Was ist Realität?

jwe110
Vieles, was die Naturwissenschaftler erforschen und erkennen, wird als die einzig wahre Realität der menschlichen Lebensumwelt erklärt. Die so erarbeiteten wissenschaftlichen Fakten zeigen uns, unabhängig von unserer subjektiven Lebenserfahrung in ihrer manchmal auch widersprüchlichen Form, wie die uns umgebende Realität aussehen soll.

Die Philosophen erklären die uns umgebende Realität aus der subjektiven Sicht des einzelnen Menschen. Hierbei erlebt der Mensch individuell seine Realität gefiltert über seine Sinne und interpretiert über sein eigenes Gehirn.

Wobei der menschliche Geist ( nach Standpunkt vieler Naturwissenschaftler und Hirnforscher ) als Ergebnis der materiellen Funktion seines Gehirn die Umwelt erlebt und sein damit verbundenes Leben subjektiv gestaltet.

Die Philosophie lehrt uns jedoch die Überlegenheit des menschlichen Geistes über die körperliche Materie der Sinne und des Gehirns.

Wer hat nun die Kontrolle über unser Leben?

Steuern die Milliarden Neuronen und Synapsen unseres Gehirns unseren Geist, oder ist unser Geist hiervon unabhängig und bedient sich unseres Körpers als Werkzeug zur Gestaltung unserer Lebensrealit?
Suchbegriff im Internet Mensch und Realität
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mr.monks
Zitat:
Wer hat nun die Kontrolle über unser Leben?

eine schwierige Frage. letztlich muss sie unbeantwortet bleiben, weil Thesen jeder Art unbeweisbar sind. Die Wissenschaft ist in der Erforschung des Gehirnes nicht weit genug um ausschließen zu können, dass es etwas unhabhängiges wie eine Seele gibt, und deren Existenz muss aus gründen der Überprüfbarkeit auch unbewiesen bleiben.
Meine ganz große Frage ist in diesem Fall jedoch immer: Wenn der Mensch in seiner Wahrnehmung und seinem Handeln tatsächlich Summe von neuronalen Impulsen ist und diese die Illusion der Freiheit erzeugen, was ist dann damit ausgesagt? Der Mensch ist nicht für seine Taten Verantwortlich zu machen? Schließlich handelt er ja nicht aus freiem Willen. Das kann aber nicht sinnvoll sein oder? zumindest nicht im Interesse der Allgemeinheit
jwe110
Lieber Mr. Monks

Deine Meinung kann ich durchaus verstehen. Auch ich bin mittlerweile zur Überzeugung gelangt, dass die Frage, ob die Materie des Gehirns den menschlichen Geist erzeugt oder der Geist sich des Gehirns bedient, eine Schlüsselfrage des Menschseins ist.

Wahrscheinlich ist diese Frage aus naturwissenschaftlicher Sicht in absehbarer Zeit nicht zu beantworten. Persönlich neige ich jedoch zur Auffassung, dass der Geist, wenn auch lebensnotwendig mit dem Gehirn und seinen Sinnen verbunden, trotz starker Beeinflussung aus dem Unterbewusstein das Gehirn letztendlich doch im Sinne eines bedingt "freien Willens" steuert. Sonst gäbe es keine Weiterentwicklung des Individuums und alles wäre im Grunde vorbestimmt und ablaufgesteuert (im Sinne von Reiz und Reaktion).

Damit ist letztendlich auch die Frage verbunden, ob der Geist ohne seine Bindung an das Gehirn (also nach dem Tode) überhaupt existieren kann? Viele Menschen glauben daran und sehen darin auch einen Sinn des Leben.
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jwe110
Schneemann
Zitat:
Original von jwe110
Vieles, was die Naturwissenschaftler erforschen und erkennen, wird als die einzig wahre Realität der menschlichen Lebensumwelt erklärt. Die so erarbeiteten wissenschaftlichen Fakten zeigen uns, unabhängig von unserer subjektiven Lebenserfahrung in ihrer manchmal auch widersprüchlichen Form, wie die uns umgebende Realität aussehen soll.

Die Philosophen erklären die uns umgebende Realität aus der subjektiven Sicht des einzelnen Menschen. Hierbei erlebt der Mensch individuell seine Realität gefiltert über seine Sinne und interpretiert über sein eigenes Gehirn.

Diesen Gegensatz muss man nicht konstruieren. Der Wissenschaftler muss die Rolle des Beobachters in seine Theorien mit einbinden. Ebenso muss der Philosoph auch mit der praktischen Realität einer sich gesetzmässig verhaltenden Welt umgehen. Einen Gegensatz sieht hier nur der, der ihn unbedingt haben will. Man muss sich nicht Fragen ob das "Gehirn" einen steuert oder ob das "Ich" das Gehirn steuert, sondern kann beides als ein und dasselbe auffassen. Solche Gegensätze sind hausgemacht und weder wissenschaftlich noch philosophisch zwingend.
krause
@mr. monks

Zitat:
Original von Mr. Monks
Die Wissenschaft ist in der Erforschung des Gehirnes nicht weit genug um ausschließen zu können, dass es etwas unhabhängiges wie eine Seele gibt, und deren Existenz muss aus gründen der Überprüfbarkeit auch unbewiesen bleiben.


Also die Gedanken sind in der Seele. In der Seele ist auch das Bild des äußeren Raums, der jenseits der äußeren Sinne (vielleicht) gegeben ist - wenn nicht die Welt, die in meinen Sinnen erscheint, nur ein Trugbild ist.

Das Gehirn erscheint im Bild des äußeren Raums, das auf der Innenseite der Seele in den äußeren Sinnen erscheint. Ob es aber die Welt jenseits der Sinne tatsächlich gibt, muss aus Gründen der Unüberprüfbarkeit unbewiesen bleiben.

Fest steht: Im äußeren Raum (wo die Naturforscher ihre Gegenstände suchen) sind die Seele und die Gedanken nicht zu finden.

Viele Grüße

Edward Krause
simpel
Zitat:
Original von Schneemann
... Einen Gegensatz sieht hier nur der, der ihn unbedingt haben will. Man muss sich nicht Fragen ob das "Gehirn" einen steuert oder ob das "Ich" das Gehirn steuert, sondern kann beides als ein und dasselbe auffassen. Solche Gegensätze sind hausgemacht und weder wissenschaftlich noch philosophisch zwingend.


Das kann ich nach meinen Erfahrungen nur bestätigen und ist ein Punkt der imo nicht oft genug betont werden kann.

Mein Bild dazu ist 'Geist' und 'Materie' sind jeweils eine Seite der gleichen Medaille. Eine Seite kann nicht ohne die andere sein. Wobei ich hier (als Naturwissenschaftler) denke, Materie kann sehr wohl ohne 'Geist' bestehen, ist dann aber völlig bedeutungslos - weil alle 'Bedeutung' doch ein 'Erkennen' voraussetzt.

Und was die Realität anbetrifft - auch die hat doch etwas mit 'Erkennen' zu tun. Wir (Menschen) gestalten uns unsere Realität. Andere Lebewesen haben wahrscheinlich ihre eigene, angefangen bei anderen Menschen bis zu Einzellern. Aber hier sehe ich keine Möglichkeit deren Realität zu erfahren weil uns die materiellen Voraussetzungen dazu fehlen.

Und so lange wir keine Tür hinter einem Schrank finden wie in 'Being John Malkovich' ... smile
Rhetorix
Zitat:
Original von jwe110
...Damit ist letztendlich auch die Frage verbunden, ob der Geist ohne seine Bindung an das Gehirn (also nach dem Tode) überhaupt existieren kann? ...

Damit stellt sich zunächst einmal die Frage, was "Geist" überhaupt sein soll.
krause
Geist ist der sinnliche Stoff, der die Form der Seele erfüllt.

Der Stoff, der die sinnlichen Räume erfüllt, ist wesentlich Wirkung.

Sinnliche Eigenschaften sind Arten von Wirkungen. Sie bestimmen, wie eine wirkliche Einheit (eine Wirklichkeit) auf andere Wirklichkeiten wirken kann. (Die Eigenschaft der Größe ist - wie die Relationen - nicht-sinnlich.)

Wenn man fragt, was Stoff / Materie / Substanz ist, muss man die Wirkungen und Relationen abziehen, durch die die Materie sich äußert. Übrig bleibt nichts.

Tatsächlich ist Wirkung der (sinnliche) Stoff, der in der Zeit die Räume erfüllt. Wirkung schlechthin bleibt übrig, wenn man alle besonderen Bestimmungen der Wirkung abzieht.

Einheiten aus Wirkungen und Relationen, die den äußeren Raum erfüllen, bezeichnen die Physiker als "Materie". Die Wirkung, welche die Seele erfüllt, nennen wir "Geist": Die drückende Last von Sorge und Schuld; das brennende Feuer der Liebe, usw.

Wirkung ist Bewegung in der Zeit. Sinn ist die Richtung einer Bewegung. "Wirklichkeit", "Sinnlichkeit" und "Zeitlichkeit" sind gleichbedeutend.
Markus
Zitat:
Orginal von krause
Geist ist der sinnliche Stoff, der die Form der Seele erfüllt.


Der Geist ist wohl vielmehr ein Prozess als denn ein Stoff. In unserem Gehirn werden fortwährend Nervenimpulse verrechnet. Alles Erfahren und Erleben ist ein dynamischer Prozess, denn die Sinneseindrücke, die in jeden Moment auf uns einströmen, müssen gefiltert und mit bekannten Mustern verglichen werden, damit den Informationen eine Bedeutung oder zumindest ein Bezug verliehen wird, so dass wir in der Lage sind eine Person oder Objekt als solche(s) zu erkennen, die Sinneserfahrungen in unser Bild von der Welt einordnen und mit den entsprechenden emotionalen Empfindungen reagieren können. Der Geist wäre in meinen Verständnis der Prozess dieser Informationsverarbeitung und des damit verbundenen allmählichen Lernens und Sammeln von Erfahrungen. Die Frage, ob die Neuronen den Geist steuern oder der Geist die Neuronen, stellt sich dann auch nicht mehr, weil der Geist nichts weiter wäre als die Aktivität der Neuronen.

Zitat:
Orginal von krause
Wenn man fragt, was Stoff / Materie / Substanz ist, muss man die Wirkungen und Relationen abziehen, durch die die Materie sich äußert. Übrig bleibt nichts.


Dem kann ich im wesentlichen zustimmen. Materie äußert dem Physiker nur ihre Wechselwirkungen mit seinen Messinstrumenten. Bei Teilchen, die keine Form von Wechselwirkung mit der übrigen Welt zeigen, macht es nicht den geringsten Unterschied, ob sie gibt oder nicht gibt, so dass über sie nicht gesprochen werden kann. Materie als solches kann es in unserer Vorstellung nicht geben; immer ist Materie mit einer Form von Wechselwirkung verbunden, wie etwa die Vorstellung, dass zwei feste Körper einander nicht durchdringen können. Materie kann man physikalisch auffassen als eine Störung / Anregung eines Feldes, welches die entsprechenden Wechselwirkungen vermittelt. Zugespitzt formuliert gibt es keine Materie, sondern nur die in unserer Vorstellung mit Materie in Verbindung gebrachten Wechselwirkungen.


Zitat:
Orginal von krause
Einheiten aus Wirkungen und Relationen, die den äußeren Raum erfüllen, bezeichnen die Physiker als "Materie". Die Wirkung, welche die Seele erfüllt, nennen wir "Geist": Die drückende Last von Sorge und Schuld; das brennende Feuer der Liebe, usw.


Die Unterscheidung zwischen innerem und äußerem Raum ist freilich rein subjektiv. Mir als Physiker ist eine solche Unterscheidung in meinen Weltbild fremd, da ich mich selbst und meinen Geist nur als einen Teil des physikalischen Universums ansehe. Doch jeder von uns hat wohl eine bewusste und unbewusste Vorstellung vom innerem und äußerem Raum, die wir als "Arbeitshypothese" brauchen, damit wir uns selbst als Wesen wahrnehmen / unserer selbst bewusst sind. Das, was wir als zu uns selbst gehörig betrachten, kann sich allerdings mit der Zeit ändern, so dass wir z.B. einen Gehstock als natürliche Verlängerung unseres Armes empfinden.
krause
Zitat:
Original von Markus
Der Geist ist wohl vielmehr ein Prozess als denn ein Stoff.


Richtig. Ich sage: Wirkung ist der Stoff, der in der Zeit den (äußeren) Raum und die Seele erfüllt. Wirkung ist Bewegung in der Zeit. Ein Prozess vollzieht sich in der Zeit; er setzt aber auch die Wirkung voraus. Insofern sind wir einer Meinung.

Alles Sein kann man als einen Prozess der Informationsverarbeitung ansehen. Es werden Ursachen und Folgen nach Regeln einander zugeordnet. Insofern ist die Welt ein großer Rechner, der den Rahmen der Möglichkeiten abtastet.

Wirkung - der sinnliche Stoff - erfüllt die Seele: Es drückt die Last von Verantwortung und Schuld, usw. (Manchmal fühlt man sich auch frei und leicht.) Insofern gilt in der Seele wie auch in der Welt der Physik: Verhältnisse der Wirkungsgrößen bestimmen, was aus dem Zusammentreffen von Wirkungen jeweils folgt.
Fliege
krause:
Zitat:
Alles Sein kann man als einen Prozess der Informationsverarbeitung ansehen. Es werden Ursachen und Folgen nach Regeln einander zugeordnet. Insofern ist die Welt ein großer Rechner, der den Rahmen der Möglichkeiten abtastet.

Hast du auch Informationen, wer den Rechner installiert hat?
kenjin.mishima
Zitat:
Original von Fliege
krause:
Zitat:
Alles Sein kann man als einen Prozess der Informationsverarbeitung ansehen. Es werden Ursachen und Folgen nach Regeln einander zugeordnet. Insofern ist die Welt ein großer Rechner, der den Rahmen der Möglichkeiten abtastet.

Hast du auch Informationen, wer den Rechner installiert hat?


Ein M*cros*ftmitarbeiter !
simpel
Zitat:
Original von krause
Geist ist der sinnliche Stoff, der die Form der Seele erfüllt....


Das verstehe ich nicht. Was meinst du mit "Stoff"?

"die Form der Seele" - was heißt das für dich? Muss ich mir eine Art Förmchen vorstellen, das gefüllt werden kann? Und das ist die 'Seele'? Kann die auch leer sein? Und wo ist die 'Seele' denn?

gruebel
krause
@simpel
Stoff ist der Inhalt einer Form. Der sinnliche Stoff ist die sogenannte "Materie", die in der Zeit den äußeren Raum und die Seele erfüllt.

Der sinnliche Stoff ist Wirkung schlechthin. Den sinnlichen Stoff im äußeren Raum nennen die Physiker "Materie" (denn die Körperdinge sind aus Wirkungen und Relationen gebildet).

Den Stoff in der Seele nennen wir "Geist" (res cogitans). Denn auch die Seele ist von Wirkung erfüllt. (Bsp.: Die drückende Last von Sorge und Schuld; das brennende Feuer der Liebe; usw.)

(Aber vorsicht: Descartes versteht unter "esprit" nur die Wirkung von Verstand und Vernunft. Nur diese spricht er den Tieren ab. "Res cogitans" ist weiter gefasst: Das sind die Gedankendinge.)

Die Seele ist ein Raum - wie der äußere Raum, in dem die Körperdinge (res extensa) sind. Sie ist aber vom äußeren Raum qualitativ so sehr verschieden, dass sie ihm die Zeit nicht streitig macht, in der sie gemeinsam sich bewegen.

Zeit, Raum und Seele sind insofern Formen, als Dinge darin sein können. "Förmchen" sind sie insofern nicht, als sie keine Grenze der Ausdehnung haben. (Denn eine zeitliche Grenze setzt z.B. die Zeit voraus. Deshalb kann die Zeit selbst keine zeitliche Grenze haben.)

Viele Grüße aus Freiburg und vielen Dank für die Nachfrage
Edward Krause
simpel
@krause,
danke für die Antwort, leider werde ich nicht schlauer daraus. Du schreibst:

Zitat:
Original von krause
Stoff ist der Inhalt einer Form. ...


das heißt die Form kann auch leer existieren?

Zitat:
Original von krause
Der sinnliche Stoff ist die sogenannte "Materie", die in der Zeit den äußeren Raum und die Seele erfüllt.


Wenn ich dich richtig verstehe siehst du die Seele als Form, die von etwas gefüllt wird (vom 'sinnlichen Stoff = Wirkung')

Zitat:
Original von krause
Den Stoff in der Seele nennen wir "Geist" (res cogitans).


(Wer ist 'wir'?) und heißt das für dich der 'Geist' 'füllt' die Seele? Was mich gleich zur nächsten Frage bringt: woher soll der kommen - der Geist?


Zitat:
Original von krause
Denn auch die Seele ist von Wirkung erfüllt. (Bsp.: Die drückende Last von Sorge und Schuld; das brennende Feuer der Liebe; usw.)


Hier habe ich wirklich Probleme mit dem Verstehen. Ich habe die letzten Tage gesucht, bin in mich gegangen und habe mit Freunden darüber gesprochen (ich muss gestehen - alles Naturwissenschaftler) Keiner hat eine Seele. Sorge fühle ich zwar auch manchmal (Schuld ist kein Begriff den ich verwende - an dieses 'Konzept' glaube ich nicht) sehe das aber eindeutig - genau wie die Liebe, als 'Äußerung' meines Gehirns (im Wechselspiel mit meinem Körper). Ich habe eine bestimmte 'Grundausstattung', teils bestimmt von meiner Art (Mensch) teils bestimmt von meinem kulturellen Hintergrund, meiner Erziehung, meinen Erfahrungen. Das alles hat zu bestimmten Vernetzungen in meinem Gehirn geführt was wiederum die Ausgabe von bestimmten Neurotransmittern zu bestimmten Situationen steuert. Eine 'Seele' kann ich da nirgendwo finden. Auch nicht im Pinealorgan smile

Und hieße das für mich keine Seele - keinen Geist?

Und um die Verbindung mit dem Faden zu ziehen - denkst du, deine Realität ist grundsätzlich anders als meine?
gruebel
Shamatic
Hi Simpel !

Ich sehe die Sache folgendermaßen: Du verwendest einfach eine andere Terminologie, einen anderen theoretischen Hintergrund um Phänomene und Empfindungen zu erklären und begreifbar zu machen. Du kannst keine "Seele" finden, weil "Seele" in deinem theoretischen Konzept keinen Wert besitzt bzw. nur als abstrakte Vokabel existiert.

Du kannst "Seele" genau so wenig finden oder lokalisieren, wie "schlechtes Gewissen" oder "Liebe". Dass du von einer "Äußerung deines Gehirns" sprichst, erklärt auch nicht den konkreten Inhalt einer Empfindung, geschweige denn, welche Bedeutung dieser Empfindung zukommen könnte.

Bis denn Zwinker
krause
Hi Simpel,

vielen Dank für Deine Fragen!

Zitat:
Eine 'Seele' kann ich da nirgendwo finden. Auch nicht im Pinealorgan


Wo sind die Gedanken?

Ich hatte vergessen zu sagen: Die Seele ist nicht im äußeren Raum zu finden, in dem die Physiker ihre Gegenstände suchen. Die Gedanken natürlich auch nicht - denn die sind in der Seele.

Gedanken sind wirklich

Die Gedanken sind von den Körper-Dingen so sehr verschieden, dass sie mit diesen noch nicht einmal die Eigenschaft der Räumlichkeit gemeinsam haben. Die Zeitlichkeit ist ihnen aber gemeinsam: Körper und Gedanken sind Wirklichkeiten.

Die Gedanken sind unkörperlich

Seit jeher gelten die Gedanken - neben dem Nicht-Sinnlichen (Begriffen, Regeln, Relationen) - als das Unkörperliche. Ihr Sinnbild ist der Hauch, der ebenfalls nicht greifbar ist.

(Der Hauch zählt aber doch zu den Körper-Dingen, die den äußeren Raum erfüllen; oder jedenfalls zu den Wirklichkeiten, die den äußeren Raum erfüllen. Zumindest kann er auf Körper wirken.)

"Geist"

Die Gedanken (den Inhalt der Seele) nennen wir "Geist". Wer aber ist "wir"? Antwort: Die, die unsere Sprache sprechen. Meine Erfahrung lehrt, dass "Geist" vieles heißen kann - aber immer bezieht sich die Verwendung in irgend einer Hinsicht auf Gedanken.

(Wenn ich Definitionen suche, suche ich immer den kleinsten gemeinsamen Nenner. Natürlich habe ich nicht das Recht, der Allgemeinheit die Sprachnorm vorzuschreiben. Das tue ich auch nicht. Gelegentlich mache ich allerdings auch Vorschläge.)

Was ist sinnliche Materie?

Materie / Substanz / Stoff bedeutet "Einheit" oder "Inhalt". Wirkung ist die Materie, die den äußeren Raum erfüllt. Ich nenne sie die sinnliche Materie. Denn wenn wir von den Dingen, die den äußeren Raum erfüllen, alle Bestimmungen abziehen, durch die sie sich unterscheiden, bleibt nur die Wirkung (Wirklichkeit) selbst übrig. Es sind wirkliche Dinge. (Die Physiker nennen es "Energie".)

Die Gedanken (die im äußeren Raum nicht zu finden sind) sind ebenfalls Wirklichkeiten: Das darf ich wohl so stehen lassen. Im äußeren Raum (in dem die Naturforscher ihre Gegenstände suchen) sind sie aber nicht zu finden. Sie sind sinnlich, aber nicht körperlich.

Woher kommt die Materie?

Woher kommt die Materie, die den Raum und die Seele erfüllt? Ich weiß es nicht.

Ist eine Form ohne Inhalt möglich?

Eine Form ohne Inhalt ist möglich - nicht aber ein Inhalt ohne Form. (Kant sieht das anders: Das erklärt er im "Amphibolie-Kapitel" der KdrV. Das ist aber Unsinn.)

Gibt es die Seele?

Es mag wohl sein, dass die Seele nicht wirklich existiert. Wenn es aber eine Seele gibt, muss man fragen, was wir über diese wissen. Viel wissen wir darüber nicht. Wir wissen nur, dass sie die Form ist, in der die Gedanken sind: Denn die Gedanken sind in der Seele - wenn es eine Seele gibt.

Ich glaube außerdem, dass die Seele die Eigenschaft der Tiefe hat, weil die Gedanken aus der Tiefe der Seele an die Oberfläche derselben steigen. Deshalb hat die Seele mit den Gedanken die Eigenschaften der Zeitlichkeit und Tiefe gemeinsam, wie auch der äußere Raum die Zeitlichkeit und die Weite (die wir die Räumlichkeit / Ausdehnung nennen) mit den Körpern gemeinsam hat, die ihn erfüllen.

(In Bezug auf die Körper nennen wir es "Ausdehnung". Wenn man aber sagt, dass der Raum ausgedehnt ist, führt das zu Missverständnissen, weil das suggeriert, dass er endlich ist.)

Über die Beschaffenheit der Seele weiß ich ferner nichts. Über die Beschaffenheit des äußeren Raums (in dem die Physiker ihre Gegenstände suchen) weiß ich aber auch nicht mehr, als ich über die Seele weiß.

Wenn nun die Seele nicht als etwas existiert, was von den Gedanken verschieden ist, darf man dennoch die Summe der Gedanken so nennen, die gemeinsam eine Bewusstseins-Einheit ("Ich" / "Dasein") bilden. Die einzelnen Gedanken (der Geist) sind dann in dieser Summe enthalten.

Freilich darf man fragen, weshalb ich zwischen Geist und Seele unterscheide und die Seele eine "Form" nenne. Da nun aber viel über die Seele geredet und geschrieben wird, sollte man doch klären, was dieses Wort bezeichnet.

Grundsätzlich gilt: Die Gedanken sind in der Seele - die Seele ist deshalb die Form des Geistes. Wenn ich auch sonst nichts über die Seele weiß, dann darf ich dies wohl trotzdem voraussetzen, weil der Begriff der Seele so definiert ist. Das gilt auch dann, wenn die Seele nichts weiter ist, als die Summe der Gedanken, die gemeinsam eine Bewusstseins-Einheit bilden.

Wenn meine Terminologie auch nicht "die Wahrheit" ist und auch sonst weiter keinen Nutzen stiftet, hat sie doch den Vorteil, dass man alle möglichen Gegenstände, die der Mensch erfassen kann, darin einordnen kann: Das Sinnliche und das Nicht-Sinnliche, die Gedanken- und die Körper-Dinge. Der Gegenstandsbereich der Naturforscher wird dadurch nicht im Mindesten eingeschränkt, sondern nur ergänzt. An diesem Projekt arbeite ich nun schon seit zehn Jahren, weil mich die Unklarheit der Termini im Studium ganz furchtbar frustriert hat.

Viele Grüßen aus Freiburg und vielen Dank für die anregenden Nachfragen

Edward Krause
simpel
Hallo Shamatic,
das ist sicher so - ich habe eine andere Terminologie, einen anderen theoretischen Hintergrund.
Und es stimmt, ich spreche z.B. bei 'Liebe' von einer Äußerung meines Gehirns.

Allerdings widerspreche ich diesem:

Zitat:
Original von Shamatic
... erklärt auch nicht den konkreten Inhalt einer Empfindung, geschweige denn, welche Bedeutung dieser Empfindung zukommen könnte....


Mit den neuen Bildgebenden Verfahren ist man ganz gut auf dem Weg den konkreten Inhalt und die Bedeutung von Empfindungen heraus zu finden. Natürlich ist das noch einiges zu tun aber die Anfänge sind gemacht. So konnte beispielsweise in der Schläfenlappen-Region ein Bereich gefunden werden der bei Reizung Menschen mystische Erfahrungen erzeugte.
Es ist deutlich, dass Gefühle beim Lernen eine wichtige Rolle spielen.
Ich kann den Mensch auch nicht als "Endprodukt' der Evolution sehen. Wir (Menschen) sind imo eine Spielart, die auch wieder aussterben wird wie andere Tierarten auch. Eine Episode (wahrscheinlich eine sehr kurze) smile .

@Krause,
danke für die Antwort, da muss ich erst nachdenken, bevor ich was sagen kann.
krause
@simpel

Ich hab auch mal ne Frage: Was ist eine mystische Erfahrung?
Xyluabin
Zitat:

Wer hat nun die Kontrolle über unser Leben?


Die Kontrolle hat ein jedes Lebewesen selbst, wohin er den Körper im Moment JETZT bewegt und wie er ihn steuert - körperlich und/oder geistig behinderte Personen mal ausgenommen (darüber hab ich noch nicht intensiv genug nachgedacht).

Der Kontrollmechanismus baut sich jedoch in Rückkopplung zu den wahrgenommen Reizen (die in der Summe die Prägung ergeben) aus, so dass der eigene Geist zumindest in diesem System des geimeinschaftlichen Arrangements meist nur bedingt frei ist (monetäre Abhängigkeit).

Jedoch hat theoretisch jedes durch Glück geborene, finanziell unabhängige Lebewesen die Möglichkeit, seinen Geist und seine Interessen frei gewählt auszubilden. Dabei wirkt jedoch das Karma aus den früheren Stammesgeschichten mit ein, welches in der Kindheit den Erziehungsprozess maßgeblich mitbestimmt. Dies ergibt die Neigungen. Unter Stammesgeschichten verstehe ich subsummiert die Prägemuster der Eltern, Großeltern usf, die Vorlieben und Abneigungen durch Titulat ergeben.

Zitat:

Steuern die Milliarden Neuronen und Synapsen unseres Gehirns unseren Geist, oder ist unser Geist hiervon unabhängig und bedient sich unseres Körpers als Werkzeug zur Gestaltung unserer Lebensrealit?


Neuronen steuern nicht den Geist sondern bedienen ihn, in dem Sie vorallem bei der Zerlegung des Rückkopplungsprozeß' zum immatieriellen großen Geist miteinwirken. Der große Geist (der übrigens neben der Spielart Evolution auch andere Spielarten beherrschen dürfte) sucht womöglich noch selbst nach der Frage, was und warum er IST. Dabei spielt die Interpretation des Einzelnen eine große Rolle.

Basierend auf dem Informationsrückfluß konfrontiert der große Geist, der alle individuell erscheinenden Untergeister speist, jeden mit Situationen, die er bereits besser weiß. Er versucht für jeden das Optimum durch den Versuch eines "Winks mit dem Zaunpfahl" zu geben. So wird man mit den Situationen immer und immer wieder konfrontiert, die einen negativ interpretierten Rückfluss auf den großen Geist gebracht haben und bringen, bis dieser durch den Mechanismus der Selbstkritiik verstanden wurde und ausbleibt. Ziel ist es die Summe des negativen Informationsrückfluß' zu minimieren.

Wahrscheinlich ist der große Geist erst dann vollkommen, wenn alle Individuen vollkommen sind. Aber auch wenn er bereits - für uns Menschen - vollkommen ist, würde er in Buddha Manier weiter machen, bis jeder eine individuelle Vollkommenheit für sich verbucht.

Das zumindest ist meine Interpretation.

Alles Gute

Xylu