so viel Idealismus nichts dran ändern.
Shamatic
Hey mr.monks !

Vielen Dank für deinen klärenden Beitrag. Jetzt habe ich wenigstens eine grobe Ahnung von welchem theoretischen Hintergrund aus du agierst, ohne dich jetzt gewaltsam kategorisieren zu wollen (was ich auch wirklich nicht tue, es geht mir nur um das Verständnis deiner Gedanken). Zumindest kann ich vorausschicken, dass sich teilweise doch grobe Missverständnisse in unserem Gespräch ergeben haben, die ich jetzt zu korrigieren versuche (hoffe, es gelingt einigermaßen).

Zitat:
Wenn ich Shamatic hier richtig verstanden habe, dann sieht er das Gemeinwesen als Gegensatz zu einer ausdifferenzierten Gesellschaft. Das heißt, wenn ich beweise, dass die Gesellschaft immer schon ausdifferenziert war, beweise ich, dass es nie ein Gemeinwesen gegeben hat, richtig?


Ich gebe hier gerne zu, dass meine Ausdrucksweise diese Interpretation wahrscheinlich werden ließ. Dennoch waren die Begriffe des "Gemeinwesens" und einer "abstrakten, ausdifferenzierten" Gesellschaft nicht im widersprüchlichen Sinne gemeint. Letzteren Ausdruck habe ich quasi intuitiv für die kurze und zuspitzende Beschreibung der gesellschaftlichen Verhältnisse in den sogenannten "Industrienationen" verwendet. Mir ist natürlich klar, dass sich funktionelle Ausdifferenzierungen bereits in "jeder" Gesellschaft mehr oder weniger vorfinden lassen. Ich wollte damit nur ersichtlich machen, dass sich meiner Meinung nach die Ausdifferenzierung heute nicht nur allgemein enorm erweitert hat, sondern dass sich diese auch auf der Ebene des Bewusstseins festgefressen hat. Insofern geht es mir beim Begriff des "Gemeinwesens" eher um das Bewusstsein der gegenseitigen Abhängigkeit aller Menschen und der Teilbereiche, in denen die Menschen sozialisiert sind. Es wäre auch formulierbar -und wahrscheinlich trifft es diese Ausdrucksweise sogar weitaus besser-, dass ich im Grunde für eine bewusst gestaltete Kooperation zwischen Menschen bzw. Teilbereichen plädiere. Die Logiken der gesellschaftlichen Subsysteme dürfen sich nicht an die Stelle des gesellschaftlichen Gesamtzusammenhanges setzen, sondern müssen stets ihre Funktion in Bezug auf das "Gemeinwesen" nachprüfen und im handelnden Bewusstsein der Individuen tragen.

Ich hoffe hiermit ergibt sich auch der Sinn meiner Redeweise von "Gemeinwesen", die eine Gesellschaft im Sinne Ferdinand Tönnies sein könnte (Tönnies von dir übernommen), nur mit dem Gedanken oder Bewusstsein der Interdependenz, die die gesellschaftliche Notwendigkeit für kooperative Formen menschlicher Zusammenarbeit bewusst macht.

Kurz gesagt: Ausdifferenzierung prinzipiell wünschenswert, aber nicht mit Eigendynamik der Subsysteme, die ihre Rationalität/ Logik an erste Stelle setzen "wollen" (noch vor alle moralischen und gesetzlichen Normen). Ohne die weitere Diskussion "determinieren" zu wollen, mir geht es insbesondere bei all dem Ausgeführten um die ökonomische bzw. kapitalistische Rationalität.

Ich vertrete ausdrücklich die Meinung, dass "Gemeinwesen" in eben erläuterter Bedeutung sehr wohl möglich ist -und sogar sein muss- ohne dass irgendwie auf ein "primitives" Niveau der Arbeitsteilung zurückgefallen werden muss.

Zitat:
Das sehe ich ganz anders. Ich habe z.B. keine Lust die Menschenrechte zur Diskussion zu stellen. Sie sind für mich absoluter Grundsatz und sollten in unserer Geselllschaft auch nicht diskutabel sein. Das gleiche gilt für die Staatsform. [...] Ich finde nicht, dass wir darüber diskutieren sollten, ob wir eine Demokratie sind und bleiben.


Leider ein grobes Missverständnis. Mein Begriff von Ideologie ist dummerweise ein recht spezifischer und meint nicht etwas im Sinne von "System von Ideen" oder so. Unter "Ideologie" verstehe ich vielmehr komplexe, vielfältig miteinander verzahnte semantische (Begriffs-)Netzwerke, die Individuen in eine Herrschaftsform vergesellschaften und gesellschaftliche Widersprüche oder Zusammenhänge verdecken. Damit meine ich im Grunde den symbolischen Zusammenhalt von Herrschaftsformen. Von daher meine ich, dass sich ein ganzheitliches Verständnis erst entwickeln kann, wenn die ideologischen Elemente im Bewusstsein erkannt werden können. Du kannst dir garnicht vorstellen, wie unglaublich stark diese ideologische Form Grenzen des Denkens und der Begriffe setzt. Wie viele Menschen glauben tatsächlich an "Sachzwänge" , die in vielen Mediendiskursen vorkommen oder an das Wesen des "egoistisch" handelnden und denkenden Menschen, der kapitalistische Praktiken zu einem Teil legitimieren soll.

Die Menschenrechte als Normen würde ich auch nicht anzweifeln wollen. Es geht mir vielmehr um die Realisierung der Menschenrechte in gesellschaftliche Verhältnisse und der Beachtung derselben in allen politischen Entscheidungen. Leider schaffen es diverse politisch-ideologischen Programme, die Menschenrechte in unserem Land als realisiert dastehen zu lassen. Genauso geht es mit "der" Demokratie. Nur weil wir uns "parlamentarische Demokratie" nennen, wird nicht ersichtlich, wie die gesellschaftlichen Regel- und Herrschaftsmechanismen ablaufen. Außerdem wäre auch mein Demokratiebegriff etwas umfassender, da er die regelmäßige politische Praxis breiter Teile der Bevölkerung voraussetzt. Das heißt es lässt sich durchaus sinnvoll diskutieren, wie unsere Form einer Demokratie aussieht und wo die zahlreichen Mängel vorhanden sind. Den politischen Denkprozess stoppen zu wollen, nur weil wir den Begriff der Demokratie als Selbstbeschreibung verwenden, scheint mir eher Resignation darzustellen oder natürlich das, was ich als ideologisches Bewusstsein bezeichnen würde (da hier, wie oben erläutert, wieder Denkmöglichkeiten limitiert d.h. Grenzen gesetzt werden, die nur "selbst" konstruiert sind).


Zu deinem letzten Teil bezüglich der "Umsetzbarkeit", die du auf "Finanzierbarkeit" reduzierst, noch einige Sätze: Ich würde gemäß meiner eigenen Forderung gleich die Fragen stellen: Wieso genau sind einige Vorschläge "finanzierbar" und andere nicht ? Liegt es daran, dass der Staat einfach nicht genug Geld hat ? Wenn dieser das Geld hätte, würden die Vorschläge dann umgesetzt werden ?

Zitat:
Insofern fragt die Politik in diesem Fall nicht nach einem Guten oder Richtigen, sondern nach einem finanzierbaren. D.h. möglicherweise setzt sich in der Politik etwas durch, das falsch ist, weil das richtige nicht bezahlbar/umsetzbar ist. Da kann man mit noch so viel Idealismus nichts dran ändern.


Aha. Wenn etwas "finanzierbar" ist, was nichts anderes bedeutet als von spezifischen Gruppen gewollt, dann kann es also umgesetzt werden, unabhängig von der Frage, was "gut", "richtig" bzw. wünschenswert ist ? So was sinnloses habe ich selten gehört. Es hat nicht viel mit Idealismus zu tun, wenn mensch feststellt, dass die Konzeption von "Finanzierbarkeit" kein objektiv-knallhartes Gesetz ist, sondern eine Strategie verschiedener sozialer Mächte darstellen könnte.

So, ich denke, dass dies zur Klärung vorerst genügen sollte. Hoffe, du verstehst jetzt besser, wie ich denke und was ich meine.

Grüße, Shamatic Zwinker
Tarvoc
Zitat:
Original von mr.monks
Ich habe z.B. keine Lust die Menschenrechte zur Diskussion zu stellen.

Einzelne Menschenrechte würde ich durchaus zur Diskussion stellen, etwa das sogenannte "Recht auf Arbeit".
Warum kommt z.B. eigentlich (okay, fast) niemand auf die Idee, ein Menschenrecht auf Faulheit zu fordern? Zwinker
Tarvoc
Zitat:
Original von Shamatic
Leider ein grobes Missverständnis. Mein Begriff von Ideologie ist dummerweise ein recht spezifischer und meint nicht etwas im Sinne von "System von Ideen" oder so. Unter "Ideologie" verstehe ich vielmehr komplexe, vielfältig miteinander verzahnte semantische (Begriffs-)Netzwerke, die Individuen in eine Herrschaftsform vergesellschaften und gesellschaftliche Widersprüche oder Zusammenhänge verdecken. Damit meine ich im Grunde den symbolischen Zusammenhalt von Herrschaftsformen.

Könnte man vielleicht auch sagen, eine Ideologie ist nicht ein System von Ideen, sondern von Identifikationen?
Shamatic
Zitat:
Original von Tarvoc
Könnte man vielleicht auch sagen, eine Ideologie ist nicht ein System von Ideen, sondern von Identifikationen?


Könnte in dieser Weise natürlich verstanden werden, und wenn mich nicht alles täuscht, wird es dies auch. Wenn beispielsweise von der Ideologie der Nationalsozialisten gesprochen wird, dann geht es natürlich um deren "System von Ideen", aber gleichzeitig und davon nicht zu trennen, um die Identifikation der Individuen mit dem Herrschaftsapparat (bzw. spezifischer Teilbereiche desselben) aufgrund dieses Ideen-Netzwerks. Es gibt ein Buch, das ich nur mal angelesen habe, aber eine interessante These diesbezüglich aufstellte: Die nationalsozialistische Ideologie versuchte die Widersprüche der Gesellschaft nicht wirklich zu beseitigen, sondern nur im Bewusstsein aufzuheben.

Der Ideologie-Begriff interessiert mich schon seit längerem und bin bereits -wenn auch momentan eher zögernd- dabei, mich mit diesem Themenkomplex zu beschäftigen. Es gibt natürlich auf marxistischer Seite verschiedene Theoretisierungen von "Ideologie", die teilweise stark auseinanderfallen. Die klassische Ideologiekritik marxistischer Strömung sah ihren Hauptzweck in der Sichtbarmachung von sogenanntem "falschen" oder "verkehrten" Bewusstseins und in der immanenten Kritik von Ideologie. Strömungen, die dieses reduktionistisch-ökonomistische Verständnis ablehnten, betrachteten "Ideologie" als a) Vergesellschaftungsform in einer gegebenen kapitalistischen Gesellschaft und b) nicht-homogen, also durch Widersprüche gefärbt. In diesem Sinne wird dann z.B. von ideologischen Apparaten (zivilgesellschaftliche Einrichtungen, wie Kirchen, Parteien, Freizeitangebote etc.) gesprochen, die Menschen in eine gegebene soziale Struktur einbetten. Natürlich spielt hier die Identifikation eine zentrale Rolle: Denn was könnte es für gegebene Herrschaftsformen besseres geben, als dass sich Menschen mit spezifischen Denk- und Lebensmustern identifizieren, die ein Teil dieser Herrschaft sind.

Ein Satz, der mir gefällt und die Sache gut auf den Punkt bringt, ist folgender: Ideologie ist Bewusstsein von Menschen innerhalb einer Form, aber nicht von der Form selbst.

Ich empfehle hierzu eine neue Publikation aus dem Argument-Verlag, die ich zwar erst angerissen habe, jedoch davon überzeugt bin, dass sie eine der besten Einführen in die Ideologietheorie ist. Bei Interesse, melde ich mich fröhlich
Tarvoc
Zitat:
Original von Shamatic
Es gibt ein Buch, das ich nur mal angelesen habe, aber eine interessante These diesbezüglich aufstellte: Die nationalsozialistische Ideologie versuchte die Widersprüche der Gesellschaft nicht wirklich zu beseitigen, sondern nur im Bewusstsein aufzuheben.

Interessant. Ich denke, das gehört auf meine Buchliste. Um welches Buch handelte es sich?

Zitat:
Original von Shamatic
Ich empfehle hierzu eine neue Publikation aus dem Argument-Verlag, die ich zwar erst angerissen habe, jedoch davon überzeugt bin, dass sie eine der besten Einführen in die Ideologietheorie ist. Bei Interesse, melde ich mich fröhlich

Bei mir besteht Interesse.
mr.monks
@Shamatic
Jo danke, ich verstehe jetzt besser, was du meinst, auch wenn ich mit deinem engen Verständnis von Ideologie nicht ganz einverstanden bin.

Ein Punkt noch
Zitat:
Aha. Wenn etwas "finanzierbar" ist, was nichts anderes bedeutet als von spezifischen Gruppen gewollt, dann kann es also umgesetzt werden, unabhängig von der Frage, was "gut", "richtig" bzw. wünschenswert ist ? So was sinnloses habe ich selten gehört.

Ist das wirklich sinnlos oder einfach nur pragmatisch? Wenn wir nach dem richtigen oder dem guten politik machen würden kämen wir nie zu Ergebnissen

@Travoc
Zitat:
Einzelne Menschenrechte würde ich durchaus zur Diskussion stellen, etwa das sogenannte "Recht auf Arbeit".

Wirklich? Ich finde besonders die Einzebestandteile eind doch extrem wichtig oder?
Zitat:
Artikel 23
1. Jeder hat das Recht auf Arbeit, auf freie Berufswahl, auf gerechte und befriedigende Arbeitsbedingungen sowie auf Schutz vor Arbeitslosigkeit.
2. Jeder, ohne Unterschied, hat das Recht auf gleichen Lohn für gleiche Arbeit.
3. Jeder, der arbeitet, hat das Recht auf gerechte und befriedigende Entlohnung, die ihm und seiner Familie eine der menschlichen Würde entsprechende Existenz sichert, gegebenenfalls ergänzt durch andere soziale Schutzmaßnahmen.
4. Jeder hat das Recht, zum Schutz seiner Interessen Gewerkschaften zu bilden und solchen beizutreten.

Welchen der Punkte würdest du abschaffen?
Und ja ich bin der Meinung, dass die Punkte sich im Recht auf Arbeit begründen und nicht unabhängig davon sind.
Tarvoc
Zitat:
Original von mr.monks
Welchen der Punkte würdest du abschaffen?

Abschaffen? Ich sagte, ich würde das Recht auf Arbeit zur Diskussion stellen. In ihm drücken sich kurz gesagt Machtverhältnisse in der kapitalistischen Gesellschaft aus. Es ist schlichtweg die Frage, was für eine Art von Arbeit damit gemeint ist. Kurz gesagt: Ein Recht auf Arbeit kann überhaupt nicht unabhängig von den realen gesellschaftlichen Verhältnissen und Arbeitsweisen gedacht werden. Ich halte es nicht für sinnvoll, Menschenrechte im luftleeren Raum und ohne eine Betrachtung der realen Verhältnisse, in denen und für die sie formuliert werden, zu diskutieren. Das ist mir schlicht zu unmaterialistisch.

Zitat:
Original von mr.monks
Und ja ich bin der Meinung, dass die Punkte sich im Recht auf Arbeit begründen und nicht unabhängig davon sind.

Weisst du, mich interessieren Argumente, Diskurse, Gedankenbewegungen, Entwicklungen von Gedanken etc. irgn'wie meist mehr als Meinungen. fröhlich roll
mr.monks
Ich verstehe nicht was du meinst. Das Recht ist doch recht konkret, oder? Natürlich geht es von einer kapitalistischen Sicht auf die Arbeitsweit aus, abere wir leben doch auch in einer kapitalistischen Gesellschaft.
Zitat:
Original von Travoc
Weisst du, mich interessieren Argumente, Diskurse, Gedankenbewegungen, Entwicklungen von Gedanken etc. irgn'wie meist mehr als Meinungen.

aber in diesem Fall doch nicht oder? Meine Meinung ist doch so wichtig, dass sie dich interessieren MUSS Zwinker
Tarvoc
Zitat:
Original von mr.monks
Natürlich geht es von einer kapitalistischen Sicht auf die Arbeitsweit aus, abere wir leben doch auch in einer kapitalistischen Gesellschaft.

Innerhalb der kapitalistischen gesellschaftlichen Verhältnisse, von denen es ausgeht, steht das Recht auf Lohnarbeit natürlich nicht zur Debatte - bzw. es steht in ihnen insofern zur Debatte, als man mit mehr oder weniger großer Sicherheit zeigen kann, dass es bei kapitalistischen Verhältnissen weltweit nicht allgemein realisierbar ist. Es steht aber sozusagen zusammen mit den kapitalistischen Verhältnissen, von denen es ausgeht, zur Debatte.
mr.monks
Heißt das du erkennst dem Kapitalismus das Recht ab, normative Elemente aufzustellen, die ihn selbst kritisieren?
Tarvoc
Zitat:
Original von mr.monks
Heißt das du erkennst dem Kapitalismus das Recht ab, normative Elemente aufzustellen, die ihn selbst kritisieren?

Never personalize abstractons, they hate that. fröhlich Aber abgesehen davon (oder gerade deshalb) verstehe ich deine Frage nicht wirklich...
mr.monks
Wenn ich dich richtig verstanden habe, sagst du doch, das Recht auf Arbeit stehe zur Debatte, weil es nicht realisierbar ist, oder?

Zitat:
Original von Travoc
Das Recht auf Arbeit steht in ihnen insofern zur Debatte, als man mit mehr oder weniger großer Sicherheit zeigen kann, dass es bei kapitalistischen Verhältnissen weltweit nicht allgemein realisierbar ist.


Das heißt, ich darf dem Kapitalismus keine Idealvorstellung gegenüberstellen, um eine Bild vor Augen zu haben, wie Kapitalismus aussehen sollte, und damit Kritik an den tatsächlichen Verhältnissen im Kapitalismus üben. Das wäre doch aber sehr einengend.

Zitat:
Never personalize abstractons, they hate that.

Aber es ist so viel einfacher, als ständig darüber nachzudenken, wer nu wirklich der Akteur ist. Freude
Zugegeben etwas unprofessionell.
Tarvoc
Zitat:
Original von mr.monks
Das heißt, ich darf dem Kapitalismus keine Idealvorstellung gegenüberstellen, um eine Bild vor Augen zu haben, wie Kapitalismus aussehen sollte, und damit Kritik an den tatsächlichen Verhältnissen im Kapitalismus üben.

Nein, das heißt das nicht. Wie kommst du denn auf sowas? fröhlich

Okay, ich hab' vielleicht etwas zweideutig formuliert...
Henning1992
Zitat:
Original von Schatzmeister
Ich denke, das Wesen einer freiheitlichen, repräsentativen Demokratie ist immer auch Populismus. Darum werden auch Ziele, Programme, Strategien - kurzum: das komplette (politische) Handeln - darauf reduziert, was schnelle Erfolge liefert (schnell deshalb, weil Leute unglaublich zügig vergessen, wem sie was zu verdanken haben). Oder anders gesagt: Ist irgendein echter - also so richtig ernsthafter - Reformator jemals mehrheitlich gewählt worden?

Schatzmeister


Nein, weil die politischen Wesen, die Politiker sich zumindest nicht direkt nach langfristigen Erfolg sehnen, sondern nach: 1. Finanzielle Absicherung, 2. Selbstvewirklichung.

Und diese beiden Ziele werden durch Populismus, also entweder kurzfristig orientiertes Handeln oder Fakten verfälschen und lügen erreicht.

Die echten ideologen verkümmern Zuhause und allein in ihren Vorstellungen.
Andere bei Parteien ohne jeglichen Machteinfluss.
Die ,,Anpasser'' und die ,,Ja-Sager'', die ,,Ich-Orientierten'' allerdings, sie schaffen häufig den großen Karrieresprung.


Grüße,

Henning
mr.monks
Zitat:
Die echten ideologen verkümmern Zuhause und allein in ihren Vorstellungen.

Das liegt daran, dass das Berufsbild der Politikers sich deutlich von dem eines Philosophen unterscheidet. Ein Politiker in einer Demokratie muss gut organisieren können und in der Lage sein, Mehrheiten für seine Projekte zu finden und nicht auf einer abstrakten Ebene Recht haben; das bringt niemandem etwas.
Henning1992
Da stimme ich dir absolut zu und es ist auch nicht umbedingt schlecht so, wie es zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist. Aber die jugendliche Euphorie die den Ausschlag gibt, in eine Partei einzutreten, sie geht im laufe der Jahre verloren und man nähert sich dann immer mehr den älteren Kollegen an.

Das kann man mit einem hochmotivierten Lehrer vergleichen, der als Jungspund auf eine Schule kommt.
Zu Beginn unterscheidet er sich durch seine Verhaltensweisen und seine Aktivität u. Begeisterung womöglich sehr stark von seinen Kollegen.
Doch im Laufe der Jahre passt er sich immer mehr den trägen unmotivierten Kollegen an großes Grinsen

Grüße,

Henning