Geburtstagsparty für Franz Kafka

Rhetorix
Am 3. Juli würde Franz Kafka 125 Jahre alt (er ist daher nur unerheblich älter als Joopie Heesters).

Ich schlage vor, seinen Geburtstag zu feiern, indem wir gemeinsam versuchen, eine seiner Erzählungen zu deuten.
Macht ihr mit?

Ferner schlage ich vor, einen kurzen, übersichtlichen Text zu wählen, damit unsere Diskussionen nicht ausufern und vom Hölzchen aufs Stöckchen kommen - bzw. dies nicht mehr als sowieso unvermeidlich tun.

Eine Erzählung, die mir hierfür geeignet scheint und obendrein gefällt, die ich daher zur Diskussion stelle, ist:


Die Sorge des Hausvaters


Die einen sagen, das Wort Odradek stamme aus dem Slawischen und sie suchen auf Grund dessen die Bildung des Wortes nachzuweisen. Andere wieder meinen, es stamme aus dem Deutschen, vom Slawischen sei es nur beeinflußt. Die Unsicherheit beider Deutungen aber läßt wohl mit Recht darauf schließen, daß keine zutrifft, zumal man auch mit keiner von ihnen einen Sinn des Wortes finden kann.

Natürlich würde sich niemand mit solchen Studien beschäftigen, wenn es nicht wirklich ein Wesen gäbe, das Odradek heißt. Es sieht zunächst aus wie eine flache sternartige Zwirnspule, und tatsächlich scheint es auch mit Zwirn bezogen; allerdings dürften es nur abgerissene, alte, aneinandergeknotete, aber auch ineinanderverfilzte Zwirnstücke von verschiedenster Art und Farbe sein. Es ist aber nicht nur eine Spule, sondern aus der Mitte des Sternes kommt ein kleines Querstäbchen hervor und an dieses Stäbchen fügt sich dann im rechten Winkel noch eines. Mit Hilfe dieses letzteren Stäbchens auf der einen Seite, und einer der Ausstrahlungen des Sternes auf der anderen Seite, kann das Ganze wie auf zwei Beinen aufrecht stehen.

Man wäre versucht zu glauben, dieses Gebilde hätte früher irgendeine zweckmäßige Form gehabt und jetzt sei es nur zerbrochen. Dies scheint aber nicht der Fall zu sein; wenigstens findet sich kein Anzeichen dafür; nirgends sind Ansätze oder Bruchstellen zu sehen, die auf etwas Derartiges hinweisen würden; das Ganze erscheint zwar sinnlos, aber in seiner Art abgeschlossen. Näheres läßt sich übrigens nicht darüber sagen, da Odradek außerordentlich beweglich und nicht zu fangen ist.

Er hält sich abwechselnd auf dem Dachboden, im Treppenhaus, auf den Gängen, im Flur auf. Manchmal ist er monatelang nicht zu sehen; da ist er wohl in andere Häuser übersiedelt; doch kehrt er dann unweigerlich wieder in unser Haus zurück. Manchmal, wenn man aus der Tür tritt und er lehnt gerade unten am Treppengeländer, hat man Lust, ihn anzusprechen. Natürlich stellt man an ihn keine schwierigen Fragen, sondern behandelt ihn - schon seine Winzigkeit verführt dazu - wie ein Kind. »Wie heißt du denn?« fragt man ihn. »Odradek«, sagt er. »Und wo wohnst du?« »Unbestimmter Wohnsitz«, sagt er und lacht; es ist aber nur ein Lachen, wie man es ohne Lungen hervorbringen kann. Es klingt etwa so, wie das Rascheln in gefallenen Blättern. Damit ist die Unterhaltung meist zu Ende. Übrigens sind selbst diese Antworten nicht immer zu erhalten; oft ist er lange stumm, wie das Holz, das er zu sein scheint.

Vergeblich frage ich mich, was mit ihm geschehen wird. Kann er denn sterben? Alles, was stirbt, hat vorher eine Art Ziel, eine Art Tätigkeit gehabt und daran hat es sich zerrieben; das trifft bei Odradek nicht zu. Sollte er also einstmals etwa noch vor den Füßen meiner Kinder und Kindeskinder mit nachschleifendem Zwirnsfaden die Treppe hinunterkollern? Er schadet ja offenbar niemandem; aber die Vorstellung, daß er mich auch noch überleben sollte, ist mir eine fast schmerzliche.
Zanderdan
Ja, sehr schön. Erstaunlich auch, dass Kafka, wenn er ein Guinessbuchalter erreicht hätte, noch am Leben sein könnte.

Also, was kann man denn über den Text sagen:
- der Titel ist die "Sorge des Hausvaters". Nicht, zB "Odradek". Die Sirge des Hausvaters ist, dass der Odradek ihn überleben könnte. Die entscheidende Frage scheint mir aufgrund des Titels zu sein, warum ihn das besorgt, da Odradek ja "offenbar niemandem schadet".

- die Beschreibung des Odradek gebraucht Ingenieursbegriffe, was zunächst auf eine Art maschineller Zweckmäßigkeit hindeutet. Aber, ohne dass an ihm etwas "zerbrochen" wäre, ist am Odradek kein Zweck erkennbar.

- ferner hat er auch keinen bedeutungsvollen Namen (zumindest ist seine Bedeuntg unklar) und auch keine Heimat ("Wohnsitz unbekannt")

- gerade weil Odradek nirgends eingebunden ist und seine Existenz keinen erkennbaren Zweck verfolgt, hält es der Hausvater für möglich, dass er unsterblich sei

Meine Deutung:
Die Sorge des Hausvaters ist, dass es eine Existenz geben könne, die weder Zweck noch Namen oder Heimat hat, ein sinnloses existieren, oder ein existieren, dessen sinn nicht erkennbar ist. Das erinnert daran, dass der Sinn unserer Existenz aus den Unterschieden zum Odradek herrührt, die nicht allzu bedeutsam erscheinen: der organische Körper, der sinnvolle Name, der mehr zufällige Hausbesitz, der uns eine Heimat vorgaukelt. Und der Tod. Und mehr nicht.

Gruss
eliskases
"Er schadet ja offenbar niemandem", aber er bereitet Sorge. Vielleicht macht Odradek sogar Angst.

Es ist zwar kein bedeutungsvoller Name, den er trägt, aber er trägt einen Namen und über den werden sogar Studien angestellt, wenn auch sinnlose, denn der Sinn des "Wortes" bleibt trotz der Studien verborgen. Aber was einen Namen hat, existiert und Studien würden nicht betrieben, wenn es Odradek, nicht gäbe. So gibt es ihn offenbar, wegen der über seinen Namen betriebenen, sinnlosen Studien, die wiederum nur darum angestellt werden, weil das Wesen einen merkwürdigen Namen trägt, der zu denken gibt.
Auch in anderer Hinsicht ist dieses Wesen nicht recht zu fassen, denn es ist "außerordentlich beweglich und nicht zu fangen". Manches Mal verschwindet es für längere Zeit, kehrt aber stets zurück und lehnt dann vielleicht lässig am Treppengeländer, so dass man Lust hat, es etwas zu fragen. Doch auch befragt, ist es oft stumm, denn es besteht ja nur aus stummem Holz. Antwortet es überhaupt, verlacht es den Frager. Vieleicht, ob seiner naiven, kindlichen Fragen, auf die es stets nur seinen Namen nennt. Selbst wo es wohnt, ist unbestimmt. Sein lungenloses Lachen klingt uns freilich "wie ein Rascheln in gefallenen Blättern".
Das Wesen, das Sorge bereitet, stirbt nie, denn "alles, was stirbt, hat vorher eine Art Ziel, eine Art Tätigkeit gehabt und daran hat es sich zerrieben". Leicht könnte man das Wesen mit einer alten Zwirnspule verwechseln, deren "abgerissene, alte, aneinandergeknotete, aber auch ineinanderverfilzte Zwirnstücke von verschiedenster Art und Farbe" zu sein scheinen und darum den Eindruck erweckt, als habe sich hier etwas Zuhandenes im tätigen Gebrauch zerrieben und ein sinnvolles Leben gelebt, an dessen Ende es nun angekommen ist.
"Dies scheint aber nicht der Fall zu sein." Eher sieht es danach aus, dass dieses seltsame Wesen "einstmals etwa noch vor den Füßen der Kinder und Kindeskinder mit nachschleifendem Zwirnsfaden die Treppe hinunterkollert". Einstmals in Zukunft, also immer.
So bleibt von dem Wesen Odradek am Ende nicht einmal, dass es ein Wesen oder Ding sei mit Ziel und Zweck, das sterben muss oder als Zuhandenes zerbricht, nachdem es seinen Zweck erfüllt hat.

Was bleibt sind die kindischen Fragen, die der Hausvater dem Wesen Odradek stellt. Oder bleiben die Fragen, die es dem Hausvater stellt, weil es einen Namen trägt und stumm, ans Treppengeländer gelehnt, auf ihn zu warten scheint? Was bleibt, sind die Studien, - die sinnlosen, denn das Wesen Odradek nennt stets nur seinen Namen und mehr gibt es nicht preis. Ob es aber die Fragen des Hausvaters verlacht oder dessen Sorge, wissen wir am Ende nicht. Wir wissen nur, dass sein Lachen klingt, wie das Rascheln toter, trockener Blätter im Herbst.
Erik van Thom
Vielleicht ist Obdradek der Tod?

- Jeder kennt ihn, jeder stellt Gedanken an; jeder versucht, in ihm einen Sinn zu erkennen.

-
Zitat:
allerdings dürften es nur abgerissene, alte, aneinandergeknotete, aber auch ineinanderverfilzte Zwirnstücke von verschiedenster Art und Farbe sein.

Vielleicht die Lebensfaeden verschiedener Ex-Lebender, nun aneinandergeknotet, und vorher einfach abgerissen?

- Odradek sieht "kaputt" aus, wie Verfall, doch nirgends laesst sich eine Bruchstelle sehen.

- Er lauert ueberall, geht manchmal in die Nachbarschaft und wartet dann wieder im eigenen Haus, auf dem Dachboden, den Gaengen etc.

- Er ist nicht zu fassen und lacht wie das Rascheln toter Blaetter.

- Dass es ihn noch gibt, wenn des Hausvaters Lebensfaden dereinst auch abgerissen sein wird, empfindet dieser as schmerzlich.

- Eigentlich tut er nichts, da das, wofuer er steht, so bedeutungslos ist wie er winzig.

Fazit: Obdradek ist der Tod, ohne Sinn, ohne Ziel, er beendet alles, was einmal ein Ziel hatte und macht dadurch alles Streben auf Erden zu Lebzeiten am Ende sinnlos.
Rhetorix
Die Erzählung irritiert und belustigt.

Odradek scheint eine Art 'Hausnarr' zu sein. Er erinnert mich ein bisschen an König Lears Narren, mit dem er seine offenbare Sinn- und Zwecklosigkeit, seinen Freiheitsdrang und seine scheinbare Kindlichkeit gemein hat. Er sagt zwar nichts, was zu denken geben könnte, aber dennoch gibt er zu denken: durch seine bloße Existenz.

Die Einstellung des Hausvaters zu Odradek bleibt anfangs unklar.
Erst beschreibt er ihn mit dem Bemühen um Objektivität, so als sei er 'ein Fremder'.
Dann sagt er, dass man mit ihm spricht wie mit einem Kind (einem etwa Dreijährigen, dem man solche Fragen zu stellen pflegt). Man hat den Eindruck, dass auch der Hausvater auf diese Weise mit Odradek spricht, und unterstellt ihm ein gewisses Wohlwollen.
Der Schluss hat mich überrascht. Ich habe keinen Zweifel daran, dass der Hausvater sich für Odradeks baldigen Tod (falls möglich) beglückwünschen würde. Damit hatte ich nicht gerechnet.


Odradek scheint mir mit Gregor Samsa, dem Verwandelten, in Beziehung zu stehen.
Ähnlich wie Gregor als Kellerassel, so ist auch Odradek ein Fremdkörper im Haus, absurd und nutzlos.
Während Gregor Samsa aber erst ein Gefangener seiner Tretmühle und schließlich, als Assel, seines Zimmer ist, lässt sich Odradek nicht fassen oder beherrschen.

Ich glaube, dass Kafka sich in beiden Gestalten selbst gesehen hat, in der 'Verwandlung' voll Zorn über sein Elternhaus, bei Odradek eher als Wunschbild.

Ist Odradek ein Künstler?
Milan Q.
also Ich finde für eine Interpretation sollten wir erstmal die "Personen" der Geschichte miteinander vergleichen:

Wir haben zwei Wesen:
1. Odradek.
Odradek führt ein vermeindlich sinnloses Leben, hat keine Heimat, keine Ziele, kennt vermutlich auch keine Werte usw.
Das einzige was ihn kennzeichnet ist sein Lachen. Ein Lachen über vermeindlich unwitzige Tatsachen, ein Lachen über wie mir scheint jede noch so normale, einfache Begebenheit.

2. Vater
Der Vater steht sinnbildlich für unsere Gesellschaft. Er kennt Ziele, hat eine Heimat, hat wahrsceinlich ziemlich ausgeprägte Wertevorstellungen und letztendlich damit ein sinnvolles Leben.
Was ihn jedoch näher kennzeichnet ist die Sorge, es ist ihm schmerzlich, wenn er nur daran denken muss, dass diese banale Geschöpf Odradek ohne Sinn und Ziel, dass dieses Lebewesen eventuell länger Leben könnte.

Stellen wir uns Odradek vor der auf den Gedanken kommt, dass der Vater evtl länger lebt als er. Beide tauschen also die Rollen. Was würde Odradek denken? Wäre es ihm nicht vollkommen egal, er würde vermutlich lachen (über nichts bestimmtes, einfach nur so), der Vater hingegen macht sich Sorgen.

Meine Interpretation:
Beide Personen charakterisieren gegensätzliche Philosophien.
Odradek eine etwas banal wirkende Form des Nihilismus, er glaubt an nichts, ihm ist alles egal, deswegen muss er sich auch keine Sorgen machen und kann lachen. Er ist zufrieden.
Der Vater aber verkörpert unsere typische Gesellschaft. Eine klare Wertevorstellung (überhaupt werte), klare Ziele, er ist ein Wesen, das denkt, das manchmal aus dem Denken nicht heraus kommt. Nur so enstehen seine Sorgen. Er macht sich Sorgen um nichts, weil er zu viel denkt. So kommt er nicht mehr zum Lachen. Ich bin der Ansicht, dass er eben nicht zufrieden ist, vllt scheinbar, vllt äußerlich, aber so zufrieden wie Odradek ist, wird er nie werden können.

Sehr schöne Geschichte. Für mich persönlich lautet die Moral (sofern es sowas bei einem offenen Ende überhaupt geben kann):
Lache über die einfachen Dinge, du musst sie nicht verstehen, du musst sie nicht erforschen bis zum bitteren Ende nur damit du in ihnen einen Sinn siehst. Es gibt Dinge, die eben keinen scheinbaren Sinn haben, es gibt Dinge, die du gar nicht verstehen kannst, die du auch nicht verstehen sollst. Trotzdem, ja gerade ohne Sinn, Verstand und Werte ist ein glückliches Leben möglich, ja sogar wahrscheinlich. Also lass die Dinge Dinge sein und fang endlich an zu Lachen!
Erik van Thom
Ich habe nochmal nachgedacht:
Odradek steht metaphorisch fuer "sinnlos" und tritt ins Leben des Hausvaters, also des Lesers (da es aus des Hausvaters Sicht erzaehlt ist), der Verantwortung hat und sein Haus (sein Leben?) sinnvoll zu ordnen versucht. Das Absurde tritt in sein Leben, er findet es ja noch nicht einmal boesartig, und versucht doch noch, einen Sinn zu erkennen, den Odradek nun ganz offenkundig weder hat noch symbolisiert.
Vieleicht ist Odradek das Eindringen der sinnfreien Realitaet in die schoene (Lebens- ?) Planung? Die Grundannahme, dass wir in einer hochgradig absurden Welt leben, wuerde ja zu Kafke passen....
Bluestocking
Zitat:
Original von Erik van Thom
Ich habe nochmal nachgedacht:
Odradek steht metaphorisch fuer "sinnlos" und tritt ins Leben des Hausvaters, also des Lesers (da es aus des Hausvaters Sicht erzaehlt ist), der Verantwortung hat und sein Haus (sein Leben?) sinnvoll zu ordnen versucht. Das Absurde tritt in sein Leben....


So ähnlich würde ich das auch sehen. Odradek symbolisiert für mich die Unordnung, den Zweifel, die Sinnlosigkeit und die Angst, also das (Zer-)Störende in einem ansonsten geordneten Leben. Er befindet sich nicht in abgeschlossenen Räumen (außer dem Dachboden?), sondern hält sich an den Übergängen (Flur, Treppenhaus etc.) auf. Er verunsichert. Man weiß nicht, ob er da sein wird, ob er mit einem spricht, ob man ihn irgendwie besser "handhaben" kann als sonst. Im Gegenteil zum Ariadnefaden, führt er in die Irre bzw. gar nicht. Indem er vor einem "die Treppe hinunterkollert" imitiert er die angeblich zielgerichtete Aktion der Menschen bzw. nimmt sie vorweg und führt sie ad absurdum.
oui
Hallo zusammen,

hier wurden ja schon wunderschöne Deutungen vorgetragen!

Ich möchte ergänzend auf die Zwirnspule eingehen, genauer gesagt auf den "Zwirn".

Zu Kafkas Zeiten war Zwirn der gehobenen Gesellschaft vorbehalten, da sich nicht jedermann Kleidung (o.a.) aus Zwirn leisten konnte, da Zwirn mehrfädigig ist, aus zusammengedrehten Garnen besteht.
Dieser Zwirn wird nun mit abgerissen, alt, aneinandergeknotet und ineinander verfilzt beschrieben (Z.cool . Merkwürdig für etwas an sich Feines. Hier könnte eine Kritik an der gehobenen Gesellschaft gedeutet werden, an alten und aneinandergeknoteten Strukturen und Denkweisen, die noch Generationen überleben werden. Dem Hausvater ist nicht wohl bei dem Gedanken, dass das "Abgerissene, Alte, Aneinandergeknotete und Verfilzte" über Generationen weiter lebt, zudem es noch durch seine Anwesenheit in zentralen Bereichen wie Treppenhaus, Flur oder Gängen Zutritt zu allem haben kann.

Im Text wird weiterhin deutlich, dass die Zwirnspule personifiziert wird, d.h. in den ersten Abschnitten spricht der Ich-Erzähler von "es", im vorletzten Abschnitt von "er" , womit Nähe zum Leser hergestellt wird. Das, was vorher un(be)greifbar erschien, wird nun konkret.
Doch wer könnte diese Person sein?
Ich sehe hier biografische Ansätze bezüglich Kafka: Das Büchlein „Der Landarzt“, aus dem die Parabel „Die Sorge des Hausvaters“ stammt, wurde im Jahre 1917 verfasst. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits an Lungentuberkulose erkrankt und weilte in einer Lungenheilstätte. Vielleicht hat er aus diesem Grunde geschrieben:“[...], sagt er und lacht; es ist aber nur ein Lachen, wie man es ohne Lungen hervorbringen kann.“

Wäre Kafka nun Odradek, bedeutet das, dass er mit den alten Strukturen herumläuft (sozusagen als Altlast oder Bürde auf der ‚Spule’) , was ihm aber nichts auszumachen scheint, da er sich daran nicht zerreibt.

Könnte Odradek denn sterben? Er wird im zweiten Abschnitt mit „wirklich“ , „tatsächlich“ und „ist“ beschrieben, zusätzlich wird er im dritten Abschnitt mit „sinnlos , aber in seiner Art abgeschlossen“ und als „ außerordentlich beweglich und nicht zu fangen“ beschrieben.
Hier scheinen sich Realität und Fiktion zu vermischen: Eine Zwirnspule, die nicht nur existiert, sondern auch lebendig ist?, fragt sich der Leser.
Diese Zwirnspule scheint sich ihre eigenen Gesetzmäßigkeiten zu schaffen, etwas Neues und reibt sich somit nicht an Altem auf.

Offen bleibt , warum der Hausvater bedauert, dass Odradek ihn überlebt: „[...], aber die Vorstellung, dass er mich auch noch überleben sollte, ist mir eine fast schmerzliche.“
Warum „auch noch“? Klar wird nicht, wer den Hausvater schon überlebt hat. Natürlich kann dieses „auch noch“ mit ‚obendrein’ übersetzt werden, was somit einene andere Sinnrichtung wäre.

Bemerkenswert ist auch, dass Kafka einen Hausvater gewählt hat und nicht einen Familienvater. Könnte mit Hausvater dann auch ein Hausmeister gemeint sein, da dieser ja auch sein Augenmerk auf Treppenhaus, Gänge u.a. hat. Wofür steht ein Hausmeister?
Könnte mit der Funktion eines Hausmeisters auch erklärt werden, warum Odradek so genau und über einen langen Zeitraum beobachtet wird?
Rhetorix
Zitat:
Original von oui
Ich möchte ergänzend auf die Zwirnspule eingehen, genauer gesagt auf den "Zwirn".
Zu Kafkas Zeiten war Zwirn der gehobenen Gesellschaft vorbehalten, da sich nicht jedermann Kleidung (o.a.) aus Zwirn leisten konnte, da Zwirn mehrfädigig ist, aus zusammengedrehten Garnen besteht...

Ja, tatsächlich! Die saloppe Redewendung "feiner Zwirn" für einen guten Anzug ist mir geläufig. Wusste gar nicht, dass das der Hintergrund ist, leuchtet mir aber ein.

Zitat:
Hier könnte eine Kritik an der gehobenen Gesellschaft gedeutet werden, an alten und aneinandergeknoteten Strukturen und Denkweisen, die noch Generationen überleben werden.

Ein Witz oder eine Posse auf das Gutbürgerliche, 'fraglos' Erstrebenswerte? Leuchtet ein.

Zitat:
...Zu diesem Zeitpunkt war er bereits an Lungentuberkulose erkrankt und weilte in einer Lungenheilstätte. Vielleicht hat er aus diesem Grunde geschrieben:“[...], sagt er und lacht; es ist aber nur ein Lachen, wie man es ohne Lungen hervorbringen kann.“
Ja, diese Assoziation mit einem Lungenkranken hatte ich auch, weshalb ich versuchsweise behaupte, dass sie sich aufdrängt.

Zitat:
Wäre Kafka nun Odradek...

Er war es nach eigener Einschätzung sicher nicht, denn Kafka beschreibt sich oft als gefangen und verzagt, aber immer irgendwie sozial funktionierend (solange er nicht in eine Assel verwandelt wird).
Odradek ist das alles nicht. Deshalb hatte ich zunächst den Eindruck, er sei Kafkas Wunschbild von sich selbst.

Inzwischen habe ich aber eher den Eindruck, dass Odradek eine Geschiche von Kafka ist.
Wirkt lächerlich, weil die Geschichte von Odradek ja tatsächlich eine Geschichte von Kafka ist.
Sie scheint es aber in doppeltem Sinn zu sein, nämlich auch als Figur, personifiziert als Odradek.
Odradek ist (?) das, was Kafka aus seinem Kopf entlässt und zu Papier bringt.
Das Ganze wirkt sehr befremdlich, ungewohnt und zumindest auf den ersten, wenn nicht gar auf den zwanzigsten Blick sinnlos, und man zerbricht sich ebenso darüber den Kopf wie über die Deutung des Namens Odradek.
Und erschreckend, wie lange diese kleine Erzählung ihren Urheber trotz alller "Nutzlosigkeit" überlebt hat.

Ist Odradek möglicherweise eine selbstbezügliche Erzählung - d.h. eine Erzählung, die sich selbst darstellt?
oui
Zitat:
Original von Rhetorix
[Inzwischen habe ich aber eher den Eindruck, dass Odradek eine Geschiche von Kafka ist.
Wirkt lächerlich, weil die Geschichte von Odradek ja tatsächlich eine Geschichte von Kafka ist.
Sie scheint es aber in doppeltem Sinn zu sein, nämlich auch als Figur, personifiziert als Odradek.
Odradek ist (?) das, was Kafka aus seinem Kopf entlässt und zu Papier bringt.

Für diese Deutung spricht m.E. , dass die Parabel aus der Sicht einer einzigen Person erzählt wird, sich inhaltlich über einen langen Zeitraum erstreckt, real aber in wenigen Augenblicken gedacht bzw. erzählt wird.

Zitat:
Das Ganze wirkt sehr befremdlich, ungewohnt und zumindest auf den ersten, wenn nicht gar auf den zwanzigsten Blick sinnlos, und man zerbricht sich ebenso darüber den Kopf wie über die Deutung des Namens Odradek.

Das ist ja gerade Kafka-typisch, etwas bleibt Geheimnis, das ist gerade das Symbolträchtige an seinen Geschichtchen.
ewig
Je mehr ich mich mit Kafka beschäftige, umso mehr deute ich sein Schaffen als Ausdruck einer tiefgreifenden Erkenntnisskepsis beinahe bis hin zum Nihilismus.

Man schaue nur einmal, wie sehr sich das Odradek hier in Erfaßbarkeit, Wesen und Existenz-Zusammenhang dem Verständis des Hausvaters (und der Welt) entzieht, obwohl die verschiedensten Erklärungsansätze ausprobiert werden (Ab. 1: etymologisch: nutzlos; Abs. 2: Beschreibung des Äußeren: das Einzige was gelingt; ist jedoch im Ergebnis vollkommen abstrus, da hier ein Geschöpf beschrieben wird wie ein Ding; Abs. 3: Entwicklung und Zweckkontext des Wesens?; Abs. 4: lebenspraktische Erfahrung mit dem O: entzieht sich der Kommunikation, kann nicht gefangen werden, unstetig: ist nicht immer da, kommt aber immer zurück; spricht auch nicht immer; Abs. 5: Spekulation über das Werden des O. "Lebt es überhaupt auf eine mit mir vergleichbare Weise?" "Kann es mich überleben?").

Letztlich kann Odradek zwar beschrieben werden, entzieht sich aber jedes Erklärungszusammenhangs, der über das rein gestaltlich-Deskriptive hinausgeht, kann also (vom HV) nicht verstanden werden.
oui
Hi ewig,

Deine Interpretation klingt superklasse und schlüssig.

Ich frage mich allerdings, ob sich Odradek wirklich jedes Erkenntnizusammenhanges entzieht. Odradek wird ausschließlich aus der Sicht des Hausvaters beschrieben. Bei seiner Beschreibung stockt der Hausvater kein einziges Mal, der Leser aber einige Male. Für den HV scheint es selbstverständlich, dass ein Ding menschliche Züge und mehr annimmt. Für den Leser ist das merkwürdig, er sucht nach Erklärungen. Eine Erklärung könnte sein, dass der Hausvater krank ist, eine Psychose hat und somit so ein Menschen- Ding als selbstverständlich ansieht und ganz lapidar diese Geschichte erzählt.

Hier im Thread wurde auch vermutet, dass der Hausvater die Gesellschaft darstelle. Wolllte Kafka somit eine kranke Gesellschaft darstellen, die Realität und Fiktion vermischt? Ist der Patient Gesellschaft soweit erkrankt (1917), dass ihm Erkenntnisprozesse weitgehendst unmöglich sind?

Vielleicht bleibt es auch einfach bei der deskriptiven Ebene, weil eine Garnspule ein Ding ist und immer ein Ding bleibt. Über Dinge gibt es ja auch deskriptive Wissenschaften, s. Physik, die auch irgendwie geheimnisvoll bleiben, also dem Verständnis teilweise verschlossen sind, soviel wir auch über ihre Gegenstände wissen bzw. beschreiben können.
Rhetorix
Zitat:
Original von ewig
...Man schaue nur einmal, wie sehr sich das Odradek hier in Erfaßbarkeit, Wesen und Existenz-Zusammenhang dem Verständis des Hausvaters (und der Welt) entzieht...:
etymologisch: nutzlos

Dass Odradek für den HV keinen erkennbaren Nutzen hat, bedeutet aber doch nicht, dass er (sie? es?) nicht erfassbar wäre. Nur sein Nutzen ist nicht erfassbar.

Zitat:
Beschreibung des Äußeren: das Einzige was gelingt; ist jedoch im Ergebnis vollkommen abstrus, da hier ein Geschöpf beschrieben wird wie ein Ding

Der HV erfasst das Äußere von Odradek sehr gut. Dass O. wie ein Ding beschrieben wird, liegt im Wesentlichen daran, dass O. tatsächlich aus Dingen besteht. Ob er ein Geschöpf ist, weiß man nicht. Wer sollte ihn geschaffen haben?

Zitat:
Entwicklung und Zweckkontext des Wesens?

Warum fragst du zum zweiten Mal nach O.s Zweck? Menschen existieren doch auch nicht zu einem bestimmten Zweck.

Zitat:
lebenspraktische Erfahrung mit dem O: entzieht sich der Kommunikation, kann nicht gefangen werden, unstetig: ist nicht immer da, kommt aber immer zurück; spricht auch nicht immer;

Das alles ist wahrnehmbar und Gegenstand der Erkenntnis.
Es ist Ausdruck seiner (Narren-?) Freiheit. Was frei ist, entzieht sich darum aber nicht der Erkenntnis.

Zitat:
Spekulation über das Werden des O. "Lebt es überhaupt auf eine mit mir vergleichbare Weise?" "Kann es mich überleben?"

Bei dieser Frage gerät der HV tatsächlich an die Grenze seiner Erkenntnis.
Aber selbst wenn er wüsste, dass O. menschlich lebt, wüsste er nicht, dass dasselbe in ihm vorgeht wie in seinem Beobachter.
Und selbst wenn der HV wüsste, dass O. in 3 Jahren stirbt oder kaputtgeht, wüsste er nicht, ob er ihn überlebt.


Zitat:
Letztlich kann Odradek zwar beschrieben werden, entzieht sich aber jedes Erklärungszusammenhangs, der über das rein gestaltlich-Deskriptive hinausgeht, kann also (vom HV) nicht verstanden werden.

Das ist eigentlich gar nichts Besonderes, wird nur in diesem Fall graduell deutlicher. Welchen Sinn hat das ganze Leben? Welchen Zweck hat die ganze Welt?

Ob Kafka Nihilist war, weiß ich nicht. Ich weiß es schon deshalb nicht, weil ich nicht wüsste, welche der Nihilismus-Varianten ich auf ihn anwenden sollte.
oui
Nicht nur im literarischen Bereich gab es damals Odradek, auch in der Kunst gab es "Odradeks", die Giorgio de Chirico schuf:

http://www.arazzeriascassa.com/images/De...o_Trovatore.jpg
Rhetorix
Morgen ist Franz Kafkas Geburtstag!

Um dem Thread wieder einen Anschubs zu geben, schnell noch eine Geschichte:


Erstes Leid


Ein Trapezkünstler - bekanntlich ist diese hoch in den Kuppeln der großen Varietébühnen ausgeübte Kunst eine der schwierigsten unter allen, Menschen erreichbaren - hatte, zuerst nur aus dem Streben nach Vervollkommnung, später auch aus tyrannisch gewordener Gewohnheit sein Leben derart eingerichtet, daß er, so lange er im gleichen Unternehmen arbeitete, Tag und Nacht auf dem Trapeze blieb. Allen seinen, übrigens sehr geringen Bedürfnissen wurde durch einander ablösende Diener entsprochen, welche unten wachten und alles, was oben benötigt wurde, in eigens konstruierten Gefäßen hinauf- und hinabgezogen.
Besondere Schwierigkeiten für die Umwelt ergaben sich aus dieser Lebensweise nicht; nur während der sonstigen Programmnummern war es ein wenig störend, daß er, wie sich nicht verbergen ließ, oben geblieben war und daß, trotzdem er sich in solchen Zeiten meist ruhig verhielt, hie und da ein Blick aus dem Publikum zu ihm abirrte. Doch verziehen ihm dies die Direktionen, weil er ein außerordentlicher, unersetzlicher Künstler war. Auch sah man natürlich ein, daß er nicht aus Mutwillen so lebte, und eigentlich nur so sich in dauernder Übung erhalten, nur so seine Kunst in ihrer Vollkommenheit bewahren konnte.

Doch war es oben auch sonst gesund, und wenn in der wärmeren Jahreszeit in der ganzen Runde der Wölbung die Seitenfenster aufgeklappt wurden und mit der frischen Luft die Sonne mächtig in den dämmernden Raum eindrang, dann war es dort sogar schön. Freilich, sein menschlicher Verkehr war eingeschränkt, nur manchmal kletterte auf der Strickleiter ein Turnerkollege zu ihm hinauf, dann saßen sie beide auf dem Trapez, lehnten rechts und links an den Haltestricken und plauderten, oder es verbesserten Bauarbeiter das Dich und wechselten einige Worte mit ihm durch ein offenes Fenster, oder es überprüfte der Feuerwehrmann die Notbeleuchtung auf der obersten Galerie und rief ihm etwas Respektvolles, aber wenig Verständliches zu.
Sonst blieb es um ihn still; nachdenklich sah nur manchmal irgendein Angestellter, der sich etwa am Nachmittag in das leere Theater verirrte, in die dem Blick sich fast entziehende Höhe empor, wo der Trapezkünstler, ohne wissen zu können, daß jemand ihn beobachtete, seine Künste trieb oder ruhte.

So hätte der Trapezkünstler ungestört leben können, wären nicht die unvermeidlichen Reisen von Ort zu Ort gewesen, die ihm äußerst lästig waren. Zwar sorgte der Impresario dafür, daß der Trapezkünstler von jeder unnötigen Verlängerung seiner Leiden verschont blieb: für die Fahrten in den Städten benützte man Rennautomobile, mit denen man, womöglich in der Nacht oder in den frühesten Morgenstunden, durch die menschenleeren Straßen mit letzter Geschwindigkeit jagte, aber freilich zu langsam für des Trapezkünstlers Sehnsucht; im Eisenbahnzug war ein ganzes Kupee bestellt, in welchem der Trapezkünstler, zwar in kläglichem, aber doch irgendeinem Ersatz seiner sonstigen Lebensweise die Fahrt oben im Gepäcknetz zubrachte; im nächsten Gastspielort war im Theater lange vor der Ankunft des Trapezkünstlers das Trapez schon an seiner Stelle, auch waren alle zum Theaterraum führenden Türen weit geöffnet, alle Gänge freigehalten - aber es waren doch immer die schönsten Augenblicke im Leben des Impresario, wenn der Trapezkünstler dann den Fuß auf die Strickleiter setzte und im Nu, endlich, wieder oben an seinem Trapeze hing.

So viele Reisen nun auch schon dem Impresario geglückt waren, jede neue war ihm doch wieder peinlich, denn die Reisen waren, von allem anderen abgesehen, für die Nerven des Trapezkünstlers jedenfalls zerstörend.

So fuhren sie wieder einmal miteinander, der Trapezkünstler lag im Gepäcknetz und träumte, der Impresario lehnte in der Fensterecke gegenüber und las ein Buch, da redete ihn der Trapezkünstler leise an.
Der Impresario war gleich zu seinen Diensten.
Der Trapezkünstler sagte, die Lippen beißend, er müsse jetzt für sein Turnen, statt des bisherigen einen, immer zwei Trapeze haben, zwei Trapeze einander gegenüber.
Der Impresario war damit sofort einverstanden.
Der Trapezkünstler aber, so als wolle er es zeigen, daß hier die Zustimmung des Impresario ebenso bedeutungslos sei, wie es etwa sein Widerspruch wäre, sagte, daß er nun niemals mehr und unter keinen Umständen nur auf einem Trapez turnen werde. Unter der Vorstellung, daß es vielleicht doch einmal geschehen könnte, schien er zu schaudern.
Der Impresario erklärte, zögernd und beobachtend, nochmals sein volles Einverständnis, zwei Trapeze seien besser als eines, auch sonst sei diese neue Einrichtung vorteilhaft, sie mache die Produktion abwechslungsreicher.
Da fing der Trapezkünstler plötzlich zu weinen an.
Tief erschrocken sprang der Impresario auf und fragte, was denn geschehen sei, und da er keine Antwort bekam, stieg er auf die Bank, streichelte ihn und drückte sein Gesicht an das eigene, so daß er auch von des Trapezkünstlers Tränen überflossen wurde.
Aber erst nach vielen Fragen und Schmeichelworten sagte der Trapezkünstler schluchzend: »Nur diese eine Stange in den Händen - wie kann ich denn leben!« großes Grinsen
Nun war es dem Impresario schon leichter, den Trapezkünstler zu trösten; er versprach, gleich aus der nächsten Station an den nächsten Gastspielort wegen des zweiten Trapezes zu telegraphieren; machte sich Vorwürfe, daß er den Trapezkünstler so lange Zeit nur auf einem Trapez hatte arbeiten lassen, und dankte ihm und lobte ihn sehr, daß er endlich auf den Fehler aufmerksam gemacht hatte.
So gelang es dem Impresario, den Trapezkünstler langsam zu beruhigen, und er konnte wieder zurück in seine Ecke gehen. Er selbst aber war nicht beruhigt, mit schwerer Sorge betrachtete er heimlich über das Buch hinweg den Trapezkünstler. Wenn ihn einmal solche Gedanken zu quälen begannen, konnten sie je gänzlich aufhören? Mußten sie sich nicht immerfort steigern? Waren sie nicht existenzbedrohend?
Und wirklich glaubte der Impresario zu sehn, wie jetzt im scheinbar ruhigen Schlaf, in welchen das Weinen geendet hatte, die ersten Falten auf des Trapezkünstlers glatter Kinderstirn sich einzuzeichnen begannen.
ewig
Zitat:
Original von oui
Hi ewig,

Deine Interpretation klingt superklasse und schlüssig.

Dankedanke. großes Grinsen

Zitat:
Ich frage mich allerdings, ob sich Odradek wirklich jedes Erkenntnizusammenhanges entzieht. Odradek wird ausschließlich aus der Sicht des Hausvaters beschrieben. Bei seiner Beschreibung stockt der Hausvater kein einziges Mal, der Leser aber einige Male. Für den HV scheint es selbstverständlich, dass ein Ding menschliche Züge und mehr annimmt. Für den Leser ist das merkwürdig, er sucht nach Erklärungen.

Sehr sehr richtig. Und der Schluß, die Problemstellung vom Objekt auf das um Erkenntnis bemühte Subjekt - hier den HV - zu verlagern, scheint mir für Kafka ein grundsätzlich sehr erklärungsmächtiger Analyseansatz zu sein. Allerdings muß es sich nicht zwingend um eine Psychose handeln. mE stellt Kafka vielmehr den alltäglichen Wahnsinn in einer überzeichneten Weise dar und kehrt in seinen Subjekten zielgerichtet solche Ansichtswege heraus, welche Außenstehende (z.B. Leser) nicht nachvollziehen können.

Zitat:
Hier im Thread wurde auch vermutet, dass der Hausvater die Gesellschaft darstelle. Wolllte Kafka somit eine kranke Gesellschaft darstellen, die Realität und Fiktion vermischt? Ist der Patient Gesellschaft soweit erkrankt (1917), dass ihm Erkenntnisprozesse weitgehendst unmöglich sind?

Um erkenntnis bemühte Subjekte stehen bei Kafka mE nicht für die Gesellschaft, sondern wirklich für den Einzelnen und dessen insulären häufig verzerrten Wahrnehmungsausschnitt der Welt. Die Perspektive des HV - das finde ich eben so wichtig - ist dabei auch nicht "krank", oder anderweitig abnorm. Es ist nur eben die (überzeichnete!) Perspektive eines Einzelnen, die ganz notwendig von Fehlannahmen ausgeht, Fehlschlüsse zieht und ihre Irrtümer nicht aus sich selbst heraus reflektieren kann. Wir haben jeder unser ganz eigenes Bild von der Welt, aber keiner von uns liegt 100%ig richtig damit. Einige sind vielleicht näher dran als andere, aber bei jedem findet sich eine gewisse Schieflage in dem einen oder anderen Aspekt (oder gar in allen Aspekten nur zu unterschiedlichen Graden).

Zitat:
Original von Rhetorix
Zitat:
Original von ewig
...Man schaue nur einmal, wie sehr sich das Odradek hier in Erfaßbarkeit, Wesen und Existenz-Zusammenhang dem Verständis des Hausvaters (und der Welt) entzieht...:
etymologisch: nutzlos

Dass Odradek für den HV keinen erkennbaren Nutzen hat, bedeutet aber doch nicht, dass er (sie? es?) nicht erfassbar wäre. Nur sein Nutzen ist nicht erfassbar.

Case in my just stated point (;>): Hier hat Rhetorix mich mißverstanden. "etymologisch: nutzlos" sollte in dem Zusammenhang bedeuten, daß dem Hausvater der etymologische Ansatz nichts nutzt, um zu erklären, was das Odradek ist.

Zitat:
Der HV erfasst das Äußere von Odradek sehr gut. Dass O. wie ein Ding beschrieben wird, liegt im Wesentlichen daran, dass O. tatsächlich aus Dingen besteht. Ob er ein Geschöpf ist, weiß man nicht.

Zweiter Absatz, Satz 1, spricht von "Wesen." Auch das im letzten Absatz geäußerte Konzept "daß er mich auch noch überleben sollte" spricht für ein Wesen. Das muß freilich nicht stimmen, denn es ist ja "nur" die HV-Perspektive.

Zitat:
Zitat:
Entwicklung und Zweckkontext des Wesens?

Warum fragst du zum zweiten Mal nach O.s Zweck? Menschen existieren doch auch nicht zu einem bestimmten Zweck.

Ich werfe diese Frage ja nicht aus dem Nichts heraus auf, sondern der Text(HV) spricht selbst von z.B. einer "zweckmäßigeren Form".

Zitat:
Zitat:
lebenspraktische Erfahrung mit dem O: entzieht sich der Kommunikation, kann nicht gefangen werden, unstetig: ist nicht immer da, kommt aber immer zurück; spricht auch nicht immer;

Das alles ist wahrnehmbar und Gegenstand der Erkenntnis.
Es ist Ausdruck seiner (Narren-?) Freiheit. Was frei ist, entzieht sich darum aber nicht der Erkenntnis.

Schau: Kafka konterkariert doch hier geradezu die üblichen Anwendungen von etymologischer, baulicher und Verhaltensbetrachtung. Für gewöhnlich bietet eine etymologische Betrachtung wenigstens einen oder mehrere semantische Inhaltsursprünge des fraglichen Begriffs an, hier hingegen schließt sie mit "Die Unsicherheit beider Deutungen aber läßt wohl mit Recht darauf schließen, daß keine zutrifft, zumal man auch mit keiner von ihnen einen Sinn des Wortes finden kann." Der Leser erfährt nicht einmal von diesen Möglichkeiten, so daß er sich selbst ein Urteil bilden könnte. Dann die gestaltliche Beschreibung. Anders als in der Biologie wird hier nicht Form mit Funktionsweise/Arbeitsweise z.B. der Gliedmaßen in Verbindung gebracht. Keine "Gliedmaßen, die der Fortbewgung dienen" und "Mundwerkzeuge, die der Verkleinerung von Nahrung dienen" etc. Ebenso findet schließlich die Verhaltensbeobachtung keine Anbindung an Selbsterhaltungszyklen (wie es bei einem Wesen nahe liegen würde), aber ebensowenig eine an eine praktische Nutzanwendung (wie es nahe liegen würde, wäre das O. etwas Konstruiertes). Weshalb kann das O. überhaupt sprechen, wofür braucht es das, wenn es ohnehin nichts preisgibt?

Zitat:
Zitat:
Spekulation über das Werden des O. "Lebt es überhaupt auf eine mit mir vergleichbare Weise?" "Kann es mich überleben?"

Bei dieser Frage gerät der HV tatsächlich an die Grenze seiner Erkenntnis. Aber selbst wenn er wüsste, dass O. menschlich lebt, wüsste er nicht, dass dasselbe in ihm vorgeht wie in seinem Beobachter.
Und selbst wenn der HV wüsste, dass O. in 3 Jahren stirbt oder kaputtgeht, wüsste er nicht, ob er ihn überlebt.

Angenommen, er wüßte, daß O. ein ihm ähnliches Wesen ist mit einer Lebenserwartung, die das beobaxchtete Exemplar bereits erreicht hat, würde er sich dann immer noch "sorgen"? Was meinst Du? ;>


Zitat:
Ob Kafka Nihilist war, weiß ich nicht. Ich weiß es schon deshalb nicht, weil ich nicht wüsste, welche der Nihilismus-Varianten ich auf ihn anwenden sollte.

Ich auch nicht. Zwinker Ich versuche nur, dieses Thema der zur Schau gestellten Vergeblichkeit aller Erkenntnisbemühungen mit einem Begriff zu fassen. Wahrscheinlich wäre Nihilismus wirklich übertrieben, da man dieses Nicht-Erkennen-Können zur neuen Handlungsbasis nehmen würde anstatt es immer wieder darzustellen.